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Die erste und bislang einzige armenische Gemeinde Ostdeutschlands wurde in Halle gegründet. Vor sechs Jahren weihte sie den ersten armenisch-orthodoxen Kirchenbau Deutschlands ein. Es ist daher nicht verwunderlich, dass in Halle am 24. April 2015 auch ein Gedenkstein für die Opfer des Genozids an den Armeniern errichtet wurde. Der Einweihung des Steins wohnten der hallische Oberbürgermeister Bernd Wiegand und Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh bei. Der ehemalige sachsen-anhaltische Ministerpräsident Christoph Bergner, der sich bei unserer Leserschaft vor allem als aussichtsreicher Anwärter auf den Peter-Sodann-Preis einen Namen gemacht hat, war zwar nicht anwesend. Er initiierte jedoch schon vor zehn Jahren im Bundestag einen Resolutionsantrag zur Verurteilung des Genozids. Seit dieser Zeit ist das Interesse am Thema deutschlandweit spürbar gestiegen. Woran das liegt und welche Bedürfnisse dahinterstecken, wenn sich Deutsche mit dem Genozid an den Armeniern beschäftigen, nimmt unser Kaukasuskorrespondent Udo Cirfus unter die Lupe.

Im Jahr 2015 rückte der Genozid an den Armeniern stärker in den Fokus der deutschen Öffentlichkeit als je zuvor. Hintergrund war der 100. Gedenktag am 24. April, der an die Opfer erinnern soll. Als erster deutscher Bundespräsident überhaupt bezeichnete Gauck auf einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in Berlin das Vorgehen des Osmanischen Reiches in den Jahren 1915/16 als Völkermord. Der Deutsche Bundestag beriet nach langem Hin und Her über drei Anträge zur Verurteilung des Genozids, wobei der Bundestagspräsident und die Abgeordneten die Aussprache über die Anträge für mahnende Worte nutzten. Die deutsche Zivilgesellschaft bedankte sich überglücklich, der Kulturbetrieb engagierte sich und die Presse berichtete ausgiebig darüber. In Provinzkäffern wie Halle spielte sich im Kleinen ab, was die Großen vormachten. Man ließ die armenische Gemeinde auf der hallischen Gedenkmeile am Hansering einen Gedenkstein aufstellen, der den Opfern gewidmet war und organisierte ein kulturelles Rahmenprogramm. Dabei wollte die Stadt Halle noch im Jahr 2012 nichts von einer Inschrift wissen, die den Begriff »Völkermord« verwendet und stattdessen lieber an »Vertreibungen und Massaker« erinnern – eine Formel, die noch aus einer Resolution des Bundestages von 2005 stammt. Initiator dieser Resolution war der ehemalige sachsen-anhaltische Ministerpräsident und damalige Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister des Innern Christoph Bergner, der eigentlich nur für Empathie für jammernde Ossis bekannt ist. Schon damals stieg das Interesse für das Thema schlagartig an, doch war das noch nichts im Vergleich zum großen Rummel im vergangenen Jahr. Es stellt sich die Frage, woher das jüngste Interesse am Thema kommt und was dahintersteckt.


»Die armenische Frage existiert nicht mehr« (Talaat Pascha)

Nur wenige Monate nachdem das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Ersten Weltkrieg eintrat, wurden alle armenischen Soldaten aus dem aktiven Kriegsdienst entfernt. Am 24. April 1915 folgte die Liquidierung der politischen und intellektuellen Elite der Armenier, die überwiegend in der Hauptstadt Konstantinopel ansässig war, weshalb der 1965 ins Leben gerufene Völkermordgedenktag auf dieses Datum Bezug nimmt. Ähnlich wie der Elite erging es kurz darauf der gesamten männlichen armenischen Bevölkerung in den Dörfern. Zeitgleich fanden zahlreiche Pogrome statt, für die die osmanische Regierung grünes Licht gab und die sich bald über das gesamte Land ausbreiteten. Den Höhepunkt bildeten schließlich staatlich organisierte Todesmärsche, die offiziell als Umsiedlungsmaßnahmen deklariert wurden. Ohne Nahrung und Wasser sowie ständigen Überfällen türkischer und kurdischer Banden ausgesetzt, wurden die Armenier in die syrische Wüste geschickt. Wer den qualvollen Weg überlebte, musste spätestens hier sterben. Von den ca. zwei Millionen armenischen Bewohnern des osmanischen Reiches wurden bis zu 1,5 Millionen ermordet. In seinem Blutrausch hatte der Mob jedoch nicht allein die armenische Bevölkerung im Visier, sondern alle christlichen Minderheiten, darunter die aramäischsprachigen Volksgruppen (100.000 – 250.000 Todesopfer) und die orthodoxen Griechen (mindestens 350.000 Todesopfer).
Der Genozid fand in einer Zeit des Umbruchs statt. Das einst so mächtige Osmanische Reich verkümmerte Ende des 19. Jahrhunderts zum »kranken Mann am Bosporus«, dessen Führung wenige Jahre zuvor von den Jungtürken unter Enver, Talaat und Djemal Pascha übernommen wurde. Als die Türken bald nach Kriegseintritt aufgrund dilettantischer Kriegsführung schwere Verluste hinnehmen mussten, gerieten die christlichen Minderheiten in den Fokus der Schuldzuweisung. Die Behauptung: Sie hätten sich mit dem Feind verbündet und wären der türkischen Armee in den Rücken gefallen oder hätten ihrerseits Massaker an der islamischen Bevölkerung verübt. Die türkische Version der Dolchstoßlegende hangelte sich entlang eines antiarmenischen Ressentiments, das dem des Antisemitismus zwar nicht aufs Haar gleicht, jedoch einige Gemeinsamkeiten zu ihm aufweist. Der Hass auf die Armenier war nicht neu. Bereits im 19. Jahrhundert – sowie weit über den Ersten Weltkrieg hinaus – waren die Armenier Opfer schwerer Pogrome. Einen Eindruck vom antiarmenischen Ressentiment vermittelt ein Zitat aus dem Werk des deutschen Völkerfreundes Karl May: »Ein Jude überlistet zehn Christen, ein Yankee betrügt fünfzig Juden, ein Armenier aber ist hundert Yankees über. So sagt man, und ich habe gefunden, dass dies zwar übertrieben ausgedrückt ist, aber doch auf Wahrheit beruht.«1
Die Mär von der angeblichen Illoyalität der Armenier bestimmt noch heute die türkische Staatsräson. Derzufolge wären die »Umsiedlungen« kriegsnotwendig gewesen. Gelegentliche Massaker seien zwar vorgekommen, hätten aber keinerlei staatliche Unterstützung erfahren. Die Absicht eines Völkermordes wird bestritten. Wer öffentlich dieser Sicht widerspricht, dem droht in der Türkei Strafverfolgung (»Beleidigung der türkischen Nation«) oder der wird, wie der Journalist Hrant Dink im Jahre 2007, von einem beleidigten Türken auf offener Straße erschossen. Allein aus diesem Grund spräche nichts dagegen, Druck auf die Türkei auszuüben.


»Hart, aber nützlich« (Hans Humann)

Hierzulande beruft man sich mit besonderem Stolz auf jene Handvoll Deutsche, die den Armeniern in ihrer Not halfen oder das Grauen dokumentierten. Exemplarisch steht dafür das große Interesse an Johannes Lepsius, der ein armenisches Hilfswerk gründete und versuchte, die Öffentlichkeit auf das Schicksal der Armenier aufmerksam zu machen, um dadurch eine Intervention zu bewirken. Das geschah aber nicht allein aus christlicher Nächstenliebe, sondern vor allem weil der kaisertreue Pfaffe die christlichen Armenier als Verbündete Deutschlands im Nahen Osten betrachtete. Dafür hätte er laut Hans-Dietrich Genscher den Friedensnobelpreis verdient, wie er in einer Rede während des Armenischen Weltkongresses im Jahr 2000 in Halle betonte. Hermann Goltz, der 1982 das Johannes-Lepsius-Archiv in Halle gründete, verglich Lepsius gar mit den Deutschen Heiligenfiguren des Zweiten Weltkrieges Stauffenberg, Bonhoefer und Schindler.
Dagegen wird gern übersehen, dass das Deutsche Kaiserreich maßgebliche Beihilfe zum Völkermord leistete.2 Das gab nämlich nichts auf Lepsius geostrategische Expertise, sondern avancierte stattdessen zum wichtigsten Verbündeten des Osmanischen Reiches. Vor allem mit der Neuformierung und Bewaffnung der osmanischen Armee, sowie dem Bau der Bagdadbahn stellte es die Infrastruktur für die Massaker. Zum Teil war deutsches Armeepersonal unmittelbar an den Gräueltaten beteiligt und trieb diese sogar voran. Das gut unterrichtete3 Deutsche Kaiserreich deckelte das Morden. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg formulierte die deutsche Leitlinie in einer knappen Aktennotiz: »Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.«
Protest wurde von deutscher Seite lediglich eingereicht, um den aufkommenden Gerüchten entgegenzuwirken, dass Kaiserreich sei an den Grausamkeiten beteiligt gewesen. Noch das viel gerühmte Lebenswerk von Johannes Lepsius steht in dieser Tradition. Als er nach dem Ende des Ersten Weltkrieges eine Dokumentation vom Schicksal der Armenier anhand von Akten des Auswärtigen Amtes veröffentlichte,4 geschah das im Auftrag desselben mit dem Ziel, die deutsche Rolle beim Völkermord herunterzuspielen. Um Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkrieges eine bessere Position bei den Friedensverhandlungen zu verschaffen, manipulierten das Auswärtige Amt und Lepsius verräterische Akten.5


»Eine Schar ausgemachter Türkenfeinde« (Hans Humann)

Lepsius Werk fällt in die kurze Phase nach dem Ersten Weltkrieg, in der es ein paar Versuche gab, den Genozid publik zu machen. Danach wurde es in der Öffentlichkeit weitgehend still um das Thema. Bis zur Jahrtausendwende wurden in der Politik, der Presse, dem akademischen Betrieb und in den Schulbüchern die Geschehnisse überwiegend verschwiegen. 6 Das lag jedoch nicht allein daran, dass die deutsche Mitverantwortung unter den Tisch gekehrt werden sollte. Man wollte auch auf die alten Waffenbrüder aus Ankara nichts kommen lassen, die sich auch später als gute Freunde Deutschlands erwiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte die Türkei zu den ersten Staaten, die in den 1950er Jahren diplomatische Beziehungen zu Deutschland aufnahmen. Schon frühzeitig setzte sie sich für den Nato-Beitritt Deutschlands ein. Heute ist Deutschland der größte Handelspartner der Türkei. Wer den Völkermord dennoch auf die Tagesordnung setzen wollte, dem wurde schnell vorgeworfen, Fremdenfeindlichkeit gegen Türken zu schüren – gerade so, als läge deutschem Fremdenhass eine Abneigung gegen die Menschenschlächter dieser Welt zugrunde. Stattdessen nahm man Rücksicht auf die Gefühle der Türken – sowohl in der Türkei, als auch in Deutschland.
Nach 1945 kam noch ein weiteres entscheidendes Motiv hinzu, von dem Thema die Finger zu lassen. Wer nämlich von nun an in Deutschland über den Völkermord an den Armeniern gesprochen hätte, wäre um Auschwitz nicht herumgekommen. Schließlich hatten es die Deutschen fertig gebracht, noch das barbarische Morden der Osmanen in den Schatten zu stellen. Und daran wollte man vorerst nicht erinnert werden. Noch in den Jahren 2000/2001, als die armenische Gemeinde mit einer Petition an den Bundestag herantrat, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen, und daraufhin die PDS einen Resolutionsentwurf einreichte, der zusätzlich die deutsche Mitschuld ansprach, reagierten die Bundestagsabgeordneten der übrigen Fraktionen ablehnend. Cem Özdemir erklärte zum Beispiel: »Aber von dem Vorhaben, mit erhobenem Zeigefinger auf das Land zwischen Bosporus und Ararat zu zeigen, sollten wir uns distanzieren. Die Retourkutsche mit dem Hinweis auf die eigene dunkle Vergangenheit käme […] sicher […]«.7 Aufgrund des Versuchs, den Beitrag des Deutschen Kaiserreiches auf die Tagesordnung des Bundestages zu setzen, befürchtete der damalige Vorsitzende der FDP-Fraktion, Wolfgang Gerhardt, noch weit schlimmeres: »Dies scheint vor allem Ausdruck des Bemühens zu sein, an jedwedem Übel in der Welt eine wie auch immer geartete deutsche Mitschuld zu konstruieren.«8
In den seltenen Fällen, wo die Angelegenheit nicht unter den Tisch gekehrt wurde, war unschwer das Bestreben herauszulesen, Auschwitz zu relativieren. Im Vorwort der ersten wissenschaftlichen deutschen Monographie über den Völkermord an den Armeniern gab der Autor Peter Lanne seine Motivation preis, sich der Sache anzunehmen.9 Darin erklärte er, dass der Holocaust ohne Wissen der deutschen Bevölkerung von der NS-Führung begangen worden sei, der Vernichtungsversuch der Armenier dagegen von einem ganzen Staatsvolk. Außerdem seien die Verbrechen des Holocaust bereits gesühnt und in ständiger Erinnerung gehalten, während die des Osmanischen Reiches in Vergessenheit gerieten und eine Bestrafung ausblieb. Auch in der Lepsius-Verherrlichung, deren jahrelange Hochburg Halle unter der Federführung von Hermann Goltz war, steckt der Versuch, die Deutschen reinzuwaschen: Bei den großen Blutbädern der Weltgeschichte waren sie nicht nur Täter, sondern auch Wohltäter. Als die Bundesrepublik neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der Antivölkermords-Konvention beitrat, hielt der SPD-Abgeordnete Jacob Altmaier eine Rede, in der er neben Auschwitz das Schicksal der Christen im Osmanischen Reich und die »Austreibung der Deutschen« als exemplarische »Untaten« bezeichnete.10 Während man sich in anderen europäischen Parlamenten durchaus mit dem Genozid an den Armeniern befasste, blieb sie dessen einzige Erwähnung im Bundestag im 20. Jahrhundert.


