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Editorial

Die Reaktionen gleichen dem berühmten Stich ins Wespennest: Wer die aktuellen Auswüchse des Feminismus kritisiert, kann sich auf einen geballten Gegenangriff von links gefasst machen. Ende des vergangenen Jahres lud die AG Antifa zu einer Veranstaltung mit dem Titel »Arrivederci Patriarchat – Ist der Feminismus noch zu retten?« ins linke Hausprojekt VL in der Ludwigstraße ein. Dass der Vortrag überhaupt stattfinden würde, stand lange nicht fest. Wie in jedem linken Haus trifft sich auch im VL regelmäßig eine Selbsthilfegruppe namens Hausplenum. Üblicherweise nicken dort die meisten Hausbewohner Veranstaltungen lethargisch ab. Doch der Ankündigungstext für den Abend zur Kritik des Feminismus brachte Viele zur Weißglut, und die Veranstalter wurden zum Rapport geladen.

Neben einigen Nachfragen, wie denn der eine oder andere Nebensatz zu verstehen sei, hagelte es jede Menge Anschuldigungen (»rassistisch«, »sexistisch«), Gefühlsbekundungen (»fühle mich persönlich diffamiert«) und Befindlichkeiten (»finde den Text scheiße«). Ganz nebenbei sollte gleich die veranstaltende Gruppe auf den Prüfstand gestellt werden. (»Es geht generell um die AG Antifa und ihre Diskussionskultur.«) Konkrete Belege für die Vorwürfe wurden nicht geliefert, schließlich war der Diskussionspartner nicht der Kopf, sondern der berühmte linke Bauch, der nach der täglichen Dosis Quinoa, Dinkel und Hirse nur wenig mehr als heiße Luft produziert. Dass Behauptungen nicht argumentativ belegt werden müssen, begründete ein Gegner der Veranstaltung folgendermaßen: Der Text sei so geschrieben, dass man die Verfasser auf keine Position festnageln könne. Immer wieder fragten die Hobbystalinisten detailliert nach den Vortragsinhalten, um das für sie feststehende Verbot zu untermauern. (»Ich würde mir die Vorträge ja anhören, aber bloß nicht im VL.«) Als vorgeschlagen wurde, jeder Plenumsteilnehmer solle seine Position kurz darlegen, um nicht nur die lautesten Affen brüllen zu hören, sah ein Ritter der Zivilgesellschaft seine Stunde gekommen, sich als wahrer Feminist zu gerieren: »Ihr müsst auch nichts sagen«, wandte er sich verständnisvoll an einige Frauen, die sich noch nicht geäußert hatten.

Je länger man saß und je genervter die Plenumsgäste wurden, desto mehr zeichnete sich ab, dass das Interesse an dem, was die Referenten zu sagen hatten, doch größer war als die Lust am Verbieten – auch wenn man die Vorträge »scheiße« finden würde. Die meisten Gegner schwenkten um, was insbesondere einige männliche Diskutanten so wütend machte, dass sie Teilnehmerinnen, die ihre Meinung geändert hatten, immer wieder über den Mund fuhren. So weit scheint der Antisexismus im VL dann doch nicht gediehen zu sein.

Kurz vor dem Vortragsabend veröffentlichten einige Plenumsteilnehmer eine Stellungnahme – ein Vorschlag der AG Antifa, damit die Gegner nach dem gescheiterten Verbotsversuch noch ihr Gesicht hätten wahren können –, die jedoch das Argumentationsniveau einer Dreijährigen nicht überstieg. Frei nach dem Motto: was mir nicht passt, soll auch niemand anderes hören, wurde behauptet, bei den Vorträgen würde drei Stunden lang »altes stumpfes Zeug« erzählt werden, und das sei sowieso nur »Scheiß«. Auch mit dem Leseverstehen gab es Probleme: Aus der Feststellung der AG Antifa, dass der Islam derzeit die größte Bedrohung für die Emanzipation der Frauen ist, wurde halluziniert, die Veranstalter würden jegliche Diskriminierung von Frauen jenseits der Religion des Propheten leugnen.

Wer des Lesens und Verstehens mächtig ist, ist herzlich eingeladen, die Vorträge in dieser Ausgabe der Bonjour Tristesse nachzulesen.btheader4

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Wir dokumentieren drei leicht überarbeitete Vorträge, die im Dezember 2018 im linken Hausprojekt VL auf einer Veranstaltung der AG Antifa gehalten wurden. Dem linken Freiheitsverrat angesichts der Zumutungen des Islam geht Florian Pätzold nach. Einen Untoten namens Patriarchat und den materialistischen Feminismus schaut sich Paul-Holger Seiden genauer an. Und Harald J. Finke erläutert, weshalb die Me-too-Debatte den Aufschrei eines spezifischen Sozialcharakters darstellt.


Über die Zumutungen des Islam
und einen Kampfbegriff seiner Apologeten.

 

Verrat durch die Linke

Als im Herbst 2018 die Gruppe Queer einsteigen in Halle verzweifelt nach den Frauenrechten unter dem Kopftuch suchte und in einem Vortrag dazu jeder Frau, die behauptet, sich unter dem Kopftuch frei zu fühlen, diese Freiheit ganz einfühlsam zusprach, zeigte sich einmal mehr, dass der Feminismus auf den Hund gekommen ist. Schließlich ist es leichter für die selbsternannten Verteidiger von Frauenrechten, die Rechte derer zu stärken, die vermeintlich oder tatsächlich ein Kopftuch tragen als die Rechte jener Frauen, die es ablegen oder sich gar nicht erst umbinden wollen. Was in die Logik dieser linken Feministen nicht passt, wird als westlich und für die islamischen Länder als postkolonialistisch verdammt. Weder die halbgaren Positionen der materialistischen Feministinnen1 noch das kulturrelativierende Geblöke von Queer reinsteigern lassen hoffen, dass am Feminismus aktuell noch irgendwas zu retten ist. So verwundert es kaum, dass die Vorkämpfer für eine bessere Gesellschaft in der islamischen Welt und die damit verbundenen universell geltenden Frauenrechte nicht materialistische oder queere Feministinnen sondern islamkritische Frauen wie Necla Kelek, Ayaan Hirsi Ali oder Seyran Ates sind. Diese Frauen sind durchaus dazu bereit, den Islam scharf zu kritisieren und benötigen deshalb als Verräterinnen der Umma2 Personenschutz. Im Namen der islamischen Rechtsprechung, der Scharia, wurde über alle drei Frauen eine Fatwa verhängt, was einem Todesurteil gleichkommt.

Die Vermeidung von kritischen Positionen gegenüber der selbsternannten Religion des Friedens zieht sich wie ein roter Faden durch das bunte Potpourri im innerlinken Szenemief. Weder die radikale Linke noch ihre weichgespülte Avantgarde mit Taz-Abo und Feine Sahne Fischfilet auf dem Ipod will begreifen, dass alle Schweinereien, die durch AfD, Identitäre Bewegung und irgendwelche Biobauern vom Lande zusammen begangen werden, nicht einmal ansatzweise an die Gräueltaten im Namen des Islam heranreichen können. Und dennoch wird sich über die mehr als fünfzig Ehrenmorde und Mordversuche allein im Jahr 2018 in Deutschland3 durch Moslems an Moslems ausgeschwiegen, und stattdessen werden ein paar dümmliche Ossis in Chemnitz mit Hitlergruß zur Gefahr für die Demokratie und den Rechtsstaat stilisiert. Wen verwundert es also, dass genau diese Linken, die sich antifaschistisch, antirassistisch und feministisch geben, die universell geltenden Rechte für alle Frauen verraten. Um sich eine Vorstellung davon zu machen, was ausgeblendet werden muss, um weiterhin am Appeasement mit einer totalitären Massenbewegung festzuhalten, folgt jetzt ein Blick auf die Rolle der Frau im Islam.

Bestellt den Acker, wann ihr wollt!

