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Archiv für die Kategorie ‘Zeitung’

Es ist noch nicht lange her, da konnte teils kritisch, teils beruhigt erklärt werden, dass sich die Menschen ihrem Schicksal willfährig ergeben und nicht daran denken, geschichtsmächtig zu werden. So blieb nicht nur der Kampf um Befreiung aus. Auch die Apokalypse, die als Kollektiv losgelassene Einzelne ohne weiteres auszulösen imstande sind, ließ glücklicherweise auf sich warten. Inzwischen ist die Zeit, in der von den lethargischen Massen geschrieben werden konnte, jedoch vorbei. An allen Ecken und Enden der Welt kracht es. Von Rio bis Kairo, von Göteborg bis Athen und von Stuttgart bis Istanbul: Als hätten sie die Parole vom „kommenden Aufstand“, die eine französische Situationistengruppe vor einigen Jahren ausgab, als Aufforderung begriffen, ziehen die Menschen überall auf die Straße. Mal bringen sie ihre Isomatten und Zelte mit und besetzen den öffentlichen Raum, mal zerlegen sie die Innenstädte. Taz, Zeit, Spiegel und Co. behaupten, einen weltweiten Kampf für Demokratisierung und mehr Bürgerbeteiligung zu erkennen; die radikale Restlinke will in den Krawallen, Kämpfen und Platzbesetzungen die Vorboten der Weltrevolution sehen: So setzten sich die schlechter verdienenden Genossen schon bald nach dem Beginn der Proteste in Busse und fuhren als Krawalltouristen nach Griechenland; die besser Betuchten flogen nach Kairo oder Tunis.

Zumindest einige Nachrichten vom weltweiten Aufstand wollen allerdings nicht so recht mit der euphorischen Deutung von einem „neuen 1968“ zusammenpassen, von dem einige Beobachter sprechen. In einigen Ländern haben sich Islamisten an die Spitze der Proteste gestellt; auf dem Peloponnes und den griechischen Inseln mischen Neonazis kräftig mit, während ein Teil der Linken die Juden für die Übel der Welt verantwortlich macht. Auch im Syrischen Bürgerkrieg ist die Unterscheidung zwischen den good und den bad guys nicht mehr möglich. Wer gegen Despoten, Tyrannen und elende Verhältnisse anrennt, tut das nicht immer mit den richtigen Mitteln, Begründungen und Zielen.

Das heißt: Entweder hat die Rede vom „neuen 68“ weniger mit der Situation in Ägypten, Griechenland, Spanien, Syrien usw. zu tun als mit den Wünschen und Sehnsüchten der hiesigen Öffentlichkeit. Oder aber die landläufigen Vorstellungen von 1968 als dem Jahr von Liberalisierung, Demokratisierung und dem Ausbruchsversuch aus den versteinerten Verhältnissen müssen revidiert werden. Auch hierfür spricht einiges. Zumindest mit Blick auf Ägypten und Syrien hat sich dementsprechend schon längst jene Verlaufsform abgezeichnet, die den Internationalismus hierzulande stets prägte: Der blinden Begeisterung folgt blinde Ignoranz; ohne Fehleranalyse und ohne das vorherige Paradies von Revolte und Demokratisierung auch nur noch eines Blickes zu würdigen, werden die revolutionären Sehnsüchte kurzerhand in andere Gegenden des Erdballs verlagert.

Es stellt sich damit sowohl die Frage nach den Hintergründen der hiesigen Reaktionen auf die weltweiten Aufstände als auch nach dem Charakter der Proteste: Was ist von den Riots und Kämpfen in Ägypten, Griechenland, Brasilien, Spanien usw. zu halten? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es? Warum brechen die Proteste gerade jetzt aus? Und: Welche Zukunft haben die weltweiten Aufwallungen vor sich?

Podium 1: Campen und kämpfen (12.15 – 13.45 Uhr)
Referenten: Magnus Klaue & Philipp Lenhard

Podium 2: Projektion und Praxis (14.30 – 16.00 Uhr)
Referenten: Harald Jürgen Funke & Anja Finow

Podium 3: Gestern und Morgen (16.30 – 18.00 Uhr)
Referenten: Jan-Georg Gerber & Justus Wertmüller

Halle an der Saale, Samstag, 18. Januar 2014, Dachritzstraße 6 (Institut für Musik)

Eine Veranstaltung der AG Antifa im Stura der Uni Halle.

http://antifa.uni-halle.de/

Weitere Informationen:
https://www.facebook.com/agantifaschismus

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Editorial

In zwanzig Jahren wird in Sachsen-Anhalt die im Durchschnitt älteste Bevölkerung zwischen Andalusien, Spitzbergen und Rhodos leben. Um angesichts der schleichenden Vergreisung und des kontinuierlichen Exodus der Bewohner nicht tatenlos zu erscheinen, lobte das zuständige »Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr« kürzlich einen »Demographiepreis« aus.
Der Preis soll gesellschaftliche und wirtschaftliche Initiativen ehren, die unter anderem die »Bleibe- und Willkommenskultur« stärken. Vielleicht ist letztgenannte ein Pendant zur »Sterbekultur«. Es gilt gemeinhin als anthropologische Tatsache, dass es gewisser Rituale, tröstender Vorstellungen und gesellschaftlicher Einrichtungen bedarf, damit der Tod seinen Schrecken verliert. An dieser Stelle gebührt es im Stillen »Lutherstadt Eisleben« zu gedenken. Durch die neue Ausstellung »Luthers letzter Weg« im sanierten Sterbehaus des Landesheiligen versucht sich der Ort auf eine immer älter werdende Gesellschaft einzustellen. Strategisch erhoffen sich die Stadtväter, der nahegelegenen »Lutherstadt Wittenberg« den Todesstoß versetzen zu können. Beide Städte kämpfen um den toten Luther wie die Geier um das Katzenklein am Straßenrand. Seitens Eislebens heißt es: »Luther hat sich immer als Eisleber gefühlt. Er ist nie in Wittenberg heimisch geworden. Hier ist er geboren, hier ist er getauft, hier war er loyal zu seinem Landesherrn. Er hat immer das Mansfeldische Essen genossen, hier ist der Wein rein, während er in Wittenberg verpanscht ist, also: Luther ist Mansfelder, Luther ist Eisleber.« (Deutschland-Radio) In kultureller Hinsicht trägt die Ausstellung zudem dazu bei, dem Ableben ganzer Landstriche durch vorsichtige Annäherung zu begegnen und sich somit auf den unaufhaltsamen demografischen Wandel mental einzustellen. Im frisch sanierten Sterbezimmer des Hauses lassen Musik und Gebet den Besucher »hautnah die Atmosphäre des Todes spüren«. (Focus) Durch seinen Beitrag zum Totenkult, wie auch durch seine kaufmännische Weitsicht hätte Eisleben wie keine zweite Kommune den neuen »Demographiepreis« verdient. Statt diese lebendige »Sterbekultur« zu fördern, also beispielsweise auch eine Stadt auszuzeichnen, die das demographische Schicksal annimmt, beharren die Verantwortlichen in Magdeburg jedoch unverständlicherweise auf die Unterstützung von Projekten zur »Willkommenskultur«.
Dabei ließe sich erwarten, dass es keiner staatlichen Anregung bedarf, damit neue Erdenbewohner freundlich empfangen werden. Aber selbst die fruchtbarsten Eltern aus den Paulusvierteln dieses Landes haben die neue Prämisse des Ministeriums für Landesentwicklung keinesfalls verinnerlicht. Indem sie ausgeprägte Apathie mit ehrenwerter Toleranz, debiles Assoziieren mit vorbehaltlosen Denken und lautmalerischen Smileysprech mit ernstgemeinten Gefühlsbezeugungen verwechseln, ähnelt das obligatorische Familienabendbrot nicht selten einem Bingoabend in der Gerontopsychiatrie. Gerade ihre Huldigung getreidegeschwängerter Pampe, knochenpolierenden Aktivurlaubs und gesunden Sexes macht sie zu joggenden Boten des Todes. Sollte ihr Nachwuchs angesichts dieses vitalen Siechtums ohne Liebe, Fleisch und Leidenschaft nicht unmittelbar nach Erreichen der Volljährigkeit hinter die Landesgrenzen fliehen, so liegt dies einzig an der abstumpfenden und einschüchternden Wirkung jahrelanger Kasernierung. Aber auch dieses innere Absterben bei äußerer Funktionstüchtigkeit würde es verdienen, von der Soziologie als Form des »demographischen Wandels« untersucht zu werden. Möglicherweise ist mit »Willkommenskultur« aber auch das Pendant zur »Fremdenfeindlichkeit« gemeint – in naher Zukunft wird eine Wissenschaft spekulativer als die Archäologie nötig sein, um solchen halbsakralen Hinterlassenschaften der Werbesprache noch einen Sinn zu entlocken. Aber auch in diesem Sinne verstanden, lassen sich hierzulande erhebliche Defizite in der »Willkommenskultur« feststellen. Selbst die Minorität der Einwohner, die vielleicht keinerlei Form der Fremdenfeindlichkeit hegt, die den neuen jungen Chef aus Hamburg genauso uninteressiert wahrnimmt, wie den wohnungslosen Flüchtling aus Syrien, sorgt durch ihre allgemeine Unempfindsamkeit und ihre Abgestumpftheit dafür, dass Zugezogene nur zögerlich die Umzugskisten verkaufen, geschweige denn eine Familie gründen.
Ähnlich miserabel verhält es sich mit der »Bleibekultur«. Zwar sank seit der Wende die Anzahl der Selbstmorde in Sachsen-Anhalt – allerdings im selben Maße wie die Einwohnerzahl. Vor vier Jahren verzeichnete das Bundesland die höchste Suizidrate der Republik. In Anbetracht der Studie »Psychische Gesundheit« des Statistischen Landesamtes, in der die Zahlen veröffentlicht wurden, sagte der Minister für Arbeit und Soziales, Norbert Bischoff: »Zugleich hat es jeder auch selbst in der Hand, durch gesunde Lebensweise mit abwechslungsreicher Ernährung und viel Bewegung sowie wenig Alkohol und kein Nikotin die Weichen zu stellen.« (Hallelife.de) Vielleicht sollte der »Demographiepreis« des Landes nicht nur an die umsichtige Nekropole im Mansfelder Land verliehen werden, sondern auch an jeden Bewohner, der sich selbst in einen Funktions- und Gebärapparat richtet, ohne vorzeitig Hand an sich zu legen.

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Rabimmel, Rabammel, Rabumm

In diesem Jahr besuchten rund 165.000 Gäste das Laternenfest in Halle. Auch die Bonjour Tristesse wollte sich das Spektakel nicht entgehen lassen und schickte ihren Redakteur Knut Germar los, um die »unvergessliche Atmosphäre« (Mitteldeutsche Zeitung) für ihre Leser einzufangen.

Der Abend an diesem letzten Augustwochenende verspricht viel. Das Wetter ist, obwohl sich der Herbst bereits ankündigt, verhältnismäßig mild, der Himmel ist sternenklar. Und mir fallen tausend Orte ein, die ich jetzt lieber aufsuchen würde, als eine der hallischen Saaleinseln, auf denen gerade jenes Volksfest seinen Gang geht, dass sich seit kurzem nicht mehr »Größtes Volksfest in Mitteldeutschland« nennen darf. (Siehe auch die Kurzmitteilung Pest oder Cholera in diesem Heft.) Um mich zu motivieren, öffne ich mir eine Flasche Bier und werfe einen Blick in das gedruckte Programm. Ich werde von einem ernsten Blick eines noch ernsteren Oberbürgermeisters begrüßt. So bedeutungsschwer, wie Wiegand guckt, ist auch sein Grußwort: Verdient hat er sich das Laternenfest, der Hallenser, »nach den schweren Schäden, die das Juni-Hochwasser verursacht hat«. Angepackt und aufgeräumt hat er, der Hallenser, »der Bau eines neuen Deiches wurde begonnen«. Zusammengerückt ist er, der Hallenser, und hat gezeigt, »wie stark wir gemeinsam in Halle sein können«. Und jetzt lässt er’s krachen, der Hallenser: »Feiern wir also dieses Laternenfest – mit der Familie, mit unserer Freunden, mit unseren Gästen, feiern wir wie eine große Familie.« Der Schuss ging nach hinten los. Meine Motivation ist auf dem Tiefpunkt, ich öffne ein weiteres Bier und mache mich mit der gleichen Laune auf den Weg, als hätte die liebe Verwandtschaft tatsächlich zu Kaffee und Kuchen geladen.
Die Straßen sind voll, die ganze Stadt nebst Umland scheint auf den Beinen zu sein. Zahlreiche Menschengruppen drängen in Richtung der Saaleinseln: schnauzbärtige und Jeansjacken tragende Familienväter nebst aufgemotztem Anhang, Mittelschichtsjugendliche mit Rucksäcken voll klirrender Bierflaschen, sportliche Jungmänner mit stumpfen Gesichtern, die sonst in den einschlägigen Diskotheken der Stadt wochenends die Sau rauslassen. Auf dem Mühlweg kreuzt eine Freundinnenclique meinen Weg und weist sich durch ihre pinkfarbene Uniformiertheit als eine jener notorischen Junggesellinnenabschiedsmeuten aus, die im Sommer die hallischen Fußgängerzonen unsicher machen. Eines der sieben Mädchen trägt ein Diadem, die Gruppe weist bereits kleinere Gangunsicherheiten auf, kichert viel und johlt enthemmt ein paar Anzüglichkeiten. Die Menschenmenge wächst, ich mische mich darunter und betrete nach Überquerung der von zahlreichen Polizisten flankierten Steinmühlenbrücke die Ziegelwiese.

Halle leuchtet
Auf einer großen Bühne in der Nähe der Arbeiterfestspielfontäne spielt eine Rockband einen langweiligen Song jener Sorte, die man bereits beim letzten Takt schon wieder vergessen hat. »Muss man die kennen?«, frage ich von der Seite eine junge Frau mit großer Brille, die noch kurz zuvor verbissen im Takt mitwippte und so aussieht, als wolle sie nach ihrem Studium irgendwas mit Medien machen. »Das ist Baby Universal, die Lieblingsband von Quentin Tarentino«, sagt sie, das ›i‹ des Nachnamens wie ›ei‹ aussprechend. Ihr Blick mustert mich irritiert, so als hätte ich sie gerade nach dem Weg zum Laternenfest gefragt und wandert dann wieder, festentschlossen sich zu amüsieren, nach vorn. Dort stimmt der Sänger mit den langen Korkenzieherlocken ein neues Lied an. Ich gehe weiter.
Nach wenigen Metern fällt mein Blick auf eine kleine marineblaue und verwaiste Bühne. Ein Transparent lockt mit der legasthenischen Aufschrift »Karriere Treff«, doch offensichtlich ist heute Abend niemand mehr an den Schlagworten »Soldat sein, Sicherheit, Einsatz, Ausbildung, Studium, Teamwork, Zivile Laufbahn« interessiert. Der Bundeswehrstand ist leer, der »Fun Parcours Bungee Run« geschlossen. Zwei Reservisten sitzen an einem Biertisch und löffeln im Halbdunklen der spärlichen Beleuchtung ihr Abendessen. Ein paar ältere Herren spazieren vorbei. Einer zeigt auf den leeren Stand. Ich höre etwas von »Schweinerei«, und dass es »jedes Jahr ’ne Gulaschkanone mit Erbsensuppe« gab, nur dieses Jahr nicht. Wenige Meter entfernt ertönt fröhliches Kreischen auf eingezäunten Trampolinen, die Gummiseile eines Bungee-Trampolins katapultieren ein paar Kinder in Schwindel erregende Höhen. Sie überschlagen sich und lachen laut. Ihre Eltern sind wie vom Erdboden verschwunden. Ein Teenie beißt genüsslich in ein Lebkuchenherz und wird von ihrer angewiderten Freundin mit einem Kommentar bedacht: »Ihhh, du bist so abartig!« Ich lasse meinen Blick schweifen und sehe eine lange Schlange Erwachsener vor einem Stand. Herrscht dort so ein reger Andrang, weil es da eines der zahlreichen Kulturangebote gibt, die das Fest so unvergleichlich machen? Wurden die Kinder unbeaufsichtigt zurückgelassen, weil ihre Eltern vom »veränderten Konzept mit mehr regionaler Kultur«, so die Mitteldeutsche Zeitung (MZ), so sehr in den Bann gezogen wurden, dass sie um sich herum alles vergessen haben? Ein Schild verweist auf das Angebot des Standes, der unaufhörlich Menschen wie ein Magnet an sich zieht: Echter Nordhäuser Doppelkorn, Nordhäuser Goldbrand, Saurer Apfel, Goldene Aue Pfefferminz … Ich reihe mich ein und stehe gefühlte zwei Stunden später mit einem doppelten Echter Nordhäuser Eisvodka – mit echtem »Eiszeitquellwasser« – an einem Stehtisch und beobachte die Menschenmassen, die sich lautstark über das Areal schieben. Überall blinkt und leuchtet es, viele Festbesucher haben sich an einem der zahlreichen Kleinststände mit batteriebetriebenen Devotionalien eingedeckt. Erwachsene Menschen mit blinkenden Playboy-Hasenohren, rot leuchtenden Teufelshörnern und Hello-Kitty-Kopfschmuck gehen vorbei, und ich muss an Vorweihnachtszeit und Weihnachtsmarkt denken, an leuchtende Rentiergeweihe, Weihnachtsmannmützen und ähnlich fragwürdigen Kopfbedeckungen, mit denen die Hallenser die besinnliche Zeit einzuläuten pflegen. Schlagartig kommen mir die sechs Worte des offiziellen Laternenfestmottos in den Sinn – jene Worte, die die hallische Lebenseinstellung, um keinen Preis der Welt nach den Sternen greifen zu wollen, so treffend auf den Punkt bringen. »Rabimmel, Rabammel … hier unten leuchten wir.« Na dann Prost, denke ich und stürze den Rest meines warmen Roggenfusels hinunter, schüttele mich und breche voller Entdeckungsdrang auf, mehr denn je gewillt, die »regionale Kultur« zu erforschen, die mir das kommunale Veranstaltungsbüro in der MZ versprochen hat.

Gendertrouble
Auf der Peißnitzstraße wird es eng, der mir entgegenkommende Menschenstrom reißt nicht ab. Da ich jetzt nur noch langsam vorankomme, habe ich ausreichend Zeit, mir die Festbesucher genauer anzusehen. Zwei Jugendliche mit untertassengroßen Pupillen kommen mir entgegen und scheinen nicht mehr allzu viel von ihrer Umgebung wahrzunehmen. »Frauenarzt« steht auf dem Basecap des einen, das T-Shirt des anderen schmückt der Schriftzug »Elektroatze«. Unzählige Besucherinnen tragen eine Frisur, die böse Zungen als »Neustädter Trikolore« bezeichnen – jenen dreifarbigen, papageienartigen Kopfputz, der sich nicht nur in Halle-Neustadt, sondern auch in Leipzig-Grünau, Jena-Lobeda und Berlin-Marzahn erheblicher Beliebtheit erfreut. Ein torkelnder Festbesucher bahnt sich seinen Weg durch die Massen, sein Blick ist glasig, und der Aufdruck seines T-Shirts (»Gartenfront vorwärts«) weist ihn als Pflanz- und Erntefreund aus. Nachdem die Speerspitze der Schrebergartenbewegung beinahe mit mir zusammengestoßen ist, reicht es mir. Ich verlasse den überfüllten Weg und verwerfe meinen ursprünglichen Plan, das gesamte Festgelände abzulaufen. Die Peißnitzinsel streiche ich von meiner Route, vor der Brücke über die Saale biege ich nach rechts auf das offene Gelände, auf dem etwas weniger Menschen unterwegs sind. Der Geräuschpegel sinkt, die Kakophonie aus Musikfetzen, Rummelbeat, unverständlichem Gegröle und Gemurmel tritt kurzzeitig in den Hintergrund. Irgendwer schreit: »Dahinten gibt’s Bier!« Endlich stoße ich auf Kultur, genauer gesagt auf Jugendkultur. Zu meiner Rechten wird Bierball gespielt, eine unter hallischen Halbwüchsigen äußerst beliebte abendliche Freizeitaktivität. Dabei stehen sich zwei Mannschaften mit einigen Metern Abstand gegenüber, vor jedem Mitspieler steht eine Flasche Sternburg Export. Die Mannschaften sind nacheinander an der Reihe, ein Werfer muss mit einem kleinen Ball eine genau zwischen den Mannschaften stehende Wasserflasche zu Fall bringen. Gelingt ihm das, beginnt seine Mannschaft zu trinken und darf erst damit aufhören, wenn ein Spieler der Gegenmannschaft die umgeworfene Flasche wieder aufgerichtet hat. Die Kontrahenten spielen offensichtlich schon eine Weile, ein paar Spieler sind schon ausgestiegen und liegen abseits auf dem Rasen. Ein Jugendlicher beugt sich besorgt über seine Liebste und spricht sie mehrfach laut an, ihre Reaktionen sind eher dürftig.
Während ich das Geschehen beobachte, dringt ein eingängiger Viervierteltakt an mein Ohr. Ich folge der Musik und finde eine kleine Bühne. Vor ihr stehen gut gefüllte Bierbänke und -tische. Neben vereinzelt tanzenden Punks amüsiert sich hier das Publikum jenseits der Fünfzig. Es herrscht Schunkelstimmung wie beim ZDF-Fernsehgarten, die Band scheint schon eine Weile zu spielen. Die Sängerin, nennen wir sie der Einfachheit halber Mandy, beendet gerade einen Deutschcountrysong und gleitet mit ihrem Blick über das Publikum. Mandy ist irgendwas zwischen Ende vierzig und fünfzig, auf jeden Fall hat sie ihre besten Jahre schon weit hinter sich. Sie trägt Jeans, Cowboystiefel und eine weiße Weste mit langen Fransen, ganz so wie sich ostdeutsche Countryfans die Menschen im Westen von God’s Own Country vorstellen. Mandy schaut ins schunkelnde Publikum und wie zum Beweis, dass Gott damit wirklich nichts zu tun hat, erhebt sie ihre Stimme: »Johnny Cash hat mal gesagt, wenn man heiratet, verdoppeln sich die Probleme, die man vorher nicht hatte.« Das Publikum dankt’s mit lautem Johlen. Die Bierbänke unter den von Lach- und Brüllattacken geschüttelten Zuhörern wackeln, ein besoffener Punker, der in der Schlange am Schnapsstand vor mir stand, brüllt laut »Jawoll!«. Mandy genießt die grölende Aufmerksamkeit des Publikums sichtlich. Sie möchte jetzt nicht singen. Sie möchte sprechen. Zum Publikum, das ihr an den Lippen hängt, wie die Fliege am Honiglöffel. »Wenn ich mich hier so umgucke … Geile Mädels habt ihr hier in Halle!« Die Frauen im Publikum kreischen laut auf, die allgemeine Begeisterung schwillt an, das Johlen wird lauter. »Ja echt! Ich spiel gern in Halle. Ihr habt hier geile Mädels!« Mandy verharrt kurz. Vermutlich weil sie keine Missverständnisse aufkommen lassen will, fügt sie hinzu: »Das kann man ja wohl als Frau sagen. Also …« Sie überlegt kurz. »Also, ich seh’ das mit den Augen eines Mannes.« Das Publikum lässt sich vom Gendertrouble der Sängerin nicht weiter beeindrucken, es will weiterschunkeln und bricht in frenetischen Applaus aus, als die ersten Takte von »Ring of Fire« ertönen und Mandy zu singen anfängt. Ein bierbäuchiger Endvierziger mit Thor-Steinar-Shirt kneift seiner Angetrauten anzüglich in die Hüften. Sie juchzt beschwipst auf und lässt sich von ihm bereitwillig einen Bussi geben. Ich ergreife die Flucht.