»Wir können durch unsere eigene Erfahrung andere ermutigen« (Norbert Lammert)

Langsam zu ändern begann sich das erst, nachdem Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2000 den Aufstand der Anständigen gegen deutsche Bilderbuchnazis ausrief. Die oben erwähnte Rede Genschers bezeugt den beginnenden Wandel ebenso, wie die Diskussion um die in den Bundestag eingebrachte Petition – wenngleich sich die Abgeordneten damals noch sträubten. Am 24. April 2002 gab schließlich der brandenburgische Bildungsminister Steffen Reiche auf der jährlichen Gedenkveranstaltung des Zentralrats der Armenier die neue Stoßrichtung vor: »Wir Deutsche stehen in einer besonderen Verantwortung, unsere türkischen Freunde und Bündnispartner zu mahnen, den Genozid anzuerkennen. Nicht nur weil wir in Vergangenheit und Gegenwart in einer engen Beziehung stehen, nicht nur weil in Deutschland besonders viele türkischstämmige Mitbürger leben, sondern weil die Deutschen besser als irgendein Volk wissen, dass nur Anerkennung von Schuld den Weg zu einem friedlichen Miteinander öffnet. Wir Deutschen sind nur geworden, was wir sind, durch die Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Juden.«11 Reiche forderte also nicht nur die anständigen Deutschen auf, das lange Schweigen mit dem Verweis auf Auschwitz zu beenden. Vielmehr sollte den alten Waffenbrüdern ans Herz gelegt werden, ihnen auf den Weg der Rehabilitierung zu folgen. Um den Türken diesen Weg schmackhaft zu machen, wurde sogleich darauf verwiesen, wie gewinnbringend es für die Deutschen war, an die Leichen im eigenen Keller zu erinnern. Wenn die Türken ihnen folgten, spränge für Deutschland ein zusätzlicher Bonus heraus: Es wäre nicht mehr nur Weltmeister, sondern auch Lehrmeister der Wiedergutwerdung.
Damit hatte Reiche die wesentlichen Punkte zusammengefasst, die in den darauffolgenden Jahren den deutschen Umgang mit dem Völkermord an den Armeniern bestimmen sollten. Die Versuche des Verschweigens oder der Relativierung verkamen in Deutschland dagegen immer mehr zur Randerscheinung. Der Bundestag befasste sich erstmals 2005, anlässlich dessen 90. Jahrestages, mit dem Thema im Rahmen einer Resolution. Der Entwurf wurde von der damaligen Oppositionsfraktion CDU/CSU eingereicht – auf Initiative des ehemaligen Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts Christoph Bergner. Unterstützt wurde er von seinem alten Freund, dem hallischen Lepsiusverehrer Hermann Goltz. Auch bei Bergner waren die Worte Reiches angekommen. Er erklärte in der Aussprache vorm Bundestag, man wolle die Türkei nicht anklagen, sondern ihr eine »europäische Erinnerungskultur« beibringen, bei der es sich tatsächlich um eine deutsche handelt, genauer gesagt um »eine Erinnerungskultur, die wir in diesen Wochen um den 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in besonderer Weise erleben.«12 In der Aussprache wurde ausgiebig an die türkische Zivilgesellschaft appelliert. Schließlich ging auch der Wiedergutwerdung der Berliner Republik ein Aufstand der Anständigen voraus. Um die Türkei und ihre Zivilgesellschaft nicht zu sehr zu verschrecken – man wolle schließlich niemanden auf die »Anklagebank setzen«13 –, wurde in der Resolution jedoch die Verwendung des Begriffes »Völkermord« vermieden. Die Adressaten hielten dennoch nicht viel vom deutschen Sonderweg. Der türkische Botschafter tobte und der Verband Türkischer Unternehmer und Industrieller in Europa warf Bergner in einem Brief »vorsätzliche Diskriminierung der Türkei und der Türken« vor.14
Um das Kind beim Namen zu nennen, musste bis zum nächsten runden Jubiläum gewartet werden. Anlässlich des 100. Völkermordgedenktages im Jahr 2015 reichten schließlich erneut alle Bundestagsfraktionen Resolutionsanträge ein, in denen nun das tückische V-Wort verwendet wurde, dass die Türken so ungern hören mögen. Aber auch das geschah vorrangig, um den deutschen Weg zum guten Gewissen zu bewerben. So betonte Cem Özdemir zwar immer noch, dass sich die Deutschen nicht als »Lehrer« eignen, dafür aber als »Ratgeber«. Nämlich »als diejenigen, die sagen können: Wer sich mit den dunklen Flecken der eigenen Geschichte beschäftigt, der wird daran nicht kleiner, sondern – im Gegenteil – wächst daran.«15 Auch der CDU-Abgeordnete Norbert Röttgen betonte, dass die Deutschen durch ihre »Erfahrung« einen unterstützenden Beitrag bei der türkischen Vergangenheitsbewältigung leisten könnten: »Wir wissen, dass es schmerzhaft ist.«
Im Zusammenhang mit der Initiative des Bundestages stieg die Berichterstattung sprunghaft an. Wenngleich die Resolution von 2005 samt der darauffolgenden Reaktionen bereits eine Zäsur darstellte, nahm die Angelegenheit erst im vergangenen Jahr richtig Fahrt auf. Prompt bewarb sich die Genozidforscherin Elke Hartmann in einem Interview mit dem hallischen Bürgerfunk Radio Corax für freiwerdende Gelder: »Die politische Anerkennung würde dann hoffentlich auch nach sich ziehen, dass in Deutschland gerade ein solcher Forschungsraum entsteht, wo wir doch in Deutschland eine sehr erfolgreiche Tradition inzwischen haben, sich mit solchen Vergangenheiten auseinanderzusetzen und dort eben auch Impulsgeber sein könnten.«16 Berthold Kohler, Mitherausgeber der FAZ, sorgte sich dagegen um die deutsche Integrität: »Ein Staat, der so viel Wert auf die Bewältigung der eigenen Vergangenheit gelegt hat wie Deutschland, darf sich selbst aus geostrategischen Gründen nicht der türkischen Selbstverleugnung anschließen.«17


»Verzicht auf verbale Rache« (Bernd Fabritius)

Wenn man sich die gegenwärtige Rezeption des Völkermordes an den Armeniern anschaut, tritt offen zutage, dass sich die Deutschen einzig um sich selbst drehen, sobald sie von ihm zu reden beginnen. Ihre eigene Läuterung ist ihnen so sehr zu Kopf gestiegen, dass sie diese nun zu exportieren gedenken. Für die Opfer des Völkermordes und deren Nachkommen folgt daraus nicht viel. Weder brauchen sie mit einer Entschädigung von deutscher Seite rechnen, noch können sie auf Unterstützung bei irgendwelchen Forderungen gegen die Türkei hoffen. Das betonten die Redner der Aussprachen 2005 und 2015 ausdrücklich und das steckt auch hinter dem deutschen Mantra, die Türkei nicht anklagen zu wollen. Vielmehr fordert der Deutsche Bundestag in der Resolution aus dem Jahr 2005 von den Armeniern, dass ein »Verzeihen historischer Schuld erreicht wird.«18 Noch deutlicher wurde Bernd Fabritius 2015: »Von [den Armeniern] erwarte ich Offenheit, Versöhnungsbereitschaft und den Verzicht auf verbale Rache.«19 Denn darüber, wie sich die Opfer zu benehmen haben, wissen die Deutschen seit jeher besonders gut Bescheid.

Udo Cirfus

 

Anmerkungen
1    Karl May: Der Kys-Kaptschiji, Einsiedeln, Waldshut, Köln 1896.
2    Vgl. Jürgen Gottschlich: Beihilfe zum Völkermord, Berlin 2015.
3    Noch heute gelten die deutschen Berichte als wichtigste Quelle bei der Aufarbeitung des Genozids. Vgl. Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, Springe 2005.
4    Johannes Lepsius (Hrsg.): Deutschland und Armenien 1914–1918. Sammlung diplomatischer Aktenstücke, Potsdam 1919.
5    Wolfgang Gust: Magisches Viereck. Johannes Lepsius, Deutschland und Armenien, unter: http://www.armenocide.de/armenocide/armgende.nsf/GuidesView/MagischesViereckDe?OpenDocument.
6    Vgl. Anette Schaefgen: Schwieriges Erinnern. Der Völkermord an den Armeniern, Berlin 2006.
7    Cem Özdemir: Langer Gang am Bosporus. Was gegen eine Armenien-Resolution spricht, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.04.2001.
8    Wolfgang Gerhardt: Schreiben an die DAG, 22.08.2001 (Nachzulesen unter: http://www.deutscharmenischegesellschaft.de/materialien/der-genozid-an-den-armeniern/vor-dem-deutschen-bundestag2/324-2).
9    Peter Lanne: Armenien. Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts, München 1977.
10    Plenarprotokoll 2/37 (http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/02/02037.pdf)
11 http://www.deutscharmenischegesellschaft.de/wp-content/uploads/2009/11/1_rgenreiche.pdf
12    Plenarprotokoll 15/172 (http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/15/15172.pdf#P.16127)
13    Ebd.
14    Ebd.
15    Plenarprotokoll 18/101 (http://www.bundestag.de/dokumente/protokolle/vorlaeufig/18101/371464)
16    https://www.freie-radios.net/72481
17    Berthold Kohler: Bis auf die Knochen, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.04.2015.
18    http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/15/056/1505689.pdf
19    Plenarprotokoll 18/101 (http://www.bundestag.de/dokumente/protokolle/vorlaeufig/18101/371464)

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Als Meera Shankar, die damalige Botschafterin der Republik Indien in Deutschland, anlässlich eines deutsch-indischen Wirtschaftstreffens im Jahr 2008 die Saalestadt besuchte, hatte sie nicht nur eine Bücherspende für die hallische Universität im Diplomatenkoffer, sondern auch eine Bronzebüste des indischen Volksheiligen Mohandas Gandhi. Aufgestellt wurde sie in Anwesenheit der damaligen Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados und des zu dieser Zeit amtierenden Universitätsrektors Wulf Diepenbrock im Park der Landwirtschaftlichen Fakultät in der Emil-Abderhalden-Straße. Die Ortswahl war weniger Gandhis Faible für das einfache Landleben geschuldet, sondern hing damit zusammen, dass der Park fest als künftiger Teil des Campus des Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Zentrums (GSZ) eingeplant war: »Tausende Studierende werden dann täglich an der Büste vorbeilaufen. Der Geist Gandhis soll hier allgegenwärtig sein und zum Nachdenken anregen«, erklärte Diepenbrock bei der feierlichen Enthüllung die Standortwahl. (Mitteldeutsche Zeitung, 28.11.2008) Mit der Fertigstellung des Steintor-Campus wurde Diepenbrocks Drohung wahr gemacht, die Statue wurde im letzten Jahr um gute 100 Meter versetzt und ziert nun den Platz an zentraler Stelle.

Als die Bonjour Tristesse vor neun Jahren erstmals erschien, unterschrieben wir die Rubrik Kurzmitteilungen mit »Wahnsinn, Kuriositäten und Erfreuliches aus der Provinz«. Das tun wir zwar auch heute noch, regelmäßigen Lesern dürfte allerdings unschwer aufgefallen sein, dass es in zwanzig Ausgaben kaum etwas Erfreuliches zu berichten gab. Umso schöner ist es, dass es an dieser Stelle gleich zwei gute Nachrichten zu vermelden gibt.