Wie im Juden- und Christentum legalisiert der Islam den Koitus und erlegt ihm Regeln auf. So ist der voreheliche Sex ebenso verboten wie Ehebruch und die Reproduktion unbedingt erwünscht. Im Unterschied zu den beiden anderen genannten Religionen setzt der Islam aber auf eine Maximierung der innerehelichen Sexualität, erklärt also die Fortpflanzung als oberstes Ziel und macht dadurch aus dem Ehebett eine landwirtschaftliche Produktionsstätte. So wird aus der Gattin ein Acker, den es zu bestellen gilt. So kann man in Sure 2, Vers 223 nachlesen: »Eure Frauen sind euch ein Saatfeld, also bestellt euer Saatfeld, wann ihr wollt«.

Betrachtet man also die Rolle der Frau unter dem Aspekt des Saatfeldes, wird schnell klar, dass es mit Freiheit und Emanzipation nicht weit her sein kann. Wie auch, wenn Weiblichkeit im Koran verteufelt wird und das Antlitz einer Frau den Mann von seiner Gotteshingabe ablenkt. Aus diesem Grund ist es beispielsweise dem Moslem strikt untersagt, zu einer fremden Frau zu gehen, da durch ihr Blut Satan fließt und es dem Mann gar nicht anders ergehen könne, als sich diese Frau zu nehmen. Die logische Folge der Dämonisierung von Frauen ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Die Frau wird für Ehebruch durch den Mann ebenso verantwortlich gemacht wie für vorehelichen Sex und Vergewaltigung. Diese Schuldzuweisungen nehmen kuriose Formen an. So machte der muslimische Kleriker Kasem Sedighi das unzüchtige Verhalten von Frauen für Erdbeben im Iran verantwortlich: »Viele Frauen, die sich nicht angemessen kleiden, verführen junge Männer zur Unkeuschheit und verbreiten Unzucht in der Gesellschaft, was letztendlich zu Erdbeben führt«4. Ebenfalls kurios und gleichermaßen barbarisch war die Vergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens 2016 ebenfalls im Iran. Ihr Peiniger konnte damals die Strafe wegen außerehelichem Sex [Anmerkung des Verfassers: nicht Vergewaltigung!] umgehen, da die Mutter des Opfers ihm das Angebot unterbreitete, ihre Tochter nachträglich zu heiraten.5 Man könnte annehmen, mit einer Heirat und dem vermeintlichen Schutz, nicht mehr als Hure verdächtigt zu werden, würde es Frauen im Islam besser ergehen. Diesen Irrglauben kann man mit einem Blick auf die Institution Ehe schnell entkräften.

Vergewaltigung – ein Privileg der Ehe

Denn die Ehe ist keineswegs ein Schutzraum für die moslemischen Frauen. So muss man wissen, dass die sexuelle Verweigerung ein Angriff auf die Ordnung der Umma darstellt und nach islamischem Recht mit Ehebruch gleichgestellt wird. So kann sich der Mann die Frau nehmen, wann er will, und dies bleibt rechtlich konsequenzlos für ihn. Für die Frau bleibt die Weigerung, Sex zu haben, nicht ohne Folgen. So heißt es beispielsweise im Artikel 67 des ägyptischen Code du statut personnel, dem 2008 in Kraft getretenen Gesetz zum Personenstatus: »Eine Frau verliert ihr Recht auf Unterhalt, wenn sie sich ihrem Mann verweigert.« Dabei bricht die Frau nicht nur das Recht ihres Mannes. Mit ihrer Weigerung bringt sie das Verhältnis zwischen Unterhalt und Sexualdienst, welches mit der Prostitution identisch ist, aus dem Gleichgewicht und sabotiert damit die staatstragende Funktion des Koitus und damit die natürlichen Gesetze der Umma. Sprich: Nicht jederzeit bereit zu sein, gleicht einem Angriff auf den Islam! Das betrifft im Übrigen auch die Verweigerung des Beischlafs aus medizinischen Gründen oder die Unfruchtbarkeit einer Frau, was zu einer Scheidung und dem Verlust des Unterhalts, der Wohnung und ihrer Kinder führt. Ein Moslem kann sich seiner Frau jederzeit unbürokratisch und ohne Nennung von Gründen entledigen und sie durch eine andere ersetzen. Die Frau hingegen darf sich nicht durch Scheidung den Zumutungen ihres Gatten entziehen, da mit der Abgabe des traditionellen Brautpreises sie gekauftes Gut ist. Lossagen kann sie sich nur dann, wenn sie sich freikauft. Zwar räumen die meisten islamischen Staaten der Frau mittlerweile das Recht einer Trennung ein. Dies würde aber nur dann funktionieren, wenn sie dem Mann folgendes Fehlverhalten nachweisen kann: längere grundlose Abwesenheit (vier Monate), Inhaftierung, mangelnde ökonomische Versorgung oder ihre Misshandlung. Wo der Unterschied zwischen Misshandlung und Züchtigung, die als legitim gilt, liegt, ist mitunter nie ganz klar. Und da die Rechtsprechung in solchen Ländern ja bekanntermaßen überwiegend Männersache ist, wird häufig im Sinne des Mannes entschieden, was die Entscheidung einer Frau, sich scheiden zu lassen, oftmals hemmt. Nun darf man nicht verschweigen, dass es große Unterschiede in den verschiedenen islamisch geprägten Ländern gibt. Insbesondere in den Ländern, in denen die Scharia nicht als allein geltendes Rechtswesen akzeptiert und mit einem mehr oder weniger funktionierenden Rechtswesen dagegengehalten wird. Das hat zur Folge, dass beispielsweise in Marokko die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Verfassung festgeschrieben ist. Dies steht im Widerspruch zur Scharia und somit auch im Widerspruch zum Islam. Die religiösen Kleriker erkennen die Verfassung nicht an, und somit hat auch dieses Land ein fundamentales Gewaltproblem in Bezug auf Frauen. Scheidungen, die von der Frau ausgehen, sind somit eher die Seltenheit. So kann es nämlich auch nach hinten losgehen, wenn die Frau ihrem Gatten keinen ausreichenden Grund nachweisen kann. Eine daraus resultierende Verstoßung ohne Unterhalt wäre der existenzielle und gesellschaftliche Ruin. Somit ist der Schritt, sich scheiden zu lassen, immer mit einem hohen Risiko für Frauen verbunden, und oftmals bleiben sie ihren Männern ausgeliefert. Um ins Paradies zu kommen, müssen sie sprichwörtlich die Hölle auf Erden durchleben. Verantwortlich dafür ist die Scharia, die den Anhängern dieser Religion ein klar geregeltes Lebenskonzept vorgibt und den Mann über die Frau stellt. Obwohl die Beherrschung der Frau durch den Mann in Bezug auf den Islam doch mehr als offensichtlich ist und als patriarchale Herrschaftsform beschrieben werden könnte, ist eine Verwendung dieser Begrifflichkeit nicht nur unzureichend, sondern auch falsch.