Geschichte, Kunst und Kultur
An einem Getränkewagen lockt eine Werbung: »6 Bier kaufen, 5 bezahlen!« Ich bin kurz geneigt, der Versuchung nachzugeben, besinne mich aber noch rechtzeitig eines Besseren. Denn erstens wüsste ich dann nicht, wie ich sicher nach Hause kommen soll – so etwas wie Begleitschutz hatte die Redaktion strikt abgelehnt. Und zweitens muss ich eine Reportage abgeben, für die der nüchterne, unerschütterliche und analytische Blick des investigativen Journalisten erforderlich ist. Mit anderen Worten: Fraternisieren ist nicht. Ich hole mir daher statt sechs Bier nur eins, trinke es schnell aus und laufe in Richtung des großen Riesenrads. Ein olfaktorisches Potpourri aus verbrannten Schweinefett und Patschuli schlägt mir entgegen, und als ich eine Schalmeienkapelle tröten höre, weiß ich, das »Mittelalterliche Uferspektakel« ist nahe, jener Bereich, der laut MZ-Werbetext »der 1000-jährigen Geschichte der Stadt gewidmet ist« und in dem »das Mittelalter lebendig« wird. Das Publikum, das sich lustlos zwischen den obligatorischen Met-, Fleisch-, Handwerks- und Esoterikbuden bewegt, gehört überwiegend zum wohlhabenderen Mittelstand, es gibt zahlreiche Kinder. Einige Marktbesucher haben sich in Kostüme gehüllt, die sie vermutlich für historisch halten. Man sieht zahlreiche missmutige Gesichter, vielleicht weil das Mittelalter – angesichts des über allem thronenden Riesenrads und des die Schalmeien übertönenden Lärms der Fahrgeschäfte in unmittelbarer Nachbarschaft – nicht so recht lebendig werden möchte. Und das trotz des kopfschmerzverursachenden Honiggetränks, das man an Ständen mit so schönen und obligatorisch apostrophierten Namen wie »Odin’s Trank« für »fünf Thaler« erwerben kann.
Ich lasse Mittelalter und Riesenrad hinter mir und gelange über den Mühlgraben auf das Riveufer. Die Uferstraße ist gut gefüllt und ein kurzer Blick ins Programm sagt mir, dass ich am Ziel bin. Hier trifft sich mit der Initiative »hALLE leuchten« nicht nur das »Künstler- und Designernetzwerk für Halle und Umgebung«. Sondern am Riveufer befindet sich auch die »Kleinkunstmeile«, die »Kunst und Erholung« bieten und mit allerlei »Walking Acts« aufwarten soll. Mir kommen die Worte von OB Wiegand in den Sinn, der in der MZ damit prahlte, in diesem Jahr »Ramschläden« aus dem Angebot genommen zu haben, um die »Kleinkunstmeile aufzuwerten« und das Laternenfest »stärker als Kunst- und Design-Fest« auszurichten. Neugierig schlendere ich die Straße entlang und betrachte das Angebot der Buden. Doch schon nach wenigen Minuten überkommt mich angesichts der zahllosen Stände mit Handgeschmiedetem, -gefilztem, -genähtem, -gehäkeltem und -geklöppeltem gähnende Langeweile. Der Künstler- und Designerramschbuden überdrüssig schaue ich mich nach den im Programm gepriesenen »Walking Acts« um und werde zwischen Bootsschenke Marie-Hedwig und Kröllwitzbrücke fündig. Um einen unauffälligen grauhaarigen Herren, der so gar keinem gängigen Künstlerklischee entspricht, hat sich ein großer Kreis von Menschen gebildet. Vereinzelt dringen Liedschnipsel zu mir herüber. Ich beobachte das Treiben und es braucht eine Weile, bis ich verstehe, das bei der Darbietung vorbeigehende Festbesucher mit Musik- und Spracheinspielungen kommentiert werden. Ein junges Paar läuft vorbei, der Refrain des alten Ärztesongs »Teenagerliebe« ertönt. Zwei junge Männer wollen es wissen und flanieren händchenhaltend in Sichtweite des Künstlers. Der drückt ein paar Tasten und die Pro-Sieben-Dauernervensäge Stefan Raab meldet sich zu Wort: »So ’ne Schwulenhochzeit ist ja … das zu organisieren, das ist ja echt, ich weiß jetzt nicht, ob man das so sagen kann, ist ja echt ’n Arsch voll Arbeit …« Die Menge brüllt vor Begeisterung und ich nehme mir vor, dem Oberbürgermeister – sollte ich ihm jemals persönlich begegnen – für diese künstlerische Aufwertung meine Aufwartung zu machen.

»So was spielt hier nicht!«
Während ich die Uferstraße zurücklaufe, wird es merklich voller. Die Menschenmenge wartet gespannt auf das Feuerwerk. Wie eine Herde Lemminge drängen sich die Leute auf der kleinen Promenade und starren gebannt nach oben, als sich ein Polizeifahrzeug mit Blaulicht langsam durch die Festbesucher schiebt. Eine sichtlich genervte Mutter kommentiert die am heutigen Abend äußerst starke Präsenz der Ordnungshüter: »Und die Arschlöcher müssen hier jetzt och noch lang!« Während des Feuerwerks nutze ich die Zeit, um mich noch einmal in den Auslagen der Stände etwas genauer umzuschauen. Der Geburtstag meiner Mutter rückt bedrohlich nahe und ich hab noch kein Geschenk. Ein Stand erregt meine Aufmerksamkeit – »Schmuck aus Thüringen«. Vielleicht lässt sich dort etwas Ausgefallenes finden, ein kleiner silberner Rostbratwurstanhänger vielleicht? Doch Würstchenketten gibt’s hier nicht, nur überteuerten und hässlichen Modeschmuck. Von wegen Thüringen! Ich bekomme Hunger. Naja, vielleicht ja doch etwas Selbstgeschnitztes? Ich verweile am Stand von »Holzmike«. Aus den obligatorischen Buddhas, Engeln, Aschenbechern und Pelikanen lugen zwei prächtige Holzpenisse hervor. Dann doch lieber Amazon, denke ich und mach mich auf den Heimweg.
Kurz vor dem Ende des Festgeländes befindet sich eine Bühne. Das Publikum ist jung, links, alternativ, hip und antifaschistisch, niemand stört sich an den vorbeilaufenden Kameraden mit den einschlägigen T-Shirts. Man will tanzen. Man will feiern. Man will anders sein. Viele der Jungs tragen Vollbärte. Ein weiblicher DJ sorgt für monotone Bassbeschallung. Zwei junge Männer zappeln auf der Bühne. »Sind das jetzt die Atzen?«, frage ich ein junges Mädchen aus dem Publikum. »So was spielt hier nicht! Hier spielt nur coole Musik, das hier ist die Radio-Corax-Bühne!« Man möchte nicht dazugehören, tut es aber trotzdem. Wiegands Worte kommen mir wieder in den Sinn. Hier feiert also Halle, »wie eine große Familie«.
Knut Germar

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Jenseits von Raum und Zeit

Ob in Halle, Leipzig, Dresden oder Dortmund – in der linken Szene ist bundesweit ein Retro-Boom zu beobachten: Die Parolen stammen aus den 1940er Jahren, der Dresscode aus den 1980er Jahren und die viel gerühmten »Ansätze« teilweise aus dem 19. Jahrhundert. Andreas Rühl fragt nach den Ursachen dieser aktuellen Vintage-Welle.

Wer die öffentliche Dienstagsküche im soziokulturellen Zentrum »Ludwigstraße 37« oder ein regionales Antifa-Treffen besucht, gewinnt den Eindruck, sich auf einer Zeitreise zu befinden. Nachdem sich innerhalb der linken Szene seit den 1990er Jahren jener sportiv-langweilige Outdoor-Stil durchgesetzt hatte, den auch der Sport-Scheck-Katalog pflegt, ist seit einiger Zeit Retro angesagt: Der Dresscode – von der schwarzen Röhrenjeans über den aschfarbenen Kapuzenpullover bis zu den lieblos daran festgetackerten »Do-it-yourself«-Siebdruckaufnähern – stammt aus den 1980er Jahren. Die Lieblingsparole der einschlägigen Hausbesatzungen kommt aus den 1940er Jahren: »Alerta, alerta Antifascista!« Und die Vollbärte, mit denen die Gesichter nach einer langen und glücklichen Zeit wieder behangen werden, stammen aus dem 19. Jahrhundert. Marx, Engels, Bakunin und Käpt’n Nemo lassen grüßen. In symbolischer Hinsicht (und auf die Symbolik legt die Linke bekanntlich großen Wert) kann der Eindruck entstehen: Die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts versucht den italienischen Partisanenkampf der 1940er Jahre mit den Mitteln der Autonomen der 1980er Jahre noch einmal zu führen.
Diese Retraditionalisierung ist selbstverständlich keine hallische Spezialität. Als hätte die Zeit seit Georgi Dimitroffs berühmter Rede beim VII. Weltkongress der Komintern 1935 stillgestanden, schießen überall so genannte »rote« Antifagruppen aus dem Boden, die entgegen jede Empirie behaupten, dass »der Faschismus« ein Instrument der Bonzen gewesen sei, um die Proleten niederzuhalten. Die Magdeburger Antiimp-Gang »Zusammen kämpfen«, die historisch irgendwo zwischen Josef Stalin, Ernst Röhm und Pol Pot stehen geblieben ist, konnte Niederlassungen in Berlin und Stuttgart aufbauen. Und selbst in der Leipziger linken Szene, die lange Zeit als besonders reflektiert oder sogar als »antideutsch« galt, stört sich kaum noch jemand daran, wenn bei Demonstrationen Transparente mitgeschleppt werden, die einen Straßenkämpfer zeigen, der mit einem Palästinensertuch vermummt ist.
In theoretischer Hinsicht ist ein ähnliches Kuddelmuddel zu beobachten: Während selbst die K-Gruppen der 1970er Jahre noch wussten, dass es ein Ding der logischen Unmöglichkeit ist, sich gleichzeitig auf Lenin und Adorno, Mao und Marcuse zu berufen, gehen ihre Nachfolger eklektizistischer vor. In Demoaufrufen werden Adorno und Foucault zusammengeklatscht, in Zeitschriften werden Benjamin-Zitate mit gegenderten Unterstrichen versehen, und Joachim Bruhn muss, wie vor einiger Zeit im Redebeitrag einer Jenaer Antifagruppe bei einer Demonstration in Weißenfels, dafür herhalten, das autonome Weltbild und den Aktivismus der 1980er Jahre mit Zitaten zu drapieren. Wer es konsistenter mag, switcht nicht von Satz zu Satz, sondern von Semester zu Semester zwischen Wertkritik, Situationismus, Operaismus und Poststrukturalismus hin und her: ganz so, wie er es an der Uni mit Pierre Bourdieu, Niklas Luhmann, Jürgen Habermas und Axel Honneth gelernt hat.

Linke Kostümierungen
Dieser Retro-Stil ist selbstverständlich nicht vollkommen neu. Revolutionäre Bewegungen verkleideten sich in ihrer langen Geschichte immer wieder. Marx schrieb schon im »18. Brumaire des Louis Bonaparte« von 1851/52, dass die Partei des Fortschritts regelmäßig in historische Kostüme schlüpft: Die französische Revolution von 1789 ff. verkleidete sich abwechselnd als römische Republik und römisches Kaisertum; die Revolutionäre von 1848 stellten wiederum die Ereignisse von 1789 nach: Während die Menschen damit beschäftigt waren »die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen«, so Marx, beschworen sie die Geister der Vergangenheit, entlehnten »ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen«. Der Grund für diese Kostümierung: Die Umstürzler und Aufrührer konnten sich die gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich durch sie hindurch Geltung verschafften, nicht erklären und traten darum als große Reenactment-Truppe auf: Historische Analogien vermitteln Orientierungssicherheit, wo sie real nicht zu haben ist.
Der Unterschied zwischen der historischen und der heutigen Linken besteht allerdings darin, dass die aktuellen Aktivitäten nur noch aus Kostümierung bestehen. Von der Umwälzung der Verhältnisse, die in historischer Verkleidung vorgenommen wurde, ist nur die Verkleidung geblieben. Denn machen wir uns nichts vor: In den nächsten Jahren ist weder ein neuer Sturm auf die Bastille noch auf das Winterpalais zu erwarten. Veränderungen, die diesen Namen verdienen, stehen derzeit leider nicht auf der Tagesordnung. Nicht einmal zwei Weltkriege, Auschwitz, die Atombombe und die Erfindung von Twitter konnten die Menschen dazu bewegen, ihr Schicksal endlich in die eigenen Hände zu nehmen. Die Verhältnisse riegeln sich hermetisch gegen die Erkenntnis ab, dass sie zum Wohl der Menschheit umgeworfen werden müssen.
Damit verliert auch die radikale oder revolutionäre Linke ihre Bedeutung. Das Anrennen gegen die Verhältnisse ähnelt sich dem Versuch an, mithilfe einer Büroklammer aus dem Hochsicherheitstrakt von Stammheim auszubrechen. Soll heißen: Es wird lächerlich. Aus diesem Grund, sprich: aufgrund der schreienden Irrelevanz der radikalen Linken, interessiert sich hierzulande inzwischen auch nicht einmal mehr der Verfassungsschutz besonders für die Leute mit den roten Fahnen und den schlecht kopierten Flugblättern. Die Namen derjenigen, die sich in der Bundesrepublik wegen ihrer linken Gesinnung hinter Gittern befinden, lassen sich auf einem Bierdeckel unterbringen. Wenn der Staat doch einmal zuschlägt, dann ist dafür in der Regel nicht sein Sicherheitsbedürfnis verantwortlich, sondern eine Mischung aus Folklore und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme: Die Beamten der Abteilung »Politische Kriminalität (links)« müssen vor ihren Geldgebern rechtfertigen, dass sie 20 Jahre nach dem Untergang des Ostblocks und 15 Jahre nach der Auflösung der RAF ein Budget für einen neuen Dienstwagen, den schönen Flachbildschirm und den spaßigen Schießkurs bei der GSG 9 brauchen.

Caritas und Beschäftigungstherapie
Vor dem Hintergrund der verstellten Praxis verändert sich auch der Charakter der linken Aktivitäten. Im Manifest der Kommunistischen Partei hieß es noch, dass das zentrale Ziel der zeitgenössischen Klassenkämpfe weniger der unmittelbare Erfolg sei, sondern »die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter«. Auf etwas Ähnliches zielten auch Rosa Luxemburgs »Dialektik von Reform und Revolution« und Karl Korschs »Mythos des Generalstreiks«: Durch die linken Kämpfe sollten sich die Proleten von der »Klasse an sich« zur »Klasse für sich« entwickeln. Was auch immer von dieser Strategie zu halten war: Die heutigen linken Kampagnen sorgen nicht mehr dafür, dem großen Ziel, von dem ohnehin kaum noch jemand weiß, was es sein soll, durch die »immer weiter um sich greifende Vereinigung« der Revolutionäre näher zu kommen. Sondern sie sind im besten Fall Caritas, die im Einzelfall durchaus nützlich und sinnvoll sein kann, aber oft allein schon dadurch ad absurdum geführt wird, dass dem einen kleinen Loch, das gestopft wird, hundert große folgen, die neu entstehen: Wer z. B. eine Abschiebung verhindert, weil er einen Flüchtling in seiner WG versteckt, der handelt zwar ohne Zweifel richtig und menschlich. Aber er kann seinen Gast weder ewig auf dem Gemeinschaftssofa übernachten lassen. Noch wird dadurch die Asylpolitik infrage gestellt. Ein ernstzunehmender Angriff auf die Verhältnisse, die Abschiebungen hervorbringen, ist das antirassistische Couchsurfing erst recht nicht.
Im Normalfall sind die linken Aktivitäten allerdings nicht einmal mehr Caritas, sondern vor allem Beschäftigungstherapie. Denn ohne die Option auf Veränderung sind die diversen »Kampagnen« und »Aktionen« nur noch schwer von einem Hobby zu unterscheiden. Genauso wie das Sammeln von Panini-Bildern, das Züchten von Geranien oder der autonome Töpferkurs zielen sie weniger auf das Resultat ab als auf den psychischen Gewinn, der beim Werkeln eingefahren wird. Beim Plakatmalen oder im Transparentworkshop können sich die Einzelnen, die ihre Subjektivität und Spontaneität längst verloren haben, vormachen, dass es gerade auf sie ankommt; in der Kloppsportgruppe oder bei der Straßenschlacht können die unterdrückten Triebe wie beim Fußball oder der Discoschlägerei abgeführt werden; und bei den permanenten Feldzügen gegen rechtsextreme Vertriebsstrukturen kann die Ahnung bekämpft werden, dass das Leben auch ohne Naziläden nur selten wesentlich schöner ist. Um nicht nachdenken und auf die eigene schreiende Marginalität, den Rinnsalcharakter der jeweiligen Aktionen und die eigene Ohnmacht reflektieren zu müssen, muss Aktion auf Aktion folgen, Kampagne auf Kampagne. Diese Form der Praxis ist, egal wie radikal sie sich gibt, Instrument bei der Abwehr der Realität. Oder mit den Worten Adornos: »Man klammert sich an Aktionen um der Unmöglichkeit der Aktion willen.«
Aber auch diejenigen, die aufgrund der Einsicht in die verstellte Praxis vor Eingriffen zurückschrecken, sind nicht viel besser dran. Die traditionellen linken Lesekreise erinnern ohnehin an ausgelagerte Universitätsseminare: Hier können Soziologiestudenten ihre Skills für die Akademie schulen; diejenigen, die im Universitätsbetrieb derzeit nicht gebraucht werden, können sich vormachen, dass sie trotzdem für den Philosophie-Lehrstuhl geeignet wären. Wer sich dagegen aufgrund der versteinerten Verhältnisse ins Privatleben zurückzieht, sprich: in Haus, Hof, Beruf und Familie, der ähnelt sich in der Regel innerhalb kürzester Zeit entweder seinen Eltern an: Am Ende des Tunnels wartet der Bausparvertrag. Oder er wird zu einem der frühvergreisten Zyniker, die man vor allem im Kunst-, Medien- und Veranstaltungsbetrieb treffen kann. Mit anderen Worten: Während sich die Praxisfraktion in die eigene Tasche lügt und sich durch die wenigen Verbesserungsvorschläge, die angenommen werden, zum Mitschuldigen macht, verstärkt die Lesekreisfraktion gerade durch ihr abgeklärtes Nichtstun das, was sie aus gutem Grund verabscheut. Dieser Widerspruch kann dummerweise weder durch Reflexion gelöst werden noch durch eine neue goldene Mitte der Linken (ein bisschen Theorie und ein bisschen Praxis), sondern vorerst gar nicht: Er wird von der Wirklichkeit vorgegeben.

Linke Revierverteidigung
Durch den Verlust der Zukunft – die einfache Verlängerung der Gegenwart hat den Namen Zukunft nicht verdient – ändert sich schließlich auch der Charakter der linken Organisationen. Beim wöchentlichen Gruppentreffen mit anschließendem Kneipenbesuch trifft man zum einen auf Gleichgesinnte, die den verzweifelten Einzelnen Halt geben, ihnen Familienersatz bieten, und Leuten Sozialkontakte bescheren, die aufgrund ihrer verschrobenen Vorstellungen und Spleens anderswo keinen Anschluss finden würden. Zum anderen verwandeln sich die Gruppen in Zusammenschlüsse zur wechselseitigen Verschaffung von Vorteilen: Die Linke hat nichts zu verlieren – außer ihre Stammkneipe, die Möglichkeit anzuschreiben, den kostenlosen Kopierer, die Szene-Credibility, finanzielle Abgreifmöglichkeiten und die kleinen Jobs, die man sich wechselseitig zuschanzt: vom Kneipendienst über den Messe- und Festivalaufbau bis hin zum studentischen Unijob. Das ist nicht viel, aber genug, um das eigene Revier mit einigem Eifer zu verteidigen: selbstverständlich unter dem Mantel politischer Differenzen. Wie im richtigen Leben gilt auch hier das Recht des Stärkeren; wie im richtigen Leben haben auch hier die Kräftigsten, die Eloquentesten und Skrupellosesten den größten Erfolg. Die berühmte Parole »Anna & Arthur halten’s Maul«, die aus keinem Pamphlet der »Roten Hilfe« wegzudenken ist, dient vor diesem Hintergrund nicht zuletzt dem Zweck, dieses Recht des Stärkeren innerhalb der linken Szene zu verteidigen. Denn wenn die Polizei bei Überfällen auf Veranstaltungen, Einzelpersonen und Einschüchterungsversuchen – und darum geht es – nicht gerufen wird, werden die Brutalsten und Rücksichtslosesten, das größte Kollektiv und die schlagkräftigste Gang weiter gestärkt; die Einzelnen und Schwachen werden hingegen den autonomen Prinzipien geopfert.
Von der Gesellschaftskritik zur Selbstkritik
Der gegenwärtige Retro-Boom ist ein Korrelat der versteinerten Verhältnisse. Um sich die eigene Ohnmacht nicht eingestehen zu müssen, schiebt man die Schuld dafür, dass es das Proletariat stärker in den HEP, den »Halleschen Einkaufspark«, zieht als in den örtlichen Infoladen, entweder fiesen Saboteuren in die Tasche oder aber sich selbst: Nicht die Verhältnisse sind übermächtig, sondern gemeine Antideutsche haben den revolutionären Aufbauprozess hintertrieben. Oder, eine weitaus häufigere Erklärung, man selbst hat sich nicht genügend angestrengt, die Bedürfnisse der Massen nicht berücksichtigt oder, wie es so schön heißt, die »falsche Theorie« benutzt. Kurz: Da sich die Verhältnisse nicht ändern, versucht man, sich selbst zu verändern: von den Ess- und Konsumgewohnheiten über das Sexualverhalten und den Kleidungsstil bis hin zu den Lektüregewohnheiten. So folgt nicht nur Aktion auf Aktion, linke Modewelle auf linke Modewelle, sondern auch »Ansatz« auf »Ansatz«, Theorie auf Theorie. Diese Wiederkehr des Immergleichen frisst letztlich auch das Verhältnis zur Wahrheit an: Da die einschlägigen Theorien nur noch die Funktion haben, vom Nachdenken abzulenken und die jeweilige Werkelei zu rechtfertigen, werden Konsistenz, Konsequenz und Logik egal; es wird nicht einmal mehr als Widerspruch empfunden, sich im gleichen Maß auf die Werke Adornos, den antiimperialistischen Kampf und Toni Negri zu berufen.

Von der Klasse zur Szene
Verstärkt wird diese Entwicklung durch die spezifische Altersstruktur der Linken. Als sich der Verfassungsschutz noch ernsthaft, soll heißen: nicht allein aus Traditionalismus heraus, für die Linke interessierte, errechneten seine Mitarbeiter, dass das durchschnittliche Ausstiegsalter aus der linken Szene 28 Jahre beträgt. Tatsächlich fängt spätestens hier der Ernst des Lebens an: In diesem Alter bereitet sich die durchschnittliche deutsche Frau geistig und moralisch auf ihr erstes Kind vor. Und auch die eigenen Erzeuger können so kurz vor dem 30. Geburtstag ihres Nachwuchses nur noch schwer davon überzeugt werden, dass ihre monatlichen Überweisungen Investitionen in die Zukunft sind. In dieser Zeit beginnt auch für die Letzten der Einstieg ins Berufsleben, der durch Zivildienst, das so genannte Orientierungsjahr, Studium und Bafög noch hinausgezögert werden konnte.
Wer seinen Lebensunterhalt nun, wie es bei vielen Jungakademikern üblich ist, aus denen sich die Linke nun einmal zu einem nicht unerheblichen Teil zusammensetzt, mit zwei schlecht bezahlten Jobs bestreiten muss, sich mehr als acht Stunden täglich das unerträgliche Geplapper der lieben Kollegen anhören darf und danach noch seine Kinder aus der Obhut grenzdebiler Kindergärtnerinnen oder Omas befreien muss, kann in der Regel keine große Begeisterung für die nervtötende Langeweile aufbringen, die linke Gruppentreffen oft zu bieten haben. Soll heißen: Im Unterschied zum goldenen Zeitalter der Arbeiterbewegung ist die Linke heute nicht mehr an ein Milieu oder eine Klasse gebunden, sondern sie ist eine Jugendbewegung; das Milieu oder die Klasse hat sich in eine Szene verwandelt. Diese Transformation hat weitreichende Folgen: Einmal gemachte Erfahrungen können nicht weitergegeben werden; Organisationen, die dieses Manko ausgleichen – vormals eine der traditionellen Funktionen politischer Zusammenschlüsse –, existieren ebenfalls nicht. Die Halbwertszeit einer durchschnittlichen Antifagruppe liegt bei höchstens drei oder vier Jahren. So muss jede Generation immer wieder allein und von vorn lernen, dass politische Bekenntnis-T-Shirts beknackt aussehen, »Do it yourself« die kulturelle Reservearmee des Mainstreams ist und Guy Debord, Rudi Dutschke und Rio Reiser Scharlatane waren.