Gandhi-Denkmal auf dem Steintor-Campus der Uni Halle

Gandhi-Denkmal auf dem Steintor-Campus der Uni Halle

Die erste: Bereits vor der Eröffnung des GSZ im Herbst letzten Jahres wurde der Gandhi-Büste die Brille vom Kopf geschlagen und entwendet. Die zweite gute Nachricht: Kurz nachdem pünktlich zum Tag der offenen Tür eine Ersatzbrille beschafft und wieder an den Büstenkopf gelötet worden war, verschwand die Brille erneut. Die Redaktion der Bonjour Tristesse besteht zwar grundsätzlich nicht aus Freunden von Denkmalschändungen. Wenn es dabei jedoch die Richtigen trifft, sind wir die letzten, die deshalb in tiefes Bedauern verfallen. Dass es beim Brillenklau nicht den Falschen erwischt hat, wird deutlich, wenn man sich Gandhis Vision eines von der britischen Kolonialmacht unabhängigen Indiens betrachtet, die vor allem beinhaltete, seinen Landsleuten gerade das wenige Gute vorzuenthalten, was mit der britischen Kolonialherrschaft nach Indien gelangt war: die fortschreitende Zivilisierung. »Indiens Rettung liegt im Verlernen all dessen, was es in den letzten fünfzig Jahren gelernt hat. Eisenbahn, Telegraph, Krankenhäuser, Advokaten, Doktoren, all dies muss verschwinden; und die so genannt besseren Kreise müssen bewusst, gläubig und gezielt das einfache Bauernleben lernen, im Wissen, dass dieses Leben das wahre Glück bringt.« Was der Prophet des schlechten Lebens bei seinen Landsleuten als naturgegebenes Recht begriff – einen eigenen Nationalstaat – gestand er ausgerechnet den Juden nicht zu. So schrieb er angesichts der Novemberpogrome von 1938: »Palästina gehört den Arabern im gleichen Sinn, wie England den Engländern und Frankreich den Franzosen. Es ist ungerecht und unmenschlich, den Arabern die Juden aufzudrängen.« Auch ein anderes Staatsgebiet lehnte Gandhi vehement ab. Stattdessen sollten die Juden »Palästina« nicht als »geographisches Gebiet« betrachten, sondern »in ihren Herzen« tragen und in den Ländern bleiben, in denen sie geboren wurden. Doch damit nicht genug. Der Judenverfolgung in Deutschland sollten sie nicht versuchen zu entfliehen, sondern gewaltlos entgegentreten. Gandhi forderte von den deutschen Juden, dass sie sich »auf freiwilliges Leiden« vorbereiten und ihre Ermordung bei künftigen »Massakern« als »Tag der Freude und des Dankes« begreifen sollten, um auf diese Weise nicht nur »die deutschen Nichtjuden […] zur Anerkennung der Menschenwürde [zu] bekehren«, sondern um der Welt »den unvergleichlichen Beitrag der gewaltfreien Aktion hinzu[zu]fügen«.

Wir wissen nicht, ob die Brillendiebstähle Proteste gegen den Ungeist Gandhis darstellen sollen oder der spätpubertären Freude am nächtlichen Randalieren unter Alkoholeinfluss geschuldet sind. Doch ganz unabhängig vom jeweiligen Motiv wollen wir gute Taten nicht unbelohnt lassen. Anlässlich unseres 20. Heftjubiläums spendieren wir allen, die uns glaubhaft und überzeugend versichern können, im Besitz einer der beiden Brillen zu sein, einen Kasten Sternburg Export. Zum Wohl!

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Das tothe Thier

Nach zehn Ausgaben stellt AG No Tears For Krauts die Zeitschrift Das Grosse Thier hiermit ein und gesteht: Es war alles nur ein grosser Witts.

 

Wer hätte gedacht, dass einer der größten Gags der an Witzen so reichen ostzonalen Antifa-Geschichte der letzten Jahre gleich zweimal funktioniert. Vielleicht erinnert sich noch jemand: Vor vier Jahren boten wir der linken Leipziger Jungakademikerzeitschrift Phase 2 einen bei einem Kasten Bier entstandenen Artikel an, in dem wir der Kleinkinderserie ALF einen subversiven und emanzipatorischen Charakter andichteten. Zudem schlugen wir den Bogen zur inzwischen so beliebten Gendertheorie und behaupteten, dass der Außerirdische mit der femininen Körperbehaarung und der engelsgleichen Stimme auch in dieser Hinsicht Herausragendes geleistet habe. Zu unserer Überraschung winkte die Redaktion den Text, der zu mehr als 70 Prozent aus Fragwürdigkeiten, Lügen und Mumpitz bestand, durch und veröffentlichte ihn. Damit war die von der Phase 2 kurz zuvor gestellte Frage beantwortet, die uns überhaupt erst zum Schreiben des Artikels veranlasst hatte: Wie ist es um linke Medien bestellt? Unsere Antwort lautete: Linke Medien stehen mit Wahrheit und Vernunft auf Kriegsfuß. Sie sind darüber hinaus nicht nur der Ort, an dem private Vorlieben weltanschaulich aufgenordet werden können, sondern auch bereit, jeden Unsinn zu drucken, wenn er nur im richtigen Jargon verfasst ist.
Unseren abschließenden Text zu der Angelegenheit beendeten wir mit der Aussage, dass vielleicht alles doch ganz anders ist. Vielleicht, so hofften wir damals, bekennt sich die Redaktion der Phase 2 demnächst dazu, dass nicht nur der ALF-Text, sondern sämtliche Artikel des Blattes ein subversiver Anschlag auf die Dummheit, den Konformismus und die Autoritätshörigkeit der Linken sind. Durch ein solches Geständnis hätte das Phase-2-Publikum, das den Quark des Blattes Jahr für Jahr geschluckt hat, vor sich selbst erschrecken können – was nicht das Schlechteste gewesen wäre. Man muss die Menschen vor sich selbst erschrecken lassen, um ihnen Courage zu machen, schreibt Marx ja irgendwo sinngemäß.
Diese Hoffnung auf einen großen Masterplan der Phase-2-Redaktion war zwar äußerst naiv. Es war jedoch eine Idee geboren wurden: Wir beschlossen, eine Zeitschrift zu gründen, die den linken Zeitgeist und die postantideutsche Antifaszene mit ihrer wiedergewonnenen Begeisterung für jeden noch so hanebüchenen linken Bewegungsunsinn – von der neuen Anziehungskraft der „Klasse“ bis zum garantiert szenigen Dresscode – bedient. Das Blatt sollte mit aufgeblähten Nonsens-Artikeln gefüllt werden, um in der Hoffnung auf das Erschrecken der Leserschaft über sich selbst, das manchmal durchaus heilsame Folgen für die eigene Selbstreflexion und Vernunft haben kann, irgendwann die Bombe platzen zu lassen. Der Name des Heftes war schnell gefunden: Das grosse Thier.
Auch die Herausgabe selbst war nicht sehr schwer. Wir setzten uns gelegentlich zusammen, besorgten uns stärkere Getränke als Bier und mixten folgende Zutaten: philosophisch aufgenordete, meist um ein wenig Hegel, Marx oder den Situationismus aufgepeppte Worthülsen, mit denen das theoretische Bedürfnis bedient werden sollte, Kleinkinderwitze, Schülerzeitungshumor und viel Gerede von der Avantgarde vergangener Tage. Trotz des Geblubbers von Antiautoritarismus und Gleichberechtigung will der um Distinktion bemühte Feld-, Wald- und Wiesenlinke nämlich lieber Vor- als Nachturner sein. Das ganze verbanden wir mit der obligatorischen Fünf-vor-Zwölf-Rhetorik („bald-geht-die-Welt-unter-aber-außer-uns-stört-sich-niemand-daran“), die dem existenzialistischen Bedürfnis der Leserschaft entgegenkommen sollte, und, unmittelbar damit verbunden, Poesiealbumsweltschmerz. Zusammen mit einem lieblos zusammengeschusterten Layout entstand dabei ein kleines Heftchen, das jeder Leser aufgrund des kompletten Verzichts auf Inhalt, Stringenz, Logik und Lesbarkeit entnervt hätte links liegen lassen müssen.
Das Gegenteil passierte: Zwar hatten wir damit gerechnet, dass sich bereits mit der ersten Ausgabe ein fester Leserkreis zusammenfand, den das Heft begeisterte. Immerhin kennen wir die Linke und ihre Vorliebe für sinn- und hirnloses Gestammel. Nicht gerechnet hatten wir allerdings damit, dass das Blatt eine so große Resonanz erhielt, dass uns von den Lesern haufenweise Artikel für mehrere Ausgaben angeboten wurden, die unser eigenes, im Stroh-80-Rausch fabriziertes Gebrabbel für das Grosse Thier noch unterboten. Wir entschieden uns, die Sache noch ein wenig laufenzulassen und setzten die Herausgabe fort. Unsere Hoffnung: Irgendwer muss doch irgendwann durchschauen, dass das Heft nicht ernst gemeint sein kann. Leider Fehlanzeige, die Fangemeinde wuchs und auch die Artikelangebote nahmen nicht ab.
Da zehn Hefte nun wirklich genug sind und wir schlichtweg keine Lust mehr haben, darauf zu warten, dass jemand unser Fake durchschaut, stellen wir hiermit die Herausgabe der Zeitschrift Das grosse Thier ein. Wir hoffen, dass sich die bisherigen Leser für ihre Begeisterung schämen, bei ihrer nächsten Lektüre genauer hinschauen und ausnahmsweise einmal ihren Kopf einschalten. Groß ist unsere Hoffnung allerdings nicht.

No Tears for Krauts, 04/2016

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Der große Witz

Im Internet sorgt seit einiger Zeit eine Erklärung der Gruppe No Tears for Krauts Halle für Diskussionen, dass die Zeitschrift Das grosse Thier eigentlich von ihr herausgegeben wurde, um das Publikum hinters Licht zu führen. Wir sprachen mit einem Vertreter der Gruppe.

 

Seit einiger Zeit kursiert im Internet die Erklärung, dass die Zeitschrift Das grosse Thier eigentlich ein Fake von Euch ist. Die Erklärung ist ein Witz, oder?
Es ist schon komisch: Wir haben mit dem Grossen Thier über zehn Ausgaben hinweg eine Zeitschrift gemacht, die aus nichts anderem bestand als aus aneinandergereihten schlechten Witzen – sowohl in theoretischer als auch in politischer und ästhetischer Hinsicht. Und jetzt erscheint der erste vernünftige Text im Zusammenhang mit dem Blatt, und alle glauben, dass nicht das Grosse Thier der Witz ist, sondern unsere Erklärung. Das ist tatsächlich komisch.

 

Aber es gibt doch Personen, die als Herausgeber auftreten, die das Grosse Thier bei Veranstaltungen präsentieren usw.
Ja, auch das ist ganz lustig. Der Genosse, der inzwischen als Herausgeber des Grossen Thiers wahrgenommen wird, ist vor ein paar Jahren nach Halle gezogen und hat uns geschrieben, dass er bei uns mitmachen will. Ein paar Leute von uns haben sich dann mit ihm auf einen Kaffee in der Kleinen Ullrichstraße [der »Kneipenmeile« von Halle, d. Red.] getroffen. Es hat sofort zwischen uns gefunkt, wir haben uns sofort gut mit ihm verstanden. Er hatte vorher in Süddeutschland eine kleine Zeitschrift gemacht, wir hatten gerade unseren Fake-Artikel in der Phase 2 untergebracht. Daraus ist dann die Idee entstanden, eine ganze Zeitschrift herauszugeben, mit der das linke Publikum vorgeführt wird. Und weil das am Besten funktioniert, wenn es auch jemanden gibt, der offen als Repräsentant dieser Zeitschrift auftritt, hat er gesagt: OK, ich mach’ das. Er hat ja ein gewisses Faible für subversive Aktionen.

 

Und die anderen Leute? Es gibt ja auch andere, die unter ihrem Klarnamen im Grossen Thier schreiben, oder von denen man weiß, dass sie Texte dort geschrieben haben.
Ja, das stimmt, das ist nicht mehr ganz so lustig, sondern eher tragisch. Wir waren am Anfang etwas besorgt, weil es gar nicht so leicht ist, ständig mit Absicht Stuss zusammenzuschreiben, mit dem das Grosse Thier dann gefüllt wird. Aber zu unserer Überraschung bekamen wir ziemlich schnell Artikelangebote von Lesern. Wir dachten zuerst, Mist, jetzt sind wir aufgeflogen, weil die meisten Texte so geklungen haben, als hätten wir kurz vorm Übergang ins Delirium versucht, die linke Legasthenie und die linke Unfähigkeit, einen klaren Gedanken zu formulieren, auf die Schippe zu nehmen: Komplett sinn- und syntaxfreie Meditationen übers Mikadospielen oder so. Aber sie waren ernst gemeint. Je mehr solcher unfreiwilligen Nonsens-Artikel wir abgedruckt haben, umso mehr Textangebote haben wir bekommen und umso sinnfreier wurden die Texte. Aber umso weniger Arbeit hatten wir dann auch mit dem Heft.