Das kastrierte Patriarchat und der kleine Prinz

Der Mann ist nicht einmal mehr ansatzweise der herrschende Vater der Familie, dessen Stellung als Oberhaupt ökonomisch gerechtfertigt war. Der Mann von heute leitet nur selten das expandierende Familienunternehmen und kommt vielmehr einem frühpubertierenden Jungen gleich, der seine Auto- oder Fußballmagazine als Ausdruck seiner Männlichkeit ins Feld führt. Betrachtet man die Sozialisierung des Mannes im Islam, so wird auch da deutlich, dass hier ein selbst ernannter Familiensouverän selten den Ansprüchen gerecht wird, die an ihn gestellt werden. Das islamische Gesetz koppelt die Stellung des Mannes an seine ökonomische Potenz. Diese schwindet aber zunehmend angesichts der Erfordernisse des globalen Weltmarktes und macht aus Vätern und Söhnen arbeitslose Taugenichtse. Den Söhnen fehlt das für die Ehe und damit die legale Triebabfuhr nötige Kapital. Sie lungern angestachelt und unbefriedigt auf den Straßen Kairos, Gazas oder Neuköllns herum, während die Väter ihre Versorgungsfähigkeit und somit ihr von der Scharia garantiertes Recht auf sexuellen Gehorsam einbüßen. Nicht selten sind die Resultate auf diese erlebte Ohnmacht Angst, Depression und Frustration. Dieser labile Zustand der männlichen Protagonisten schlägt regelmäßig in Gewalt um. Sie richtet sich gegen alles vermeintlich Schwächere und vor allem gegen das, was sie in ihrer erzwungenen Vormachtstellung bedroht. Jenes Phänomen ist mitunter – tendenziell ähnlich – auch bei Männern mit nicht-islamischem Background zu beobachten und unterscheidet sich nur in der Quantität. So wurde in einer Umfrage der türkischen Universität Kirikkale und der Organisation »Glückliche Kinder« unter 3.500 türkischen Männern nachgewiesen, dass in der Türkei Gewalt gegen Frauen durchaus selbstverständlich ist.6 Laut der Befragung befürworten 62 Prozent der türkischen Männer Gewalt gegen ihre Ehefrauen. Ähnliche Studien wurden auch in Ägypten, Tunesien und Marokko durchgeführt und kamen zu einem ähnlichen Ergebnis.7 Ägypten soll, laut einer Umfrage der Thomson Reuters Foundation, in Sachen Gewalt und sexuelle Übergriffe gegen Frauen eines der gefährlichsten Länder der Welt sein.

Man muss sich also die Frage stellen, warum insbesondere Männer aus islamisch geprägten Ländern eine so hohe Affinität zur Gewalt zeigen. Zum einen liegen die Gründe in der fehlenden Hemmschwelle, die sonst durch staatliche Repressionen verursacht wird. Zum anderen finden sich Ursachen im Erziehungsstil muslimischer Mütter. Durch das Heranziehen kleiner Prinzen, die mit dem Glauben aufwachsen, der Größte und Stärkste zu sein, wird die Konfrontation mit dem Realitätsprinzip und der dadurch resultierenden Kränkung zur Gefahr für Alles, was den islamischen Mann umgibt. Auch wenn sich in Ländern, in denen der Islam staatstragend ist, noch so sehr gegen die Moderne gewehrt wird, so durchdringt sie als Resultat des Kapitalverhältnisses jede Gesellschaftsform und hinterlässt weniger Patriarchen als viel mehr narzisstische Persönlichkeiten. Diese erfahren durch ihre eigene Ohnmacht regelmäßig Kränkungen. Je gekränkter die Männer, umso verbissener halten sie an ihrer Stellung fest und kompensieren mit Gewalt und Tugendterror gegen Frauen und eben auch gegen Töchter. Diese Kanalisierung narzisstischer Kränkungen hört nicht bei der eigenen Familie oder dem Kulturkreis auf. Sie richtet sich ebenso gegen sogenannte westliche Huren, die sich haram kleiden, sowie allgemein gegen den Westen mit all seinen zivilisatorischen Standards. An solchen pathologischen Reaktionen hat die Mutter einen großen Anteil. Die Unfähigkeit vieler moslemischer Männer, in die Erwachsenenwelt einzutreten, ist der nie gelösten Abhängigkeit von der Mutter geschuldet. Sie ist diejenige, die ihren Söhnen Allmachtsfantasien vermittelt und ein Leben ohne Verantwortung verspricht. Das Gesetz der Mutter ist geprägt von Abhängigkeit und verbotener Lust. Erst wenn sich das Kind im ödipalen Dreieck (Mutter-Vater-Kind) selbst ausgeschlossen fühlt und dadurch ein Bewusstsein von Getrenntheit bekommt, erfüllt es die Voraussetzung für Individuation. Diese Getrenntheit erfahren viele muslimische Jungen im Gegensatz zu ihren Schwestern nicht. Durch die vermeintlich untrennbare Bindung an die Mutter entsteht eine narzisstisch-inzestuöse Struktur. Die Mutter fungiert hier sowohl als Lustobjekt als auch als Lusttöter. So gab es beispielsweise in Marokko den Vorschlag, dass eine Frau sich mit einem Mann erst dann das Büro teilen darf, wenn sie dem Mann die Brust gegeben hat und somit nicht mehr Lustobjekt sein kann, sondern sich eine Art Mutter-Kind-Beziehung entwickelt.8 So absurd sich dies anhören mag, so demütigend ist es aus Sicht der Frau. Ihr bleibt nur die Unterwerfung als Frau oder die als unterwerfende Mutter. Jede Frau, die nicht dem Idealbild der Mutter entspricht, wird als bedrohlich wahrgenommen. Jede Bedrohung des Selbst löst bei narzisstischen Persönlichkeiten Gewalt aus. Unter dem Vorhang der Ehre wird diese Selbstüberhöhung dann kanalisiert. Die immens hohe Anzahl an Ehrenmorden durch junge Moslems in Deutschland muss unter Berücksichtigung dieser Abhängigkeit untersucht werden. So entlarvt Tjark Kunstreich in seinem Artikel Muttis Gesetz in der Zeitschrift Bahamas anhand des Mordes eines 18-jährigen Afghanen an seiner 14-jährigen Schwester 2017 die Mutter als eigentliche Auftraggeberin des Ehrenmordes. Das gelingt ihr in der Rolle als Gewährende und als unter der Versündigung ihrer Tochter leidende Person. Ermordet wurde das junge Mädchen vom jüngsten Sohn der Familie, um nach eigener Aussage die Familienehre wiederherzustellen und seine Mutter zu rächen. Die Mutter musste also den Befehl zur Tötung nicht einmal aussprechen. Es reichte völlig, die ewig Leidende zu spielen, um ihren phallischen Ersatzobjekten (also ihren Söhnen) verständlich zu machen, was zu tun ist.

Die gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen begreifen Frauen im Islam nur als passiv duldende Wesen oder Opfer. Deshalb wurde sich in den Ermittlungen zum Ehrenmord auch ausschließlich auf die männlichen Protagonisten konzentriert. Die Annahme, es könnten nur islamische Männer zu solchen Taten fähig sein, ignoriert die Macht, die durch die Mutter innerfamiliär ausgelebt wird und auch in die den Männern vorbehaltene Außenwelt dringt. Der Vater, der laut Kunstreich nur noch ein kastrierter Patriarch sein kann, fungierte bei diesem Mord nur als um sich schlagender Terrier, der seine Tochter regelmäßig zu züchtigen versuchte. Die Aussage des Opfers bei der Polizei vor ihrer Ermordung – bevor es seinen Verletzungen erlag –, beschrieb diese Misshandlungen durch den Vater im Beisein der anfeuernden Mutter. Wer wider des Wissens um die Einflussnahme der Mutter auf die Taten ihrer Männer und Söhne immer noch vom Patriarchat als Ursprung des Bösen spricht, verkennt absichtlich einen Zusammenhang, der sich nicht auf die einfache Formel »Frau gut – Mann böse« herunterbrechen lässt. Ebenso wird die Tatsache verkannt, dass auch ein kastriertes Patriarchat keins mehr sein kann.

