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„Ein Stein wird geschmissen/

Demokratie in Gefahr/

Alles, was der Stura sagt/

Ist wahr“ (frei nach „…But Alive“)


Die Freude ist groß. Nach der Auflösung der AG Antifa durch den Stura der Uni Halle stießen nicht nur Felix Stock und Co. von der Offenen Linken Liste, der Grünen Hochschulgruppe und den Uni-Jusos an; auch die einschlägigen Nazikreise überschlagen sich seither in Begeisterung. Das passiert nicht nur in den obligatorischen Kommentarspalten, wo die Mitglieder der AG Antifa ins Arbeitslager gewünscht, als „Viehzeug“ und „Dreck“ bezeichnet werden, sondern auch in offiziellen Stellungnahmen. So meldeten sich auch die Hardcorenazis vom „Dritten Weg“ zu Wort: „Dass nun endlich die [sic!] ‚AK Antifa‘ aufgelöst wird, ist längst überfällig…“

Solche Reaktionen waren abzusehen. Auch deshalb dürfte es am Abend des Verbots der AG Antifa zu einer Spontandemonstration gegen die objektive Anti-Antifa-Arbeit des Stura gekommen sein. Dabei soll ein Stein in ein Fenster des Sturagebäudes geflogen sein. Laut Polizeimeldung gab es keine Verletzten; einige Stunden später sprach der Stura bereits von mehreren Leichtverletzten. Morgen werden es sicher schon Dutzende Schädel-Hirn-Traumata gewesen sein. Aus der, wie es in jüngster Zeit so schön postmodern heißt, „Perspektive“ der Sturamehrheit ist das möglicherweise noch nicht einmal ganz falsch. Da die Lautsprecher der OLLi, der GHG und der Jusos anscheinend nicht gelernt haben, zwischen Innen und Außen zu unterscheiden, verwechseln sie jeden Widerspruch mit einer schweren Verletzung: „Ihr habt uns sehr, sehr wehgetan, weil ihr euch nicht freiwillig gelöscht habt, ey!“

Auffällig ist zudem die breite Empörung über den Stein. Auch sie reicht von der Jugendwerkhof- und Mauerschützenpartei „Die Linke“ über die SPD, die sich immer noch nicht von ihrer Rolle bei der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts distanziert hat, bis zum „Dritten Weg“. Er beklagt sich darüber, dass der Stura „jetzt den Zorn der roten Banden“ ernte. Eine linke Aktivistin, die gern auch mal als DJ im örtlichen Bürgerradio „Radio Corax“ und im Club „Charles Bronson“ auflegt, führte eine doppelte Opferrolle rückwärts auf und verglich die Spontandemonstration sogar mit dem antisemitischen Anschlag von Halle, bei dem ein Neonazi zu Yom Kippur 2019 die Besucher der Synagoge im Paulusviertel ermorden wollte. Zwei Menschen wurden von ihm erschossen. Dieser mehr als geschmacklose Vergleich zeigt noch einmal die vollkommene geistige Entgrenzung des Milieus: In seinem Drang, sich selbst als Opfer zu präsentieren, schreckt es noch nicht einmal davor zurück, einen antisemitischen Anschlag zu relativieren. Die Morde werden verharmlost, indem sie mit Glasbruch verglichen werden.

Über diese wachsame Verharmlosung eines der schwersten antisemitischen Verbrechen der deutschen Nachkriegszeit gab es bisher allerdings keine Empörung. Auch haben sich die Linke, die SPD und die Grünen bisher nicht von der objektiven Anti-Antifa-Arbeit ihrer studentischen Nachwuchstruppen distanziert. Die Empörung über die zumeist transaktivistischen Gewaltaufrufe, Gewaltandrohungen und anderen Straftaten, mit denen das Verbot der AG Antifa vorbereitet und begleitet wurde, hielt sich entweder in engen Grenzen oder blieb zumeist vollkommen aus. Da sie zur Vor- und Beigeschichte der aktuellen Entwicklung gehören, seien zumindest einige von ihnen hier dokumentiert.

September 2021: Freunde der AG Antifa verteilen beim CSD in Halle Flyer, um für ein Vortrag zur Kritik von Ausprägungen des Transaktivismus zu werben (siehe September 2021). Einer der Verteiler wird dabei von Sarah Einzel, der Landessprecherin der Grünen Jugend in Sachsen-Anhalt, körperlich angegangen. Einzel ist auch an der Organisation der Proteste vom September 2021 beteiligt.

September 2021: Die AG Antifa lädt zu einer Veranstaltung mit Hannah Kassimi und Vojin Sasa Vukadinovic ins VL ein, bei der einige Entwicklungen des Transaktivismus kritisiert werden sollen. Schon im Vorfeld gibt es Drohungen, Gewalt- und Störaufrufe. Vom Account der damaligen Sturavorsitzenden Klara Stock (bald wahlweise Felix oder Klara) wird das intern mit dem Stura besprochene Sicherheitskonzept der AG Antifa an die Öffentlichkeit weitergegeben. Es erscheint mit Stocks Mailadresse in den sozialen Netzwerken. Stock gibt die Beatrix von Storch („Ich bin auf der Maus ausgerutscht!“) und behauptet, nichts damit zu tun zu haben. Die Nachricht sei von ihrem Account aus weitergeleitet worden, als sie kurz nicht am Rechner saß. Am Tag des Vortrags gibt es eine Demonstration zum VL, an deren Spitze Stock läuft, die Demonstranten fordern in ihren Sprechchören, „Banden zu bilden“, die AG Antifa „platt“ zu machen und ihr „auf die Fresse!“ zu geben. Besuchern des Vortrags werden von Demonstranten, die sich vor dem VL versammeln, wiederholt Schläge angedroht. Bei der Demonstration verteilen Mitglieder des AK „Queer einsteigen“ im Stura Flugblätter, auf denen Lügen über die AG Antifa verbreitet werden: Sie würde mit dem Rechtsaußen Jürgen Elsässer zusammenarbeiten, lade antisemitische Referenten ein usw. Es kommt wahrscheinlich nur aufgrund der Polizei, die von der AG Antifa im Vorfeld in Kenntnis gesetzt wurde, nicht zu Übergriffen auf Teilnehmer der Vortragsveranstaltung. Die Flyer wurden zuvor im Stura von Glen Siegemund gedruckt. Glen Siegemund, Initiator von “Call me by my name”, war zu dem Zeitpunkt neben Klara Stock zweiter vorsitzender Sprecher des Stura.

Oktober 2021: Kurz nach dem Vortrag finden sich am VL Schmierereien, mit denen zur Gewalt gegen politische Gegner aufgerufen wird („Terfs boxen!“).

November 2021: Angehörige des Milieus erkundigen sich offensiv nach der Adresse eines jungen Antifaschisten, der sich in den sozialen Netzwerken kritisch zur Störung der Veranstaltung der AG Antifa und dem Verbotsantrag geäußert hat.

Februar 2022: Am VL finden sich erneut Schmierereien, in denen zur Gewalt gegen sogenannte „TERFS“ und insbesondere die Autorin und Referentin Naida Pintul aufgerufen wird („Terfs boxen“, „Hetenknechtung“).

März 2022: Angehörige des Milieus bedrohen zum Teil noch minderjährige Antifaschisten abends auf öffentlicher Straße und werfen ihnen vor, transfeindlich zu sein.

März 2022: Während des Demonstrationszug zum internationalen Frauenkampftag wurden mehrere Graffiti auf den Boden gesprüht, u.a. „Terfs boxen“ und „Kill your lokal Täter“.

April 2022: Das „Radikale Flinta-Kollektiv“ ruft zu einer Demonstration mit dem Titel „Raise your Voice against Terfs“ auf. Im Vorfeld tauchen an mehreren Stellen der Stadt Parolen mit Gewaltaufrufen wie „Terfs jagen“ und „Terfs boxen“ auf. Im Mobilisierungsvideo sind Vermummte in Militanzposen zu sehen, im Mobilisierungssong heißt es: „Jetzt gibt’s endlich auf die Fresse!“

April 2022: Eine Angehörige des Milieus postet öffentlich Morddrohungen auf Instagram: „Ich gehe heute in die Reile [gemeint ist das kulturelle Zentrum ‚Reilstraße‘] und ershoote den ersten Schwanz, den ich von den Krauts [gemeint ist die AG No Tears for Krauts, die bei der oben genannten Demo Flugblätter verteilte] wieder erkenne.“

Mai 2022: Auf den „Linken Laden“ und das Frauenzentrum „Dornrosa“ wird ein Anschlag mit Farbbeuteln verübt. Dazu wird die Parole „Terfs boxen“ an die Wände geschmiert. Im Frauenzentrum hatte kurz zuvor ein von der Gruppe Artemis veranstalteter Vortrag stattgefunden, in dem sich kritisch mit Intersektionalität und der Debatte um das Kopftuch auseinandergesetzt wurde. Der „Linke Laden“ gilt als Treffpunkt der Linksjugend, die diesen Vortrag zuvor in der Martin-Luther-Universität veranstalten wollte, der Raum wurde aber nach Intervention des Stura gestrichen. Das „Radikale Flinta-Kollektiv“, dem auch Stura-Sprecher Anton Borrmann und Felix Stock, einer der zentralen Protagonisten des Verbots der AG Antifa, angehören und das unbestätigten Gerüchten zufolge für den Anschlag verantwortlich sein soll, distanziert sich halbherzig davon. Zugleich heißt es in seiner Stellungnahme: „Schmieraktionen und Farbangriffe finden wir verständlich, aber an anderen Adressen.“ Das „Radikale Flinta-Kollektiv“ hieß kurz zuvor noch „Militantes Flinta-Kollektiv“.

Juli 2022: Aus einem Schrank im Sturagebäude werden mehrere Kisten mit Büchern gestohlen, die die AG Antifa bei ihren Veranstaltungen auf einem Büchertisch anbietet. Der Schrank wird aufgebrochen, Zugang zum Sturagebäude haben nur Mitglieder des Sturas. Der Schaden beträgt mehr als 1.500 Euro.

Juli 2022: Das „Radikale FLinta-Kollektiv“, dem mehrere Personen aus dem Umfeld der Sturamehrheit nahestehen und angehören, ruft zum BDS-nahen „Internationalen Queer Pride“ nach Berlin auf. Dort wird das Existenzrecht Israels in Frage gestellt. Bereits auf dem Werbebanner steht groß „Free Palestine!“.

Es bleibt die Frage, warum sich die Linke, die SPD und die Grünen nicht über all diese Vorfälle oder die zahlreichen Lügen, Unterstellungen und Falschbehauptungen, die hier nicht einzeln aufgeführt werden können, distanziert haben. Warum war also das Erschrecken über einen Stein im Sturafenster so groß, während die anderen Dinge kaum beachtet wurden? Am Prinzip des Legalismus und des Gewaltverzichts kann es nicht gelegen haben: Dazu haben die Organisationen, die bei anderer Gelegenheit und aus welchen richtigen oder falschen Gründen auch immer zu Straßen- und Autobahnblockaden aufrufen, an der gewaltsamen Beendigung der Revolution von 1918/19 oder des Aufstands vom 17. Juni 1953 beteiligt waren, für den Einsatz deutscher Bomber über Jugoslawien verantwortlich sind und deren Nachwuchs mehr als klammheimlich über den Hashtag Kantholz gefeixt hat, nämlich selbst nur ein funktionales Verhältnis.

Der Schreck dürfte andere Gründe haben: Durch den Steinwurf scheinen die Organisationen, die zu den wichtigsten Instanzen dieser neudeutschen Entwicklung gehören, daran erinnert worden zu sein, dass man persönlich und institutionell nicht nur für seine Entscheidungen und Handlungen verantwortlich ist, sondern auch dafür verantwortlich gemacht werden kann. In dem Maß, in dem sich die Religion aus der Welt zurückgezogen hat, ist die Sorge, sich vor einer höheren Instanz rechtfertigen zu müssen, kleiner geworden. Durch die Veränderungen in den Bereichen Produktion, Soziales und Erziehung sind zugleich einige innere Instanzen wie das Gewissen und das Über-Ich erodiert. Da man ihnen von Kindheit an immer alles hat durchgehen lassen und sie sich bei allen Anwürfen der Außenwelt ständig selbst als Opfer missverstehen, ist ihnen nur noch bedingt bewusst, dass ihre Taten auch für sie selbst Konsequenzen haben können. Der Stein hat ihnen das Prinzip der Verantwortung drastisch vor Augen geführt. Egal, was man von dieser Methode halten mag, ob man sich nun von solchen Aktionen distanziert, wie es die AG Antifa schon vor vielen Wochen getan hat (http://agantifa.com/2021/11/zu-den-solidarisierungen-mit-uns/), oder nicht: Das Problem ist weniger das zerbrochene Fenster. Der Stura wird es mit den Mitteln, die er durch die Auflösung der AG Antifa und die damit verbundene Streichung Dutzender gesellschaftskritischer Veranstaltungen einspart, schnell ersetzen können. Das Problem ist vielmehr, dass die durch den Stein angestoßene Erkenntnis nicht lang anhalten und schnell wieder im Sumpf des Selbstmitleids verschwinden wird.

Andrea Brunsfeld

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Editorial

Studentischer Debattenkultur und Meinungsfreiheit an der hallischen Universität dürften, wie an so vielen Hochschulen, schwere Zeiten bevorstehen. Zumindest, wenn es nach dem Willen einer Gruppe besonders engagierter Bürokraten geht, die derzeit im Studierendenrat der hallischen Universität tonangebend ist. Die jüngste lokale Episode einer weithin zu beobachtenden aggressiven Cancel Culture gipfelte vorläufig am 17. September 2021 in einem aufgebrachten Mob von circa 100 Leuten. Er schickte sich an, eine Diskussionsveranstaltung des AK Antifaschismus, ein Arbeitskreis des hallischen Studierendenrates, mit dem Titel „Austreibung der Natur. Zur Queer- und Transideologie der Gegenwart“ in der VL-Kneipe in der Ludwigstraße 37 zu sprengen. Die lautstarke Auslebung der Natur vor dem Zaun und das Bedrohen von Besuchern vermochten allerdings nicht zu verhindern, dass mehr als 200 Interessierte den Vorträgen zu den Fallstricken der Queertheorie folgen konnten. Unterdessen wurde vor dem Gelände ein verleumderisches Flugblatt des AK que(e)r einsteigen – ebenfalls ein Arbeitskreis des Stura –  verteilt, das die Veranstalter nicht nur der üblichen Ismen, sondern darüber hinaus schwerer Sexualstraftaten bezichtigte. Online wurde zum Verfassen von Beschwerden an die Universität aufgerufen. Bei einem zweiten Vortragsabend, der sich unter dem Eindruck dieses Entrüstungssturms, nebst den gesellschaftlichen Konsequenzen der Transideologie, den Aktivisten und ihrem Bedürfnis widmete, fiel der Protest so klein aus, dass er bereits vor Beginn die Tische einklappen musste.

Damit hatte sich die Angelegenheit jedoch nicht erledigt. Im Gegenteil: Der Ausschluss eines Punkerpärchens von einer als Open Mic angekündigten Gegenveranstaltung des AK que(e)r einsteigen – einzig weil es vorher den Vorträgen des AK Antifa beigewohnt hatte und damit nun allein kraft seiner Anwesenheit scheinbar den Safe Space bedrohte – bot einen Vorgeschmack darauf, wie von der Sturamehrheit mit Kritik an ihrer inoffiziellen politischen Linie umgegangen wird. Die mit dem Queer-AK personell und vor allem ideologisch verbundenen Hochschulgruppen der Grünen Jugend, der Jusos sowie die Offene Linke Liste, welche zusammen über zwei Drittel der Sitze im Stura verfügen, stellten prompt den, vermutlich schon lange in einer Schublade liegenden Antrag, den AK Antifaschismus aufzulösen. Der Verbotsantrag wurde von einer ehemaligen Sprecherin des Gremiums, die in der Vergangenheit auch schon mal ungestraft interne Emails zum Sicherheitskonzept gefährdeter Veranstaltungen veröffentlichte, mit einem angeblichen Vertrauensverlust begründet. In Wahrheit ging es der, den Stura dominierenden, sich gegenseitig die Posten zuschusternden Clique natürlich einzig darum, einen Arbeitskreis abzustrafen, der sich weigert, einer bewusst mit Betroffenheit und wechselnden Positionen spielenden politischen Linie zu fügen und der nicht bereit ist, einen Kotau vor den ewig Beleidigten abzuleisten. Dass sie sich mit dieser Art der Anti-Antifa-Arbeit – denn nichts anderes bedeutet die Auflösung der ältesten, die linken Debatten in Halle seit Jahren prägenden Antifa-Gruppe – vor allem den Applaus des Stadtnazis Sven Liebich und der Magdeburger Antiimperialisten einfingen, während der AK Antifa, trotz einer konfliktreichen Geschichte, zahlreiche Solidaritätsbekundungen aus der hallischen Linken erhielt, brachte keinen der Antragsteller zum Zweifeln. Man bemühte sich stattdessen um siegessicheres und geschlossenes Auftreten.

Ganz so leicht, wie die Antragsteller es sich erhofft hatten, verlief die entscheidende Sitzung des Studierendenrates dann doch nicht. Die hauseigene Bürokratie, hinter der sie sonst ihr Sanktionsbedürfnis verstecken, legte ihnen unerwartet Steine in den Weg. Durch die Einberufung eines Mediationsverfahrens durch eine kleinere Stura-Fraktion, wurde die Auflösung des Arbeitskreises vorerst beiseitegeschoben. Die eigens für das Verfahren ausgearbeitete Änderung der Geschäftsordnung offenbarte dafür erneut die autoritären Sehnsüchte der Auflösungsfraktion, die in ihrem  Demokratie- und Rechtsverständnis offenbar dem Stalinismus nachzueifern und sich mit dessen Agenten zu identifizieren scheint. Das Ergebnis des sogenannten Mediationsverfahrens, das weit treffender mit Disziplinarausschuss zu bezeichnen wäre, läuft unabhängig von seinem Ausgang auf eine Repression des Arbeitskreises hinaus. Ein Scheitern der Gespräche zöge den erneuten Auflösungsversuch nach sich, bei einem Gelingen sähe er sich –  „Kritik und Selbstkritik“ lässt grüßen – mit einer mehrmonatigen Erprobungsphase konfrontiert, in der sich der Stura sämtliche Beschlüsse des Arbeitskreises vorlegen lässt und Wege finden wird, diese nach Gutdünken zu torpedieren. Dass davon reger Gebrauch gemacht werden würde, bewies die kommentarlose Ablehnung eines gängigen Förderantrags des AK. Sanktionen durch die Mediation kämen so lange einem Arbeitsverbot gleich, wie es das linke Stura-Kartell möchte. Die Möglichkeit eines konstruktiven Verfahrens und Aushaltens inhaltlicher Differenzen wird gar nicht erst in Erwägung gezogen. Ein Ergebnis, das auch den anderen Arbeitskreisen, die sich fast sämtlich gegen das Vorgehen des Stura aussprachen, Sorge bereitet. Denn allen ist klar, dass sie die Nächsten sein könnten, die arbeitsunfähig gemacht werden, weil ein verbohrtes und verstocktes Mitglied Halbwahrheiten und Unterstellungen über sie verbreitet.

Mit diesem Vorgehen stimmen die genannten Stura-Parteien in den internationalen Chor einer zunehmend totalitär agierenden, identitären Bewegung innerhalb der Gegenwartslinken ein. Sie setzt weniger auf Verbote konkret abweichender Positionen, sondern richtet sich vielmehr gegen all jene, die nicht im Gestus permanenter Unterwerfung unter die neueste politische Mode auftreten. Ob das beherzte Engagement dem ins Kinderparlament abgeschobenen Teil der Parteijugend den nötigen Karriereschub bringt, wird sich zeigen. Zu befürchten steht jedenfalls, dass derartige Kampagnen anderswo und auch in Halle in den nächsten Jahren häufiger und schärfer geführt werden.

Umso wichtiger finden wir es, jene zu unterstützen, die sich gegen diese Tendenz stemmen. Aus diesem Grund, und um die inhaltliche Diskussion weiterzuführen, veröffentlicht die Redaktion dieser Zeitschrift sowohl die inkriminierten Vorträge der Referenten des  Arbeitskreises, als auch eine Reihe ausgewählter Texte, die den alltäglichen Wahnsinn in und um den hallischen Stura dokumentieren. Allen, die sich in Halle und anderswo freiwillig in solche Auseinandersetzungen begeben, wünschen wir nur das Beste.

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Die beiden folgenden Texte wurden von den Autoren als Vorträge auf der Diskussionsveranstaltung des AK Antifaschismus mit dem Titel „Die Austreibung der Natur. Zur Queer- und Transideologie der Gegenwart“ am 17. September 2021 gehalten. Für eine bessere Lesbarkeit wurden sie leicht überarbeitet. (1/2)

Der Exorzismus der Andersdenkenden.

Judith Butler und die Folgen

Es wird wieder viel gefühlt – international, aber ganz besonders in Deutschland. Alles scheint wahnsinnig verletzend, alles, was man sagt, schreibt, tut, vielleicht sogar schon denkt, könnte anderen weh tun, andere ausschließen, andere silencen, anderen schaden, usw. usf. Stark Fühlende sind es, die in der Gegenwart den Ton angeben. Mit den sogenannten Affect Studies ist in der ideologisch knapp vermessenen Sparte zwischen Gender- und Kulturtheorie gar ein akademischer Zweig entstanden, der sich diesem neuerlichen Fühlen widmet und allerhand Belangloses dort entdeckt, wo man die Möglichkeit zu substanziellen Einsichten und alle Voraussetzungen für genuine Forschung, für Empirie, für faktenbasierte Urteilsfindung, für kleinteilige Arbeit im Archiv und mehr hätte. Aber warum mühsam, wenn es auch bequem geht? Das scheint zumindest die unausgesprochene Devise weiter Teile der akademischen Landschaft zu sein.

Das Problem an solchen Wohlstandserscheinungen ist, dass deren Bequemlichkeit anderen irgendwann auffällt. Aus diesem Grund werden elaborierte Tarnmanöver vorgenommen, um darüber hinwegzutäuschen, dass man de facto wenig bis nichts tut. Ein solches, recht erfolgreiches Tarnmanöver besteht darin, vorzugeben, dass man sich mit der Frage der Bedeutung befasst. Ein ganzes hierum entstandenes Feld kreist bekanntlich um den Begriff gender, jedenfalls in seinem Verständnis der späten 1980er, frühen 1990er Jahren, welches heute, in den 2020er Jahren, passé ist. Doch dazu etwas später mehr.

Antifeminismus als Verkaufsschlager

Um zu verstehen, was die Karriere der heute berühmtesten Protagonistin der Bedeutungslehre damals, also in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren ermöglichte, ist zunächst daran zu erinnern, dass zu diesem Zeitpunkt die erst zwanzig bis 25 Jahre zuvor entstandene Neue Frauenbewegung zum Teil erhebliche gesellschaftspolitische Erfolge verzeichnen konnte. In langen, harten Auseinandersetzungen seit Ende der 1960er Jahre war Abtreibung aus der Sphäre des Hochtabuisierten verbannt worden, obschon sie umstritten blieb. Umsonst geleistete Hausarbeit konnte nicht mehr ganz so einfach mit dem weiblichen Geschlecht identifiziert werden. Gesetze waren gefallen, die Frauen einem männlichen Vormund unterstellten. Und in vielen politischen, ökonomischen, religiösen wie kulturellen Arealen bröckelte die männliche Dominanz, auch wenn sie bekanntlich nicht überall gleichzeitig schwand.

In einigen Bereichen führten diese Modernisierungserscheinungen wiederum zu Stagnation, so etwa in der akademischen Diskussion – dort also, wo man sich mit feministischer Theorie schwer tat und mit der Etablierung der Women’s Studies in den USA einen Kompromiss institutionalisiert hatte, der selbstverständlich keineswegs dazu diente, der feministischen Weltsicht gebührenden Platz zu gewähren. Vielmehr konnten Universitätsleitungen mit diesem Trick über den bisweilen peinlich niedrigen Anteil von Professorinnen hinwegtäuschen, der gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften auffällig war – in einem Bereich also, in dem man sich bekanntlich aufgeschlossen, progressiv und kosmopolitisch wähnt, eine neue Einsicht aber stets als geschickt zu vermarktende Ware aufgemacht werden muss, um anzukommen und die eine oder andere Tür zu öffnen. Für Feministinnen – für Frauen also, die sich für Frauen einsetzen – gingen diese Türen oftmals nur einen Spaltbreit auf. Die Vorbehalte waren noch in den späten 1980er Jahren vehement.

Judith Butler, gemeinhin als Philosophin geltende Professorin für Rhetorik, machte sich diesen Umstand zunutze und veröffentliche 1990 ihre Monografie Gender Trouble, in einem neuartigem Vokabular gehalten, dessen Sound unter anderem den Seminaren des Literaturwissenschaftlers und einstigem Nazi-Sympathisanten Paul de Man entlehnt worden war. Sie ging damit hausieren, eine andere Art von „feministischer“ Theorie zu offerieren: nämlich eine, die nicht mehr Frauen in den Mittelpunkt stellen wollte. Zudem gab sie vor, äußerst komplexe Mechanismen aufzudecken, was mitunter einer der Gründe dafür sein dürfte, weshalb Butlers Anhängerschaft bis heute in steter Regelmäßigkeit beteuert, „komplexe“ Analysen vorzulegen, an denen dann aber vor allem die angestrengte Imitation der Vorturnerin auffällt. Primärer Gegenstand von Butlers Schrift waren andere feministische Arbeiten, die einer – noch so ein verlogenes Wort – „kritischen“ Lektüre unterzogen werden sollten.

Gender Trouble gilt seither als das theoretische Hauptwerk eines poststrukturalistisch informierten „Feminismus“, der angeblich damit befasst sei, Identitäten zu hinterfragen – auch solcher, die in angeblich fortschrittlichen politischen Strömungen unhinterfragt wirkten. Butlers wesentliche Aussage in dieser Schrift beläuft sich darauf, dass die von der Neuen Frauenbewegung aus der Sexualwissenschaft übernommene Unterscheidung zwischen sex, also dem biologischen Geschlecht, und gender, also dem ‚kulturellen’ Geschlecht, eine falsche sei. Hatte der Feminismus der 1970er Jahre diese Unterscheidung stark gemacht, um darauf hinzuweisen, dass Anatomie kein Schicksal sein muss – dass sex also der Grund dafür ist, warum Frauen unterdrückt werden und gender die Art und Weise, wie in Form von geschlechtlichen Rollen, Stereotypen, Erwartungen, Zuschreibungen usw. unterdrückt wird –, machte sich Butler nun daran, einen vermeintlichen Irrtum bloßzulegen, dem die Neue Frauenbewegung aufgesessen sei. Auch sex sei – in ihren Worten – „konstruiert“, da das biologische Geschlecht stets kulturell und vor allem sprachlich vermittelt sei. Folglich würde der Feminismus mit Frauen ein Kollektivsubjekt voraussetzen, dass es gar nicht gäbe. Dies basierte auf einer Adaption von Michel Foucault, demzufolge „Macht“ Subjektpositionen in einer Gesellschaft verteile, ohne greifbar zu werden – was Butler dahingehend radikalisierte, Bedeutung zum präferierten „feministischen“ Interventionsfeld zu machen. Konkret: Zu behaupten, dass erst dann ein anderes, nicht-phallogozentristisches Zusammenleben denkbar werde, wenn die Vorstellung, die alle von Männern und Frauen haben, eine andere sei. Das gründete in der Annahme, dass da schlichtweg keine Natur sei, wo diese vorausgesetzt werde, sondern stets eine prägende Instanz dazwischengehe, wenn von Männern und Frauen die Rede sei. Butler empfahl deshalb die Vervielfältigung von Geschlechtsidentitäten zur Subversion der „heterosexuellen Matrix“, was auf Außenstehende wie eine Mischung aus grandioser Selbstüberschätzung und ausgebliebener linker Pubertät im Alternativen Jugendzentrum klingt.

Dieses Postulat galt zum Zeitpunkt seiner Publikation nicht nur als kühn und avantgardistisch, sondern als brillant und nahezu welterschütternd. Es bescherte seiner Urheberin eine beispiellose geisteswissenschaftliche Karriere. Nur wenige schienen im allgemeinen Butler-Enthusiasmus der frühen 1990er Jahre den antifeministischen Charakter der Schrift und seine Beförderung zum akademischen Verkaufsschlager zu hinterfragen. Es sei an dieser Stelle ausdrücklich daran erinnert, dass man sich in den Vereinigten Staaten, bei aller Warenförmigkeit des Wissens, ehrlich eingesteht, dass man es beim Universitätsbetrieb eben mit einem Betrieb zu tun hat und nicht mit einem Hort des freien Denkens. Die gängige Bezeichnung für diesen Betrieb ist folglich schlicht und ergreifend the job market – ein Umstand, an dem sich dort im Übrigen niemand stört. Er entspricht dem regulären Wettbewerb in anderen Branchen: Es herrscht das Konkurrenzprinzip, dessen Austragungsort Monographien sind, die sich auf irgendeine Weise unterscheiden müssen. Und: Alle Dozierenden an US-amerikanischen Hochschulen wissen, dass vor ihnen Studierende sitzen, die die Hochschulen nach einigen Jahren als junge Erwachsene mit einem sehr hohen fünf-, bisweilen auch sechsstelligen Schuldenberg verlassen werden, weil die Studiengebühren in Nordamerika in keinem Vergleich zu dem stehen, was hierzulande dafür veranschlagt wird. Und deshalb wissen alle, die im Seminarraum vorne stehen, dass sie eine Dienstleistung für junge Menschen abzuliefern haben, die schon qua Transaktion ein Anrecht darauf besitzen, unterhalten zu werden. Das bedeutet, dass die zu erbringenden Dienstleistungen dem gesellschaftlichen Bewusstseinsstand entsprechen müssen. Hinzu kommen sehr rigide Evaluationen.

Neue akademische Biederkeit

Liest man Gender Trouble vor diesem Hintergrund, wird deutlich, dass das, was da eigentlich zelebriert wurde, fast schon eine untergeordnete Rolle spielte – es ging in weiten Teilen ums akademische Event, in dessen Schatten die eigentlichen Postulate dieser misogynen Schrift, allen voran der Sturz des Feminismus, dann prima gedeihen konnten. Tatsächlich handelt es sich bei Gender Trouble um ein Manifest akademisch aufbereiteter Biederkeit, um eine im Wortsinn lustlose Handreichung für das werdende Gender-Spießertum, die es diesem bis in die Gegenwart hinein erlaubt, einen „Ausschluss“ nach dem nächsten anzuprangern und dies bisweilen gar zum Geschäftsmodell zu machen. Man denke nur an das Expertentum für Ausschlüsse, das sich zwischenzeitlich mit der akademisch-aktivistischen Intersektionalitätsforschung ausgebildet hat. Heute prägt die Verlängerung von Butlers folgenreichstem Postulat, demzufolge das biologische Geschlecht „konstruiert“ sei, nahezu jede genderidentitätsideologische Behauptung, jeden queertheoretischen Einfall und jede transaktivistische Forderung.

Es wäre nach wie vor zu klären, warum sich dieses Denken ausgerechnet in Deutschland so fest etablieren konnte. Abgesehen von den USA, wo diese Arbeiten entstanden waren, war Butler nirgends so erfolgreich wie in der Bundesrepublik. Dieser Umstand erscheint umso bedeutsamer, wenn man sich den zeithistorischen Kontext vergegenwärtigt. Butlers früheste Anhängerschaft zelebrierte die Ankunft von Gender Trouble zu einer Zeit, als im Osten wie im Westen wahrlich andere Probleme tagespolitisch aktuell waren. Was seit 2019 unter dem euphemistischen Begriff „Baseballschlägerjahre“ firmiert – wo man tatsächlich von einer Ära des rassistischen Mobs und des Menschenanzündens sprechen müsste – erklärt schließlich von selbst, was identitäres Denken in jenen Jahren ausmachte. Versucht man, einige Auffälligkeiten an der Butler-Euphorie der frühen 1990er Jahre zusammenzutragen, ist genau das das eigentlich Bemerkenswerte an der damaligen Diskussion: Die angebliche „Dekonstruktion“ der eigenen Identität passte perfekt zu einem Land, das sich gerade selbst in einem Identitätstaumel befand und die ewige Frage „Was ist deutsch?“ neu stellte. Auf diesen Umstand hat auch Ulrike Heider ihrer lesenswerten Abhandlung Vögeln ist schön hingewiesen, die sich den Folgen der Sexrevolte von 1968 widmet.(1) 

Zweitens ist hervorzuheben, dass der Untertitel von Gender Trouble im englischen Original Feminism and the Subversion of Identity lautet. Gemeint war damit das ausdrückliche, nur noch antifeministisch zu nennende Vorhaben, das Subjekt des Feminismus zu stürzen. Die Geschlechterdifferenz ist menschheitshistorisch Ort eines konstanten Konflikts gewesen und wird es wohl auch bleiben, egal, was die Großreinemacher des Geschlechts mit Unterstrich und Gender-Sternchen auch versuchen werden. Besagte Biederkeit, die von Butlers Schrift ausging, passte perfekt zu einem in höchsten Maße biederen Universitätsbetrieb, wo man nie im Leben „Orgasmus“ oder „Lust“ aussprechen würde, nun aber mit betonter Bedeutsamkeit von gender und von der „Performativität“ der Geschlechter reden konnte. Das ist doch deutlich bequemer, als Feministinnen ausgesetzt zu sein, die einen unentwegt daran erinnern, dass vielleicht auch die eigene Rollenverteilung zu Hause hinterfragt werden könnte, wenn es um den Abwasch und das Reinigen des Bads geht.

Vom Tisch waren damit auch die Sexualwissenschaft und die Psychoanalyse als konstante Erinnerungen daran, dass der Leib Hort zahlreicher Abweichungen und Pathologien sein kann und das eigene Lusterleben kein angeborenes, sondern ein erworbenes und folglich ein gesellschaftlich vermitteltes ist; dass es irrationalen Neid gibt und dass der Regress auf den Klamauk des um plumpe Parolen kreisenden politischen Protests, den sich eher Achtklässler erlauben, manchmal noch Erwachsene packt; dass narzisstische Kränkungen, aber auch Aggressionen existieren – und dass die Ziele, die sich diese Aggressionen suchen, bisweilen aus dem Unbewußten sprudeln und damit ebenfalls Aufschluss über die jeweilige Gesellschaft geben. Mit Gender Trouble war der Pseudobeweis erbracht, dass man sich nicht mehr den Abgründen der menschlichen Psyche stellen muss, die von individuellen Tragödien vom ausbleibenden Liebesglück im Privaten bis zu Kriegsverbrechen im großen Maßstab reichen und dazwischen alles ausmachen, was Zivilisation und Barbarei auszeichnet. Es reichte fortan, zu fragen, was dieses oder jenes bedeutet, und wie es sich und hinsichtlich gender bemerkbar mache.

Feindbild Großstadtschwuler

Es ist auffällig, dass das, was 1991 mit der Übersetzung von Judith Butlers Gender Trouble zunächst die deutschsprachige Debatte an den Universitäten prägte und von dort in den Kulturbetrieb wanderte, sich 30 Jahre später zum staatlichen wie zum gesellschaftspolitischen Arbeitsauftrag fortentwickelt hat. Die „Vervielfältigung“ geschlechtlicher Identitäten zur „Subversion“ der „heterosexuellen Matrix“ beschränkt sich heute keineswegs mehr auf den Seminarraum. Als repressive Instanz scheint diese „heterosexuelle Matrix“ im aktivistischen wie im bürokratischen Imaginären (unter etwas aktuelleren Begriffen) umso präsenter zu sein, je offensichtlicher gleichgeschlechtliche Ehe, männlich/weiblich/divers-Vermerke in Stellenausschreibungen, sprachmagische Appelle zur angeblichen „Sichtbarmachung“ randständiger Minderheiten allerorts an das Gegenteil erinnern. Dass Butlers Denken in den Gender Studies nach wie vor als Nonplusultra gilt, ist zum einen Ausdruck allgemeiner Ratlosigkeit, wie weiterzudenken, oder besser: wie überhaupt zu denken sei. Es liegt nahe, dass dieser Umstand der eingangs erwähnten Bequemlichkeit geschuldet ist.

Beobachten lässt sich allerdings auch eine Verschiebung der autoritären Sehnsucht, die geradezu etappenweise das eine Feld räumt und im nächsten die Zelte aufschlägt, stets just da Halt machend, von wo aus im jeweiligen historisch-politischen Moment die größte moralische Strahlkraft auszugehen scheint. Galt der gendertheoretische Einspruch zunächst der feministischen Theorie, die in Gender Trouble als materialistischer Feminismus von Monique Wittig und als psychoanalytisches Begreifen der Mutterschaft als subjektiver Erfahrung seitens Julia Kristeva personifiziert attackiert wurde, gaben diese Einwände schon in den 1990er Jahren nichts mehr her, weswegen sich autoritäres Gebaren und zurechtweisendes Gängeln rasch auf die Queer Theory verschoben. Seit etwa zehn Jahren hat diese wiederum erheblich nachgelassen, was auch mit der kontinuierlichen Popularisierung des Adjektivs „queer“ zu tun hat, vor allem aber mit der zunehmenden gesellschaftlichen Liberalisierung, versinnbildlicht in einem möglichen schwulen Kanzlerkandidaten der CDU – und wer hat denn daran heute noch etwas auszusetzen? Seit dem merklichen Abflauen des Queer-Aktivismus im letzten Jahrzehnt hat der Transaktivismus diese Position angeblicher Radikalität inne. Um seine heutigen Wirkungsweisen zu begreifen, muss man nur kurz zurückschauen in die Vergangenheit, denn an seinen Vorgängern wird alles deutlich, was man über die gegenwärtige Manifestation wissen muss.

Um zu verstehen, weshalb die queeraktivistische Meute wundersamer Weise nie gegen die letzten oder neuen Statthalter des sogenannten „Heterosexismus“ aufbegehrt hat, sondern stets gegen unliebsame Individuen wie die beiden Referierenden der hier dokumentierten Vortragsveranstaltung, ist kurz auf die Entwicklungen dieser akademisch-aktivistischen Strömung einzugehen. Im 2017 erschienenen Sammelband Beißreflexe von Patsy l’Amour laLove hat Benedikt Wolf eine „antiemanzipative Wende“ in der Queer Theory ausgemacht, die sich spätestens Mitte der 2000er Jahre vollzog, als die Queertheoretikerin Lisa Duggan die Parole ausgab, dass nicht etwa die gesellschaftliche, d.h. die moralische Vorrangstellung der Heterosexualität das Problem sei, die in diesen Kreisen stets unter der Chiffre „Heteronormativität“ firmierte.(2) Vielmehr sei eine ominöse „Homonormativität“ nun der Hauptfeind, den es zu bekämpfen gelte – personifiziert vom beruflich erfolgreichen, von revolutionären Träumen ablassenden Großstadtschwulen und vielleicht auch von der einen oder anderen Großstadtlesbe. Ihnen wurde angelastet, das Projekt der Subversion der „heterosexuellen Matrix“ fallengelassen und sich in eine Gesellschaft eingegliedert zu haben, an deren repressiven Tendenzen gegenüber „Anderen“ sie nun angeblich teilhätten – freilich und wie so oft, ohne einen einzigen empirischen Nachweis für diese Behauptung beizufügen. Man muss sich hier unweigerlich die Frage stellen, ob das ähnliche gruppenpsychologische Auf- und Ausräumaktionen in den eigenen Reihen sind, wie man sie aus der Geschichte der Linken im 20. Jahrhundert zu genüge kennt, oder doch etwas Eigenständiges.

Ein weiterer Wendepunkt in der Queer Theory war die Publikation einer Ausgabe des akademischen Journals Social Text mit dem Titel What’s queer about Queer Studies now? im Jahr 2005, in der eine Riege heute wortführender Queertheoretikerinnen und Queertheoretiker damit begann, nicht Sexualität – die von Anfang an weniger von Interesse war als irgendwelche Normen –, sondern race und Ethnizität zum Refugium vor jenen Normen zu verklären; je reiner und je abgeschotteter, desto besser.(3)

So kommt es, dass wer sich heute für ein Studium der Gender Studies entscheidet, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Abschluss erwerben wird, der nach mehreren Jahren Studiums einen weiten Bogen um Mary Wollstonecraft, John Stuart Mill oder Qasim Amin(4) gemacht hat – und damit um all jene Autorinnen und Autoren also, die sich vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert für die Frauenemanzipation stark gemacht hatten, indem sie für die Zurückdrängung von Staat, Religion, Moral, Familie und anderer Gemeinschaften plädierten, die heute bezeichnenderweise wieder hoch im Kurs stehen. Dafür wird sich eine Absolventin der Gender Studies nicht nur bestens mit „Homonormativität“ auskennen, sondern auch wissen, was es mit der Begriffsverschiebung von transsexuell zu transgender und von transgender zu trans auf sich hat – ganz zu schweigen davon, dass es eine angeborene Geschlechtsidentität geben soll.