 

Das heißt, einige Autoren wussten gar nicht, dass sie Teil einer großen Verarschung gewesen sind?
Nein, wir und der »Herausgeber« hatten deshalb zeitweise auch ein schlechtes Gewissen. Bei ihm war es noch stärker ausgeprägt, weil er einige der Leute ja auch persönlich kennt. Das war, glaube ich, nicht immer ganz leicht für ihn. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass wir niemanden dazu gezwungen haben, einen Text zu schreiben. Das haben die Leute, die uns ihre Texte geschickt haben, schon ganz allein getan – so, wie es sich die Traditionslinke immer wieder als Forderung auf ihre Transparente malt: selbstbestimmt und autonom. Aber wie gesagt: Manchmal hatten wir trotzdem ein schlechtes Gewissen und ein bisschen Mitleid mit ihnen.

 

Und es ist wirklich niemandem aufgefallen, dass es sich beim Grossen Thier um einen Fake handelt?
Na ja, kurz nachdem die erste Ausgabe des Grossen Thiers erschienen war, haben wir als No Tears for Krauts eine kleine Stichelei gegen das Heft lanciert. Und auch im Grossen Thier haben wir immer mal wieder gegen die bösen, dummen, empiriefeindlichen, theoretisch ungebildeten Antideutschen, gegen die »Bahamas-Fraktion«, »Staats- und Rechtsfetischisten« usw. geschossen. Erst vor Kurzem haben wir ein kurze Auslassung auf den Thier-Blog gepackt, deren Autor eine Art Rassismusvorwurf gegen die No Tears for Krauts und einige befreundete Gruppen gebastelt und einen kaum verklausulierten Aufruf zur Gewalt formuliert hat: Wie mit uns umgegangen werden soll, ist keine Frage der Theorie mehr oder so. Das Artikelangebot hat uns dann schließlich auch in unserer Entscheidung bestärkt, die Bombe nach der zehnten Ausgabe platzen zu lassen: Wir wollten die Leserschaft des Grossen Thiers schließlich vor ihrer eigenen Denkfaulheit, ihrer eigenen Stereotypie und ihrem Ressentiment erschrecken lassen und keinen Lynchmob züchten.
Auf jeden Fall aber dürften solche verbalen Angriffe dazu beigetragen haben, dass niemand auf die Idee gekommen ist, dass das Grosse Thier ein großer Witz ist. Mit den entsprechenden Texten haben wir das enorme Abgrenzungsbedürfnis gegen die ewigen Stänkerer bedient. Es geht in der Linken ja weniger um den Inhalt als um den richtigen Stallgeruch. Oder anders: Es geht weniger um Reflexion als um Ressentiment. Wenn dieses Ressentiment dann auch noch von den gleichen sinnfreien Sprechblasen eingerahmt wird, die auch im Kopf der Leser blubbern, wächst die Fangemeinde.
Trotzdem hat es uns auch ein bisschen erschreckt, dass niemand das Ganze durchschaut hat. Selbst als wir in der letzten Ausgabe einen komplett aussagefreien Artikel unter dem Namen Julia Reiter veröffentlicht haben, mit dem wir damals den ALF-Text in der Phase 2 unterzeichnet haben, und das Ganze dann auch noch als Plakat gedruckt haben, hat sich niemand gewundert. Nur ein Genosse aus Freiburg hat uns dazu gratuliert, dass wir auch dem Grossen Thier einen Stuss-Artikel unterjubeln konnten. Er hat den Namen Julia Reiter gelesen, erkannt, dass der Text eigentlich gar kein richtiger Text, sondern eine Collage aus Dope-Gedanken ist, aber aus der Tatsache, dass er damit den anderen Artikeln der Zeitschrift wie ein Ei dem anderen gleicht, hat er keine Rückschlüsse gezogen. Das lag ganz einfach daran, dass man inzwischen einiges von linker Seite gewöhnt ist. Es gibt ja mittlerweile unzählige Zeitschriften, Blogs und Autoren die im vollen Ernst solche Artikel veröffentlichen wie wir im Grossen Thier aus Spaß.

 

Und wie soll es nun weitergehen? Werden wir demnächst erfahren, dass es auch Daniel Kulla nicht wirklich gibt und ihr hinter seinen Texten steckt?
Das ist eigentlich eine schöne Idee: der Wuschel als unsere fünfte Kolonne. Aber nein, der ist leider echt. Natürlich hoffen wir darauf, dass zumindest ein Teil der Leserschaft des Grossen Thiers zur Vernunft kommt und etwas mehr nachdenkt. Walter Benjamin schreibt ja irgendwo von der erkenntnisfördernden Kraft, die ein Schock manchmal haben kann. Beispiel Phase 2: Das ist immer noch keine hervorragende Zeitschrift, aber unsere Intervention scheint zumindest bei der Redaktion zu etwas mehr Selbstreflexion geführt zu haben. Es scheint nicht mehr jeder Mist veröffentlicht zu werden, das Heft ist dünner, aber auch etwas besser geworden. Und das ist schon viel Wert.
Wie wir jetzt in Sachen Grosses Thier weiter machen, wissen wir aber noch nicht. Einige von uns haben überlegt, in einer Erklärung zu behaupten, dass nicht das Grosse Thier gefakt ist, sondern die Bonjour Tristesse. Das Grosse Thier würde dann in derselben miesen Qualität weiter erscheinen wie bisher, und wir könnten nach ein, zwei Ausgaben die Autoren und Leser vorführen, die beim Heft geblieben sind. Andere von uns finden das aber albern. Wir sind also noch im Diskussionsprozess.

 

 

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Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der hallischen Kunsthochschule Burg Giebichenstein im vergangenen Jahr fragt Hannes Junker, was es mit deren Selbstinszenierung als Produktionsstätte für unbequeme Querdenker auf sich hat. Der Text ist die leicht überarbeitete Fassung eines Vortrages, den der Autor im Sommer 2015 auf Einladung der AG Antifa im Stura gehalten hat.

 

Das Phänomen ist bekannt: Immer wieder lodern bei Geburtstagsfeiern und an Weihnachten schwelende Konflikte innerhalb der Familie auf. Am Anfang geben sich alle noch Mühe, aber spätestens nach der Bescherung sorgt eine ernüchterte Erwartungshaltung dafür, dass die Stimmung kippt. Das gilt auch für jene Familien, deren Bindung nicht auf Her- sondern auf Übereinkunft gründet. Die Angehörigen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein beschwören regelmäßig einen gemeinschaftlichen Zusammenhalt, der innerhalb der Burgmauern herrschen würde. Die Burg – so ist immer wieder zu hören – sei eine große Familie. Dass die Feste von Wahlverwandten nicht anders als die von Blutsverwandten ablaufen, demonstrierte die hallische Kunsthochschule während ihres hundertjährigen Jubiläums.
Zu Beginn der offiziellen Festwoche im Mai herrschte zwischen Lehrstuhl und Studierendenrat noch eitel Sonnenschein. Die Professoren stellten sich in einer Ausstellung, die im Zuge der Jubiläumsfeierlichkeiten im Volkspark stattfand, als Freunde der Studenten vor, die auch mal »gegen den Strich bürsten würden«. Die Studenten ihrerseits rechtfertigten das ausgesprochene Vertrauen, in dem sie das Programm für die offizielle Festwoche spendierten. Der Studierendenrat der Burg erklärte: »Die Studentinnen und Studenten haben in diesen hundert Jahren die Burg zu dem gemacht, was sie ist. Sie haben sich Freiräume genommen, Regeln überschritten und Haltungen hinterfragt.« So schien die Festwoche zwischenzeitlich die Innigkeit der Burgfamilie zu bestätigen, die sich als schrecklich nette Familie notorischer Querdenker präsentierte. Textildesignstudenten nähten im Stile des Bundes Deutscher Mädel hundert Fahnen mit neuen Logos für ihre Hochschule. Kommunikations- und Industriedesignstudenten organisierten einen Faschingsumzug, der vom Neuwerk zur Unterburg der Burg Giebichenstein zog. Und selbst vor dem Biomüll machte das studentische Engagement keinen Halt: Besonders eifrige Designstudenten verarbeiteten Essensabfälle, die während der Festwoche anfielen, zu Kleidung.
Bei der abschließenden Modenschau am Freitagnachmittag zeigte sich, wie es um den familiären Zusammenhalt bestellt ist. Am Ende des Laufstegs fielen die Kompostmodels in einen stilisierten Abfallcontainer. Die Performance war offensichtlich als Kommerzvorwurf gedacht, der sich nicht zuletzt auch gegen die angehenden Modedesigner gerichtet haben dürfte, die sich nicht an der Aktion beteiligt hatten. Doch schon längst vor der Modenschau war der Familienfrieden zerbrochen. Bereits am Mittwochabend, während eines offiziellen Festbanketts für geladene und gesetzte Gäste, das von einigen Burgstudenten unter Leitung einer Künstlerin vorbereitet wurde, kam es zum Eklat. Der Stura hatte zuvor unter den Studenten Karten für den Schmaus verlost, wobei die Verlosung nur auf mäßiges Interesse stieß. Einige Burgstudenten brachte die vermeintliche Adelsbildung und das opulente Mahl derart in Wallung, dass sie das Bankett im Volkspark störten, wobei sie Gäste beschimpften und die Dekoration beschädigten. Eine spontane Einladung, sich an die Tafel zu gesellen, lehnten sie ab. Ihnen ginge es nicht um ihren Ausschluss, sondern um die Unvereinbarkeit solch eines Banketts mit Burgidealen wie Nachhaltigkeit und Authentizität. Noch Tage nach dem Vorfall war die Kunsthochschule in Aufruhr. So kündigten einzelne Mitarbeiter des Studentencafés Konsum wutentbrannt an, den Professoren keinen Kaffee mehr servieren zu wollen. Eine Angestellte spielte ein eingesprochenes Band in Dauerschleife ab, in welchem das Bankett unter anderem als »dekadent« bezeichnet wurde. Der Studierendenrat verschickte eine wirre E-Mail, in der er zum Zusammenhalt aufrief, den er durch verborgene Kräfte gefährdet sah: »Liebe Mitglieder der Burg, das gestrige Festbankett hat es gezeigt. Wir wissen weder, wer wir sind, noch was die anderen wollen. In blinden Notzwängen versuchen wir anonymen Ansprüchen gerecht zu werden, und dabei vergessen wir die Gemeinschaft, die wir sind. In der Menge unserer unterschiedlichen Vorstellungen liegt eigentlich eine Energie, die­­­ viel ausmachen kann, aber es muss eben die gesamte Menge teilhaben und nicht nur ein geladener Kreis der Elite.«
Es waren jedoch weder unterschiedliche Vorstellungen, die zur Spaltung von Mob und Elite während der Festwoche führten. Noch war es Eigensinnigkeit, derer sich die Burgangehörigen immer wieder rühmen, die den Bankettbesuch eskalieren ließ. Eigensinnigkeit setzt mit eigenständigen Gedanken etwas voraus, das den Burgstudenten gar nicht zuzutrauen ist, denn schließlich steht auf dem Lehrplan ihrer Hochschule nicht Komposition, sondern Konformismus.