Kuschelgruppe Antifa

Die Verfallserscheinung des Patriarchats und die Wiederbelebung dieses Popanzes sowie die Tatsache, dass auch Mütter zu allerlei Unheil fähig sind, macht den Begriff für die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse komplett unbrauchbar. Wer es ernst meint mit der Befreiung der Frau, der scheut sich nicht vor Kritik an menschenfeindlichen Ideologien und protestiert gegen die Toleranz und Akzeptanz, die ihnen die Gesellschaft entgegenbringt und die sich von den Universitäten in die Politik bis hin zu richterlichen Urteilen ihre Bahnen bricht. So geschehen als eine Frankfurter Richterin im Jahre 2006 einer Marokkanerin, die über mehrere Jahre von ihrem Mann misshandelt wurde, die schnelle Scheidung verwehrte und dies mit dem Züchtigungsrecht des Mannes im Islam begründete. Sie verwies in einem Schreiben auf den Koran, wo die Ehre des Mannes an die Keuschheit der Frau gebunden sei. Daraus würde sich ergeben, dass es für einen islamisch erzogenen Mann schon eine Ehrverletzung sein könne, wenn die Frau nach westlichen Kulturregeln lebt.9 Auch wenn dieses Urteil damals skandalisiert wurde, so zeigt es, welcher Irrsinn durch fehlgeleitete und kultursensible Toleranz Einzug in die Gesellschaft erhält. Solche Tendenzen dürfen nicht unwidersprochen hingenommen werden. Und dennoch scheint die lokale Antifa aktuell die größte Bedrohung für Frauenrechte nicht im Islam zu erkennen, sondern im Frauenbild einer völkischen Politsekte aus Halle. Jedenfalls fanden sich hunderte Antifaschisten im April 2018 zusammen, um gegen einen Ableger der Identitären Bewegung unter dem Motto »Konsequent. Feministisch. Antifaschistisch.« zu demonstrieren. Der Islam scheint beim verantwortlichen Bündnis Kick Them Out keine große Rolle zu spielen. Gibt man auf ihrem Blog das Schlagwort Islam ein, findet man nur zwei Einträge.10 Alle beide stammen aus einem islamkritischen Redebeitrag der Gruppe Gegen deutsche Normalität, die während und nach der Demo von vielen Teilnehmern kritisiert und runtergemacht wurden. Denn das antifaschistische Bündnis und seine vielen hundert Unterstützer wissen, dass das Patriarchat in der Adam-Kuckhoff-Straße wohnt und konsequent feministisch bekämpft werden muss. Wer diesen Antifaschismus eher inkonsequent und lächerlich findet und nicht zur breiten Volksfront unteilbarer Idioten zählen möchte, der ist herzlich eingeladen am 21. Dezember 2018 gegen eine Salafisten-Moschee in Leipzig zu demonstrieren und den Mackern in diesem hässlichen Haus den Kampf anzusagen. Wessen Rechtspopulismusradar jetzt ausschlägt, dem wünsche ich weiterhin viel Spaß beim linken Gruppenkuscheln mit den alten Poppunkern von den Toten Hosen, der Helene-Fischer-Cover-Band Feine Sahne Fischfilet und vielen engagierten Politikern mit denen die Antifa momentan auf Kurs ist. Denn das Betreiben stupider Selbstvergewisserung und das Bedürfnis mit Campino, Monschi und Frank-Walter zu klüngeln ist letztendlich Ausdruck eines Antifaschismus, der nichts kostet und bereits zur Triebfeder für den Verrat an der Freiheit geworden ist.

Florian Pätzold

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Thomas Maul: Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus, Freiburg 2010.

Evelyn Heinemann: Männlichkeit, Migration und Gewalt. Psychoanalytische Gespräche in einer Justizvollzugsanstalt, Stuttgart 2008.

Jan Gerber: Vive la différence! Die Abschaffung der Geschlechter, in: Bahamas Nr. 61.

Tjark Kunstreich: Muttis Gesetz. Die Angleichung des Westens an die islamische Kultur, in: Bahamas Nr. 77.

 

Anmerkungen:

1 Vgl. hierzu den Artikel Die feministische Wiederbelebung des Patriarchats in dieser Ausgabe.

2 Die religiös fundamentierte Gemeinschaft aller Moslems.

3 Vgl. hierzu: http://ehrenmord.de/doku/2018/doku_2018.php.

4 Vgl. hierzu: http://www.spiegel.de/panorama/iran-geistlicher-macht-freizuegige-frauen-fuer-erdbeben-verantwortlich-a-689956.html.

5 Vgl. hierzu: https://www.welt.de/vermischtes/article160189465/Maedchen-vergewaltigt-Mutter-macht-dem-Taeter-ein-Angebot.html.

6 Vgl. hierzu: https://www.welt.de/vermischtes/article115427763/Mehrheit-der-Tuerken-ist-fuer-Gewalt-gegen-Frauen.html.

7 Vgl. hierzu: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sexuelle-belaestigung-in-aegypten-fast-jede-frau-betroffen-a-1183910.html.

8 Vgl. hierzu: https://www.huffingtonpost.de/entry/muslimische-schriftstellerin-erklart-sex-angste-von-islamisten_de_5bbdff63e4b028e1fe43ca45.

9 Vgl. hierzu: https://www.welt.de/politik/article772111/Richterin-verweist-auf-Zuechtigungsrecht-im-Koran.html.

10 Zu überprüfen unter: https://kickthemout.noblogs.org/.

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Hoffnung keimt auf, wenn sich Feministen nicht mehr »queer«, sondern »materialistisch« nennen. Das vergangene Jahr darf mit Sicherheit als das Jahr des sogenannten »materialistischen Feminismus« bezeichnet werden: Seine Vertreter wurden von TOP Berlin zum Symposium geladen, die Humboldt-Universität organisierte ihnen einen dreitägigen Kongress, und eine Wiener Tagung zum Thema zog laut Veranstaltern über 600 Besucher an. Koschka Linkerhand, die als Frontfrau des materialistischen Feminismus durch die Republik tourt, veröffentlichte im letzten Jahr ihren Sammelband Feministisch streiten, das Handbuch der neuen Bewegung. Dass immer größere Teile der radikalen Linken Abstand nehmen von queerer Theorie und Praxis, ist erfreulich. Doch während die heutigen Feministen die Fehler der Dritten Welle der Frauenbewegung nach und nach erkennen, wiederholen sie wider besseren Wissens die der Zweiten.

Keine feministische Veranstaltung und kein noch so kurzer Text kommen ohne den Verweis auf das übermächtige Patriarchat aus, das in allen Ecken lauere und einfach nicht klein zu kriegen sei. Was sich hinter dem Begriff verbirgt, interessiert dabei nur die Wenigsten. Denn längst wissen alle, dass »patriarchatskritisch« zu sein, keine inhaltliche Aussage ist, sondern eine Selbstverortung, die die Zugehörigkeit zur eigenen Szene bekräftigt. Der Kampf gegen das Patriarchat ist der feministische Kitt, der sozial engagierte Akademiker und Punks mit »Macker aufs Maul«-Buttons zusammenbringt. Einige Feministen werfen Provinzpunkern ihr männliches Gehabe vor, andere arbeiten sich am Frauenbild der Neuen Rechten ab und ein paar Wenige üben angeblich sogar Islamkritik. Die einen reflektieren ununterbrochen sprachliche Sexismen, andere beten das Verhältnis von Geschlecht und Kultur in der Dialektik der Aufklärung rauf und runter. Wieder andere wollen im Anschluss an Roswitha Scholz zeigen, dass der Wert lieber Hosen als Röcke trägt. So verschieden die Themen linksliberaler und linksradikaler Feministen auch sein mögen, sie finden immer wieder zusammen, weil sie genau wissen, wo der gemeinsame Feind steht.11 Was gerade seinen Aufstieg feiert, ist eine neue linke Sammlungsbewegung – Aufstehen gegen das Patriarchat.

Das Patriarchat ist tot …

Wenn man auf die Frage, was nun dieses Patriarchat sei, vielleicht doch mal eine Antwort erhält, wird diese ungefähr folgendermaßen ausfallen: Es handle sich um die allgemeine Männerherrschaft, um eine gesamtgesellschaftliche Struktur, die Frauen systematisch benachteilige. Jedenfalls würden wir alle in patriarchalen Verhältnissen leben – darin sind sich zahlreiche Antideutsche, Die Zeit und Heiko Maas einig. Ganz anders würden das die Ikonen der Ersten Frauenbewegung sehen. Für sie stand der Begriff des Patriarchats für eine bestimmte historische Konstellation.