Analyse als Widerspruch

Als ob das alles nicht schon fatal genug ist, existiert zudem noch jene andere, rassistische Dimension des Phänomens, auf die wir 2018 im Sammelband Freiheit ist keine Metapher hingewiesen haben: Je bunter es bei den einen wird, desto monotoner soll es bei den „Anderen“ zugehen. Aus dem Bewusstsein der laut brüllenden Anhängerschaft von Diversity und queerer Mannigfaltigkeit verschwunden ist die von Moral, Überwachung und Gewalt geprägte Lebensrealität von Minderheiten vornehmlich islamischer Provenienz – eine Lebensrealität, die magischerweise nie „heteronormativ“ sein soll, sondern stets zu schützende Kultur. Man lese nur, was Judith Butler auf der berühmten S. 168 ihrer 2005 auf Deutsch erschienenen Schlaftablette Gefährdetes Leben über die Burka schrieb, die in ihren Augen eine „Übung in Bescheidenheit und Stolz“ sei(5) – Hauptsache, sie selbst muss keine tragen. Formulierungen wie diese sind so hässlich, dass man sich fragen muss, welche Ahnungslosigkeit oder aber kalkulierte Eiseskälte eigentlich in der Psyche derer waltet, die sie niederschreiben oder lektorieren. Daraus folgt dann auch, weshalb die Anhängerschaft dieser Ideen und des angeblich im Dienste der Vielfalt verübten, vermeintlich avancierten, urbanen und weltgewandten Exorzismus der Andersdenkenden für das rationale Argument nicht mehr zugänglich ist.

Diesem Trend entgegenzuhalten sind Veranstaltungen wie diese. Denn die Aufregung vorab bestätigt nur, was offensichtlich ist – dass man es hier mit der jüngsten Inkarnation der eingangs genannten stark Fühlenden zu tun hat, deren Affekte und Denken sich disproportional zu einander verhalten. Man möge sich nichts vormachen: Mit dem Argument ist ihnen nicht beizukommen. Stattdessen gilt es, ihre Verhaltensweisen, ihre Parolen, ihre Forderungen und vor allem ihre Moral zum Gegenstand der Analyse zu machen –  und zwar einer politischen wie wissenschaftlichen gleichermaßen. Es lohnt sich, standhaft zu bleiben. Denn der Trostlosigkeit des Ganzen und seinen abstoßenden Ausprägungen zum Trotz besteht Hoffnung darauf, dass sich die destruktiven Tendenzen zumindest nicht unwidersprochen ausbreiten werden.

Das Irrationale hat im angelsächsischen Raum einen schwereren Stand als im mental provinziellen Deutschland. Nicht zuletzt deshalb gibt es in Großbritannien und Australien bereits explizit innerakademischen Widerstand gegen das Gender-Paradigma – namentlich von den genderkritischen Philosophinnen Kathleen Stock, Jane Clare Jones, Sophie Allen, Mary Leng, Rebecca Reilly-Cooper und Holly Lawford-Smith getragen, die im Gegensatz zur Literaturwissenschaftlerin Judith Butler tatsächlich als Philosophinnen anzuerkennen sind. Hinzu kommt eine Reihe weiterer feministischer Akademikerinnen aus anderen Disziplinen, darunter die Juristin Rosa Freedman, die Historikerin Selina Todd oder die Kriminologin Jo Phoenix. Alle von ihnen haben erhebliche Anfeindungen erlebt, weil sie es wagten und wagen, dem ideologischen Trend zur Austreibung der Natur (und dem Denken obendrein) nicht nur zu widersprechen, sondern sich den vehementen Anfeindungen ihrer Person nicht einen Millimeter zu beugen.(6) Das liegt daran, dass online geführte Hetzkampagnen, mit Fäkalien beschmierte Büroräume oder das dreiste Anschreiben der jeweiligen Arbeitgeber mit der Forderung, die Geschmähten gefälligst zu entlassen, nur belegen, womit man es zu tun hat: Mit einem Mob, dessen quietschbunte Camouflage bereits in jenem Moment fällt, in dem man genau hinhört, was er fordert. Erst recht dann, wenn man ihm, wie hier, öffentlich widerspricht.

Vojin Saša Vukadinović


Anmerkungen:

1. Vgl. Ulrike Heider: Vögeln ist schön. Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt, Berlin 2014.

2. Vgl. Benedikt Wolf: Stonewall hieß Angriff. Zur antiemanzipativen Wende in der Queer Theory, in: Patsy l’Amour laLove (Hg.): Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten, Berlin 2017, S. 138-145.

3. Vgl. Judith Halberstam/José Esteban Muñoz/David L. Eng (Hgg.): What’s Queer about Queer Studies now?, in: Social Text 3/4 (2005). Neun Jahre zuvor hatte der Physiker Alan Sokal im gleichen Journal seinen berühmten Hoax platziert.

4. Vgl. Mary Wollstonecraft: Die Verteidigung der Frauenrechte, Aachen 2008 [1792]; John Stuart Mill/Harriet Taylor Mill: Die Unterwerfung der Frauen, Ditzingen 2020 [1869]; Qasim Amin: Die Befreiung der Frau, Würzburg/Altenberge 1992 [1899].

5. Judith Butler: Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt am Main 2005.

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Die beiden folgenden Texte wurden von den Autoren als Vorträge auf der Diskussionsveranstaltung des AK Antifaschismus mit dem Titel „Die Austreibung der Natur. Zur Queer- und Transideologie der Gegenwart“ am 17. September 2021 gehalten. Für eine bessere Lesbarkeit wurden sie leicht überarbeitet. (2/2)

Von Transexualität zu Transgender.

Über die Konsequenzen eines begrifflichen Wandels

In den letzten Jahren gab es an deutschen Universitäten einen spürbaren Umschwung  hin zu einem poststrukturalistisch inspirierten „Feminismus“. Vojin Saša Vukadinović beschrieb in seinem Vortrag, welche Rolle die Queer Theory Judith Butlers bei diesem Paradigmenwechsel für die Wissenschaft und die Frauenrechtsbewegung spielte. Daran anknüpfend gehe ich der Frage nach, welche praktischen Auswirkungen der an Butler geschulte Aktivismus hat, inwiefern er Menschen konkret schadet und warum die Kritik an ihm so unabdingbar ist. Ich möchte dafür zunächst einen Überblick über die Bedeutung des Begriffs trans bzw. Transsexualität in der Psychologie und Diagnostik geben und auf einen in den letzten Jahren vonstatten gegangenen, begrifflichen Wandel eingehen.

Begriffsauflösung und Verantwortungsabgabe

Der 1997 erschienene Leitfaden für die Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen betont die Wichtigkeit klarer, objektivierbarer Diagnoseschlüssel jenseits des subjektiven Empfindens der Patienten. Begründet wird das mit dem Schutz vor Fehlentscheidungen, da im Falle einer medizinischen Behandlung notwendigerweise die Versehrtheit des eigenen Körpers betroffen ist. Die Möglichkeit, dass sich Menschen hinsichtlich ihrer Wahrnehmung irren können, wird also ausdrücklich zugelassen, wenn es dort heißt: „Wegen der weitreichenden und irreversiblen Folgen hormoneller und/oder chirurgischer Transformationsmaßnahmen besteht im Interesse der Patienten die Notwendigkeit einer sorgfältigen und sachgerechten Diagnostik und Differentialdiagnostik. Die Heftigkeit des Geschlechtsumwandlungswunsches und die Selbstdiagnose allein können nicht als zuverlässige Indikatoren für das Vorliegen einer Transsexualität gewertet werden. Eine zuverlässige Beurteilung ist nur im Rahmen eines längerfristigen diagnostisch-therapeutischen Prozesses möglich.“(1)

Zu den objektivierbaren Kriterien – die laut Leitfaden vorliegen müssen, um überhaupt von einer transsexuellen Identität sprechen zu können – gehört unter anderem das Vorhandensein eines dauerhaften Gefühls, zum anderen Geschlecht zu gehören. Damit gehen sowohl die Ablehnung der körperlichen Merkmale des Geburtsgeschlechts und der mit dem biologischen Geschlecht verbundenen Rollenerwartungen einher, als auch der Wunsch nach körperlichen Modifikationen, um wie das andere Geschlecht zu erscheinen. Die genannten Kriterien setzen voraus, dass ein von der Geschlechtsidentität unabhängiges biologisches Geschlecht existiert, und dass bei Transsexualität notwendigerweise eine Diskrepanz zwischen Geschlechtsidentität und biologischem Geschlecht vorhanden ist. Diese Diskrepanz könne sich aus unterschiedlichen Gründen entwickeln, weshalb der Leitfaden die Notwendigkeit betont, im Rahmen eines langwierigen, therapeutischen Prozesses herauszufinden, welche Behandlungsmethode für die jeweils Betroffenen am sinnvollsten ist. Das bedeutet auch, Transsexualität von anderen Phänomenen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen. Darüber hinaus wird erläutert, warum sich manche Betroffenen in ihrer Entscheidung der körperlichen Modifikation irren können bzw. es notwendig ist, zu klären, woher das Unbehagen am eigenen körperlichen Geschlecht stammt und ob das Annehmen der Transidentität eine kohärente Entscheidung ist. Vor dem Hintergrund irreversibler hormoneller und chirurgischer Modifikationen sei es im Sinne der Betroffenen, dass so weit wie möglich sichergestellt wird, dass sie ihre Entscheidung später nicht bereuen. Es wird darauf beharrt, dass Betroffene in gewissen Lebenslagen nicht unbedingt immer wissen können, was das Beste für sie ist.

Diese 1997 formulierten Standards, die dem Transsexuellengesetz (TSG) in seiner derzeitigen Form zugrunde liegen, möchte ich nun dem 2019 formulierten neuen Leitfaden gegenüberstellen. Er bildet die Basis für die derzeitig debattierten Gesetzesentwürfe, mit denen das TSG von 1997 abgeschafft und durch ein „Selbstbestimmungsgesetz“ ersetzt werden soll. In den neuen Leitlinien, wird „ein selbstbestimmter, informierter und freier Zugang zu trans-spezifischen Gesundheitsdienstleistungen ohne Indikationsstellung aus dem psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachgebiet“ gefordert und als Beispiel hierfür auf das 2012 erlassene, argentinische Geschlechtsidentitätsgesetz verwiesen.(2)

Die Idee, dass eine therapeutische Begleitung nicht nur sinnvoll, sondern zum Schutz der Patienten notwendig ist, soll also verworfen werden. Abgegeben wird damit jegliche Verantwortung, Betroffene vor Fehlentscheidungen zu schützen. Die Sinnhaftigkeit von Diagnosekriterien jenseits des subjektiven Empfindens wird negiert. „Eine Sicherung der Diagnose im Rahmen eines längerfristigen diagnostisch-therapeutischen Prozesses als Aufgabe der Psychotherapie“ oder „durch eine Verlaufsbeobachtung bzw. eine psychotherapeutisch begleitete Alltagserprobung“ sei, so der neue Leitfaden, „hinfällig“. Es wird mit anderen Worten also behauptet, dass es keine „objektiven Beurteilungskriterien“ gäbe, die darüber bestimmen könnten, ob jemand trans sei oder nicht.

Diese Behauptung ist unwahr. Die existierenden objektiven Beurteilungskriterien sollen allein deshalb abgeschafft werden, weil es die Gefühle der Betroffenen verletzen könnte, mit Widersprüchen konfrontiert zu werden. Wer die objektivierbare, das heißt sowohl die biologische, als auch gesellschaftliche Definition von Frau und Mann auflöst, indem er sowohl die signifikanten, biologisch determinierten Unterschiede zwischen beiden als auch die unterschiedlichen Sozialisationsfaktoren negiert, der löst selbstverständlich auch die Definition von Transsexualität auf, wie man am Beispiel des aktuellen Leitfadens eindrücklich nachvollziehen kann.

Logische Fehlschlüsse

Als Beweis, dass es keine objektiven biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dient den Aktivisten das Phänomen der Intersexualität, mit dem sie ihre eigene Position untermauern. Heinz-Jürgen Voß schreibt in Geschlecht. Wider die Natürlichkeit, das Feststellen von Differenzen käme vor allem durch das Zurichten nach der Geburt zustande, vor allem durch unterschiedliche Ernährung und unterschiedliche Beanspruchung der Muskulatur.(3) Dabei vermeidet er jedoch, auf die unterschiedlichen Reproduktions- und Lustorgane einzugehen, die ja durchaus biologisch determiniert sind. Anhand des Intersex-Phänomens widerspricht Voß daraufhin maßgeblich seinen vorangegangen Ausführungen zur körperlichen Geschlechtskonstitution. Während für ihn zuvor die Körper von biologischen Männern und Frauen – also Menschen, die genitale und reproduktionsorganische Merkmale von nur einem Geschlecht aufweisen – als materielle Tatsache keinen Bestand haben, da sich solche Körper nur durch die gesellschaftliche Zurichtung formen würden, geht er bei den Körpern von Intersexuellen, die (teilweise) die biologischen Merkmale beider Geschlechter aufweisen, von einer materiellen Tatsache aus.

Voß bemängelt in seinem Buch zwar zu Recht, dass intersexuelle Körper lange Zeit in der Medizin als „falsche Körper“ bewertet wurden und intersexuelle Menschen oft gewaltvoll zu Trägern von nur einem Geschlechtsmerkmal gemacht wurden. Dieser Umstand beweist jedoch vor allem, dass die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen eindeutig als biologisch männlich oder weiblich bestimmt werden kann, da die Ausprägung intersexueller Merkmale und daraus resultierende medizinische Eingriffe Ausnahmen darstellen.

Anne Fausto-Sterling erklärt in ihrem im Jahr 2000 veröffentlichten Buch Sexing the Body, es sei eine soziale Entscheidung, eine Person dem einen oder dem anderen Geschlecht zuzuweisen, sie als Mann oder als Frau zu bezeichnen.(4) Sie sagt, zuerst war die Idee von gender da, bevor es dann zum sex gemacht wurde. Die Wissenschaft sei dementsprechend vorbelastet, da sie etwas, das an sich rein sozial konstruiert sei, durch Studien und Forschung, in denen die Zweigeschlechtlichkeit vorausgesetzt wird, naturalisieren würde. Biologische Differenzen zwischen Männern und Frauen seien ihr zufolge ein Mythos. Die Existenz von Intersexuellen ist für Sterling, genau wie für Voß, der Beweis dafür, dass objektive Kriterien, welche die Eindeutigkeit von Geschlechtlichkeit bestimmen können, nicht existieren. Dabei sind beide logischen Fehlschlüssen anheimgefallen: Nur weil es Menschen mit Intersexualität gibt, bedeutet das nicht, dass alle Menschen quasi von Intersexualität betroffen sind. Doch logische Fehlschlüsse sind vorprogrammiert, wenn es einem nicht mehr um Aufklärung, sondern vor allem um die Auflösung von begrifflichen Grenzen geht. Durch die Auflösung der Bedeutung von Begriffen werden unterschiedliche Ausprägungen zu ein und derselben Sache erklärt: Ein Penis sei dementsprechend quasi dasselbe wie eine Vulva, die Biologie zwischen Männern und Frauen nicht mehr eindeutig unterscheidbar.

Transsexualität gleich Intersexualität?

Durch die systematische Auflösung der Bedeutung körperlicher Geschlechtlichkeit wird Intersexualität oft mit dem Phänomen der Transidentität gleichgesetzt und so getan, als gelte es im Interesse beider betroffener Gruppen, dieselben Forderungen zu stellen.  Der bedeutende Unterschied zwischen den beiden Phänomenen ist jedoch, dass die Transsexualität vor allem psychologischer Natur ist. Das heißt, sie setzt ein Gefühl der geschlechtlichen Inkongruenz voraus. Biologisch sind die meisten Transsexuellen eindeutig männlich oder weiblich. Intersexualität ist dahingegen vor allem eine biologische Tatsache und keine Identität. Jemand ist ganz unabhängig vom eigenen Gefühl intersexuell. Eine Intersexualität kann auch lange unbemerkt bleiben, wie einige bekannt gewordene Fälle unter Sportlerinnen zeigen – so zum Beispiel bei Ewa Kłobukowska und Caster Semenya.(5) 

Transsexualität ist also mitnichten mit dem Phänomen der Intersexualität gleichzusetzen: Menschen, die intersexuell sind, wollen vor ungewünschten und medizinisch unnötigen Hormonbehandlungen und/oder chirurgischen Eingriffen im Kindes- und Jugendalter geschützt werden. Menschen, die eine Transidentität annehmen, wünschen sich hingegen oftmals explizit Hormonbehandlungen und chirurgische Eingriffe. Die Belange von Intersexuellen werden oft nur vorgeschoben, um  Geschlechtlichkeit von jeder Körperlichkeit zu trennen.

In der 2015 verfassten Stuttgarter Erklärung, verfasst von einer Initiative, die vorgibt sich für „menschrechts- konforme Behandlung von Trans/Inter“ einzusetzen, heißt es beispielsweise:
„Das Geschlecht eines Menschen kann nicht durch andere bestimmt werden, was einer Fremdbestimmung und Inbesitznahme gleich käme.“ Die „Nichtanerkennung des Geschlechts, als welches sich ein Mensch begreift“, käme einer „Entmenschlichung und Aberkennung seiner Würde gleich“. Hier wird also behauptet, dass es keine objektiven Kriterien gibt, mit denen das Geschlecht eines Menschen bestimmt werden kann. Diese Feststellung ist zwar kontrafaktisch, macht aber durch ihren moralisierenden Charakter deutlich, dass jegliche Infragestellung dieser Behauptung als menschenfeindlicher Akt gewertet wird. Weiter heißt es in der Erklärung: „Art und Weise der benötigten Hilfeleistung sollte der Hilfesuchende festlegen […]. Wir empfinden Hinweise auf Richt- bzw. Leitlinien als nicht dem Wohle des Patienten oder Klienten dienend und gleichzeitig als Missachtung medizinischen und therapeutischen Wissens […]. Medizinische Maßnahmen, wie u.a. Hormonbehandlungen oder chirurgische Eingriffe, welche notwendig sind, um im selbst wahrgenommenen bzw. selbstbestimmten Geschlecht diskriminierungsfrei würdevoll zu leben, erachten wir als notwendige Maßnahmen zur Erreichung psychischer und physischer Gesundheit.“(6)

Diese Definition von „Hilfe“ und die Absage an allgemein gültige Richtlinien lässt keine andere Form der Therapie zu, als die affirmative Therapie und verunmöglicht es, Betroffene vor Fehlentscheidungen zu schützen. Die einzig gültige Entscheidungsgrundlage, ob hormonelle und/oder operative Maßnahmen in Frage kommen, soll das subjektive Empfinden und  das Bedürfnis der Betroffenen sein.

Die Folgen

Auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es bisher mindestens acht verschiedene Beiträge, in denen queertheoretische Prämissen als Fakten, queeraktivistische Forderungen als fortschrittlich und jegliche Kritik daran als regressiv dargestellt werden. Es werden Projekte vorgestellt, die das Thema trans an Kitas, Grund- und weiterführenden Schulen aus queertheoretischer Perspektive vermitteln sollen. Es stellt sich die Frage, was die Auflösung der Definitionen von Geschlechtlichkeit realpolitisch für Folgen hat. Was bedeutet die Neudefinition für die Frauenrechte und den Schutz von Kindern, Jugendlichen und anderen Hilfsbedürftigen?

Debrah Soh schreibt in ihrem Buch The End of Gender über die Frage, ob Transfrauen Frauen seien, dass an einer (angeblich) „geschlechtergerechten“ Sprache ein antifeministischer Impetus sichtbar wird, da die neue, von den Aktivisten propagierte Sprache jegliche Bezugnahme auf Begriffe wie „Frau“ oder „weiblich“ vermeidet und die weibliche Anatomie vollkommen negiert.(7) Es gelte in manchen Kreisen schon als „transphob“ festzustellen, dass Frauen Vaginas haben, ihre Periode bekommen oder gebären können. Stattdessen werde ein Neusprech propagiert, der sich durch affektiert klingende Begriffe wie „schwangere Personen“, „gebärende Eltern“, „Uterus-Besitzer“, und „Menstruierende“ auszeichne. Frauen werde dadurch suggeriert, dass sie die Mutterschaft nicht zelebrieren sollen, weil dieser Umstand Transfrauen unangenehm sein könnte.

Aus medizinischer Sicht bringt die Negierung der biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen ernste Probleme mit sich – sowohl für Transfrauen als auch für Transmänner. Um die bestmögliche medizinische Behandlung anbieten zu können, müssen Ärzte eine genaue Patientenanamnese erheben, was ohne die Berücksichtigung des biologischen Geschlechts nur schwer möglich ist. Soh verdeutlicht dies an zwei Beispielen: In einem bekannten Fall sei ein Transmann in die Notaufnahme gekommen und habe sich mit Bauchschmerzen vorgestellt. Das Pflegepersonal und die Ärzte wurden nicht darüber informiert, dass es sich bei ihm um eine biologische Frau handelte. Dadurch wurde die Möglichkeit einer Schwangerschaft ausgeschlossen, was zur Folge hatte, dass der Transmann sein Baby verlor. Als ein weiteres Beispiel dienen Soh Prostatakrebs-Statistiken. In den USA sei Prostatakrebs neben Hautkrebs die häufigste Krebserkrankung bei biologischen Männern. Bei einem von neun Männern werde im Laufe seines Lebens diese Krebsart diagnostiziert. Durch die Negierung der biologischen Unterschiede werde, so Soh, der Zusammenhang zwischen Geschlecht und einem erhöhten Risiko für bestimmte Erkrankungen verkannt.

Neben medizinischen Aspekten geht Soh außerdem der Frage nach, was die Verneinung des biologischen Geschlechts für Auswirkungen auf die Rechte von Frauen haben könnte: Die Frage, ob Transidente Zugang zu allen geschlechtlich segregierten Räumlichkeiten – die ja zum Schutz von Frauen geschaffen wurden – erhalten sollten, sei ihr zufolge zu einer Gretchenfrage geworden. Gegner der geforderten Lockerungen zugunsten von Transfrauen hätten Bedenken geäußert, da sie davon ausgingen, dass übergriffige Männer das Gesetz ausnutzen und sich als Transfrauen ausgeben könnten, um Frauen und Mädchen sexuell zu belästigen. Viele Linke und Transaktivisten hätten diese Ängste reflexartig als übertrieben abgetan. Sie behaupten, nur transfeindliche Menschen könnten die Absicht haben, eine Politik zu verhindern, die ihrer Meinung nach nur das Ziel habe, Trans-Menschen das Leben zu erleichtern.

Soh weist darauf hin, dass geschlechtsneutrale Räume für Frauen und Mädchen gefährlicher sind, weil sie sehr wohl Sexualstraftätern die Chance bieten, leichteren Zugang zu Opfern zu erhalten: Jüngste Statistiken haben gezeigt, dass fast 90 Prozent der Beschwerden über sexuelle Übergriffe, Voyeurismus und Belästigung in britischen Schwimmbädern in Unisex-Umkleidekabinen stattfinden. Es hat einige Fälle gegeben, in denen Sexualstraftäter geschlechtsneutrale Toiletten und Umkleidekabinen ausnutzten, um ahnungslose Mädchen und Frauen auszuspionieren, per Video aufzuzeichnen und sich ihnen aufzudrängen. Im Jahr 2012 ist es außerdem einem verurteilten Sexualstraftäter gelungen, sich Zugang zu zwei Frauenhäusern in Toronto zu verschaffen, indem er sich als Transgender-Frau ausgab. 

Soh kritisiert entschieden die Auffassung, dass man biologisch männlichen Sexualstraftätern aufgrund ihrer Transidentität Zugang zu Frauengefängnisse zu gewähren. Sie kritisiert außerdem, dass die Polizeibehörden in Großbritannien mittlerweile einen männlich geborenen Vergewaltiger als weiblich registrieren, wenn die Person aussagt, sich als Frau zu identifizieren. Dies würde die Statistiken verfälschen. Soh nimmt an, dass die Anzahlt der so definierten „weiblichen Täter“ in den kommenden Jahren stark ansteigen wird. Einer von 50 männlichen Gefangenen im britischen Gefängnissystem identifiziere sich ihr zufolge bereits als Transgender. Um einerseits Frauen den Schutz vor Sexualstraftätern zu gewähren und andererseits Transfrauen ebenfalls zu schützen, sei es notwendig, eine Transsexualität nicht nur an der Selbst-Identifikation festzumachen. Darüber hinaus sei die Eröffnung von Gefängnissen oder Abteilungen ausschließlich für Transgender-Häftlinge eine Möglichkeit dem Dilemma vorzubeugen. Eine derartige Haftanstalt sei in London bereits eröffnet worden.

In ihrem Buch plädiert Soh dafür, zusätzlich zu Frauen- und Männertoiletten geschlechtsneutrale oder All-Gender-Waschräume einzurichten, damit Gesetze nicht geändert werden müssen und allen Betroffenen ausreichend Schutz gewährt werden kann. Dieser pragmatischen Lösung stünde jedoch eine vermeintlich progressive Politik im Wege, die jegliches Vorbringen von Sicherheitsbedenken sofort als hasserfüllte Propaganda abstempelt. Es sei Soh zufolge nicht gerecht, den Schutz einer vulnerablen Gruppe aufzugeben, um die Gefühle einer anderen nicht zu verletzen.  Es sei unfair und kontrafaktisch zu behaupten, dass die Sorgen von Cisfrauen keine Rolle spielen oder unbegründet sind.

Das Phänomen der Detransition

Ein weiteres negatives Resultat eines fehlgeleiteten Transaktivismus ist die offensichtliche Zunahme von bekennenden Detransitionern. Viele berichten darüber, dass sie vor dem Beginn ihrer Transition nicht ausreichend über die möglichen Nebenwirkungen aufgeklärt wurden beziehungsweise keine anderen Ursachen für das Gefühl der Inkongruenz zwischen Körper und Identität in Betracht gezogen hätten. In meiner Masterarbeit habe ich mich mit Erfahrungsberichten von Menschen befasst, die sich für eine Geschlechtsangleichung entschieden hatten, bevor sie feststellen mussten, dass die Annahme der Transidentität doch nicht die richtige Entscheidung für sie war. Das Phänomen der sogenannten Detransitioner wirft die Frage auf, welche Gründe Menschen dazu bewegen können, sich zunächst für und dann gegen eine Transition zu entscheiden. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich mich mit autobiografischen Zeugnissen von Detransitionern auf Youtube auseinandergesetzt. In den letzten zwei Jahren kam es dort zu einem explosionsartigen Anstieg von hochgeladenen Videos, die Detransition zum vordergründigen Thema hatten. Die meisten Videos stammten von Betroffenen, die in den USA leben oder aus Ländern kommen, in denen der Zugang zu einer Hormontherapie weniger restriktiv als in Deutschland ist und/oder eine psychotherapeutische Begleittherapie keine erforderliche Notwendigkeit für körperliche Modifikationen mit dem Ziel einer Transition darstellt.

In meinen Untersuchungen kam ich zu folgenden Ergebnissen: Auch wenn die untersuchten Fälle im Alter, der Sexualität, dem biologischen Geschlecht und den politischen Überzeugungen variierten,  war doch eine deutliche Mehrzahl der Detransitioner biologisch weiblich, zum Zeitpunkt ihrer Transition adoleszent, politisch eher als links oder links-liberal und Teil der LGB-Community. Ausnahmslos jede berichtete, dass sie vor der Annahme der Transidentität mit stark ausgeprägten, psychischen Problemen zu kämpfen hatte, zum Beispiel mit Depressionen, Angststörungen, Posttraumatischen Belastungsstörungen oder Essstörungen. Vor allem weibliche Betroffene, aber auch ein männlicher Betroffener, berichteten, dass der Beginn ihrer Pubertät auch den Beginn einer (adoleszenten) Identitätskrise markierte. Einige berichteten darüber, dass sie Opfer sexueller Übergriffe waren und deswegen nicht länger als ihrem Geburtsgeschlecht zugehörig wahrgenommen werden wollten.

Für andere war vor allem die eigene Sexualität ursächlich für  innere oder soziale Konflikte. Für Frauen war die grundsätzliche sexuelle Orientierung dabei der Auslöser für diese Probleme, wobei die in den Videos berichtenden Frauen sowohl homo-, bi-, hetero- oder asexuell waren. Die Gründe variierten also von internalisierter Homophobie bis hin zum vordergründigen Wunsch, nach der Transition von anderen besser verstanden und stärker akzeptiert zu werden. Die Frauen befürchteten vor allem, von anderen als unattraktiv empfunden zu werden beziehungsweise keinen Partner oder keine Partnerin zu finden, die bereit seien, mit ihnen eine Liebesbeziehung einzugehen. So gut wie alle berichten, dass sie vor der Annahme der Transidentität Probleme mit der Anpassung an stereotype Geschlechtererwartungen hatten. Für viele war die Transidentität also ein Versuch, diesem empfundenen Anpassungsdruck zu entkommen.

Neben den sozialen Konflikten waren die empfundenen inneren Konflikte ausschlaggebend dafür, sich für eine Transidentität zu entscheiden. Durch das Annehmen der neuen Identität sollten sie gelöst werden. Fast alle Betroffenen berichteten, dass sie eine der zwei Formen von Geschlechtsdysphorie empfanden und deswegen die Transidentität annahmen.(8) Manche erzählten davon, ausschließlich eine soziale Geschlechtsdysphorie empfunden zu haben, andere wiederum, dass sie sowohl eine physische als auch eine soziale Geschlechtsdysphorie entwickelt hatten. Für viele waren die Auswirkungen der sozialen Geschlechtsdysphorie Grund genug, einen starken Drang nach physischen Modifikationen zu entwickeln, um dadurch nicht länger als ihrem Geburtsgeschlecht zugehörig wahrgenommen zu werden.

Auffällig ist, dass keiner der Betroffenen jemals andere Optionen in Betracht gezogen hatte, mit der empfundenen Geschlechtsdysphorie umzugehen. Die Annahme der Transidentität wurde von ihnen als einzige Möglichkeit gewertet, um mit ihren Problemen fertig zu werden.
Nicht alle waren zum Zeitpunkt der Entscheidung in therapeutischer Behandlung, da diese oftmals keine Voraussetzung mehr für eine Transition darstellte. Diejenigen, die in therapeutischer Behandlung waren, berichten, dass ihnen die behandelnden Therapeuten und Ärzte ebenfalls keine anderen Optionen aufzeigten und sie auch nicht ausreichend über die Nebenwirkungen der hormonellen Behandlungen und operativen Eingriffe informierten. Manche berichteten davon, dass sie Therapeuten, die ihnen nahelegten, nicht direkt mit einer Transition zu beginnen, zum Zeitpunkt ihres Transitionswunsches Feindseligkeit und „Transphobie“ vorwarfen und deswegen den Therapeuten wechselten.

Die Mehrheit berichtete, dass der Beginn der Hormontherapie zunächst Erleichterung verschaffte. Alle erreichten jedoch irgendwann einen Punkt, an dem sie feststellen mussten, dass sich das Gefühl der Erleichterung ins Gegenteil verkehrte. Für manche überwogen die negativen Effekte der Transition (zum Beispiel verstärkten sich bei vielen die zuvor entwickelten psychischen Störungen, wie Depressionen oder die Angststörungen), weswegen sie sich für die Detransition entschieden. Andere mussten feststellen, dass sich ihre an die Transition geknüpften Erwartungen nicht erfüllten und die Fortsetzung des Transitionsprozess dadurch obsolet wurde. Für viele änderte sich die Einstellung zu sich selbst. Bei manchen kann davon ausgegangen werden, dass die politischen  oder religiösen Überzeugungen die Zweifel an der eigenen Transidentität verstärkten. Diese Faktoren können jedoch bei keinem der untersuchten Fälle als Ursache für die Entscheidung zur Detransition gelten. Für alle, die sich für eine Detransition entschieden, galt, dass sie sich in einer Krisensituation – genauer: in einer Identitätskrise – befunden hatten. Das Annehmen der Transidentität und die Entscheidung zur Detransition sind dabei als Versuch zu werten, diese krisenhafte Situation zu lösen.

Fazit

Die Annahme einer Transidentität ist eine Entscheidung, die stark durch innerpsychische und soziale Prozesse beeinflusst wird. Im Gegensatz zum biologischen Geschlecht ist die Geschlechtsidentität nicht angeboren. Sie entwickelt sich allmählich mit der Zeit. Eine Geschlechtsinkongruenz kann zwar ebenfalls durch biochemische Prozesse (vor allem durch die Einwirkung der Sexualhormone Testosteron oder Östrogen) bedingt sein. Dieser Umstand allein determiniert jedoch nicht die Geschlechtsidentität.

Diese Feststellung beabsichtigt nicht, Menschen vorzuschreiben, als was sie sich selbst bezeichnen sollen oder wie sie sich selbst zu verstehen haben, sondern will ein Bewusstsein für den Umstand schaffen, dass es wichtig ist, zwischen der eigenen Wahrnehmung, der Fremdwahrnehmung und dessen, was der Fall ist, zu unterscheiden. Das bedeutet nicht, dass alle Menschen, die eine geschlechtliche Inkongruenz empfinden, diese irgendwann überwinden können. Stattdessen sollen diese Ausführungen verdeutlichen, warum sowohl eine klare Definition davon, was transsexuell bedeutet, als auch strenge Richtlinien, wann und für wen körperliche Modifikationen in Frage kommen, notwendig sind. Die Annahme der Transidentität und den Wunsch nach einer Transition als Teil einer Geschlechtsidentitätsstörung zu begreifen, soll Betroffene vor Fehlentscheidungen schützen und dafür Sorge tragen, dass Ärzte und Therapeuten umsichtig mit Diagnosen und Behandlungsmöglichkeiten umgehen. Außerdem müssen geschlechtlich getrennte Räume, die dem Schutz vulnerabler Gruppen dienen, erhalten bleiben. Es spricht nichts gegen zusätzliche Schutzräume. Der Grund, warum Aktivisten in der Pathologisierung des Phänomens der Transidentität das große Übel sehen, besteht darin, dass sie die Feststellung einer Störung mit einer Abwertung betroffener Menschen gleichsetzen. Diese Gleichsetzung macht es schwer über diese Themen zu sprechen, ohne verletzte Gefühle zu provozieren.

Hannah Kassimi


Anmerkungen:

1. Sophinette Becker u.a.: Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen. Standards der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der Akademie für Sexualmedizin und der Gesellschaft für Sexualwissenschaft, in: Psychotherapeut 4 (1997), S. 256. Zum Folgenden vgl. ebd.

2. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung, Version 1.1, Stand 22.02.2019, S.18.URL: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/138-001l_S3_Geschlechtsdysphorie-Diagnostik-Beratung-Behandlung_2019-02.pdf, zuletzt eingesehen am 15. Februar 2022. Zum Folgenden vgl. ebd.

3. Vgl. Heinz Jürgen Voß: Geschlecht. Wider die Natürlichkeit, Stuttgart 2011. Hierzu und zum Folgenden vgl. ebd.

4. Vgl. Anne Fausto-Sterling: Sexing the Body. Gender Politics and the Construction of Sexuality, New York 2000. Hierzu und zum Folgenden vgl. ebd.

5. Ewa Kłobukowska hat eine Form der Intergeschlechtlichkeit, die als „Barr Body positive“ bekannt ist. Das bedeutet, sie hat neben dem XX-Chromosomensatz ein zusätzliches Paar XY-Chromosomen. Biologisch ist sie weiblich. Trotzdem wurde sie 1968 aus dem Frauensport ausgeschlossen. Caster Semenya hat eine Form der Intergeschlechtlichkeit, die als „5α-Reduktase-2-Mangel“ bezeichnet wird. Das bedeutet, biologisch männliche Kinder werden bei der Geburt aufgrund ihres untypischen Erscheinungsbildes fälschlicherweise als biologische Mädchen interpretiert. Während der Pubertät  kommt es jedoch zu einem erhöhten Ausschuss des Sexualhormons Testosteron. Die vermeintlichen Mädchen durchleben in der Regel eine männliche Pubertät. Die Causa Semenya warf erneut die Frage auf, welche Parameter die Geschlechtlichkeit bestimmen, beziehungsweise wann Menschen vom Frauensport ausgeschlossen werden sollten und wann nicht. Seit 2019 ist es Semenya uneingeschränkt erlaubt, am Frauensport teilzunehmen, obwohl sie biologisch männlich ist.

6. Vgl. Stuttgarter Erklärung. Alternative Behandlungsempfehlungen bei geschlechtlichen Normvariationen, URL: https://die-erklaerung.de/wp-content/uploads/2015/04/StuttgarterErkl%c3%a4rung_FINAL_websmall.pdf, zuletzt aufgerufen am 17. Februar 2022.

7. Vgl. hierzu und zum Folgenden Debrah Soh: The End of Gender. Debunking the Myths about Sex and Identity in Our Society, New York 2020.

8. Die zwei Formen möglicher Geschlechtsdysphorie sind: 1. die soziale Geschlechtsdysphorie („Ich will von anderen nicht als mein biologisches Geschlecht wahrgenommen werden.“) und 2. die physische Geschlechtsdysphorie („Die körperlichen Ausprägungen meines biologischen Geschlechts fühlen sich falsch an.“)

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Offener Brief an Radio Corax zur Mobilisierung gegen die Vortrags- und Diskussionsveranstaltung der AG Antifa mit  Vojin Saša Vukadinović und Hannah Kassimi am 17. September 2021

Schon im Vorgang zur ersten Veranstaltung der AG Antifa wurde lautstarker Protest angekündigt. Ebenfalls wies der, bei linken Studenten vermutlich beliebteste, Radiosender Radio Corax auf die  Vorträge hin. Dafür nutzte man einen Tag vor der Veranstaltung überraschenderweise die Sendereihe Antifanews, in der gewöhnlich hauptsächlich über rechte Umtriebe im Umland berichtet wird. Die Radiomacher bewiesen damit einmal mehr, wie sehr ihr Begriff des Antifaschismus auf den Hund gekommen ist: Neben dem Dritten Weg, einem Demoaufruf nach Schnellroda und einem Bericht über Nazis in der sächsischen Polizei, schaffte es nun also auch die AG Antifa ins Mitmachradio. Wir dokumentieren im Folgenden einen offenen Brief der AG Antifa an den Sender.


Liebe Leute,

mit Fassungslosigkeit haben wir gehört, dass auf Radio Corax dazu aufgerufen wurde, „lautstark und stark“ gegen die von uns organisierte Veranstaltung „Austreibung der Natur. Zur Queer- und Transideologie“ mit Vojin Saša Vukadinović und Hannah Kassimi im VL zu protestieren. Das reiht sich in andere, über Mailinglisten verbreitete Aufrufe ein, das Ganze zu stören und zu sprengen. Auch aufgrund der vielen Veranstaltungen, die wir in den letzten 20 Jahren in Euren Räumlichkeiten organisiert haben, sind wir bisher davon ausgegangen, dass es bei Radio Corax um Information, Diskussion und Austausch und nicht um Niederbrüllen geht. Deshalb hat es uns umso mehr verwundert, dass nun über Eure Kanäle gegen die Veranstaltung mobilisiert wird – eine Veranstaltung im Übrigen, die, das nur zur Erinnerung, von einer Antifa-Gruppe in einem linken Hausprojekt organisiert wird.

Ebenfalls verwundert haben uns die über Corax verbreiteten Behauptungen, unsere Veranstaltung sei „queer- und transfeindlich“, „diskriminierend und mackrig“. Wer die Gender-Theorie Judith Butlers und ihre praktischen Ausläufer, um die es in beiden Vorträgen gehen soll, als einzigen Ausdruck von Queerness oder Transgender zu akzeptieren bereit ist, sollte besser niemandem vorwerfen, diskriminierend und ausgrenzend zu sein: Ihm scheint selbst an einer ideologischen Gleichschaltung gelegen zu sein.

Wer sich auch nur kurz mit unseren Referenten Hannah Kassimi und Vojin Saša Vukadinović auseinandergesetzt hat, dürfte darüber hinaus mindestens ahnen, dass der Vorwurf, dass die Veranstaltung „mackrig“ sei, absurd ist. Sowohl diese Unterstellung als auch die Aufrufe zum Protest und zur Störung bestätigen nur, was im Ankündigungstext der beiden Vorträge steht: dass hier ein Exorzismus am Werk ist, der „für das rationale Argument nicht mehr zugänglich ist“.