Von der Hochschule für industrielle Formgestaltung zur Burg Giebichenstein Kunsthochschule

Als Hochschule für industrielle Formgestaltung war die Burg die bedeutendste Kunsthochschule für Design der DDR. Zusammen mit der Universität der Künste und der Kunsthochschule Weißensee in Berlin gehört sie inzwischen zu den größten Ausbildungsstätten für Künstler und Designer in Deutschland. Zwar steht die freie Kunst aus Halle im Schatten der nahegelegenen Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, deren Malerei weltweit großes Renommee genießt. Und auch in Sachsen-Anhalt wird die Burg, wenn es um internationale Bekanntheit geht, wohl bis in alle Ewigkeiten das Nachsehen gegenüber dem Bauhaus in Dessau haben – ein Umstand, der an der Burg Giebichenstein so sehr als Stachel im eigenen Fleisch wahrgenommen wird, dass man sich in deren Räumlichkeiten unentwegt am Bauhaus abarbeitet. Aber zumindest das Design und Kunsthandwerk der Burg ist auch jenseits der Elbe ein Begriff. Jedes Jahr bewerben sich hunderte Interessierte um einen der begehrten Studienplätze im Fachbereich Design, dem größten Fachbereich der Hochschule. Und was sonst nur der Stiftung für Hochschulzulassung gelingt, nämlich westdeutsche Abiturienten zum Studium in die Zone zu lotsen, schafft die Burg auch ohne zentrales Auswahlverfahren. So kommt jeder dritte Bewerber aus den alten Bundesländern.
Die Lehre an der ehemaligen Kunsthandwerksschule, deren Werkstätten seit Anfang der 1920er Jahre durch die Bestrebungen ihres Gründervaters Paul Thiersch in der namensgebenden Burg Giebichenstein residieren, genießt einen guten Ruf. Vor allem die enge Verbindung von freier und angewandter Kunst sowie das Kunsthandwerk werden in Anschlag gebracht, wenn es um die Profilierung der Hochschule geht. Man fühle sich an der Saale einer handwerklich-künstlerischen Grundausbildung verpflichtet, wodurch sich die Designausbildung von der Ausbildung an wirtschaftsorientierten Fachhochschulen für Gestaltung abheben würde. Außerdem orientiere sich das Design weniger an den Erfordernissen der industriellen Massenproduktion als an der Güte des Handwerks. Die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Burg, Renate Luckner-Bien, hat dieses vorherrschende Selbstverständnis anlässlich der ersten großen Nachwendeausstellung der Hochschule 1990 in einem Ausstellungskatalog folgendermaßen formuliert: »In den Mauern der Burg lebt eine Auffassung von Werkkunst, die bestimmt ist vom Wissen um die Notwendigkeit der Ganzheitlichkeit gestalterischen Denkens und Handelns – und zwar als ungeteilte, sinnliche und konkrete Arbeit, nicht als Legitimation industrieller Warenüberflutung im Sinne von Corporate Identity.« Zwar sind diese verquasten Worte inzwischen mehr als zwanzig Jahre alt. Sie entsprechen jedoch auch heute noch weitestgehend dem ideologischen Selbstbild der kunsthandwerklichen Fachbereiche.
Auch innerhalb der größten Designstudiengänge – Kommunikationsdesign, Industriedesign und Innenarchitektur – teilt man die Überzeugung, dass man nicht für Markt und Masse gestaltet. Stattdessen wird die eigene Arbeit als Kulturbeitrag und Gesellschaftsdienst begriffen. Vor diesem Hintergrund gab der Rektor der Burg, Dieter Hofmann, selbst Professor im Fachbereich Industriedesign, in einem Interview anlässlich des 100. Hochschuljubiläums folgendes zum Besten: »Wir bilden Menschen mit einem gestalterischen Profil aus, die nicht die merkantilen Interessen von Unternehmen bedienen, sondern fragen: Was ist für den Nutzer in seiner Welt wichtig? Apple denkt zum Beispiel nutzerorientiert und ist deshalb so erfolgreich.«
Man muss keinen Lehrstuhl an der Burg innehaben, um Apple für einen Wohlfahrtsverein zu halten, dessen Marktdominanz auf reinem Altruismus fußt. Es reicht immatrikuliert zu sein. So spiegelt sich das vorherrschende Selbstverständnis auch in der beliebten Formel von der »Verantwortung des Designers« wider, die nach wenigen Studienwochen zum ideologischen Rüstzeug des Burgstudenten gehört wie der Fjällräven-Rucksack oder der Zehn-Tage-Bart zu seiner Garderobe. Denn insgeheim wissen die angehenden hallischen Designer selbstverständlich, dass der eigene Beruf hinsichtlich der gesellschaftlichen Anerkennung in etwa auf einer Stufe mit dem Friseurberuf steht. In der ersten Ausgabe ihrer nach dem Hochschulstandort benannten Hauspostille Neuwerk. Zeitschrift für Designwissenschaft brachten sie folgendes zu Papier: »Design als Allerweltsbegriff hat es in die Nähe von Couturiers, Karossenschneidern und Friseuren gebracht, kurz, den modischen Stylisten der Oberflächen. Natürlich weisen Designer, die sich selbst ernst nehmen, den Vorwurf, in Sachen Oberflächlichkeit tätig zu sein, weit von sich.« Umso angestrengter versucht man sich deshalb einzureden, dass man mit der eigenen Arbeit tatsächlich ernsthaft Schaden anrichten könnte, sprich so etwas wie Verantwortung trägt. Noch deutlicher wird dieses Zusammenspiel von Überflüssigkeitsahnungen und kompensierendem Narzissmus im nervtötenden Permadiskurs über den Designer als Autor, ebenfalls eine Art von Beschwörungslitanei, die mit der Hoffnung schwanger geht, die Reputation eines Hairstylisten gegen die eines Schriftstellers eintauschen zu können. Nicht zuletzt die Namenswechsel der Burg nach der Wende dokumentieren die Bemühungen, Design in den Rang von Kunst zu erheben: Hochschule für industrielle Formgestaltung (bis 1989), Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle (bis 2010), Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle (bis heute).


Anything goes

Im offiziellen Leitbild der Hochschule heißt es, die Burg ermutige ihre Studenten, »individuelle und eigensinnige Wege zu gehen«. »Visionäres Denken und Gestalten jenseits von Verwertungszusammenhängen« würden »ebenso gefördert, wie die Entwicklung berufspraktischer Fähigkeiten«.
In der Tat ist die große Beliebtheit der Hochschule bei ihren Studenten darauf zurückzuführen, dass die Burg nicht nur berufspraktische Fähigkeiten und Fachwissen vermittelt, die für die Arbeit in der Kultur- und Kreativbranche unabdingbar sind. Innerhalb der Lehre wird sogar vorausgesetzt, dass sich die Studenten technisches Wissen und handwerkliche Techniken nebenher aneignen. Die Beherrschung gängiger Software wird im Kommunikationsdesign beispielsweise ebenso dazu gezählt, wie das Wissen um die Funktionsweise computergestützter Druckverfahren und fotografischer Reproduktionstechniken. Die Vernachlässigung dieser unerlässlichen Fachausbildung hat ihre Ursache allerdings nicht darin, dass die Burg einer allseitigen künstlerisch-handwerklichen Grundlagenausbildung den Vorrang einräumt. Das Grundlagenstudium im Fachbereich Design, welches von allen Designstudenten im ersten Studienjahr durchlaufen wird, und das immer wieder herhalten muss, um die kritische Ausrichtung der Lehre zu bezeugen, taugt nicht dazu, in die erforderlichen Methoden und Gesetze der visuellen Gestaltung einzuführen. Es stellt stattdessen ein Mashup aus ein- bis zweiwöchigen Workshops dar, die durch verschiedene Vorlesungen aus dem Bereich ergänzt werden. Die Workshops zielen weniger auf eine systematische Gestaltungslehre ab als auf Kompetenztraining. So sollen die Studenten durch Gruppenarbeit, Gemeinschaftskonsultationen und Zwischenpräsentationen en passant Team- und Kommunikations-Skills sowie Konzept- und Entwurfskompetenzen erlernen. Eine Farb- und Kompositionslehre wird weder angeboten, noch ist sie vorgesehen. Am Neuwerk trifft man nicht selten die Meinung an, dass solch eine Lehre die gestalterische Freiheit beschneiden und die künstlerische Schaffenskraft der Studenten hemmen würde. Indem sie sich bemühe, die ästhetische Wirkung auf allgemeingültige Prinzipien zurückzuführen, reduziere sie die gestalterischen Ausdrucksmöglichkeiten. Anstatt die Gestaltung so zu kanonisieren, würden die projektbezogenen Workshops die Studenten zu eigenständigen künstlerischen Experimenten verleiten. Eine Meinung, die letztendlich nur die saublöde Bildungsbürgerweisheit variiert, nach der der größte Feind der Kunst die systematische Reflexion über ihre Wirkungsweise ist.
Es ist gerade dieser interdisziplinäre Workshop-Charakter der Lehre, der die Freiheit, die die Designstudenten innerhalb ihrer Ausbildung an der Burg angeblich genießen, begründen soll. Im Hauptstudium mutieren die Workshops des Grundlagenstudiums zu studiengangsbezogenen Semesterprojekten. Eine allgemein gehaltene Themenstellung soll die Projektteilnehmer zu kreativer und origineller Gestaltungsarbeit anregen, während sich der Professor lediglich als Wegbegleiter versteht. Axel Buether, Grundlagenprofessor im Fachbereich Design, hat dieses Burgkonzept in seinem Opus magnum, dessen Titel Wege zur kreativen Gestaltung bereits Ratgeberlektüre für Bastelenthusiasten verspricht, stellvertretend ausgeführt: »Die Entdeckung der eigenen Interessen an einer Problemstellung ist von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung und den Erfolg kreativer Strategien. Die Interpretation der Aufgabenstellung muss aus diesem Grund ein hohes Maß an gedanklicher Freiheit ermöglichen. Jeder Lerner muss etwas finden können, was ihn an der Aufgabe interessiert und zur eigenständigen Suche nach Wegen zur Problemlösung motiviert. Die Frage nach den Zielvorstellungen des Lehrenden ist daher von untergeordneter Bedeutung.« Am Anfang der Projekte des Hauptstudiums steht dementsprechend nur selten eine ausformulierte Aufgabenstellung oder ein konkretes Gestaltungsproblem. Zumeist beginnen die Projektvorstellungen mit einer Assoziationskette zu irgendeinem Begriff, die wiederum oft mit Etymologischem einsetzt. Folgendes Projekt aus dem letzten Semester ist prototypisch: »Der Ursprung des Wortes Satellit ist viel weniger konkret als seine moderne Verwendung: Das lateinische Wort satelles steht für Begleiter, Leibwächter. So betrachtet, zeichnet sich ein Satellit als ein Ding aus, dessen Dasein sich ganz um etwas Anderes und Größeres dreht. Dieses stellt den Mittelpunkt all seiner Anstrengung dar, er umkreist und beobachtet ihn. Die zentrale Aufgabe des Satelliten besteht darin, dem Fixpunkt hilfreich zu sein und ihm zu assistieren.« Weiter heißt es: »Die Studierenden sollen innerhalb des breiten Spektrums, welches das Motiv des Satelliten aufzeigt, eigenständig Interessenfelder bestimmen und das eigene Themengebiet weiter ausloten. Das Ineinandergreifen von Technik und Gestaltung, aber vor allem auch die Analogien und Metaphern, die das Bild des Satelliten eröffnen, werden als Anregung und Ausgangspunkt verstanden, um neue Ideen, Fragen und Lösungsansätze zu entwickeln und umzusetzen.« Zur Ergänzung: Es geht zwar aus keiner einzigen Silbe hervor, aber das Projekt richtet sich an Studenten des Industriedesigns. Ob die resultierenden Arbeiten schlussendlich überhaupt irgendetwas mit dem ohnehin schon butterweichen Thema zu tun haben, wird als nebensächlich angesehen. Es obliegt den Studenten, ihrem Werk einen sinnvollen Zusammenhang zum Projektthema anzudichten, entsprechend der vorherrschenden Lehrauffassung, die das Storytelling zur Schlüsselqualifikation erhebt. »Kritische Reflexion von kreativen Prozessen«, so Buether, »hat das Ziel der Klärung und Motivation, der Steuerung von Aufmerksamkeit und Interesse, der fantasievollen Konstruktion von Sinnzusammenhängen und inhaltlichen Bedeutungen.« So gilt die handwerkliche und gestalterische Ausführung eines Entwurfes als nachrangig gegenüber seiner Präsentationsfähigkeit und Kommunizierbarkeit. »Was am Ende zählt«, schreibt Buether, »ist die Innovationskraft der Idee, während das Werk lediglich Mittel zum Zweck ist. Die Auswahl der geeigneten Materialien und Verarbeitungstechnologien oder die Qualität der handwerklichen Umsetzung sagen viel über die praktische Intelligenz aus, doch wenig über das kreative Potenzial.« Es ist somit kein Zufall, dass sich innerhalb der Burgmauern eine Sprache herausgebildet hat, die dem gesellschaftlichen Sprachzerfall noch vorauseilt, in dem sie »fantasievoll Sinnzusammenhänge konstruiert«, wo schlichtweg kein Sinn zu finden ist. Wer sich davon überzeugen möchte, dass die Studenten nicht nur Axel Buether, sondern auch den anderen Jargonjongleuren und Phrasendreschern mit Lehrstuhl diesbezüglich in nichts nachstehen, muss nur in die Hochschulbibliothek gehen und einen Blick in die theoretischen Abschlussarbeiten der Burgstudenten werfen.