Louise Otto-Peters, die bekannteste Vertreterin der bürgerlichen Ersten Frauenbewegung in Deutschland, bezeichnete 1866 in Das Recht der Frauen auf Erwerb ausschließlich die spätfeudale Familie als »patriarchal«. Im frühen 19. Jahrhundert war das ganze Leben noch auf die Hausgemeinschaft beschränkt – man wohnte und arbeitete am selben Ort. Paradigmatisch für die spätfeudale Familie ist das Haus des Zunfthandwerkers, in dem der Meister, seine Frau und die Kinder sowie der Geselle und der Lehrling alle unter einem Dach lebten und produzierten. Dabei nahm der Vater – in diesem Falle der Meister – eine besondere Stellung ein: Er lenkte die Geschäfte des Hauses. Seine Macht basierte auf persönlichem Zwang gegenüber den anderen Familienmitgliedern; er bestimmte, wie der Laden läuft; alle mussten sich ihm unterordnen. Der Vater war Feudalherr im Kleinen. Gleichzeitig hatte er jedoch die Verantwortung, für das Auskommen aller zu sorgen. Im Unterschied zum heutigen Mann, der oft genug nicht mal für sein eigenes Leben Verantwortung übernehmen will, musste der Vater in der patriarchalen Familie die ganze Hausgemeinschaft organisieren. Der Begriff des Patriarchats begann seine feministische Laufbahn also in seiner wörtlichen Bedeutung, als Verallgemeinerung vom »herrschenden Vater« der Familie im frühen 19. Jahrhundert. Für die Erste Frauenbewegung bezeichnete das Patriarchat ein bestimmtes Familiensystem, das sich zu ihrer Zeit schon aufgelöst hatte.

Der technische Fortschritt der Produktionsmittel führte zu massiven Veränderungen in der Produktionssphäre, so dass der feudalen Lebensweise der Boden entzogen wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Auflösung traditioneller Hausgemeinschaften, ausgelöst durch Industrialisierung und Aufhebung des Zunftzwangs. Produziert wurde jetzt vermehrt in der Fabrik oder zumindest in größeren Betrieben. Wer weiter als kauziger Handwerksmeister zuhause arbeiten wollte, bekam das Diktat des Marktes zu spüren. Mit der Veränderung der Produktionsverhältnisse bildeten sich neue Formen familiären Zusammenlebens heraus: die bürgerliche und die proletarische Familie. Wohnung und Arbeitsort waren jetzt räumlich getrennt. Die Familie entstand als Privatbereich, Kindererziehung und gegenseitige Fürsorge zwischen den Familienmitgliedern gewannen an Gewicht. Das Ideal der romantischen Liebe setzte sich durch. Weder dem proletarischen noch dem bürgerlichen Vater gelang es noch, die Rolle des Patriarchen in der traditionellen Familie zu besetzen. Die Herrschaft des kleinen Feudalherrn war unwiderruflich gebrochen.12 Die Erste Frauenbewegung bezeichnete deshalb die entstehenden bürgerlichen Verhältnisse nicht mehr als patriarchal. Für sie war das Patriarchat Indikator dafür, die Veränderungen der Familienformen und Geschlechterbeziehungen durch die einsetzende kapitalistische Entwicklung verständlich zu machen.

… es lebe das Patriarchat!

Mit dem Aufkommen der Zweiten Frauenbewegung Ende der 1960er-Jahre änderte sich die Bedeutung von ›Patriarchat‹ schlagartig: Sie wurde von konkreten gesellschaftlichen Zuständen abgelöst. Seitdem bezeichnet der Begriff überhaupt nichts Wirkliches mehr, sondern ist zum Label verkommen, unter dem gedankenlos sämtliche Benachteiligungen von Frauen eingeordnet werden. Indem über alle Räume, Zeiten und gesellschaftlichen Dimensionen hinweg verallgemeinert wird, geht die Fähigkeit zur Differenzierung verloren. Der Patriarchatsbegriff wird damit leer und unbrauchbar. Wer bei jeder Gelegenheit mit ihm um sich wirft, erweist dem feministischen Anliegen einen Bärendienst. Eine fundierte Analyse des Geschlechterverhältnisses wird so verunmöglicht. Sie müsste gerade die weltweiten Unterschiede und historischen Veränderungen zu ihrem Ausgangspunkt machen und die Frage stellen, warum, wo und wie Frauen konkret benachteiligt werden.

Diese Kritik an der Universalisierung des Patriarchatsbegriffs war bereits in der Zweiten Frauenbewegung präsent – vertreten durch ihren vernünftigeren Teil, der die Gesellschaftskritik nicht so leichtfertig auf dem Altar der feministischen Einheit opferte. Karin Hausen, eine Pionierin der historischen Geschlechterforschung, erklärte etwa 1986 in ihrem Artikel Patriarchat. Vom Nutzen und Nachteil eines Konzepts für Frauengeschichte und Frauenpolitik, der Ausdruck werde »inflationär als Flickwort« verwendet. Sobald man mit seinem Latein am Ende ist, muss eben das übermächtige Patriarchat als stumpfe Welterklärung herhalten. Noch heute machen sich die Wenigsten die Arbeit, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Egal worum es geht – sei es Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt oder Genitalverstümmelung – schuld ist immer das Patriarchat.

Hausen blieb dabei jedoch nicht stehen, sondern erklärte auch, warum die Begriffslosigkeit für ihre Zeitgenossen so verlockend war. Ihr zufolge ist die Rede vom Patriarchat »ein politisch nützlicher Kampfbegriff«. Sie fügte hinzu: »Die Kampfansage gegen das ›Patriarchat‹ und die ›patriarchalischen‹ Verhältnisse [dienen] als gemeinsamer Nenner der politischen und wissenschaftlichen Mobilisierung und Verständigung«. Dem schloss sich Gudrun-Axeli Knapp, die in den 1980er- und 90er-Jahren die Frauenforschung mit an der Kritischen Theorie geschultem Denken herausforderte, in Die vergessene Differenz von 1988 an: »Unübersehbar ist […] die politische Bindefunktion des Konzepts [Patriarchat], die mit einer starken affektiven Besetzung verbunden ist. Auf die Aufforderung, zu differenzieren – so meine Erfahrung in der Lehre und in Diskussionen in autonomen Zusammenhängen – wird daher häufig mit Angst vor Orientierungsverlust und Abwehr von Theorie reagiert.«

Dass Hausens und Knapps Analyse noch mehr als drei Jahrzehnte später von bestechender Aktualität ist, stellt ein Armutszeugnis für den Feminismus aus. Der schwammige Patriarchatsbegriff, den die Frauenbewegung seit der Zweiten Welle mit sich herumschleppt, hat noch nie dabei geholfen, die Gesellschaft zu verstehen, weil er alle wichtigen Fragen zudeckt. Er dient vielmehr als Welterklärung, mit der sich jede inhaltliche Leerstelle überdecken lässt, sowie als Kampfbegriff, der die feministische Szene zusammenhält, weil er so unkonkret bleibt, dass sich jeder unter ihm vorstellen kann, was er will. Mit ihm lässt sich hervorragend Politik machen: Wenn irgendetwas »patriarchal« genannt wird, weiß zwar niemand genau, was das bedeutet – der moralischen Empörung kann man sich aber sicher sein.

Die sogenannte Islamkritik der materialistischen Feministen belegt, dass sich seit den 1980er Jahren nicht viel verändert hat. Koschka Linkerhand erzählt in Feministisch streiten: Die Entrechtung von Frauen durch den Islam sei schlimm, und das Kopftuch als Symbol auch. Jedoch sei die Situation von Frauen im Islam strukturell der im Westen ähnlich, weil es in beiden Fällen das Patriarchat sei, das sie unterdrücke. Deshalb kommt sie zu dem Schluss, Burka und Spitzen-BH seien nur zwei Seiten derselben Medaille.13 Von Islamkritik zu sprechen, um dann islamische Frauenfeindlichkeit zu relativieren, indem man hauptsächlich angebliche Gemeinsamkeiten mit dem Westen erfindet, ist übler Zynismus. Die systematische Unbestimmtheit des Begriffs vom Patriarchat basiert nicht nur auf einer falschen Analyse, sondern tendiert bereits zum Verrat an unter dem Islam leidenden Frauen.14 Zuallererst hätte man festzustellen, dass es sich um völlig unterschiedliche Verhältnisse handelt, dass also das islamische Frauenbild vom westlichen strikt zu unterscheiden ist.