Retro als Krisenphänomen
Doch auch wenn die jeweiligen Retro-Wellen eine Funktion der versteinerten Verhältnisse sind, ist es kein Zufall, dass sie zu bestimmten Zeiten besonders stark sind. Sie treten vor allem in Krisensituationen auf, in Zeiten, in denen sich die allgemeine Orientierungslosigkeit der Linken noch einmal potenziert: Als der antiautoritäre Aufbruch der 1960er Jahre ins Stocken geriet, warfen die Studenten ihre Bob-Dylan-Alben in die Mülltonne, schnitten sich die Haare ab, kauften sich Ernst-Busch-Platten, stellten sich vor Fabriktore und spielten Weimarer Republik. Zehn Jahre später, nach unzähligen Flugblättern, die ihnen vom revolutionären Subjekt bei der »Betriebsarbeit« um die Ohren gehauen wurden, entdeckten sie einige Schlagworte von 1968 wieder (»Basisdemokratie«, »subjektiver Faktor« usw.) und peppten sie mit den Wandervogel-, Öko- und Esoparolen der Jahrhundertwende auf.
Der gegenwärtige Retro-Boom scheint im Zusammenhang mit dem Rückgang der antideutschen Ausstrahlungskraft zu stehen. Dieser Rückgang ist mit dem Begriff des Scheiterns allerdings nur unzureichend beschrieben. Denn einige der antideutschen Grundideen haben sich so verallgemeinert, dass man in Teilen der Linken kaum noch jemanden findet, der die Kritik des Antisemitismus, des Kollektivismus, die Auseinandersetzung mit Theorie, den kategorischen Imperativ nach Auschwitz usw. usf. nicht »irgendwie wichtig« oder »interessant« findet. Selbst Israelfahnen sorgen bei linken Demos nur noch selten für größere Empörung: Seit einigen Jahren besitzt sogar die Linkspartei ihre eigene israelsolidarische Klitsche für Frieden in Nahost. Der prägende Gedanke ist dabei allerdings fast vollständig untergegangen, der Gedanke nämlich, dass, wie es die »Initiative Sozialistisches Forum« vor mehr als zehn Jahren formuliert hat, der »revolutionäre Materialismus oder auch: der kritische Kommunismus der Gegenwart« – darum hätte es nämlich nach wie vor zu gehen – die Erfahrung von Auschwitz und die Geschichte des Nationalsozialismus »in das Innerste seiner Kategorien aufzunehmen und darauf als auf ihren Nerv zu reflektieren« hat. Alles andere ist Soziologie, ist Bewerbung fürs Zentrum für Antisemitismusforschung oder für den Wilhelm-Heitmeyer-Preis des Jahres. Mit anderen Worten: Der antideutsche Interventionismus der Jahre um 2005, der Zeit des Irakkrieges, hat, so richtig er war, das Bedürfnis nach der Aktion, dem Handfesten, dem Zupacken und der Parole bedient; das antideutsche Fahnenschwenken dieser Zeit hat, so richtig es ebenfalls war, das Bedürfnis nach symbolischer Politik, Bekenntnissen, Vereinswimpeln, -schals und -mützchen wachgehalten. Nachdem die Linke nun nicht mehr mit Israelfahnen hinterm Ofen vorzulocken ist – Magdeburg ist in dieser Hinsicht tatsächlich eine Ausnahme –, nachdem eine ganze Generation antideutscher Antifas ihren 28. Geburtstag gefeiert und sich ins Privatleben, in die Universität, die israelsolidarische Politikberatung oder an die Bar zurückgezogen hat und die antideutsche Kritik zudem (leider aber selbstverständlich) nicht dafür gesorgt hat, dass morgen 11 Uhr die Weltrevolution ausbricht, heftet sich diese Sehnsucht nach dem erlebnispädagogischen Kick ans nächste Angebot auf dem Revolutionsbasar. In dem Maß, in dem die Zukunft abhanden kommt, verwandelt sich Geschichte in einen Kreislauf zurück.
Andreas Rühl

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Aufstand der Angepassten

Jedes Jahr wieder zieht es tausende Studenten auf die Straße, um wahlweise für bessere Studienbedingungen, gegen die Bildungspolitik, mehr Platz in den Hörsaalen oder für höheres Bafög zu demonstrieren. Doch im Gegensatz zu Bill Murrays Charakter im Film »Und täglich grüßt das Murmeltier«, der es irgendwann schafft, seine immer wiederkehrende Routine zu durchbrechen, scheinen die Studenten in einer Zeitschleife gefangen, die sie nicht nur daran hindert, auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu reflektieren, sondern ebenso wahrzunehmen, dass sie dieses Spektakel Jahr für Jahr wiederholen. Die AG »No Tears for Krauts« in einem offenen Brief an die Proteststudenten.

Es gibt tausend gute Gründe, gegen die Kürzungspläne der Landesregierung an den Universitäten zu protestieren. Das Dumme ist, dass Euch, den demonstrierenden Studenten kein einziger davon einfällt. Im Gegenteil: Ohne es zu merken, beschleunigt Ihr durch Euren Protest, Eure Parolen, Forderungen und Wünsche die Austreibung des Denkens aus den Hochschulen.

Werte Studentinnen und Studenten,
Ihr alle wisst es: Universitäten dienen seit jeher der Konditionierung für Staat und Arbeitsmarkt. Die juristischen Fakultäten liefern treue Staatsdiener, die auch als Rechtsanwälte noch im Sinn des staatlichen Interesses auftreten. In den wirtschaftswissenschaftlichen Klitschen denken Kopflanger über die Effektivierung der Produktion, sprich: die bessere Ausbeutung der Arbeitskraft nach. Und die geisteswissenschaftlichen Fakultäten haben den Job übernommen, den früher die Theologie hatte: Sie stellen das ideologische Rüstzeug der ganzen Veranstaltung und begründen, warum es richtig und wichtig sei, alle vier Jahre sein Kreuz auf dem Wahlzettel zu machen, sich ehrenamtlich zu engagieren, bis zum 67. Lebensjahr zu schuften und sich jeden Morgen für den Gang in die Werbeagentur oder den Taxistand – die zentralen prospektiven Tätigkeitsfelder der Geisteswissenschaftler unter Euch – zu disziplinieren. Es ist insofern kein Zufall, dass Eure Vorgänger, die Studenten vergangener Tage, stets als erstes bereitstanden, wenn es darum ging, neue Schweinereien auszubrüten: von den Burschenschaften des frühen 19. Jahrhunderts, die gegen den Vormarsch Napoleons und damit zugleich die Einführung bürgerlicher Verhältnisse, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichberechtigung von Juden usw. eintraten, bis zu den Nazistudenten, die an den Universitäten schon zu einem Zeitpunkt in der Mehrheit waren, als die NSDAP auf Reichsebene noch eine unbedeutende Splitterpartei war.
Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit: Denn ebenso wie die Aufklärung stets die Möglichkeit in sich barg, den Schrecken, der tragischerweise mit ihr verbunden ist, abzuschaffen, trugen Zurichtungsanstalten wie Universitäten stets auch den Keim für etwas Besseres in sich: die Möglichkeit zur Aufhebung von Schrecken und Konditionierung. Zweifellos ist das bürgerliche Bildungsideal ideologisch, weil es die materiellen Voraussetzungen, die zur Erfüllung dieses Ideals nötig sind, wie auch seinen gesellschaftlichen Ursprung verleugnet. Aber indem Bildung darin zumindest noch als Selbstzweck erscheint, die jeder erwerben sollte, damit er nicht als hirnverbrannter Idiot aus der Welt scheidet, kann sie die Menschen im besten Fall davor bewahren, sich als bloßes Werkzeug zu begreifen. Auch wenn es ein Glücksfall war, dass Staats- und Gesellschaftskritiker wie Adorno, Horkheimer, Agnoli et al. ausgerechnet in einer Universität Unterschlupf fanden, war es doch mehr als ein Zufall: So unterscheiden sich Universitäten im besten Fall von Berufsschulen, weil sie zumindest Nischen für Eigenbrötler liefern, die nicht so stromlinienförmig wie die schmierigen Infotainmentprofessoren sind, die Ihr so mögt, weil sie Euch an Eure heimlichen Idole Markus Lanz und Kai Pflaume erinnern.

Die Austreibung des Denkens
Es gibt also gute Gründe dafür, gegen die geplanten Kürzungen zu protestieren, die nicht nur die medizinische Fakultät bzw. die Universitätsklinik, sondern auch die Geisteswissenschaften betreffen. So ordnen sich die gegenwärtigen Kürzungspläne in den großen Prozess der Umgestaltung der Universitäten ein, der spätestens mit der Bologna-Erklärung begonnen hat. Der Bologna-Prozess und die zahlreichen Kürzungen haben dazu beigetragen, dass der Doppelcharakter der Universitäten – Zurichtungsanstalt und Residuum der Freiheit – zunehmend in Richtung Zurichtungsanstalt aufgelöst wird. Ihre noch stärkere Ausrichtung auf den Markt hat dazu beigetragen, dass die wenigen Nischen für Nonkonformisten und eine Forschung, die sich der unmittelbaren Nutzanwendung entzieht, noch enger geworden sind. Mit Blick auf Euch, die Studenten, hat die flächendeckende Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen wiederum dafür gesorgt, dass die vergnügliche freie Zeit, die einmal den Blick über den Tellerrand, ansprechende Lektüre und Reflexion ermöglichte, auf ein Minimum beschränkt ist. Und die Einführung von Modulen hat dazu beigetragen, dass in Euren Seminaren, ähnlich wie in Eurer früheren Kindergartengruppe, fast alle Insassen einer Altersstufe angehören. Der Austausch zwischen Studenten aus verschiedenen Jahrgängen, Wissens- und Erfahrungsstufen, der Seminare einmal spannend machen konnte, findet kaum noch statt. Die Schule hat die Hochschulen eingeholt. Ihr sammelt dementsprechend keine bleibenden Erfahrungen mehr, sondern Punkte. Diese Erfahrungslosigkeit spiegelt sich nicht zuletzt in Eurem Lernstil wider. Ohne dass Euch angesichts dieser Zumutung schlecht wird, erklärt Ihr augenzwinkernd, dass Ihr »Bulimie-Lernen« betreibt: Ihr fresst den Stoff in Euch hinein, um ihn während der Klausur wieder auszukotzen und für immer im Klo verschwinden zu lassen.

Studentische Steuerzahlermentalität
Das Dumme ist: Von all diesen Dingen, die unisono im Zusammenhang mit der Veränderung der Universitäten in marktförmige Unternehmen, dem Stichwort der Rentabilität und der Schaffung von Mehrwert stehen, wissen zwar einige Eurer Professoren noch etwas: In den Ansprachen Eures Rektors, von dem Ihr Euch, obrigkeitshörig wie Ihr seid, in der Regel noch das Protestieren genehmigen lasst, klingt noch die Ahnung mit, was eine Universität aller Ideologieproduktion zum Trotz einmal war. Ihr selbst wollt von all dem allerdings nichts mehr wissen. Im Gegenteil: Euch fällt für den Erhalt insbesondere der Universitätsklinik kein anderes Argument ein als der Landesregierung für ihre Schließung. Während Ministerpräsident Haseloff und Co. lange Zeit erklärten, dass die medizinische Fakultät ineffizient arbeite und es im übergeordneten wirtschaftlichen Interesse Sachsen-Anhalts liege, wenn es im Land nur ein Universitätsklinikum – in Magdeburg nämlich – gebe, argumentiert Ihr in der gleichen Logik, nur entgegengesetzt: Ähnlich wie ein Traktorfahrer aus der Altmark, der gegen alles poltert, was sich nicht als erweiterte Pflughilfe eignet und durch Steuergelder finanziert wird, beharrt Ihr trotzig darauf, dass auch die medizinische Fakultät effizient und produktiv sei: »Die Universitätsmedizin schafft Mehrwert«, so lasst Ihr Eure Vertreter dementsprechend verkünden. Auch die Behauptung Eures Protestbündnisses, dass eine Schließung der Klinik für einen Kaufkraftrückgang in der Region sorgen würde und die Landesregierung – warum auch immer – »leichtfertig die Steuergelder der Bürgerinnen und Bürger aufs Spiel« setze, zeigt: In den Medizinern unter Euch tickt es nicht nur wie in einem kleinen Verwaltungsbeamten oder dem Nachwuchspreisträger des Bundes der Steuerzahler.* Sondern Euch fällt für den Erhalt der Fakultät tatsächlich kein anderer Grund ein als der volkswirtschaftliche Schaden, der bei einer möglichen Abwicklung entstehen könnte. Noch denjenigen von Euch, die die Parole »Bildung ist keine Ware« skandieren, geht es lediglich darum, dass die Ausbildung nichts kosten soll, damit alle die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt und damit zugleich: bei der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft haben.
Was niemandem von Euch auffallen will: Sowohl durch Eure Begründungen für den Erhalt der medizinischen Fakultät als auch durch Euer tägliches Gebaren an der Universität tragt Ihr dazu bei, dass der Prozess der Austreibung des Denkens aus den Hochschulen und der noch stärkeren Anpassung an Kategorien wie Effizienz, Produktivität und Verwertbarkeit noch beschleunigt wird. So ist der Besuch einer Hochschule für die Mehrheit von Euch doch nur noch der Weg zum Passierschein, der Euch in Form Eurer Bachelorurkunde ausgehändigt wird. Verlangen Eure Professoren einmal eine umfangreichere Lektüre als sie für das Bestehen der Abschlussklausur nötig ist, weil sie Euch dabei helfen wollen, nicht nur gute Rädchen im Getriebe, sondern mündige Menschen zu werden, gebt Ihr ihnen bei der nächsten Evaluation die Quittung: Diese Bewertungen, die ausgerechnet auf Betreiben Eurer Vorgänger, der Proteststudenten der vergangenen Jahre, eingeführt wurden, erhöhen den Druck auf die wenigen Professoren, die auch weiterhin »unmodische« Themen bearbeiten wollen oder dem alten Bildungs- und Universitätsideal anhängen, weiter. Zudem sind die wirtschaftlichen Argumente, die gerade die Medizinstudenten unter Euch für den Erhalt der medizinischen Fakultät ins Spiel bringen, zugleich Angriffe auf die Geisteswissenschaften. Denn während aus der Sicht des ideellen Gesamtsteuerzahlers, an den Ihr appelliert, mit Blick auf die Universitätskliniken tatsächlich mit einem gewissen Mehrwert argumentiert werden kann, ist das bei Philologen, Philosophen usw. kaum möglich: Bei einer Arbeit über »Platons Ideenlehre und Hegels Phänomenologie« handelt es sich, wird der gesellschaftliche Mehrwert in Betracht gezogen, der von ihr zu erwarten ist, schlichtweg um Subventionsforschung. Der zuständige Beamte im Bildungsministerium muss es als Erfolg ansehen, wenn die zugehörige Forschungspublikation zumindest einen Teil ihre Druckkosten wieder einspielt. Eure Wirtschaftlichkeitsargumentation trägt damit dazu bei, dass Effizienz und Rentabilität zu noch stärker akzeptierten Größen bei der Bewertung der Hochschulen werden. Zugleich zeigt sie, dass sich unter dem Schirm des gemeinsamen Protestes bereits das große Hauen und Stechen untereinander, der Verteilungskampf zwischen den einzelnen Fakultäten, Fachrichtungen usw. vorbereitet.

Alle für Halle?
Die Klügeren unter Euch scheinen zumindest zu ahnen, dass diese Rentabilitätsdiskussion die Aufkündigung der Einheit des Protestes ist. Da Euch aufgrund Eurer Verinnerlichung des Leistungs- und Rentabilitätsprinzips jedoch partout kein Grund gegen die Mittelkürzungen im geisteswissenschaftlichen Bereich einfallen will, greift Ihr auf das zurück, was immer herhalten muss, wenn Vernunft und Logik versagen: Heimat und Tradition. So erklärt Ihr in letzter Konsequenz nur, dass die örtliche Hochschule eine Volluniversität bleiben soll, weil es vor Ort schon immer eine Volluniversität gab, eine starke Verbindung zwischen der Stadt und der Hochschule bestehe und die Existenz einer Universität vor allem gut für die Region sei. Der zentrale Ausdruck dieser Kombination aus lokalpatriotischer Heimattümelei und der Unfähigkeit, Eure Gegnerschaft zu den Kürzungsplänen vernünftig zu begründen, ist Eure Parole »Halle bleibt!«. (So soll nicht die Uni »bleiben«, sondern »Halle«.) Aufgrund Eures Schollendenkens dürften auch die meisten von Euch bereitwillig mit angepackt haben, als es darum ging, Eure Stadt vor der Flut zu schützen. Auf dem ausgelassenen Volksfest der Flutbekämpfung habt ihr Euren Mann bzw. Frau gestanden, habt das Katastrophenkribbeln und die Gemeinschaft genossen und Euch als wahrhafte »Saalefront« für Halle nützlich gemacht.
Wo man sich nicht um Logik, Konsistenz und Widersprüche schert, hat es letztlich auch der Irrsinn leicht. Das konnte zumindest erkennen, wer dem Empfang beiwohnen durfte, den Ihr und knapp 4.000 Eurer Kumpane Eurem Landeshäuptling Haseloff vor einigen Wochen auf dem Universitätsplatz bereitet habt: Oder wollt Ihr bestreiten, dass es irre wirkt, wenn sich Erwachsene Hasenohren anstecken, mit Mohrrüben wedeln und eine einzelne Person mit einer Vehemenz und Lautstärke niederbrüllen, als wären sie auf dem Reichsparteitag? Nebenbei gebührt Euch auch noch das Verdienst, einen Kotzbrocken wie Rainer Haseloff als beinahe sympathisch und vernünftig erscheinen zu lassen: Der nämlich machte zu Eurem Treiben gute Miene und bestand auf Vermittlung und Gespräch.

Geh doch zu Hause …
In dieser merkwürdigen Mischung aus Irrsinn, Nützlichkeitsdenken und Lokalpatriotismus dürfte schließlich auch der zentrale Grund für die breite Unterstützung zu suchen sein, auf die Euer Protest im Unterschied zu den studentischen Aufwallungen der letzten Jahre stößt. Selbst die offiziellen Lizenzinhaber des Begriffs »Saalefront«, die Hooligans des Hallischen Fußballclubs, die bis dahin wahrscheinlich weder wussten, dass es in Halle eine Universität gibt, noch jemals ein gutes Haar an den »faulen Studenten« gelassen haben dürften, solidarisieren sich mit Euch: so, als würdet Ihr die Abschaffung des Paragraphen 223 StGB (Körperverletzung) für Straftaten in Stadionnähe fordern. Für diese Zustimmung dürfte zum einen die Tatsache verantwortlich sein, dass es zunächst vor allem die medizinische Fakultät und die Universitätsklinik waren, die im Fokus der Aufmerksamkeit standen: Deren Angehörige ziehen das weit verbreitete Ressentiment gegen »Unproduktive«, »Steuergeldfresser« und »Taugenichtse« aufgrund ihrer Bedeutung für die Volksgesundheit weit weniger auf sich als Kunsthistoriker oder Literaturwissenschaftler. Zum anderen habt Ihr mit Eurem Lokalpatriotismus offene Türen bei den Hallensern eingerannt: Da sie aus gutem Grund nicht wissen, was sie an ihrer Stadt mögen sollen, sind sie jedem dankbar, der ihnen einen Grund für ihre Affenliebe zeigt – und sei es auch nur eine unbedeutende Universität, die außerhalb eines Umkreises von 50 Kilometern kein Schwein kennt. Zugleich sind sie bereit, diese neue Entdeckung und das bisschen Lokalkolorit, auf das Halle verweisen kann, sofort mit Leib, Seele und abgebrochenen Flaschenhälsen zu verteidigen.
Anstatt hier dumm herumzustehen und durch Eure Forderungen alles nur noch schlimmer zu machen, solltet Ihr also lieber nachhause, in die Bibliothek oder ein Bier trinken gehen. Vielleicht fallen Euch ja danach ein paar gute Gründe gegen die aktuellen Kürzungspläne ein.
AG »No Tears for Krauts« Halle

Anmerkung:
*    Etwas geschickter als Ihr, stellen sich die bereits erwachsenen Mediziner an. Mit der breit angelegten Imagekampagne der deutschen Kassenärzte wird unter dem Motto »Wir arbeiten für Ihr Leben gern« so getan, als gehe es den niedergelassenen Ärzte nicht um ihr Gehalt, sondern um die Menschen. Stellvertretend für alle Niedergelassenen wird im »Deutschen Ärzteblatt« eine Gynäkologin zitiert, um zu zeigen, dass die Halbgötter in Weiß nur auf die Erde gesandt wurden, um Gutes zu tun: »Viele Menschen vergessen, dass wir diesen Beruf ergriffen haben, um anderen zu helfen, und nicht, um viel Geld zu verdienen.« Dass der Beruf nicht einfach Beruf sein darf, sondern Berufung sein muss, ist zwar ebenfalls pure Ideologie; wenigstens faselt die Kassenärztliche Bundesvereinigung aber nicht von »Wirtschaftsstandorten« und »Steuerverschwendung«, wie Ihr das ja so gerne tut. Diesen Standesdünkel der Mediziner werdet Ihr aber sicherlich auch noch lernen.

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»Eingedöst bei Erich Loest«

Im September starb der Leipziger Dissident und Schriftsteller Erich Loest. Die Bonjour-Tristesse-Redaktion bat ihren Ostzonen- und Bürgerrechtler-Experten Jörg Folta um einen Nachruf. Da über Verstorbene nichts Schlechtes gesagt werden soll, machte Folta allerdings zur Bedingung, ausnahmsweise einen ausgewogenen, fairen und nachsichtigen Beitrag abliefern zu dürfen. Die Redaktion gab ihr Einverständnis.

Als Tamara Danz, die Sängerin der Ostrockband Silly, 1996 an Krebs starb, hörte man es zum ersten Mal grummeln: Die Stasi wäre Schuld und hätte Danz in den letzten Jahren der DDR vorsätzlich der Radioaktivität ausgesetzt. Wie, wann und warum sie das hätte tun sollen, wurde nicht erklärt. Danz war schließlich eine staatstragende Musikerin, ihre Band Silly passionierte Vertreterin des Ostrock. (Wer sich nicht erinnert: eine besonders schmierige Variante des an sich schon unhörbaren Genres Bluesrock; am ehesten vergleichbar mit den Alben Xavier Naidoos.) Wie die meisten anderen etablierten Ostmusiker hatte Tamara Danz erst Minuten vor dem Ende der DDR dissidente Anwandlungen gezeigt. Sie unterschrieb die »Resolution von Rockmusikern und Liedermachern« vom 18. September 1989 und galt fortan als Oppositionelle.

Die Stasi, der Tod und der Krebs
Während Danz’ Tod bald vergessen war, hielt sich die Stasi-Krebs-Theorie im Milieu der Ost-Bürgerrechtler hartnäckig am Leben. Als in den darauffolgenden Jahren weitere Exponenten des DDR-Untergrunds an der Krankheit starben – Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs, Rudolf Bahro, Gerulf Pannach oder Rudolf Tschäpe –, kochte die Räuberpistole wieder hoch. Die bürgerlichen Medien zitierten sie zwar eher selten und meist verschämt: Berufs-Zonis wie Freya Klier (Bundeszentrale für politische Bildung) oder Lutz Rathenow (Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen) sind der deutschen Öffentlichkeit eher peinlich; »historische Verpflichtungen« (Helmut Kohl) ihnen gegenüber sieht man mit ihrer staatlichen Alimentierung durch die eigens für sie geschaffenen Mitleidspöstchen und Phantasiestellen abgegolten. In den Bildungszentralen, DDR-Gedenkstätten und diversen DDR-Unrechts-Initiativen, den Refugien und Biotopen der ehemaligen Bürgerrechtler, ist die Stasitod-Theorie jedoch nach wie vor populär. Sie wird bis heute von zahlreichen Ex-Dissidenten verbreitet.
Das obsessive und symbiotische Verhältnis von Bürgerrechtlern zur Stasi – bekanntlich beruhte und beruht das gesellschaftliche Ansehen von Ost-Oppositionellen ausschließlich auf dem jeweiligen Maß an Zuwendung und Aufmerksamkeit, das sie von der Stasi erhielten – erfreut sich jedenfalls ungetrübter Vitalität. Es war also davon auszugehen, dass die Staatssicherheit, der posthum auch schonmal Auftragsmorde oder RAF-Mitgliedschaft unterstellt wurden, auch für das Ableben der verblieben Bürgerrechtler verantwortlich gemacht wird.*

Gesinnung und Langeweile
Gerade aus diesem Grund verwunderten die Reaktionen auf den Tod des Leipziger Schriftstellers Erich Loest. Als der Ex-Dissident im September dieses Jahres mit einem Sprung aus dem Fenster der Leipziger Uniklinik Selbstmord beging, berichtete der (Mitteldeutsche Rundfunk) MDR zwar auf all seinen altersspezifischen Spartensendern – von MDR-Sputnik (Ü-14) über MDR-Info (Ü-50) bis zu MDR-Figaro (Ü-60) – ausgiebig über seinen Tod. Selbst der Deutschlandfunk und die ARD sendeten Nachrufe auf ihn. Doch trotz klassischer Bürgerrechtler-Vita – Knast, Repressionen, Ausreise BRD, Rückreise DDR, Rehabilitierung, Trostpreise – und schwerer Erkrankung hörte man nirgends etwas von einer Verantwortung der Stasi für Loests Ableben. Nicht einmal die dritte Garnitur der Ex-Dissidenten, die sonst keine Gelegenheit auslässt, wenigstens in der Schülerzeitung des Friedrich-Poppel-Gymnasiums Gernrode erwähnt zu werden, sprach davon, dass eine alte Stasiseilschaft Loest aus dem Fenster befördert haben könnte.
Der Grund hierfür dürfte zunächst in der Person Loests zu suchen sein: Auch wenn der Schriftsteller die obligatorische Mischung aus Aufdringlichkeit, Dicktuerei und Weinerlichkeit wie die meisten DDR-Bürgerrechtler aus dem FF beherrschte, besaß er weder die auftrumpfende Aggressivität einer Bärbel Bohley, noch schaffte er es, sich Freya-Klier-mäßig auf Kommando Tränen abzudrücken. Vom Oberpavian der Ex-Bürgerrechtler trennten ihn sogar Welten: Um als zweiter Wolf Biermann in Erscheinung zu treten, fehlten ihm einfach dessen Ausgebufftheit und Abgebrühtheit – von Biermanns brunftiger Ausstrahlung ganz zu schweigen.
Mit Loests schriftstellerischem Können scheint es ebenfalls nicht weit her gewesen zu sein. Denn während es einige Texte Biermanns, Rathenows oder Kliers zumindest in Schulbücher oder ins elterliche Bücherregal geschafft haben, reichte die Qualität des Loestschen Werks offensichtlich nicht einmal dafür aus. Angesichts seiner Vita und seiner ostzonalen Herkunft kann darum an dieser Stelle nur vermutet werden, dass Verstand und Können auch in seinen Schriften durch Gesinnung und Langeweile ersetzt wurden. So hat auch kein Autor der Bonjour Tristesse je auch nur eine Zeile von Loest gelesen. Alle Versuche, die Lektüre nachzuholen, schlugen fehl: Weder im weiteren Bekanntenkreis noch unter Kollegen gab es jemanden, der ein Erich-Loest-Buch verborgen konnte. Auch die MDR-Verfilmung seiner Wende-Schmonzette Nikolaikirche hatte nicht einmal kinox.to, wo sonst jeder Schwachsinn zum Download angeboten wird, im Repertoire. Selbst in den durchweg wohlwollenden Nachrufen auf Loest wurde sich dementsprechend auffallend über seine künstlerischen Fähigkeiten ausgeschwiegen. Genauso wie für seine Person dürfte also auch für sein Werk gelten, was Rayk Wieland vor vielen Jahren dichtete: »Eingedöst bei Erich Loest.« Soll heißen: Bei Loest war alles noch langweiliger, öder und trostloser als bei den restlichen Dissidenz-Ostlern, die in Sachen Langeweile, Ödnis und Trostlosigkeit ebenfalls schon völlig neue Maßstäbe gesetzt haben.