Creatio ex nihilo

Dreh- und Angelpunkt des gesamten Lehrkonzepts ist der Begriff der Kreativität. Sie wird als Universalkompetenz verstanden. Ihr soll es nicht nur obliegen, aus irgendetwas etwas zu machen, wenn die Konstruktion von »inhaltlichen Bedeutungen« gefragt ist. Kreativität soll vor allem die künstlerischen Experimente, die die Verbannung jeder systematischen Reflexion innerhalb einer Farb- und Kompositionslehre befördern sollen, befruchten. Zwar weiß niemand so recht, worum es sich bei Kreativität überhaupt handeln soll, bei ihrer Definition bleibt es zumeist beim Die-Basis-ist-die-Grundlage-aller-Fundamente-Gestammel: »Die Grundbedingung für Kreativität ist das Haben von Einfällen.« (O-Ton Buether) Dennoch soll Kreativität all das leisten, was dem Verstand niemals möglich wäre: »Kreativität ist mit dem Fließen unserer Vorstellungstätigkeit verbunden, weshalb wir unsere Gedanken frei machen müssen, ganz gleich, ob wir uns die Aufgaben selbst stellen oder diese von anderen an uns heran getragen werden. Was immer unsere gedanklichen und praktischen Prozesse blockiert, verhindert unsere freie assoziative Tätigkeit«.
Buether hat damit bewiesen, dass regelmäßiger Gedankenerguss trotz geistiger Dürre nicht nur möglich ist, sondern an der Burg sogar mit einem Lehrstuhl belohnt wird. Auch wenn die Kreativität durch solche tautologischen Bestimmungsversuche und der ihr zugesprochenen Qualitäten einer Zauberkraft gleicht, soll sie nur eine Frage des richtigen Trainings und Settings sein. So seien »negative Gefühlsreaktionen wie Angst, Zwang, Druck und Stress« ebenso abträglich wie »zunehmende Professionalität, wenn Denk- und Handlungsroutinen nicht durchbrochen werden«. Fehler und Irrtümer seien dagegen Quellen der Innovation. So haben die Designwissenschaften, welche inzwischen Promotionsrecht genießen und der Burglehre akademische Weihe verleihen sollen, eigens eine Konferenz organisiert, die den Fehler zur fruchtbaren Gestaltungsmethode erhoben hat. Auch der inzwischen geschasste Lieblingsprofessor der Kommunikationsdesign-Studenten Sven Völker hat dem Thema »Error« eine Ausgabe des Magazins, welches er in Zusammenarbeit mit den Studenten jedes Semester unter dem programmatischen Titel Some Magazine auf den Markt brachte, gewidmet. Solch eine Gleichschaltung wirft die erneut die Frage auf, woraus sich denn Kreativität speisen soll. Neben Dilettantismus wirke auch Eigenmotivation stimulierend. Buether meint damit die Verinnerlichung eines fremden Anliegens als eigenes Interesse, womit er den rational-irrationalen Kern des Lehrplankonformismus benennt: »Sobald wir uns mit der gestellten Aufgabe identifizieren, an der Lösung brennend interessiert sind, kommen unsere Gedanken ganz von selbst in Fluss.« Schlussendlich bedarf Kreativität des nötigen Inputs, zu dem allerlei persönliche Erlebnisse gezählt werden, die bei der Generierung neuer Ideen das Material stellen sollen. So ist die Freizeit das bevorzugte Wildereigebiet – an der Burg spricht man hochtrabend von Fundus – für die eigene Selbstausbeutung. Auch wenn den Burgstudenten etwas anderes zu wünschen wäre, so ereilt sie doch die gerechte Strafe für ihren Konformismus, wenn sie den Unterschied zwischen Vergnügen und Arbeit nicht mehr kennen.


Same, same, but different

Angesichts derartiger Bemühungen – anregende Mini-Workshops, Anything-goes-Aufgabenstellungen und schwerpunktmäßige Kreativitätsförderung – ist das Ergebnis äußerst dürftig. Zu ihrem hundertjährigen Jubiläum erweckt die Burg nicht den Eindruck, dass innerhalb ihrer Mauern Individualität gedeihen würde. Im Gegenteil: Die meisten Arbeiten aus dem Kommunikationsdesign dokumentieren nicht den Einfallsreichtum und die Eigensinnigkeit der Studenten, sondern, ebenso wie ihr Kleidungsstil, vor allem deren Phantasielosigkeit, Anpassungsbereitschaft und Geltungsdrang. So gleichen die Plakate jüngeren Datums, die bei der Ausstellung »Die 100 besten Plakate der Burg« anlässlich des Jubiläums im Volkspark zu sehen waren, einander wie ein Hipster dem anderen. Das Plakat zur Einar-Schleef-Ausstellung sieht aus, wie das zur Erich-Mühsam-Lesung. Beide zusammen ähneln einem Anschlag für eine Veranstaltung in einer Vortragsreihe über Kunst, Design und Popkultur im Volkspark, der wiederum an ein Plakat für eine Farbkonferenz erinnert. Das Alleinstellungsmerkmal der jüngsten Burgplakate besteht nicht darin, dass ihre Gestaltung weitestgehend indifferent gegenüber dem Anlass ist – das gilt auch für andere Plakate jüngeren Datums. Typisch für sie ist vielmehr eine serielle, kleinteilige Rastergestaltung, in der einzelne grafische Elemente additiv zusammengesetzt sind. Sie zehren meist vom schlichten Kontrast zweier unverwaschener Farben mit einem flächig, oft schwarz-weiß gehaltenem Hintergrund und dem beliebigen Mischgebrauch von Serifen- und Groteskschriften. Diese sterile Formen- und Farbsprache entspricht gewiss einer Mode. Nur dürfte die Mode, zusammen mit dieser Art von indifferenter Baukasten- und Komponentengestaltung, die sich passenderweise auch im neuen Corporate Design der Hochschule wiederfindet, auch einer gewissen Unfähigkeit geschuldet sein. Zudem entspricht das gestalterische Vokabular einem verkümmerten Blick, der schon deshalb nicht den inhaltlichen Unterschieden verschiedener Dinge gewahr werden kann, weil er sie nur in Hinblick auf ihre potentielle Verwertbarkeit für die eigene Reproduktion respektive den eigenen kreativen Prozess betrachtet. Offensichtlich befördert der Verzicht auf eine visuell-gestalterische Grundlagenlehre und eine technisch-handwerkliche Ausbildung zugunsten eines breit angelegten Workshop-Zoos mit noch breiter angelegtem Themeninput nicht Ausdrucksvielfalt sondern das Gegenteil: Einheitsgestaltung.


Erfolgsmodell Burg

Die eintönige und modekonforme Gestaltung ist kein Zufall. Die Burg Giebichenstein ist weitaus besser an Markt und Masse angepasst, als man es sich innerhalb ihrer Mauern eingestehen möchte. Die Vernachlässigung der handwerklichen Ausführung eines Entwurfes gegenüber dessen Innovationskraft und der nahegelegten Story sorgt dafür, dass bei der Abschlusspräsentation tendenziell die eloquentesten und dreistesten Schaumschläger die Nase vorn haben. Ein allgemeingültiges Urteil ist ohnehin unmöglich, sobald der Anspruch auf Gegenstandsbezug und Sachgerechtigkeit fallen gelassen wird. Abgesehen davon fehlt ohne visuell-gestalterische Grundlehre das nötige Vokabular, um die Gestaltung des Entwurfes an Zweck und Intention zu messen. So läuft bei der Projektpräsentation alles auf die an der Burg freilich tabuisierte Frage hinaus, ob sich die dargebotene Idee vermarkten lässt. Regelmäßige Gruppenkonsultationen während der Workshops dienen als erste Marktanalyse, bei denen Professoren und Kommilitonen die ideellen Endverbraucher mimen, in dem sie einander auf interessante und spannende Aspekte aufmerksam machen. Wenn Dozenten bei Konsultationen einzelne Studenten beleidigen und vor versammelter Mannschaft vorführen, was am Neuwerk keine Seltenheit ist, dann ist das kein Widerspruch zu dem wattierten Aufbautalk, sondern dessen Ergänzung. Beides – Aufbautalk und Bashing – lässt sich auf die Unsicherheit und das Unvermögen des polternden Lehrpersonals zurückführen, denen es an Sachautorität mangelt. Die Dozenten verhalten sich wie zornige Väter, die ihren Kindern kein Vorbild sein können, weil sie keine sachlichen Argumente besitzen, die ihnen Autorität verleihen könnten und die eben deshalb ihren Nachwuchs mal fertigmachen und mal aufbauen, um so ihre Vorherrschaft zu begründen.
Mit dem Denken und Gestalten jenseits von Verwertungszusammenhängen, deren Förderung zum offiziellen Leitbild der Burg gehört, ist die präventive Selbstzurichtung auf Eigeninitiative gemeint. Denn während andere Hochschulen sich darauf bescheiden, den Studenten die nötigen Hard Skills zu vermitteln, fasst die Saalekunsthochschule bei ihrer Zurichtung die gesamte Persönlichkeit ins Auge. Gerade dies begründet den Vorsprung der Burg vor westdeutschen Kunst- und Designhochschulen, die oftmals noch einem technisch-methodischen Verständnis von künstlerisch-gestalterischer Ausbildung nachhängen. Der ganzheitliche Ansatz ist weitaus besser an die Direktiven des modernen Arbeitsmarktes angepasst, der zunehmend verlangt, dass die gesamte Person eingebracht wird. Fachwissen und praktische Fertigkeiten haben demgegenüber längst an Marktwert verloren, zum einen bedingt durch den beschleunigten technischen Fortschritt, zum anderen aufgrund der sich rasch wandelnden Angebotslage auf dem Arbeitsmarkt, welche eine erhöhte Flexibilität verlangt. Stattdessen haben zeitlose Kompetenzen, die nur Persönlichkeitsmerkmale wie Anpassungsvermögen, Motivationsfähigkeit, Granitoptimismus, Entschlusskraft usw. kodieren, Konjunktur. Nicht zuletzt mit dem vermeintlichen Nonkonformismus, dem eine Grundlagenprofessorin des Fachbereichs Design innerhalb eines Workshops auf die Sprünge helfen wollte, in dem sie Studenten Protestplakate zu vorgegebenen Themen entwerfen ließ, befindet sich die Burg auf Linie. Denn während die Gesellschaft einen enormen Konformitätsdruck ausübt, der dem Einzelnen eine ständige Anpassungsleistung abverlangt, findet dieser Druck zunehmend unter der Prämisse statt, dass die Anpassung nicht als Angepasstheit daher kommt. In Stellenanzeigen und Partnergesuchen werden bekanntlich weniger Dutzendmenschen sondern Ausnahmefiguren gesucht, die durch ihr unkonventionelles Verhalten und ihre originellen Ideen Betriebsklima und Familienleben bereichern. Also genau jene smarten Allerweltslieblinge mit Kanten und Ecken, die das Kommunikationsdesign umwirbt: »Für Besessene und Querdenkerinnen, für Fragensteller und Geschichten-Erzähler, Nonkonformisten und Träumerinnen, für Detailverliebte, Spinner und Arbeitswütige: der Masterstudiengang Editorial Design an der Burg.«


Die Welt, wie sie mir gefällt

Auch mit der Unterordnung des Designbegriffs unter den der Kunst beweist die Burg ihren Realitätssinn. Die Subsumierung wird gesellschaftlichen Verhältnissen weitaus gerechter, in denen instrumentelle Erwägungen und pragmatische Überlegungen zunehmend hinderlich sind, um sich auf dem Markt zu behaupten. Ein Denken in den Kategorien von Mittel und Zweck entsprach vielleicht noch den gesellschaftlichen Verhältnissen der 1950er bis 1970er Jahre, im Design fand es als Funktionalismus seinen Ausdruck. Aber schon damals zeichnete sich ab, dass die zweckorientierte und sachliche Gestaltungsweise ein Auslaufmodell ist. So ist die Schweizer Grafik weitestgehend eine akademische Veranstaltung geblieben, die nur tangential die Massengestaltung beeinflusst hat. Das Alltagsdesign folgte bereits damals den Gesetzmäßigkeiten des Anzeigenmarktes, bemühte sich also vor allem aufzufallen, was von vornherein die Grenzen einer sachlich-nüchternen Gestaltungsweise absteckte. Zudem blieb der Funktionalismus sowohl in der Architektur als auch im Grafik-Design in dieser Zeit weitestgehend auf Mittel- und Nordeuropa, vor allem auf die deutschsprachigen Länder beschränkt. Spätestens Mitte der 1970er Jahre setzte sich endgültig ein Designverständnis durch, das die restriktiven Ansprüche des Funktionalismus fallen ließ. Die an Anlass und Zweck orientierte und auf Materialgerechtigkeit bedachte Gestaltungsweise ist zu sehr mit bürgerlichen Tugenden wie Sparsamkeit, Ordnung und Sauberkeit verbandelt, um im fortgeschrittenen Spätkapitalismus nicht den Absatzinteressen der Industrie zuwiderzulaufen, die auf Massenkonsum und Hedonismus setzt. In der Werbung herrscht endgültig jene Form vor, die nicht den vermeintlichen Vorteil eines Produktes in den Vordergrund stellt, sondern es als notwendigen Bestandteil eines Lebensentwurfs anpreist. Das Storytelling erweist sich beim Warenlosschlagen als weitaus effektiver denn Nützlichkeitserwägungen und Vorteilsdarlegungen.
Seit dieser Lossagung vom Funktionalismus kennt Design keine Grenzen mehr. Zunehmend alle Lebensbereiche werden dem praktischen und zugänglicheren Bruder der Kunst unterworfen. Seitdem endgültig kein rationaler Restzusammenhang mehr zwischen Leistung und Erfolg auszumachen ist, gerät alles in den Fokus der Selbstzurichtung für einen zunehmend unberechenbaren Arbeitsmarkt. Das spiegelt sich nicht nur in der Durchpädagogisierung aller Lebensbereiche wieder, deren Mantra das Stichwort vom lebenslangen Lernen ist, sondern auch in der umfassenden Kulturalisierung privater Lebensäußerungen, die jeder Bahnhofskiosk dokumentiert. So hat der Umfang an Magazinen und Zeitschriften, die sich mit Themen wie Garten, Reisen, Interieur, Essen, Outfit etc. befassen, enorm zugenommen. In den großen Wochenzeitschriften und deren Beilagen werden diese Sachen inzwischen mit einem Ernst diskutiert, der zuweilen an Bigotterie erinnert. Am Neuwerk begegnet einem diese gesamtgesellschaftliche Tendenz – die Robert Kurz als »Ontologisierung der Freizeit« bezeichnet hat – in verschiedenster Form. Um nur einige Stichworte zu nennen: Apple-Kult, Fixie-Hype, Secondhand-Shopping und Bio-Fimmel. Allein die Bedeutung, den diesen Dingen beigemessen wird, und der Ernst, mit dem über sie geplappert wird, verdeutlichen: Es geht vor allem um Distinktion, Gesinnungsschau und Mitmachen – um Profilierung also. Mit rationalen Argumenten lassen sich jedenfalls der Stress und die Mehrkosten, die solche Vorlieben begleiten, nicht erklären. Außerdem realisieren solche Freizeitaktivitäten und Neuerwerbungen ihren Wert offensichtlich erst, wenn sie von anderen wahrgenommen werden, so wie der Urlaub mit dem Gedanken an den Diaabend gewählt wird. Potentiell alles – ob Freunde, Kinder, Wohnung oder Sport – dient so als Requisite für die eigene Selbstdarstellung. Eben hieraus erklären sich nicht nur die Bedeutungsinflation und der Dimensionsgewinn von Design, sondern auch die Beliebtheit der Burg bei ihren Studenten. Sie bietet dem Narzissmus eine Spielwiese, auf dem die Studenten ihre auf Facebook betriebene Selbstinszenierung noch weiter professionalisieren und ausleben können.