Revolutionärer Geschlechterkampf

So modern sich die materialistischen Feministen auch geben, so alt ist ihre Verwendung des Patriarchatsbegriffs – und so alt sind ihre theoretischen Grundlagen. Den Großteil hat man sich von der EXIT!-Theoretikerin Roswitha Scholz geborgt. Ihre sogenannte »Wert-Abspaltungs-Kritik« aus den 1990er-Jahren besagt, dass die kapitalistische Gesellschaft nur bestehen könne, weil Männer Frauen strukturell ausbeuten. Der Wert sei männlich und habe eine abgespaltene Schattenseite, die weiblich sei. Deshalb sei die Produktionssphäre – die Arbeit im Betrieb, wo man viel Geld verdiene – Sache der Männer. Die Reproduktionssphäre – Kindererziehung, Pflege, Haushalt sowie Interesse am Anderen, das man heute nur noch als »emotionale Arbeit« kennt – sei Sache der Frauen. Diese Trennung männlicher und weiblicher Sphären sei die Grundlage des allgemeinen Patriarchats, das immer weiter bestehen müsse, solange die kapitalistische Gesellschaft existiert, weil der Wert selbst ja männlich sei. Es wird behauptet, alle Menschen würden im warenproduzierenden Patriarchat leben, und die Unterdrückung der Frau ermögliche erst dies Produktionsverhältnis.

Die materialistischen Feministen haben diese Thesen in Gänze übernommen. Nur: Mit der Wertkritikerin Scholz lässt sich keine Revolution machen, schon gar kein Aktivismus begründen. Denn Scholz wartet weiterhin stur auf das (kurz bevorstehende) Ende kapitalistischer Vergesellschaftung. Deshalb muss ein zweites Standbein her: das politische Subjekt Frau. Die Idee dahinter ist, dass sich alle Frauen als Schwestern begreifen müssten, die das gleiche Los teilen. Sie sollen sich als Frauen begegnen, organisieren, gegenseitig unterstützen und gemeinsam gegen die Männer auf die Barrikaden gehen. Dieses Konzept einer nach innen schützenden und nach außen aggressiven Schwesternschaft zwischen allen Frauen ist ebenfalls ein Erbe der zweiten Frauenbewegung, für das nicht zuletzt Alice Schwarzers Kleiner Unterschied von 1975 steht.

Beide Elemente zusammengenommen – das Patriarchat als universelles Strukturprinzip der Gesellschaft und das Kollektivsubjekt Frau, das es umwerfen soll – ergeben recht genau den Stand des Feminismus in den Siebzigerjahren. Die frühe Zweite Frauenbewegung machte Männer und Frauen zu zwei Klassen der Gesellschaft, die sich unversöhnlich gegenüberstünden. Eindrucksvolles Beispiel dafür ist Shulamith Firestones Frauenbefreiung und sexuelle Revolution von 1970, das als einer der großen Klassiker des Feminismus gilt.15 Auch die französische Feministin Christine Delphy, die bereits 1976 einen Artikel mit Für einen materialistischen Feminismus überschrieb, blies das Patriarchat zum Hauptwiderspruch der Gesellschaft auf.16 Über die unterdrückte Klasse der Frauen erzählten die Feministen der 1970er Jahre genau das, was Linke seit jeher über die Arbeiterklasse sagen. Das heißt, dass Frauen im selben Sinne eine unterdrückte Klasse seien wie Arbeiter. Alle Mitglieder des unterdrückten Geschlechts befänden sich objektiv in der gleichen Lage. Frauen hätten deshalb ein geteiltes Interesse daran, das bestehende System umzuwerfen. Nur sie könnten die Falschheit der Verhältnisse erkennen, weil sie einen bestimmten Standpunkt und geteilte Erfahrungen hätten. Deshalb müssten sich Frauen organisieren, um im gemeinsamen Kampf gegen ihre Unterdrücker eine Revolution zu erfechten, die sie emanzipiert und die gesellschaftliche Herrschaft abschafft.

Die frühe Zweite Frauenbewegung richtete also den Geschlechterkampf nach dem Vorbild des Klassenkampfes aus. Das politische Subjekt Frau entspricht dem Proletarier, das Geschlechterverhältnis ersetzt das Kapitalverhältnis. Dieses Denken greift der aktuelle materialistische Feminismus wieder auf. Begründet liegt es seinerseits in den spezifischen Voraussetzungen der Zweiten Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre.

Marx feministisch gelesen

Die späten 1960er Jahre waren die Zeit der europäischen Studentenbewegungen und der New Left in den USA. Die New Left knüpfte nicht an den Marxismus der alten Arbeiterbewegung an – der war ohnehin tot –, sondern nahm Impulse aus der Bürgerrechtsbewegung auf. Es wurde weniger über die Befreiung aller Menschen gesprochen als über die Unterschiede zwischen den Menschen, insbesondere über Hautfarbe, Geschlecht und Sexualität. Auch in Deutschland wurde der Universalismus, die Idee der einen Menschheit, durch den Partikularismus abgelöst, der jedem Grüppchen sein Stück vom Kuchen garantieren soll. In dieser Verschiebung spiegelt sich unter anderem wider, dass man die Grenzen des ökonomischen Wachstums bereits erahnen konnte. Ohne den Siegeszug des Partikularismus lässt sich die Entstehung der Zweiten Frauenbewegung nicht erklären. Im gleichen Maße war sie jedoch ein Zerfallsprodukt der 68er-Bewegung.

Die deutsche Studentenbewegung war mit dem Ziel angetreten, die Verhältnisse umzuwerfen. Recht schnell wurde jedoch klar, dass daraus nichts werden sollte. Spätestens als alle Proteste gegen die Notstandsgesetze und der Generalstreik in Frankreich gescheitert waren, musste man einsehen, dass die Revolution nicht auf der Tagesordnung stand. Aus dem Gefühl der Niederlage suchten verschiedene Gruppen unterschiedliche Auswege. Den endgültigen Zerfall der Studentenbewegung markieren die RAF, die K-Gruppen und die Neuen Sozialen Bewegungen. Letztere gaben die Kritik der Gesellschaft zugunsten partikularer Themenfelder wie Frieden oder Atomkraft auf.

Der Beginn der Zweiten Frauenbewegung hängt eng zusammen mit dem Zerfall der Studentenbewegung. Sie wendete sich einer der Partikularitäten zu, die nun zu dominieren begannen – dem Geschlecht. Ihre Voraussetzungen waren dabei recht günstig: Erstens erlangten junge Frauen in den 1960er Jahren ein neues Selbstbewusstsein. Ihnen erschienen die letzten im Zerfall begriffenen Schranken daher als vollkommen unzeitgemäß, sodass sich ein großes Potenzial für die neue Bewegung ergab. Zweitens hatten die männlichen Genossen des SDS bewiesen, dass ihnen die Anliegen von Frauen nicht allzu wichtig waren. Das Aufbegehren der Frauen gegen sie, zu dessen Symbol der Tomatenwurf Sigrid Rügers auf Hans-Jürgen Krahl bei der 23. Delegiertenkonferenz des SDS wurde, war nachvollziehbar und öffentlich vermittelbar.

All diese Faktoren trugen dazu bei, dass das Geschlecht politisch so zentral werden konnte. Während die neu entdeckte Partikularität ihren eigenen Stellenwert erhielt, musste sie allerdings mit den Kategorien vermittelt werden, die man schon kannte. Da gesellschaftskritisches Denken noch mit dem Erbe von Marx und Engels verfilzt war, wurde das Patriarchat kurzerhand zum Strukturprinzip der Gesellschaft erklärt und der Geschlechterkampf nach der Schablone des Klassenkampfs geformt. So mutete der Feminismus revolutionär an und konnte an bisherige Überzeugungen anknüpfen. Dass die Protagonisten der frühen Zweiten Frauenbewegung mit Marxschen Begriffen hantierten, dürfte weniger daran gelegen haben, dass diese so gut auf den Gegenstand gepasst hätten, als an ihrem bekannten und revolutionären Klang.