Wir hätten uns gefreut, wenn Ihr dazu aufgerufen hättet, die Veranstaltung zu besuchen, sich die Vorträge anzuhören, gern auch kritisch darüber zu diskutieren oder zu streiten. Ein Flugblatt, über das man sprechen kann, wäre auch mal was Neues. Wer keine Argumente hat, soll vor dem Veranstaltungsort selbstverständlich gern auch Transparente hochhalten. Da sowohl der Aufruf über Corax als auch die Aufrufe, die via Mailverteiler verbreitet werden, vermuten lassen, dass es weniger um Protest als um Störung und Verhinderung geht („wäre doch schade, wenn da nichts passieren würde…“), und wir darüber hinaus in den vielen Jahren des Bestehens der AG Antifa bereits mehrfach erleben durften, wie Störungen aussehen können, sehen wir uns nun dazu genötigt, etwas zu tun, worauf wir keine Lust haben und was wir eigentlich ablehnen: nämlich über Einlasskontrollen und die Durchsetzung des Hausrechts nachzudenken. Wir hätten gern anderes getan: zum Beispiel Subjektiv, Cheesecake, das Mittagsmagazin, Gleichlaufschwankung oder ähnliches gehört.

Beste Grüße,

AG Antifa

16. September 2021

P.S. Auch aufgrund unserer langen Zusammenarbeit erwarten wir eigentlich noch eine Erklärung von Euch oder besser noch: eine Entschuldigung.

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Vor, während und nach der Veranstaltung „Austreibung der Natur. Zur Kritik der Queer- und Transideologie der Gegenwart“ gab es heftige Anfeindungen und abstruse Vorwürfe gegen die AG Antifa. Nachfolgend dokumentieren wir eine Stellungnahme, die der Arbeitskreis an den Studierendenrat der Universität Halle adressiert hatte, um zu skandalisieren, welch unrühmliche Rolle Mitglieder dieses Gremiums, beziehungsweise des an den Stura angeschlossenen Arbeitskreises Que(e)r einsteigen, bei der Diffamierungskampagne gegen die Veranstaltung und gegen die veranstaltende Gruppe gespielt hatten. Stura und AK Que(e)r einsteigen waren sich im Nachgang der Stellungnahme keiner Schuld bewusst und distanzierten sich weder von den Bedrohungen und Verleumdungen durch die Teilnehmer der Gegenkundgebung noch vom Vorgehen einzelner Stura-Mitglieder.

Stellungnahme zur Podiumsveranstaltung am 17.09.2021

Liebe Mitglieder des Studierendenrates,

aufgrund der zahlreichen Gerüchte, Falschbehauptungen und Verleumdungen im Zusammenhang mit der von uns organisierten und vom Stura abgesegneten Veranstaltung „Austreibung der Natur. Zur Kritik der Queer- und Transideologie der Gegenwart“ am 17. September 2021 sehen wir uns zu einer Stellungnahme genötigt.

In Wahrnehmung des uns durch das Hochschulgesetz des Landes Sachsen-Anhalt zugewiesenen Auftrags, die Meinungsbildung in der Gruppe der Studierenden zu ermöglichen (§ 65, 1.1 HSG LSA) und die politische Bildung zu fördern (§ 65, 1.4 HSG LSA), haben wir für den 17. September zwei Vorträge organisiert. Wir luden Vojin Saša Vukadinović und Hannah Kassimi ein. Vojin Saša Vukadinović ist promovierter Sexualwissenschaftler, Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, u.a. im Quer-Verlag, bei Wallstein usw. Hannah Kassimi ist feministische Aktivistin und Autorin, die im Querverlag, bei www.queer.de usw. veröffentlicht.

Wer sich auch nur kurz mit den beiden Vortragenden auseinandergesetzt hat, dürfte wissen, dass der regelmäßig verbreitete Vorwurf, dass unsere Veranstaltung „queer- und transfeindlich“ sowie „mackerig“ gewesen sei, an den Haaren herbeigezogen ist. Beide begleiten einige Entwicklungen der Trans- und Queerszene und dabei insbesondere ihre Ideologisierung kritisch. Sie als „queer- und transfeindlich“ zu bezeichnen, ist jedoch eine Verleumdung.

Die Veranstaltung war von vornherein als Vortrags- und Diskussionsveranstaltung konzipiert und angekündigt, um den Austausch unterschiedlicher Meinungen zu ermöglichen. Dennoch wurde bereits kurz nach dem Beginn der Werbung öffentlich und halböffentlich damit begonnen, zur Störung und Verhinderung der Veranstaltung aufzurufen. Dabei wurde mit Mitteln der Diffamation, Falschdarstellung, Verleumdung und Lüge gearbeitet. So wurde den Vortragenden nicht nur, wie schon erwähnt, unterstellt, „trans- und queerfeindlich“ zu sein. Mit Blick auf den AK Antifaschismus wurde behauptet, bereits Antisemiten zu Veranstaltungen eingeladen zu haben, mit dem Rechtspopulisten Jürgen Elsässer zusammenzuarbeiten, „Sexworker*innen-feindlich“ zu sein. Darüber hinaus wurden wir beschuldigt, wir hätten auf die Ankündigung von Protesten mit Gewaltandrohung reagiert. Über Email-Verteiler usw. wurde dazu aufgerufen, Protestmails an den Stura und die Universität zu schicken.

Nachdem bis zu den Störern vorgedrungen war, dass wir wegen der Störungs- und Verhinderungsandrohungen auch im Interesse des freien Diskurses, der Meinungsfreiheit und natürlich auch des Sturas selbstverständlich ein Kooperationsgespräch mit der Polizei führen werden, disponierte der AK que(e)r_einstiegen um und meldeten eine Kundgebung vor dem Veranstaltungsort, dem soziokulturellen Zentrum „VL“ in der Ludwigstraße, an: „Die TERFs wissen, dass wir gegen sie protestieren wollen und haben angekündigt, die Polizei zu rufen. Aus diesem Grund haben wir den Protest als Kundgebung angemeldet; ihr solltet damit rechnen, dass Polizei vor Ort sein wird.“ (https://www.facebook.com/154349584603576/posts/4469031373135354/)

Die Kundgebung hatte weniger die Funktion, gegen die Veranstaltung zu protestieren (was wir, auch wenn wir die Diskussion bevorzugt hätten, selbstverständlich für vollkommen legitim halten). Im Zentrum scheint vielmehr der Versuch gestanden zu haben, die Vortragenden niederzubrüllen und die Diskussion zu verhindern. Dabei wurde in Sprechchören wiederholt zur Gewalt und gegen den AK Antifaschismus aufgerufen: „TERFs jagen! – TERFs schlagen!“, „TERFs aufs Maul!”, „Macker und TERFs platt machen!“, „Ganz Halle hasst die TERFs!” sowie „Ganz Halle hasst die AG!”, „AG Antifa auflösen!“; einige Besucher unserer Veranstaltung wurden von Demonstrationsteilnehmern bedroht: „Halt die Fresse, Macker!“, „Gleich gibt’s eine aufs Maul!“

Wir sind froh, dass die Veranstaltung dennoch friedlich über die Bühne gebracht werden konnte. Es gab zu unserer großen Freude eine kontroverse Diskussion, bei der sich zu beteiligen selbstverständlich alle willkommen waren. Denn glücklicherweise waren nicht alle Kritiker der Veranstaltung dem Boykott- und Störaufruf nachgekommen, sondern wollten diskutieren. Ohne die Störungen und Sprechchöre, Tröten und Rasseln auf der Straße und die davon erzeugte Anspannung wäre das sicherlich noch optimaler gewesen. Der insgesamt friedliche Ablauf und die Möglichkeit zur Diskussion sind sicherlich zum einen unseren frühen Bemühungen um ein Sicherheitskonzept zu verdanken; zum anderen der engen Zusammenarbeit mit den Betreibern des Veranstaltungsortes, die sich um den Einlass kümmerten. Auch wenn wir im Vorfeld über eventuelle Taschenkontrollen diskutiert haben, haben wir uns in Absprache mit dem „VL“ dagegen entschieden. Allerdings nicht, weil sie, wie zeitweise im Stura kursierte, juristisch nicht gedeckt gewesen wären (das entspricht nicht der Wahrheit), sondern weil wir auf Deeskalation setzen und niemanden abschrecken wollten.

Besonders enttäuscht haben uns dabei drei Dinge, die wir gern vor dem Stura besprechen möchten:

Es wurde ein mit Lügen vollgepacktes Handout nachweislich im Stura gedruckt und veröffentlicht. Dieser Flyer mit den verleumderischen Inhalten gegen die AG Antifa und die Referenten wurde im Vorfeld vom AK que(e)r_einstiegen angekündigt und auf der angemeldeten Kundgebung öffentlich verteilt und in der Universität ausgelegt. Der AG Antifa werden darin u.a. Straftaten (sexuelle Übergriffe) zur Last gelegt.

Es wurden sensible Informationen bzgl. unseres Sicherheitskonzepts weitergeleitet, über die wir uns bis wenige Stunden vor unserer Veranstaltung lediglich mit einigen wenigen Stura-Mitgliedern via Email ausgetauscht hatten. Das Öffentlichmachen und die öffentliche Verbreitung von Stura-internen Emails und sensiblen Informationen ist dabei nachweislich durch eine der beiden vorsitzenden Sprecher/innen des Sturas, später über den AK que(e)r_einsteigen erfolgt.

Es gingen Emails vom AK que(e)r_einsteigen an u.a. das Rektorat der MLU, in denen auch im Nachgang unserer Veranstaltung gelogen und verleumdet wird: Wir hätten dazu aufgerufen, Proteste mit Gewalt zu unterbinden, unsere Gewaltbereitschaft erklärt. Wir wären eine diskriminierende, gewaltbereite Gruppe.

Diese Vorfälle trüben das Vertrauen in den Studierendenrat enorm, denn wir haben als Arbeitskreis im Stura mit den Folgen der Verleumdungen und der Öffentlichmachung der sensiblen Stura-Interna zu kämpfen. Es liegt nun in der Hand des Sturas, entsprechende Konsequenzen zu ziehen.

AG Antifa

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Die beiden folgenden Texte wurden am 14. Oktober 2021 als Vorträge auf einer Diskussionsveranstaltung des Arbeitskreises Antifaschismus mit dem Titel „Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Verwertung. Zum queertheoretischen Aktivismus“ gehalten. Für eine bessere Lesbarkeit wurden sie leicht überarbeitet. (1/2)

Self-ID und Penisfetisch.

Über frauen-, schwulen- und lesbenfeindliche Tendenzen im Queerfeminismus

Anlässlich einer Veranstaltung des AK Antifa, eines Arbeitskreises des örtlichen Studierendenrates, versammelte sich am 17. September 2021 vor den Räumlichkeiten der linken Szenekneipe VL, in welcher die Veranstaltung stattfand, eine wütender, dauerbeleidigter Mob von ca. 100 Transrechtsaktivisten mit dem erklärten Ziel, die vermeintlich  transfeindlichen Vorträge zu stören. In einem Redebeitrag der Demonstrationsveranstalter, die sich selbst Feministen schimpfen, wurde folgende Frage gestellt: „Welcher unserer Kämpfe schadet den Cisfrauen?“(1) Außerdem ließen die Demonstrationsteilnehmer verlauten: „Unsere Kämpfe sind feministische Kämpfe!“ Im  Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern bestimmte transpolitische Ziele mit der feministischen Forderung des Schutzes von Frauen vor sexistischer und sexualisierter Gewalt unvereinbar sind und Frauen schaden. Es wird zu klären sein, ob der Transrechtsaktivismus überhaupt als feministischer Kampf begriffen werden kann. Außerdem werden die schwulen- und lesbenfeindlichen Tendenzen des queertheoretischen Aktivismus thematisiert.

Frauenschutz und Self-ID

Die Forderungen der Redner der queerfeministischen Demonstration in Halle kommen auf den ersten Blick einfach und harmlos daher. So sprach man sich unter anderem für die Abschaffung des Transsexuellengesetzes zugunsten eines „modernen“ Selbstbestimmungsgesetzes, welches ein Recht auf Self-ID beinhalten soll, aus. Man forderte das Ende eines „Therapiezwangs“ als Voraussetzung für eine Transition und einen besseren Schutz von Transpersonen in Gefängnissen. Außerdem wurde die Einführung von Toiletten für alle „gender“ gefordert.

Warum jedoch der Frauenschutz mit der Einführung eines Rechts auf Self-ID – mit dem Recht also, allein durch einen performativen Sprechakt bestimmen zu können, ob man männlich oder weiblich sei – unvereinbar ist, zeigen Fälle wie der von Karen White, geboren als Stephen Terence Wood, aus Großbritannien.(2) White war unter anderem wegen eines pädophilen Übergriffs und wegen Sexualverbrechen gegen Frauen mehrfach vorbestraft. Während eines weiteren Prozesses wegen Vergewaltigung erklärte er in Übereinstimmung mit dem britischen Recht, eine Frau zu sein und wurde nach seiner Verurteilung in ein Frauengefängnis überführt. Dort verübte er gegen zwei Mitinsassinnen sexuelle Übergriffe. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch keine geschlechtsumwandelnden Maßnahmen vornehmen lassen und galt rechtlich noch als Mann. Möglich gemacht hatte die Übergriffe eine Verordnung des britischen Justizministeriums aus dem Jahr 2017 zum Umgang mit Transgenderinsassen, welche ihnen das Recht auf Self-ID einräumt.(3)

Frauenschutzräume waren eine durch die zweite Welle des Feminismus erkämpfte Errungenschaft. Durch sie sollten Orte entstehen, an denen Frauen vor von Männern verübter Gewalt sicher sein und unter sich über Diskriminierungserfahrungen sprechen konnten. Frauenschutzräume nun für Transfrauen zu öffnen, bringt das Problem mit sich, dass diese Räume dadurch für Personen mit männlicher Sozialisation und Biologie zugänglich werden. Das ist der Grund, warum sich Transfrauen in Frauenschutzräumen häufig wie Wölfe im Schafspelz benehmen, denn schließlich ging diese Sozialisation in einer Gesellschaft vonstatten, in der es ein gestörtes Verhältnis zwischen den Geschlechtern gibt. Das schlägt sich selbstverständlich auch im Individuum nieder und sorgt unter anderem dafür, dass sexuelle Gewalt von Männern gegen Frauen, unabhängig von der offiziell allseits beschworenen Gleichberechtigung, immer wieder übersehen oder mit absurder Nachsicht behandelt werden. Dieser Dissonanz können auch Trans-Menschen nicht einfach entkommen. Transfrauen legen durch geschlechtsumwandelnde Maßnahmen diese Sozialisation und ihre körperliche Überlegenheit, die durch das Durchleben einer männlichen Pubertät entsteht, nicht einfach ab. Folglich verlieren sie auch ihre potentielle Gefährlichkeit für Frauen und eine möglicherweise vorhandene sexistische Weltanschauung nicht ohne weiteres.

Auch wenn man sich Statistiken zur Straffälligkeit von Transfrauen anschaut, fällt auf, dass ihre Kriminalitätsmuster denen von Männern ähneln. Im Jahr 2018 veröffentlichte das britische Justizministerium eine Statistik, die zeigt, dass die Hälfte der Transfrauen, die sich im Gefängnis befinden, für mindestens eine Sexualstraftat verurteilt wurde, oft auch für mehr. Zum Vergleich: Nur ein Prozent der Sexualstraftäter in Großbritannien ist weiblich.(4)

Gerade die Bedeutung der Biologie wird von queerfeministischer Seite immer wieder negiert. Mantrahaft wird beschworen, dass Transfrauen Frauen sein. Wer es wagt, darauf hinzuweisen, dass es nach dem jetzigen Stand der Medizin nicht möglich sei, einen männlichen Körper in einen weiblichen zu transformieren, wird als TERF denunziert.(5) Was für einen entscheidenden Unterschied die Biologie eben doch macht, zeigt die Transgender-MMA-Kämpferin Fallon Fox. Sie schlug bei einem Wettkampf ihre weibliche Gegnerin Tamika Brents so heftig, dass diese einen Schädelbruch erlitt.(6) Brents sagte dazu in einem Interview folgendes: „Ich habe gegen etliche Frauen gekämpft und nie eine solche Stärke in einem Kampf gefühlt wie in dieser Nacht. Ich kann nicht sagen, ob es daran liegt, dass sie als Mann geboren wurde oder nicht, da ich kein Mediziner bin. Ich kann nur sagen, dass ich mich noch nie im Leben so unterlegen gefühlt habe und dabei bin ich selbst eine anormal starke Frau. Ich lehne es immer noch ab, dass Fox zu Kämpfen zugelassen wird. Bei jedem anderen Job oder in jeder anderen Karriere würde ich sagen, geht klar, aber wenn es zum Kampfsport kommt, denke ich, dass das nicht fair ist.“(7) 

Tolerierter Sexismus

Wie salonfähig offener Sexismus mittlerweile in der Transbewegung ist, führte zuletzt so unfreiwillig wie beindruckend die Transfrau Andrea Long Chu vor. Long Chu gilt als Ikone der Bewegung und genießt mit ihren Thesen breite Aufmerksamkeit. Sie veröffentlichte unter anderem schon Beiträge in der New York Times. In ihrem Buch Females. A concern lässt sie verlauten: „Im Mittelpunkt von Sissy-Pornos steht das Arschloch, eine Art universelle Vagina, durch die man immer Zugang zur Weiblichkeit hat. […] Gefickt zu werden, macht einen weiblich, denn gefickt zu sein, macht eine Frau aus“.(8) Zur Erklärung:  Sissyporn ist ein BDSM-Pornogenre, in dem Frauen und als Frauen verkleidete Männer eine extrem unterwürfige Rolle spielen und häufig aufgrund ihrer tatsächlichen oder dargestellten Weiblichkeit degradiert und gedemütigt werden. Diese Art von Pornographie hat nach Long Chus eigenen Angaben in ihr überhaupt erst den Wunsch nach einer Transition ausgelöst.(9) 

In einem andern Text schreibt sie: „In allen Fällen wird das Selbst ausgehöhlt und zum Inkubator für eine fremde Macht gemacht. Weiblich zu sein bedeutet, dass man sein Begehren von jemand anderem ausleben lässt, und zwar auf eigene Kosten.“ Und weiter: „Ich bezweifle, dass irgendjemand von uns die Geschlechtsumwandlung nur deshalb vollzieht, weil wir auf eine abstrakte, akademische Art und Weise Frauen ‚sein‘ wollen. Ich habe das sicher nicht getan. Ich vollzog die Geschlechtsumwandlung für Klatsch und Tratsch, für  Komplimente,  Lippenstift und Wimperntusche, fürs Weinen im Kino, dafür jemandes Freundin zu sein, dafür, dass sie die Rechnung bezahlt oder meine Taschen trägt, für den wohlwollenden Chauvinismus von Bankangestellten und Kabeltechnikern, für die telefonische Intimität einer weiblichen Fernfreundschaft, dafür, dass ich mich im Badezimmer schminken kann, flankiert wie Christus von einer Sünderin auf jeder Seite, für Sexspielzeug, um mich heiß zu fühlen, dafür, von Butches angemacht zu werden, für das geheime Wissen, vor welchen Lesben man sich in Acht nehmen muss, für knappe Hotpants, Bikinioberteile und all die Kleider, und, mein Gott, für die Brüste. Aber jetzt sehen Sie das Problem mit dem Begehren: Wir wollen selten das, was wir wollen sollten. Jede TERF wird Ihnen sagen, dass die meisten dieser Dinge nur die traditionellen Insignien der patriarchalen Weiblichkeit sind.“(10) 

Ich lasse das an dieser Stelle einfach mal für sich stehen. Auch wenn ich nicht davon sprechen würde, dass wir noch  unter einem Patriarchat leben, muss nicht weiter ausgeführt werden, dass diese Ergüsse sexistisch bis frauenverachtend sind. Wer das bestreitet, dem ist schlichtweg nicht mehr zu helfen. Wer glaubt, Long Chu erfährt von queeraktivistischer Seite irgendeine Form von Einspruch, der täuscht. Sie wird für diese Auslassungen nicht etwa scharf kritisiert, sondern gefeiert.(11)

Aber wäre etwas anders zu erwarten gewesen? Schließlich sind Long Chus Ergüsse die logische Konsequenz daraus, die Bedeutung des biologischen Geschlechts zu negieren und zu behaupten, dass die einzige Ursache für die Bildung der Geschlechtsidentität gesellschaftlich vorgegebene Geschlechterrollen seien. Stereotype Geschlechterrollen werden auf diese Weise verewigt. Die zweite Natur, die gesellschaftliche Prägung des Individuums, wird Long Chu und Co. so zur ersten, zur unhintergehbaren tierhaften Natur. Das gern angeführte Argument, dass ja nicht alle Transfrauen übergriffig, sexistisch und frauenverachtend wären und man sie nicht wegen ein paar schwarzer Schafe vorverurteilen könne, ist im Prinzip nur die woke Variante der antifeministischen Erzählung von „not all men“.

Zu den als „Errungenschaften“ des Queerfeminismus‘ gefeierten Erfolgen gehört es, den Begriff der Transsexualität – der früher nur Personen meinte, die geschlechtsumwandelnde Operationen haben vornehmen lassen oder diese anstreben – auf alle auszuweiten, die sich so fühlen, als gehörten sie dem anderen Geschlecht an. Daraus resultierend wird ein Recht auf Self-ID und ein damit verbundener Zugang zu Frauenschutzräumen und -rechten auch für Personen gefordert, die wie Karren White noch keine geschlechtsumwandelnden Operationen haben vornehmen lassen oder niemals vornehmen lassen wollen. Kurzgesagt kann sich jeder Mann, wenn man dieser Forderung Folge leisten würde, einfach zur Frau umdefinieren, um sich den Zugang zu Frauenhäusern, Quotenplätzen und -posten und Frauenwettkämpfen zu erschleichen. Jedes rechtliche und politische Instrument, das erdacht wurde, um die Gleichstellung von Frauen zu sichern oder erst zu ermöglichen, wird damit faktisch wertlos. Ein Aktivismus, der unermüdlich daran arbeitet, ein Recht auf Self-ID zur gesellschaftlichen Realität werden zu lassen, arbeitet nicht nur an der Auslöschung des Begriffs Frau. Er kann deshalb auch nicht für sich reklamieren, feministisch zu sein.

Queerfeministische Konversionstherapie

Welche Auswirkungen die Ausweitung und Aufweichung des Begriffs Frau haben kann, zeigt die queerfeministische bzw. transaktivistische Forderung nach einem Ende des sogenannten cotten beziehungsweise boxer ceiling in der Schwulen- und Lesbenszene. Der Terminus spielt auf den Begriff der Gläsernen Decke (engl. glass ceiling) an, mit dem die Schwierigkeiten für Angehörige bestimmter Bevölkerungsgruppen – darunter vor allem Frauen – beschrieben und kritisiert werden sollen, in höhere gesellschaftliche Positionen aufzusteigen. Daran anknüpfend, bezieht sich der Begriff cotton ceiling (dt. Baumwolldecke, in Anspielung auf den Stoff von Unterhosen) auf das Phänomen, dass lesbische und bisexuelle Frauen nicht bereit sind, sexuelle Beziehungen mit Transfrauen einzugehen und denunziert dies als „transphob“.(12) 

Als transfeindlich wird die sexuelle Ablehnung deshalb gebrandmarkt, weil Transfrauen nach den Vorstellungen der Aktivisten, unabhängig davon, ob sie geschlechtsumwandelnde Operationen haben vornehmen lassen, Frauen sein sollen. Das geht so weit, dass Queerfeministen und Transrechtsaktivisten behaupten, der Penis einer Transfrau sei ein weibliches Organ, weil sie ja eine Frau sei und folglich auch ihr Körper weiblich sein müsse.(13) Da der Penis durch einen performativen Sprechakt zu einem weiblichen Organ umdefiniert werden kann, dürfe man diesen „Ladypenis“ auch nicht aus dem potentiellen Dating-Pool ausschließen.

Auf diese Weise verkommt das Begehren, welches immer – wie jeder weiß, der schon mal begehrt hat – auch auf körperliche Merkmale gerichtet ist und im Falle von Lesben und Schwulen eben ausschließlich auf Personen des gleichen Geschlechts weist, nach der queerfeministischen Theorie zu einer Genitalpräferenz oder wird sogar zu einem Fetisch degradiert. Das Gerede von Genitalpräferenzen suggeriert eine Freiwilligkeit und Entscheidungsfähigkeit, die im Falle von Homosexualität einfach nicht gegeben ist. Es war eine große Errungenschaft der Lesben- und Schwulenbewegung, durchzusetzen, dass Homosexuelle sich ihre sexuelle Orientierung eben nicht aussuchen können und eben nicht pervers sind, wie es das Wort vom Fetisch suggeriert.(14)

Schwulen, Lesben und Bisexuellen zu unterstellen, dass sie sich ihr Begehren aussuchen könnten und dafür nur ihren Vagina- oder Penisfetisch über Bord werfen müssten, ist ein extrem homophobes Ressentiment. Lesben und Schwule sollen sich nach dieser Denkweise ihres Lustempfindens schämen und für ihre angebliche Perversion rechtfertigen, denn schließlich gehen die Verfechter des Konzepts des cotton und boxer ceiling davon aus, dass das auf einen Körper gerichtete Begehren auf „cisnormative“ Denkmuster zurückzuführen sei, die nur umgedacht werden müssten. Nach queerfeministischer Vorstellung könnten sie sich wieder dafür entscheiden, Penisse oder Vaginas sexuell anziehend zu finden, wenn sie sich nur genug anstrengen. Das alles klingt auffällig nach Konversionstherapie. Der Queerfeminismus stellt in dieser Hinsicht also keine radikale neue Forderung dar, sondern vertritt nur die gleichen homofeindlichen Denkmuster, derentwegen sich eine Schwulen- und Lesbenbewegung überhaupt erst formen musste.

Intersektionalistischer Verdrängungswettbewerb

Doch warum stellen Vertreter einer politischen Ideologie, die den Feminismus im Namen trägt, derart rücksichtslos die Belange von Transpersonen über die von Frauen, Lesben und Schwulen? Eine Transperson wird der intersektionalistischen Theorie zufolge nicht nur als transsexuelle Person diskriminiert, sondern darüber hinaus zum Beispiel auch als lesbisch, schwul oder weiblich. Aus dem Zusammenspiel dieser verschiedenen Diskriminierungsformen entsteht aus queeraktivistischer Sicht eine ganz neue, eigene Form der Diskriminierung. Dieser Sicht folgend würden Transfrauen gleich mehrfach diskriminiert, während Frauen, Lesben oder Schwule privilegiert seien.(15) Das vermeintliche Privileg entsteht durch ihr sogenanntes Cis-Sein, durch den Umstand also, dass sie selbst keine Transpersonen sind. Privileg meint hier eine privilegierte Position im Machtdiskurs, also einen Sprechort in eben diesem und die angeblich damit verbundene Macht, durch Sprechakte zu bestimmen, was als wahr und sagbar gilt und so auch die Realität zu formen.

Das Vorhandensein dieses vermeintlichen Privilegs gilt dem Queerfeminismus schon als  Gewaltakt an sich. Als Gegenmittel gegen die aus ihm resultierende Diskriminierung beschwört er eine Definitionsmacht, die ausschließlich betroffenen Personen zugestanden wird. Ihr zufolge kann jede Transperson für sich frei bestimmen, was transphob ist. Auf objektive Wahrheiten kommt es nicht mehr an. So wird es schon als Gewalt wahrgenommen, wenn Frauen über die eigene Menstruation als eine genuin weibliche Erfahrung sprechen, weil dadurch das Frausein mit dem Menstruieren verknüpft wird und auf diese Weise Transfrauen ausgeschlossen würden. Bereits die Aussage, dass ein Penis eben kein weibliches Genital ist, wird als ein Angriff auf die eigene Existenz wahrgenommen. So wird es auf einmal als Privileg verklärt, eine Vagina zu besitzen, zu menstruieren oder schwanger werden zu können. Sogenannte „Cisfrauen“ sind demnach aufgrund ihrer biologischen Merkmale, die seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte der Quell für sexistische Stereotypisierung und Gewalt sind, privilegiert. Dass selbst die Diskriminierung und die Strapazen, die mit dem Frausein und der weiblichen Sozialisation einhergehen, plötzlich als Privileg gelten, bringt die queeraktivistische Missachtung für weibliche Anliegen und feministische Errungenschaften auf den Punkt. Durch die längere Geschichte des Emanzipationskampfes von Frauen, Lesben und Schwulen und den vermeintlich erreichten Vorsprung werden Frauen, Lesben und Schwule den durch die Doktrin des vom Intersektionalismus ausgerufenen Diskriminierungswettbewerbs immer verlieren.

Das offen zutage liegende Unwesen des Transaktivismus ist dabei nur eine Facette der postmodernen Ideologie. Die Queer-Theorie, die den Aktivisten die Stichworte liefert und dabei in der Praxis das hier aufgezeigte produziert, ist nicht der Schlüssel zur progressiven Aufhebung von Geschlechterrollen, sondern reproduziert und tradiert sie noch weiter. Geschäftiges, praktisches Handeln hat in transaktivistischen Kreisen einen höheren Stellenwert als die theoretische Auseinandersetzung. Frei nach dem Motto: „Hauptsache es geschieht und ändert sich etwas“ wird ohne Rücksicht auf mögliche Verluste und etwaige Konsequenzen vorgegangen. Am Werk ist ein gesellschaftlicher, gekränkter Narzissmus, der sagt: „Die Welt ist verrückt, aber mit mir ist alles in Ordnung.“ Er macht es unmöglich, die einfache Wahrheit auszusprechen: Wer glaubt „im falschen Körper“ geboren worden zu sein, der leidet an einer psychischen Störung, gegen deren Stigmatisierung, auch und vor allem durch jene, die glauben den Betroffenen etwas Gutes zu tun, gekämpft werden muss.(16)

Pia Titze  


Anmerkungen:

1. Der lateinische Begriff „cis“ (dt. diesseits) wird von den Aktivisten in Abgrenzung zum Begriff „trans“ (dt. jenseits) für Personen benutzt, deren empfundenes Geschlecht mit ihrem Geburtsgeschlecht übereinstimmt.

2. Zum folgenden vgl. Nazia Parveen: Karen White. How ‘manipulative’ transgender inmate attacked again, in: Onlineausgabe von The Guardian vom 17. Januar 2019, URL: https://www.theguardian.com/society/2018/oct/11/karen-white-how-manipulative-and-controlling-offender-attacked-again-transgender-prison, zuletzt eingesehen am 2. Februar 2022.

3. Vgl. hierzu die Onlineausgabe der Gefangenenzeitschrift Inside Time vom 1. Dezember 2016, URL: https://insidetime.org/the-care-and-management-of-transgender-prisoners/, zuletzt eingesehen am 4. Februar 2022.

4. Vgl. hierzu Transgender women exhibit a male-type pattern of criminality. Implications for legislators and policy makers auf der Homepage der Frauenrechtsgruppe Fair Play for Women vom 13. Januar 2021, URL: https://fairplayforwomen.com/transgender-male-criminality-sex-offences/, zuletzt eingesehen am 3. Februar 2022.

5. Die Abkürzung TERF steht für „Trans-Exclusionary Radical Feminism“ oder „Feminist“ (zu dt. Trans-ausschließende(r) radikale(r) Feministin oder Feminismus) und wird von Genderaktivisten als Denunziationsbegriff verwendet, um Feministinnen, die die Rolle der Biologie in Geschlechterfragen betonen, Transfeindlichkeit zu unterstellen.

6. Vgl. hierzu Transgender MMA Fighter Who Broke Female Opponent’s Skull. Are We Getting Too ‘Politically Correct’ With Reality?, in: Homepage von BJJ Eastern Europe vom 26. Januar 2019, URL: https://www.bjjee.com/articles/transgender-mma-fighter-who-broke-female-opponents-skull-are-we-getting-too-politically-correct-with-reality/, zuletzt eingesehen am 4. Februar 2022.

7. Zit. nach Phillipe Witzmann: Dreams are my reality. Tyrannei der ersten Person. Queere Psychoanalyse als postmoderne Transsubstantiationslehre, in: Bahamas 84 (2020), S. 12.

 8. Andrea Long Chu: Females. A Concern, London 2019, S. 59.

 9. Vgl. ebd., S. 60.

10. Dies.: On Liking Women, in: n+1 30 (2018), URL: https://www.nplusonemag.com/issue-30/essays/on-liking-women/, zuletzt eingesehen am 3. Februar 2022.

11. Vgl. Marissa Lorusso: In ‘Females’ The State Is Less A Biological Condition Than An Existential One, in: Homepage des Nation Public Radio vom 30. Oktober 2019, URL: https://www.npr.org/2019/10/30/774365692/in-females-the-state-is-less-a-biological-condition-than-an-existential-one?t=1638458153358, zuletzt eingesehen am 4. Februar 2022.

12. Der Begriff des boxer ceiling bezeichnet ein ähnliches Phänomen, allerdings bezogen auf Transmänner und Schwule.

13. Vgl. Miranda Yardley: Girl Dick, the Cotton Ceiling and the Cultural War on Lesbians and Women, in: Medium vom 09. Dezember 2018, URL: https://medium.com/@mirandayardley/girl-dick-the-cotton-ceiling-and-the-cultural-war-on-lesbians-and-women-c323b4789368, zuletzt eingesehen am 4. Februar 2022.

14. Vgl. hierzu und zum Folgenden Caroline Lowbridge: “We’re being pressured into sex by some trans women”, in: BBC News vom 26. Oktober 2021, URL: https://www.bbc.com/news/uk-england-57853385, zuletzt eingesehen am 3. Februar 2022.

15. Vgl. Carolin Küppers: Intersektionalität, 2014, in: Gender Glossar, URL: https://gender-glossar.de/i/item/25-intersektionalitaet, zuletzt eingesehen am 2. Februar 2022.

16. Die herbeigewünschte Entpathologisierung mag zunächst nett und wünschenswert erscheinen, zöge allerdings die von Transrechtsaktivisten immer wieder ignorierte Konsequenz nach sich, dass eine therapeutische und ärztliche Behandlung von an Geschlechtsdysphorie leidenden Patienten – und damit auch die von Transrechtsaktivisten als Allheilmittel propagierten geschlechtsumwandelnden Maßnahmen – nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden müssten.

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Die beiden folgenden Texte wurden am 14. Oktober 2021 als Vorträge auf einer Diskussionsveranstaltung des Arbeitskreises Antifaschismus mit dem Titel „Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Verwertung. Zum queertheoretischen Aktivismus“ gehalten. Für eine bessere Lesbarkeit wurden sie leicht überarbeitet. (2/2)

Der Triumph der Gleichheit.

Vom Verschwinden der Geschlechter

1.

Als ich gefragt wurde, ob ich heute hier sprechen würde, musste ich nicht lange überlegen. Das lag auch daran, dass ich vor vielen Jahren selbst Mitglied des AK Antifaschismus im Stura war, der die heutige Diskussion organisiert hat, und seine Arbeit sehr schätze. Das gilt nicht nur für seine Interventionen gegen alle Arten von Antisemitismus, sondern ganz allgemein dafür, dass er sich jedem Konformismus verweigert. Der Arbeitskreis scheint mir in der Regel lieber in guter aufklärerischer Tradition Dinge zu hinterfragen als irgendwo mitzumachen. Das ist eine Tugend, die viel zu wenig verbreitet ist.

Vor allem aber habe ich zugesagt, weil der Anlass dieser Vortragsrunde ein Skandal ist. Es dürfte allen Anwesenden bekannt sein: Bei einer Veranstaltung des AK Antifaschismus, bei der die Gendertheorie und ihre praktischen Folgen kritisch beleuchtet werden sollten, wurden die Referentin und der Referent von Gegendemonstranten niedergebrüllt (die Referentin bezeichnenderweise stärker als der Referent), Besuchern wurden von Anhängern der Gendertheorie Schläge angedroht, in Sprechchören wurde zur Gewalt aufgerufen. Vorangegangen war eine Denunziationskampagne, bei der auch nicht vor offenen Lügen zurückgeschreckt wurde. Kritiker des eigenen Weltbilds sollten mit den Mitteln der angedrohten Saalschlacht, der Einschüchterung und Desinformation mundtot gemacht werden. Dass sich der Studierendenrat nicht vollumfänglich hinter seinen Arbeitskreis gestellt hat, halte ich für ein besorgniserregendes Zeichen der Zeit – selbst wenn er inhaltliche Kritik an der Veranstaltung gehabt haben sollte. Auch wenn es idealistisch klingen mag und ich selbstverständlich um die Ambivalenzen des akademischen Betriebs weiß: Meinungsfreiheit, Gedankenaustausch und die Auseinandersetzung mit Ideen, die nicht ins eigene Weltbild passen, sind die Voraussetzung von Wissenschaft, die diesen Namen verdient. Sie gehören zugleich zu den Grundlagen einer zivilen Campus-Kultur, wie Condoleezza Rice, Professorin für Politikwissenschaft in Stanford, einmal gesagt hat. Niemand hat das Recht, so Rice, geistig nicht herausgefordert und damit intellektuell auch beleidigt zu werden: Nur vermittels der narzisstischen Kränkung, dass das bisher Geglaubte unvollständig, unvollkommen oder sogar falsch ist, entsteht Erkenntnisfortschritt.

Dass ich gebeten wurde, hier zu sprechen, geht auf einen Text zurück, den ich vor ziemlich genau zehn Jahren veröffentlicht habe. Dort habe ich versucht, einige der Fragen zu beantworten, um die es auch heute gehen soll. Mein Fokus lag damals zwar weniger auf Trans- und Intersexualität als auf dem Erfolgskurs der Gendertheorie und dem Niedergang des Patriarchats. Ich glaube trotzdem, dass sich meine damaligen Ideen auf diese Fragen übertragen lassen. Darum werde ich mich im Folgenden auch weitgehend auf diesen Text beziehen und nur an einigen Stellen über ihn hinausgehen und Anpassungen vornehmen.

2.

Glaubt man dem Bundesjustizamt oder der Gender Identity Research and Education Society, dann denken 0,3 bis 0,6 Prozent der Menschen, dass sie im falschen Körper geboren wurden. 0,2 Prozent sollen intergeschlechtlich sein. Etwa genauso viele Menschen haben – die Zahlen schwanken – Polydaktilie, vier Mal so viele Polyethelie. Bei Autoplushophilie, paraphilem Infantilismus und Autozoophilie dürften die Zahlen niedriger sein. Während kaum jemand von Ihnen bisher etwas von Polydaktilie (sechster Finger, sechste Zehe), Polyethelie (drei Brustwarzen), Autoplushophilie (Selbstvorstellung als Plüschtier oder als vermenschlichtes Tier), paraphilem Infantilismus (sich kleiden und verhalten wie ein Baby), Autozoophilie (Selbstvorstellung als Tier oder als vermenschlichtes Tier) und ähnlichen körperlichen, sexuellen oder identitären Inkongruenzen zur vermeintlichen Norm gehört haben dürfte, sind Trans- und Intergeschlechtlichkeit in der Öffentlichkeit deutlich präsent. Trotz des vergleichsweise geringen Anteils an der Bevölkerung wird ihnen eine große Aufmerksamkeit entgegengebracht.

Auch wenn die Diskriminierung nicht abgeschafft ist, gibt es große gesellschaftliche Erfolge: 2012 erklärte der Deutsche Ethikrat, dass Intersexualität im Sinn der gesellschaftlichen Vielfalt die Unterstützung und den Respekt der Mehrheitsgesellschaft erfahren sollte. Seit 2018/19 lässt das deutsche Personenstandsgesetz als sogenannte dritte Option die Bezeichnung „divers“ zu. Arbeitgeber, die bei Stellenanzeigen auf das kleine „d“ verzichteten, mussten in der Vergangenheit zum Teil Entschädigungszahlungen leisten. Auch auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung, der zentralen Verlautbarungsinstanz der deutschen Staatsräson, wird erklärt, dass es „kulturelle Alternativen zur Zweigeschlechterordnung“ gebe.

Bei der Unterstützung der – unnötig das zu betonen: selbstverständlich vollkommen richtigen – Forderung nach dem Ende der Diskriminierung wird jedoch oft übersehen, was wir gerade gehört haben: In der Queerszene der letzten Jahre haben sich Homophobie und Frauenfeindlichkeit ausgebreitet. Zum Teil herrschen sektenähnliche Zustände, sagen Insider wie die Autoren des Sammelbands Beißreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Nachdem wir im vorangegangenen Vortrag Überlegungen zu den Ursachen gehört haben, werde ich im Folgenden diesen beiden Fragen nachgehen: Warum werden die Homophobie und die Misogynie in der Szene öffentlich nur selten wahrgenommen und thematisiert? Und wesentlich wichtiger: Woher kommt die große gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die Nichtbinarität, Trans- und Intergeschlechtlichkeit entgegengebracht wird?