Konformistische Rebellion

Die Studenten danken es der Burg mit Konformismus. Der idealtypische Burgstudent eifert seinem Dozenten jedoch nicht nur nach, sondern übertrifft dessen Anpassungsleistung. Denn während zumindest einige wenige Burgprofessoren älteren Semesters noch ein instrumentelles Verhältnis zu ihren Lügen haben, sie mit anderen Worten nur dann von der Verantwortung des Designers und dem Designer als Autor quatschen, wenn es von ihnen erwartet wird, glauben die ehrgeizigsten Studenten an diese Parolen. Sie halten ihre Arbeit tatsächlich für Engagement, wobei sie die größten Werbemärchen für bare Münze nehmen. Ahnen zumindest noch manche Dozenten, dass solche Worte wie Nachhaltigkeit, Natürlichkeit, Ursprünglichkeit, Ganzheitlichkeit und Authentizität vor allem eine verkaufsfördernde Wirkung haben, machen die eifrigsten Burgstudenten aus ihnen ein Glaubensbekenntnis. Während die Dozenten anderen noch ein schmackhaftes Abendessen gönnen und sich damit unter der Hand eingestehen, dass zu jedem Vergnügen auch Verschwendung gehört, versetzt alleine schon der Anblick eines solchen Mahls die halbe Studentenschaft der Burg in Rage. Auch in anderer Hinsicht sind die Studenten mehr als nur lernbegierige Schüler. So beharren zumindest noch einige wenige Professoren darauf, dass der Entwurf einen Zweck erfüllen und die Gestaltung darüber hinaus einen inneren Sinnzusammenhang stiften muss. Bei den Studenten hingegen hat schon längst jener trotzige Narzissmus die Oberhand gewonnen, der die objektive Gültigkeit gestalterischer Regeln und gesellschaftlicher Konnotationen nicht anerkennt, wenn es nicht in den Kram passt. Eben daher rührt die Beliebtheit eines Nichtskönners wie Sven Völker, des Herausgebers des Some Magazine, der seine Studenten nicht mit irgendwelchen Ansprüchen konfrontiert, sondern ihnen eine kreative Ecke einrichtet, in der sie sich austoben können.
Es ist offensichtlich, worum es beim Bankettsturm und der ihm folgenden Entrüstungswelle ging. Es handelte sich um die Lehrbuchvariante einer konformistischen Rebellion in Miniaturform: Die Studenten, die schon im ersten Semester alles breitwillig gelutscht haben, was die Burg an ideologischen Drops zu bieten hatte, witterten im opulenten Festbankett einen Verrat. Augenscheinlich verletzte es die verinnerlichten Ideale wie Nachhaltigkeit, Natürlichkeit und Authentizität. Noch schlimmer wog aber die Tatsache, dass sie niemand zu dem gemeinschaftlichen Verrat eingeladen hatte. Denn selbstverständlich hätten die Studenten mitgemacht, wenn die Beute mit ihnen geteilt worden wäre. So jedoch blieb nur der Aufstand. Auch diesen Ausweg hatte ihnen die Burg aufgezeigt, die ihre Studenten stets dazu anhält, bei allem mitzumachen, dabei aber immer noch eine Schippe draufzulegen. Mit ihrer Rebellion am Festbankett haben die Burgstudenten endgültig bewiesen, dass sie den Konformismus ihrer Professoren noch überbieten möchten.

Hannes Junker

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Vor dem Hintergrund der sogenannten Flüchtlingskrise veranstaltete die AG Antifa am 10. November 2015 eine öffentliche Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Deutschland im Flüchtlingswahn“. Obwohl zwischen dem Erscheinen dieser Zeitung und besagter Veranstaltung nur ca. vier Monate liegen, wurde ein Teil der Dinge, die man auf dem Podium diskutierte, bereits von der Zeit überholt. Wir haben uns aus zwei Gründen entschieden, die Vorträge dennoch zu veröffentlichen. Zum einen können sie dabei helfen, die Entwicklung hin zur jetzigen Situation nachzuvollziehen. Zum anderen zeigen sie, wie wenig man sich derzeit sicher sein kann, was als nächstes passiert. Frank Kucharsky schreibt über den fremdenfeindlichen Aufstand der Zornis in der Zone, während Harald J. Finke erläutert, wie eine nationale Entrümpelungsaktion als Willkommenskultur verkauft wurde.

Aufstand der Zornis (Frank Kucharsky)

Kellerentrümpelung als Willkommenskultur (Harald J. Finke)

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Das fragte die AG Antifa anlässlich ihres 20. Bestehens. Wir dokumentieren den zweiten und letzten Teil der auf der Jubiläumsveranstaltung gehaltenen Redebeiträge.


Frau L.

Das was ich euch heute erzähle, sind meine Eindrücke und Erfahrungen aus meinem ewigen Leben als Hausprojektler, exzessivem Plenagänger, mitten im Sumpf feststeckendem und doch immer noch nicht desillusioniertem Optimisten. Ob sich eine Antwort auf die Frage »Was ist Antifaschismus heute?« in meinen Beitrag findet, entscheidet selbst. Ich spreche als Vertreter des VL-Ludwigstraße, als jahrelanger Mitstreiter, aber ich spreche nicht für den Kellnerstraße e.V.
Ich bin als Antifaschist geboren. In eine Welt voller Antifaschisten. Immer wieder aufs Neue verpflichtete ich mich mit den Stimmen Vieler den Faschismus zu bekämpfen, ihn zu erkennen und seine Wurzeln zu zerstören. Dann war lange nichts. Und endlich im Jahr 2000 erklärte Schröder wieder, dass ich Antifaschist sei. Und noch besser: mit mir auch alle anderen. In der Zwischenzeit hatte ich natürlich schon längst meinen ganz eigenen, ja das war jetzt möglich, Antifaschismus gefunden. Ich wurde Antifa. Für mich als subkulturell pubertierender Teenager in den 1990ern war das ein Lebensstil, ein Muss, eine Art die Welt zu begreifen, zu hinterfragen und Entscheidungen zu treffen. Ein Protest gegen die ganze beschissene, trostlose Welt. Anfangs alles wenig reflektiert: Parolen wurden mitgegrölt, dabei sein war alles. Dies hat sich zum Glück ein wenig gebessert.
Überhaupt ging es in den 1990ern etwas ruppiger zu. In Zeiten, in denen Straßenkampf zum Alltag gehörte, die Angst auf der Straße immer mitlief, waren die Schlagkräftigen und Rohen klar im Vorteil. Diskurs, Theorie und Gesellschaftskritik blieben eher als Faust im Gesicht stecken oder verständlicher gesagt: Gesellschaftskritik war die Faust im Nazigesicht. Diejenigen, und es sind nicht wenige, welche hängengeblieben, prollig und bierbäuchig ihre Jugend beweinen, verklären diese Zeit als großes Abenteuer, als wahres Leben. Geblieben ist ihnen nur, alles Neue zu beschimpfen und zu verachten. Heute muss die Priorität nicht mehr darin liegen, Leib und Leben, das Hausprojekt etc. zu beschützen. Der tägliche, militante Straßenkampf ist nicht mehr nötig. Wäre jetzt nicht die Zeit, Antifaschismus mit Inhalt zu füllen? Oder soll es tatsächlich nur vorwärts gehen können, wenn Aktion und Prügel auf der Tagesordnung stehen? Ist es wirklich das Denken, was abschreckt? Können wir uns keine antifaschistische Aktivität vorstellen, die keinen Knüppel schwingt?
Leider bedeutet Antifaschist im Schröderdeutschland zu sein, oft nur den kleinsten gemeinsamen Nenner mit einem Mega-Haufen von Idioten gefunden zu haben. Und schon wieder sind wir alle Antifaschisten. Der Käseschnitzelverkäufer deines Vertrauens ist Antifaschist, meine Mutter ist Antifaschist, die Frau an der Kasse ist gegen Faschismus: ergo Antifaschist. Gehört ja auch zum guten Ton. Da, wo man mehr Nähe zur Antifa vermuten könnte – in der sog. linken Szene – findet man oft nur eine Ach-wie-schön-doch-alles-ist-Party-Happy-Hippie-Mentalität. Es gibt keine falschen Verhältnisse sondern nur schlechte Vibes. Man meint, wenn alle Menschen lieb zu einander wären, würden auch die Nazis bald aufhören Nazis zu sein. Alle sind so individuell, dass selbst der Neustadt-Iro zu Revolution wird. Man kommt nicht mit der Welt klar und erklärt das zu Politik. Als sei man schon in Utopia angekommen, geht es nicht mehr um Veränderung von Umständen, Norm und Gesellschaft sondern nur noch um den Wohlfühlmoment im eigenen Sumpf. Für mich bedeutet Antifa mehr als »sicher« durch die Stadt laufen zu können oder einen Schreckenswall um mein Eigenheim zu ziehen. Ich kippe nicht mehr aus den Latschen, weil mal wieder irgendwo in der Pampa ein Naziaufmarsch angekündigt wird oder wundere mir die Beine in den Bauch, dass irgendwo in einer trostlosen Landschaft eine Dönerbude demoliert wurde. Alles zum kotzen, klar! Andererseits komme ich auch nicht auf die Idee meinen Weg zwischen Fritteuse, Tresen, Toilette und wieder zurück als antifaschistische Aktion zu bezeichnen. Ich habe mich verändert, die Idee und Notwendigkeit des Antifaschismus nicht. Der Grund, Antifaschist zu sein, ist geblieben und aktueller denn je. Für mich bedeutet Antifaschismus eine ständige Auseinandersetzung mit dem, was passiert und ein Erinnern an das, was geschehen ist. Mich nerven die in den 1990ern Hängengebliebenen genauso wie die selbsternannten Antifaschisten, die sich nichts mehr wünschen als eine Welt ohne Nazis und 5-Euro-Pullover bei H&M, welche nicht von Kindern gestrickt wurden. Für mich bedeutet Antifaschismus ein permanentes Streiten um die Zukunft.