Die Nachruf-Flut aus dem Osten
Aus diesem Grund ist Loest auch nur in Leipzig weltbekannt. Das bestätigt zumindest eine repräsentative Umfrage innerhalb der Bonjour-Tristesse-Redaktion. Vor der Nachruf-Flut war der Name Erich Loest nämlich nur denjenigen ein Begriff, die im Raum Leipzig zur Schule gegangen sind. Der Bekanntheitsgrad des Schriftstellers sank indirekt proportional zur Entfernung des elterlichen Wohnortes zur Heldenstadt. Schon von den in Schkeuditz geborenen Redaktionsmitgliedern glaubte nur ein Fünftel, den Namen Loest schon einmal »irgendwie« gehört zu haben. Hier ist auch der Grund für das vollkommene Fehlen der Stasitod-Theorie in den Nachrufen auf den Schriftsteller zu suchen. Denn ebenso wenig wie jemand, der in Dessau, Magdeburg oder Sangerhausen aufgewachsen ist, je etwas vom Leipziger Vorzeige-Dissidenten gehört hat, hat es der Name Erich Loest bis in die Lutz-Rathenow-Stadt Dresden oder nach Berlin geschafft. Auch die für die Verbreitung der Stasi-Theorie zuständige Bürgerrechtler-Clique, die mehrheitlich in der Bundeshauptstadt lebt, dürfte ganz einfach noch nie etwas von der Leipziger Ikone gehört haben: Kaum zu glauben, aber Loest war selbst unter ihrem Niveau. Das große Rambazamba anlässlich seines Todes war lediglich dem Zufall geschuldet, dass der MDR seinen Hauptsitz in Loests Heimatstadt Leipzig hat. Dort (und nur dort) liebt man den Schriftsteller nicht nur mangels Alternative an anderen Dissidenten. Er wird auch quer durch alle Lager und mit voller Inbrunst verehrt, gerade weil man die von ihm – wenn auch nur drittklassig – an den Tag gelegte Kombination aus Empörung, Larmoyanz und Anmaßung als originäre Leipziger Charaktereigenschaft betrachten kann. Die Annahme, dass das, was der Messestädtler kennt und schätzt, auch der Rest der Menschheit zu kennen und zu schätzen hat, mag letztlich auch den MDR bewogen haben, den Loest-Roman Nikolaikirche zu verfilmen. Nachdem die diversen MDR-Sender, -Spartenprogramme und Tarnorganisationen nach dem Ableben Loests sämtliche Frequenzen des Äthers über Tage hinweg in Heavy Rotation mit Nachrufen auf ihn bombardierten, sahen sich schließlich auch andere Sender dazu gezwungen, es den Leipziger Kollegen gleichzutun: Schließlich kann es sich kein Medienvertreter erlauben, ein Ereignis, über das die anderen ausgiebig berichten, zu ignorieren. So wurde aus einem ordinären Leipziger Feld-, Wald- und Wiesenschreiber der berühmte Künstlerdissident Erich Loest. MDR sei Dank!
Jörg Folta

Anmerkung:
*    Da der erfolgreiche Geheimdienst bekanntlich grenzüberschreitend tätig war, dürften sich auch prominente Emigranten wie Wolfgang Biermann alles andere als in Sicherheit wähnen. Die Hoffnung, dass mit seinem Ableben eine unaufgeregte Geschichte der DDR geschrieben werden könnte, wird durch die Stasitheorie jedenfalls getrübt. Sie lässt befürchten, dass sich der oppositionelle Ostkitsch auch dann noch am Leben erhält und zukünftigen Guido Knopps zu Lohn und Brot verhilft, wenn Biermann den Arsch längst zugekniffen hat.

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In Leipzig wurde vor kurzem die Kneipe VMax von seit einiger Zeit Kiezmiliz spielenden Chemie-Hools aus dem Umfeld der Diablos während eines Konzerts der dänischen Oi!-Band Last Seen Laughing überfallen. Im Vorfeld waren Drohungen via Facebook vorausgegangen, die »Grauzonenscheiße« nicht länger dulden zu wollen. Begründungen ersparte man sich gleich. Der Vorwurf der »Grauzone« – damit ist zunehmend so ziemlich alles gemeint, was sich irgendwo zwischen dem Schwarzrot des Punkrock-Anarchismus und dem Braun der NPD bewegt – scheint eine sich selbst genügende Formel zu sein. Vor diesem Hintergrund fragt unser szenekundiger Beamter Hagen Kolb, was es mit der »Grauzone« und der »Grauzonendiskussion« auf sich hat.

Die deutsche Denunze hat viele Gesichter: Sie steht gegen Scientology protestierend vor Kinos, wenn der neueste Tom-Cruise-Streifen anläuft, sie schreibt Enthüllungsbücher über Angela Merkel, sie schreit »Stasi!«, »Kinderschänder!«, »Tierquäler!«, sie zeigt ihre Nachbarn beim Vermieter an, sie ist »stets zur Stelle, wenn es gilt, einen Kommunisten an die Reaktion zu verraten« (Peter Hacks über Heiner Müller), sie kauft Bücher wie »1000 ganz legale Steuertricks«, oder sie lauert Prominenten nach deren Suffeskapaden auf.
Nicht nur die Bild-Zeitung, sondern die gesamte deutsche Medienlandschaft lebt bekanntlich von diesem Bedürfnis nach Denunziation. Für die Linke gab es dafür einst die Zeitschrift Interim. Wöchentlich produziert, versammelte sie in ihren besseren Zeiten Bekennerschreiben, Anleitungen für Ausweisfälschungen oder Krankschreibungen und vor allem bizarre Theoriepapiere der Berliner autonomen Szene. Später dann gerne und zunehmend Selbst- und Fremdbezichtigungen: Abweichlertum, Revanchismus, Nazivorwürfe und anderes politisch unkorrektes Verhalten waren die Themen. In den 1990er und 2000er Jahren wurde die Interim so zu einer Art Autonomen-Sexblatt, da vorrangig Vergewaltigungs- und Pädophilievorwürfe abgedruckt wurden, getreu der alten Kreuzberger Regel, wer zuerst »Vergewaltiger« sagt, hat gewonnen. Die Zeitschrift markierte somit den Endpunkt einer Entwicklung, die in den 1960er Jahren mit selbstgedrehten WG-Pornos linker Hippies begonnen hatte. Vor allem aber lieferte die Interim in dieser Phase ihrer Geschichte das Kolorit zur Agonie der Autonomen – damals noch ideeller Überbau der Antifa –, die sich in ihrem Untergang verzweifelt an jedes Feindbild klammerten und nun in den eigenen Reihen klar Schiff machten. Je kleiner die Gruppe, umso effektiver die Denunziation: Einmal in die Welt gesetzt, klebte der Vorwurf an den jeweils Bezichtigten. Da es im neuen Deutschland aber bekanntlich gesellschaftlich akzeptierter ist, mit Antifaschismus hausieren zu gehen als mit haltlosen Bettgeschichten für peinlich berührtes Schweigen zu sorgen, gingen die Autonomen unter. Der Nazi-Vorwurf feiert jedoch im neuen Gewand ein furioses Comeback.

Die Grauzonendiskussion
Wer die Diskussion über die so genannte »Grauzone« verfolgt, wird schnell bemerken, dass hier das gleiche Bedürfnis zum Zuge kommt, das den autonomen Berliner Politfilz einst antrieb, Steckbriefe der eigenen Genossen in Szenekneipen zu verteilen. Entstanden Mitte der 2000er Jahre in der linken Subkultur, vor allem im Umfeld der Red and Anarchist Skinheads (RASH), ist sie heute das Thema Nr. 1 auf Flyern und in Texten vieler Antifa- oder RASH-Gruppen. Da die »Grauzone« mittlerweile zum festen Repertoire der akademischen »Subkultur-Forschung« gehört und jeder sicher schon mal einen der diversen Flyer in der Hand hatte oder vielleicht sogar vor den verschlossenen Türen eines Clubs stand (da sich herausstellte, dass der Bassist der Band, die eigentlich auftreten sollte, 1998 auf seiner Homepage eine andere Band verlinkt hatte, die fünf Jahre später auf einem »politisch unzuverlässigen« Label veröffentlichte), verzichten wir hier auf weitere Erklärungen und tauchen ein in das wirre Universum der Abteilung Scenewatch.
Die Grauzonendiskussion ist im Punk-Mikrokosmos angesiedelt, das heißt eine subkulturelle Erscheinung, die aber in regelmäßigen Abständen auch die traditionellen Antifagruppen und zunehmend die sich professionell mit Antifaschismus beschäftigende Zivilgesellschaft erfasst. Sie ging aus den durchaus erfolgreichen Aktionen der 1990er Jahre gegen Neonazis in der Punk-, Hardcore-, und Oi!-Szene hervor. Als nach dem »Aufstand der Anständigen« vielen Antifagruppen die Gegner abhanden kamen, kam die Grauzonendiskussion richtig in Fahrt. Wie die Autonomen nach dem Verschwinden des äußeren Feindes (der BRD) im eigenen Saft schmorten und sich nun an internen Gegnern abarbeiteten, so wurde auch in der linken Punkwelt nach Gemeinschaftsschädlingen gefahndet, seit der alte Feind von engagierten Hausfrauen und Pfarrern attackiert wurde. Diese fand man in der eng mit dem Punk verbundenen Oi!-Szene, die seit jeher weniger politisiert und in einem proletarischeren Milieu angesiedelt war.
Wenn Linke um der guten Sache (soll heißen: Antifaschismus) willen Sendungsbewusstsein entwickeln, wird es schnell kitschig. Ein Eindruck, der sich nach der Lektüre des Ursprungstextes der Grauzonendiskussion, des »Roten Hetzpamphlets« des ZKs Knülle im Politbüro, bestätigt. Dieses Schreiben löste 2008 die erste überregional geführte Grauzonendiskussion aus, prägte den Begriff und gab vor allem die dünne Argumentationsdecke vor, die sich seitdem nicht verändert hat. Grauzonenbands würden »rechts« und »links« in Form der Extremismus-Theorie gleichsetzen, heißt es in einem Flugblatt einer Potsdamer Antifagruppe. Damit würden sie »antifaschistische Interventionen erschweren«. »Wo früher der Kampf gegen das System, Bullen oder Nazis an erster Stelle in Songtexten standen, sind diese Themen mittlerweile dem Saufen, der Heimatliebe oder dem ›Wir-gegen-den-Rest‹ gewichen«, geht es in einem Flugblatt der gleichen Gang weiter. Ständig ist von der Trinität von »nationalistischem, rassistischem und antisemitischem Gedankengut«, von »rechtsextremen Ideologiefragmenten«, von »neonazistischem Gedankengut und Personenzusammenhängen«, von »menschenverachtendem Gedankengut« (das meistens mehrmals im Text), von »schleichender Akzeptanz gegenüber rechten Positionen« oder von »anti-emanzipatorischen Inhalten« die Rede. Dabei wird sich nicht einmal die Mühe gemacht, einen der Begriffe genauer zu definieren bzw. in einen Zusammenhang mit den Vorwürfen zu bringen. Alles in allem sieht man sich, wie es in einem Brief an das Plenum des Leipziger Conne Island hieß, »als aktive AntifaschistInnen, die seit Jahren zur linken SkinheadSzene zählen (und daher einfach über großes Fachwissen in diesem Bereich verfügen)«. Die Sprache des »Aufstands der Anständigen« wird hier als originelles, unkonventionelles Denken verkauft. Exakt die gleichen Formulierungen finden sich in fast allen Flugblättern, offenen Briefen usw., sofern man sich überhaupt dazu herablässt, inhaltlich zu argumentieren. In der Regel reichen ein paar Kontaktvorwürfe (Band A ist beim Label B unter Vertrag, welches Band C, die mit der Nazi-Band D mal gespielt hat, verlinkt hat) aus, die akribisch protokolliert, nachgeprüft und geahndet werden. Denn es kann durchaus vorkommen, wie es unlängst der linken Oi!-Band Stage Bottles wiederfuhr, dass der Kontakt zu Verdächtigen ausreicht, um selbst auf der grauen Liste zu landen.(1) Oire Szene oder Oi! It’s apolitical heißen die Blogs, die diese Listen führen, im Stil von Recherche-Antifas wöchentliche Überblicke über aktuelle Grauzonenerkenntnisse liefern und in den letzten Jahren in der linken Club- und Bandszene ein seltsames Klima von Denunziation, vorauseilendem Gehorsam und Demutsgesten geschaffen haben. Konzerte werden abgesagt, Bands liefern Erklärungen ab, offene Briefe werden sogar über die Lokalpresse verbreitet, die seit 2000 gewöhnt ist, derlei ungeprüft und reflexhaft abzudrucken. Während sich die meisten Clubs fügen und Konzerte absagen, gibt man sich hinter vorgehaltener Hand genervt von den Szene-Blockwarten.(2) Diese wiederum beklagen, dass, »nach den angenehmen Zeiten der 90er«, als es angeblich noch »klare Abgrenzungen« gab (siehe »Rotes Hetzpamphlet«), sich Grauzonenbands der Szene bemächtigen würden. Da dieser Punkt – Fremdkörper schleichen sich in die Szene ein – ein zentrales Element der Vorwürfe zu sein scheint, hier ein kleiner Exkurs zur Vorgeschichte des Streits.

Deutscher Punk versus Deutscher Punk
Gehen wir noch mal zwanzig Jahre zurück. Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre wurde die gerade mal wieder brach liegende Punkszene von verschiedenen Bands und Fanzines wie dem Scumfuck Tradition aus dem Umfeld der Band Beck’s Pistols reanimiert. Von der ursprünglich konsequenten Anti-Haltung des Punk und der Freude, sich nicht nur von Naziidioten, sondern auch von Hippielangweilern, fahnen- und uniformverliebten Kommunisten und arbeitertümelnden Anarchos abzugrenzen, war in Deutschland ohnehin nie viel angekommen. Die hiesige Punkszene hatte sich von Beginn an der kindischen Welterklärung der Autonomen angeschlossen und der linken Variante des Hobbykellers verschrieben: »Do it yourself!« – DIY – hieß das dann und hatte wenig mit dem Great Rock’n’Roll Swindle, aber viel mit der jeweils nächsten Juso-Ortsgruppe gemein. Und so konnte sich die neue, unbekümmerte Szene sowohl als konsequenter Erneuerer als auch als Vertreter der reinen Lehre präsentieren. Man berief sich auf die Wurzeln des Punk, brachte die frühen britischen Punk- und Oi!-Bands wie Cock Sparrer, Cockney Rejects, Angelic Upstarts oder The Business zurück zum deutschen Publikum und gab so der Punkszene (die nur darauf gewartet zu haben schien) neuen Schwung. Neue Bands entstanden, und schnell wuchs auch die bis dahin völlig marginale nicht-rechte Oi!-Szene. Zwar war diese »neue« Punkbewegung von einer Horde Bundeswehrsoldaten auf der Heimreise kaum zu unterscheiden und der Output der Bands oft nichts anderes als eine Mischung aus infantilem Männerrock und einem Aufguss des Gesamt-Oeuvres der Drei Besoffskis, der zotigsten Karnevalsband der 1970er Jahre. Aber damit passte man irgendwie gut ins wiedervereinigte Deutschland.
Das alles geschah in bewusster Abgrenzung zum deutschen Punkbild der 1980er Jahre. Und so waren die »neuen« Punks und Skins gar nicht nach dem Geschmack jener Teile der Punkbewegung, die diesem durchaus noch verhaftet waren und deren Weltbild mit einem Comic des Kreuzberger Vorzeigezeichners Gerhard Seyfried immer noch umfassend beschrieben ist. Das Unbehagen gegenüber dieser neuen Punk- und bald Oi!-Szene war zunächst allerdings indifferent. Es gab ja Anfang der 1990er Jahre nach wie vor »richtige« Nazis – und zwar nicht zu knapp. Solange die neue Szene es nicht zu bunt trieb, blieb der Glaube an die gute Sache des Punk jedoch ungebrochen. Doch der Versuch, die konsequente Antihaltung des frühen Punkrock zu reanimieren, ging gründlich in die Hose. Die vermeintlichen Erneuerer der Szene verwechselten dessen Verortung jenseits der politischen Lager mit ihrer Parole vom »unpolitisch sein«. So waren die neuen Punks und Skins bald zwar tatsächlich weder links noch rechts, dafür aber durchaus kleinbürgerlich und voller Affirmation. Somit stehen sich seit den 1990er Jahren zwei Zerrbilder des frühen Punk gegenüber: die Bundeswehrfraktion auf der einen, der Hobbykellerflügel auf der anderen Seite. Beide befinden sich im festen Glauben, den true spirit zu repräsentieren.
Dennoch feierten beide Seiten zusammen Partys. Das kürzlich eingegangene Punkfestival Force Attack versammelte Politpunks genauso wie Oi!-Skins, Antifas usw. zu einer Art Bürgerkriegswochenende (siehe Manfred Beier: »If the kids are united«, in: Bonjour Tristesse 3/2008). Es war vielleicht die letzte große Unity-Veranstaltung der Punkszene vor dem Split, der sich spätestens Mitte der 2000er Jahre abzeichnete. Denn als unglaublich schlechte deutsche Drittliga-Oi!-Bands wie Stomper 98, Loikaemie, die Broilers, Toxpack oder die Krawallbrüder begannen, die britischen Urväter des Oi! aus den Verkaufscharts der deutschen Punkmailorder und von den Headlinerplätzen der Festivals zu vertreiben, wuchs das Unbehagen der Szenewächter. Ausgewählten Bands wie Loikaemie (wenn auch mit Nazi-Vergangenheit) wurde Unbedenklichkeit bescheinigt, die Broilers entschwanden in den Mainstream, die meisten anderen wurden hingegen fortan argwöhnisch beobachtet und recht bald als »Grauzone« gelabelt.

Oi!-Punk Fade To Grey
Das aus der RASH-Szene stammende »Rote Hetzpamphlet« startete 2008 die Diskussion und statuierte an der Band Stomper 98 ein Exempel. Mit den beschuldigten Bands wird seitdem nicht zimperlich umgegangen, zu den oben zitierten Vorwürfen kommen Boykottaufrufe und all die Restriktionen, mit denen zuvor Nazibands bedacht worden waren.
Dennoch fragt man sich, mit welcher Unverschämtheit diesen Bands, die von linken Punk- oder Oi!-Kapellen wie Rawside oder Loikaemie (ganz zu schweigen von den Deutschpunkbands der 1980er Jahre) nur mit einem Elektronenmikroskop zu unterscheiden sind, »diffuse Wir-Ihr-Konstrukte« (Harzinfo) vorgeworfen werden – eine Eigenschaft, ohne die deutscher Punk noch nie funktioniert hat. Wenn den so genannten Grauzonenbands »Opferinszenierung«, ein »reaktionäres Politikverständnis«, »Stammtischmentalität« oder »unpolitisches Rebellentum« angekreidet werden, dann mag das in den meisten Fällen durchaus stimmen. Was diese Vorwürfe aber völlig der Lächerlichkeit preisgibt, ist die Tatsache, dass sich der Rest der Punkszene in nichts davon unterscheidet – und das schon seit Jahrzehnten. Natürlich sind die Bandmitglieder der Krawallbrüder oder der Troopers extrem unangenehme Typen, mit denen man sich nicht in einem Raum befinden möchte. Das gleiche gilt aber durchaus auch für die linken Bands Oi Polloi, Die Produzenten der Froide, Ska-P, die Dummbrote von Rawside oder die Rummelpunker von Feine Sahne Fischfilet (3). Sieht man sich zudem die Homepages einiger RASH-Sektionen an, verschwinden die Unterschiede völlig. Die RASH Stuttgart begrüßten Besucher ihrer Seite bis vor kurzem mit einem Bild, dass die Gang mit Bengalos und Fackeln in einer Pose zeigt, die vermuten lässt, dass sie auf dem Weg zur Feldherrenhalle eine kleine Fotopause eingelegt hat. RASH-Fanzines wie das bis Anfang der 2000er Jahre erschienene Revolution Times waren durchweg mit Illustrationen drapiert, die stilistisch irgendwo zwischen der KPD-Kunst der 1920er Jahre und NSDAP-Propaganda angesiedelt waren (mit Hammer und Sichel bewaffnete Übermenschen-Skinheads zerschmettern Bataillone von aufmarschierenden Kapitalisten) und exakt das politische Weltbild der RASH wiedergaben.4
Das dargestellte Konglomerat reaktionärer Weltbilder – vom kleinbürgerlichen Konservatismus vieler so genannter »Grauzonenbands« bis hin zum Antisemitismus von linken Bands wie Oi Polloi oder Ska-P – zeichnet die Punkszene seit vielen Jahren aus, und bis vor ein paar Jahren hat sich niemand daran gestört. Die von der RASH gerne als linke Vorzeige-Oi!-Band geführten Los Fastidios spielten noch 2006 auf dem Oi! The Meeting mit den als »Grauzonenband« gehandelten Krawallbrüdern zusammen und kürzlich erst auf dem Rebellion-Festival in Großbritannien mit echten Nazibands – eines von zahllosen Beispielen. Da darüber in den sammelwütigen Recherche-Blogs kommentarlos hinweggegangen wurde, ist zu vermuten, dass andere Motive hinter dem Szenezwist stehen, als die vermeintliche oder tatsächliche Rechtsoffenheit eines Teils der Punk- oder Oi!-Gemeinde.