Der heutige materialistische Feminismus knüpft mit seinen Kategorien an die Zweite Frauenbewegung an. Das Patriarchat als universelles Strukturprinzip der Gesellschaft und das politische Subjekt Frau sind relativ einfache Übertragungen des marxistischen Vokabulars, mit denen man in der Linken gut Anschluss findet und sich einen gesellschaftskritischen Anstrich verpassen kann. Zum Verständnis des Geschlechterverhältnisses tragen sie hingegen kaum etwas bei. Damit werden die Fehler der Zweiten Frauenbewegung schlichtweg wiederholt.

Neue Fronten, alte Einheit

Zwar ist der materialistische Feminismus keineswegs so neu wie er behauptet und wärmt vieles auf, was aus der Zweiten Frauenbewegung bekannt ist. Sein Kontext ist aber ein anderer. Heute finden die allermeisten Feminismus ganz wichtig, obwohl und weil sich die gesellschaftliche Situation von Frauen in den letzten 50 Jahren verbessert hat. Der größte Gegner des materialistischen Feminismus ist deshalb auch nicht die angeblich so sexistische Gesellschaft, sondern der Queerfeminismus. Ihn will man vor allem übertrumpfen. Die Chancen dafür stehen gut, zumal man seinen Anhängern mit der Beschwörung von weiblicher Identität und Schwesternschaft ein gutes Stück entgegenkommt, das heißt, vieles mit ihm teilt.

Der Kampf gegen die konkurrierende Queer-Strömung prägt die materialistischen Feministen. Sie belobhudeln vor allem die eigene Bewegung und versuchen, möglichst viele Anhänger hinter sich zu scharen, machen also Politik im schlechtesten Sinne. Dadurch wird das, worauf es ankäme, zweitrangig: das Begreifen der Gesellschaft. Das würde unter anderem bedeuten, Begriffe – wie den des Patriarchats – nicht als Universalwaffe, sondern mit einem klaren Erkenntnisinteresse zu verwenden. In dieser Hinsicht könnten heutige Feministen einiges von der Ersten Frauenbewegung und gewissen Teilen der Zweiten lernen.

Die Chancen dafür wiederum stehen aber denkbar schlecht, denn der materialistische Feminismus recycelt eine weitere unselige Tradition der Zweiten Frauenbewegung: Seine Betonung der Schwesternschaft zwischen allen Frauen ist nicht bloß Ausdruck eines verkehrten Verständnisses der Gegenwart, sondern ebenso der Suche nach weiblichem Zusammenhalt geschuldet. Als Basis für den Feminismus empfiehlt Koschka Linkerhand in Feministisch streiten neben »Schwesterlichkeit« auch »Leidenschaft«, ein »solidarisches und enthusiastisches Zusammenhalten« sowie einen »liebevollen oder gar erotischen Umgang unter Frauen«. Sie schreibt: »Feminismus entsteht dort, wo Frauen die Lust und Notwendigkeit spüren, sich aufeinander als Frauen zu beziehen und einzulassen«. All das sind wichtige Voraussetzungen für eine lesbische Beziehung, nicht aber für Gesellschaftskritik. Zu diesem Bedürfnis einer gefühlsmäßigen Verbundenheit wurde in der feminismuskritischen Frauenzeitschrift Die Schwarze Botin bereits alles gesagt. In deren erster Ausgabe von 1976 erklärten die Herausgeber zu ihrer »Beziehung zur Frauenbewegung«, sie »beginnt für uns da, wo der klebrige Schleim weiblicher Zusammengehörigkeit sein Ende hat.«

Paul-Holger Seiden

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Christine Delphy: Close to Home. A Materialist Analysis of Women’s Oppression, Amherst 1984.

Die Schwarze Botin: Schleim oder Nichtschleim, das ist hier die Frage. An Stelle eines Vorwortes, in: Die Schwarze Botin, Bd. 1, 1976, teilweise nachgedruckt in: Ilse Lenz (Hg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 2008.

Shulamith Firestone: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, Frankfurt a.M. 1975.

Karin Hausen: Patriarchat. Vom Nutzen und Nachteil eines Konzepts für Frauengeschichte und Frauenpolitik, in: Journal für Geschichte 1986, Nr. 5.

Gudrun-Axeli Knapp: Die vergessene Differenz, in: Feministische Studien, Bd. 6, Nr. 1, 1988, nachgedruckt in: Gudrun-Axeli Knapp: Im Widerstreit. Feministische Theorie in Bewegung, Wiesbaden 2012.

Koschka Linkerhand (Hg.): Feministisch streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen, Berlin 2018.

Louise Otto-Peters: Das Recht der Frauen auf Erwerb. Blicke auf das Frauenleben der Gegenwart, Berlin 2015.

Heidi Rosenbaum: Formen der Familie. Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstruktur und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 1982.

Roswitha Scholz: Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats, Bad Honnef 2000.

Alice Schwarzer: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich. Beginn einer Befreiung, Neuausgabe, Frankfurt a.M. 2002.

Alice Schwarzer (Hg.): Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz, Köln 2002.

 

Anmerkungen:

11 Linkerhand macht daraus auch gar kein Geheimnis. In der Einleitung zu Feministisch streiten erklärt sie: »[Es] muss im Vordergrund stehen, dass – bei aller notwendigen innerfeministischen Kritik – der Feind das Patriarchat ist, nicht die andere Feministin.« Damit ist übrigens gleich mitgesetzt, dass es Kritik nur innerfeministisch geben darf. Was das für die Kritik Außenstehender bedeutet, beleuchtet das Flugblatt der AG No Tears for Krauts in diesem Heft.

12 Zum historischen Wandel der Familienformen vergleiche Heidi Rosenbaums Studie Formen der Familie.

13 Im Kapitel Nestbeschmutzerinnen. Zum Stand der feministischen Islamkritik schließt sich Linkerhand der Behauptung Alice Schwarzers an, dass »Verhüllung und Entblößung von Frauenkörpern zwei Seiten derselben patriarchalen Medaille sind«, die im Vorwort zu Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz auftaucht. Dort verkennt auch Schwarzer die elementaren Unterschiede zwischen westlichem und islamischem Frauenbild, zumal sie fortfährt, dass auf der Medaille »geschrieben steht: Frauen sind der Besitz der Männer«.

14 Es reicht schon jetzt so weit, dass Linkerhand auf Abstand geht zu den Islamkritikern Necla Kelek und Ayaan Hirsi Ali, weil sie unter anderem »für patriarchale Strukturen im Westen unempfindlich« seien.

15 Das Buch ist auch bekannt unter seinem englischen Originaltitel The Dialectic of Sex. The Case for Feminist Revolution.

16 Der Text heißt im französischen Original Pour un feminisme materialiste und findet sich in englischer Übersetzung im Sammelband Close to Home. A Materialist Analysis of Women’s Oppression.

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Im Oktober des Jahres 2017 veröffentlichte die New York Times einen Artikel, der dem amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein sexuelle Belästigung und Nötigung vorwarf. Zu diesem Zeitpunkt war es zumindest in Hollywood ein offenes Geheimnis, dass Weinstein für die Besetzung einer Rolle zuweilen sexuelle Gefälligkeiten verlangt. Mit der Veröffentlichung des Artikels erfuhr auch die breite Öffentlichkeit, dass er es nicht bei unlauteren Angeboten beließ. Zuweilen drohte er den Schauspielerinnen an, seinen Einfluss geltend zu machen, um ihre Karrieren in der Filmbranche zu ruinieren, falls sie sich weigerten, mit ihm ins Bett zu gehen. Bereits dieser Artikel rief ein immenses Echo hervor. Ein zweiter, der wenige Tage später in der Zeitung The New Yorker erschien, veröffentlichte die Aussagen verschiedener Mitarbeiter von Weinsteins Produktionsfirma, die unter anderem zugaben, das Vorgehen des Produzenten gedeckt zu haben. Er nannte auch erstmals die Namen zweier Frauen, die behaupteten, von Weinstein vergewaltigt worden zu sein.