All das – so meine These – hat weniger mit realer Trans- und Intersexualität zu tun als mit allgemeinen Entwicklungen der warenproduzierenden Gesellschaft und mit Projektionen, die mit dem Reden über Trans, Inter und Non-Binary verbunden sind. Deshalb werde ich auch weniger über die Queerszene sprechen, der vernünftigerweise ohnehin nur ein Teil der Trans- und Interpersonen angehört (vermutlich sogar nur eine Minderheit), sondern über etwas anderes: über Frauen, Männer, den Untergang des Patriarchats und die Entwicklungen von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften. Zunächst aber ein historischer Rückblick in die 1970er Jahre, denen für viele Fragen der Gegenwart eine kaum zu überschätzende Bedeutung zukommt.

3.

Als die Notstandsgesetze verabschiedet, die große Koalition zerbrochen und die Tet-Offensive geschlagen waren, wussten die Angehörigen der Protestbewegung plötzlich nicht mehr, was sie mit ihrer nun überschüssigen Energie anstellen sollten. Deshalb entdeckten sie ihre primären Geschlechtsmerkmale und entschieden sich, nicht mehr nur Revolutionäre, Kommunarden, Haschrebellen oder Verdammte dieser Erde zu sein, sondern auch Frauen und Männer. Die Gründung der diversen Männer- und Frauengruppen, die Entstehung von Frauenreisebüros, Männerkooperativen und Frauenbuchhandlungen, kurz: der Versuch von Männern und Frauen, sich in Sachen Politengagement genauso aus dem Weg zu gehen wie in ihrer Freizeit – das alles zeigte vor allem eines: Sie hielten es nicht mehr miteinander aus.

Diese Separation nach Geschlechtern war keine Besonderheit der Linken; die wechselseitige Abneigung der protestbewegten Frauen und Männer war Ausdruck einer objektiven gesellschaftlichen Tendenz. So steht insbesondere die Kombination aus steigenden Scheidungs- und sinkenden Heiratszahlen, die spätestens seit den 1970er Jahren beobachtet werden kann, nicht nur für den vielbemühten Akzeptanzverlust der Institution Ehe, das zunehmende Selbstbewusstsein von Frauen oder die damit verbundene Tatsache, dass Frauen glücklicherweise nicht mehr auf einen männlichen Ernährer angewiesen sind. Die enorme Scheidungsquote – rund die Hälfte der deutschen Ehen wird nach rund zehn Jahren wieder geschieden – lässt vielmehr darauf schließen, dass das enge Zusammenleben nicht nur in der Studenten-WG oder in der Zweizimmerwohnung, sondern selbst in der Vorstadtvilla auf die Dauer zur Qual wird. Der tendenzielle Fall der Heiratsrate dürfte hingegen nicht zuletzt für die Ahnung stehen, dass der „Partner“, wie der jeweils aktuelle Wegbegleiter kameradschaftlich genannt wird, schon mittelfristig nicht zu ertragen ist. Lediglich die finanziellen Vorteile der Lohnsteuerklassen III bis V, die hohen Scheidungskosten, die Angst vor der Einsamkeit, die am familiären Abendbrottisch allerdings oft nur kaschiert wird, und die Hoffnung auf ein finanzielles Auffangbecken, zu dem sich die Sippe im Zeichen von Hartz-IV wieder entwickelt, dürften letztlich dafür ursächlich sein, dass sich viele Menschen noch immer für eine Heirat oder, wenn das Scheitern unübersehbar ist, gegen eine Trennung entscheiden.

4.

Wie so oft machen sich die Menschen allerdings auch in Sachen Geschlechterverhältnis einen falschen Reim auf ihre gegenseitige Abneigung. Während die Zankereien und Gereiztheiten, mit denen Paare und Pärchen im Treppenhaus, bei Partys oder beim Strandurlaub unfreiwillig auf sich aufmerksam machen, im Mainstream auf die Gene, die Biologie oder die Mondeinstrahlung zurückgeführt werden, will die Linke in der Regel nichts anderes erkennen als Konstruktionen, Prägungen und Erziehung. Von der Doppelstellung der Menschen, von der sich mit Marx, Freud, Adorno, Horkheimer und Marcuse sprechen lässt, von ihrer Zugehörigkeit sowohl zum Natur- als auch zum Gesellschaftszusammenhang, wollen weder die diversen Bestsellerautoren der Bahnhofsbuchhandlungen noch die verschiedenen Frauengruppen oder „LGBTQIA+“-Kreise etwas wissen. Als Sinneswesen, so umschrieb der Philosoph Christoph Türcke diesen Dualismus schon vor vielen Jahren, gehören die Menschen dem Naturzusammenhang an; als vernunftbegabte Wesen strukturieren sie wiederum „ihrerseits die Natur: theoretisch, indem sie die Natur begrifflich erfassen, und praktisch, indem sie eigene, von der Natur nicht schon vorgegebene Zwecke setzen und durch materielle Tätigkeit verwirklichen“.

Die einschlägigen Ratgeberautoren betreiben eine Biologisierung der Gesellschaft, die Linke setzt hingegen traditionellerweise auf die Austreibung der Natur. Einig waren sie sich jedoch lange Zeit darin, dass die große Beziehungskiste auf einem vermeintlichen Unterschied von Frauen und Männern basiert: Glaubten die einen, dass Männer aufgrund ihrer Natur nicht zuhören, Frauen nicht einparken können (so Allen und Barbara Pease in ihrem gleichnamigen Bestseller), sind die anderen davon überzeugt, dass die einen aufgrund einer ominösen strukturellen Gewalt oder qua hinterhältiger Konstruktion von den anderen unterjocht würden. Während John Gray (Männer sind anders, Frauen auch), Cris Evatt (Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus) und Co. diese Differenz allerdings für ewig halten, setzt die Linke auf ihre Auflösung: durch Abschaffung des Patriarchats, „Dekonstruktion binärer Rollenzuschreibungen“ oder quotierte Rednerlisten und einen edlen Moderator, der die Frauen bei Diskussionsveranstaltungen großzügig dazu auffordert, sich doch endlich einmal vor den Herren zu melden: „Die Moderation könnte z.B. Frauen explizit dazu ermutigen, die Diskussion mit dem ersten Redebeitrag zu eröffnen,“ hieß es vor einigen Jahren ganz exemplarisch bei einer Diskussionsveranstaltung, der ich beiwohnen durfte. 

Setzt sich in dieser gönnerhaften Worterteilungsstrategie der anmaßende Geist der untergegangenen Erziehungsdiktaturen fort, zeigt die Rede vom Patriarchat, dass man sich inzwischen jenseits von Raum und Zeit bewegt. Die Arbeit am Begriff, Voraussetzung aller Kritik, hat sich in eine „permanente Wucherung des Meinens“ aufgelöst, von der Adorno in Meinung, Wahn, Gesellschaft sprach: „Weil, der lieben Wahrheit zu Ehren, alle Wahrheiten doch bloß Meinungen seien, weicht die Idee von Wahrheit der Meinung.“ Das Wunschbild dieses Meinungspluralismus’ ist die Irrenanstalt, in der jeder Unsinn auf Verständnis stößt, niemand für seine Taten Verantwortung zu tragen hat und sich für die Reinkarnation Simone de Beauvoirs, J. Edgar Hoovers oder, in jüngster Zeit, wie mir scheinen will, im Stura Halle beliebt, Hilde Benjamins halten darf, ohne von den anderen ausgelacht zu werden.

5.

Wer rund hundert Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts, sechzig Jahre nach der Verabschiedung des deutschen Gleichstellungsgesetzes, fünfzig Jahre nach Woody Allens ersten Filmerfolgen und dreißig Jahre nach der Einführung der Frauenquote im Öffentlichen Dienst mit Blick auf den Westen noch immer von Patriarchen oder männlichen Chauvinisten spricht, als wäre Emmeline Pankhurst noch am Leben, scheint gar nicht zu ahnen, welche Ehre er der heutigen Männerwelt damit erweist. Denn womit können die modernen Männer aufwarten? Haben sie, wie die Familienoberhäupter des bürgerlichen Zeitalters, an denen die erste Frauenbewegung den Begriff des Patriarchats entwickelte, den Adel verjagt, die Privilegien angegriffen? Steuern sie ihre Firmen umsichtig durch die Untiefen des Geschäftslebens? Geben sie ihren Angehörigen in Zeiten der Krise finanziellen oder zumindest ideellen Halt? Oder sind sie auch nur halbwegs dazu in der Lage, ihrem Nachwuchs ein Vorbild zu liefern?

Statt Geduld, Fleiß, Weitsicht und Charakterfestigkeit hat der moderne Mann nichts zu bieten außer panischer Existenzangst, Frust, Langeweile und Sorge um die Penisgröße. War bereits die kleinbürgerliche Familie von Lohnabhängigen, die Adorno und andere als Keimzelle des autoritären Charakters beschrieben, die Verfallsform ihrer frühkapitalistischen Vorgängerin, der bürgerlichen Großfamilie, haben sich inzwischen auch die Endmoränen des Patriarchats abgeschliffen. Im Unterschied zu den mittelständischen Familientyrannen der 1920er und 1930er Jahre, deren Macht schon eine geborgte war, sind die heutigen Herren der Schöpfung nicht einmal mehr dazu in der Lage, den Eindruck zu erwecken, die Außenwelt kontrollieren zu können. Wer nicht übers Amt finanziert wird, rettet sich von nervtötender Dienstleistungstätigkeit zu nervtötender Dienstleistungstätigkeit, verwaltet mal Menschen, mal Material oder produziert in stumpfsinnigen Vorgängen Dinge, zu denen er keinen Bezug hat.

Angesichts dieser Entwicklung, der Lethargie in den Wohnzimmern und der Abgabe der Erziehungsberechtigung an das heimische Fernsehgerät oder das Smartphone hat die Herrschaft des Vaters nicht nur ihre materielle, sondern auch ihre ideelle Legitimation verloren. Infolge dieses Autoritätsverlustes, der nicht länger notwendigen Triebunterdrückung und der damit einhergehenden Freigabe der Sexualität, von der Herbert Marcuse schon in den 1960er Jahren sprach, entstehen dauerinfantile Wesen, die die Phase der Frühpubertät bruchlos aus dem zwölften Lebensjahr ins Erwachsenenalter hinüberretten. Die einschlägigen Autozeitschriften, Fußballhefte und Herrenmagazine, die von linker Seite nach wie vor gern als Inbegriff „patriarchaler Strukturen“ bemüht werden, richten sich weder an Herren noch an Patriarchen, sondern an die Berufspubertierenden, die heute überall zu beobachten sind.

Insbesondere im Begriff des „Playmates“, mit dem die Aktmodelle der einst bekanntesten Zeitschrift der Welt tituliert werden, in der Häschen-Kostümierung seiner Mitarbeiterinnen oder den Bunny-Symbolen, die Millionen Heckscheiben, T-Shirts und Kettchen zieren, werden die Sehnsüchte der Söhne von Dieter Bohlen und Michael Wendler deutlich: Angesichts der allgegenwärtigen Ohnmachtserfahrung, die bereits das bloße Dasein als Überforderung erscheinen lässt, ziehen sie sich in ihre ehemaligen Kinderzimmer zurück, wo sich der gerade erwachte Geschlechtstrieb zwischen Autorennbahn, Tischfußballspiel und Bob dem Baumeister zurechtzufinden hat. Sie suchen nach einer Spielgefährtin in Form eines Kuscheltiers, das sich ihnen, ähnlich wie vormals die Mutterbrust, zwischen Playstation, Legoland und Knabberteller auf Kommando zur Verfügung stellt. Im Vergleich zum linken Angriff auf die Sexualität oder zur sozialdemokratischen Moral, die die Libido allenfalls im Kontext der Gesundheitsvorsorge, als eine Art häuslichen Trimm-Dich-Pfad, zu akzeptieren bereit ist, hält diese Kinderzimmerwelt zweifellos noch fast ein Menschheitsversprechen bereit: In ihr steht Sexualität, wenn auch in einer oft erbarmungswürdigen Weise, zumindest noch in einem Restzusammenhang mit Lust und Befriedigung.

Ihre Bewohner, die kaum dazu in der Lage sind, ihre Phantasien Realität werden zu lassen – denn: welche vernünftige Frau ist schon dazu bereit, einem zu groß geratenen Frühpubertierenden das Bunny zu geben? –, haben mit dem Patriarchen des bürgerlichen Zeitalters allerdings so viel zu tun wie ein Rehpinscher mit einer Bulldogge. Das „aseptische Mittelstandsneutrum“ als Mann oder sogar „zu männlich“ zu bezeichnen, so schrieb Wolfgang Pohrt darum schon Anfang der 1980er Jahre, ist bestenfalls eine Mischung aus „galanter Schmeichelei“, „hübschem Kompliment“ oder „vollendeter Koketterie“. Sie kann den Männern, bei aller gelegentlich zur Schau getragenen Zerknirschung, nur recht sein: Wer die Entwöhnung von der Mutterbrust nie verwunden und außer Sorgen, Trübsinn und Verdruss nichts zu hinterlassen hat, der lebt besser mit der Unterstellung, ein Schwerenöter, Wüstling und Hallodri zu sein als ein armes Würstchen oder ein bemitleidenswerter Langweiler.

6.

Dass die Frauen nichts mit diesen Wesen zu tun haben wollen, ist also mehr als verständlich. Wer spielt schon gern die unbezahlte Therapeutin, wer die Amme, wer die ehrenamtliche Kindergärtnerin? Sie dürften allerdings nicht allein mit den Männern hadern, weil sie uninteressant bis zur Unerträglichkeit sind, sondern auch, weil sie in dieser Unerträglichkeit vor allem sich selbst wiedererkennen. Nimmt man die erotische Literatur der vergangenen Jahrhunderte ernst – von Boccaccio über Shakespeare bis zu Anaïs Nin –, dann dürfte am anderen Geschlecht lange Zeit weniger das Geschlecht als das Andere für Anziehungskraft gesorgt haben. So gibt es kaum eine Liaison der Weltliteratur, der nicht zahllose Schwärmereien über ungewohnte Düfte, faszinierende Kleidung oder geheimnisvolle Accessoires des oder der Angebeteten vorangingen. Dieser Reiz des Anderen wurde regelmäßig dadurch potenziert, dass die Liebe über Klassen- und Standesgrenzen hinweg entstand. In den fesselndsten Liebesgeschichten der Weltgeschichte gab sich nicht die Magd dem Knecht hin (oder umgedreht), sondern der Schmied der Prinzessin, die Sklavin dem Herrn oder, wie bei Patricia Highsmith, der talentierte Mr. Underdog dem Millionärssohn.  

Mit der Herausbildung der nivellierten Klassengesellschaft, die trotz der immensen Vergrößerung des Prekariats noch für einige Jahre Bestand haben dürfte, hat sich dieser Aschenputtel-Effekt jedoch verabschiedet: Ebenso wie der zentrale gesellschaftliche Graben nicht mehr zwischen Proletariat und Bourgeoisie, sondern zwischen Opel und Skoda, Mallorca und Teneriffa, Reihenhaushälfte und Mietwohnung verläuft, lautet die große Beziehungsfrage nicht einmal mehr rhetorisch „Prinz oder Bettelmann“, sondern höchstens „Arbeitskollege oder Fitnessclub-Bekanntschaft“.

Auch die Differenz zwischen den Geschlechtern ist im Verschwinden begriffen. Die warenproduzierende Gesellschaft fungiert in jeder Hinsicht als die „große Gleichmacherin“, als die Robespierre einmal die Guillotine bezeichnete: Adorno und Horkheimer sprechen in der Dialektik der Aufklärung vom „Triumph der repressiven Egalität“. So interessiert sich das Kapital in seinem Drang nach Expansion weder für die individuellen Spleens noch für das Geschlecht der jeweiligen Arbeitskraftbehälter, sondern ausschließlich für ihre Arbeitskraft. Wichtig sind nicht Testosteron und Östrogene, sondern das Funktionieren und die Fähigkeit zur Verwertung. Wenn Frauen trotzdem oft weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen – und das ist leider oft der Fall –, dann dürfte das weniger auf ein „strukturelles Patriarchat“ zurückzuführen sein als auf ihr historisches Erscheinen auf dem Arbeitsmarkt: Genauso wie Neuankömmlinge in traditionellen Unternehmen zunächst schlechter bezahlt werden als die Alteingesessenen, werden Frauen, die in historischer Perspektive erst spät aus dem häuslichen Reproduktionssektor in die Produktionssphäre hinüberwechselten, auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt: Sie haben in ihrer ontogenetischen Berufsentwicklung den phylogenetischen Verwertungsprozess ihres Geschlechts durchzumachen. Das ist gar nicht so leicht: Denn im großen Konkurrenzkampf um Jobs, Lohn und Anerkennung, dem Männer und Frauen nun gleichermaßen unterworfen sind, wird auf die Waffen und Argumente der Vergangenheit zurückgegriffen, um Standortvorteile zu erhalten.

Die Ausrichtung aller Lebensbereiche auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts – sei es die Unterhaltungsmusik, die dem Rhythmus des Produktionsprozesses nachgestaltet ist, seien es die „Fit-for-Job“-Muckibuden, in denen sich die Menschen nach Feierabend für das betriebliche Survival of the Fittest präparieren – all das hat langfristig gleichwohl dafür gesorgt, dass sich auch die Geschlechter tendenziell an jene um Sinnlichkeit und Empirie gebrachte abstrakte Allgemeinheit angleichen, für die sich das Kapital allein interessiert. Seit Werkbank und Fließband ihre Dominanz auf dem Arbeitsmarkt an Werbeagentur, Dienstleistungsfirma und Unibetrieb abgegeben haben, ist nicht mehr nur in den Führungsetagen eine Kombination aus vermeintlich männlichen und weiblichen Eigenschaften gefragt. Auch Ilse und Otto Normalmalocher werden in der Schule, bei der Ausbildung und beim Bewerbungstraining darauf getrimmt, Durchsetzungsvermögen und Verständnis, Härte und Empathie, rationale Abwägung und Gespür miteinander zu verbinden, und zwar möglichst flexibel. Diese Kombination dürfte ihnen allerdings schon aus ihrer Freizeit bekannt sein: keine Peer-Group von Mädchen, in der es nicht auf Umgangsformen und -töne ankommt, die früher Bierkutschern zugeschrieben wurden, keine Jungenclique, die nicht durch Kummerkasten- und Tratschmentalität zusammengehalten wird.

Selbst in optischer Hinsicht hat sich jener sportive Unisex-Stil durchgesetzt, der vor allem signalisiert, dass seine Trägerinnen und Träger jederzeit und überall anpacken, zugreifen und aktiv werden können: von der obligatorischen Kurzhaarfrisur, die nicht nur pflegeleicht, sondern vor allem „praktisch“ zu sein hat, über die robusten und unverwüstlichen Brillen, die den Kassengestellen der 1970er Jahre nachempfunden wurden und seit einigen Jahren der letzte Schrei sind, bis hin zum geschlechtsübergreifenden Outdoorjacken- und Bergschuhlook der Großstädte, dessen Anhängerinnen und Anhänger sich auch durch Monsunregen, polare Kälte und Felsbrocken nicht von ihrem Weg ins Büro, Einkaufszentrum, den Kindergarten oder zum Abend mit dem befreundeten Pärchen abbringen lassen wollen.

Der juvenil-androgyne Stil, den gerade jüngere Queer-Freunde als Waffe gegen „binäre Geschlechtskonstruktionen“ ausgeben, ist also zum einen weniger Herausstellung der Differenz als Anpassung ans abstrakt Allgemeine. Zum anderen hat er in den Bürokomplexen und Supermärkten schon seit Jahren eine Entsprechung. Die heimlichen Role-Models des Non-Binary-Stils sind die unternehmungslustigen Mittelstandseltern der androgynen Queerkids: jene Paare, die die Radwanderwege und Ausflugslokale an den Wochenenden belagern – und bei denen man aufgrund der Körperproportionen, die sich im Laufe der Jahre angeglichen haben, der analogen Verhaltensmuster und nicht zuletzt: der beliebten Partnerjacken nie so genau weiß, wer die Gattin, wer der Gatte ist.

7.

Hinter dem kritischen Gestus der Queer-Theorie verbirgt sich, mit anderen Worten, vor allem eins, nämlich die Bejahung dessen, was sich tendenziell bereits vollzieht: Die Rede ist von der Abschaffung der Geschlechter. Selbst der immer wieder kritisierte Ansturm auf die Fitnessclubs, Weight-Watchers-Zentralen und Schönheitskliniken ist nicht die empirische Grundlage der postmodernen Klage über „Beautywahn“, „genormte Schönheit“ und „binäre Geschlechtskonstruktionen“, sondern Reaktionsbildung auf die Entwicklung, die der Poststrukturalismus und die aus ihm hervorgegangene Queertheorie affirmativ begleiten. Denn in dem Maß, in dem den Geschlechtern alle weiteren Differenzen ausgetrieben werden, fallen sie auf das Unterscheidungsmerkmal zurück, von dem die postmodernen Queeraktivisten nichts wissen wollen: die Natur.

Da diese biologischen Unterschiede allerdings, wie Alice Schwarzer in ihrem Erstlingswerk Der kleine Unterschied überzeugend gezeigt hat, nicht besonders groß sind, muss der Natur regelmäßig nachgeholfen werden. Mit Hilfe von Hanteln, Pillen, Intimrasur, Pilates, Streckverbänden und Silikon werden die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale so deutlich überzeichnet, dass zumindest noch etwas auf den einstigen Unterschied verweist. Wenn sie schon nicht an Romeo, Julia, Clark Gable oder Ava Gardner erinnern, wollen sie zumindest so aussehen wie Hulk Hogan, Daniela Katzenberger, John Holmes oder Pamela Anderson. Soll heißen: wie die Comic-Strip-Varianten jener Bilder von Frauen und Männern, mit denen das Biologiebuch aufwartet. In dem Maß, in dem die bürgerliche Gesellschaft Traditionen, zu denen eben auch das Geschlechterverhältnis gehört, zerstört, muss sie diese Traditionen surrogieren: Will das Bestehende in seiner „Irrationalität sich rechtfertigen, so muss es Sukkurs suchen bei eben dem Irrationalen, das es ausrottet, bei der Tradition“, heißt es bei Adorno.

Die Animositäten zwischen Männern und Frauen, mit deren Persiflage ganze Horden so genannter Comedians ihre Brötchen verdienen, dürften, mit anderen Worten, nicht auf einer vermeintlichen Verschiedenartigkeit der Geschlechter basieren, die es fast nicht mehr gibt, sondern darauf, dass Männer und Frauen kaum noch anders voneinander zu unterscheiden sind als über die nicht ganz unbedeutende, aber auch nicht sehr bedeutende Biologie: Mit dem Unterschied zwischen den Geschlechtern scheint auch ihre wechselseitige Anziehungskraft geschwunden zu sein. Ähnlich wie der Rassist am Anderen weniger das Andere als das Eigene bekämpft, scheint die Geschlechter aneinander abzustoßen, was sie schon an sich selbst nicht ausstehen können. Projiziert der Rassist allerdings eigene unbewusste Wünsche auf die Fremden: die Sehnsucht nach Glück ohne Arbeit, einem ausschweifenden Sexualleben, der Fähigkeit zum Genuss, kommt der Geschlechterkampf mit einem erheblich geringeren Maß an Projektionen aus. Während der Fremde in der Regel weder faul und promiskuitiv noch glücklich und genussfähig ist, sind Jessica und Sarah tatsächlich so, wie Nick und Marc es ihnen regelmäßig vor versammeltem Publikum vorwarfen.

Das Dumme ist nur: Wenn die Herren von Dauerfrust, Überempfindlichkeit, Streit- und Rachsucht sprachen, wusste man nie so genau, ob sie tatsächlich gerade von ihnen oder nicht doch von sich selbst redeten. Die permanente Aneinanderreihung von Enttäuschungen, als die sich, glaubt man der Auflagenhöhe der einschlägigen Beziehungsratgeber, diese sogenannten Beziehungen allzu oft erweisen, wird weder den Verhältnissen zur Last gelegt, die dem Umgang der Geschlechter den Reiz austreiben. Noch wird sie auf die eigene Unfähigkeit zurückgeführt, länger als bis zum ersten gemeinsamen Wochenendeinkauf Anziehungskraft auf jemanden ausüben zu können. Die enttäuschten Hoffnungen werden vielmehr dem unfreiwilligen Überbringer der Nachricht zur Last gelegt, dass die Rede vom Töpfchen und Deckelchen, in die sich der Glaube an die gegenseitige Ergänzung zur wechselseitigen Vervollkommnung längst verflüchtigt hat, bestenfalls Ideologie, schlimmstenfalls Lüge ist: dem Anderen, in dem sich die eigene Unerträglichkeit spiegelt und damit verdoppelt.

8.

Ich komme damit zum Ende. Die Aufmerksamkeit, die Nichtbinarität, Trans- und Intersexualität entgegengebracht wird, hat nur bedingt mit dem Interesse an den realen Problemen von Inter- und Transpersonen oder ihrem leider oft großen Leidensdruck zu tun. Auch deshalb werden die homophoben und frauenfeindlichen Tendenzen der Szene, von denen am Anfang die Rede war, öffentlich kaum wahrgenommen. Nichtbinarität, Trans- und Intersexualität sind stattdessen sowohl für viele ihrer Fürsprecher als auch ihrer Gegner vor allem Projektionsflächen.

Diesen Projektionen kommt insbesondere der an Judith Butler orientierte Queeraktivismus jedoch deutlich entgegen: Bekanntlich ist nicht alles gleichermaßen als Projektionsfläche geeignet. So ist der Gestus der Szene, die trotz gegenteiliger Auffassung nicht mit Trans- und Intersexualität in eins fällt, schon lange kein Einspruch mehr gegen den Mainstream. Hier wird kein selbstbewusstes Bekenntnis zum Anderssein abgegeben, wie noch Ende der 1980er Jahre, als der Begriff von Schwulen, Lesben, Trans- und Interpersonen erstmals in positiver Absicht für sich verwendet wurde. Im Gegenteil. Auch wenn sich die Szene gern auf Diversität und Differenz beruft, ist davon nur wenig zu bemerken: Judith Butlers Äußerungen zu Israel und ihre Verklärung der Hamas zu Freiheitskämpfern, die in der Szene auf keinen nennenswerten Widerspruch stießen, unterscheiden sich kaum von denen rechter wie linker Stammtischler. Aber auch optisch geht es wenig divers zu: Ähnlich wie früher bei den Autonomen, die sich Kreativität auf die Fahnen schrieben, aber trotzdem nicht über die schwarze Uniformierung hinauskamen, ist auch in der Queerszene Einheitslook angesagt. Das gilt nicht nur für die Frisuren, sondern auch für den Dresscode und selbst den Habitus.

Vor allem aber dürften Nichtbinarität, Inter- und Transsexualität als Vorschein dessen erscheinen, was aufgrund der Fortentwicklung der Produktivkräfte ohnehin auf der Tagesordnung steht: In der Aktivistenszene scheinen die Imperative der schönen neuen Arbeitswelt vorweggenommen zu werden. Das betrifft sicher insbesondere die Kombination vormals weiblich oder männlich konnotierter Eigenschaften, aber auch die permanente Neuerfindung, die die Bundesagentur für Arbeit einfordert, ein gehöriges Maß an Flexibilität, die bis zum letzten geht, den Triumph des Willens, der die Welt als Wille und Vorstellung begreift, oder die selbstoptimierenden Relax-Zonen, die nun Safe Spaces heißen: Sie wurden erfunden, damit sich die Angestellten wohlfühlen und damit noch effektiver ausgebeutet werden können. Der Queeraktivismus ist, mit anderen Worten, das Bewegung gewordene Motto des postmodernen Kapitalismus, für den es keine Gesellschaft mehr gibt, sondern nur die präpotenten Wünsche des Einzelnen: Du kannst alles schaffen, wenn Du nur stark genug willst und Dich ausreichend um Deine eigenen Bedürfnisse kümmerst.

Das soll heißen: Der Queeraktivismus dürfte im Positiven wie im Negativen auch deshalb so große Aufmerksamkeit erhalten, weil er einen Blick in die eigene Zukunft und die Zukunft der Gattung zu versprechen scheint. An dieser Zukunft ist jeder interessiert: von den Absolventen der kultur- und geisteswissenschaftlichen Studiengänge über das Prekariat, das in der Regel weniger flexibel ist, bis hin zu den Mittelstandskindern, die Freitags für sie auf die Straße gehen. Diese Zukunft sieht nicht rosig aus, das ahnen alle. „One thousand years from now, there’ll be no guys and no girls, just wankers“, heißt es in Trainspotting, einem Film, den man gesehen haben musste, als ich jünger war. Meine Freunde und ich hielten das für kaum mehr als einen übertrieben hemdsärmeligen Witz, der lediglich zum schnoddrigen Erzählstil der Romanvorlage passte. Vielleicht haben wir uns geirrt.

Jan-Georg Gerber

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Die Redaktion der Bonjour Tristesse dokumentiert hier die Stellungnahme des AK Antifaschismus im Studierendenrat der MLU zum Auflösungsantrag der Offenen Linken Liste, der Juso-Hochschulgruppe und der Grünen Hochschulgruppe, die an alle Stura-Mitglieder geschickt und am 12. November 2021 auf der Homepage des Arbeitskreises veröffentlicht wurde. Um eine Einordnung des im Postskriptum verfassten Absatzes zu gewährleisten, möchten wir im Vorfeld einen kurzen Einblick in die Debattenkultur des Studierendenrates und seiner Protagonisten Klara Stock (heißt jetzt Felix) und Anton Borrmann geben: Wie in der Printausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 10.12.2021 berichtet, wurde der AG Antifa, neben allerlei kruden Vorwürfen auch Behindertenfeindlichkeit unterstellt. Hintergrund ist die Beschwerde einer vermeintlich hörgeschädigten Zuhörerin, die nach der Veranstaltung „Die Austreibung der Natur“ vom 17. November 2021, das Manuskript der beiden Referenten einforderte und sich nicht über die lautstarke Gegenkundgebung vor dem Veranstaltungsort mokierte, sondern über eine angeblich undeutliche Aussprache der Referentin. Diese an sich belanglose Geschichte reichte Anton Borrmann, Sprecher des Stura, aus, um den AK Antifa mit dem Vorwurf der Behindertenfeindlichkeit zu konfrontieren. Um die haltlose Anschuldigung zu entkräften, schickte der Arbeitskreis einen Teil des Mitschnitts der Veranstaltung an den Stura, um zu beweisen, dass die Referentin ihre sofortige Bereitschaft signalisierte, ihr Manuskript der womöglich hörgeschädigten Person auszuhändigen. Laut FAZ wurde der Vorwurf der Behindertenfeindlichkeit daraufhin prompt durch den des Datenschutzverstoßes ersetzt, da der AK im Vorfeld der Veranstaltung nicht auf die Aufnahme hingewiesen habe. Der Mitschnitt wurde jedoch auch von der Sitzungsleitung an alle Mitglieder des Studierendenrates weitergeleitet, so dass der Verstoß sowohl dem AK Antifa als auch dem Stura selbst zur Last gelegt werden kann. Auf die Anregung eines Seminars zum Thema Datenschutz durch den AK Antifaschismus wurde seitens des Stura nicht reagiert. Das willkürliche Herausfiltern konstruierter Anschuldigungen sowie die fehlenden Argumente dahinter zeigen einmal mehr, dass den selbsternannten Kämpfern für die Rechte von Transmenschen jedes Mittel Recht ist, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Stellungnahme zum Auflösungsantrag

Es dürfte sich schon rumgesprochen haben: Die Offene Linke Liste der Universität Halle, die Grüne Hochschulgruppe und die Juso-Hochschulgruppe Halle haben den Antrag gestellt, den AK Antifa aufzulösen. Aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Stura stehen die Chancen hierfür nicht schlecht. Der AG Antifa wurde die Möglichkeit gegeben, vorab eine schriftliche Stellungnahme für die Mitglieder des Sturas zu verfassen, die wir hiermit für die ganze Studierendenschaft und Öffentlichkeit veröffentlichen:

Liebe Mitglieder des Stura,

uns hat vorgestern der Antrag der OLLi, der GHG und der Jusos erreicht, den AK Antifa aufzulösen. Trotz der Kurzfristigkeit sind wir dankbar für die Möglichkeit, Euch eine kurze Stellungnahme zukommen lassen zu können.

Der AK Antifaschismus hat in den letzten Jahren Dutzende von Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, Leseabenden, Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen und Seminaren organisiert, denen stets eines zugrunde lag, nämlich ein weiter Antifaschismusbegriff. Antifaschistische Arbeit besteht für uns nicht ausschließlich im Benennen neonazistischer Strukturen (so wichtig das gerade in den neuen Bundesländern ist) oder im Organisieren von Demonstrationen (was für einen Arbeitskreis des Studierendenrates juristisch ohnehin nicht so einfach ist), sondern in der Stärkung kritischen, das heißt: aufklärerischen Denkens. Das hat für uns immer auch bedeutet, nicht nur Veranstaltungen zu organisieren, die aktuelle linke Mehrheitsmeinungen bestätigen, sondern sie auch kritisch hinterfragen. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, dass kritisches Denken weniger durch die stetige Wiedergabe von Partei-, Bewegungs- oder Generallinien entsteht, als durch das Aufzeigen der Möglichkeit, sie auch in Frage zu stellen. Deshalb war uns die Fähigkeit, im richtigen Moment „Nein!“ sagen zu können und nicht mitzumachen, immer wichtiger, als dass alle einer Meinung sind – und sei es auch unsere.

Damit glauben wir zugleich, den Auftrag ernst zu nehmen, den das Hochschulgesetz des Landes Sachsen-Anhalt den Arbeitskreisen des Studierendenrates zuweist, nämlich die Meinungsbildung in der Gruppe der Studierenden zu ermöglichen (§ 65, 1.1. HSG LSA) und die politische Bildung zu fördern (§ 65, 1.4 HSG LSA).

Umso erstaunter waren wir deshalb über den Antrag, den AK Antifa aufzulösen. Zugegeben: Wir sind solche Versuche gewöhnt. Früher kamen sie allerdings vor allem aus einer anderen Richtung, namentlich aus dem stark rechtskonservativen Spektrum oder dem Kontext studentischer Verbindungen. Dort scheint man sehr genau erkannt zu haben, dass die Art des Antifaschismus, die der AK Antifa vertritt, gefährlicher für den Bestand des eigenen Weltbildes ist, als eine reine Konzentration auf neonazistische Gruppen. Dass ein Antrag von linker Seite gestellt wird, ist für uns nicht vollkommen neu, macht uns trotzdem fassungslos – auch deshalb, weil wir trotz aller Belehrungen durch das 20. Jahrhundert einen emphatischen Begriff von dem haben, was „links“ ist, nämlich das Eintreten für eine offene Gesellschaft, Diskussionen und die Möglichkeit des freien Austauschs. Das Gleiche gilt unserer Meinung nach für eine Universität, die ein Ort des Meinungsaustauschs und der Debatte sein sollte.

Deshalb plädieren wir dafür, dem Antrag nicht stattzugeben – um gar nicht erst von dem fatalen Signal zu sprechen, das es in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation wäre, wenn der  Studierendenrat einer großen Universität seinen Antifaschismus-Arbeitskreis auflösen würde. Der Applaus von der falschen Seite dürfte sicher sein.

Euer AK Antifa

P.S. Ein Nachtrag zum Datenschutz: Seine Wichtigkeit ist uns auf jeden Fall bewusst. Wir haben den Eindruck, dass in dieser Hinsicht im gesamten Stura ein gewisser Nachholbedarf besteht. Deshalb möchten wir ein Stura-internes Seminar dazu anregen.

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Der Auflösungsantrag, der im Nachgang an die beiden hier veröffentlichten Vortragsveranstaltungen gegen den Arbeitskreis Antifaschismus gestellt wurde, enthielt zwar keine Argumente, die eine Auflösung begründen würden und auf die man hätte eingehen können – es war lediglich die Rede von vermeintlicher Kritikunfähigkeit des AK und einem Vertrauensverlust ihm gegenüber. Dennoch versuchte die AG Antifa, auf einige der Vorwürfe einzugehen, die in den Kreisen ihrer Gegner herumgereicht wurden.

Zu einigen der Vorwürfe gegen die AG Antifa

Auch wenn weder im Auflösungsantrag noch in den Statements der beantragenden Gruppen davon die Rede ist, zeichnet sich immer mehr ab, was von vornherein vermutet wurde. Der zentrale Grund für das angestrebte Verbot des AK Antifa sind zwei Veranstaltungen zur Gendertheorie und ihren praktischen Ausläufern im September und Oktober. Über diese Veranstaltungen sind zahlreiche Gerüchte, Halbwahrheiten und Lügen im Umlauf. Gern hätten wir die Mitschnitte der Veranstaltungen öffentlich gemacht, was aus datenschutzrechtlichen Gründen allerdings nicht möglich ist. Derzeit sind wir aber im Gespräch mit den Referenten, ob sie uns ihre Texte zur Verfügung stellen, damit wir sie – in angemessener Form – dokumentieren können. Dann wird sich jeder selbst ein Bild über das Ausmaß der Unterstellungen, Halbwahrheiten usw. machen können, die öffentlich darüber verbreitet wurden. Das wird allerdings noch eine gewisse Zeit dauern. Bis dahin möchten wir nur auf einige der größten Vorwürfe eingehen und einige Dinge klarstellen:

1. Der AK Antifa und seine Referenten haben nie Trans- und Interpersonen diskriminiert. Im Gegenteil, sie haben klar und deutlich gemacht, dass die teilweise weiterhin bestehende Diskriminierung aufzuhören hat. Das wird bereits im Ankündigungstext der AK-Antifa-Veranstaltung deutlich, wo ganz explizit von der „vollkommen richtigen“ Forderung nach dem „Ende der Diskriminierung“ gesprochen wird.

2. Der AK Antifa und seine Referenten haben nie gegen Transitionen agitiert. Im Gegenteil, sie haben sich für die Möglichkeit ausgesprochen, Transitionen vornehmen zu können. Aufgrund des immer wieder vorgebrachten Wunsches nach De-Transition und des Leidens der Betroffenen, die eine für sich falsche und nur schwer rückgängig zu machende Entscheidung getroffen haben, wurde sich jedoch für eine klare und umfassende Diagnostik vor der Transition ausgesprochen – im Interesse der jeweiligen Personen.

3. Einige vom AK Antifa eingeladene Referenten haben Transsexualität als psychische Erkrankung bezeichnet. Damit befinden sie sich in Übereinstimmung mit dem gegenwärtigen deutschen Recht. Ab 31.12.2021 soll ein reformiertes Gesetz gültig sein, laut dem der Leidensdruck von Transpersonen „Krankheitswert“ haben könne.

4. Der Diskussionsprozess innerhalb des AK Antifa hierzu ist noch nicht abgeschlossen. Die Gegenargumente sind bekannt, darum hier einige der gefallenen Pro-Argumente:

a) Eine Krankheit ist eine Störung der „physischen oder psychischen Funktionen, die einen Grad erreicht, der die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden eines Lebewesens subjektiv oder objektiv wahrnehmbar negativ beeinflusst“. Das Wohlbefinden von Menschen, die im falschen Körper geboren wurden, ist deutlich eingeschränkt, es existiert teilweise ein enormer Leidensdruck. Gerade aufgrund dieses Leidensdrucks ist es unter den oben genannten Bedingungen richtig, für die Möglichkeit einer Transition einzutreten, weil sie den Leidensdruck oft mindert, wenn nicht sogar verschwinden lässt.

b) Wenn Transsexualität nicht mehr als psychische Krankheit oder Störung eingestuft würde, dann droht die Gefahr, dass Personen, für die eine Transition der einzige Ausweg ist, mit den Kosten des Transitionsprozesses, der Operation und den möglichen Folgen alleine gelassen werden.

c) Eine psychische Erkrankung ist weder eine Schande noch ein Makel. Die Vorstellung, dass psychische oder physische Erkrankungen Personen zu schlechteren Menschen machen oder als Grundlage für Diskriminierung genutzt werden können, steht gegen all das, wofür der AK Antifa in den letzten 25 Jahren eingetreten ist.

5. Uns ist bewusst, dass es in vielen dieser Punkte Dissens gibt. Aber soll dieser Dissens tatsächlich der Grund dafür sein, den AK Antifa aufzulösen und seit Jahren bestehende antifaschistische Strukturen zu zerschlagen?