German Abstiegsangst – Früher war alles besser
Wie dargestellt, gibt es nur graduelle Unterschiede zwischen den beiden Lagern. So wie sich Freiwild und Oi Polloi in punkto Heimatliebe und Minderheitenschutz wie ein Ei dem anderen gleichen (siehe Bonjour Tristesse: »Punkrock Jihad«, in: Bonjour Tristesse 1/2008), so sind Bands wie die Krawallbrüder oder Stomper 98 in ihrer einfältigen Rebellenattitüde und ihrem Gegröle von Männerfreundschaft und Bierkonsum kaum von »linken« Bands wie Loikaemie, Dritte Wahl oder den heute wieder auftretenden Slime zu unterscheiden. Ganz zu schweigen von den Toten Hosen, die die Blaupause für all das lieferten und Punkrock den Duft von Bierfurz und Achselschweiß verliehen haben. Hier sind die gleichen einfältigen tätowierten Männer am Werk, und von außen betrachtet man verwundert diesen Streit: Was haben diese Typen gegeneinander?
Das zentrale Stichwort lautet »Kommerzialisierung«, die von den Szenewächtern immer wieder beklagt wird. In der Tat sind die meisten in der Punkszene aktiven Firmen alles andere als Zweimann-Unternehmen. Punk ist schon lange eine Musikszene wie jede andere – und somit vor allem ein Markt. Er geht damit den Weg vieler Subkulturen vor ihm. Die Zeit, in der die Punkszene von der hauseigenen, sich bis vor ein paar Jahren noch als »Do it yourself« tarnenden Musikindustrie beackert wurde, ist vorbei. Mailorder und Labels stehen in direkter Konkurrenz zur etablierten Industrie, die verbliebenen Punkfestivals kämpfen mittlerweile mit der etablierten Musikindustrie um Bandengagements, Punklabels und -mailorder mit BMG und Amazon um Plattenverkäufe. Aber der Vorwurf, bewusst die »Beliebigkeit« der Punkszene voranzutreiben, um »mehr Profit zu machen«, lässt nicht nur Rückschlüsse auf das Kapitalismusbild zu: Eine kleine Clique manipuliert die Punkszene, um ihren Profit zu steigern. Sondern sie offenbart auch die durchaus persönlichen Abstiegsängste der Szene-Protagonisten. Bands wie die Krawallbrüder leben in der Tat gut von ihrer Musik, Verlierer sind u. a. die Teile der Bewegung, die mangels Erfolg ihre prekäre Lage als trueness umlügen und damit unbemerkt zu den Wurzeln des deutschen Punks zurückkehren, das heißt, zur Erfindung des DIY-Punk durch diejenigen, die keinen Majordeal abbekommen hatten (siehe ebd.). Soll heißen: Der Grauzonenvorwurf ist vor allem sublimierte Abstiegsangst, Sprachlosigkeit vor der Kommerzialisierung des Punk und der Angst – oder vielmehr dem Eingeständnis –, in diesem Spiel den Kürzeren gezogen zu haben. Die zahllosen Semester an der Uni, auf die jeder zweite Politpunkgitarrist inzwischen verweisen kann, haben nichts genützt; man ist den holzköpfigen Oi!-Proleten trotzdem unterlegen, die mit ihren Platten in den Charts landen, in ausverkauften Hallen spielen und mit Konzerten und Merchandising wirtschaftlich erfolgreich sind.
Und so kommt das »Rote Hetzpamphlet« nicht von ungefähr in der Form einer Seminararbeit daher, mit Einleitung, Prämisse und Konklusion, schicken Zwischenüberschriften, Quellenangaben und Literaturverzeichnis. Auch wenn die infantile Schreibe mehr als zu wünschen übrig lässt, werden mit unverhohlenem Hochmut und Wir-haben-mal-studiert-und-kennen-uns-aus-Pose die Rechtfertigungspamphlete der angeklagten Oi!-Bands verrissen. Es wird deutlich, dass hier der gleiche Menschenschlag am Werk ist, auch wenn der eine Zivildienst und der andere den Wehrdienst leistete, der eine Abitur hat und der andere einen Hauptschulabschluss. Während noch in den 1980ern eine mittelständische Herkunft, Abitur und Studium für eine halbwegs ökonomisch sichere Zukunft standen, sitzt man heute mit der Unterschicht im selben Boot. Die Dünkel sind allerdings geblieben. Die Kommerzialisierungsvorwürfe und der unverhohlene Neid, auf die, die es geschafft haben, lassen die Szenewächter zu den altbekannten Faschismusvorwürfen der Autonomen greifen: Am Ende bleiben Missgunst und ein gewöhnlicher Nachbarschaftsstreit – Alltag in Deutschland.
Hagen Kolb

Anmerkungen:
1    Ein Bandmitglied der Stage Bottles war bei einem Reggaefestival in Mainz mit einem Bandmitglied der »Grauzonenband« Stomper 98 gesehen und fotografiert worden.
2    Das treibt seltsame Stilblüten: die Band Rantanplan sah sich genötigt, auf ihrer Seite eine Erklärung zu liefern, warum sie auf »Grauzonenfestivals« auftritt und begründete dies damit, »den Grauzonenbands nicht die Szene überlassen zu wollen«. Anderes Beispiel: Städtische Clubs zahlen oftmals lieber hohe Vertragsstrafen, als vereinbarte Konzerte mit den einschlägigen Bands durchzuführen. Dass es auch anders geht, zeigen die oben genannten Stage Bottles, die auf ihrer Seite eines der wenigen klugen Statements zum Thema liefern.
3    Die Vertonung des linksautonomen Bauchgefühls, Feine Sahne Fischfilet, erfreut sich nicht zuletzt aufgrund einer Promotionsaktion des Landesverfassungsschutzes von Mecklenburg-Vorpommern großer Beliebtheit in der deutschen Antifaszene. In jedem Lied der Rostocker Band gibt es entweder eine kämpferische »Message« oder Gejammer (»Ich bin komplett im Arsch, weiß nicht wohin mit mir.«). Ob es um linke Hausprojekte geht, die eine »Distel im Beton« seien oder um Flüchtlinge, die ihrer Heimat beraubt wurden (»Mit Heimat meine ich keinen Staat […] keine Nation. Mit Heimat meine ich Familie, Freunde, wo man Zukunft sieht. Wo man sich wohlfühlt«): Stets geht es um Kollektive, die den Zumutungen von rechts und oben widerstehen müssen. Dabei vermischt sich zusehends Innerlichkeitskitsch mit kampfesfreudigem Pathos. Die Band, so schrieb sie im Booklet ihres vorletzten Albums, mache »keine Kunst«. Denn das, was sie machen »soll eine Art Werkzeug sein, um unserer Wut gegenüber Rassisten, Sexisten, Homophobie und Staat eine Stimme zu geben«. Selbstverständlich wolle man »für unsere Träume und Utopien weiter kämpfen«. Ihre Auftritte sollen »Spaß machen und eine Art Krafttankstelle für den weiteren Kampf sein«. Im Lied »Antifascist Action« singt man von »Wut im Bauch und Trauer im Herzen«. Wenn man sich Antifaschismus nur als somatoforme Beschwerden vorstellen kann, ist es auch nur folgerichtig, wenn man sich mit den Meistern dieser Disziplin zusammen tut. Gemeinsam mit der gefühlsduseligen linken Schnulzenband Früchte des Zorns singt man deren unglaublich dummes Lied »Brennen«. Wenig überraschend ist dann auch der Applaus der Partei Die Linke: Für den Courage-Preis der Linksfraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern wurde Feine Sahne Fischfilet immerhin auf den zweiten Platz gewählt.
(4 )  Zitiert sei hier auch noch der schöne Satz, ebenfalls von der Webseite der RASH Stuttgart: »Der Unterdrückungsapparat der Bourgeoisie setzt weiter auf die Niederhaltung revolutionärer Kräfte durch seine Kampfhunde und das Herz der Bestie scheint hier in Stuttgart zu schlagen.«

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Im Zweifel Antisemit

Jakob Augstein, Deutschlands bekanntester Antisemit, veröffentlichte im Sommer dieses Jahres sein Buch »Sabotage: Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen«. Zur Buchvorstellung in der hallischen Thalia-Buchhandlung ließ es sich die AG »No Tears for Krauts« nicht nehmen, folgendes Flugblatt zu verteilen.

Sehr geehrte Hallenser, liebe Wutbürger, Antikapitalisten, Israelkritiker, MZ-Leser – liebe Augstein-Anhänger also!

Sie haben sich heute hier eingefunden, um dem international renommierten Judenhasser Jakob Augstein zu lauschen, vermutlich, weil Ihnen Volker Perthes zu akademisch und Stefan Kornelius zu langweilig daherkommt, kurzum: Weil Sie jemanden wie Augstein brauchen, der wie kaum ein Zweiter für den Antisemitismus der ganz besonders dummen Antisemiten steht. Höchstwahrscheinlich gehören auch Sie zur übergroßen Mehrheit der Deutschen, die empört darauf reagierte, als das Simon-Wiesenthal-Center Anfang dieses Jahres die Hetze des Spiegel-Schreibers und Herausgebers der antizionistischen Wochenzeitung Der Freitag in seine Hitliste der schlimmsten antisemitischen Verleumdungen 2012 aufnahm: Kann man denn jetzt nicht einmal mehr etwas gegen Juden sagen, ohne als Antisemit zu gelten? Und überhaupt: Klingt dieses Wiesenthal-Center nicht verdächtig jüdisch? Variationen dieser Verteidigungsstrategien, die in nahezu jeder deutschen Zeitung abgedruckt wurden, fanden Sie seinerzeit natürlich auch in Ihrer Hauspostille, der Mitteldeutschen Zeitung, die Ihnen versicherte, dass Augstein selbstverständlich kein Antisemit sei, nur ein wenig kritisch gegenüber dem Judenstaat vielleicht. Womöglich wurden Sie aber auch von der Aussicht angelockt, sich heute von Augstein agitieren zu lassen? Immerhin will dieser mit seinem Buch sabotieren und zur Entscheidung – Demokratie oder Kapitalismus? – drängen, ganz so, als wären beides prinzipiell einander ausschließende Gegensätze. Sie sollten sich dabei nicht von der albernen Abhandlung über Farbbeutel in Augsteins »Sabotage« irritieren lassen, mit welcher der Autor bloß ironisch auf die gehässigen Vorwürfe zu reagieren versucht, er sei eigentlich ein etablierter Salonsozialist; das Feuilleton wird ihm die Pseudomilitanz schon augenzwinkernd verzeihen und Ihnen hat Augstein schließlich noch viel mehr zu bieten. Was ihm nämlich als »Demokratie« vorschwebt, tat Augstein kürzlich anlässlich der Veröffentlichung seines Buches in einem Gespräch mit dem WDR ex negativo kund: »Wir sind eine sehr zivilisierte, gezähmte Gesellschaft.« Lässt sich über den Grad der Zivilisierung in Deutschland – und insbesondere in der Zone – durchaus streiten, so liegt Augstein mit der bedauernd festgestellten Zähmung vollkommen richtig: Eine solche nämlich verhindert einstweilen das Losschlagen gegen jene, die für Augstein und seine Anhänger den Kapitalismus verkörpern, also die da oben allgemein und die von Augstein in seinen Kolumnen obsessiv angegriffenen Merkel, Manager, die USA und die jüdischen Strippenzieher im besonderen. Die von Augstein eingeforderte Demokratie ist also nichts anderes als die direkte Herrschaft des Mobs, dessen entindividualisierte Bestandteile ihre »Körper auf Demonstrationen einsetzen« sollten anstatt »hinter den Schreibtischen« zu hocken. Dieser »Volkssouverän« in seiner leiblichen Unmittelbarkeit, den Augstein am liebsten bei einem »Marsch auf das Reichstagsgebäude« sich bilden sähe, ist das schaurige Gegenteil der Republik mit ihren vermittelnden Instanzen, Schreibtischen und Parlamenten. Und wenn der Volkssouverän mit seinen vielen Leibern, die zu einem einzigen riesigen Volkskörper verschmolzen sind, dann vorm Reichstag aufmarschiert ist? Dann dürfte nicht nur mittels Farbbeuteln die Abrechnung mit jenen folgen, die Augstein als sinistre Gestalten hinter der Kapitalakkumulation ausgemacht hat und das sind, na klar: »Wenn es um Israel geht, gilt keine Regel mehr: Politik, Recht, Ökonomie – wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen«. Sie beherrschen nicht nur die deutsche Politik, sie führen auch, wie der israelische Ministerpräsident Netanjahu, »die ganze Welt am Gängelband«, betreiben in Gaza ein »Lager«, in dem sie sich ihre »eigenen Gegner ausbrüten« – denn am Antisemitismus sind noch immer die Juden selbst schuld –, und sie lassen keine Gelegenheit verstreichen, friedliche Islamisten zu provozieren, wie etwa mit jenem Film über Mohammed, der vor gut einem Jahr in der islamischen Welt für Bombenstimmung sorgte und dessen Urheber laut Augstein wiederum der ewige Jude war. Die Stoßrichtung für die heutige Lesung ist also vorgegeben, indes bleibt uns doch noch etwas Häme: Denn wie bereits erwähnt, hatte Jakob Augstein mit seinem Befund der gezähmten deutschen Gesellschaft recht. Mag der Abend also auch noch so schön verlaufen, mag Augstein von noch so vielen Missetaten der Juden und ihrer Knechte erzählen: Das Pogrom fällt zum Glück aus. Sie werden also nicht ungehindert einen Marsch zum Reichstag, zur nächsten Bankfiliale oder zur örtlichen Synagoge veranstalten können, sondern lediglich mit einem schlechten Buch in der Hand nach Hause gehen.

AG »No Tears for Krauts« Halle

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Ginge es nach dem Willen des hallischen Oberbürgermeisters Wiegand, wäre der Saalestadt schon längst der offizielle Namenszusatz »Händelstadt« vorangestellt worden. Das ist durchaus verständlich, denn schließlich kann Halle als Geburtsstadt Georg Friedrich Händels mit einem glanzvollen Bürger aufwarten, der sich in Sachen Stadtmarketing recht gut verkaufen lässt. Da aber Halle nicht London ist, kann Händels Ausstrahlungskraft jährlich lediglich eine Handvoll Touristen in die Stadt locken. Deshalb beruft man sich neben Händel, der im Jahr 1703 im zarten Alter von 18 Jahren der Saalestadt den Rücken kehrte und später an der Themse zu Weltruhm gelangte, eben auch auf August Hermann Francke – jenen in Halle weltberühmten Pfarrer, der fünf Jahre vor dem Wegzug Händels am Rande der Stadt eine pietistische Erziehungs- und Arbeitsanstalt ins Leben rief. Den diesjährigen 350. Geburtstag des Gründers der Franckeschen Stiftungen, die heute u. a. Teile der hallischen Universität beherbergen, begeht die Stadt mit einem Jubiläumsjahr, das sich gewaschen hat. Da ein Pfarrer dem anderen bekanntlich kein Auge aushackt, eröffnete am 23. März mit einer Festrede kein geringerer als der höchste Mann im Staat die Feierlichkeiten. Darin sicherte er Francke nicht nur eine Rekordmeisterposition in der »Champions League der großen Innovatoren unseres Landes«, sondern adelte auch, ganz staatsantifaschistisch, die Stiftungen als Ausgangspunkt einer »preußisch-pietistische[n] Traditionslinie […], die sich im Mut und dem Wertebewusstsein der Widerständler […] vom 20. Juli 1944« verbinden würde. Neben der Schirmherrschaft und Schützenhilfe durch Bundespräsident Gauck gab es außerdem eine Sonderbriefmarke zu Ehren des Pietisten, die Stadt wartet mit mehr als 500 [!] geplanten Veranstaltungen auf, und die Franckeschen Stiftungen wollen endlich Nägel mit Köpfen machen. Spätestens 2016, so der fromme Wunsch, sollen sie sich auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO wiederfinden, weshalb eine Viertelmillion Euro aus dem Landestopf sowie ein sogenanntes »Nomination-Team« – bestehend aus Kultusminister Dorgerloh, Kultusstaatsministerin Cornelia Pieper und dem hallischen Oberbürgermeister – Unterstützung leisten sollen. Bei soviel Schützenhilfe durch die Autoritäten verwundert es kaum, dass die lokalpatriotische Journaille angesichts des angekündigten Jubiläums außer Rand und Band geriet. So halluzinierte sich der Mitteldeutsche Rundfunk Ende Januar auf seiner Homepage fröhlich und von der historischen Realität völlig unberührt eine »Bedeutung der Stiftungen für die Menschheitsgeschichte« [!] herbei und behauptete, »Franckes Idee war eine gleichberechtigte Bildung für alle Kinder, unabhängig ihrer sozialen Herkunft«. Die Mitteldeutsche Zeitung vom 23. Januar konstatierte, dass »seine Visionen […] aktueller denn je« seien. Im Wochenspiegel vom 20. Februar war zu lesen, dass »Francke gut mit Menschen konnte«. Und Zachow, das nach einem hallischen Barockkomponisten benannte Stadtmagazin für die mittelständische Kulturmafia, widmete dem »Visionär« Francke seine Märzausgabe, in der dem »Geist Franckes« nachgespürt und einer »emotional[en] Würdigung, Rück- und Neubesinnung auf Franckes Lebenswerk« das Wort geredet wurde, nachdem man den weltfeindlichen Drill der Pädagogik Franckes (immerhin) zur Kenntnis genommen hatte. Dass Franckes Vision keineswegs »gleiche Bildung für alle« beinhaltete, dass er entgegen der landläufigen Meinung weder barmherziger Samariter noch Wundertäter und Kinderfreund war, ließ sich bereits vor mehr als zwei Jahren an dieser Stelle nachlesen (vgl. Knut Germar: Der Schinder von Glaucha, in: Bonjour Tristesse 11). Angesichts der Franckeschen Feindschaft zur europäischen Frühaufklärung um Christian Wolff, angesichts des Franckeschen Pietismus, der das Fundament einer Idee des Gemeinwesens legte, die fleißig daran mitarbeitete, die Herausbildung einer freien, bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland zu verhindern, und angesichts der damit verbundenen Zurichtung der Kinder für die pietistische Sache, schlugen wir damals vor: »Es wäre durchaus im Sinne einer kreativen Stadtentwicklung, die Franckeschen Stiftungen, jenes hallische Schandmal schwarzer Pädagogik, bis auf die Grundmauern abzureißen. An ihrer Stelle wäre ein großflächiger englischer Garten anzulegen, der nicht nur ein Mahnmal für die gequälten Kinder der Anstalten beherbergt, sondern auch ein längst überfälliges Christian-Wolff-Denkmal, der im öffentlichen Bewusstsein der Stadt nach wie vor unterrepräsentiert ist.« Dem ist nichts hinzuzufügen.    [knut]

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Phantomjäger_innen

Der Arbeitskreis que(e)r einsteigen des hallischen Studierendenrats veranstaltet seit einigen Jahren Vorträge von Wissenschaftlern für angehende Wissenschaftler rund um die Queer-Theorie. Zum diesjährigen »Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie«, der im Mai stattfand, haben sich die AK-Mitglieder_innen etwas ganz Neckisches einfallen lassen. In einem Schreiben vorab informierten sie darüber, dass sie auf dem Marktplatz eine »›diskriminierungsfreie Zone‹« einrichten wollen, in der es – kein Witz – »Spiel, Spaß und Informationen« geben solle. Der Arbeitskreis rief Studierende dazu auf, »typische Alltagsgegenstände« abzugeben, an der die »strikt zweigeschlechtliche Organisation der Gesellschaft« gezeigt werden könne. Die »Kosmetik-Verpackungen« und »Cola-Dosen (der Klassiker: Cola light für die ›Damen‹ und Cola zero für die ›Herren‹)« sollten dann in einer Ausstellung auf dem Markt präsentiert werden. Wie im Aufruf wurde auch am Aktionstag nicht deutlich, was die »Zone« und die Alltagsgegenstände mit einem Kampf gegen Homo- und Transphobie zu tun haben. Ein kleiner Pavillon bildete die »diskriminierungsfreie Zone«, in der einige Gestalten auf Gartenstühlen saßen und sich anschwiegen. Wer hier wovor und vor wem geschützt wurde – vielleicht die Fußgänger auf dem Marktplatz vor den Insassen der Zone, deren Langeweile ansteckend wirkte – war nicht erkennbar. Die Ausstellung beschränkte sich auf ein Regal mit den »typischen Alltagsgegenständen«: Shampoo und Deo für Sie und Ihn, Yogurette (für diese Schokoladensorte würde eine Frau Werbung machen, die auf Diät sei, erklärte eine Ausstellungsmacherin) und Herrenschokolade, Barbies und Spielzeug-Autos. Mit der Unterteilung der Produkte in weiblich und männlich kritisiert der AK que(e)r einsteigen neben der »Rollenverteilung« auch eine Diskriminierung, die weitere Geschlechter betrifft. Die Frage, ob nicht ein Unisex-Deo Abhilfe leisten könnte, so dass alle gleich röchen, beantworteten die Aktivistinnen nicht.
Nun kann man die bunte Warenwelt dafür kritisieren, dass sie Rollenbilder zur Positionierung und Vermarktung ihrer Produkte aufgreift. Mit der gesellschaftlichen Realität hat diese Kritik jedoch wenig zu tun. Nicht nur in der Kleidung haben sich Frauen und Männer stark angeglichen, auch die Frisuren sind häufig ähnlich. Prototyp des Erscheinungsbildes sind die Queer-Aktivistinnen mit ihren Military-Frisuren und ihren ausgebeulten Armyhosen sowie verwaschenen T-Shirts selbst. Nicht nur das Äußere zeigt, dass man nicht mehr von einer »strikt zweigeschlechtlichen Organisation der Gesellschaft« ausgehen kann. Die Chancen, sich erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen, sind für Mann und Frau nahezu gleich. Und auch die Kindererziehung muss schon lange nicht mehr nur an Mutti hängenbleiben: Auch Vati darf im Elternjahr zuhause bleiben, und ihm werden sukzessive die gleichen Rechte zugesprochen. Der AK que(e)r einsteigen kritisiert etwas, das es nicht mehr gibt. Die Queeristinnen jagen einem Phantom hinterher und nennen es ihren Beitrag gegen Homo- und Transphobie. Wir wünschen: Waidmanns Heil!    [msd]