Antideutsche Aktion Berlin (ADAB)

In Wuppertal demonstrieren autonome Hausbesetzer Seite an Seite mit dem vom türkischen Staat gelenkten Verband Ditib gegen aufmarschierende Neonazis. Mit genau jenem Verband, der die antinationalen Antifaschisten im Nachbarhaus nicht toleriert, weil die dort stattfindenden Aktivitäten ihren religiösen Frieden stören würden. Aus Angst vor der Vereinnahmung durch »islamophobe Rechte« hat man sich aber entschieden, nicht gegen den religiösen Fundamentalismus aufzubegehren, sondern um des lieben Friedens willen mit ihm gemeinsam Tür an Tür zu leben.
Im Osten der Ukraine posieren vermummte russische Rechtsextremisten stolz vor einer roten Fahne, auf die noch schnell das Wort »Antifa« draufgepinselt wurde. Keine zehn Kilometer entfernt kämpfen im Freiwilligenbataillon Azow ukrainische Antifaschisten gemeinsam mit jenen Rechtsextremisten, die sie vor einigen Monaten noch durch Kiew gejagt hatten. Und in Deutschland demonstrieren Antifaschisten gegen eine von der NATO, den USA sowie der EU ausgehende faschistische Reaktion. Genosse Putin gilt dagegen in diesen Kreisen als wackerer Antifaschist.
Vor zehn Jahren marschierten Neonazis mit einem Transparent durch die Straßen, auf dem die Organisierung einer »nationalen Antifa« gefordert wurde, gemeinsam mit ihren Volksgenossen aus dem Kameradschaftsspektrum. Und noch weitere zehn Jahre zuvor zeigten zu Antifaschisten erzogene Zonenkinder, was passiert, wenn ihr Internationalismus einmal wirklich auf die Probe gestellt wird: Anstatt den Menschen aus den sozialistischen Brüderländern solidarisch zur Seite zu springen, fackelten sie ihnen kurzerhand das Dach über dem Kopf ab.


Antifaschismus früher

Willi Münzenberg, der »rote Millionär«, berichtete einmal über eine Begegnung aus dem deutschen Alltag Anfang der 1930er Jahre: »Kürzlich kam eine Reihe von Jungen der Hitlerjugend zu mir und sagten: ‚Heil Willi, wir waren KJ, und wir denken heute noch so, aber wir sind zu den Nazis gegangen, weil sie dasselbe wollen und es schneller machen werden!‘« Zur gleichen Zeit wandten sich kommunistische Jugendliche an Karl August Wittfogel: »Genosse Wittfogel, die Partei unterrichtet uns nicht über die Juden und den Antisemitismus. Wir lesen deine Artikel, wir sehen, dass du dich mit der Sache gründlich beschäftigst.« Das aus diesem Lehrauftrag entstandene Manuskript wurde der Parteileitung vorgelegt, einer Veröffentlichung wurde zugestimmt, als zweiter Band in einer Reihe, in der zuerst ein Buch gegen die Sozialdemokraten aufgelegt werden sollte. Denn der Hauptfeind der Kommunistischen Partei waren nicht die Nationalsozialisten, sondern die »Sozialfaschisten«.
Am Ende der Einleitung in der ersten Auflage seines Buches Die Orientalischen Despotie schrieb Karl August Wittfogel über die Freunde, die er im Lager hatte: über jene, »die die terroristischen Methoden der Konzentrationslager nur umdrehen wollten, so dass sie Herren sein würden, wo sie jetzt die Sklaven waren, und über die anderen, die die ganze Einrichtung als solche überwinden wollten«. Er beschreibt, dass einige der von den Nationalsozialisten eingesperrten Antifaschisten sich nicht das Ende des Lagersystems wünschten, sondern einzig und allein nur die Rollen mit ihren Peinigern tauschen wollten.
Als eine Hauptstütze der kommunistischen Agententheorie, wonach Adolf Hitler als Agent der stärksten Gruppe des Finanzkapitals an die Macht gelang, galt jahrzehntelang ein Artikel mit dem Titel Die soziale Rekonsolidierung des Kapitalismus, der 1932 in den so genannten Deutschen Führerbriefen erschienen war. Als über drei Jahrzehnte später Alfred Sohn-Rethel im Kursbuch (Ausgabe 21) erklärte, er habe diesen Artikel geschrieben, damit die Kommunistische Partei mit dem Inhalt ihre Propaganda beweisen kann, versuchten die DDR – das andere, weil antifaschistische Deutschland – und ihre Büttel in den Blättern für deutsche und internationale Politik Sohn-Rethel selbst als Agent des Finanzkapitals zu denunzieren. Ein westdeutsches, antifaschistisches Magazin bezeichnete Sohn-Rethel ebenfalls als Agent des Finanzkapitals, weil ansonsten die Glaubwürdigkeit der DDR als antifaschistischer Schutzwall gegen die kapitalistische Barbarei hätte in Frage gestellt werden müssen.


Das Ende der Fahnenstange

Es bleibt festzuhalten: Der Begriff »Antifaschismus« ist immer abhängig davon, was als »Faschismus« definiert wurde. Hier schieden sich schon immer die Geister. Die unsägliche kommunistische Sozialfaschismustheorie sei nur kurz noch einmal erwähnt. Aus unserer Sicht macht es wenig Sinn, sich in einer langwierigen, womöglich niemals endenden Debatte über den »richtigen Begriff« aufzureiben. Das führt zu nichts. Historisch gesehen sollte man die Bezeichnung Antifaschismus nicht über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinaus verwenden. Zumal er schon in dieser Zeit inhaltlich entkernt war, nur noch missbraucht wurde für Propagandazwecke. Das Schicksal des Jüdischen Antifaschistischen Komitees nach 1945 in der Sowjetunion ist dafür ein Paradebeispiel. Wir halten es dagegen für sinnvoller, den Begriff »antideutsch« wieder aus der Mottenkiste hervorzukramen. Antideutsche sind als Feind aller Authochtonen, ob rechts, links oder unpolitisch, allseits bekannt und unbeliebt.

Anmerkung
1    Alle Zitate aus Matthias Greffrath: Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern, Reinbek 1983.

AG Antifa

Am Anfang eine kleine Geschichte: Vor einigen Wochen wurde die AG Antifa vom Studierendenrat, dem wir rechenschaftspflichtig sind, zu einem Gespräch gebeten. Der Grund: Nach einem Vortrag mit Justus Wertmüller, den wir eingeladen hatten, über die »neuesten Übergriffe der Definitionsmacht« zu sprechen, hatten einige Gender-Fundamentalisten versucht, die Arbeit der AG vor dem Studierendenrat (StuRa) zu denunzieren. Der zentrale Vorwurf lautete, dass wir gar keine richtige antifaschistische Gruppe seien. Zur Untermauerung wurde dem StuRa ein Fragekatalog vorgelegt, den wir doch bitte beantworten sollten. Darin hieß es u.a.: »Ist der AK Antifa im Bündnis gegen Rechts?« »Mobilisieren sie für die Anti-Nazi Demo in Magdeburg?« »Waren sie in Merseburg dabei?« (Gemeint war eine Demo gegen Nazis.)
Die meisten dieser Fragen, die ausschließlich auf »Bündnisarbeit« und sogenannte »praktische« Tätigkeiten zielten, mussten wir mit »Nein« beantworten. Hierfür gibt es zunächst einen ganz banalen Grund: Als Arbeitskreis des Studierendenrates dürfen wir uns nur in einem begrenzten Rahmen allgemeinpolitisch äußern. Der im Hochschulgesetz festgehaltene Bildungsauftrag ist jedoch glücklicherweise weit gefasst, was unserer Vorstellung von politischer Tätigkeit entgegenkommt. Denn neben den juristischen Schwierigkeiten, die damit einhergehen würden, gibt es für uns noch einen triftigeren Grund, weshalb wir nicht vorrangig Bündnisarbeit gegen Rechts betreiben. Wir sind der Überzeugung, dass Antifaschismus nicht bei der Sitzblockade gegen den Neonaziaufmarsch beginnt, sondern vielmehr in der Stärkung kritischen, d.h. aufklärerischen Denkens besteht. Ich möchte nicht zum hundertsten Mal Adorno zitieren, aber »Theorie«, »Kritik« und »Denken« sind »praktische Tätigkeiten«. So abgedroschen es klingen mag: Wir wollen mit unseren Veranstaltungen zur Reflexion anhalten, damit sich die Dinge zum Besseren wenden – und werden dabei zugegebenermaßen von einem manchmal nur schwer nachvollziehbaren Optimismus getragen.
Nicht zu jeder Zeit konnte unsere Arbeit allerdings derart leicht mit dem offiziellen »Bildungsauftrag« in Deckung gebracht werden. Als die AG Antifa vor 20 Jahren gegründet wurde, gab es in der Bundesrepublik tatsächlich einen »rechten« Konsens. Antifaschistische Gruppen standen allein auf weiter Flur und waren schon aus Gründen des Selbstschutzes darauf angewiesen, sich einem der wenigen existierenden Bündnisse anzuschließen. Einige davon hat die AG selbst initiiert.
Seit den neunziger Jahren hat sich das politische Klima in der Bundesrepublik jedoch deutlich verändert. Zivilgesellschaftliche Initiativen werden vom Staat gefördert; frühere Genossen von uns werden dafür bezahlt, dass sie hauptamtlich Antifa-Recherchearbeit machen, sich mit verstockten Dorfbürgermeistern herumärgern und Krisenmanagement betreiben. Eine so professionelle und flexible Anti-Nazi-Arbeit wie sie z.B. »Miteinander« oder »Projekt Gegenpart« leisten, können wir gar nicht erledigen. Und, bei allem Wissen über die Nützlichkeit einiger dieser Dinge: Wir wollen es auch nicht.
Denn es ist auf diesem Podium schon mehrfach zu Recht gesagt worden, dass mit den zivilgesellschaftlichen Protesten gegen Neonazis nicht zuletzt Imagepflege betrieben wird. In den zivilgesellschaftlichen Antifa-Auftrieben wird das Bild eines geläuterten Deutschlands propagiert, das »aus der Geschichte gelernt« hat, weltoffen ist – und aus genau diesem Grund Israel umso unverschämtere Ratschläge gibt, sich gegen Amerika positioniert, mehr internationale Verantwortung für sich fordert, Verständnis für die barbarischsten Verhaltensweisen der sogenannten autochthonen Völker aufbringt usw. Im gemeinsamen Kampf gegen die Neonazis, die Deutschlands Ruf schädigen würden, werden die Deutschen zum Kollektiv des »neuen Deutschlands« verschweißt.
Vor diesem Hintergrund sind unsere eigenen Aktivitäten durchaus widersprüchlich: So kritisieren wir auf der einen Seite immer wieder den staatsoffiziellen Antifaschismus. Auf der anderen Seite ist es – auch wenn wir es nicht an die große Glocke hängen – kein Geheimnis, dass wir in den letzten Jahren auch organisatorisch an den Protesten gegen jeden Naziaufmarsch beteiligt waren, den es in Halle gab.
Dieser Widerspruch ist jedoch weniger unserer Inkonsequenz als der widersprüchlichen Situation im Osten geschuldet: Denn auch wenn die sogenannte Zivilgesellschaft und ihre Mobilisierungen in Halle in den letzten Jahren zugenommen haben, sind sie zumindest im Vergleich zu Hamburg oder Frankfurt kaum existent. Aus diesem Grund wollen wir uns lieber nicht allzu sehr darauf verlassen, dass das zivilgesellschaftliche Bündnis »Halle gegen Rechts« und die örtliche Freiwilligenagentur die Nazis angemessen in ihre Schranken weisen. Denn davon hängt immer noch zu viel ab. Ein gelungener Naziaufmarsch scheint uns selbst in Halle, wo organisierte Nazis keine größere Bedrohung darstellen, noch dafür sorgen zu können, dass ihr Selbstbewusstsein steigt und die Situation mittelfristig zu ihren Gunsten kippt. So ist es noch keine zehn Jahre her, dass fünfzig Nazis versucht haben, eine Veranstaltung der AG Antifa zu verhindern (in letzter Zeit waren es dagegen vor allem Linke, die versucht haben unsere Veranstaltungen zu verhindern); Merseburg, wo Naziübergriffe auf der Tagesordnung stehen, ist keine zehn Kilometer von hier entfernt.
Ich komme damit zum Ende: Ob die gerade geschilderten Dinge tatsächlich Antifaschismus auf der Höhe der Zeit sind, wissen wir nicht. Wir halten nicht einmal besonders viel vom Begriff des Antifaschismus: Er stammt aus der parteikommunistischen Tradition, ist mit einer Vorstellung von Faschismus aufgeladen, die sich auf die Parole »Hinter dem Faschismus steckt das Kapital!« bringen lässt, und blendet die deutschen Besonderheiten aus. Die Spezifika des Nationalsozialismus – die Volksgemeinschaft und die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden – verschwinden hinter der abstrakten Rede vom internationalen Phänomen »Faschismus«. Aus diesem Grund wurde vor einigen Jahren der Begriff des »Anti-Postnazismus« in die Debatte geworfen, der unsere Konzentration auf das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie, auf Antizionismus und Antiamerikanismus, aber auch einige klassische Anti-Nazi-Aktivitäten recht gut auf den Punkt bringt. Aber »Anti-Postnazismus« klingt nicht nur gewollt, sondern auch bescheuert. Darum werden wir wohl auch weiterhin am Begriff des Antifaschismus festhalten: zum einen aus einem gewissen Traditionalismus heraus, der nicht immer schlecht sein muss, zum anderen, weil uns kein besserer Begriff einfällt. Vielen Dank!

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