AK Antifa,

13.11.2021

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Warum der Auflösungsantrag gegen die AG Antifa den Versuch darstellt, unliebsame Positionen vom Campus der Universität Halle zu verbannen, erklärte ein Vertreter des Arbeitskreises Antifaschismus in einem Gespräch mit der linken Wochenzeitung Jungle World, das wir mit freundlicher Genehmigung dokumentieren.¹

„Diese rote Linie ist ein Phantasiekonstrukt,
um uns loszuwerden“

Ein Gespräch mit der AG Antifa über den Versuch, ihren Arbeitskreis in der Uni Halle aufzulösen

Interview von Lukas Kammer

Nach über 25 Jahren politischer Arbeit will ein Bündnis von Hochschulgruppen den Arbeitskreis Antifaschismus auflösen, der Teil des Studierendenrats (Stura) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist. Als Begründung wird die angebliche trans- und queerfeindliche Ausrichtung ihrer jüngsten Veranstaltungen angegeben. Mit der Jungle World sprach Raik, Mitglied der AG Antifa, über die Anschuldigungen und den derzeitigen Stand des Verfahrens.

Wie ist es zum Auflösungsantrag gegen euch gekommen?

Auf der von der AG Antifa im September organisierten Veranstaltung „Austreibung der Natur. Zur Queer- und Transideologie“ hatten die Referenten Vojin Saša Vukadinović und Hannah Kassimi unter anderem die Gendertheorie von Judith Butler kritisiert. Im Vorfeld gab es aus der queeren Szene in der Region die Ankündigung, die Veranstaltung zu verunmöglichen beziehungsweise den „TERFs (trans exclusionary radical feminists, Anm. d. Red.) den Abend zu vermiesen“. Unser dadurch notwendiges Sicherheitskonzept wurde von der damaligen Stura-Vorsitzenden mutmaßlich direkt an die Störer weitergegeben, die es dann auf Twitter veröffentlichten.

Nachdem wir im Oktober eine weitere Veranstaltung zu diesem Thema organisierten, auf der wir die Homophobie und Frauenfeindlichkeit in der queeren Szene näher beleuchteten und der Frage nachgingen, warum eine so kleine Gruppe bis in den Mainstream hinein wahrgenommen wird, wurde einige Wochen später von der Grünen Hochschulgruppe (GHG), der Juso-Hochschulgruppe und der Offenen Linken Liste (Olli) der Antrag gestellt, unseren Arbeitskreis aufzulösen. Diese drei Gruppen sind bestens mit der queeren Szene hier vernetzt. Der Vorwurf, der mantrahaft wiederholt wurde, lautete, wir seien transphob und behindertenfeindlich. Dabei ist es schockierend, wie wenig Mühe man sich gibt, diese Vorwürfe zu belegen.

Einer der Kritikpunkte an euch lautete, ihr würdet euch so gut wie immer allein auf „reine Theoriearbeit fokussieren“.

Wäre der Hintergrund nicht so ernst, könnte man über den Vorwurf, dass eine antifaschistische Hochschulgruppe Theoriearbeit mache, statt Demonstrationen durchzuführen, eigentlich lachen. Zumal es für einen Arbeitskreis im Stura aus juristischen Gründen schwierig ist, Demonstrationen anzumelden. Dieser Theorie-Vorwurf ist zum einen absurd, zum anderen aber auch bezeichnend. Immerhin kommt darin zum Ausdruck, dass geistige Arbeit, Reflexion, Auseinandersetzung und Diskussion als problematisch erlebt werden. Und genau das ist auch das Problem.

Was ist nun auf der jüngsten Stura-Sitzung, auf der euer Arbeitskreis aufgelöst werden sollte, genau abgelaufen?

Da abgesehen von den drei Gruppen auch noch andere Hochschulgruppen im Studierendenrat vertreten sind, die zum einen dem Auflösungsantrag kritisch gegenüberstehen, zum anderen die Arbeitsfähigkeit des Sturas in Gefahr sehen (immerhin wurde über Wochen kein einziges Protokoll einer Stura-Sitzung online gestellt), wurde ein Antrag der Hochschulgruppe Eure Liste (Euli) auf Mediation gestellt, um den Konflikt zwischen uns und den Antragstellern beizulegen und danach den Schwerpunkt des Sturas wieder auf andere Themen zu richten.

Laut den antragstellenden Gruppen wird eure Arbeit nicht verboten, es gehe lediglich darum, dass ihr nicht mehr frei über Geldmittel verfügen könnt. Wie wirkt sich das auf eure Arbeit aus?

Mit einem Wort: fatal! Diese Begründung dient offensichtlich einzig und allein dazu, den berechtigten Vorwurf abzuwehren, dass hier antifaschistische Strukturen angegriffen werden. Ziemlich leicht zu durchschauen. Insbesondere, wenn man das Abstimmungsverhalten bezüglich der Mittelfreigabe einer von uns geplanten Veranstaltung in der letzten Stura-Sitzung gesehen hat. Die besagten drei Gruppen haben ohne Erklärung – und nur weil sie es wollen und können – den Antrag von uns auf die Finanzierung einer kommenden und etwas umfangreicheren Veranstaltung abgelehnt. Bisher waren solche Anträge unsererseits keine Hürde. Da ging es nicht um Inhalte, sondern um eine Machtdemonstration und einen Ausblick auf das, was uns in der kommenden Legislaturperiode blüht, selbst wenn wir nicht aufgelöst werden. Wenn wir kein eigenes Budget mehr haben und auf das Wohlwollen genau dieser Leute hoffen müssen, ist unsere Arbeit unmöglich. Dem gutgemeinten Antrag auf Mediation stehen wir selbstverständlich erst einmal offen gegenüber. Dennoch bleibt eine gewisse Skepsis. Es gibt ein Mediatorenteam des Sturas, doch bisher wissen wir nur von Personen, die dazugehören, die uns feindlich gesinnt sind. Wir hoffen, dass der Stura seine Zusage einhält, dass die Mediatoren unvoreingenommen und unparteiisch sein werden.

Gab es schon mal solche Angriffe auf euch?

Anfeindungen gab es immer mal wieder. Gerade aus queerfeministischen Kreisen wie dem AK queer_einsteigen oder von einzelnen Vertretern der Offenen Linken Liste sind uns solche Animositäten bekannt. Vor vielen Jahren waren es eher konservative und rechte Kreise, die uns das Leben schwergemacht haben. Heute scheint Cancel Culture eher ein Instrument von kleinen, aber lautstarken linken Gruppen zu sein. Mit den jetzigen Mehrheitsverhältnissen im Stura – die drei Antragssteller stellen zusammen 24 von 36 Mandatsträgern – gibt es aber nun die Möglichkeit, uns als Arbeitskreis aufzulösen. Das Erschreckende ist eben die Willkür, mit der dies geschieht. Die schlecht begründeten beziehungsweise nicht belegten Vorwürfe gegen uns sind ganz offensichtlich nur vorgeschoben. Man will uns mundtot machen, weil wir deren queere Theorie nicht teilen beziehungsweise diese gar kritisieren.

Ihr habt mit euren Veranstaltungen häufiger auch gegen linke Selbstverständlichkeiten polemisiert. Wie erklärt ihr euch, dass ausgerechnet bei dem Thema Gender eine „rote Linie überschritten“ sein soll, wie das in der Begründung formuliert wurde?

Die einzige Erklärung dafür ist, dass es im Prinzip für die Antragssteller gar keine rote Linie gibt. Es wird zwar behauptet, diese Linie sei erreicht, wenn man das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Geschlechtsidentität in Abrede stelle, was seltsamerweise völlig kontextlos neben dem Existenzrecht Israels als weiterer nicht zu überschreitender „roter Linie“ steht. Was das aber mit uns zu tun hat, ist nicht nachvollziehbar. Es gibt keine Äußerungen von uns oder unseren Referenten, die das auch nur im entferntesten begründen könnten.

Diese rote Linie ist schlichtweg ein Phantasiekonstrukt, um uns loszuwerden. Dass es gerade die Themen Trans und Kritik an der Gendertheorie sind, die den Vertretern der drei Gruppen die Zornesröte ins Gesicht treibt, liegt an mehreren Gründen, die auch Gegenstand unseres Vortrags waren. Die Skripte unserer Veranstaltung werden im übrigen demnächst in Schriftform veröffentlicht, um den Nachweis zu erbringen, dass die verschiedenen Vorwürfe haltlos sind. Es ist ja auch kein Geheimnis, dass dieses Vorgehen kein spezifisches Problem in Halle ist, sondern ein weltweites. Als aktuelles Beispiel sei auf den Umgang mit der britischen Professorin Kathleen Stock verwiesen.

Nicht nur ihr habt von „Cancel Culture“ gesprochen, so stand es auch in Stellungnahmen anderer Gruppen zur Sache.

Das Vorgehen der Antragstellenden ist der Versuch, eine Gruppe und damit deren Position zu diskreditieren. Und dies letztlich nur, weil ihre Gewissheiten von uns in Frage gestellt werden. Es ist also eine besonders autoritäre Abwehr von Kritik. Mehr noch: von Auseinandersetzung, Diskussion und Denken überhaupt. Mir würde spontan kein anderer Begriff als Cancel Culture für dieses Vorgehen einfallen.

Von linken und antifaschistischen Gruppen und Einzelpersonen aus Halle, aber auch aus Pirna, Leipzig und Berlin, gab es dagegen eine Welle der Solidarität mit euch. Die entscheidenden Stura-Sitzung am 15. November haben zu Spitzenzeiten über 130 Leute online verfolgt. Wo seht ihr euren Platz in der linken politischen Arbeit in Zukunft?

Ehrlich gesagt haben wir nicht mit so viel Solidarität gerechnet. Über die vielfachen Bekundungen von befreundeten Gruppen und Einzelpersonen haben wir uns sehr gefreut. Besonders erstaunt und dankbar waren wir auch über die Solidarität von solchen Gruppen, an denen wir in der Vergangenheit und sicherlich auch in der Zukunft deutliche Kritik formuliert haben beziehungsweise werden. Gerade dies zeigt, dass unsere jahrelange Arbeit, so konfrontativ sie auch mal gewesen sein mag, Leute zum Überdenken ihrer eigenen Selbstverständlichkeiten bewegen kann. Das mag sich nicht immer angenehm anfühlen, kann aber – und das wird gerade jetzt von vielen bestätigt – bereichernd sein. Genau diese Erfahrung verbauen sich die Mitglieder der drei Hochschulgruppen selbst. Statt sich in einer Diskussion weiterzuentwickeln, wird vermieden und abgestraft. Wäre so die ganze Linke in Halle, hätten wir darin in Zukunft keinen Platz. Aber – und das zeigt die vielfältige Solidarisierung mit uns – an diesem Punkt sind wir hier noch lange nicht.


 ¹ Zuerst erschienen in Jungle World 47 (2021).

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Am 15. November 2021 sollte der Studierendenrat der Martin-Luther-Universität über die Auflösung des AK Antifa im Stura entscheiden. Zwar wurde die Auflösung des Arbeitskreises aufgrund eines angestrebten Mediationsverfahrens vorerst aufgeschoben. Der Ausgang des Verfahrens bleibt jedoch abzuwarten und ist ungewiss. Den Verbotsantrag hatten die Offene Linke Liste (Olli) und die Hochschulgruppen der Grünen und Jusos auf die Tagesordnung gebracht. Die Begründung der Verbotsforderung lässt nur eine Frage offen: Wen wollt ihr eigentlich verarschen? Als Grund für den Auflösungsantrag wird die Vortragsveranstaltung „Austreibung der Natur. Zur Queer- und Transideologie der Gegenwart“ vorgeschoben, welche vom AK Antifa am 17. September 2021 auf dem Gelände des Kellnerstraße e.V. (VL) organisiert wurde. Obwohl, eigentlich nur der Ankündigungstext.

Dass sich während des Vortrags vor dem VL circa 70 Personen zu einer Kundgebung einfanden, Parolen skandierten wie „VL – raus aus dem Viertel“ und vereinzelten Besuchern und Besucherinnen der Veranstaltung „auf die Fresse“ angeboten wurde, hinterlässt den Eindruck, dass mit Diversität wohl auch Quarzsandhandschuhe tragende Vollprolls gemeint sind. Für den AK Qu(e)er einsteigen, den Organisator der Kundgebung, scheint es kein Problem zu sein, sich mit ihrem Gebaren und ihren Forderungen auf eine Stufe mit Nazis, Hooligans und Wutbürgern zu stellen, welche in den letzten 30 Jahren hin und wieder vor dem VL oder vor anderen soziokulturellen Zentren aufmarschiert sind. Das VL hat dazu ein eigenes Statement veröffentlicht. Der Vortrag selbst, besucht von ca. 80 Personen, die sicher nicht alle der gleichen Meinung waren, verlief friedlich. Dass mittlerweile offene Gewaltandrohungen wie „TERF boxen!“ und Vergewaltigungsphantasien à la „Hetenknechtung“ an die Wände linker Hausprojekte und ihrer näheren Umgebung geschmiert werden, zeigt, welch ideologisches Klima verbreitet werden soll. Um eine befreite Gesellschaft für jeden Menschen geht es diesen Aktivisten jedenfalls nicht.

Liest man den Verbotsantrag der Olli, der Grünen und der Jusos, wird man feststellen, dass man sich offenbar für kein zusammengeheucheltes Argument zu blöd ist. Man selbst pflege ein „kritisch-solidarisches Verhältnis zu weiten Teilen der politischen Linken“ und sei sogar „bereit, Gruppen – auch finanziell – zu unterstützen, deren politische Positionen sich nicht mit“ den eigenen „decken“ würden. Soweit so gut. Allerdings ende „diese innerlinke Solidarität“ dort, „wo gewisse rote Linien überschritten werden, wie das etwa zweifellos der Fall ist, wenn das Existenzrecht Israels oder das Recht auf Selbstbestimmung in Bezug auf Sexualität, Reproduktion oder Geschlechtsidentität in Frage oder gar in Abrede gestellt wird“. Dafür, dass dies jedoch bei der Veranstaltung im VL oder beim nachfolgenden Vortrag mit dem Titel „Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Verwertung. Zum queertheoretischen Aktivismus.“ vom 14. Oktober 2021 geschehen sei, wird kein Nachweis geliefert. Es wird zwar behauptet, dass „es vor, während und nach der Veranstaltung viel inhaltliche Kritik gab“, jedoch in der Begründung des Auflösungsantrags nur auf ein Interview von Radio Corax mit einer Person vom späteren Gegenprotest vor dem VL und auf einen Blog verwiesen, welche sich ausschließlich auf den Ankündigungstext beziehen. Der tatsächliche Inhalt der Vorträge scheint für die Offene Linke Liste und Co. keine Rolle zu spielen. Und was das Ganze mit dem Existenzrecht Israels zu tun hat? Keine Ahnung. Aber als rote Linie klingt das doch schon ganz brauchbar. Ausbaufähig, aber brauchbar. An dieser Stelle gebührt der Dank jedoch dem AK Antifa im Stura für 25 Jahre Draufhauen, unermüdlich den Finger in die offen antisemitische Wunde dieser Gesellschaft zu legen und sich nicht von irgendwelchen Gut-Mensch-Deutschen veralbern zu lassen. Aber das nur am Rande.

Liest man die Antragsbegründung weiter, stolpert man unweigerlich über die Bewertung der Arbeit des AK Antifa. Vorwurfsvoll heißt es: „Zum Verständnis sei noch gesagt, dass der AK Antifa keine Demonstrationen organisiert oder sich aktiv an Protesten beteiligt, der AK Antifa fokussiert sich so gut wie immer auf reine Theoriearbeit.“ Es gäbe in Halle viele andere antifaschistische Gruppen, mit denen man sich verbunden fühle. Diese kaum versteckte Theoriefeindschaft im universitären Kontext ist nicht nur erschreckend sondern selbsterklärend, ackert man sich ein paar Zeilen weiter durch die Begründung. Dort werden die möglichen Folgen einer Auflösung des Arbeitskreises beschrieben. So wäre es nicht mehr möglich „weitgehend autonom und ohne das Wissen oder die Zustimmung des Studierendenrates [zu] agieren.“ Problematisch sei das allerdings nicht: „Die Mitglieder des Arbeitskreises können sich selbstverständlich weiter engagieren und wie alle anderen studentischen Gruppen Geld für Projektförderung beim StuRa beantragen.“ Frei nach dem Motto: Sie haben doch immer noch das Recht, Veranstaltungen zu machen und Gelder beim Stura zu beantragen, sind dann halt nur der persönlichen Willkür und Laune jener Mehrheit ausgeliefert, die ihren Arbeitskreis zuvor verboten hat.

Hier zeigt sich, dass es vor allem um eine Machtdemonstration geht. Hier zeigt sich auch ein Paradebeispiel „Deutscher Ideologie“, wenn hallische Möchtegernparlamentarier dem Prinzip folgen, dass wer am lautesten schreit, Recht hat. Am Ende wird man dann von nichts gewusst haben, geschweige denn bereit sein, Verantwortung für die Konsequenzen zu tragen. Dass sie jedoch genau wissen, was sie tun, wird deutlich, wenn sie ihren Antrag mit folgender Überschrift versehen: „Warum wir die Auflösung des AK Antifa beantragen und warum das kein Angriff auf antifaschistische Arbeit im Allgemeinen ist“. Der Angriff ist gezielt. Es ist ein Angriff auf antifaschistische Strukturen. Dem gilt es, entschieden entgegen zu treten. Wen wollt ihr hier verarschen? Egal ob im universitären Kontext oder auf der Straße – Antifa bleibt unbequem!

Haka

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Die Bücherlandschaft in Halle ist reicher geworden. In unmittelbarer Nähe zum Marktplatz liegt die Kohsie, eine selbsternannte Diversity-Buchhandlung. Ihr Name setzt sich aus dem englischen Wort „cosy“ – gemütlich – und dem Pronomen „sie“ zusammen. Beides ist Programm: Betreiberin Sarah Lutzemann ist stolz darauf, dass die Ladenfläche einem Wohnzimmer gleicht, in dem sich jeder wohlfühlen soll. Die angebliche Gemütlichkeit stellt sich bei näherer Betrachtung als Instagram-taugliche Idylle junggebliebener Mittdreißiger heraus: Weiße Ikea-Bücherregale wechseln sich mit Blumenmustern ab, die Bücher sind größtenteils nach Farbe sortiert, überall stehen frische Blumen herum, an den Wänden baumeln ausgestanzte Buchstaben und anbiedernde Sprüche, die Zeugen des schlechtesten Geschmacks sind. Das liegt im Trend. Was nämlich besonders originell und einladend daherkommen soll, findet sich so ähnlich in jedem zweiten Geschäft in der hallischen Innenstadt wieder. Längst werden dort nicht einfach mehr Produkte beworben, man sorgt sich stattdessen um das Wohlbefinden der Kunden – egal ob Dekorationsbedarf, Kunstbude oder eben Buchhandel. Abgerundet wird der Auftritt der Kohsie vom hauseigenen Slogan, den die Inhaberin gerne ihren Besuchern vorab in den Mund legt und in die Mikrofone des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) säuselt: „Ich gehe mal kurz zu Kohsie und kaufe mir noch ein Buch.“ Das klingt dann doch eher nach Edeka- oder Real-Markt.

Hinsichtlich der Bücherauswahl kann der Laden – Stichwort: „sie“ – dann aber doch mit einem Alleinstellungsmerkmal aufwarten. Auf den 60 Quadratmetern, die zur patriarchatsfreien Zone erklärt wurden, werden ausschließlich Bücher von „weiblichen und diversen Autor*innen“ ausgestellt. Damit hat man einen Nerv getroffen. Sarah Lutzemann und ihr Mann Danny, der auch im Geschäft mithelfen darf, konnten sich vor Interviews kaum noch retten. Vom MDR über die Mitteldeutsche Zeitung bis zum Börsenblatt des Deutschen Buchhandels und unzähligen Blogs, die sich mal an Bücherwürmer, mal an queere Aktivisten richten, war alles dabei. Selbst eines der größten hallischen Immobilienbüros ließ es sich nicht nehmen, das schlechte Image der Branche aufzupolieren und ließ die Inhaberin zu Wort kommen. Der Tenor war einhellig: So eine Buchhandlung fehlte noch in Halle. Wie sehr die Gendersensibilität in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, müssen die Besitzer der Kohsie natürlich leugnen. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, sich selbstbewusst und widerständig gegen eine Welt zu stemmen, die so schon gar nicht mehr existiert. Das gilt natürlich nicht nur für Fragen des Geschlechts. Triumphierend verkündet Sarah Lutzemann, dass man in ihrer Buchhandlung das Kinderbuch Der Struwwelpeter nicht bestellen könne. Dabei unterstellt sie natürlich, dass die furchtbaren Geschichten aus dem Struwwelpeter noch immer zum pädagogischen Kanon gehören würden und das Buch bei Thalia und Co. auf den Bestsellerlisten stünde – und eben nicht bei Oma auf dem Dachboden vor sich hin modert.

Mit dem Rausschmiss der Männer aus den Regalen ist es für die Inhaber der Kohsie aber nicht getan. Ihr Kampf ist intersektional. Deshalb kann man bei ihnen keine Bücher kaufen, die „Rassismus reproduzieren oder rassistische Sprache beinhalten“. Wie die ganze Gesellschaft muss schließlich auch der Buchhandel von der Vorherrschaft der weißen Männer befreit werden. Was braucht es dafür noch? Natürlich Sichtbarkeit und Repräsentation. Um die ungehörten Stimmen endlich zu Wort kommen zu lassen, hat man sich etwas ganz Ausgefuchstes überlegt: In mühevoller Kleinstarbeit wurden alle Autoren, deren Bücher man vertreibt, nach „Race, Gender und Herkunft“ selektiert. Auf der Website können Interessierte nun die gesammelten „Identitäten“ der Schriftsteller einsehen, inklusive schöner bunter Kreisdiagramme. So anschaulich war Diversity noch nie. Ihr Geschlecht dürfen sich die Künstler zwar frei aussuchen, dafür werden sie jedoch fein säuberlich nach Rassen getrennt und an ihre Herkunft gefesselt. Der heutige Antirassismus erklärt zum unentrinnbaren Schicksal, was noch dem bürgerlichen Freiheitsversprechen zufolge eine Nebensache hatte sein sollen.

Selbstredend darf es – gerade in Deutschland – nicht einfach beim Datensammeln bleiben, man muss auch etwas daraus machen. Folgerichtig wurde eine App entwickelt. „Auf Knopfdruck“ können die Betreiber der Kohsie die Identitätskategorien beliebig kombinieren und zielgenau ein Buch aus dem Regal fischen, dessen Autor genau in das gesuchte Profil passt. Wie beliebt die App bei den Kunden ist, lässt sich bisher nicht mit Sicherheit sagen. Man darf aber vom Schlimmsten ausgehen. Denn die Freunde der Diversity haben bisher noch jeden Trend mitgemacht, der sich als irgendwie fortschrittlich und minderheitenfreundlich darzustellen wusste. Und so ist nicht auszuschließen, dass die Kohsie tatsächlich die Routine des Bücherkaufens verändert: Bisher war es verbreitet, sich zur Buchhandlung aufzumachen mit einem kleinen Notizzettel, auf dem man Autorennamen und Titel vermerkte. Ab jetzt könnte dieser auch so aussehen: „Einmal weiß, cis-weiblich, nordamerikanisch; einmal BIPoC, trans-weiblich, ozeanisch; und dazu noch einmal non-binär aus Europa.“ Wen interessiert denn schon, was in einem Buch drinsteht?

axel

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Solidaritätsbekundungen

Im Folgenden dokumentieren wir vier der zahlreichen Solidaritätsbekundungen, die von verschiedenen Gruppen als Reaktion auf den gegen den AK Antifaschismus gerichteten Auflösungsantrag öffentlich gemacht wurden.



An die Mitglieder des Stura Uni Halle

Fassungslos, wenn auch leider nicht überrascht, haben wir den Antrag der Offenen Linken Liste der Universität Halle, der Grünen Hochschulgruppe und der Juso-Hochschulgruppe Halle, den AK Antifa (AG Antifa) aufzulösen, zur Kenntnis genommen. Nun sind uns Forderungen danach, antifaschistische Hochschulgruppen und Arbeitskreise aufzulösen sowie Antifa-Referate abzuschaffen, nicht neu; sie begleiten auch unsere politische Arbeit von Beginn an und damit seit etwa 30 Jahren. Bisher jedoch gingen diese Initiativen von Burschenschaftlern und dem RCDS aus oder aber von der Hochschulleitung und Lokalpolitikern, denen antifaschistische Kritik zu unbequem wurde und die sich daran störten, dass studentischer Protest – in unserem Fall beispielsweise gegen ein mit erzkonservativen Islamverbänden besetztes Islam-Institut – erfolgreich in die (mediale) Öffentlichkeit getragen worden ist.

Seit geraumer Zeit jedoch beobachten wir, dass vor allem linke Listen die Gründung von antifaschistischen Arbeitskreisen und Hochschulgruppen sowie die Einrichtung von Antifa-Referaten im Osten Deutschlands Anfang der 1990er Jahre geschichtsvergessen als ‚Fehler‘ ansehen und deren „Privilegien“ immer dann zur Debatte stellen wollen, wenn diese etwas zu erfolgreich Kritik an linken Selbstgewissheiten üben. Welche Relevanz die von den Antragstellern monierte „reine Theoriearbeit“ für politische Initiativen in Halle hat, haben in den vergangenen Tagen auch und gerade jene Gruppen bzw. Initiativen zum Ausdruck gebracht, die bereits Gegenstand der Kritik des AK Antifa geworden sind: Sie sehen in dieser „guten und wichtigen theoretischen Input“, der „wertvoll in der Reflektion eigener Standpunkte von außen“ ist (Kick them out – Nazizentren dichtmachen); sie hat sich für sie „als gewinnbringend herausgestellt, auch und gerade wenn sie in die Kontroverse führte“ (Linksjugend solid Halle).

Statt sich nun selbst ins Handgemenge zu begeben und zumindest zu versuchen, eine Kritik an den Inhalten der inkriminierten Veranstaltungen zu formulieren, bringen die Antragssteller in ihrem Antragstext, den wir mangels Argumenten nicht zur Begründung adeln wollen, lediglich Falschbehauptungen vor – darauf hat bereits der AK Alternatives Vorlesungsverzeichnis in seiner „Stellungnahme zum Antrag zur Auflösung des AK Antifa“ hingewiesen. Der AK Alternatives Vorlesungsverzeichnis hat zudem herausgestellt, dass die vom AK Antifa eingeladenen Referenten – die zu nicht geringen Teilen auch zu unseren Referenten gehören und mit denen wir so wenig identisch sind wie der AK Antifa – mit den von ihnen zur Diskussion gestellten Thesen Debatten „begleitet und vorangebracht“ haben. Dem können wir uns nur anschließen. In dem Antrag der Offenen Linken Liste, der Grünen Hochschulgruppe und der Juso-Hochschulgruppe sehen wir daher einen Angriff auf antifaschistische (Hochschul-)Strukturen, der weit über die Stadtgrenze Halles hinausgeht. Er stellt zudem einen Angriff auf die Universität als Ort des Austausches von Meinungen und der Debatte dar – ein Angriff auf die Freiheit des Wortes, der an einer ostdeutschen Hochschule umso schwerer wiegt.

Dass dieser Angriff nun ausgerechnet einen Tag nach dem 9. November und unter Bezug auf das Existenzrecht Israels gerade jenen AK des Sturas ereilt, deren Mitglieder sich für die Belange der jüdischen Gemeinde Halles einsetzen und die zudem durch überaus versierte Thesen zum Anschlag von Halle auch überregional von sich reden machten, zeigt nicht nur, wessen Urenkel, Enkel und Kinder die Antragssteller sind. Dieses fehlende historische Bewusstsein betont auch mit Nachdruck die Notwendigkeit der politischen Arbeit des AK Antifa.

Wir wissen nicht, seit wann genau wir mit dem AK Antifa zusammenarbeiten. Wir können uns an keine Zeit erinnern, in der wir uns nicht mit dem AK Antifa über Burschenschaften und Neue Rechte, über Gedenk- und Erinnerungspolitik sowie Antisemitismus im akademischen Milieu (und fernab dessen) und legalistische Islamisten an und im Umfeld von Hochschulen etc. austauschten; in der wir nicht Mitglieder des AK Antifa zu Vorträgen und Diskussionen einluden oder aber einen Ausflug an der Saale hellem Strande unternahmen, um an einer der vielen geschichtspolitischen Konferenzen des AK Antifa etwa zur Oktoberrevolution oder zum Nachleben des Nationalsozialismus teilzunehmen. Wir schätzen die Analysen und Kritiken des AK Antifaschismus, insbesondere jene zum NSU und zum Anschlag von Halle.

Wir fordern daher die Mitglieder des Stura der MLU Halle auf, sich nicht zu Handlagern von Anti-Antifa-Aktivisten machen zu lassen. Die Auflösung des AK Antifa würde antifaschistische Strukturen in Halle sowie antifaschistische Hochschulstrukturen im Osten Deutschlands dauerhaft schädigen. Die Signalwirkung, die von einer Auflösung ausginge, wäre fatal.

HUmmel Antifa – Antifaschistische Hochschulgruppe der Humboldt-Universität zu Berlin
Referat für Antifaschismus des RefRat (gesetzl. AStA) der Humboldt-Universität zu Berlin

Berlin, 14. November 2021



Statement des Conne Island zur Praxis hallischer Hochschulgruppen

Das BetreiberInnenkollektiv des Conne Island nimmt mit Bedauern den Antrag der Offenen Linken Liste MLU, der Grünen Hochschulgruppe und der Jusos im Stura der Uni Halle zur Auflösung des AK Antifa zur Kenntnis. Wir schließen uns den Stellungnahmen des AK Antifa (AG Antifa), der VL Ludwigstraße, der Bonjour Tristesse und weiterer an, um darauf hinzuweisen, dass mit dem Antrag keine inhaltlich begründete Kritik vorgebracht wurde. Stattdessen wurde im zugehörigen Statement nur auf eine diffuse rote Linie verwiesen, die überschritten worden sei. So hätte die AG Antifa mit der Veranstaltung „Austreibung der Natur. Zur Queer- und Transideologie der Gegenwart“ (17.09.2021, VL Ludwigstraße) das „Recht auf Selbstbestimmung in Bezug auf Sexualität, Reproduktion oder Geschlechtsidentität“ verletzt, vielmehr „die bewusste Herabwürdigung von gesellschaftlich marginalisierten Gruppen in Kauf genommen“. Persönliche Betroffenheit als rote Linie zu definieren, um eine demokratische Auseinandersetzung über das abstrakte Thema zu unterbinden, erachten wir als moralisierenden Ausdruck einer autoritären Haltung. Ein solcher Umgang ist allerdings kein Einzelphänomen, sondern steht exemplarisch für die sich seit einigen Jahren einstellende Qualität einer Diskussionsunkultur. Zwar sind die Forderungen zur Auflösung ostdeutscher Antifa-Gruppen nichts Neues, jedoch kamen diese bisher von rechts. Eine Kritik der Queerfeminismus- und Gendertheorie muss möglich bleiben, ebenso wie das Hinterfragen dieser Kritik. Die faktische Deutungshoheit, welche die Hochschulgruppen beanspruchen, sollte der Stura nicht akzeptieren.

Es darf keine gängige Praxis werden, abweichende Meinungen innerhalb der Linken ohne eine inhaltliche Begründung für unzulässig zu erklären. Bedauerlicherweise lässt sich in Leipzig eine ähnliche Entwicklung beobachten. Erinnert sei hierbei an die Feindseligkeiten gegenüber dem Conne Island in Form eines Boykottaufrufs und dem Shitstorm gegenüber dem IfZ, ausgelöst durch das Instagram-Statement einer Antizionistin im Sommer diesen Jahres.
In allen Ereignissen gleicht sich eine dahinter befindende autoritäre Methode. Anstatt einer inhaltlichen Auseinandersetzung fordert man einen Boykott oder die Auflösung der nicht-eigenen Position. Einen politischen Dissens mit einer Feindschaft zu verwechseln, zeugt jedoch von dem Unvermögen, zwischen Gegner und Feind unterscheiden zu können. So wünschen wir uns, dass die AntragstellerInnen zwischen einer Kritik an der queerfeministischen Theorie und tatsächlicher Transfeindlichkeit differenzieren. Sich als VertreterInnen marginalisierter Minderheiten auszugeben mutet nicht zuletzt auch deswegen instrumentell an, wenn Teile der antragstellenden Hochschulgruppen Parteivorfeldorganisationen angehören, deren Mutterparteien zur gewählten Bundesregierung zählen.

Mitnichten gilt es, der AG Antifa in allen Positionen zuzustimmen. Vielmehr ist eine argumentative Streitkultur eine Bedingung dafür, dass die Linke eine Kraft für Herrschafts- und Ideologiekritik bleiben kann. Insofern appellieren wir an die Vernunft des Stura Halle, dem Antrag der Hochschulgruppen nicht stattzugeben.

Solidarische Grüße,

Conne Island

Leipzig, 20. November 2021



Kick them out – aber nicht den AK Antifa aus dem Stura!

Viele haben es schon mitbekommen – die Offene Linke Liste (Olli), Grüne Hochschulgruppe (GHG) und Jusos haben einen Antrag gestellt, den AK Antifa aus dem Stura Halle zu kicken.
Auch wenn wir nicht alle Positionen des AK Antifa teilen – und wir auch häufig genug selbst Gegenstand der Kritik dieses Arbeitskreises bzw. mit ihm verbundener Gruppen waren, finden wir es absurd, Auseinandersetzungen über finanzielle Repressionen zu führen, statt über Inhalte.
Wir sind entsetzt darüber, dass hier nun von „linken“ Gruppen zu Repressionsmitteln gegriffen wird, die sonst staatliche Organe nutzen. Hier soll eine Auseinandersetzung nicht inhaltlich geführt werden, sondern mit Macht beendet werden. Eine fundierte inhaltliche Auseinandersetzung lassen die antragstellenden Gruppen gänzlich missen – sie nennen weder Argumente, noch belegen sie die von ihnen als Tatsachen ins Feld geführten Punkte.

Antifaschismus muss unbequem bleiben. Das war der AK Antifa auch häufig für uns – unbequem und wertvoll in der Reflektion eigener Standpunkte von außen. Der AK Antifa hat uns viel guten und wichtigen theoretischen Input mit auf den Weg gegeben, auch wenn wir nicht immer alle Argumente geteilt haben.

Wir fordern, dass sie das auch in Zukunft mit Rückhalt aus dem Stura machen können. Und seien wir ehrlich – nichts stärkt den Gruppenzusammenhalt mehr, als ein Flyer des AK Antifa gegen die eigene Demo.

Kick them out – Nazizentren dichtmachen

Halle, 12. November 2021



Solidaritätserklärung von En Arrêt! Berlin

Solidarische Grüße gehen heute nach Halle: Weil sie es gewagt haben, die heilige Kuh der Queer- und Transideologie anzurühren, steht die AG Antifa (AK Antifaschismus im Stura der Uni Halle) aktuell mit dem Rücken zur Wand.

Vor weniger als einer Woche wurde mit einem Antrag der Offenen Linken Liste, der Juso Hochschulgruppe sowie der Grünen Hochschulgruppe die Auflösung des Arbeitskreises gefordert. Die inhaltlichen Gründe, die die drei Gruppen anführen, sind ziemlich dürftig, auf der Seite der AG Antifa kann sich jeder ein Bild machen, wie substanzlos das Geraune letztlich bleibt. Trotzdem steht die Bedrohung im Raum, eine seit 25 Jahren kontinuierlich arbeitende antifaschistische Gruppe zu zerschlagen. Dass diese Bedrohung nicht von irgendwelchen Burschenschaften o. ä. Unsympathen kommt, sondern von „linken“ Hochschulgruppen, hat mit dem Thema zu tun, welchem sich die AG Antifa zuletzt theoretisch angenommen hat.

So wird im Antrag auch explizit die Veranstaltung „Austreibung der Natur. Zur Queer- und Transideologie der Gegenwart“ genannt, welche nun angeblich das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht haben soll. Statt sich der inhaltlichen Diskussion zu diesem Thema zu stellen und strittige Punkte anzusprechen, verschanzt man sich lieber hinter einem Antrag mit dem Ziel, sich darüber nicht mehr streiten zu müssen, indem man die Kritiker mundtot macht.

Gendertheorie ist streitbar. Es gibt viele berechtigte Gründe, die Gendertheorie von Judith Butler (& Co) aus antifaschistischer Perspektive einer Kritik zu unterziehen. Der Hang zu einem Postkolonialismus, der sich immer wieder gegen den jüdischen Staat richtet, die Tendenz, vor allem in den sozialen Medien, Kampagnen auch und gerade gegen feministische Frauen zu starten (siehe u.a. T.R. Amelung, Queerfeministischer Transaktivismus auf Twitter, in: T. R. Amelung: Irrwege.) usw. sind Punkte, die einer Bewegung, welche sich „Emanzipation“ auf die Fahnen schreibt, durchaus Anlass zu einer Selbstreflexion bieten sollte.

Diesen Impuls im Interesse aller erniedrigten, geknechteten, verlassenen und verächtlichen Menschen zu setzen, war das Ziel unserer Genossen in Halle. Wir senden die besten Grüße und hoffen auf die nächsten 25 Jahre mit streitbaren Veranstaltungen, Lesungen oder Konferenzen in der Händelstadt.

No pasarán!

En Arrêt! Berlin

Berlin, 15. November 2021


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Am Donnerstag, den 14. April 2022, fand in Halle eine Demonstration unter dem Titel „Raise Your Voice Against Terfs“ statt, organisiert vom neugegründeten Radikalen Flinta+ Kollektiv Ost. Schon Tage vorher wurde mit einem Mobilisierungsvideo zum Protest aufgerufen. Dessen Inhalt ist schnell wiedergegeben: vier Personen, mit rosa Skimasken auf dem Kopf, laufen durch die verlassene hallische Innenstadt; mal geht es in Manier der Beatles über einen Zebrastreifen; mal bringen sie in der hinterletzten Ecke, die ansonsten nur den hiesigen Nachtschwärmern als Pissoir dient, ihre Parolen an; mal treten sie auf einem ausgedruckten Blatt Papier mit der Aufschrift „Terfs“ herum. Unterlegt ist das Video mit einem der beliebtesten Rap-Songs der queeren Szene, der hinsichtlich Gewaltfantasien dem sonstigen Deutschrap in nichts nachsteht. Gepaart mit diesem Internetauftritt, waren in Halle in letzter Zeit immer wieder Hassparolen zu sehen, die sich bezeichnenderweise vor allem gegen Frauen richten, die sich nicht mit Sternchen schreiben und es wagen, die Umtriebe des Queeraktivismus zu kritisieren. Angesichts solch großspurigen Auftretens schickten wir einen unserer Reporter los, um sich die Veranstaltung etwas genauer anzusehen. Es entwickelte sich, selbst für hallische Verhältnisse, eine der skurrilsten Demonstrationen der jüngeren Vergangenheit. Der Irrsinn lohnt sich festgehalten zu werden. Deshalb ein kurzer Demobericht unseres Korrespondenten.

Ankunft am Startpunkt der Demonstration: Genauso bieder wie das Wetter an diesem Tag war auch die Protestgemeinschaft. Versprengt in einzelne Grüppchen, stand man am Versammlungsort herum, der Betonwüste, die sich Steintor nennt. Besonders ins Auge stach ein Trüppchen aus Gera. Dieses hatte sich vom dortigen Kegelclub die Idee der einheitlichen Trainingsjacken abgeguckt und zeitgemäß umgesetzt: Es stand zusammen in Kapuzenshirt samt Vereinsname und -logo. Allen gemein war die Langeweile, die ihren vollendeten Ausdruck darin fand, dem eigenen Telefon mehr Aufmerksamkeit zu schenken als seinen Mitmenschen.

Kurz darauf kamen Unruhe und Hektik auf. Aus einer Nebenstraße stieß eine weitere Gruppe hinzu. Für das wenig szenekundliche Auge war nicht gleich zu ermitteln, aus welchem Grund die Neuankömmlinge mit Argwohn betrachtet wurden, glich ihr Erscheinungsbild doch überwiegend dem der Herumstehenden. Schnell wurde jedoch klar, dass es sich nicht um Freunde der Veranstalter handelte. Denn das anwesende Queervölkchen kannte sich trotz mangelnder Unterhaltungen doch ganz gut – Twitter, Instagram und Tik Tok sei Dank. Eine Handvoll emsiger Ordner versetze auch den Letzten, der es noch nicht mitbekommen hatte, in Alarmbereitschaft. Diesen Moment allgemeiner Aufmerksamkeit nutzten die Hinzugekommenen und verteilten mitgebrachte Flugblätter. Auch ich nahm zwei verschiedene entgegen. Der Lesestoff, der von der Gruppe Artemis und der AG No Tears for Krauts verteilt wurde, stieß auf wenig Gegenliebe. Zum einen mag das daran liegen, dass die Queeraktivisten ohnehin ungern lesen – davon kann ein ortsansässiger Bücherladen ein Lied singen. Gegründet vor einem knappen Jahr und spezialisiert auf intersektionale und queerfeministische Literatur, mussten dessen Inhaber bereits öffentlich ihre Klientel anbetteln, doch bitte sämtliche Bücher bei ihnen zu kaufen, um den nächsten Sommer noch zu überstehen. Zum anderen gingen die meisten Anwesenden mit der Kritik wie Kleinkinder um und zerrissen das Papier, um ja nicht mit Unbekanntem konfrontiert zu werden. Von den anderen Demoteilnehmern erwarteten sie offenbar dasselbe.