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My waste – your taste

Es zählt wohl unbestritten zu den Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation, dass das Einnehmen der täglichen Mahlzeiten nicht mehr nur dem Überleben dient, sondern angesichts arbeitsteiliger Gesellschaft, weltweiten Warenverkehrs und des allgemein gestiegenen Lebensstandards auch Genuss bedeuten kann. Dass weite Teile der Bevölkerung dank Mensa-Sprintmenü und der Unfähigkeit, auch nur einfachste Zutaten sinnvoll miteinander zu kombinieren, dennoch meist nicht besser speisen als ihre Vorfahren im Kohlrübenwinter, ändert nichts an der Richtigkeit dieser Feststellung. Der Nebeneffekt einer dauerhaft gut bestückten Küche ist, dass eine gewisse Menge an gekauften Lebensmitteln verdirbt, vergessen wird oder schlicht nicht schmeckt und deshalb in der Mülltonne landet. Wer mag schon matschige Tomaten? Wer isst schon gern harte Brotkanten? Und wer achtet wie besessen auf das Mindesthaltbarkeitsdatum? In Presseberichten kursieren über den Anteil des in Deutschland weggeworfenen Essens teilweise die absurdesten Zahlen. Je linker eine Postille, so scheint es, desto mehr geht die Fantasie mit den Schreibenden durch, so dass viel darauf hindeutet, dass die Lust am Lebensmittelmüllberg proportional zur eigenen Verzichtsethik steigt. Kaum ein Artikel kommt ohne die Anklage aus, mit dieser »Verschwendung« Verantwortung für Hungersnöte in den Armutszonen der Welt zu tragen. Dass die Erde bei vernünftiger Bewirtschaftung noch weit größere Bevölkerungszahlen als die gegenwärtige ernähren könnte, wollen all jene nicht wissen, deren Hass auf Wohlstand, Luxus und das eigene Dasein so weit geht, trotz ausreichenden Einkommens in den Mülltonnen der Supermarktketten herumzuwühlen und der Welt voller Stolz zu berichten, welch Schätze sich in den stinkenden Behältern gelegentlich finden lassen. Dass es sich bei diesen linksgrünen Erdenrettern um dieselben Leute handelt, die einer gentechnischen Veränderung von Pflanzen zur Ertragssteigerung im besten Fall nur »kritisch« gegenüberstehen, sei hier nur am Rande erwähnt. Für dieses Klientel ist ohnehin klar: Nicht etwa gescheiterte Staaten und herrschende Rackets an der Peripherie, Naturkatastrophen oder die innere Logik des Kapitalismus, der nicht verwertbare Menschen entsorgt wie fauliges Obst, sind Urheber von Mangelernährung, Krankheit und Verderben, sondern der Drittklässler, der sein Roggen-Dinkel-Sandwich nach zwei Bissen in die Rabatte schleudert. Sich von dem zu ernähren, was andere wegwerfen, gehört, anders als für die armen Teufel in den abgehängten Slums der Trikontmetropolen, in mitteleuropäischen Breiten zu großen Teilen zum »radical chic« überwiegend jener Bevölkerungskreise, die mit Armut so viel zu tun haben, wie Chinanudeln mit der Küche Südostasiens. Das, was als antikapitalistische Praxis in deutschen Großstädten mittlerweile zu einer Sportdisziplin geworden ist, führt zu einem regen Treiben vor den vielversprechendsten Tonnen, bei dem – welch Überraschung – nur jene gewinnen, die zu den schnellsten, fittesten und informiertesten Mülltauchern gehören.
Wohl angesichts dieser sich zunehmend zuspitzenden Versorgungslage entwickelte eine Kölner Initiative – ein buntes Potpourri aus Irgendwas-mit-Medien-Leuten, Entwicklungshelfern, Tierrettern und abgehalfterten Volkspädagogen – eine Internetseite (www.foodsharing.de), über die übriggebliebenes Essen verschenkt werden kann. Die Idee ist schnell erklärt: Person A hat vier Äpfel, braucht aber nur drei und stellt einen zur Abholung ins Internet. Person B – zufällig ganz in der Nähe – braucht einen Apfel, kann oder möchte nicht 30 Cent beim Händler dafür ausgeben und schaut auf der genannten Internetplattform nach verfügbarem Kernobst. Er kontaktiert Person A, ein Treffpunkt wird ausgemacht und der Apfel wechselt den Besitzer. Mit diesem revolutionären Gedanken wollen die Initiatoren »einen neuen Weg beschreiten, um Lebensmittelverschwendung einzudämmen.« Doch eine bekloppte Idee muss man nicht nur haben, man muss sie auch begründen. Die dabei am häufigsten auftauchenden Worte sind erwartungsgemäß »Wegwerfmentalität«, »Bewusstsein«, »Ressourcen«, »Hunger«, »ökologisch«, »ethisch« und »nachhaltig«. Die Organisatoren sprechen bei den über die Webseite weitergegeben Resten tatsächlich von »geretteten Lebensmitteln«. Bei so viel staatsbürgerlichem Engagement wundert es auch nicht, dass die Initiative neben den üblichen NGOs – Erschaffer und Profiteure des schlechten Gewissens gleichermaßen – auch vom Verbraucherschutzministerium Nordrhein-Westfalen unterstützt wird. Das solch eine Initiative auch ohne staatliche Unterstützung in einem sich zunehmend antikapitalistisch gerierenden Deutschland erfolgreich sein wird, steht – obwohl die Anzahl der »Essenskörbe«, so die euphemistische Bezeichnung für die zu vergebenden Naturalien, insbesondere in Sachsen-Anhalt noch recht überschaubar ist – außer Frage. Protestantische Verzichtsethik, tiefsitzender Hass auf das Geldwesen und ökologische Indoktrinierung haben ihre Spuren hinterlassen.
Dabei galt der Überfluss den Menschen lange Zeit als ein zu erstrebendes Ideal, nicht umsonst ist in der Bibel vom »Land, in dem Milch und Honig fließt« als Chiffre für das Paradies die Rede. Die Zeiten, in denen die Menschen danach strebten – bei aller Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens –, diesen Zustand bereits zu Lebzeiten zu erreichen, sind jedoch leider vorbei. Die Initiative Foodsharing ist Ausdruck einer allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz, die Ausschweifung und Luxus verurteilt und penetrant mit Öko- und Ethikterror noch in die privatesten Nischen einzugreifen versucht. Ginge es nach den Foodsharern, den grünen Apologeten eines CO2-neutralen Lebens und den bärtigen Irren in ihren klimaunschädlichen Lichtaktiv-Häusern, hätte sich der Mensch höheren Idealen unterzuordnen. Nicht mehr das Streben nach individuellem Glück, was auch immer unter diesem notwendig unscharf bleibenden Begriff verstanden wird, soll im Zentrum des eigenen Handelns stehen, sondern die Unterordnung persönlicher Bedürfnisse unter den Zeitgeist. Gegen eine solche Welt, gegen die Demütigung, sich bei wildfremden Menschen melden zu müssen, um sich 200 Gramm Paniermehl (zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels verfügbar in 06434, Aschersleben) durch den Türspalt reichen zu lassen, sind die an gewisse Regeln gebundenen Termine bei der Agentur für Arbeit das reinste Antidepressivum. Während es sich beim Abholen der Stütze um ein verbrieftes Recht handelt, dass der Staat und insbesondere seine bisweilen übereifrigen Erfüllungsgehilfen zwar selbstverständlich immer wieder aufzuweichen versuchen, erinnert das freundliche Anbieten nicht mehr gebrauchter Lebensmittel an völlig willkürlich bereitgestellte Opfergaben. Das über Foodsharing organisierte Entgegennehmen von Essensresten ist das Äquivalent des entwürdigenden Herumwühlens in Mülltonnen auf der Höhe der Zeit. Dass die autonome Linke zum Bestücken ihrer »Volxküchen« das »Containern« einst gesellschaftsfähig machte, tja, darauf einen »Getreideriegel Apfel-Traube«. Abzuholen in der Wilhelm-Raabe-Str. 7, 39108 Magdeburg.    [mab]

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Ein Skandal, der keinen interessiert

Am 6. Juli 2013 sollte in Halle eine Nazidemo stattfinden. Hierzu versammelten sich rund 90 Nazis am Hauptbahnhof und laut Polizeiangaben rund 900 Gegendemonstranten in der Nähe. Zur Freude der Nazigegner konnten jedoch die Nazis keinen Schritt laufen. Schnell erklärten sich die Antifaschisten zu den Siegern des Tages. Offensichtlich ist jedoch, dass dieser Erfolg nicht nur ein Verdienst der Gegendemonstranten war. Vielmehr sorgte die Polizei willkürlich für das Nicht-Stattfinden der Demonstration, da bei Befolgen des Versammlungsgesetzes die Nazidemo hätte stattfinden müssen. So hätte die Polizei die Demonstration nur absagen dürfen, wenn die öffentliche Sicherheit oder Ordnung im Sinne des Paragraphen 15 Versammlungsgesetz bei Durchführung der Demonstration unmittelbar gefährdet gewesen wäre. 90 Nazis, umstellt von Polizisten, gefährden jedoch nicht die Sicherheit von tatsächlich nur 600 Gegendemonstranten. Schon allein die zahlenmäßige Überlegenheit der Nazigegner lässt eher eine Gefährdung der Nazis vermuten. Den Nazis den Weg freizumachen, hätte bei einer so geringen Zahl an Gegendemonstranten für die Polizei keine Schwierigkeit darstellen dürfen. So hat beispielsweise die Polizei in der Vergangenheit häufiger unter Beweis gestellt, dass das Räumen blockierter Kreuzungen in diesen Größenordnungen für sie kein Problem darstellt. Auch ist die Polizei davon ausgegangen, dass die Zivilgesellschafter nicht besonders gewaltbereit sind. Dafür spricht, dass die Polizisten ohne Helme herumliefen und sich lieber sonnten, als die Gegendemonstranten zu beaufsichtigen. So gab es am 6. Juli keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, so dass die Absage der Nazidemo nicht gerechtfertigt gewesen ist. Es muss also andere Gründe geben haben. Offensichtlich muss es entweder Absprachen zwischen der Stadtverwaltung und der Polizei gegeben haben oder die Polizei hat ein Ohr an den Geist der Zeit gelegt. Sowohl die Stadtverwaltung als auch die Polizei standen nämlich unter Druck, den Spiegel-Artikel, welcher Halle als »Nazi-Hochburg« bezeichnete, zu widerlegen. Da es vielen Hallensern missfiel, in die rechte Ecke gestellt zu werden, mussten die Stadtoberhäupter irgendwie beweisen, dass Halle keine Nazihochburg ist. So kam die Ankündigung der Nazidemo gerade gelegen. Hier konnte man endlich vorführen, wie bunt Halle angeblich sei. Absprachen zwischen Stadtverwaltung und Polizei und die Wahrnehmung völkischer Belange sind aber nicht nur in Halle ein Problem. Vielmehr handelt es sich hier um eine bundesweit langgeübte Praxis. Diese Arbeitsweise dient zum einen im konkreten Fall der Verbesserung des Stadtimages, zum anderen regelmäßig der Umgehung des gerichtlichen Weges. Auch in Halle war den Stadtvätern von Anfang an klar, dass das Erlangen eines verwaltungsgerichtlichen Urteils zur Verhinderung der Nazi-Demo scheitern werde und nur noch der Gebrauch des Polizeirechts helfen kann. So führt diese Strategie stets zur Verletzung von Rechten. Der eigentliche Skandal ist, dass sich niemand daran stört und diejenigen es skandalisieren, die die zweifelhafte Funktion des Rechts kennen.    [bas]

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Don’t Worry, Be Curry

Es gibt verschiedene Methoden, sich und der Welt zu versichern, dass man bereit ist, jegliche Schinderei duldsam hinzunehmen. Man kann sich einen Rosenkranz aufsetzen und den Rücken wund peitschen oder man besteigt einen Achttausender, um Nahtod-Erfahrungen zu machen und Zehenglieder zu verlieren. Eine andere Möglichkeit, die eigene Schmerztoleranz unter Beweis zu stellen, nahmen in Halle acht Teilnehmer eines Schärfewettbewerbs wahr, der vom Imbisslokal Curry 15 ausgerichtet wurde. Als Gewinn lockte ein iPhone. In zwölf Runden wurden dort den Teilnehmern Currywürste mit immer schärferen Saucen serviert. Zur Milderung des Leidens standen während der gesamten Tortur lediglich drei Toastbrote zur Verfügung. Wer einen Schluck der bereitgestellten Milch trank, war raus.
Die Stadien der Pein wurden in Scoville, einer Maßeinheit für Schärfe, bemessen. Begonnen wurde mit 11.000 Scoville. Das entspricht ungefähr der Schärfe der auf Chili-Basis beruhenden Gewürzsauce Sambal Oelek. In den folgenden Runden wurde es dann deutlich schärfer. Doch trotz tränender Augen, laufender Nasen, brennender Münder und Mägen sowie tauber Lippen wehrten sich die Teilnehmer gegen den erlösenden Griff zum Milchglas. Erst bei der 400.000-Scovillemarke, vergleichbar mit dem Biss in eine extrem scharfe Chilischote, hatten die ersten Erbarmen mit sich und gingen. Um solche Marter auszuhalten, reicht guter Wille allein nicht aus. Es bedarf der kontinuierlichen Selbstzurichtung. Stolz berichtete deshalb der Teilnehmer René: »Ich habe zuhause selber auch 500.000 bis 1.000.000 Scoville und die mache ich mir regelmäßig auf die Pizza drauf.« Solche Essgewohnheiten, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen, haben freilich wenig mit dem Genuss eines gut gewürzten Chili con Carnes gemeinsam. Es geht vielmehr um das Anpassen des Körpers an immer höhere Schmerzgrenzen und die Zurschaustellung der eigenen Leidensfähigkeit. René resümierte deshalb: »Man ist es gewohnt«. Durchhalteparolen begleiteten dementsprechend die Veranstaltung: »Es geht noch«, »Das halten wir noch ’ne Weile durch« und »So schlimm ist es nicht«, beschworen die Wettbewerber abwechselnd. Wie schlimm es wirklich war, zeigt der Umstand, dass der Kreislauf der Teilnehmer während des Wettkampfes ständig überwacht wurde.
Doch die Unnachgiebigkeit zahlte sich aus. Die Teilnehmer rangen sich Leistungen ab, denen Ernst Jünger höchsten Tribut gezollt hätte. 4.000.000 Scoville – ein handelsübliches Pfefferspray misst 2.000.000 Scoville – mussten geschluckt werden, damit endlich der Letzte aufgab. Am Ende übergab sich der Sieger, für den Zweitplatzierten wurde der Notarzt geholt und der Dritte spürte seine Hände und das linke Bein nicht mehr. [uzi]

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Linke Gesinnungspolizisten

Jena ist das Freiburg der Zone. Die Stadt rühmt sich selbst damit, grün, links, alternativ und vor allem weltoffen zu sein. Zu diesem Image passt die linke Gesinnungspolizei im Studierendenrat (Stura), die überwacht, wer im Ort reden darf und wer nicht. Mitglieder und Anhänger der Liste mit dem kreativen Namen Stur-A-aktiv sorgten im Gremium mehrmals mit ideologischen Vorbehalten dafür, dass Finanzierungsanfragen für Vorträge abgelehnt wurden. So brachte im Sommer dieses Jahres das Stura-Vorstandsmitglied Johannes Struzek folgenden Antrag ein, der wohl auch jederzeit auf weitere Einzelpersonen und Gruppen ausgedehnt werden könnte: »Die Studierendenschaft fördert und veranstaltet keine Veranstaltungen, zu denen Justus Wertmüller, Lars Quadfasel oder Fathiyeh Naghibzadeh eingeladen werden.« Letzten Endes wurde über den Grundsatzbeschluss nicht abgestimmt, was einem Anflug von Restvernunft zu verdanken sein dürfte, der diesen Verein in buchstäblich letzter Minute ereilte. Dass ein solcher Antrag überhaupt eingebracht werden kann, zeigt jedoch, was dieser Zensurbehörde zuzutrauen ist. Mit Sicherheit hat er zumindest einer sturen Aktivistin aus dem Herzen gesprochen. Carola Wlodarski-Simsek, Kulturreferentin des Sturas, setzte sich bereits vor zwei Jahren für einen sauberen Diskurs in Jena ein und verhinderte einen Vortrag Wertmüllers. Kultur-Carola behauptete damals, dass der eingeladene Referent Rassist sei, wie einem Stura-Protokoll zu entnehmen ist: »Carola erinnert sich an den Kriegert-Vortrag [gemeint ist der Autor Stephan Grigat; mm]. Der war ›widerlich‹, sie ist deswegen zwischendurch gegangen und Wertmüller spielt in der gleichen Liga. Das sind Rassisten und außerdem islamophob.« Um die Ablehnung des Antrages zu begründen und die »Islamophobie und die rassistischen Aussagen des Justus Wertmüller« zu belegen, wurden dem zum Rapport bestellten Stura-Referenten, der für die Vortragsfinanzierung verantwortlich war, völlig aus dem Zusammenhang gerissene Zitatfetzen des Beschuldigten vorgelegt, zu denen er sich zu äußern hatte. Von einem Stur-A-ktiv-Mitglied der Gesinnungsprüfungskommission musste er sich laut Protokoll die Frage stellen lassen, ob »er es für sinnvoll (halte), Rassist_innen in der Uni sprechen zu lassen«, bevor die Finanzierung endgültig abgelehnt wurde.
Im Sommer dieses Jahres wiederholte sich dieses Schauspiel nach dem gleichen Muster. Ein Verein, der traumatisierte Flüchtlinge betreut, hatte Fathiyeh Naghibzadeh eingeladen, um sie zum Thema »Heilige & Staatsfeindin zugleich – Frauen im Iran« sprechen zu lassen. Die Kulturreferentin Wlodarski-Simsek diskutierte mit den Stimmberechtigten des zuständigen Gleichstellungsreferates über eine Förderung, die letztendlich verweigert wurde. Grund für die Stura-Fatwa gegen Naghibzadeh dürfte ihre ausgesprochen islamkritische Position sein, die sie bei einem früheren Vortrag in Jena gegenüber deutschen Konvertitinnen zum Ausdruck brachte. Der neuerliche Antrag der »Diskursdomina« (Jungle World), der zur Förderungsablehnung führte, liest sich wie ein Stasi-Dossier mit zusammengetragenen Informationen aus dritter Hand: Fathiyeh Naghibzadeh sei »in der deutschen Bewegung iranischer Exil-Oppositioneller, beim ›Mideast Freedom Forum‹ und der Kampagne ›Stop The Bomb‹ aktiv«. Letztere stünde für eine Position, wie sie Stephan Grigat, einer der Exponenten der Kampagne, während eines Vortrages in Jena formuliert haben soll. Damals hätte er Präventivkriege für »eine sinnvolle und gute Sache« befunden. Die eingeladene Referentin unterstütze ebenso »völkerrechtswidrige Angriffskriege« und unterfüttere ihren Bellizismus mit »antimuslimisch-rassistischen Argumentationsfiguren«. Das Mideast Freedom Forum, so Wlodarski-Simsek in ihrem Antrag weiter, suche das Bündnis mit »Kriegstreibern«, »FBI-Typen, Kriegspropagandisten, Lobbyisten, Militaristen usw.«. Es verstoße gegen die Satzung des Stura, »wenn Organisationen beziehungsweise Gruppen von einem Referat des Studierendenrates eingeladen beziehungsweise unterstützt werden, die sich aktiv für einen Angriffskrieg gegen einen Staat [gemeint ist der Iran; mm] einsetzen, in dem zwar Menschenrechtsverletzungen stattfinden (keine Frage), von dem aber ansonsten nicht im geringsten jemals eine militärische Aggressionshandlung ausgegangen ist«. Diese mit Dummheit und Verschwörungstheorie gepaarte Unwissenheit war nicht nur in der Universität Erfolgsgarant. So zog das Koordinierungsbüro des Jenaer »Stadtprogramms gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Antisemitismus und Intoleranz« seine bereits zugesagte Unterstützung für den Vortrag zurück. Schlussendlich konnte dieser nur dank privater Spenden stattfinden.
Die Vernichtungsandrohungen der Mullahs aus Teheran gegenüber Israel sind für das prototypische Stur-A-ktiv-Mitglied Wlodarski-Simsek »sprachliche Entgleisungen«, die »nun wirklich nicht als militärische Aggression gezählt werden« könnten. Diese Verharmlosung sollte nicht weiter verwundern, schließlich war sie lange Zeit Redaktionsmitglied der Jenenser Zeitschrift Unique, in der Interviewte schon mal Israelis als Nazis beschimpfen können. [mm]

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Pest oder Cholera

Es gehört zur Psychologie des Lokalpatriotismus, aufgrund des insgeheimen Wissens von der eigenen Bedeutungslosigkeit für die Welt ständig zu verkünden, wie einzigartig, interessant und unvergleichlich die eigene Scholle sei. Zum Leidwesen des Lokalpatrioten ist die Welt jedoch nur mäßig an solchen Erklärungen interessiert. Da er – vor allem wenn er in Sachsen-Anhalt sein Dasein fristet – außer miserablen Arbeitsmarktstatistiken, horrend hohen Abwanderungsquoten, schrumpfenden Städten und Nazischlägern nur wenig vorweisen kann, das seine Region über die Landesgrenzen hinaus bekannt machen könnte, sind die inbrünstig vorgetragenen Liebesschwüre vor allem Selbstversicherungen. Wer in der Gegenwart nichts besitzt, das auch ein künftiges Verharren auf der Scholle als vernünftig rechtfertigen könnte, schaut in die Vergangenheit und beruft sich auf die Tradition. Oder er erklärt das unappetitliche Mit- oder vielmehr Gegeneinander seiner ihm bis zur Ununterscheidbarkeit gleichenden Mitmenschen zum Ausdruck einer historisch gewachsenen und einzigartigen Kultur, die die Welt gefälligst zu respektieren habe. Beide Rückgriffe liefern die Legitimation weiter im eigenen Saft zu schmoren, indem sie der eigenen Unfähigkeit, als Individuum sein Glück wenigstens zu versuchen, höhere, weil gemeinschaftliche Weihen verleihen.
Die lokalpatriotische Mischung aus an Größenwahn grenzender Selbstüberschätzung, erfundener Tradition und Kultur sowie Gemeinschaftshype bildeten dann auch, ergänzt durch einen handfesten Rechtsstreit, die Zutaten einer sommerlichen Provinzposse. Der Hintergrund: Die sachsen-anhaltischen Städte Halle und Eisleben, streiten sich seit einigen Jahren verbissen darüber, welcher der beiden Orte denn nun den Titel »Größtes Volksfest in Mitteldeutschland« für sein jährliches Stadtfest reklamieren darf. In der Auseinandersetzung geht es jedoch weniger um schnell überprüfbare Fakten wie Besucherzahlen oder die Anzahl von Fressbuden und Fahrgeschäften. Zentral ist vielmehr die gegenseitige Abgrenzung voneinander, durch die sich Lokalpatrioten ja überhaupt erst zu Kollektiven formieren. Die Waffen, die beide Städte gegeneinander ins Feld führen, heißen Kultur und Tradition. Im Mansfelder Land, wo sich Kultur auf das Komikerduo Elsterglanz begrenzt, setzt man vor allem auf die Geschichte. Schließlich hat die Lutherstadt Eisleben als Geburts- und Sterbeort des großen deutschen Reformators wenigstens einen Sohn, der über die sachsen-anhaltischen Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Auch bei der jährlichen Kirmes zieht man die historische Karte und beruft sich auf eine bis in die früheste Neuzeit reichende Tradition, erteilte doch Karl V. ein Vierteljahrhundert vor Luthers Ableben der Stadt die kaiserliche Erlaubnis, auf einem Acker vor der Stadt einen Vieh- und Ochsenmarkt abzuhalten. Seit 1521 veranstaltet die Mansfeldmetropole deshalb jedes Jahr im September den Eisleber Wiesenmarkt, auf dem sich seit damals – abgesehen von einem enormen Zuwachs an Fläche, Fressbuden, Fahrgeschäften und Besuchern – nichts wesentliches geändert haben dürfte.
Die Saalestadt hingegen setzt beim jährlichen Laternenfest verstärkt auf Kultur, was sicherlich auch dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass ein 1928 vom Halleschen Wirtschafts- und Verkehrsverbund ins Leben gerufene Stadtfest historisch weit weniger hermacht als das Dekret eines Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Man wolle vor allem »ein Fest von Hallensern für Hallenser« ausrichten und biete den Besuchern ein »Konzept mit mehr regionaler Kultur«, ließ das kommunale Veranstaltungsbüro im Vorfeld des diesjährigen Festes in der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) verlauten. Kaum verwunderlich, wenn angesichts lokalpatriotischer Steilvorlagen aus der Stadtverwaltung hiesige Lohnschreiber auf den Zug aufspringen und sich in ihrem Abgrenzungsbedürfnis gegen die Konkurrenzveranstaltung in Eisleben gegenseitig zu übertrumpfen suchen. »Ein Volksfest für Halle«, überschrieb beispielsweise MZ-Autor Michael Falgowski seinen Artikel zum Laternenfest und hielt darin fest, was für ihn das Alleinstellungsmerkmal ist: »Während andernorts auswärtige Schausteller mit ihren Fahrgeschäften den Reiz eines Volksfests ausmachen, haben die Macher und Akteure des Laternenfests vor allem eins gemeinsam: Sie sind Hallenser.« Man richtet vielleicht nicht das größte Fest in der Region aus, aber wenigstens mischen im Gegensatz zu Eisleben in Halle keine Fremden mit, so dass man ungestört unter sich sein kann. »Das Laternenfest ist eine Liebeserklärung der Hallenser an ihre Stadt und die Region«, behauptete kurz vorher der Leiter der halleschen MZ-Lokalredaktion Gert Glowinski und schoss den Vogel ab, indem er, angesichts der Bedeutungslosigkeit der Saalestadt und damit auch der eines hallischen Lokalredakteurs, dem Größenwahn verfiel: »Nicht auf einer Wiese wird hier gefeiert, sondern mitten in einer bedeutenden Kulturlandschaft: Am Fuße des Sehnsuchtsorts der deutschen Romantik, der Burg Giebichenstein, wird jedes Jahr im August ein Fest veranstaltet, das vielleicht nicht das größte im Land Sachsen-Anhalt ist, aber sicher das großartigste. Denn es bietet mehr als das übliche Rumtata, mehr als abendliches Besäufnis.« Wer – nur weil Eichendorff in Halle studierte und ein fades Gedicht über sie schrieb – aus der Burg Giebichenstein den Sehnsuchtsort der deutschen Romantik macht, der schafft es auch, in einem Volksfest mehr zu sehen als die zu erwartende Kirmes-Halligalli mit Alkoholmissbrauch zu Rummel-Beat. Spaß gibt’s hier nur am Rande, auf dem Laternenfest geht es um das höchste deutsche Gut: »Hier geht es oft wirklich um Kultur, wenn hallesche Musiker und Künstler auftreten«, versucht Glowinski seine Leser zu überzeugen.
Seinen vorläufigen Höhepunkt fand der lokalpatriotische Schwanzvergleich zwischen Halle und Eisleben im August. Das Landgericht Halle untersagte nach einer Klage des städtischen Eigenbetriebs Märkte der Lutherstadt Eisleben dem Betreiberverein des Laternenfestes, weiterhin mit dem Zusatz »Größtes Volksfest in Mitteldeutschland« zu werben. Trotz des Vorhandenseins eines juristischen Siegers und Verlierers stellt der Ausgang des Streits eine Win-win-Situation dar. Die Kleinstadt Eisleben, die sich auf der Wiesenmarkt-Homepage damit brüstet, »dies ein für allemal« geklärt zu haben, hat jetzt nicht nur ein amtlich bestätigtes Alleinstellungsmerkmal für ihre Kirmes. Sie kann auch die nächsten Jahre davon zehren, der Großstadt einmal richtig Bescheid gegeben zu haben. Halle hingegen freute sich aufgrund der öffentlichen Berichterstattung über die Schlappe über zusätzliche Werbung. Und die Autoren der MZ konnten das diesjährige Sommerloch ein wenig auffüllen. An der vollkommenen Bedeutungslosigkeit der einzelnen Beteiligten wird sich trotzdem nichts ändern. [knut]

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gern nehmen wir Euer Angebot an und senden Euch eine »kurze Notiz« mit »nicht vollständigen Gedanken und Überlegungen«. Nur eine »kurze Notiz«, aus Desinteresse an einem »eigenen Vortrag«, den Ihr allen mit »Interesse an einem eigenen Vortrag« anbietet zu organisieren. Es müsste nach Eurem Wunsch ohnehin ein Vortrag sein, der seiner »Form nach an professionell organisierten Vortragsreihen scheitern muss«, also auch an den »Antifaschistischen Hochschultagen«, bei denen »halbprofessionelle Referenten« oft »genug unerschütterlich ihre fertige Gesellschaftskritik präsentieren«, die vom »Geist der intellektuellen Autorität«, der »vom institutionalisierten Philosophiebetrieb« ausgehe, »praktisch durchdrungen« ist. Ein Vortrag also, der »nicht den Schein der vollkommenen, einzelnen Bildung sondern vor allem das Gespräch zum Zentrum der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft« macht. Anfänglich schien es uns auch verlockend, einen »unprofessionellen« Vortrag als vollprofessionelle Referenten zu halten, einen ohne jede »intellektuelle Autorität«, aber praktisch durchdrungen vom unerschütterlichen autoritären Ungeist, der vom im eigenen Kopf institutionalisierten Philosophieinstitut ausgeht, also einen Vortrag voll verkümmerter Gesellschaftskritik, wie ihr ihn Euch wünscht. Schlichtweg weil solch ein Vortrag uns die quälende Mühe erspart hätte, unsere eigenen Gedanken zu »vervollständigen«, auch wenn wir ob des angeordneten Grades an Professionalität etwas verunsichert waren. Aber dann mussten wir feststellen, dass wir angesichts eurer »Domino«-Vorträge »scheitern müssten«, eben weil wir den »Schein der vollkommenen, einzelnen Bildung« (»vollkommen und einzeln« im Hegelschen Sinne des institutionalisierten Philosophiebetriebes?) nicht in die Peripherie, also nicht aus dem »Zentrum«, eigentlich überhaupt nicht hätten verbannen können, um uns schlussendlich beim »Gespräch« im Stuhlkreis auseinanderzusetzen. Daher nur eine »kurze Notiz«, wirklich nur eine »kurze Notiz«: Vielen Dank für die erhellenden Worte. Vielleicht lieber eine Runde Mikado?