Irritiert, dass es Leute gab, die mit dem modus operandi des queeren Aktivismus nicht vertraut waren und ohne Vorbehalte zugriffen, als ihnen eine Flugschrift angeboten wurde, brauchten die Ordner einen Moment, um geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Konspirativ steckten sie erst mal die Köpfe mit der anwesenden Polizei zusammen, um zu beraten, wie man sich der Störenfriede entledigen könnte. Nachdem ihnen das „Repressionsorgan“ Nachhilfe im Fach Pluralismus und Meinungsfreiheit erteilt hatte, kehrten die Ordner unzufrieden zurück. Mehr Erfolg versprach die Rückkehr zum altbekannten Muster: Ohne zu wissen, was in den Texten geschrieben steht, wirkte Team Awareness auf die Anwesenden ein und beeilte sich, sämtliche Flugblätter einzusammeln. Was beim eigenen Anhang noch funktionierte, schlug bei interessierten Passanten fehl. Leicht überfordert von der Situation startete man einen dritten Versuch. Nun kam die Diplomatie zum Zug. Die Ordner unterbreiteten den Flugblattverteilern das Angebot, ihre Texte einzupacken und im Gegenzug weiter auf der Demonstration verbleiben zu dürfen. Wohlwollend kamen diese der Bitte nach und tauschten die Flugblätter gegen ein mitgebrachtes Transparent aus, auf dem zu lesen war: „Für den Feminismus! Gegen den linken Totalitarismus“.

Schon optisch hob sich das Banner von vielen anderen ab – sah es doch nicht so aus, als hätte man zehn Jutebeutel zusammengenäht und auf dem Weg zur Kundgebung noch schnell besprüht. Unter kräftiger Mithilfe einer Vielzahl von Queeraktivisten entfaltete das Transparent seine Wirkung: Sie wandten die bekannte Vorgehensweise an, sich selbst vor Schriftzügen zu platzieren, um Betroffene vor dem Lesen vermeintlicher Unzumutbarkeiten zu schützen. Dass sie damit nochmals bewiesen, wie wenig sie mit Kritik umzugehen imstande sind – geschenkt. Denn eine Aktivistin sollte nochmal eine ordentliche Schippe drauflegen: Im Zuge des Getänzels um das Transparent kam es zu leichten Schubsereien, die die Polizei auf den Plan riefen. Besagte Aktivistin behauptete nun, sie sei dabei „begrapscht“ worden. Ein schwerer Vorwurf, allemal. Folgerichtig ermutigte die Polizei sie, Anzeige zu erstatten. Im sich entwickelnden Gespräch stellte sich jedoch heraus, dass mitnichten strafrechtlich Relevantes passiert war. Diese Situation steht sinnbildlich für die Tendenz innerhalb der queeren Szene, sich in politischen Auseinandersetzungen jeder Boshaftigkeit zu bedienen.

Es folgte der erste, nicht weiter erwähnenswerte Redebeitrag. Sodann setzte sich der Demozug in Bewegung. Aber auch das lief nicht reibungslos ab. Das Grüppchen hatte solche Probleme beim kleinen Demo-Einmaleins, dass die Polizei immer wieder nachhelfen musste: mal waren die Abstände inmitten des Aufzugs zu groß, mal lief man auf der falschen Straßenseite. Nicht ganz zu Unrecht berichteten deshalb stadtbekannte Twitterjournalisten davon, dass „einige Personen mit einem Banner der ‚AG No Tears for Krauts‘ immer wieder [versuchten], die Spitze der Demo zu bilden“. In der Tat hatte es den Eindruck, dass unter der Regie der Gruppe Artemis und der AG No Tears for Krauts der vordere Teil des Protestzugs deutlich besser organisiert war. Sichtlich genervt davon, dass selbst bei den eigenen Leuten diese Intervention als erfolgreich angesehen wurde, trotteten einige der Queeraktivisten neben oder vor dem Banner umher. Nach etwa einer Stunde verließen die Helfer in der Not die Demonstration dann wieder. Im Nachgang sollte unter den radikalen Queers keine rechte Stimmung mehr aufkommen.

Den nächsten Zwischenstopp legten sie am August-Bebel-Platz ein, also da, wo die Subkultur der Guten ihr Zuhause hat. Standesgemäß wurde das Heimspiel mit zwei Redebeiträgen bestritten. Auch die Gruppe Migrant Voices ließ sich nicht lumpen und trat ans Mikrophon. Extra aus Magdeburg war eine Person angereist, um ihre wilden Assoziationen zum Thema Intersektionalität abzuladen. Los ging es mit Antikapitalismus und Antiimperialismus: „Alle Linken wollen eigentlich antikapitalistisch und antiimperialistisch sein“, raunte es über das lauschende Häuflein hinweg. Es hätte sich eigentlich auch bis nach Magdeburg herumsprechen können, dass es gute Gründe gibt, sich als „Linke“ gegen Antikapitalismus und Antiimperialismus zu stellen. Gerade in der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt sind diese beiden Begriffe Chiffren für „Juden ins Meer“. Das aber wird auch der Grund sein, warum man sie partout nicht hinterfragen kann. Dem Leser sei der Lebenslauf der Rednerin erspart, der bei den Freunden der Intersektionalität mindestens die Hälfte jedes Vortrags ausmachen muss. Sie hatte auch wenig Lust, inhaltlich etwas beizutragen, und verwies lieber auf einen Zeitungsartikel, den die Zuhörer lesen sollten. Nach den obligatorischen Jubelarien ging der Rundgang weiter und endete eine Dreiviertelstunde später am Campus der Universität.

Wer an diesem Tag nicht gesehen wurde, waren die Organisatoren vom Radikalen Flinta+ Kollektiv Ost. Es liegt auch nahe, dass sie bei ihrer eigenen Demonstration gar nicht anwesend waren, denn sie bedankten sich bei Instagram für eine „erfolgreiche erste Aktion“.

[axel]

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Das Erstaunen darüber, dass all das, was wir erleben, „noch“ möglich ist, ist nicht philosophisch, schreibt Walter Benjamin: „Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, dass die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.“ Das stimmt zweifellos, es heißt dennoch gerade nicht, dass bestimmte Dinge nicht fassungslos machen dürfen. Dies trifft u.a. auf einen Antrag zu, den die Offene Linke Liste (OLLI), die Grüne Hochschulgruppe (GHG) und die Juso-Hochschulgruppe der Universität Halle kürzlich gestellt haben. Auf maßgebliche Initiative der Medizinstudentin Klara Stock, Spitzenkandidatin der OLLI und Allgemeine Sprecherin des Studierendenrates (Stura), wurde der Antrag gestellt, den Arbeitskreis Antifaschismus des Stura aufzulösen. Der AK besteht seit mehr als 25 Jahren und hat, wie es in seiner Selbstverständniserklärung heißt, die Kritik des Antisemitismus zu einem seiner Schwerpunkte gemacht. Klara Stock, der im Stura erst kürzlich Amtsmissbrauch vorgeworfen wurde, und der Kreis um sie stören sich daran, dass der AK Antifa zwei Veranstaltungen organisiert hat, in denen die Gendertheorie Judith Butlers und ihre praktischen Auswirkungen aus linker, feministischer Sicht kritisiert wurden. Das reicht offenbar schon, um den am längsten existierenden Arbeitskreis des Stura aufzulösen, an dessen Veranstaltungen aufseiten der Studierendenschaft zudem auch noch ein großes Interesse zu bestehen scheint: Mehr als hundert Leute sind bei den vom AK Antifa organisierten Vortragsabenden keine Seltenheit. Die Antifaschistische Liste der Universität Halle erklärte den Auflösungsantrag deshalb in einer Presseerklärung zu einem „weiteren Schritt dahin, die Meinungsfreiheit im Namen eines zur Ideologie erstarrten Genderaktivismus einzuschränken“.

Der Antrag ist aber noch mehr als das. So erklären die OLLI, die GHG und die Juso-Hochschulgruppe in ihrem Verbotsantrag, dass eine „rote Linie“ überschritten werde, „wenn das Existenzrecht Israels oder das Recht auf Selbstbestimmung in Bezug auf Sexualität, Reproduktion oder Geschlechtsidentität in Frage oder gar Abrede gestellt wird“. Was der Hinweis auf das Existenzrecht Israels soll, erschließt sich nicht, immerhin gehörte der AK Antifa bundesweit zu den ersten linken Gruppen, die den israelfeindlichen Konsens der Linken kritisierten. Fest steht allerdings, dass die Kritik an der Queertheorie mit dem auf Vernichtung zielenden Kampf gegen den Staat der Überlebenden des Holocaust gleichgesetzt wird. Oder kaum zugespitzt: Transpersonen sind die Juden von heute. Klara Stock und ihrer Freunde aus der Offenen Linken Liste, der Grünen Hochschulgruppe und der Juso-Hochschulgruppe betreiben damit nichts anderes als eine Holocaustrelativierung light.

Zu all dem passt das vollkommene Desinteresse an der Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus. Zwar erklären Stock und Co. pro forma, dass sie es „grundsätzlich gut und wichtig finden“, Antisemitismus zu kritisieren. Wie diese Aussage damit zusammenpassen soll, ausgerechnet in Halle, der Stadt des schlimmsten antisemitischen Anschlags der letzten Jahre in Deutschland, eine Gruppe verbieten zu wollen, ´die Veranstaltungen, Ausstellungen usw. organisiert, „in deren Zentrum“, wie im Verbotsantrag auch noch zugestanden wird, „meist [die Kritik] des Antisemitismus“ steht, wird nicht verraten. Als krönender Abschluss wurde der Verbotsantrag gegen den antisemitismuskritischen Arbeitskreis dann auch noch am 10. November gestellt, am Tag nach dem 83. Jahrestag des Höhepunktes der Reichspogromnacht von 1938. So wenig historisches Bewusstsein muss man erstmal haben. Klara Stock und Co. wurden von Kritikern deshalb auch schon als linke Anti-Antifa-Aktivisten bezeichnet; ein Leser kommentierte den Verbotsantrag auf der Facebookseite der Offenen Linken Liste mit dem Worten: „Wenn das durchgeht, werden in Halle nicht nur bei den Antragstellern die Korken knallen, sondern auch bei all den Nazis, Antisemiten, Holocaustverharmlosern, Islamisten, Frauenfeinden, Geschichtsrevisionisten usw., denen der AK in den letzten Jahrzehnten auf den Nerven herumgetrampelt hat.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

W.Z.

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M wie Möhre (Kurzmitteilung)

Seit Mitte des Jahres gibt es auch in Halle eine Initiative, die eifrig das Ziel verfolgt, jede Erinnerung an die düsteren Kapitel der Menschheitsgeschichte aus dem Straßenbild der Stadt zu tilgen. Offiziell spricht der Arbeitskreis Postkolonial zwar davon, dass es ihm darum ginge, „die Spuren der europäischen Kolonialismus aufzuspüren und seine Auswirkungen im Hier und Jetzt aufzuzeigen“. De facto beschränkt sich die Aktivität des Zirkels jedoch seit Monaten darauf, gegen die Mohren-Apotheke am hallischen Reileck Stimmung zu machen. Ihre Mitglieder tun nicht mehr, als den Eklat in die Provinz zu tragen: Nachdem es im Juli in Berlin zum Aufschrei kam, entschied die zuständige Bezirksverordnetenversammlung unverzüglich, die Mohrenstraße der Stadt umzubenennen. Fernab der Metropolen ist man längst noch nicht so weit, wovon die Vertreter des hiesigen Vereins ein Lied singen können. Sie beklagen, dass sie für ihr Anliegen, die Umbenennung von acht Apotheken Sachsen-Anhalts und einer ortsbekannten Gaststätte, kein öffentliches Interesse bekämen. Das stimmt natürlich nicht, aber bei Vereinen, die völlig auf Empörung und den Druck der Straße setzen, ist wehleidiges Gejammer gängiges Mittel der politischen Auseinandersetzung. Wahr ist, dass die Inhaberin der hallischen Apotheke bislang nicht dazu bereit war, ihren Laden umzubenennen. Unterdessen ließ jedoch die „Mitteldeutsche Zeitung“ die Initiative zu Wort kommen; „Radio Corax“ widmete dem Thema gefühlt mehrere Tage seines Programms, was wenig überrascht, immerhin ist der Sender auch sonst jederzeit bereit, Rassismusvorwürfen Gehör zu verschaffen, seien sie auch noch so abwegig. Das letzte Interview mit zwei Vertretern des Arbeitskreises liegt gerade einmal wenige Wochen (25. November 2020) zurück. Bei der Gelegenheit wiederholten sie jedoch im Wesentlichen nur, was sie bereits im Juli bei einem Gespräch von sich gaben.
Damals hatte der Sender auch die Betreiberin der Apotheke eingeladen. Schon in der Anmoderation wurde jedoch klar, wohin die Reise geht. Der eigenen Standortbestimmung treu, setzte man von Beginn an den Rahmen für das Gespräch und postulierte, dass das Wort Mohr in einer „rassistischen und kolonialistischen Tradition“ stände, ohne weiter auf die historischen Einzelheiten einzugehen. Sehr vorsichtig, im Wissen welches Minenfeld sie gleich betritt, versuchte die Apothekerin die Namensherkunft historisch mit dem Heiligen Mauritius als Patron einer Vielzahl von Medizinstuben zu erklären. Durchaus vernünftig verwies sie darauf, dass die Bedeutung von Begriffen im Laufe der Zeit einer Veränderung unterläge. Sie signalisierte Diskussionsbereitschaft und lud jeden herzlich in ihre Apotheke ein, um Fragen zu beantworten und ein Schaufenster für eine kritische Auseinandersetzung zu gestalten. Ob eine Flasche Klosterfrau Melissengeist für die Aktivisten nicht eine bessere Alternative wäre, wurde leider nicht geklärt.
Für das Vor-Ort-Kommando der Aktionsfront Cancel-Culture, das für Begriffsgeschiebe und Rumgedeute vermutlich bereits damals wenig übrig hatte, inzwischen jedoch längst die Parole „Smash M-Apotheken“ ausgerufen hat, durfte danach eine Vertreterin frei in den Äther assoziieren. Die Aktivistin scheute das Wort Mohr wie der Teufel das Weihwasser. Überall, wo es möglich war, umschiffte sie es. Bei dem Anhören des Beitrags verzagt man das erste Mal, wenn die Sprache auf den „Sarotti M“ kommt. Zweifel an der eigenen Rechtschreibfähigkeit treten auf – vergeblich sucht man das M in Sarotti, bis einem klar wird, dass offenbar das Markensymbol der Firma gemeint ist. Die Analogie zum Wort Neger, das durchaus einen herablassenden Unterton hat, in rassistischem Zusammenhang genutzt wird und gesellschaftlich verpönt ist, ergibt sich zwangsläufig. Die nicht nur im akademischen Bereich etablierte Redeweise N-Wort, die verwendet wird, um das Zitat zu vermeiden, wird von den Anhängern des Arbeitskreises auf der nach oben offenen Verblödungsskala auf Bilder ausgeweitet. Im Fortgang des Gesprächs stellten sich erste Lerneffekte sofort ein. Die Moderatorin nahm das M-Wort pflichtbewusst in ihren Wortschatz auf.
An der Debatte um den Begriff beteiligte sich die Verfechterin der Umbenennung nur augenscheinlich. Von Beginn an war der eigene Standpunkt sakrosankt. Auf die entscheidende Frage, wo der Ursprung des Begriffs liege, ließ sich die Vertreterin gar nicht erst ein. Stattdessen erklärte sie, er sei der „älteste Begriff für schwarze Menschen“ und es handele sich um eine „Fremdzuschreibung“. Inwieweit alte Begriffe per se ein Problem und ob Fremdzuschreibungen immer negativ konnotiert sind, wurde im weiteren Verlauf leider nicht geklärt. Weiter sprach sie davon, dass das Wort „Menschen mit dunkler Hautfarbe“ essentialisiere und deswegen rassistisch sei. Er riefe zwangsläufig das Bild „des willenlos kindlichen oder des noblen Wilden“ hervor. Triumphierend verkündete die Aktivistin dann, es gäbe keinen positiven Rassismus. Der eigentliche Taschenspielertrick bestand aber darin, den Mohr in eine Linie mit dem Neger zu bringen. Im Wissen um den antirassistischen Erfolg in der öffentlichen Debatte über rassistische Sprache in Kinderbüchern entschied sich der Arbeitskreis wohl ganz bewusst dafür, nach dem Vorbild des N-Worts auch das M-Wort zu institutionalisieren. Der Clou daran ist, dass man den Wortursprung erst ins 17. Jahrhundert katapultieren muss, um ihn überhaupt mit europäischen Kolonialismus und europäischer Sklaverei in Verbindung bringen zu können.
Das Wort Mohr ist entlehnt aus der orientalischen Welt der nordafrikanischen Mauren. Seit dem 12. Jahrhundert kamen Europäer durch sie mit begehrten Gewürzen, die als Grundlage vieler Medikamente galten und Farbpigmenten in Berührung. Ihre Unterlegenheit wurde dadurch bestärkt, dass die Händler mit dem Islam eine aggressive Kultur, die als bewundernswert angesehen wurde, auftraten. Trotz der beiderseitigen Kämpfe um das Mittelmeer bildeten Osmanen und Venezianer eine sonderbare Gemeinschaft. Die muslimische wie die christliche Macht waren gebunden an die Karawanenwege. Die Folge daraus war eine Vielzahl von Wappenmohren und Mohrenapotheken, um die wirtschaftliche Verbindung mit der arabischen Welt aufzuzeigen. Erst mit dem Niedergang dieses Verkehrsnetz setzte der Bedeutungsverlust Venedigs und der Osmanen ein. Mit dem Aufstieg der Engländer, Franzosen und Niederländer durch den transatlantischen Handel inklusive der Versklavung der Schwarzen wurden Venezianer und Osmanen zu Staaten einer veralteten Handelswelt. Spätestens ab dem 17. Jahrhundert war das Wort Mohr immer seltener zu hören, bis es vollends außer Gebrauch geriet. Zu jener Zeit gewann das Wort Neger an Verbreitung, das historisch schwerlich von Kolonialismus und transatlantischen Sklavenhandel zu trennen ist.
Statt sich seine historische Verortung anzusehen, werfen die Erinnerungspolizisten jedoch lieber den als durchaus selbstbewussten Händler agierenden Mohr mit dem versklavten Neger zusammen. Was für negative Assoziationen das M-Wort hervorruft, wissen sie vermutlich am Besten. Mit ihrer Kampagne gegen den Namen tragen sie jedenfalls mehr dazu bei, die feinen historischen Unterschiede zu nivellieren. Ein kritischer Umgang mit Vorurteilen sieht anders aus. Er hätte bedeutet, die in dem Wort mitschwingenden Assoziationen mit der historischen Wirklichkeit zu konfrontieren, anstatt es wie ein Fünfjähriger zu vermeiden und von allen anderen dasselbe zu verlangen. Dass es die Mitglieder selbst sind, die bei Schwarzen an kleine Kinder denken, die beschützt werden müssen, zeigt ihr Vorschlag für eine Namensänderung der Apotheke. In Anlehnung an eine Wiener Cancel-Erfolgsgeschichte wollen sie den Mohr vollends der Lächerlichkeit preisgeben. So schlugen sie vor, aus dem O der Mohren-Apotheke ein Ö zu machen.

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CSD in Gaza!

Die Freunde der AG »No Tears for Krauts« (Halle) haben bei der CSD-Demonstration in Halle (07.09.2019) ein Flugblatt verteilt, das wir euch zum lesen empfehlen wollen:

PDF Flugblatt: CSD in Gaza!

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der heutigen CSD-Demonstration,

vielleicht waren einige von Euch schon letztes Jahr dabei, als überraschend viele, überwiegend jüngere Menschen in Halle für die Rechte der Homosexuellen auf die Straße gegangen sind. Vielleicht sind Euch dabei auch einzelne Israelfahnen aufgefallen. Und vielleicht habt Ihr Euch gefragt, warum die Fahnen des jüdischen Staats auf einer solchen Demonstration gezeigt wurden. Das war alles andere als ein Zufall.

Euch ist sicher bekannt, dass Israel nicht nur die einzige Demokratie im Nahen Osten und das einzige Land in der Region ist, in dem Juden und Araber nebeneinander leben. Sondern Israel ist auch ein Ort, an dem die Menschen ihre Sexualität frei ausleben können. Die sexuelle Gleichberechtigung der Homosexuellen wird von breiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert und ist auch auf politischer Ebene in Israel weitgehend Konsens. Wer schon einmal in Tel Aviv war, dem ist vielleicht aufgefallen, wie selbstverständlich Männer Händchen haltend durch die Stadt laufen. Ein paar Kilometer weiter südlich, in Gaza, ist so etwas unvorstellbar. Dort wird Homosexualität nicht nur gesellschaftlich geächtet, sondern steht unter Todesstrafe. In 37 Ländern auf der Welt ist Homosexualität verboten – in sieben Ländern wird man für dieses »Vergehen« sogar staatsoffiziell ermordet. All diese sieben Länder haben eines gemeinsam: In ihnen ist der Islam Staatsideologie. Auch die anderen 30 Staaten, in denen für gleichgeschlechtliche Liebe Gewalt oder Gefängnis drohen, stehen mehrheitlich unter dem Einfluss der Religion des Propheten. Nicht nur anhand dieser Zahlen wird deutlich, dass nicht unbedingt der typische AfD-Wähler oder andere »Rechtspopulisten« die größte Bedrohung für die Freiheit von Homosexuellen sind – so unappetitlich sie mitunter auch sein mögen. Vielmehr sind es Moslems, die ihre rigiden Moralvorstellungen gewaltsam durchsetzen wollen. Und das ist nicht nur in islamisch geprägten Staaten ein Problem, sondern überall dort, wo Moslems den Kampf um die Straßenhoheit betreiben.

In der Bundesrepublik ist Homosexualität zwar nicht mehr strafbar. Sie wird auch nicht mehr als Krankheit diffamiert. Dennoch sollte man sich in manchen Gegenden Deutschlands aus Sicherheitsgründen besser nicht offen als Schwuler zu erkennen geben. Allein in Berlin hat das Anti-Gewalt-Projekt Maneo für das Jahr 2018 einen Anstieg homophober Gewalt um 58 Fälle auf 382 Übergriffe festgestellt. Die übergroße Mehrheit der Täter sind junge Männer, die aus islamischen Ländern stammen bzw. die sich in Deutschland in islamischen Milieus bewegen. Das heißt, die Gefahr für einen homophoben Angriff ist in Berlin-Neukölln um ein vielfaches höher als in Hohenschönhausen oder im Prenzlauer Berg. Statistisch gesehen gibt es also einen Übergriff pro Tag – allein in Berlin. In anderen europäischen Großstädten mit großen islamischen Communities wie in Paris, Brüssel, Malmö oder London gibt es ähnliche Entwicklungen.

In manchen Teilen Südost- und Osteuropas gibt es ebenfalls viele schwulenfeindliche Übergriffe (Angriffe auf Lesben sind übrigens deutlich seltener) – vor allem dort, wo besonders rückständige Kirchen großen Einfluss auf den Alltag haben (wie etwa in Russland). Aber immerhin können in den meisten dieser Staaten CSD-Paraden stattfinden, wenn auch zum Teil nur unter Polizeischutz. Der Hass auf Homosexuelle ist aber im Islam bzw. in islamischen Communities viel zentraler als in Osteuropa und potenziell immer gewalttätig.

Ob nun dort, wo Moslems die Mehrheit stellen (wie in Gaza), oder dort, wo sie aufgrund mangelnder Masse als »lone wolves« agieren – wie zum Beispiel der Anschlag vor zwei Jahren auf einen LGBT-Nachtclub in Orlando mit 49 Ermordeten zeigt: Moslems sind mit Abstand die größte Gefahr für die sexuelle Freiheit. Und nicht nur das: Schwulenhass ist mit dem Hass auf allgemeine sexuelle Freizügigkeit und auf das individuelle Glück sowie mit dem Hass auf die Juden bzw. deren Staat auf das engste verwoben. Israel verkörpert nicht nur für islamische Antisemiten die westliche Moderne und wird in deren Wahrnehmung mit Homosexualität, Individualität und Kosmopolitismus verknüpft – Werte also, von denen sich Zwangskollektive wie islamische Gemeinschaften bedroht sehen. Gerade im Islam, wo es rigide Verhaltensregeln gibt, wo Frauen verschleiert auftreten müssen, um die Triebe des Mannes nicht anzufachen, wo jede sexuelle Regung gegängelt und reglementiert wird, schaut man neidisch auf Gesellschaftsformen, in denen der einzelne selbstbestimmt seine Sexualität im Diesseits gestalten kann. Vor allem von Juden und ihrem Staat fühlen sich viele Moslems in ihrer verklemmten islamisierten Sexualität bedroht, wodurch sich der Hass auf Juden ins Unermessliche steigert. Diese Abspaltung eigener Triebe, nichteingestandener Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse und ihre projektive Verschiebung auf die Juden kennzeichnet jede Form des Antisemitismus. Die Triebdynamik des Schwulenhasses funktioniert ähnlich.

Nicht nur aufgrund der LGBT-Freundlichkeit Israels hat also die Fahne des jüdischen Staates hier auf der Demonstration ihre Berechtigung. Sondern auch, weil Juden und Homosexuelle den gleichen Zumutungen durch die gleichen menschenfeindlichen Ideologen ausgesetzt sind. Und damit meinen wir eben nicht ganz allgemein »religiösen Fanatismus«, wie im Aufruf zur heutigen Demo zu lesen ist, sondern den Islam als Rechtfertigungsmuster für die meisten antisemitischen und homophoben Übergriffe weltweit.

Erst wenn die Macht des Islams gebrochen ist, erst wenn friedliche, entspannte und laszive Gay Prides in Gaza-City, Grosny oder Teheran stattfinden können; erst, wenn es völlig selbstverständlich ist, dass auch in islamisch geprägten Vierteln Europas der eine oder die andere offen homosexuell leben kann, ist jene Freiheit erreicht, von der die Aktivisten des Stonewall-Aufstands vor 50 Jahren träumten. Da dies zeitnah wohl nicht passieren wird, ist das Bekenntnis zu Israel gleichbedeutend mit einem Bekenntnis zu individueller Freiheit – und damit eine Zurückweisung des Antisemitismus und des Schwulenhasses.

AG »No Tears for Krauts«
Halle, September 2019

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Editorial

Die Reaktionen gleichen dem berühmten Stich ins Wespennest: Wer die aktuellen Auswüchse des Feminismus kritisiert, kann sich auf einen geballten Gegenangriff von links gefasst machen. Ende des vergangenen Jahres lud die AG Antifa zu einer Veranstaltung mit dem Titel »Arrivederci Patriarchat – Ist der Feminismus noch zu retten?« ins linke Hausprojekt VL in der Ludwigstraße ein. Dass der Vortrag überhaupt stattfinden würde, stand lange nicht fest. Wie in jedem linken Haus trifft sich auch im VL regelmäßig eine Selbsthilfegruppe namens Hausplenum. Üblicherweise nicken dort die meisten Hausbewohner Veranstaltungen lethargisch ab. Doch der Ankündigungstext für den Abend zur Kritik des Feminismus brachte Viele zur Weißglut, und die Veranstalter wurden zum Rapport geladen.

Neben einigen Nachfragen, wie denn der eine oder andere Nebensatz zu verstehen sei, hagelte es jede Menge Anschuldigungen (»rassistisch«, »sexistisch«), Gefühlsbekundungen (»fühle mich persönlich diffamiert«) und Befindlichkeiten (»finde den Text scheiße«). Ganz nebenbei sollte gleich die veranstaltende Gruppe auf den Prüfstand gestellt werden. (»Es geht generell um die AG Antifa und ihre Diskussionskultur.«) Konkrete Belege für die Vorwürfe wurden nicht geliefert, schließlich war der Diskussionspartner nicht der Kopf, sondern der berühmte linke Bauch, der nach der täglichen Dosis Quinoa, Dinkel und Hirse nur wenig mehr als heiße Luft produziert. Dass Behauptungen nicht argumentativ belegt werden müssen, begründete ein Gegner der Veranstaltung folgendermaßen: Der Text sei so geschrieben, dass man die Verfasser auf keine Position festnageln könne. Immer wieder fragten die Hobbystalinisten detailliert nach den Vortragsinhalten, um das für sie feststehende Verbot zu untermauern. (»Ich würde mir die Vorträge ja anhören, aber bloß nicht im VL.«) Als vorgeschlagen wurde, jeder Plenumsteilnehmer solle seine Position kurz darlegen, um nicht nur die lautesten Affen brüllen zu hören, sah ein Ritter der Zivilgesellschaft seine Stunde gekommen, sich als wahrer Feminist zu gerieren: »Ihr müsst auch nichts sagen«, wandte er sich verständnisvoll an einige Frauen, die sich noch nicht geäußert hatten.

Je länger man saß und je genervter die Plenumsgäste wurden, desto mehr zeichnete sich ab, dass das Interesse an dem, was die Referenten zu sagen hatten, doch größer war als die Lust am Verbieten – auch wenn man die Vorträge »scheiße« finden würde. Die meisten Gegner schwenkten um, was insbesondere einige männliche Diskutanten so wütend machte, dass sie Teilnehmerinnen, die ihre Meinung geändert hatten, immer wieder über den Mund fuhren. So weit scheint der Antisexismus im VL dann doch nicht gediehen zu sein.

Kurz vor dem Vortragsabend veröffentlichten einige Plenumsteilnehmer eine Stellungnahme – ein Vorschlag der AG Antifa, damit die Gegner nach dem gescheiterten Verbotsversuch noch ihr Gesicht hätten wahren können –, die jedoch das Argumentationsniveau einer Dreijährigen nicht überstieg. Frei nach dem Motto: was mir nicht passt, soll auch niemand anderes hören, wurde behauptet, bei den Vorträgen würde drei Stunden lang »altes stumpfes Zeug« erzählt werden, und das sei sowieso nur »Scheiß«. Auch mit dem Leseverstehen gab es Probleme: Aus der Feststellung der AG Antifa, dass der Islam derzeit die größte Bedrohung für die Emanzipation der Frauen ist, wurde halluziniert, die Veranstalter würden jegliche Diskriminierung von Frauen jenseits der Religion des Propheten leugnen.

Wer des Lesens und Verstehens mächtig ist, ist herzlich eingeladen, die Vorträge in dieser Ausgabe der Bonjour Tristesse nachzulesen.btheader4

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Wir dokumentieren drei leicht überarbeitete Vorträge, die im Dezember 2018 im linken Hausprojekt VL auf einer Veranstaltung der AG Antifa gehalten wurden. Dem linken Freiheitsverrat angesichts der Zumutungen des Islam geht Florian Pätzold nach. Einen Untoten namens Patriarchat und den materialistischen Feminismus schaut sich Paul-Holger Seiden genauer an. Und Harald J. Finke erläutert, weshalb die Me-too-Debatte den Aufschrei eines spezifischen Sozialcharakters darstellt.


Über die Zumutungen des Islam
und einen Kampfbegriff seiner Apologeten.

 

Verrat durch die Linke

Als im Herbst 2018 die Gruppe Queer einsteigen in Halle verzweifelt nach den Frauenrechten unter dem Kopftuch suchte und in einem Vortrag dazu jeder Frau, die behauptet, sich unter dem Kopftuch frei zu fühlen, diese Freiheit ganz einfühlsam zusprach, zeigte sich einmal mehr, dass der Feminismus auf den Hund gekommen ist. Schließlich ist es leichter für die selbsternannten Verteidiger von Frauenrechten, die Rechte derer zu stärken, die vermeintlich oder tatsächlich ein Kopftuch tragen als die Rechte jener Frauen, die es ablegen oder sich gar nicht erst umbinden wollen. Was in die Logik dieser linken Feministen nicht passt, wird als westlich und für die islamischen Länder als postkolonialistisch verdammt. Weder die halbgaren Positionen der materialistischen Feministinnen1 noch das kulturrelativierende Geblöke von Queer reinsteigern lassen hoffen, dass am Feminismus aktuell noch irgendwas zu retten ist. So verwundert es kaum, dass die Vorkämpfer für eine bessere Gesellschaft in der islamischen Welt und die damit verbundenen universell geltenden Frauenrechte nicht materialistische oder queere Feministinnen sondern islamkritische Frauen wie Necla Kelek, Ayaan Hirsi Ali oder Seyran Ates sind. Diese Frauen sind durchaus dazu bereit, den Islam scharf zu kritisieren und benötigen deshalb als Verräterinnen der Umma2 Personenschutz. Im Namen der islamischen Rechtsprechung, der Scharia, wurde über alle drei Frauen eine Fatwa verhängt, was einem Todesurteil gleichkommt.

Die Vermeidung von kritischen Positionen gegenüber der selbsternannten Religion des Friedens zieht sich wie ein roter Faden durch das bunte Potpourri im innerlinken Szenemief. Weder die radikale Linke noch ihre weichgespülte Avantgarde mit Taz-Abo und Feine Sahne Fischfilet auf dem Ipod will begreifen, dass alle Schweinereien, die durch AfD, Identitäre Bewegung und irgendwelche Biobauern vom Lande zusammen begangen werden, nicht einmal ansatzweise an die Gräueltaten im Namen des Islam heranreichen können. Und dennoch wird sich über die mehr als fünfzig Ehrenmorde und Mordversuche allein im Jahr 2018 in Deutschland3 durch Moslems an Moslems ausgeschwiegen, und stattdessen werden ein paar dümmliche Ossis in Chemnitz mit Hitlergruß zur Gefahr für die Demokratie und den Rechtsstaat stilisiert. Wen verwundert es also, dass genau diese Linken, die sich antifaschistisch, antirassistisch und feministisch geben, die universell geltenden Rechte für alle Frauen verraten. Um sich eine Vorstellung davon zu machen, was ausgeblendet werden muss, um weiterhin am Appeasement mit einer totalitären Massenbewegung festzuhalten, folgt jetzt ein Blick auf die Rolle der Frau im Islam.

Bestellt den Acker, wann ihr wollt!

Wie im Juden- und Christentum legalisiert der Islam den Koitus und erlegt ihm Regeln auf. So ist der voreheliche Sex ebenso verboten wie Ehebruch und die Reproduktion unbedingt erwünscht. Im Unterschied zu den beiden anderen genannten Religionen setzt der Islam aber auf eine Maximierung der innerehelichen Sexualität, erklärt also die Fortpflanzung als oberstes Ziel und macht dadurch aus dem Ehebett eine landwirtschaftliche Produktionsstätte. So wird aus der Gattin ein Acker, den es zu bestellen gilt. So kann man in Sure 2, Vers 223 nachlesen: »Eure Frauen sind euch ein Saatfeld, also bestellt euer Saatfeld, wann ihr wollt«.

Betrachtet man also die Rolle der Frau unter dem Aspekt des Saatfeldes, wird schnell klar, dass es mit Freiheit und Emanzipation nicht weit her sein kann. Wie auch, wenn Weiblichkeit im Koran verteufelt wird und das Antlitz einer Frau den Mann von seiner Gotteshingabe ablenkt. Aus diesem Grund ist es beispielsweise dem Moslem strikt untersagt, zu einer fremden Frau zu gehen, da durch ihr Blut Satan fließt und es dem Mann gar nicht anders ergehen könne, als sich diese Frau zu nehmen. Die logische Folge der Dämonisierung von Frauen ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Die Frau wird für Ehebruch durch den Mann ebenso verantwortlich gemacht wie für vorehelichen Sex und Vergewaltigung. Diese Schuldzuweisungen nehmen kuriose Formen an. So machte der muslimische Kleriker Kasem Sedighi das unzüchtige Verhalten von Frauen für Erdbeben im Iran verantwortlich: »Viele Frauen, die sich nicht angemessen kleiden, verführen junge Männer zur Unkeuschheit und verbreiten Unzucht in der Gesellschaft, was letztendlich zu Erdbeben führt«4. Ebenfalls kurios und gleichermaßen barbarisch war die Vergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens 2016 ebenfalls im Iran. Ihr Peiniger konnte damals die Strafe wegen außerehelichem Sex [Anmerkung des Verfassers: nicht Vergewaltigung!] umgehen, da die Mutter des Opfers ihm das Angebot unterbreitete, ihre Tochter nachträglich zu heiraten.5 Man könnte annehmen, mit einer Heirat und dem vermeintlichen Schutz, nicht mehr als Hure verdächtigt zu werden, würde es Frauen im Islam besser ergehen. Diesen Irrglauben kann man mit einem Blick auf die Institution Ehe schnell entkräften.

Vergewaltigung – ein Privileg der Ehe

Denn die Ehe ist keineswegs ein Schutzraum für die moslemischen Frauen. So muss man wissen, dass die sexuelle Verweigerung ein Angriff auf die Ordnung der Umma darstellt und nach islamischem Recht mit Ehebruch gleichgestellt wird. So kann sich der Mann die Frau nehmen, wann er will, und dies bleibt rechtlich konsequenzlos für ihn. Für die Frau bleibt die Weigerung, Sex zu haben, nicht ohne Folgen. So heißt es beispielsweise im Artikel 67 des ägyptischen Code du statut personnel, dem 2008 in Kraft getretenen Gesetz zum Personenstatus: »Eine Frau verliert ihr Recht auf Unterhalt, wenn sie sich ihrem Mann verweigert.« Dabei bricht die Frau nicht nur das Recht ihres Mannes. Mit ihrer Weigerung bringt sie das Verhältnis zwischen Unterhalt und Sexualdienst, welches mit der Prostitution identisch ist, aus dem Gleichgewicht und sabotiert damit die staatstragende Funktion des Koitus und damit die natürlichen Gesetze der Umma. Sprich: Nicht jederzeit bereit zu sein, gleicht einem Angriff auf den Islam! Das betrifft im Übrigen auch die Verweigerung des Beischlafs aus medizinischen Gründen oder die Unfruchtbarkeit einer Frau, was zu einer Scheidung und dem Verlust des Unterhalts, der Wohnung und ihrer Kinder führt. Ein Moslem kann sich seiner Frau jederzeit unbürokratisch und ohne Nennung von Gründen entledigen und sie durch eine andere ersetzen. Die Frau hingegen darf sich nicht durch Scheidung den Zumutungen ihres Gatten entziehen, da mit der Abgabe des traditionellen Brautpreises sie gekauftes Gut ist. Lossagen kann sie sich nur dann, wenn sie sich freikauft. Zwar räumen die meisten islamischen Staaten der Frau mittlerweile das Recht einer Trennung ein. Dies würde aber nur dann funktionieren, wenn sie dem Mann folgendes Fehlverhalten nachweisen kann: längere grundlose Abwesenheit (vier Monate), Inhaftierung, mangelnde ökonomische Versorgung oder ihre Misshandlung. Wo der Unterschied zwischen Misshandlung und Züchtigung, die als legitim gilt, liegt, ist mitunter nie ganz klar. Und da die Rechtsprechung in solchen Ländern ja bekanntermaßen überwiegend Männersache ist, wird häufig im Sinne des Mannes entschieden, was die Entscheidung einer Frau, sich scheiden zu lassen, oftmals hemmt. Nun darf man nicht verschweigen, dass es große Unterschiede in den verschiedenen islamisch geprägten Ländern gibt. Insbesondere in den Ländern, in denen die Scharia nicht als allein geltendes Rechtswesen akzeptiert und mit einem mehr oder weniger funktionierenden Rechtswesen dagegengehalten wird. Das hat zur Folge, dass beispielsweise in Marokko die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Verfassung festgeschrieben ist. Dies steht im Widerspruch zur Scharia und somit auch im Widerspruch zum Islam. Die religiösen Kleriker erkennen die Verfassung nicht an, und somit hat auch dieses Land ein fundamentales Gewaltproblem in Bezug auf Frauen. Scheidungen, die von der Frau ausgehen, sind somit eher die Seltenheit. So kann es nämlich auch nach hinten losgehen, wenn die Frau ihrem Gatten keinen ausreichenden Grund nachweisen kann. Eine daraus resultierende Verstoßung ohne Unterhalt wäre der existenzielle und gesellschaftliche Ruin. Somit ist der Schritt, sich scheiden zu lassen, immer mit einem hohen Risiko für Frauen verbunden, und oftmals bleiben sie ihren Männern ausgeliefert. Um ins Paradies zu kommen, müssen sie sprichwörtlich die Hölle auf Erden durchleben. Verantwortlich dafür ist die Scharia, die den Anhängern dieser Religion ein klar geregeltes Lebenskonzept vorgibt und den Mann über die Frau stellt. Obwohl die Beherrschung der Frau durch den Mann in Bezug auf den Islam doch mehr als offensichtlich ist und als patriarchale Herrschaftsform beschrieben werden könnte, ist eine Verwendung dieser Begrifflichkeit nicht nur unzureichend, sondern auch falsch.