Euer [haj]

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Der Damm bricht

Bei den Aktivitäten gegen die Flut probte die Volksgemeinschaft den Ernstfall. Sie hat zugleich in bedrohlicher Weise gezeigt, was im Fall einer tatsächlichen Katastrophe zu erwarten ist.

In den ersten Juniwochen 2013 gab es zwischen Dresden und Halle, Magdeburg und Bitterfeld keine Parteien mehr, sondern nur noch Gummistiefel. Als stünde die Rote Armee wieder an den Grenzen des Reiches, rückten rechts und links, oben und unten gegen die Flut aus dem Osten zusammen. Die Artikel der Regionalpresse lasen sich wie Frontberichterstattung, Neonazis befüllten gemeinsam mit Autonomen Sandsäcke, Bundeswehrsoldaten kämpften zusammen mit Antimilitaristen an der Deichfront, und Christdemokraten, Grüne sowie die Sozialdemokraten von SPD und Linkspartei unterstützten sich wechselseitig beim Brötchenschmieren, Sandsackschleppen und Schwitzen. Insbesondere »die Jugend«, der sonst regelmäßig Interesse- und Verantwortungslosigkeit unterstellt wird, packte mit an. Innerhalb kürzester Zeit wurde von einer »neuen Massenbewegung« gesprochen; Gummistiefel waren über Tage hinweg auch in solchen Stadtteilen Halles oder Dessaus das wichtigste Modeaccessoire, die aufgrund ihrer Lage auch in tausend Jahren nicht vom Hochwasser bedroht sein werden. Zeitweise gab es so viele ehrenamtliche Helfer, dass der Katastrophenschutz keine Aufgaben mehr für sie hatte. Standen anfangs noch hunderte Freiwillige bereit, waren es am Ende tausende. Einzelne Unterstützer reisten mehr als hundert Kilometer an, um mit anzupacken. An zahlreichen Abschnitten von Elbe und Saale wurden in die Menschenketten, die die Sandsäcke weiterreichten, Kurven und Schlängellinien eingebaut. So verlängerte sich zwar der Weg, den der Sand zurücklegen musste, dafür konnte jedoch jedem Anwesenden ein Platz zugeteilt werden, auf dem er sich nützlich fühlen konnte.

Dabeisein ist alles

Trotz dieser Skurrilitäten spricht auf den ersten, oberflächlichen Blick nur wenig gegen die Aktivitäten der Helfer. Denn warum sollten Freunde, Nachbarn, Verwandte oder auch Fremde nicht unterstützt werden, wenn sie ihr Hab und Gut sowie ihre Existenzgrundlage zu verlieren drohen? Hilfsbereitschaft ist nicht nur ein Gebot der Höflichkeit, sondern auch Ausdruck von Freundlichkeit und einer halbwegs gelungenen Zivilisation.

Gerade aus diesem Grund verwunderte der große Ansturm auf die Sandsackfüllstationen und die bedrohten Deichabschnitte jedoch. Denn weder ist die Ostzone für einen besonders gelungenen Prozess der Zivilisation bekannt. Im Gegenteil, in zahlreichen der Regionen, in denen es besonders viele freiwillige Helfer gab, ist es nach wie vor Volkssport, Fremde, Neuankömmlinge oder Bewohner des Nachbardorfes durch die Gegend zu hetzen. Noch sind die Bewohner Halles, Magdeburgs, Bitterfelds oder Grimmas für überbordende Freundlichkeit bekannt.

Die neue Hilfsbereitschaft war dann zumeist auch nur der Mantel, unter dem sich ganz andere Bedürfnisse verbargen. Einige Helfer mögen versucht haben, ihrem langweiligen Alltag zu entkommen; andere dürften das Hochwasser als Chance begriffen haben, der Ohnmacht zu entfliehen, zu der die gegenwärtigen Verhältnisse die Menschen verdammen: Wenn man nicht so genau hinsah und das Überangebot an Hilfswilligen ignorierte, konnte man sich mit Schaufel und Schippe vormachen, dass es beim Kampf am Deich wieder auf den Einzelnen ankomme. Schließlich dürften sich auch einige derjenigen, die nach den Maßgaben von Staat und Kapital überflüssig sind, darum bemüht haben, sich doch noch als nützlich zu präsentieren, um der stets drohenden Gefahr zu entgehen, die Alimentierung zu verlieren. Nicht umsonst waren es die Studenten, deren Ausbildung ein klares staatliches Zuschussgeschäft ist, die sich an den Deichen besonders intensiv einbrachten. Der zentrale Schlachtruf der Sandsackkameradschaften, der Nachbarschaftshilfe und der Berichterstattung lautete jedoch »Gemeinschaft«. Überall wurde vom neu entdeckten Gemeinschaftssinn, von Gemeinschaftsgeist und Zusammengehörigkeit gesprochen. So erklärte eine Frau, die vom Lokalsender TV Halle beim Abdichten ihres Hauses interviewt wurde, exemplarisch, dass das Hochwasser auch etwas Gutes habe: Die Menschen würden zusammenrücken, Nachbarn hätten endlich wieder einmal miteinander gesprochen. Die Mitteldeutsche Zeitung erklärte im selben Tonfall, dass die Flut zwar überall eine Spur der Zerstörung hinterlasse, aber auch viele Menschen zusammengebracht habe. Da die Bewohner Halles durch das gemeinsame Sandsackschleppen ein Gefühl ihrer Stärke bekommen hätten, so ergänzte ein Reporter des Blattes, sei es gar nicht mehr so wichtig, ob der Kampf gegen das Wasser nun gewonnen oder verloren werde. Diese Aussagen fanden ihre Entsprechung in den Stellungnahmen der Helfer. Es gehe ihnen vor allem um »das Tun, das Dabeisein, das zusammen etwas machen«, gaben unzählige Freiwillige zu Protokoll.

Der Weg ist das Ziel

Tatsächlich hatten die Reaktionen auf die Flut etwas Ambivalentes. Die Angst vor der Katastrophe schien zeitweise von der Sehnsucht nach ihr überlagert zu werden. Trotz der Horrormeldungen über die zu erwartenden Pegelstände waren bei Fernsehberichten über die Situation in den bedrohten Gebieten nur wenige unglückliche Gesichter zu bemerken. Mit Blick auf Halle sprach die Regionalpresse von »Volksfeststimmung« unter den Helfern; die Laune, so das Blatt, bewege sich »irgendwo zwischen Ernteeinsatz, Klassenfahrt und Fußball-Endspiel«. Aber auch bei vielen der unmittelbar Betroffenen wollte lange Zeit nur vereinzelt Verzweiflung aufkommen. Selbst die Mitteldeutschen Zeitung, der sonst nichts auffällt, bemerkte, dass oft auch dann noch Gelassenheit herrschte, als nur hundert Meter weiter schon das Wasser durch die Sandsäcke sickerte. »Betriebsausflug, wa?«, rief eine Frau Angaben des Blattes zufolge fröhlich in die Runde, als sie den Bus betrat, mit dem sie aus Halle-Neustadt evakuiert wurde. Bei aller Furcht vor dem Deichbruch schien auch bei einigen der unmittelbar Bedrohten eine gewisse freudige Sehnsucht danach zu bestehen.

In diesem Verlangen nach der Katastrophe, die sich auch in den im Fünfminutentakt verbreiteten Gerüchten über einen Dammbruch Geltung verschaffte, spiegelte sich der traditionelle Selbsthass des Bürgers. So drängt es ihn gerade in Krisenzeiten immer mal wieder dazu, die Dinge, die ihn in positiver wie negativer Hinsicht fesseln – das Reihenhaus, die Eigentumswohnung, das heimische Sofa oder den Mittelklassewagen –, loszuwerden. All diese Gegenstände machen das Leben zwar angenehmer. Sie sind unter den gegenwärtigen Umständen jedoch zugleich eine Belastung. So tragen die eigenen vier Wände nicht nur Erinnerungen an Schönes in sich, sondern, viel häufiger, auch an all die Demütigungen, Streitereien und Kämpfe, die in ihnen stattgefunden haben. Ebenso wie das Auto und der Garten sind Wohnung und Haus zudem nicht nur nützliche Gebrauchsgegenstände; sie sind auch Pflegefälle, die regelmäßig gewartet, geputzt und repariert werden müssen: sowohl wegen der Kosten, die anfallen, wenn die Wartung für einige Jahre ausgesetzt wird, als auch mit Blick auf den sozialen Status und das Getuschel der Nachbarn und Kollegen.

Da die Menschen kaum dazu in der Lage sind, sich eine Gesellschaft vorzustellen, die in positiver Hinsicht über den gegenwärtigen Zustand hinausweist, in der also all der Plunder, der derzeit auch als Fessel wirkt, eine menschliche Bestimmung erhält, entsteht regelmäßig das Bedürfnis, Tabula Rasa zu machen. Dieses Verlangen nach dem großen Reinemachen ist der Grund für die Anziehungskraft, die von den Propagandisten vorzivilisatorischer Zustände, des einfachen Lebens auf heimatlicher Scholle und der Gemeinschaft, mit der all das erreicht werden soll, ausgeht. Das Auffallende ist jedoch: Allen Affinitäten für die Rede von der »Gemeinschaft« (seit jeher der Gegenbegriff zu »Gesellschaft«) und vom einfachen Leben zum Trotz schrecken die Leute in der Regel davor zurück, ihr Häuschen im Grünen oder ihre Stadtwohnung dichtzumachen. Nur die Abgedrehtesten wandern nach Südamerika oder Kanada aus, um fortan bei den Yanomami oder zwischen Zieseln und Eisbären zu leben. Die Mehrheit der Natur- und Gemeinschaftsfreunde weiß zum einen, dass ein Dasein am finanziellen und physischen Existenzminimum noch härter und entbehrungsreicher wäre als das tägliche Survival of the Fittest auf dem Arbeits- und Beziehungsmarkt. Zum anderen ahnt sie, dass sie das Leben in der gerade in der Zeit des Hochwassers intensiv beschworenen Gemeinschaft nicht besonders lange unbeschadet aushalten würde: Die Macken und Deformationen der Familienmitglieder, Nachbarn und anderen Gemeinschaftsinsassen erinnern zu stark an all das, was man schon an sich selbst nicht ertragen kann. Ganz in diesem Sinn kam es bei der großen Konzertveranstaltung auf dem Marktplatz, mit dem sich die Stadt Halle bei den vielen ehrenamtlichen Helfern bedanken wollte – der Titel lautete bezeichnenderweise »(H)alle gemeinsam« –, zu einer Massenschlägerei. Die Gemeinschaftsparolen »Zurück zur Natur« und »Her mit dem einfachen Leben« gewinnen ihre Anziehungskraft vor allem daraus, dass sie das miese Versprechen in sich tragen, die eigenen unterdrückten Triebe ausleben zu können. Das Telos der Sehnsucht nach dem einfachen Leben in der Gemeinschaft ist nicht die Jurte in der Dölauer Heide, sondern der Weg dahin: Beim großen Marsch zurück zur Natur, zur neuen Ursprünglichkeit oder zur neuen Gemeinschaft kann der ersehnte psychische Mehrwert eingefahren werden, indem diejenigen verfolgt und fertiggemacht werden, die sich dem Einreihen in die Marschkolonne entziehen: Die einschlägigen Treibjagden sollen sowohl für das bisherige Leben entschädigen als auch für die kommende Existenz zwischen Nutrias, Behelfsherbergen und Menschen, die man nicht ausstehen kann. In der vielbeschworenen Gemeinschaft stehen mit anderen Worten nicht solidarische Individuen zusammen. Sondern hier treffen depravierte und asoziale Einzelne aufeinander, die allem wechselseitigen Hass zum Trotz zusammenhalten, um Gemeinschaftsschädlinge und Abweichler besser plattmachen zu können. Der Begriff Gemeinschaft erinnert nicht zu Unrecht an das Wort Gemeinheit.

Der Gaffer als Volksfeind

Das alles konnte bei den Sandsackkameradschaften gegen die Flut deutlich beobachtet werden. Im Zentrum der großen Anpackkampagne gegen das Hochwasser stand weniger Hilfsbereitschaft als die Kampfansage gegen Drückeberger. Das Einreihen in die große Saalefront bot die Gelegenheit, mit dem Segen großer Teile der Bevölkerung und mit Rückendeckung aus allerhöchsten Kreisen vorerst verbal, teils aber auch handgreiflich gegen Untätige, Faulpelze und vermeintliche Deserteure vorzugehen. Insbesondere der Gaffer wurde zum neuen Volksfeind. Polizei, Ordnungsamt, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister kündigten unter allseitigem Beifall an, gegen Schaulustige die gesetzlich mögliche Höchststrafe – in Sachsen-Anhalt bis zu 5.000 Euro – verhängen zu wollen. In Dessau wurden bei Facebook Fotos, Namen und Adressen von Menschen gepostet, die ohne Sandsack auf dem Deich zu sehen waren. Und der Deutsche Feuerwehrverband forderte schließlich nicht nur harte Strafen für sogenannte Gaffer, sondern auch das Recht, sie zwangsweise zum Helfen zu verpflichten. In einigen Regionen wurden bald auch Freiwillige angegangen, die sich vor ihrem Einreihen in die Sandsackfront ein Bild von der Lage verschaffen wollten.

Erschlagen und Ersäufen

Besonders deutlich wurde der Drang nach Verfolgung und Fertigmachen jedoch an den unzähligen Gerüchten über Plünderungen in den evakuierten Gebieten. Kaum war die entsprechenden Meldungen in der Welt, wurde berichtet, dass die Bundeswehr gegen Plünderer eingesetzt werden solle. Familienväter erklärten öffentlich, dass sie ihre Wohnungen nicht verlassen würden, weil sie ihre Einbauwand vor Einbrechern und Dieben schützen wollten. Wer den stiernackigen Herren zusah, die ihre Verteidigungsbereitschaft via TV Halle verkündeten, brauchte keine große Phantasie, um zu erkennen, dass es hier nicht nur um Besitzstandswahrung ging. Allzu oft dürfte auch der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen sein. Denn während die Kampagne gegen die sogenannten Gaffer »nur« die Möglichkeit für Verbalinjurien, kleinere Handfestigkeiten, Denunziationen und Forderungen nach härteren Strafen bot, schien der Kampf gegen Plünderer die Gelegenheit zu liefern, andere Mittel auszuschöpfen. Welche Maßnahmen den haupt- und ehrenamtlichen Deichgrafen vorschwebten, wurde spätestens deutlich, nachdem eine »Germanophobe Flutbrigade« ein mäßig witziges Bekennerschreiben im Internet verbreitet hatte. Darin behauptete die Gruppe, einige Dämme im Hochwassergebiet zerstört zu haben und andere noch sprengen zu wollen. Obwohl das Schreiben offenkundig als ebenso fäkalverliebter wie dümmlicher Scherz zu erkennen war, ordneten die Verantwortlichen eine Verstärkung der Deichschutzpatrouillen und den Einsatz von Hubschraubern mit Wärmebildkameras an. Einige derjenigen, die kurz zuvor noch als hilfsbereite und freundliche Kämpfer gegen die Flut brilliert hatten, ließen nun zudem ihren Vernichtungsphantasien freien Lauf. In hunderten Facebook- und Blog-Kommentaren wurde gefordert, die Autoren des Bekennerschreibens »abzuknallen«, zu »erschlagen«, »aufzuhängen«, zu »steinigen« »auszumerzen«, »in die Gaskammer« zu stecken, »notzuschlachten« oder »ins Lager« zu sperren. Andere Menschenfreunde kündigten an, gemeinsam mit ihren Kumpels die Deichwache übernehmen und Saboteure gegebenenfalls eigenhändig »ersäufen« zu wollen. Der Unterschied zwischen rechts und links erwies sich als die Differenz zwischen Erschlagen und Ertränken.

Doch glücklicherweise kam es weder zu jener massenhaften und gewalttätigen Aneignung und Zerstörung fremden Eigentums, die der Begriff der Plünderung nahelegt: Es gab lediglich einige Einbrüche und Gelegenheitsdiebstähle. Noch fiel einer derjenigen, die die Chance ergriffen hatten, in die Hände der Grimma-, Bitterfeld- oder Halle-Home-Guards. Auch die »Germanophobe Flutbrigade« machte sich nicht an den Dämmen zu schaffen. Der Wunsch der regionalen Bundeswehrführung, der aktionsorientierten Familienväter und der Deichschutzbeauftragten der sozialen Netzwerke, ihre zuhause und in den Kasernen gehorteten Spielzeuge endlich ausprobieren zu können, wurde nicht erfüllt. Sie müssen auf die nächste Gelegenheit warten, die hoffentlich nie kommen wird.

Dirk Röpzig

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Eine Gemeinde in Anhalt

Vorab ein Hinweis: Treue Leser der Bonjour Tristesse können die einleitenden Sätze getrost überspringen, denn die folgende Vorstellung des Dorfes und seiner Bewohner haben sie so oder so ähnlich schon oft in ihrer Lieblingszeitschrift gelesen. Vockerode also, das Dorf, um welches es im folgenden geht, blickt ausweislich des Onlinelexikons Wikipedia auf eine stolze Historie zurück: Im 15. Jahrhundert ursprünglich nur als »Straßendorf« angelegt, führte der Expansionsdrang der Ureinwohner in Kürze dazu, dass Vockerode den »Charakter eines Haufendorfes« annahm. Ähnlich spektakulär ging es weiter durch die Jahrhunderte, bis 1937 der Höhepunkt der Dorfgeschichte anstand: Der Führer ließ ein Braunkohlekraftwerk springen. Dieses wurde Mitte der 1990er Jahre abgeschaltet und der Glanz Vockerodes erlosch. Seines Wahrzeichens beraubt ist Vockerode nun, was auch die offizielle Webpräsenz in großen Lettern verkündet: »Eine Gemeinde in Anhalt«, und also genauso trist und gottverlassen, wie die vielen anderen Orte, die in diesem Heft schon zu Ehren kamen.

Die Dumpf- und Rohheit dieser Einöde trat im vergangenen Dezember wieder einmal offen zutage, als 170 Asylsuchende aus dem nahen Möhlau in eine Unterkunft nach Vockerode verbracht wurden. War das bisherige Obdach der Flüchtlinge laut Auskunft eines Grünen-Politikers »weit von einer menschenwürdigen Unterbringung entfernt«, so dürfte die neue Unterbringung in einem verfallenen Plattenbau in Vockerode weit von einer menschenwürdigen Unterbringung entfernt sein.

Sorgte in der abgeschiedenen Möhlauer Waldunterkunft Schimmel für menschenunwürdige Zustände, so ist es in Vockerode, neben der Unterkunft selbst, die Nachbarschaft, die den Neuankömmlingen das Leben zur Hölle macht. Als einer der Flüchtlinge – mutmaßlich an den Zuständen im Asylbewerberheim irre geworden – sich messerfuchtelnd aus einem Fenster der Unterkunft zu stürzen drohte, brachte die Kunde vom Spektakel in kürzester Zeit das ganze Dorf auf die Beine. Jung und Alt versammelte sich, um dem angekündigten Suizid beizuwohnen, zwischen gelangweilter Polizei und über den »Neger« scherzender Feuerwehr schoben Mütter ihre Kinderwagen, wurde angeregter Plausch gehalten und gewitzelt, wann der Todgeweihte denn nun endlich springe. Bei der schaulustigen Meute dürfte denn auch einige Enttäuschung geherrscht haben, als die Polizei den Mann schließlich in Gewahrsam nahm und den Mob damit um eine blutige Show brachte.

Nachdem auch die kurz darauf gegründete obligatorische Bürgerinitiative keinen Erfolg bei der Vertreibung der Fremden hatte, wollten Ende März drei besonders engagierte Vockeroder nachholen, was ihnen die Staatsgewalt noch verwehrt hatte: Sie beschimpften und verfolgten einige der Asylbewerber, drangen in die Unterkunft ein und griffen dort unter rassistischen Parolen die Geflüchteten an.