Das kastrierte Patriarchat und der kleine Prinz

Der Mann ist nicht einmal mehr ansatzweise der herrschende Vater der Familie, dessen Stellung als Oberhaupt ökonomisch gerechtfertigt war. Der Mann von heute leitet nur selten das expandierende Familienunternehmen und kommt vielmehr einem frühpubertierenden Jungen gleich, der seine Auto- oder Fußballmagazine als Ausdruck seiner Männlichkeit ins Feld führt. Betrachtet man die Sozialisierung des Mannes im Islam, so wird auch da deutlich, dass hier ein selbst ernannter Familiensouverän selten den Ansprüchen gerecht wird, die an ihn gestellt werden. Das islamische Gesetz koppelt die Stellung des Mannes an seine ökonomische Potenz. Diese schwindet aber zunehmend angesichts der Erfordernisse des globalen Weltmarktes und macht aus Vätern und Söhnen arbeitslose Taugenichtse. Den Söhnen fehlt das für die Ehe und damit die legale Triebabfuhr nötige Kapital. Sie lungern angestachelt und unbefriedigt auf den Straßen Kairos, Gazas oder Neuköllns herum, während die Väter ihre Versorgungsfähigkeit und somit ihr von der Scharia garantiertes Recht auf sexuellen Gehorsam einbüßen. Nicht selten sind die Resultate auf diese erlebte Ohnmacht Angst, Depression und Frustration. Dieser labile Zustand der männlichen Protagonisten schlägt regelmäßig in Gewalt um. Sie richtet sich gegen alles vermeintlich Schwächere und vor allem gegen das, was sie in ihrer erzwungenen Vormachtstellung bedroht. Jenes Phänomen ist mitunter – tendenziell ähnlich – auch bei Männern mit nicht-islamischem Background zu beobachten und unterscheidet sich nur in der Quantität. So wurde in einer Umfrage der türkischen Universität Kirikkale und der Organisation »Glückliche Kinder« unter 3.500 türkischen Männern nachgewiesen, dass in der Türkei Gewalt gegen Frauen durchaus selbstverständlich ist.6 Laut der Befragung befürworten 62 Prozent der türkischen Männer Gewalt gegen ihre Ehefrauen. Ähnliche Studien wurden auch in Ägypten, Tunesien und Marokko durchgeführt und kamen zu einem ähnlichen Ergebnis.7 Ägypten soll, laut einer Umfrage der Thomson Reuters Foundation, in Sachen Gewalt und sexuelle Übergriffe gegen Frauen eines der gefährlichsten Länder der Welt sein.

Man muss sich also die Frage stellen, warum insbesondere Männer aus islamisch geprägten Ländern eine so hohe Affinität zur Gewalt zeigen. Zum einen liegen die Gründe in der fehlenden Hemmschwelle, die sonst durch staatliche Repressionen verursacht wird. Zum anderen finden sich Ursachen im Erziehungsstil muslimischer Mütter. Durch das Heranziehen kleiner Prinzen, die mit dem Glauben aufwachsen, der Größte und Stärkste zu sein, wird die Konfrontation mit dem Realitätsprinzip und der dadurch resultierenden Kränkung zur Gefahr für Alles, was den islamischen Mann umgibt. Auch wenn sich in Ländern, in denen der Islam staatstragend ist, noch so sehr gegen die Moderne gewehrt wird, so durchdringt sie als Resultat des Kapitalverhältnisses jede Gesellschaftsform und hinterlässt weniger Patriarchen als viel mehr narzisstische Persönlichkeiten. Diese erfahren durch ihre eigene Ohnmacht regelmäßig Kränkungen. Je gekränkter die Männer, umso verbissener halten sie an ihrer Stellung fest und kompensieren mit Gewalt und Tugendterror gegen Frauen und eben auch gegen Töchter. Diese Kanalisierung narzisstischer Kränkungen hört nicht bei der eigenen Familie oder dem Kulturkreis auf. Sie richtet sich ebenso gegen sogenannte westliche Huren, die sich haram kleiden, sowie allgemein gegen den Westen mit all seinen zivilisatorischen Standards. An solchen pathologischen Reaktionen hat die Mutter einen großen Anteil. Die Unfähigkeit vieler moslemischer Männer, in die Erwachsenenwelt einzutreten, ist der nie gelösten Abhängigkeit von der Mutter geschuldet. Sie ist diejenige, die ihren Söhnen Allmachtsfantasien vermittelt und ein Leben ohne Verantwortung verspricht. Das Gesetz der Mutter ist geprägt von Abhängigkeit und verbotener Lust. Erst wenn sich das Kind im ödipalen Dreieck (Mutter-Vater-Kind) selbst ausgeschlossen fühlt und dadurch ein Bewusstsein von Getrenntheit bekommt, erfüllt es die Voraussetzung für Individuation. Diese Getrenntheit erfahren viele muslimische Jungen im Gegensatz zu ihren Schwestern nicht. Durch die vermeintlich untrennbare Bindung an die Mutter entsteht eine narzisstisch-inzestuöse Struktur. Die Mutter fungiert hier sowohl als Lustobjekt als auch als Lusttöter. So gab es beispielsweise in Marokko den Vorschlag, dass eine Frau sich mit einem Mann erst dann das Büro teilen darf, wenn sie dem Mann die Brust gegeben hat und somit nicht mehr Lustobjekt sein kann, sondern sich eine Art Mutter-Kind-Beziehung entwickelt.8 So absurd sich dies anhören mag, so demütigend ist es aus Sicht der Frau. Ihr bleibt nur die Unterwerfung als Frau oder die als unterwerfende Mutter. Jede Frau, die nicht dem Idealbild der Mutter entspricht, wird als bedrohlich wahrgenommen. Jede Bedrohung des Selbst löst bei narzisstischen Persönlichkeiten Gewalt aus. Unter dem Vorhang der Ehre wird diese Selbstüberhöhung dann kanalisiert. Die immens hohe Anzahl an Ehrenmorden durch junge Moslems in Deutschland muss unter Berücksichtigung dieser Abhängigkeit untersucht werden. So entlarvt Tjark Kunstreich in seinem Artikel Muttis Gesetz in der Zeitschrift Bahamas anhand des Mordes eines 18-jährigen Afghanen an seiner 14-jährigen Schwester 2017 die Mutter als eigentliche Auftraggeberin des Ehrenmordes. Das gelingt ihr in der Rolle als Gewährende und als unter der Versündigung ihrer Tochter leidende Person. Ermordet wurde das junge Mädchen vom jüngsten Sohn der Familie, um nach eigener Aussage die Familienehre wiederherzustellen und seine Mutter zu rächen. Die Mutter musste also den Befehl zur Tötung nicht einmal aussprechen. Es reichte völlig, die ewig Leidende zu spielen, um ihren phallischen Ersatzobjekten (also ihren Söhnen) verständlich zu machen, was zu tun ist.

Die gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen begreifen Frauen im Islam nur als passiv duldende Wesen oder Opfer. Deshalb wurde sich in den Ermittlungen zum Ehrenmord auch ausschließlich auf die männlichen Protagonisten konzentriert. Die Annahme, es könnten nur islamische Männer zu solchen Taten fähig sein, ignoriert die Macht, die durch die Mutter innerfamiliär ausgelebt wird und auch in die den Männern vorbehaltene Außenwelt dringt. Der Vater, der laut Kunstreich nur noch ein kastrierter Patriarch sein kann, fungierte bei diesem Mord nur als um sich schlagender Terrier, der seine Tochter regelmäßig zu züchtigen versuchte. Die Aussage des Opfers bei der Polizei vor ihrer Ermordung – bevor es seinen Verletzungen erlag –, beschrieb diese Misshandlungen durch den Vater im Beisein der anfeuernden Mutter. Wer wider des Wissens um die Einflussnahme der Mutter auf die Taten ihrer Männer und Söhne immer noch vom Patriarchat als Ursprung des Bösen spricht, verkennt absichtlich einen Zusammenhang, der sich nicht auf die einfache Formel »Frau gut – Mann böse« herunterbrechen lässt. Ebenso wird die Tatsache verkannt, dass auch ein kastriertes Patriarchat keins mehr sein kann.

Kuschelgruppe Antifa

Die Verfallserscheinung des Patriarchats und die Wiederbelebung dieses Popanzes sowie die Tatsache, dass auch Mütter zu allerlei Unheil fähig sind, macht den Begriff für die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse komplett unbrauchbar. Wer es ernst meint mit der Befreiung der Frau, der scheut sich nicht vor Kritik an menschenfeindlichen Ideologien und protestiert gegen die Toleranz und Akzeptanz, die ihnen die Gesellschaft entgegenbringt und die sich von den Universitäten in die Politik bis hin zu richterlichen Urteilen ihre Bahnen bricht. So geschehen als eine Frankfurter Richterin im Jahre 2006 einer Marokkanerin, die über mehrere Jahre von ihrem Mann misshandelt wurde, die schnelle Scheidung verwehrte und dies mit dem Züchtigungsrecht des Mannes im Islam begründete. Sie verwies in einem Schreiben auf den Koran, wo die Ehre des Mannes an die Keuschheit der Frau gebunden sei. Daraus würde sich ergeben, dass es für einen islamisch erzogenen Mann schon eine Ehrverletzung sein könne, wenn die Frau nach westlichen Kulturregeln lebt.9 Auch wenn dieses Urteil damals skandalisiert wurde, so zeigt es, welcher Irrsinn durch fehlgeleitete und kultursensible Toleranz Einzug in die Gesellschaft erhält. Solche Tendenzen dürfen nicht unwidersprochen hingenommen werden. Und dennoch scheint die lokale Antifa aktuell die größte Bedrohung für Frauenrechte nicht im Islam zu erkennen, sondern im Frauenbild einer völkischen Politsekte aus Halle. Jedenfalls fanden sich hunderte Antifaschisten im April 2018 zusammen, um gegen einen Ableger der Identitären Bewegung unter dem Motto »Konsequent. Feministisch. Antifaschistisch.« zu demonstrieren. Der Islam scheint beim verantwortlichen Bündnis Kick Them Out keine große Rolle zu spielen. Gibt man auf ihrem Blog das Schlagwort Islam ein, findet man nur zwei Einträge.10 Alle beide stammen aus einem islamkritischen Redebeitrag der Gruppe Gegen deutsche Normalität, die während und nach der Demo von vielen Teilnehmern kritisiert und runtergemacht wurden. Denn das antifaschistische Bündnis und seine vielen hundert Unterstützer wissen, dass das Patriarchat in der Adam-Kuckhoff-Straße wohnt und konsequent feministisch bekämpft werden muss. Wer diesen Antifaschismus eher inkonsequent und lächerlich findet und nicht zur breiten Volksfront unteilbarer Idioten zählen möchte, der ist herzlich eingeladen am 21. Dezember 2018 gegen eine Salafisten-Moschee in Leipzig zu demonstrieren und den Mackern in diesem hässlichen Haus den Kampf anzusagen. Wessen Rechtspopulismusradar jetzt ausschlägt, dem wünsche ich weiterhin viel Spaß beim linken Gruppenkuscheln mit den alten Poppunkern von den Toten Hosen, der Helene-Fischer-Cover-Band Feine Sahne Fischfilet und vielen engagierten Politikern mit denen die Antifa momentan auf Kurs ist. Denn das Betreiben stupider Selbstvergewisserung und das Bedürfnis mit Campino, Monschi und Frank-Walter zu klüngeln ist letztendlich Ausdruck eines Antifaschismus, der nichts kostet und bereits zur Triebfeder für den Verrat an der Freiheit geworden ist.

Florian Pätzold

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Thomas Maul: Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus, Freiburg 2010.

Evelyn Heinemann: Männlichkeit, Migration und Gewalt. Psychoanalytische Gespräche in einer Justizvollzugsanstalt, Stuttgart 2008.

Jan Gerber: Vive la différence! Die Abschaffung der Geschlechter, in: Bahamas Nr. 61.

Tjark Kunstreich: Muttis Gesetz. Die Angleichung des Westens an die islamische Kultur, in: Bahamas Nr. 77.

 

Anmerkungen:

1 Vgl. hierzu den Artikel Die feministische Wiederbelebung des Patriarchats in dieser Ausgabe.

2 Die religiös fundamentierte Gemeinschaft aller Moslems.

3 Vgl. hierzu: http://ehrenmord.de/doku/2018/doku_2018.php.

4 Vgl. hierzu: http://www.spiegel.de/panorama/iran-geistlicher-macht-freizuegige-frauen-fuer-erdbeben-verantwortlich-a-689956.html.

5 Vgl. hierzu: https://www.welt.de/vermischtes/article160189465/Maedchen-vergewaltigt-Mutter-macht-dem-Taeter-ein-Angebot.html.

6 Vgl. hierzu: https://www.welt.de/vermischtes/article115427763/Mehrheit-der-Tuerken-ist-fuer-Gewalt-gegen-Frauen.html.

7 Vgl. hierzu: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sexuelle-belaestigung-in-aegypten-fast-jede-frau-betroffen-a-1183910.html.

8 Vgl. hierzu: https://www.huffingtonpost.de/entry/muslimische-schriftstellerin-erklart-sex-angste-von-islamisten_de_5bbdff63e4b028e1fe43ca45.

9 Vgl. hierzu: https://www.welt.de/politik/article772111/Richterin-verweist-auf-Zuechtigungsrecht-im-Koran.html.

10 Zu überprüfen unter: https://kickthemout.noblogs.org/.

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Hoffnung keimt auf, wenn sich Feministen nicht mehr »queer«, sondern »materialistisch« nennen. Das vergangene Jahr darf mit Sicherheit als das Jahr des sogenannten »materialistischen Feminismus« bezeichnet werden: Seine Vertreter wurden von TOP Berlin zum Symposium geladen, die Humboldt-Universität organisierte ihnen einen dreitägigen Kongress, und eine Wiener Tagung zum Thema zog laut Veranstaltern über 600 Besucher an. Koschka Linkerhand, die als Frontfrau des materialistischen Feminismus durch die Republik tourt, veröffentlichte im letzten Jahr ihren Sammelband Feministisch streiten, das Handbuch der neuen Bewegung. Dass immer größere Teile der radikalen Linken Abstand nehmen von queerer Theorie und Praxis, ist erfreulich. Doch während die heutigen Feministen die Fehler der Dritten Welle der Frauenbewegung nach und nach erkennen, wiederholen sie wider besseren Wissens die der Zweiten.

Keine feministische Veranstaltung und kein noch so kurzer Text kommen ohne den Verweis auf das übermächtige Patriarchat aus, das in allen Ecken lauere und einfach nicht klein zu kriegen sei. Was sich hinter dem Begriff verbirgt, interessiert dabei nur die Wenigsten. Denn längst wissen alle, dass »patriarchatskritisch« zu sein, keine inhaltliche Aussage ist, sondern eine Selbstverortung, die die Zugehörigkeit zur eigenen Szene bekräftigt. Der Kampf gegen das Patriarchat ist der feministische Kitt, der sozial engagierte Akademiker und Punks mit »Macker aufs Maul«-Buttons zusammenbringt. Einige Feministen werfen Provinzpunkern ihr männliches Gehabe vor, andere arbeiten sich am Frauenbild der Neuen Rechten ab und ein paar Wenige üben angeblich sogar Islamkritik. Die einen reflektieren ununterbrochen sprachliche Sexismen, andere beten das Verhältnis von Geschlecht und Kultur in der Dialektik der Aufklärung rauf und runter. Wieder andere wollen im Anschluss an Roswitha Scholz zeigen, dass der Wert lieber Hosen als Röcke trägt. So verschieden die Themen linksliberaler und linksradikaler Feministen auch sein mögen, sie finden immer wieder zusammen, weil sie genau wissen, wo der gemeinsame Feind steht.11 Was gerade seinen Aufstieg feiert, ist eine neue linke Sammlungsbewegung – Aufstehen gegen das Patriarchat.

Das Patriarchat ist tot …

Wenn man auf die Frage, was nun dieses Patriarchat sei, vielleicht doch mal eine Antwort erhält, wird diese ungefähr folgendermaßen ausfallen: Es handle sich um die allgemeine Männerherrschaft, um eine gesamtgesellschaftliche Struktur, die Frauen systematisch benachteilige. Jedenfalls würden wir alle in patriarchalen Verhältnissen leben – darin sind sich zahlreiche Antideutsche, Die Zeit und Heiko Maas einig. Ganz anders würden das die Ikonen der Ersten Frauenbewegung sehen. Für sie stand der Begriff des Patriarchats für eine bestimmte historische Konstellation.

Louise Otto-Peters, die bekannteste Vertreterin der bürgerlichen Ersten Frauenbewegung in Deutschland, bezeichnete 1866 in Das Recht der Frauen auf Erwerb ausschließlich die spätfeudale Familie als »patriarchal«. Im frühen 19. Jahrhundert war das ganze Leben noch auf die Hausgemeinschaft beschränkt – man wohnte und arbeitete am selben Ort. Paradigmatisch für die spätfeudale Familie ist das Haus des Zunfthandwerkers, in dem der Meister, seine Frau und die Kinder sowie der Geselle und der Lehrling alle unter einem Dach lebten und produzierten. Dabei nahm der Vater – in diesem Falle der Meister – eine besondere Stellung ein: Er lenkte die Geschäfte des Hauses. Seine Macht basierte auf persönlichem Zwang gegenüber den anderen Familienmitgliedern; er bestimmte, wie der Laden läuft; alle mussten sich ihm unterordnen. Der Vater war Feudalherr im Kleinen. Gleichzeitig hatte er jedoch die Verantwortung, für das Auskommen aller zu sorgen. Im Unterschied zum heutigen Mann, der oft genug nicht mal für sein eigenes Leben Verantwortung übernehmen will, musste der Vater in der patriarchalen Familie die ganze Hausgemeinschaft organisieren. Der Begriff des Patriarchats begann seine feministische Laufbahn also in seiner wörtlichen Bedeutung, als Verallgemeinerung vom »herrschenden Vater« der Familie im frühen 19. Jahrhundert. Für die Erste Frauenbewegung bezeichnete das Patriarchat ein bestimmtes Familiensystem, das sich zu ihrer Zeit schon aufgelöst hatte.

Der technische Fortschritt der Produktionsmittel führte zu massiven Veränderungen in der Produktionssphäre, so dass der feudalen Lebensweise der Boden entzogen wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Auflösung traditioneller Hausgemeinschaften, ausgelöst durch Industrialisierung und Aufhebung des Zunftzwangs. Produziert wurde jetzt vermehrt in der Fabrik oder zumindest in größeren Betrieben. Wer weiter als kauziger Handwerksmeister zuhause arbeiten wollte, bekam das Diktat des Marktes zu spüren. Mit der Veränderung der Produktionsverhältnisse bildeten sich neue Formen familiären Zusammenlebens heraus: die bürgerliche und die proletarische Familie. Wohnung und Arbeitsort waren jetzt räumlich getrennt. Die Familie entstand als Privatbereich, Kindererziehung und gegenseitige Fürsorge zwischen den Familienmitgliedern gewannen an Gewicht. Das Ideal der romantischen Liebe setzte sich durch. Weder dem proletarischen noch dem bürgerlichen Vater gelang es noch, die Rolle des Patriarchen in der traditionellen Familie zu besetzen. Die Herrschaft des kleinen Feudalherrn war unwiderruflich gebrochen.12 Die Erste Frauenbewegung bezeichnete deshalb die entstehenden bürgerlichen Verhältnisse nicht mehr als patriarchal. Für sie war das Patriarchat Indikator dafür, die Veränderungen der Familienformen und Geschlechterbeziehungen durch die einsetzende kapitalistische Entwicklung verständlich zu machen.

… es lebe das Patriarchat!

Mit dem Aufkommen der Zweiten Frauenbewegung Ende der 1960er-Jahre änderte sich die Bedeutung von ›Patriarchat‹ schlagartig: Sie wurde von konkreten gesellschaftlichen Zuständen abgelöst. Seitdem bezeichnet der Begriff überhaupt nichts Wirkliches mehr, sondern ist zum Label verkommen, unter dem gedankenlos sämtliche Benachteiligungen von Frauen eingeordnet werden. Indem über alle Räume, Zeiten und gesellschaftlichen Dimensionen hinweg verallgemeinert wird, geht die Fähigkeit zur Differenzierung verloren. Der Patriarchatsbegriff wird damit leer und unbrauchbar. Wer bei jeder Gelegenheit mit ihm um sich wirft, erweist dem feministischen Anliegen einen Bärendienst. Eine fundierte Analyse des Geschlechterverhältnisses wird so verunmöglicht. Sie müsste gerade die weltweiten Unterschiede und historischen Veränderungen zu ihrem Ausgangspunkt machen und die Frage stellen, warum, wo und wie Frauen konkret benachteiligt werden.

Diese Kritik an der Universalisierung des Patriarchatsbegriffs war bereits in der Zweiten Frauenbewegung präsent – vertreten durch ihren vernünftigeren Teil, der die Gesellschaftskritik nicht so leichtfertig auf dem Altar der feministischen Einheit opferte. Karin Hausen, eine Pionierin der historischen Geschlechterforschung, erklärte etwa 1986 in ihrem Artikel Patriarchat. Vom Nutzen und Nachteil eines Konzepts für Frauengeschichte und Frauenpolitik, der Ausdruck werde »inflationär als Flickwort« verwendet. Sobald man mit seinem Latein am Ende ist, muss eben das übermächtige Patriarchat als stumpfe Welterklärung herhalten. Noch heute machen sich die Wenigsten die Arbeit, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Egal worum es geht – sei es Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt oder Genitalverstümmelung – schuld ist immer das Patriarchat.

Hausen blieb dabei jedoch nicht stehen, sondern erklärte auch, warum die Begriffslosigkeit für ihre Zeitgenossen so verlockend war. Ihr zufolge ist die Rede vom Patriarchat »ein politisch nützlicher Kampfbegriff«. Sie fügte hinzu: »Die Kampfansage gegen das ›Patriarchat‹ und die ›patriarchalischen‹ Verhältnisse [dienen] als gemeinsamer Nenner der politischen und wissenschaftlichen Mobilisierung und Verständigung«. Dem schloss sich Gudrun-Axeli Knapp, die in den 1980er- und 90er-Jahren die Frauenforschung mit an der Kritischen Theorie geschultem Denken herausforderte, in Die vergessene Differenz von 1988 an: »Unübersehbar ist […] die politische Bindefunktion des Konzepts [Patriarchat], die mit einer starken affektiven Besetzung verbunden ist. Auf die Aufforderung, zu differenzieren – so meine Erfahrung in der Lehre und in Diskussionen in autonomen Zusammenhängen – wird daher häufig mit Angst vor Orientierungsverlust und Abwehr von Theorie reagiert.«

Dass Hausens und Knapps Analyse noch mehr als drei Jahrzehnte später von bestechender Aktualität ist, stellt ein Armutszeugnis für den Feminismus aus. Der schwammige Patriarchatsbegriff, den die Frauenbewegung seit der Zweiten Welle mit sich herumschleppt, hat noch nie dabei geholfen, die Gesellschaft zu verstehen, weil er alle wichtigen Fragen zudeckt. Er dient vielmehr als Welterklärung, mit der sich jede inhaltliche Leerstelle überdecken lässt, sowie als Kampfbegriff, der die feministische Szene zusammenhält, weil er so unkonkret bleibt, dass sich jeder unter ihm vorstellen kann, was er will. Mit ihm lässt sich hervorragend Politik machen: Wenn irgendetwas »patriarchal« genannt wird, weiß zwar niemand genau, was das bedeutet – der moralischen Empörung kann man sich aber sicher sein.

Die sogenannte Islamkritik der materialistischen Feministen belegt, dass sich seit den 1980er Jahren nicht viel verändert hat. Koschka Linkerhand erzählt in Feministisch streiten: Die Entrechtung von Frauen durch den Islam sei schlimm, und das Kopftuch als Symbol auch. Jedoch sei die Situation von Frauen im Islam strukturell der im Westen ähnlich, weil es in beiden Fällen das Patriarchat sei, das sie unterdrücke. Deshalb kommt sie zu dem Schluss, Burka und Spitzen-BH seien nur zwei Seiten derselben Medaille.13 Von Islamkritik zu sprechen, um dann islamische Frauenfeindlichkeit zu relativieren, indem man hauptsächlich angebliche Gemeinsamkeiten mit dem Westen erfindet, ist übler Zynismus. Die systematische Unbestimmtheit des Begriffs vom Patriarchat basiert nicht nur auf einer falschen Analyse, sondern tendiert bereits zum Verrat an unter dem Islam leidenden Frauen.14 Zuallererst hätte man festzustellen, dass es sich um völlig unterschiedliche Verhältnisse handelt, dass also das islamische Frauenbild vom westlichen strikt zu unterscheiden ist.

Revolutionärer Geschlechterkampf

So modern sich die materialistischen Feministen auch geben, so alt ist ihre Verwendung des Patriarchatsbegriffs – und so alt sind ihre theoretischen Grundlagen. Den Großteil hat man sich von der EXIT!-Theoretikerin Roswitha Scholz geborgt. Ihre sogenannte »Wert-Abspaltungs-Kritik« aus den 1990er-Jahren besagt, dass die kapitalistische Gesellschaft nur bestehen könne, weil Männer Frauen strukturell ausbeuten. Der Wert sei männlich und habe eine abgespaltene Schattenseite, die weiblich sei. Deshalb sei die Produktionssphäre – die Arbeit im Betrieb, wo man viel Geld verdiene – Sache der Männer. Die Reproduktionssphäre – Kindererziehung, Pflege, Haushalt sowie Interesse am Anderen, das man heute nur noch als »emotionale Arbeit« kennt – sei Sache der Frauen. Diese Trennung männlicher und weiblicher Sphären sei die Grundlage des allgemeinen Patriarchats, das immer weiter bestehen müsse, solange die kapitalistische Gesellschaft existiert, weil der Wert selbst ja männlich sei. Es wird behauptet, alle Menschen würden im warenproduzierenden Patriarchat leben, und die Unterdrückung der Frau ermögliche erst dies Produktionsverhältnis.

Die materialistischen Feministen haben diese Thesen in Gänze übernommen. Nur: Mit der Wertkritikerin Scholz lässt sich keine Revolution machen, schon gar kein Aktivismus begründen. Denn Scholz wartet weiterhin stur auf das (kurz bevorstehende) Ende kapitalistischer Vergesellschaftung. Deshalb muss ein zweites Standbein her: das politische Subjekt Frau. Die Idee dahinter ist, dass sich alle Frauen als Schwestern begreifen müssten, die das gleiche Los teilen. Sie sollen sich als Frauen begegnen, organisieren, gegenseitig unterstützen und gemeinsam gegen die Männer auf die Barrikaden gehen. Dieses Konzept einer nach innen schützenden und nach außen aggressiven Schwesternschaft zwischen allen Frauen ist ebenfalls ein Erbe der zweiten Frauenbewegung, für das nicht zuletzt Alice Schwarzers Kleiner Unterschied von 1975 steht.

Beide Elemente zusammengenommen – das Patriarchat als universelles Strukturprinzip der Gesellschaft und das Kollektivsubjekt Frau, das es umwerfen soll – ergeben recht genau den Stand des Feminismus in den Siebzigerjahren. Die frühe Zweite Frauenbewegung machte Männer und Frauen zu zwei Klassen der Gesellschaft, die sich unversöhnlich gegenüberstünden. Eindrucksvolles Beispiel dafür ist Shulamith Firestones Frauenbefreiung und sexuelle Revolution von 1970, das als einer der großen Klassiker des Feminismus gilt.15 Auch die französische Feministin Christine Delphy, die bereits 1976 einen Artikel mit Für einen materialistischen Feminismus überschrieb, blies das Patriarchat zum Hauptwiderspruch der Gesellschaft auf.16 Über die unterdrückte Klasse der Frauen erzählten die Feministen der 1970er Jahre genau das, was Linke seit jeher über die Arbeiterklasse sagen. Das heißt, dass Frauen im selben Sinne eine unterdrückte Klasse seien wie Arbeiter. Alle Mitglieder des unterdrückten Geschlechts befänden sich objektiv in der gleichen Lage. Frauen hätten deshalb ein geteiltes Interesse daran, das bestehende System umzuwerfen. Nur sie könnten die Falschheit der Verhältnisse erkennen, weil sie einen bestimmten Standpunkt und geteilte Erfahrungen hätten. Deshalb müssten sich Frauen organisieren, um im gemeinsamen Kampf gegen ihre Unterdrücker eine Revolution zu erfechten, die sie emanzipiert und die gesellschaftliche Herrschaft abschafft.

Die frühe Zweite Frauenbewegung richtete also den Geschlechterkampf nach dem Vorbild des Klassenkampfes aus. Das politische Subjekt Frau entspricht dem Proletarier, das Geschlechterverhältnis ersetzt das Kapitalverhältnis. Dieses Denken greift der aktuelle materialistische Feminismus wieder auf. Begründet liegt es seinerseits in den spezifischen Voraussetzungen der Zweiten Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre.

Marx feministisch gelesen

Die späten 1960er Jahre waren die Zeit der europäischen Studentenbewegungen und der New Left in den USA. Die New Left knüpfte nicht an den Marxismus der alten Arbeiterbewegung an – der war ohnehin tot –, sondern nahm Impulse aus der Bürgerrechtsbewegung auf. Es wurde weniger über die Befreiung aller Menschen gesprochen als über die Unterschiede zwischen den Menschen, insbesondere über Hautfarbe, Geschlecht und Sexualität. Auch in Deutschland wurde der Universalismus, die Idee der einen Menschheit, durch den Partikularismus abgelöst, der jedem Grüppchen sein Stück vom Kuchen garantieren soll. In dieser Verschiebung spiegelt sich unter anderem wider, dass man die Grenzen des ökonomischen Wachstums bereits erahnen konnte. Ohne den Siegeszug des Partikularismus lässt sich die Entstehung der Zweiten Frauenbewegung nicht erklären. Im gleichen Maße war sie jedoch ein Zerfallsprodukt der 68er-Bewegung.

Die deutsche Studentenbewegung war mit dem Ziel angetreten, die Verhältnisse umzuwerfen. Recht schnell wurde jedoch klar, dass daraus nichts werden sollte. Spätestens als alle Proteste gegen die Notstandsgesetze und der Generalstreik in Frankreich gescheitert waren, musste man einsehen, dass die Revolution nicht auf der Tagesordnung stand. Aus dem Gefühl der Niederlage suchten verschiedene Gruppen unterschiedliche Auswege. Den endgültigen Zerfall der Studentenbewegung markieren die RAF, die K-Gruppen und die Neuen Sozialen Bewegungen. Letztere gaben die Kritik der Gesellschaft zugunsten partikularer Themenfelder wie Frieden oder Atomkraft auf.

Der Beginn der Zweiten Frauenbewegung hängt eng zusammen mit dem Zerfall der Studentenbewegung. Sie wendete sich einer der Partikularitäten zu, die nun zu dominieren begannen – dem Geschlecht. Ihre Voraussetzungen waren dabei recht günstig: Erstens erlangten junge Frauen in den 1960er Jahren ein neues Selbstbewusstsein. Ihnen erschienen die letzten im Zerfall begriffenen Schranken daher als vollkommen unzeitgemäß, sodass sich ein großes Potenzial für die neue Bewegung ergab. Zweitens hatten die männlichen Genossen des SDS bewiesen, dass ihnen die Anliegen von Frauen nicht allzu wichtig waren. Das Aufbegehren der Frauen gegen sie, zu dessen Symbol der Tomatenwurf Sigrid Rügers auf Hans-Jürgen Krahl bei der 23. Delegiertenkonferenz des SDS wurde, war nachvollziehbar und öffentlich vermittelbar.

All diese Faktoren trugen dazu bei, dass das Geschlecht politisch so zentral werden konnte. Während die neu entdeckte Partikularität ihren eigenen Stellenwert erhielt, musste sie allerdings mit den Kategorien vermittelt werden, die man schon kannte. Da gesellschaftskritisches Denken noch mit dem Erbe von Marx und Engels verfilzt war, wurde das Patriarchat kurzerhand zum Strukturprinzip der Gesellschaft erklärt und der Geschlechterkampf nach der Schablone des Klassenkampfs geformt. So mutete der Feminismus revolutionär an und konnte an bisherige Überzeugungen anknüpfen. Dass die Protagonisten der frühen Zweiten Frauenbewegung mit Marxschen Begriffen hantierten, dürfte weniger daran gelegen haben, dass diese so gut auf den Gegenstand gepasst hätten, als an ihrem bekannten und revolutionären Klang.

Der heutige materialistische Feminismus knüpft mit seinen Kategorien an die Zweite Frauenbewegung an. Das Patriarchat als universelles Strukturprinzip der Gesellschaft und das politische Subjekt Frau sind relativ einfache Übertragungen des marxistischen Vokabulars, mit denen man in der Linken gut Anschluss findet und sich einen gesellschaftskritischen Anstrich verpassen kann. Zum Verständnis des Geschlechterverhältnisses tragen sie hingegen kaum etwas bei. Damit werden die Fehler der Zweiten Frauenbewegung schlichtweg wiederholt.

Neue Fronten, alte Einheit

Zwar ist der materialistische Feminismus keineswegs so neu wie er behauptet und wärmt vieles auf, was aus der Zweiten Frauenbewegung bekannt ist. Sein Kontext ist aber ein anderer. Heute finden die allermeisten Feminismus ganz wichtig, obwohl und weil sich die gesellschaftliche Situation von Frauen in den letzten 50 Jahren verbessert hat. Der größte Gegner des materialistischen Feminismus ist deshalb auch nicht die angeblich so sexistische Gesellschaft, sondern der Queerfeminismus. Ihn will man vor allem übertrumpfen. Die Chancen dafür stehen gut, zumal man seinen Anhängern mit der Beschwörung von weiblicher Identität und Schwesternschaft ein gutes Stück entgegenkommt, das heißt, vieles mit ihm teilt.

Der Kampf gegen die konkurrierende Queer-Strömung prägt die materialistischen Feministen. Sie belobhudeln vor allem die eigene Bewegung und versuchen, möglichst viele Anhänger hinter sich zu scharen, machen also Politik im schlechtesten Sinne. Dadurch wird das, worauf es ankäme, zweitrangig: das Begreifen der Gesellschaft. Das würde unter anderem bedeuten, Begriffe – wie den des Patriarchats – nicht als Universalwaffe, sondern mit einem klaren Erkenntnisinteresse zu verwenden. In dieser Hinsicht könnten heutige Feministen einiges von der Ersten Frauenbewegung und gewissen Teilen der Zweiten lernen.

Die Chancen dafür wiederum stehen aber denkbar schlecht, denn der materialistische Feminismus recycelt eine weitere unselige Tradition der Zweiten Frauenbewegung: Seine Betonung der Schwesternschaft zwischen allen Frauen ist nicht bloß Ausdruck eines verkehrten Verständnisses der Gegenwart, sondern ebenso der Suche nach weiblichem Zusammenhalt geschuldet. Als Basis für den Feminismus empfiehlt Koschka Linkerhand in Feministisch streiten neben »Schwesterlichkeit« auch »Leidenschaft«, ein »solidarisches und enthusiastisches Zusammenhalten« sowie einen »liebevollen oder gar erotischen Umgang unter Frauen«. Sie schreibt: »Feminismus entsteht dort, wo Frauen die Lust und Notwendigkeit spüren, sich aufeinander als Frauen zu beziehen und einzulassen«. All das sind wichtige Voraussetzungen für eine lesbische Beziehung, nicht aber für Gesellschaftskritik. Zu diesem Bedürfnis einer gefühlsmäßigen Verbundenheit wurde in der feminismuskritischen Frauenzeitschrift Die Schwarze Botin bereits alles gesagt. In deren erster Ausgabe von 1976 erklärten die Herausgeber zu ihrer »Beziehung zur Frauenbewegung«, sie »beginnt für uns da, wo der klebrige Schleim weiblicher Zusammengehörigkeit sein Ende hat.«

Paul-Holger Seiden

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Christine Delphy: Close to Home. A Materialist Analysis of Women’s Oppression, Amherst 1984.

Die Schwarze Botin: Schleim oder Nichtschleim, das ist hier die Frage. An Stelle eines Vorwortes, in: Die Schwarze Botin, Bd. 1, 1976, teilweise nachgedruckt in: Ilse Lenz (Hg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 2008.

Shulamith Firestone: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, Frankfurt a.M. 1975.

Karin Hausen: Patriarchat. Vom Nutzen und Nachteil eines Konzepts für Frauengeschichte und Frauenpolitik, in: Journal für Geschichte 1986, Nr. 5.

Gudrun-Axeli Knapp: Die vergessene Differenz, in: Feministische Studien, Bd. 6, Nr. 1, 1988, nachgedruckt in: Gudrun-Axeli Knapp: Im Widerstreit. Feministische Theorie in Bewegung, Wiesbaden 2012.

Koschka Linkerhand (Hg.): Feministisch streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen, Berlin 2018.

Louise Otto-Peters: Das Recht der Frauen auf Erwerb. Blicke auf das Frauenleben der Gegenwart, Berlin 2015.

Heidi Rosenbaum: Formen der Familie. Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstruktur und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 1982.

Roswitha Scholz: Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats, Bad Honnef 2000.

Alice Schwarzer: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich. Beginn einer Befreiung, Neuausgabe, Frankfurt a.M. 2002.

Alice Schwarzer (Hg.): Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz, Köln 2002.

 

Anmerkungen:

11 Linkerhand macht daraus auch gar kein Geheimnis. In der Einleitung zu Feministisch streiten erklärt sie: »[Es] muss im Vordergrund stehen, dass – bei aller notwendigen innerfeministischen Kritik – der Feind das Patriarchat ist, nicht die andere Feministin.« Damit ist übrigens gleich mitgesetzt, dass es Kritik nur innerfeministisch geben darf. Was das für die Kritik Außenstehender bedeutet, beleuchtet das Flugblatt der AG No Tears for Krauts in diesem Heft.

12 Zum historischen Wandel der Familienformen vergleiche Heidi Rosenbaums Studie Formen der Familie.

13 Im Kapitel Nestbeschmutzerinnen. Zum Stand der feministischen Islamkritik schließt sich Linkerhand der Behauptung Alice Schwarzers an, dass »Verhüllung und Entblößung von Frauenkörpern zwei Seiten derselben patriarchalen Medaille sind«, die im Vorwort zu Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz auftaucht. Dort verkennt auch Schwarzer die elementaren Unterschiede zwischen westlichem und islamischem Frauenbild, zumal sie fortfährt, dass auf der Medaille »geschrieben steht: Frauen sind der Besitz der Männer«.

14 Es reicht schon jetzt so weit, dass Linkerhand auf Abstand geht zu den Islamkritikern Necla Kelek und Ayaan Hirsi Ali, weil sie unter anderem »für patriarchale Strukturen im Westen unempfindlich« seien.

15 Das Buch ist auch bekannt unter seinem englischen Originaltitel The Dialectic of Sex. The Case for Feminist Revolution.

16 Der Text heißt im französischen Original Pour un feminisme materialiste und findet sich in englischer Übersetzung im Sammelband Close to Home. A Materialist Analysis of Women’s Oppression.

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Im Oktober des Jahres 2017 veröffentlichte die New York Times einen Artikel, der dem amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein sexuelle Belästigung und Nötigung vorwarf. Zu diesem Zeitpunkt war es zumindest in Hollywood ein offenes Geheimnis, dass Weinstein für die Besetzung einer Rolle zuweilen sexuelle Gefälligkeiten verlangt. Mit der Veröffentlichung des Artikels erfuhr auch die breite Öffentlichkeit, dass er es nicht bei unlauteren Angeboten beließ. Zuweilen drohte er den Schauspielerinnen an, seinen Einfluss geltend zu machen, um ihre Karrieren in der Filmbranche zu ruinieren, falls sie sich weigerten, mit ihm ins Bett zu gehen. Bereits dieser Artikel rief ein immenses Echo hervor. Ein zweiter, der wenige Tage später in der Zeitung The New Yorker erschien, veröffentlichte die Aussagen verschiedener Mitarbeiter von Weinsteins Produktionsfirma, die unter anderem zugaben, das Vorgehen des Produzenten gedeckt zu haben. Er nannte auch erstmals die Namen zweier Frauen, die behaupteten, von Weinstein vergewaltigt worden zu sein.

Rückblende

Für ihren »Dienst an der Öffentlichkeit« erhielten die beiden Autoren der Artikel im vergangenen Jahr den Pulitzerpreis, mit dem die Jury explizit die Enthüllungen und Debatten honorierte, die sie nach sich zogen. In den Wochen nach den Veröffentlichungen wurden weitere glaubwürdige Anschuldigungen gegen verschiedene namhafte Vertreter der amerikanischen Filmbranche erhoben, denen man mehrheitlich sexuelle Belästigung vorwarf. Fast alle Beschuldigten, die nun in den Verdacht gerieten, wiederholt am Arbeitsplatz Frauen bedrängt und genötigt zu haben, gehörten der Kultur- und Medienbranche an. Die Vorwürfe warfen Licht auf die Zustände an Orten, an denen Leistung sich nicht in Stückzahl und Zeitstunden messen lässt. Orte, die nicht nur Menschen anziehen, die bereit sind, sich für Ruhm zu verkaufen, sondern auch jene Typen, die in dem Selbstverständnis leben, dass ihre Großzügigkeit bei der Rollenvergabe an anderer Stelle erwidert wird. Hollywood bietet Narzissten eine große Bühne. Anstatt jedoch eine Diskussion über die Arbeitsverhältnisse in Los Angeles, Deutschen Rundfunkanstalten und Staatsopern zu führen, entfernte sich die Debatte hierzulande mit jedem Tag mehr von ihrem eigentlichen Gegenstand. Von Tag zu Tag zog sie weitere Kreise: Nachdem weitere Enthüllungen auf sich warten ließen, weichten deutsche Journalisten einfach den Tatbestand der sexuellen Nötigung auf und behaupteten wider aller Evidenz die Existenz einer allgegenwärtigen Kultur, die sexuelle Gewalt gegen Frauen befördere und ihre Opfer verstummen ließe. Penetrante Blicke, anzügliche Kommentare und beiläufige Berührungen am Arbeitsplatz wurden zusammen mit juristisch fixierten Straftaten unter demselben Hashtag verhandelt. Das entsprach nicht zuletzt dem Wunsch der Leserschaft, die eigene Malaise auf ein gesellschaftliches Übel zurückzuführen. Wie das funktioniert, führten ihnen die Autoren selbst vor, denen das Themenfeld Macht, Arbeit und Sex genug Stichworte bot, um sich ihre privaten Sorgen und Nöte in selbstgerechten Pamphleten von der Leber zu schreiben. Ein Rückblick in die deutsche Presse gewährt zwar wenig Aufschluss über die Zumutungen, die Frauen zu erdulden haben, dafür jedoch tiefe Einblicke in das Seelenleben deutscher Journalisten. So war nicht immer klar, was sie meinten, wenn sie sich über Chefs ausließen, die ihre Macht benutzen würden, um ihre Untergebenen zu demütigen, oder wenn sie sich in die Psyche sexbesessener Vorstände hinein fantasierten, die sich einfach nähmen, was sie wollten. Um die eigenen Demütigungen und Wünsche zu beschreiben, ohne etwas über die tatsächliche Situation von Frauen sagen zu müssen, brauchte es nicht viel: Es genügte eine vorangestellte Solidaritätsadresse an den Feminismus.

Weinende Männer

In der Frankfurter Rundschau war ein Autor in diesem Sinne besonders freizügig.17 Die Parteinahme für den Feminismus fiel bei ihm umso wortgewaltiger aus, je mehr er von den tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnissen absah. Zum Unrecht, das Frauen geschieht, fiel ihm nichts ein, zu ominösen Herrschaftsstrukturen indes jede Menge. »Wenn eine unterdrückte Gruppe an den Säulen einer Herrschaftsstruktur rüttelt, dann wird den Herrschenden auch mal schwindlig. Das ist das Mindeste. Sollen Strukturen der Herrschaft aufgelöst werden, dann muss das nicht unbedingt zu Enthauptungen führen, aber um ein wenig Tumult kommen wir Herren und Damen nicht herum. […] Und selbst vorhandene Unterschiede müssen gar nicht aufgelöst werden, dürfen aber de facto keine Rolle spielen. Manche Menschen sind größer und stärker als andere, manche klüger. Aber jeder versteht, dass wir erst dann in einer gerechten Gesellschaft leben, wenn diese Faktoren nicht Chancen determinieren, Würde oder rechtlichen Status.« Gesellschaftliche Unterschiede, die existieren, aber de facto keine Rolle spielen, gibt es nicht. Es stellt sich die Frage, was sein Wunsch nach einer Gesellschaft, in der Körpergröße und Intelligenz nicht mehr Chancen determinieren, mit dem Geschlechterverhältnis zu tun hat. Der Autor, der seinen Wortschatz dem linken Akademikersprungbrett Phase 2 entnommen zu haben scheint, dachte dabei vor allem an die Vorteile, die eine Rollenangleichung für seinesgleichen bietet: »Und bei all der Macht, die wir Männer im Zuge dieser Entwicklung wohl verlieren werden, es gibt auch einiges zu gewinnen. In einer emanzipierteren [sic!] Welt muss nicht jeder ein hetero-harter Kerl mit Hang zu Technik und Fußball sein. Er kann Gefühle zeigen, ohne zum Schwächling abgestempelt zu werden. Der Mann muss nicht jede Antwort parat haben, hatte er vorher ja auch nicht. Die Bürde des Versorgers der Familie bleibt ihm erspart.« Offenbar treibt den Autor vor allem Selbstmitleid um, wenn er an die Ungleichheit der Geschlechter denkt. So sinniert er über die Vorteile einer Welt, in der seinesgleichen Schwäche zeigen darf, nicht mehr Rede und Antwort stehen und den Versorger der Familie spielen muss. Ihn plagen einfach die vom Partner und Chef herangetragenen Erwartungen. Derart die Bürden des Mannes bedauernd, geht er offenbar davon aus, dass seine weiblichen Kollegen im Privaten und im Beruf mehr Nachsicht erfahren als er selbst. Dies zeigt endgültig, was es mit seiner mit revolutionärem Pathos vorgebrachten Parteinahme für den Feminismus auf sich hat.

Nach dem Lesen dieser Zeilen liegt die Vermutung nahe, in den Redaktionsräumen der Frankfurter Rundschau wäre die Zeit stehen geblieben. Oder welche abschreckenden Zustände stehen dem Autor vor Augen, wenn er von einer Welt träumt, in der nicht jeder Kerl ein Autobild- und Kicker-Abonnement haben muss? Immerhin redet er über eine Zeit, in der Frauen bei der Bundeswehr unter dem Oberkommando von Ursula von der Leyen an der Waffe dienen, während Heute-Journal-Sprecher Klaus Kleber in einer laufenden Sendung beim Erzählen einer rührseligen Anekdote mit seinen Tränen ringt – was damals viele Zuschauer nicht etwa unprofessionell, sondern anrührend fanden. Der Autor tut einfach so, als gäbe es nach wie vor ein steifes Rollenbild, das die gesellschaftliche Norm bestimmt. Selbstverständlich existieren immer noch Milieus, in denen Männer, die in der Öffentlichkeit heulen, verlacht werden. Der Fernsehsender DMAX, der Reportagen über technische Wunderwerke und Überlebenstrainings in der sibirischen Taiga ausstrahlt, hat seinen Platz auf dem Fernsehmarkt gefunden. Deutschsprachige Hip-Hop-Crews wie K.I.Z mit ihren »Fick-die-Fotze«-Reimen belegen die vordersten Plätze der Charts. Doch aus diesen Phänomenen spricht weder das Fortexistieren irgendwelcher heteronormativer Strukturen geschweige denn eines bürgerlichen Patriarchats. Der faszinierte DMAX-Zuschauer bewundert an den Maschinen, Bauwerken und Männerkörpern die Zuverlässigkeit, Größe und Härte, die er selbst nicht mehr besitzt. Die kahlgeschorenen Jungs von K.I.Z haben nicht deshalb so viele Fans, weil sie eine Norm besingen, sondern kraftmeierisch Tabus brechen. Mit anderen Worten: Beide Phänomene bezeugen vor allem die fortschreitende Auflösung männlicher Vorherrschaft und tradierter Rollenbilder. Der Autor des zitierten Artikels interessiert sich nicht für das merkwürdige Neben- und Ineinander von rührseligen Männern und harten Kerlen. Er nimmt es noch nicht einmal zur Kenntnis. Ihm geht es ausschließlich um seine eigenen Wehwehchen.

Trotzige Frauen

Ein weiteres Beispiel für die Neigung deutscher Journalisten, die eigenen Befindlichkeiten in Pamphleten zum Geschlechterverhältnis zu verhandeln, bot eine Autorin in der Zeit.18 Der Titel des Artikels, #OhneMich, kündigt eine trotzige Abrechnung an. Ein Versprechen, das auch eingehalten wird: »Die #MeToo-Debatte hat ein enorm verbreitetes Verhalten zutage gefördert: die Selbstverständlichkeit, mit der Männer Frauen als knackige Körper und leichte Beute betrachten und ernsthaft glauben, ein kurzer Griff oder markiger Spruch sei kein Grund zur Aufregung.« Eine Korrektur an dieser Stelle: Die Erlebnisse und Bekenntnisse, die unter dem Hashtag ihren Weg an die Öffentlichkeit fanden, haben nur gezeigt, dass es Männer gibt, die Frauen belästigen, nötigen und manchmal sogar vergewaltigen. Das hat weltweit für ziemliche Empörung gesorgt, Rücktritte erzwungen, Kündigungen und Anklagen nach sich gezogen, was ganz und gar nicht darauf hindeutet, dass die Mehrheit der Gesellschaft solch ein Verhalten hinnimmt. Die Autorin hält sich auch nicht weiter damit auf. Ihr geht es um ein tieferliegendes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, das sich in den in der Debatte verhandelten Fällen geäußert hätte: »Darunter liegt die sozial verfestigte Asymmetrie, dass es bei Frauen mehr aufs Aussehen ankommt als bei Männern. Dies ist ein altes, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden etabliertes und in sehr vielen Gesellschaften auftauchendes Muster. Bei der Partnerwahl und auch sonst im Leben gilt: Die Frau muss in erster Linie schön sein; beim Mann schadet Schönheit nicht, sie wird durchaus goutiert, entscheidend sind aber letztlich Status oder Leistung. Die Frau ist mehr als Körper präsent, der Mann mehr als Geist, Witz, Wille.« Schief wird das Verhältnis vor allem durch das Bild, das die Autorin von ihm zeichnet. Sie verwechselt die Kriterien, die im Kontaktanzeigenteil der Zeit bei der Partnersuche vorherrschen, mit denen, die auf dem Sexualmarkt tatsächlich maßgebend sind. Außerhalb des Feuilletons sind Geist, Witz und Wille bestimmt nicht die primären Dinge, über die sich Männer profilieren, sondern wohl Statur, Vermögen und Status. Das Leistung – unabhängig vom Geschlecht – längst kein maßgebender Faktor mehr ist – weder auf der Stellen- und erst recht nicht auf der Partnerbörse –, hat sich selbst schon bei Soziologen herumgesprochen, die unnötigerweise ganze Bücher schreiben, in denen sie erzählen, dass wir in einer Spaßgesellschaft leben. Das Bild, das die Autorin vom Geschlechterverhältnis zeichnet, ist wenig mehr als eine Projektion. Sie stört sich ohnehin weniger daran, dass Frauen immer noch mehr leisten müssen, um dieselbe Anerkennung zu erfahren, als an ihrer Kleiderwahl, die jene Asymmetrie reproduziere: »Mädchen tragen Hotpants, Businessfrauen figurbetonte Kostüme und glänzende Strumpfhosen, feiernde Frauen im Nachtleben sind durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle. […] Solange wir uns bereit erklären, unsere Hintern in hautenge Hosen zu zwängen, unsere Beine in Strumpfhosen vorzuführen und auf hohen Absätzen daherzuklappern, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir als ›knackiger Hintern‹ oder ›scharfe Schnitte‹ wahrgenommen werden.« Da nicht zu erwarten sei, dass Männer irgendwann nochmal Herren ihrer Sinne werden, appelliert die Autorin an die Frauen, bei der Morgentoilette in den nüchternen Verwaltungsmodus überzugehen: »Legt die Kosmetikdosen in den Schrank und kauft sie nie mehr nach. Wenn ein Männergesicht ohne Tünche schön genug ist für die Welt, warum nicht auch ein Frauengesicht? Hört auf, jeden Tag schicke, formlich und farblich aufeinander abgestimmte Klamotten zu tragen! Zieht das an, was im Schrank gerade oben liegt. Spart die Energie, die das Schminken, Augenbrauenzupfen, Nägellackieren, Beinerasieren, Schmuckanlegen, Shoppen, Durchblättern von Modemagazinen kostet, und steckt sie in das Voranbringen eurer Karriere durch Lernen, Leistung, Sachverstand, oder wahlweise in Spaß und Erholung. Geht nicht mehr als einmal im Vierteljahr zum Friseur.«

Der Artikel ist eine einzige Frechheit gegenüber Frauen. Dass er trotzdem von zahlreichen Lesern positiv aufgenommen wurde, legt nahe, dass die Autorin mit ihren im Text geäußerten Wünschen nicht alleine ist. Bei ihr lösen weniger Männer, die wenig Respekt gegenüber Frauen aufbringen, Unbehagen aus, sondern vielmehr die ganzen Strapazen des Zurechtmachens. Sie findet das tägliche Schminken und Anziehen nur lästig, da es Zeit frisst und Nerven kostet. Das Gefühl, anderen gefallen zu müssen, empfindet sie als ungemeine Belastung. Ihr infantiler Überdruss an den alltäglichen Verpflichtungen geht soweit, dass sie bereit ist, die Möglichkeiten individueller Selbstentfaltung aufzugeben, um sich dem sozialen Druck zu entziehen. Bei ihr löst die Vorstellung, sich ein Leben lang auf dem Arbeits- und Sexualmarkt behaupten zu müssen, mehr Entsetzen aus, als ein religiöser Zwangsverband, in dem die Familie von der Heirat bis zur Arbeit alles arrangiert. Eine Gesellschaft, in der die Frauen so wenig voneinander zu unterscheiden wären, wie jene, die im Islam unter die Burka gezwängt werden, stellt für sie im Vergleich dazu das geringere Grauen dar. In der Umma wäre sie von der Last befreit, sich täglich aufs Neue der Konkurrenz stellen zu müssen. Vor einem entgültigen, individuellen Rückzug vom Markt der Eitelkeiten zögert sie, weil sie die berechtigte Befürchtung hegt, von solch einem Schritt Nachteile zu erleiden. Auch deshalb, vor allem aber aus bloßem Neid auf die Vorzüge anderer, will sie ihre heimlichen Konkurrentinnen zur kollektiven Abrüstung bewegen. Auf einem derart befriedeten Markt, auf dem es dann verstärkt auf die inneren Vorzüge ankäme, rechnet sie sich erhöhte Chancen aus. Trotz ihres Appells weiß natürlich auch die Autorin, dass es bei der Partnerwahl auch dann noch auf das Aussehen ankommen würde, wenn alle dieselbe Uniform trügen. Schminke und Kleidung sind eine Möglichkeit, ererbte Makel zu kaschieren, sprich biologische Nachteile wettzumachen. Ohne solche Mittel wäre jeder auf das zurückgeworfen, was ihm Mutter Natur in die Wiege gelegt hat. In einer solchen Welt würde es noch viel barbarischer zugehen als in einer Gesellschaft, die allen die Verantwortung aufbürdet, selbst für das eigene Glück zu sorgen.

Behind the scenes

Die beiden Autoren der Frankfurter Rundschau und der Zeit teilen den Wunsch, sich von den Pflichten, die ihnen die Gesellschaft auferlegt, zu befreien – ein Bedürfnis, das sie mit ihren Lesern gemein haben. Ihnen sprechen sie aus dem Herzen, wenn sie den alltäglichen Behauptungskampf und alles, was mit ihm einhergeht, als einzige Zumutung darstellen. Das Gefühl der Überforderung, das Autoren und Leser plagt, dürfte weniger das Produkt einer verfehlten Erziehung sein, die den Einzelnen nur unzulänglich auf die gesellschaftlichen Anforderungen vorbereitet, sondern mehr mit dem objektiven Anwachsen des sozialen Anpassungsdrucks zu tun haben. Arbeits- und Sexualmarkt verlangen eine immer größere Flexibilität. Einmal erworbenes Wissen hat nur noch einen kurzen zeitlichen Wert, wozu nicht zuletzt der technische Wandel beigetragen hat. Für den Einzelnen wird es dabei immer undurchsichtiger, welche Strategie auf lange Sicht Erfolg verbürgt. Die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen wurde längst zu einer sozialen Forderung erhoben, während der persönliche Werdegang bis ins hohe Alter von ständigen Branchen-, Job- und Wohnortwechseln geprägt ist. Der Zwang zur permanenten Mobilisierung verschärft sich zwar in Zeiten der wirtschaftlichen Krise enorm, äußert sich aber auch verstärkt in Phasen anhaltender Hochkonjunktur. Er greift zudem auf die Freizeit über. In zahlreichen Branchen ist es weniger die fachliche Qualifikation, die über längere Zeiten Garantien bietet, sondern vielmehr das persönliche Netzwerk. Ein weitreichender Freundeskreis und eine solvente Familie sind die bessere Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. In der wieder steigenden Zahl der Eheschließungen äußert sich, verdeckt unter dem Wunsch nach verlässlichen Verhältnissen, auch die Panik vor dem Abstieg. Nicht zuletzt die Sozialen Medien sind Ausdruck der verschärften Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, der längst die Privatsphäre nach seinen Gesetzen umgemodelt hat. Ihre Bewertungsfunktionen lassen den sozialen Status zu einer messbaren Größe werden. Der Nutzer wird nicht nur dazu genötigt, das eigene Leben dem fremden Urteil preiszugeben. Er wird fortwährend mit den Biographien von Freunden, Bekannten und Fremden konfrontiert, zu denen er sich ins Verhältnis setzt. Nachrichten nötigen zu einer schnellen Antwort, erfährt der Sender doch sogleich, wann sie gelesen wurden. Die Kommunikation hat zudem die Verbreitung von Moden und Trends aller Couleur enorm beschleunigt. Facebook, Instagram, Tinder und Co. sind nicht nur Abbild des gestiegenen Drucks zur sozialen Anpassung, sondern tragen gleichzeitig zu seiner Verstärkung bei. So haben sie nicht nur den Sexualmarkt gewissermaßen in Zeit und Raum ausgedehnt, sondern zeitgleich auch die Konkurrenten einander näher gebracht.

Auf diesen verschärften sozialen Druck reagieren die Autoren der beiden Artikel mit infantiler Rebellion. Ihr Wunsch ist es, sich der individuellen Verantwortung für das eigene Leben zu entledigen. Aus Angst davor, dabei als Verlierer vom Platz zu gehen und aus Neid gegenüber dem Glück der Anderen, sehnen sie sich nach einer Gesellschaft ohne Unterschiede. Zusammen mit ihren begeisterten Lesern träumen sie von einem Land, in dem es keine Konkurrenz mehr gibt, in dem die Unterschiede zwischen den Menschen keine Bedeutung mehr besitzen und das niemandem die Freiheit bietet, sich von den Anderen abzuheben. Man wünscht sich an einen Ort, an dem man immer Nachsicht erfährt, keine Verantwortung tragen muss, nicht mehr mit lästigen Fragen konfrontiert wird, Rasur und Schminken sich erübrigen, niemand mehr irgendwelche Privilegien genießt und Enttäuschungen immer ausbleiben. Das Themenfeld Arbeit, Sex und Gewalt bietet eine perfekte Projektionsfläche für diesen Charakter. Der überforderte Volontär, der in irgendeiner Redaktion buckelt, fand für seine alltägliche Demütigung durch seine Vorgesetzten einen Namen; frustrierte Frauen fanden nun Zuhörer und Zuspruch; alle erhielten die Chance, im Dienste der Öffentlichkeit über ihre Bettgeschichten zu erzählen; jeder konnte die tagtägliche Belastung, die er empfindet, mit dem Alpdruck tradierter Rollenbilder identifizieren. So ist das herausgeschriene »Me too!« nicht die Losung von Frauen, die zum Schweigen verdammt sind, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse ihnen keine Stimme geben. Es ist vorrangig die Losung eines Menschenschlags, der jederzeit bereit ist, Alles und Jeden für das vorenthaltene Glück in die Pflicht zu nehmen, aber niemals dazu, die persönliche Verantwortung dafür zu übernehmen.

Harald J. Finke

 

Anmerkungen:

17 Vgl. Daniel Dillmann: Der verunsicherte Mann ist verschmerzbar, Onlineausgabe Frankfurter Rundschau, 9.12.2018.

18 Vgl. Barbara Kuchler: #OhneMich, Onlineausgabe Die Zeit, 12.11.2017.

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Von Schwestern und Muttis

Wir dokumentieren ein Flugblatt, das die Gruppe No Tears for Krauts (Halle) anlässlich der Veranstaltung »Mütterimagines, Mückenstiche und die selbstverschuldete Unmündigkeit der Frau« Anfang des Jahres im Leipziger Conne Island verteilt hat.

Werte Feministen,

seid Ihr auch der Meinung, dass Frauen für die bürgerliche Gesellschaft zu schwach sind und lieber im Kinderzimmerersatz der schwesterlichen Wohlfühlkommune leben sollten? Seid Ihr auch überzeugt, dass Frauen ein bisschen blöde sind und deshalb eine Übermutti brauchen, die ihnen das Selberdenken abnimmt? Nein? Wirklich nicht? Das freut uns, denn es bedeutet, dass die »antifeministische Regression« bei Euch noch nicht so weit fortgeschritten ist wie bei denen, die sie beschwören.

Denken in engen Grenzen

Die Feministische Intervention will heute Abend, so man ihre Ankündigung ernst nimmt, den Grundstein für ein Hausverbot gegen Magnus Klaue und Thomas Maul im Conne Island legen. Die beiden haben es nicht nur gewagt, sich als Männer zu Geschlechterfragen zu äußern, sondern waren auch noch so dreist, »das Conne Island als zentralen Veranstaltungsort der Leipziger Linken« mit ihrer Kritik zu belästigen. Das ging dann wirklich zu weit. Prompt treten die Türhüter feministischer Denkkeuschheit auf den Plan. Weil sie Euch offenbar für kleine, dumme Mitläufermädchen halten, wollen sie Euch verordnen, mit wem Ihr auf keinen Fall spielen dürft.

Uns überrascht das nicht. Denn Leipziger Feministen führen schon länger eine groteske Tradition der deutschen Frauenbewegung fort: Im Namen der Emanzipation der abstrakten Frau wird die konkrete für dumm verkauft. Mehr noch als bei Alice Schwarzer in ihren schlechtesten Tagen ist dies seit Anbeginn das Erfolgsrezept der Religion des »materialistischen Feminismus«, der im Vortrag gehuldigt wird. Ihre Leipziger Pfaffen Outside the Box, Koschka Linkerhand – und jetzt eben Feministische Intervention – gefallen sich sehr darin, von der Kanzel den Kreuzzug gegen das Patriarchat auszurufen. Von ihren »Schwestern« (Linkerhand ununterbrochen) erwarten sie nur, den Katechismus zu kennen und die kritische Botschaft weiterzutragen. Widerspruch ist unerwünscht.

Im Ankündigungstext wird das Vaterunser wiederholt, die Leier vom »bürgerlichen Subjekt, das sich wesentlich über kapitalistische Sphärentrennung und damit die Abspaltung von Weiblichkeit und Reproduktion konstituiert«. Dieses einfache Glaubensbekenntnis – das Vermächtnis der sonst zu Recht vergessenen Exit-Wertkritikerin Roswitha Scholz – ist alles, was es für den Eintritt in die materialistisch-feministische Kirchgemeinde braucht. Wie bei religiösen Dogmen üblich, stört es nicht, dass es sich vor der Vernunft blamiert, solange es Einigkeit unter den Gläubigen schafft. Die Wenigsten von Euch dürften sich eingehend mit der Scholz’schen Wertabspaltungskritik beschäftigt haben. Wir empfehlen die Lektüre ihres Buchs Das Geschlecht des Kapitalismus ausdrücklich, und geben eine Schmunzelgarantie, wenn ihr der Phalloplastik am Wert zuseht.

Quadratisch, praktisch, gut

Für diejenigen unter euch, die diesen Quark weniger lustig finden als wir: Wenn Ihr ehrlich seid, wisst Ihr selbst gut genug, dass Euch Fragen der Marx’schen Wertformanalyse gar nicht interessieren. Genauso wenig wie Euch die Kritik des vorherrschenden Subjektcharakters beschäftigt, denn dann wäre Euch klar, dass die »krisenhafte Verfasstheit des männlichen Subjekts« zwar wunderschön nach Kritischer Theorie klingt, das widersprüchliche bürgerliche Subjekt aber längst von seiner postmodernen Variante abgelöst wurde. Euch geht es doch im Kern darum: Ihr wisst so gut wie wir, dass es Frauen teilweise immer noch schwerer haben als Männer. Das wollt Ihr verstehen und dagegen aktiv werden. Ihr sucht nach einer Theorie des Geschlechterverhältnisses, die auf einen Bierdeckel passt und die Lösung aller Probleme gleich mitliefert. Der materialistische Feminismus macht Euch mit dem »warenproduzierenden Patriarchat« (Scholz) ein kundenorientiertes Angebot, das Ihr gerne akzeptiert. Ihr müsst dafür nur so lustige Sachen wie den »Schatten des Werts« (wieder Scholz) hinnehmen und immer, wenn die Theorie mal gar nicht passt, vom »verwilderten Patriarchat« (natürlich Scholz) reden – schwuppdiwupp: Schon könnt Ihr (marxistisch fundiert!) eine universelle Männerherrschaft behaupten und schwer gesellschaftskritisch gegen Mann und Kapital in den Kampf ziehen.

Wir möchten Euch jedoch an die unangenehmen Konsequenzen erinnern, die es hat, Linkerhand & Co. zu folgen: Ihr müsst zum Beispiel leugnen, dass von Männern und Frauen gleichermaßen ein Mix aus »klassisch männlichen« und »klassisch weiblichen« Fähigkeiten verlangt wird – führen, Probleme lösen, sich durchsetzen, aber auch zuhören, im Team arbeiten und Rücksicht nehmen. Und Ihr müsst so tun, als würden Frauen nicht völlig selbstverständlich arbeiten – in Führungspositionen und »Männerberufen« –, während viele Männer, auch wenn es ganz schön lange gedauert hat, dann doch noch kochen und putzen gelernt haben. Leider müsst Ihr auch einen großen Schritt zurück zum Queerfeminismus machen, den Ihr eigentlich vernünftigerweise ablehnt, weil den materialistischen Feministen weibliche Identität sehr wichtig ist. Und nicht zuletzt müsst Ihr Euch von ihnen zu Schwestern im Opferkollektiv erniedrigen lassen, statt intelligente, selbstbewusste und durchsetzungsfähige Bürger zu sein, die ohne Bevormundung Erfolge feiern, mit anderen ihr Leben genießen und einen lockeren Umgang mit ihren Genitalien pflegen.

Schwestern unter sich

Für die Feministische Intervention und ihre Freunde hängt einiges am Schutz versprechenden Frauenkartell, dem sie vorstehen – von Buchverkäufen über regelmäßige Vortragseinladungen bis hin zur schlichten Befriedigung, eine Bewegung hinter sich zu wissen. Um sich als einzige Hilfe für angeblich entrechtete Studentinnen aufspielen zu können, legen sie sogar nahe, innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft hätten Frauen keine Chance, sich zu verwirklichen. Dann lieber als Jammerguerilla und mit »Leidenschaft unter Frauen« (Linkerhand) in den Krieg gegen die männliche Gesellschaft ziehen. Selbst wenn man die Reste von Bürgerlichkeit so nicht zu Fall bringt, hat man die Solidarität der anderen Selbstmitleidigen sicher.

Wer den materialistischen Feministen allerdings die Schwesternschaft aufkündigt, gilt ihnen als Verräter. Schlimmer ist nur, wenn Außenstehende – ohne vorheriges frauenbewegtes Bekenntnis – Kritik üben. Magnus Klaue zog ihren Hass auf sich mit seinem Vortrag Doof geboren ist keiner, in dem er Frauen aufforderte, um einer Emanzipation Willen, die den Namen verdient, mit dem deutschen Feminismus zu brechen. Genauso Thomas Maul, der in Verdrängung der Prostitution unter anderem gezeigt hat, dass die meisten Frauen ohnehin lieber ihr eigenes Glück suchen als das des Gesamtgeschlechts und sich nicht zum Opfer machen lassen. Im Text Asexuelle Belästigung entzifferte er mit David Schneider den heroischen Kampf junger Feministen gegen das Patriarchat als einen gegen die bürgerliche Zivilisation statt gegen die sexistischen Männer. Die lesenswerten Texte finden sich sämtlich in der Bahamas #78. Klaue und Maul haben sich zur Zielscheibe der Feministischen Intervention gemacht, weil sie es wagten, den Amazonen des Auenwaldes zu widersprechen und sogar noch in ihr Hoheitsgebiet an der Koburger Straße einzudringen. Spätestens jetzt müsste den letzten klar sein, was mit »Feministisch Streiten« schon immer gemeint war: Wer kein szenegeprüfter Feminist ist, darf nicht kritisieren, und wenn er es tut, triff er nicht auf Streitlust, sondern auf Beleidigtsein und Gallespucken.

Wer’s glaubt, ist selbst schuld

Einen Vorgeschmack auf das heute Abend zu Erwartende gibt der Ankündigungstext, aus dem die nackte Angst der Verfasser spricht, Ihr könntet sie zukünftig links liegen lassen. Sie muss so plagend gewesen sein, dass selbst die durchschaubarste Lüge noch als Rettungsanker erschien. So wird den Autoren der Bahamas als einzig denkbare Motivation »versagte Befriedigung«, »gekränkte Theoretikermännlichkeit«, kurz: »Frauenhass« unterstellt – in der Hoffnung, Ihr würdet den abgegriffenen Geht-immer-Topos vom traurigen alten Sack schlucken und deshalb weder die Texte lesen noch Euch mit dem Sachgehalt ihrer Einwände beschäftigen. Doch damit nicht genug: Den Gipfel der Peinlichkeit markiert das Wortspiel mit den Namen Mauls und Klaues, das die Verfasser noch zwanghaft unterbringen wollten. Sie dichten ihnen – wie einfallsreich – »Mäuler und Klauen« an, machen sie also in schlechter linker Tradition zu Tieren.

Und dann wäre da noch die Verleumdung mittels sinnentstellenden Zitierens. Es wird behauptet, Maul und Klaue hätten über Feministen gesagt: »Kaum des Lesens und Schreibens mächtig (1) und unabgelöst von ihren Müttern (2), seien sie so unwillens wie unfähig, ›Männer, sei es sexuell oder gar intellektuell, zu befriedigen‹ (3).« Die ersten beiden Punkte beziehen sich auf Klaues Vortrag, der dritte auf den Text Asexuelle Belästigung. Also der Reihe nach: (1) Offensichtlich baut Doof geboren ist keiner in seiner Gänze auf Klugem auf, das Frauen geschrieben haben. Klaue kritisiert, dass große Teile der Zweiten Frauenbewegung »weibliche Ästhetik« und »Frauenliteratur« für sich entdeckten, statt sich am universellen Anspruch zu messen, den vorher Männer gesetzt haben. Seine Pointe ist gerade, dass Frauen genauso gut denken und schreiben können wie Männer, wenn sie sich nicht vorauseilend selbst herabsetzen. (2) Kein therapeutisches Analyseergebnis stellt Klaue vor, sondern – Marina Moeller-Gambaroff folgend – eine psychoanalytische Kritik der Zweiten Frauenbewegung am Kult der Schwesternsolidarität: Der Vater steht für Verbot, Gesetz, Verinnerlichung und Individuation, die Mutter hingegen für Gewährung und Schutz. Wer nur auf das Patriarchat schimpft, attackiert einseitig den Vater, verleugnet die Mutter und bekommt so den Konnex von Schutz, Gewährung und Herrschaft nicht in den Blick. In diesem psychoanalytischen Argument steckt nirgends ein Bezug auf individuelle Frauen. Den stellen erst die Denunzianten her. Und abschließend (3): Maul und Schneider klagen niemanden an, Männer nicht befriedigen zu wollen oder können. Sie stellen stattdessen nüchtern fest, dass die heutige Durchschnittsstudentin sich nicht nach einem Verhältnis mit ihren Professoren sehnt, so wie auf der Gegenseite der »lüsterne Professor« meist nur noch eine »Lagerfeuerstory« ist. Ihr Vorwurf besteht einzig darin, dass dieses anachronistische Klischee dennoch ständig als Beleg für Alltagssexismus herangezogen wird.

Wem jedes Mittel Recht ist, um seine Kritiker zu verunglimpfen, der ist nicht nur verzweifelt, sondern hält auch seine Adressaten für beschränkt. Wir trauen Euch – trotz aller Dummheiten, für die Leipzigs radikale Linke berüchtigt ist – bedeutend mehr zu als die Feministische Intervention, Outside the Box und Koschka Linkerhand. Feminismus praktisch werden zu lassen, hieße, ihnen heute auf den Zahn zu fühlen und zukünftig den Rücken zu kehren.

Eure
AG No Tears for Krauts
Januar 2018

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»Wir sind für dich da«

Um Diskriminierte und Erniedrigte zukünftig nicht mehr tatenlos ihrem Schicksal auf dem Campus der hallischen Universität zu überlassen, besteht seit letztem Jahr die Präventionsstelle Diskriminierung und sexuelle Belästigung. Warum der Kampf gegen strukturelle Gewaltverhältnisse ein Kampf gegen Windmühlen ist, beweist die zu institutionalisiertem Herrschaftswissen geronnene Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik selbst, die zur Verschlimmbesserung der Situation beiträgt.

Wer kennt sie nicht – die taxierenden Blicke, das indiskrete Ausfragen, die diskriminierenden Witze und zufälligen körperlichen Annäherungen im stinknormalen Uni-Alltag? Um endlich einen diskriminierungs- und gewaltfreien Umgang miteinander zu gewährleisten, aber auch – so mutmaßt man – um mehr Punkte für die nächsten Hochschulrankings zu sammeln, hat der Senat der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Reißleine gezogen und entsprechende Richtlinien erlassen. Denn wie es scheint, ist das Leben von Studenten wesentlich stärker von psycho-physischen Grenzverletzungen beeinträchtigt als das eines Normalbürgers in der überfüllten Straßenbahn, in der Kneipe oder beim Aktivierungskurs des Jobcenters.

Um den allseitigen Macht- und Gewaltverhältnissen inner- und außerhalb der Universität entgegenzutreten, so die kulturwissenschaftlich geschulte Koordinatorin der Präventionsstelle Sabine Wöller in einem Interview, sei es notwendig, Diskriminierungssensibilität zu schaffen, Opfer zu beraten sowie diverse Beratungsstellen und dutzende Interessenvertretungen zu vernetzen. Auch eine Kultur des Hinsehens solle geschaffen werden.

Ein ungewollt komischer Hingucker ist der Flyer der Präventionsstelle, der mit dem Slogan »Wir sind für dich da« um Aufmerksamkeit buhlt. Diese Worte erinnern nicht zufällig daran, dass fürsorgliche Eltern ihrem Nachwuchs eine Atmosphäre verlässlicher Zuwendung und emotionaler Sicherheit schaffen. So wie gelingende elterliche Versorgung zur Stärkung des Urvertrauens beim Kind beiträgt, stellt die Präventionsstelle hier in Aussicht, den wehrlosen und hilfsbedürftigen Studenten in einer ihnen feindselig gegenüberstehenden akademischen Welt unter die Arme zu greifen.

Wenig überraschend ist, dass die Projektkoordinatorin und ehemalige Sprecherin des AK Queer Reinsteigern grenzüberschreitendes Verhalten zum subjektiven Empfinden des Opfers erklärt. Entscheidend ist demnach allein, wie eine Person die jeweilige Interaktion mit ihrem Gegenüber empfindet. Ursache und Wirkung drohen hier zu entkoppeln, so dass Bauchgefühle, Intuitionen, Andeutungen und Verdächtigungen als verlässliche Bezugsgrößen gelten, um eine missliebige Person zu denunzieren. Ist die Unschuldsvermutung erstmal außer Kraft gesetzt, so ist der Weg für internalisierte Selbstdisziplinierung bereitet. Denn Antidiskriminierung schafft auch ein Klima der vorbeugenden Einschüchterung.

Besonders aufschlussreich ist die Bildsymbolik des Werbeträgers. Darauf sind ausschließlich empowerte Repräsentanten optisch unterscheidbarer Minderheiten zu erkennen, die trotz und wegen realer oder vermeintlicher Stigmata in bunter Vielfalt auf der herrschaftsfrei gezeichneten Spielwiese des Campus harmonisch koexistieren, unter sich bleiben und allein aufgrund ihrer Verschiedenheit eine Bereicherung im Sinne postmoderner Identitätspolitik verkörpern. Die Abbildung zeigt ein lesbisches, interkulturelles Studentenpärchen mit Kind beim Picknicken. Daneben sitzt ein blinder, weißer Mann mit seinem Assistenzhund, dessen Rasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung nicht erkennbar sind. Davor ist ein vollbärtiger, arabischstämmiger Student zu sehen, der lässig, mit dem Rücken an das Löwengebäude gelehnt, auf sein Smartphone starrt und Kopfhörer trägt. Im Vordergrund flaniert eine bunt gekleidete Kopftuchträgerin über den Campus. Hinter ihr steht eine schwarze Studentin, die sich unbefangen umsieht. Die Figuren sind beziehungslos im Raum angeordnet. Sie haben sich nichts zu sagen, verfügen aber als Selbstermächtigte über eine ausgeprägte Sprachsensibilität, die zum hysterischen Rundumschlag bereit ist, sobald ein Kränkungsgefühl auftritt. Dagegen verblassen die nur schwach konturierten Figuren im Hintergrund und lösen sich beinahe spukhaft in ihrer Zugehörigkeit zur Dominanzkultur auf.

Die in Szene gesetzten Repräsentanten verschiedener Communities definieren sich meist ausschließlich über ihre Abweichung von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, reagieren aber zum Teil hyperallergisch auf Fremdzuschreibungen. Diese wehren sie als Stereotypisierung, Respektlosigkeit, Intoleranz und Angriff auf die eigene Definitionsmacht ab. Damit immunisieren sie sich gegen Kritik. Einst stand es im Widerspruch zu linker Politik, Menschen aufgrund persönlicher Merkmale verschieden zu behandeln, da dies nicht vereinbar war mit Vorstellungen von Gleichheit und Universalismus. Heute brüsten sich links-progressive Befürworter offizieller Identitätspolitik damit, Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit zu sortieren und entsprechend zu behandeln. Paradoxerweise erscheint Gleichberechtigung so durch die nachdrückliche Hervorhebung der Ungleichheit von Menschen verwirklicht. Für offizielle Sprachrohre von Minderheiten hat es oftmals höchste Priorität, die Position des Schwachen zu zementieren. Denn das Festhalten an der Rolle des Opfers hat, ungeachtet der realen Lage, zumeist positive Effekte, stiftet es doch Gemeinschaft, ermöglicht positive Diskriminierung und lässt sich sogar als Mittel von Machtausübung einsetzen. Minderheitenpolitik strategisch zu betreiben, ist allemal Erfolg versprechender, als die privilegierte Position als Vertreter einer Gruppe aufzugeben. Folglich lassen sich Empowerment und Diversity Management als asphaltierte Wege in die Sackgasse des identitätspolitischen Erfolgsmodells verstehen.

Mit den angeordneten Sensibilisierungsmaßnahmen zur Steigerung der Achtsamkeit für Verhalten und Sprache ist ein weiterer Baustein dafür gelegt, ein steriles Arbeits- und Lernklima zu besiegeln, worin tendenziell die Bereitschaft zur Bespitzelung, Empörung, Kränkbarkeit, Hysterie und vor allem Denunziation wächst. Wenn eine Lehrkraft zukünftig das Gender-Sternchen vergisst, mag sich bereits der eine oder andere auf den Schlips getreten fühlen. Wo beginnt und wo endet Diskriminierung? Darüber nachzudenken sei Seminarteilnehmer*innen der Cultural Studies überlassen, denen es Freude zu bereiten scheint, in Endlosschleife freie Kreise im poststrukturalistischen Diskursblabla zu drehen, um in sprachlichen Leerformeln die letzten Reste von Sinn zu dekonstruieren.

Walentina Warszawski

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Hijab-Bastelbogen (Teil 1)

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