Ein solches Reenactment des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen 1992 ist wohl nur noch in der ostdeutschen Provinz möglich, in Residuen rassistischer Barbarei wie Mügeln, Rudolstadt oder eben Vockerode. Jenes Filmteam, das momentan in Halle Komparsen und eine passende Kulisse für einen Streifen über den Angriff auf das Rostocker »Sonnenblumenhaus« sucht, hat sicher eine gute Standortwahl getroffen. 40 Kilometer nördlich allerdings hätte es beim Dreh nicht einmal der Komparsen bedurft.      [lr]

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Kein Blick über den Tellerrand

Dass Werbeagenturen ihre Produkte in unterschiedlichen Gegenden unterschiedlich bewerben nennt man »Zielgruppenorientierung« und ist nicht ganz unüblich. Die Website »lieferando.de«, auf der man Speisen diverser Anbieter online bestellen kann, hatte sich für Halle etwas ganz besonderes überlegt. An hallischen Straßenbahnen wurde die Werbung für Lieferando mit dem Spruch »Kochen ist für Magdedorfer« versehen. Dass die obsessive Konkurrenz der beiden größten Städte Sachsen-Anhalts von Minderwertigkeitsgefühlen geprägt ist, ist nicht besonders überraschend: Wer hat den besseren Fußballverein? Wer das größere Kulturangebot? Wer hat mehr Einwohner? Eigentlich wissend, dass der gemeine Magdeburg-Olvenstedter und der landläufige Halle-Neustädter sich wirklich nicht im geringsten unterscheiden, richten beide ihren Blick auf den anderen, um das eigene Elend nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen. Dieser traditionelle Schwanzvergleich der Bewohner beider Städte geht zwangsläufig mit einer gegenseitigen Abwertung einher. Vor allem die Beleidigung »Magdedorfer« gehört dabei zum festen Repertoire vor allem der Fans des Halleschen Fußballclubs. Dass die Einwohner Ammendorfs, der Silberhöhe oder Trothas nun nicht gerade für ihren gutbürgerlichen, kosmopolitischen Charme eines Großstädters bekannt sind, lässt die Abqualifizierung der Magdeburger als »Dörfler« umso lächerlicher erscheinen. Dass »lieferando.de« dieses Ressentiment nutzt, ist zumindest skurril. Die Werbetreibenden verbanden in ihren Sprüchen für andere Städte Lokalpatriotismus und regionale Küche (»Berlin is(s)t mehr als Currywurst«). Für Halle scheinen sie nichts Passendes gefunden zu haben, so dass sie nur auf die Liebe zur eigenen und die damit einhergehende Feindschaft zur fremden Scholle zurückgriffen. Aufgrund der kargen Rezeptelandschaft in Halle (und Magdeburg) dürfte online bestelltes Essen eine Aufwertung der Speisenvielfalt bedeuten. Ob dies mit einer erhöhten Genussfähigkeit einhergeht muss allerdings vehement bezweifelt werden.         [are]

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Artur Zayats, auch bekannt als ATZ, hätte es verdient, einen noch auszulobenden Medienpreis für europäische Integration (Europa-Bambi) zu erhalten. Der 18-jährige Hallenser bewarb sich Anfang des Jahres mit seinem Song »Meine Stimme« bei der Castingshow Raputation TV in der Hoffnung, von der Medieninitiative »Du hast die Macht« zum besten »politischen Rapper« gekürt zu werden. Zwar hat er es nicht unter die letzten Zehn geschafft. Jedoch konnte er einen etablierten Fürsprecher gewinnen, was bei solchen Wettbewerben ohnehin wichtiger ist, als die mitleiderregenden Jugendclubtrophäen selbst. Im Rahmen des Wettbewerbs konfrontierte die Moderatorin der Show verschiedene Berufspolitiker mit den eingesandten Beiträgen. Hans-Gert Pöttering war einer von ihnen. Der ehemalige Präsident des Europaparlaments und derzeitige Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung urteilte über Zayats Song: »Tolle Darstellung von sehr wichtigen politischen und ganz allgemein menschlichen Inhalten, sehr nachdenklich, toll gemacht. Einzelne Aussagen muss man natürlich auch ein bisschen hinterfragen, es ist alles etwas sehr zugespitzt.« Zur tollen Darstellung wichtiger politische Themen zählt er anscheinend auch folgende Textpassage des Jugendlichen: »Doch unsere Medien gezielt auf Materialismus, verschleiern Tatsachen, berichten Proamerikanismus. Der Grund warum hier Menschen zu Grunde gehen: USA im gottverdammten Würgegriff von Israel. Sie versprechen uns den Frieden, doch bringen Krieg. Wieder mal sind es Muslime, gegen die sie schießen. Imperialismus, sie wollen die ganze Welt erobern, überall beuten sie aus und stehlen Grund und Boden.« Pöttering, der zur Lösung dieser menschlichen Schicksalsfragen im Europaparlament eigens eine AG Naher Osten gegründet hat, hört zwar sonst keinen Rap, findet die amerikanische Nahost-Politik aber auch »wenig glaubwürdig«. Die USA würden sich zwar für eine Zweistaatenlösung aussprechen, in der Tat hätten sie jedoch mit ausgesprochenen und angedrohten Vetos die Anerkennung eines palästinensischen Staates und die Verurteilung des israelischen Siedlungsbaus im UN-Sicherheitsrat verhindert. Erst bei folgendem Reim kündigt Pöttering das Einverständnis mit dem 18-Jährigen: »Und der Blick ist verdunkelt Richtung Westen, ich rede hier von USA und den reichen Säcken, die ihre Finger im Spiel haben. In der Regierung sitzen die wahren Sklaventreiber, ihre Gier ist ziellos. Sie wollen uns etwas von ihrer Menschenwürde erzählen, pissen auf tote Muslime und nehmen Kindern das Leben.« Erst als von Zayats angedeutet wird, dass alle westlichen Politiker sinngemäß im »jüdischen Würgegriff« stecken würden, entgegnet Pöttering aus Sorge um den Ruf von »Old Europe« und seines Berufsstands: »Das ist natürlich völlig abwegig. Die Politiker in der europäischen Union und auch in Deutschland sind sehr bemüht, dass wir den Dialog der Kulturen führen. […] Und wie hier die Politiker dargestellt sind, ist völlig neben der Sache.« Als »Freund der Vereinigten Staaten von Amerika« nutzt der ehemalige Präsident des Europaparlaments jede Möglichkeit, die sich ihm bietet, um die USA zu kritisieren, sei es auch nur für ihre Dominanz. Auf Kosten des Freundes in Übersee bekräftigt er die friedlichen Absichten der europäischen Staaten, ohne dass diese in den Zeilen überhaupt explizit angegriffen wurden. In dem er die USA von seiner Verteidigung ausnimmt, erklärt er sie ein zweites Mal zum Hort rassistischer Kindermörder. Bei solchen Freunden braucht man keine Feinde mehr.

Auch anderswo erinnert man sich an seine Freundschaftsdienste. Am Holocaust-Gedenktag im vergangenen Jahr zeigte sich Pöttering enttäuscht: »Kritik an politischen Entscheidungen der israelischen Regierung dürfe […] nicht als Antisemitismus verstanden werden, sondern muss unter Freunden möglich sein.« Die jüdischen Freunde wollen trotz Auschwitz noch immer nicht ihr Verhalten reflektieren. Auch als er sie als Präsident des europäischen Parlaments vor einigen Jahren in Israel besuchte, zeigten sie sich unzugänglich. Während seiner Rede vor der nahezu leeren Knesset forderte er sie in aller Freundschaft dazu auf, gemeinsam mit Arabern und Europäern die Schulbücher nach diskriminierenden Stereotypen zu untersuchen. Gewiss aus Sorge um ihr Ansehen riet er ihnen obendrein, den palästinensischen Bildungsminister Nasser al-Din Schaer freizulassen, der einige Tage zuvor festgenommen wurde. Die damalige Vorsitzende der Knesset antwortete Pöttering: »Dieser palästinensische Bildungsminister, dessen Freilassung Sie fordern, schickt Kinder aus, um sich zu sprengen. Er ist dafür verantwortlich, dass in den palästinensischen Schulbüchern gegen Juden gehetzt wird.« Zumindest Pötterings regelmäßige Patzer bei den jüdischen Freunden dürften einem Gewissenskonflikt geschuldet sein. Zu beiden heißt es bei Raputation TV treffend: »Zwar versteht er die historische Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel – doch in unserem Interview ist er ›wahrhafter Europäer‹.« Indes muss Artur Zayat die zwischenzeitlichen Anbiederungen seines Fürsprechers nicht fürchten. Schließlich kritisierte der »wahrhafte Europäer« ihn, ohne vorab seine freundschaftliche Absicht zu beteuern.

Auszüge aus den Texten der besten zehn »politischen Rapper«:

Marabu: »Israel der Öltropfen im arabischen Wasserglas. […] Angela, komm jetzt nicht mit Antisemit! […] Hass ist ein Kreislauf, das weiß auch des Teufels Handlanger, Amerika.«

DK: »Sieh, wie Kindermörder eine zweite Chance bekommen, im Land der Pädophilen. […] Fickst du Kinder halb tot, siegt Gnade über Hass.«

Ano: »Warum kommt ein Kinderficker nach so kurzer Zeit raus?«

Uslibo: »Vergewaltiger kommen frei, fünf Jahre auf Bewährung. Der Staat ist leider krank, keine Hoffnung auf Genesung.«

Prät Pitt: »Dieser Planet wird regiert von einer Handvoll Menschen, und deren Macht lässt sich nicht nur auf ein Land beschränken. […] Der Klimawandel ist erfunden wurden von einer Geheimgesellschaft, der ich mich nicht unterordne!«

Cryce: »Arbeiten macht frei, frei!«

[haj]

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»Hurra, das ganze Dorf ist da«

Am 10. März war mal wieder ostdeutsches Fußballderby in Halle. Der FC Hansa Rostock war zu Gast beim Halleschen FC und veranlasste die größte Straßengang der Stadt, die Saalefront Ultras, zu einer großen Choreografie, mit der sie ihre Heimatliebe unter Beweis stellen wollten. Zusammen mit dem Spruchband »Wir sind Halle Aas«, von dem niemand, der nicht den örtlichen Sprech mit der Muttermilch aufgesogen hat, weiß, was es bedeuten soll, wurde eine Fahne über den gesamten Block der »Fankurve« ausgerollt, auf der fünf Gestalten der hallischen Stadtgeschichte grimmig in Richtung Gästefans grüßten. Zumindest die Auswahl einer Person war doch recht überraschend. »Hallore«, »Roland« und Georg Friedrich Händel (der einzige Exportschlager darf natürlich nicht fehlen) waren ja zu erwarten; August Hermann Francke, der Freund von Zwangsarbeit und Sittenterror, war ebenfalls nicht besonders originell. Graf Luckner, der »Retter Halles« (s. Reportage in diesem Heft), sorgt da doch schon für mehr Erstaunen. Schließlich haben Mitglieder der HFC-Fanszene sonst auch kein Problem damit, die Heckscheibe ihres Autos mit der Parole »Todesstrafe für Kinderschänder« zu verunstalten. Doch so genau wollten die Jungs der farbentragenden, schlagenden Burschenschaft mit geringem Studentenanteil, die Jungs von Saalefront Ultras, da nicht hinsehen.

Bleibt nur die Frage, warum andere bekannte Hallenser ausgelassen wurden: Wo waren eigentlich die Minister Margot Honecker und Hans-Dietrich Genscher? Wo waren Peter Sodann und Reinhard Heydrich, die es aus Halle in die weite Welt geschafft haben: der eine als Reichsprotektor nach Prag, der andere als Tatortkommissar nach Dresden. Dann hätten die Fußballfans auch eine allgemein verständliche Parole wählen können: »Hurra, das ganze Dorf ist da.«   [are]

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Hilfe, sie sind da!

Das Antifa-Spektrum der selbsternannten »Lichtstadt Jena« wurde im Januar um eine weitere Facette der geistfreien Finsternis bereichert: Unter dem Titel »Wir sind da …!« trat eine »Antifaschistische Aktion Jena« (AAJ) an die Öffentlichkeit, der man nichts Schlimmeres antun kann als sie zu zitieren. Jene Aktionisten, so heißt es in der Gründungserklärung der Gruppe, die »in Jena leben, arbeiten, studieren, zur Schule gehen, haushalten usw. usf.« nehmen in »Jena und der Region […] eine hohe [!] Erscheinung an faschistischen Umtrieben wahr« und stellen fest, dass »in Stadtteilen wie Lobeda und Winzerla […] Menschen mit ›Thor Steinar‹-Kleidung keine Ausnahmen sondern alltäglich sind«. »Wir wollen nicht in einer Stadt leben,« so die AAJ weiter, »in der es mittlerweile völlig normal ist mit Personen Tür an Tür zu wohnen, die offen Gewalt an [!] Menschen verschiedener sozialer, kultureller, ethnischer, politischer Herkunft propagieren« und die »ihre menschenverachtenden Gedanken offen zur Schau stellen«. So ganz sicher, ob Nazis nun offen oder verdeckt agieren, sind sich die Autoren offenbar nicht, denn vordergründiges Ziel »im permanenten Abwehrkampf gegen Nazis« ist es, »faschistische Strukturen aufzudecken und offen zu benennen«. Der Bezug auf die KPD-nahe »Antifaschistische Aktion« der frühen 1930er Jahre wird durch eine Welterklärung untermauert, die einen Vergleich mit dem gruseligsten Parteikommunismus nicht zu scheuen braucht: »Der Faschismus ist ein Herrschaftssystem, welches die radikalste und reaktionärste Form der Klassengesellschaft darstellt«.

Den erklärten Feinden – den Nazis – halten die Autoren aber immerhin zu Gute, dass »sich die Faschist_innen revolutionär und antikapitalistisch geben«. Allerdings, das finden sie wiederum schade, »nicht im fortschrittlichen Sinne«. Denn die Nazis lassen sich als willenlose Manövriermasse »in den tiefsten Krisenzeiten« missbrauchen, nämlich dann, »wenn die Kapitalbesitzenden die Demokratie nicht mehr im Stande sehen die Eigentumsverhältnisse zu sichern«. In dieser revolutionären Situation »sollen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen manifestiert werden […] hinsichtlich der Verwertungsinteressen der herrschenden Klasse auf politischer, ökonomischer, militärischer und ideologischer Ebene, mit Hilfe terroristischer Gewalt«. Kurzum: Zur Abwehr der drohenden proletarischen Revolution benötigen die Machthaber eine »faschistische Massenbasis, um die kapitalistischen Verhältnisse zu zementieren«.

Die Perspektive einer revolutionären und antikapitalistischen Querfront erscheint aufgrund der thematischen Schnittmengen nicht unrealistisch: Ganz im Sinne eines der Volksfront verpflichteten Antifaschismus greifen auch die Nazis »aktuelle gesellschaftliche Problematiken« auf, indem sie sich »oftmals sozialen und emotional geprägten Themenkomplexen, wie Kindesmissbrauch oder auch dem Tierschutz, widmen« – Themen, die der AAJ offenbar auch unter den Nägeln brennen. Das Dumme ist nur: Die »Faschist_innen« versuchen damit »ihr wahres Gesicht zu verschleiern« und »sind stets reaktionär«. Das hat man in dieser Form lange nicht mehr gehört, und es ist das unbestreitbare Verdienst dieses Vereins, dass er wieder einmal offen zu Tage gefördert hat, dass Blödheit und Autoritätsgeilheit keine Domäne der Nazis sind.            [mm]

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Faszination Faschismus

Bei den Protestaktionen in Magdeburg gegen den alljährlichen Naziaufmarsch im Januar setzten in diesem Jahr linke Aktivisten ihre Verfasstheit mal wieder mit einer Faschingseinlage in Szene. Im letzten Jahr gerierte sich eine Gruppe von Antifaschisten als Lageropfer, indem sie mit KZ-Häftlingsuniformen, grau angemalten Gesichtern, aneinandergeketteten Füßen und einem Transparent mit der Aufschrift »Für das Erinnern – Wir trauern um jeden Menschen, den wir an den Faschismus verlieren« auftraten. In diesem Jahr setzte sich die Obszönität etwas anders fort: Anstelle von Häftlingskleidung trug man Shirts, die mit Blutspritzern und Hakenkreuzaufdrucken versehen waren, und mimte entschlossen den Deutschen Gruß. In Front des Geschehens kauerten weitere Aktivisten in einer großflächigen Blutlache am Boden. Zum Setting gehörten neben acht geleerten Bluteimern weitere Hakenkreuzgestempelte, die im Hintergrund ein Transparent mit dem Slogan »Gegen das Vergessen, dass Faschismus ein Verbrechen bleibt!« hielten. Da offensichtlich jeder der 19 Aktivisten ein Shirt mit dem verlockenden Aufdruck tragen wollte, verunstalteten sich auch die Transparenthalter mit einem. Die drei Darsteller der Opfer konnten sich den Drang gerade noch verkneifen. Diese makabre Aktion ist nicht nur ein desperater Versuch, das Defizit an Aufmerksamkeit durch einen schauerlichen Effekt zu beheben, sondern eine Imitation des Abschlachtens, welche den Aktivisten einen Lustgewinn verschafft. Hinter dem verbotenen und soeben für die vermeintlich gute Sache befugten Biss in den verheißungsvollen Apfel verbirgt sich nicht weniger als der eigene Wunsch loszuschlagen, zu quälen und zu töten. Fasching ist eben doch nicht lustig!            [sis]

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Geistiger Kahlschlag

Die vergangenen neun Jahre waren offensichtlich besser als gedacht, denn solange gab es das Hallische Umweltblatt Calendula nicht. Nun haben sich jedoch die hallischen Ortsgruppen von Attac, Greenpeace, des Naturschutzbunds Deutschland e. V. (NABU) und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie der Friedenskreis Halle dazu entschlossen ein Nachfolgemagazin herauszugeben. Die kostenlose Zeitschrift Hallesche Störung liegt in zahlreichen Läden der Stadt aus. Bei einem Blick in das monatlich erscheinende Blatt wird indes umgehend bestätigt, was die Liste der Herausgeber befürchten lässt. Die Agenda des Heftes besteht tatsächlich aus dem Kampf gegen »Finanzspekulanten«, aus dem Schutz der Heimat und aus der Suche nach neuem Lebensraum. Im Editorial der ersten Ausgabe vom Januar heißt es: »Das Zeitungsprojekt will mit Bildern, Originaltönen und Texten dem emotionalen Wert von Heimat nachspüren. […] Es wird darum gehen, verschiedene Aspekte von Heimat als Identifikationsraum zu erkunden und zu präsentieren. Dabei kommt der Entdeckung der Nachhaltigkeit als Weg in eine gesicherte Zukunft eine besondere Rolle zu.« Mit der Sorge um die Zukunft und der noch etwas steifen Heimatliebe empfehlen sich die Herausgeber als Nachlassverwalter der womöglich demnächst verbotenen NPD. Ihrem Einsatz hierfür nach zu urteilen, rechnen sie offensichtlich fest mit einem erfolgreichen Verbotsverfahren: »Unser Blatt versteht sich als Informationsplattform aller gesellschaftlichen Kräfte, die den Wandel vom ego-zentrierten Streben nach materiellem Reichtum hin zu Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit, Vertrauen und bürgerschaftlichem Engagement für das Gemeinwohl unterstützen.« Hinter dem sperrigen Satz verbirgt sich der Wunsch nach Volksgemeinschaft. Während die Herausgeber individuelles Streben nach Glück und Wohlstand verdammen, ist ihr Blatt voller Lob für das unentlohnte Opfer zum Wohle der Gemeinschaft. Die Idee zur Wiederaufnahme des Heftes wäre den Herausgebern bei den sogenannten »Heldentagen« gekommen. Die so betitelte Veranstaltungsreihe hatte im letzten Sommer unter dem Motto »Alternativlos war gestern – Wir wuppen die Krise« das Ehrenamt gepriesen. Daran anknüpfend, enthält die erste Ausgabe der Halleschen Störung ein ausführliches Portrait einer unbezahlten Mitarbeiterin des Umsonstladens im hallischen Glauchaviertel. In Anspielung auf die kaputte Heizung des Ladens heißt es: »In Deutschland ist es kalt, aber im Umsonstladen gibt es Wärme.« In derselben Ausgabe berichtet eine andere Autorin im »Report aus der Franzigmark« von ihrem Engagement für den BUND bei der Wiederherrichtung des ehemaligen Schulumweltzentrums. Nicht nur der Titel erinnert an einen Frontbericht. Über den »Einsatz« im »Entmüllungskommando« schreibt die Verfasserin: »Was gibt es denn zu entsorgen – Kot, Erbrochenes, Leichenteile oder radioaktive Abfälle?! Ich bleibe eisern. Ob ich mich denn dann nicht in einen Schutzanzug hüllen wolle, hakt der Mensch vom ›BUND‹ nach. Schnickschnack! Überheblich lehne ich ab. […] Wie überprüfen sorgfältig den korrekten Sitz unserer Atemmasken und Arbeitshandschuhe und tappen tapfer in die funzelige Tiefe. […] Mit dem schlimmsten rechnend, stelle ich mich auf Leichen tierischer wie menschlicher Provenienz ein.« Die Betonung des Opfers, das als Held nicht gescheut, im Umsonstladen für das warme Herz ertragen und bei der Säuberung im Schulumweltamt eisern erbracht wird, verrät viel über das Motiv der Freiwilligen. Gleiches gilt für die penible Dokumentation der Wohltaten, die ein Großteil des Heftes einnimmt. Die Engagierten verhalten sich wie Extremsportler, die mehr Energie auf die Schilderung ihrer Taten und der dabei erlittenen Strapazen verschwenden, als auf den Sport selbst. Der Slogan »Wir wuppen die Krise« der »Heldentage« ist demnach vor allem als Selbstempfehlung zu verstehen. Denn mit dem Engagement ist die heimliche Hoffnung verbunden, dass die herbeigesehnte Volksgemeinschaft die erbrachten Opfer im Falle der befürchteten Krise nicht vergessen wird. Soll heißen: Die vermeintlichen Natur- und Heimatfreunde umtreibt weniger das Schicksal der Arbeitslosen von Glaucha, als vielmehr die Angst davor, eines Tages selbst nicht mehr gebraucht zu werden. Hinzu kommt der drängende Wunsch, die insgeheim als mittelmäßig empfundene Biografie in eine Märtyrergeschichte umzuschreiben. Das marternde Gefühl, es zu nichts wirklich gebracht zu haben, gleichzeitig aber zu Höherem berufen zu sein, wie es für die verkannten Bachs, Eulers und Goethes, wie es für Lehrer, aber auch für den Mittelstand ganz allgemein typisch ist, soll beim aufopferungsvollen Einsatz betäubt werden. Hierfür eignet sich nichts besser, als das Lob der Heimat. Indem die Wichtigkeit des Geburtsorts betont wird, erklärt man das empfundene Versagen durch seine Herkunft. Und gleichzeitig soll das Bekenntnis zur eigenen Scholle das ewige Herumgekrebse in Rufnähe zum Elternhaus als beherzte Entscheidung für Saaleaue und Haussperling erscheinen lassen.

Ein Artikel der zweiten Ausgabe verdeutlicht, wie es bei den Wohltätern um die Liebe zu Mensch und Heimat bestellt ist. In expressionistischer Manier lässt ein Autor in einer verspäteten Reportage seinen apokalyptischen Phantasien anlässlich des Saalehochwassers vor zwei Jahren freien Lauf: »Bäume schwimmen an unseren Augen vorbei, Schwärme von rastenden Gänsen und Kranichen nehmen dort Platz, wo sonst Mähdrescher und Traktoren auf den nächsten effizienten Einsatz warten. Auch wenn es böse Blicke von den Bauern gibt oder von den Menschen, deren Keller leergepumt werden müssen – es ist keine Schadenfreude, die uns an den Rand des Hochwassers treibt; es ist die stille Hoffnung, dass es ein Refugium des Unkontrollierten gibt im durchgestylten kapitalistischen Verwertungssystem Erde, dass es unkontrollierbare Situationen gibt, in denen wir für einen Moment das atmen, was fast ausgestorben mit Birkhuhn und Schwarzstorch schien: einen Hauch von Freiheit.« Es ist zu hoffen, dass die Herausgeber ihren Maximen des Naturschutzes folgen und ihr Blatt schnellstmöglich wieder einstellen – nicht nur der Umwelt zuliebe.         [haj]

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Titelkampf in der Linkspartei

Nachdem ausgerechnet der Bundesvorstand der Linkspartei das Existenzrecht Israels anerkannt hatte, war das Image als Spaßpartei perfekt. Jedoch war nicht geklärt, wer nun der größte Spaßvogel der Partei sein soll. So tobt seit Sommer 2011 in der Linkspartei ein harter, aber zugleich amüsanter Titelkampf. Neben zahlreichen Bewerbern aus der ganzen Republik trat auch Anne Geschonneck, Chef der Hallenser Solid-Bande, SDS-Bundesvorstandsmitglied, Marx-21-Aktivist und Leiter des Bundesarbeitskreises Antimilitarismus und Frieden, mit fünf weiteren Genossen des SDS an. Diese hatten nach der Anerkennung des Existenzrechts Israels einen Antrag auf Palästina-Solidarität auf dem Bundeskongress des SDS gestellt. Ein solcher Antrag klingt jedoch nicht außergewöhnlich genug, als dass er für eine Nominierung gereicht hätte, denn schon lange Zeit vor dem Imagewechsel der Linkspartei zum Freund der Zwei-Staaten-Lösung gehörte Sympathie gegenüber »unterdrückten Völkern« zum Parteiprogramm wie ein Deckel zum Topf. Jedoch hat der Antrag genug Potential für eine Nominierung, weil die Bewerber ihn nicht spaßig begründen, sondern ernst meinen: »Der Antisemitismus der hierzulande zum schlimmsten Massenmord der Geschichte führte, kann nicht effektiv durch eine Vermeidung von Kritik, oder sogar durch Gutheißen der Politik vom israelischen Staat bekämpft werden. Antisemitismus kann erfolgreich nur durch die Berufung auf universalistische Prinzipien zerschlagen werden. Die gleichen Prinzipien schließen auch eine aktive Solidarisierung mit der besetzten palästinensischen Bevölkerung ein.« Um es kurz zu fassen: Palästina-Solidarität ist das einzige effektive Mittel gegen Antisemitismus. Mit diesem Paradoxon könnte Anne Geschonneck den Kampf der Nichternstzunehmenden gewinnen. Zwar verwechselt sie Dativ und Genitiv, aber gerade dadurch wirkt sie als Antisemit authentisch. Denn wie sagte Karl Kraus so schön: »Deutsch ist die Sprache derer, die zwar deutsch fühlen, aber nicht Deutsch können.« Aber eines sollte Anne Geschonneck noch beachten: Eine Bevölkerung kann nicht besetzt sein.

Falls wider Erwarten Anne Geschonneck auf Grund der großen Konkurrenz von BAK Shalom, Nordkorea-Freundeskreis und Cuba Sí nicht gewinnen sollte, ist der karrieregeilen Bewerberin viel Erfolg bei weiteren Bewerbungen zum größten Clown der Partei zu wünschen. So könnte die Hallenserin weitere Anträge stellen wie »Rückschritt ist Fortschritt«, »Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf« oder »Freiheit ist Sklaverei«.        [bas]

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