Rückblende

Für ihren »Dienst an der Öffentlichkeit« erhielten die beiden Autoren der Artikel im vergangenen Jahr den Pulitzerpreis, mit dem die Jury explizit die Enthüllungen und Debatten honorierte, die sie nach sich zogen. In den Wochen nach den Veröffentlichungen wurden weitere glaubwürdige Anschuldigungen gegen verschiedene namhafte Vertreter der amerikanischen Filmbranche erhoben, denen man mehrheitlich sexuelle Belästigung vorwarf. Fast alle Beschuldigten, die nun in den Verdacht gerieten, wiederholt am Arbeitsplatz Frauen bedrängt und genötigt zu haben, gehörten der Kultur- und Medienbranche an. Die Vorwürfe warfen Licht auf die Zustände an Orten, an denen Leistung sich nicht in Stückzahl und Zeitstunden messen lässt. Orte, die nicht nur Menschen anziehen, die bereit sind, sich für Ruhm zu verkaufen, sondern auch jene Typen, die in dem Selbstverständnis leben, dass ihre Großzügigkeit bei der Rollenvergabe an anderer Stelle erwidert wird. Hollywood bietet Narzissten eine große Bühne. Anstatt jedoch eine Diskussion über die Arbeitsverhältnisse in Los Angeles, Deutschen Rundfunkanstalten und Staatsopern zu führen, entfernte sich die Debatte hierzulande mit jedem Tag mehr von ihrem eigentlichen Gegenstand. Von Tag zu Tag zog sie weitere Kreise: Nachdem weitere Enthüllungen auf sich warten ließen, weichten deutsche Journalisten einfach den Tatbestand der sexuellen Nötigung auf und behaupteten wider aller Evidenz die Existenz einer allgegenwärtigen Kultur, die sexuelle Gewalt gegen Frauen befördere und ihre Opfer verstummen ließe. Penetrante Blicke, anzügliche Kommentare und beiläufige Berührungen am Arbeitsplatz wurden zusammen mit juristisch fixierten Straftaten unter demselben Hashtag verhandelt. Das entsprach nicht zuletzt dem Wunsch der Leserschaft, die eigene Malaise auf ein gesellschaftliches Übel zurückzuführen. Wie das funktioniert, führten ihnen die Autoren selbst vor, denen das Themenfeld Macht, Arbeit und Sex genug Stichworte bot, um sich ihre privaten Sorgen und Nöte in selbstgerechten Pamphleten von der Leber zu schreiben. Ein Rückblick in die deutsche Presse gewährt zwar wenig Aufschluss über die Zumutungen, die Frauen zu erdulden haben, dafür jedoch tiefe Einblicke in das Seelenleben deutscher Journalisten. So war nicht immer klar, was sie meinten, wenn sie sich über Chefs ausließen, die ihre Macht benutzen würden, um ihre Untergebenen zu demütigen, oder wenn sie sich in die Psyche sexbesessener Vorstände hinein fantasierten, die sich einfach nähmen, was sie wollten. Um die eigenen Demütigungen und Wünsche zu beschreiben, ohne etwas über die tatsächliche Situation von Frauen sagen zu müssen, brauchte es nicht viel: Es genügte eine vorangestellte Solidaritätsadresse an den Feminismus.

Weinende Männer

In der Frankfurter Rundschau war ein Autor in diesem Sinne besonders freizügig.17 Die Parteinahme für den Feminismus fiel bei ihm umso wortgewaltiger aus, je mehr er von den tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnissen absah. Zum Unrecht, das Frauen geschieht, fiel ihm nichts ein, zu ominösen Herrschaftsstrukturen indes jede Menge. »Wenn eine unterdrückte Gruppe an den Säulen einer Herrschaftsstruktur rüttelt, dann wird den Herrschenden auch mal schwindlig. Das ist das Mindeste. Sollen Strukturen der Herrschaft aufgelöst werden, dann muss das nicht unbedingt zu Enthauptungen führen, aber um ein wenig Tumult kommen wir Herren und Damen nicht herum. […] Und selbst vorhandene Unterschiede müssen gar nicht aufgelöst werden, dürfen aber de facto keine Rolle spielen. Manche Menschen sind größer und stärker als andere, manche klüger. Aber jeder versteht, dass wir erst dann in einer gerechten Gesellschaft leben, wenn diese Faktoren nicht Chancen determinieren, Würde oder rechtlichen Status.« Gesellschaftliche Unterschiede, die existieren, aber de facto keine Rolle spielen, gibt es nicht. Es stellt sich die Frage, was sein Wunsch nach einer Gesellschaft, in der Körpergröße und Intelligenz nicht mehr Chancen determinieren, mit dem Geschlechterverhältnis zu tun hat. Der Autor, der seinen Wortschatz dem linken Akademikersprungbrett Phase 2 entnommen zu haben scheint, dachte dabei vor allem an die Vorteile, die eine Rollenangleichung für seinesgleichen bietet: »Und bei all der Macht, die wir Männer im Zuge dieser Entwicklung wohl verlieren werden, es gibt auch einiges zu gewinnen. In einer emanzipierteren [sic!] Welt muss nicht jeder ein hetero-harter Kerl mit Hang zu Technik und Fußball sein. Er kann Gefühle zeigen, ohne zum Schwächling abgestempelt zu werden. Der Mann muss nicht jede Antwort parat haben, hatte er vorher ja auch nicht. Die Bürde des Versorgers der Familie bleibt ihm erspart.« Offenbar treibt den Autor vor allem Selbstmitleid um, wenn er an die Ungleichheit der Geschlechter denkt. So sinniert er über die Vorteile einer Welt, in der seinesgleichen Schwäche zeigen darf, nicht mehr Rede und Antwort stehen und den Versorger der Familie spielen muss. Ihn plagen einfach die vom Partner und Chef herangetragenen Erwartungen. Derart die Bürden des Mannes bedauernd, geht er offenbar davon aus, dass seine weiblichen Kollegen im Privaten und im Beruf mehr Nachsicht erfahren als er selbst. Dies zeigt endgültig, was es mit seiner mit revolutionärem Pathos vorgebrachten Parteinahme für den Feminismus auf sich hat.

Nach dem Lesen dieser Zeilen liegt die Vermutung nahe, in den Redaktionsräumen der Frankfurter Rundschau wäre die Zeit stehen geblieben. Oder welche abschreckenden Zustände stehen dem Autor vor Augen, wenn er von einer Welt träumt, in der nicht jeder Kerl ein Autobild- und Kicker-Abonnement haben muss? Immerhin redet er über eine Zeit, in der Frauen bei der Bundeswehr unter dem Oberkommando von Ursula von der Leyen an der Waffe dienen, während Heute-Journal-Sprecher Klaus Kleber in einer laufenden Sendung beim Erzählen einer rührseligen Anekdote mit seinen Tränen ringt – was damals viele Zuschauer nicht etwa unprofessionell, sondern anrührend fanden. Der Autor tut einfach so, als gäbe es nach wie vor ein steifes Rollenbild, das die gesellschaftliche Norm bestimmt. Selbstverständlich existieren immer noch Milieus, in denen Männer, die in der Öffentlichkeit heulen, verlacht werden. Der Fernsehsender DMAX, der Reportagen über technische Wunderwerke und Überlebenstrainings in der sibirischen Taiga ausstrahlt, hat seinen Platz auf dem Fernsehmarkt gefunden. Deutschsprachige Hip-Hop-Crews wie K.I.Z mit ihren »Fick-die-Fotze«-Reimen belegen die vordersten Plätze der Charts. Doch aus diesen Phänomenen spricht weder das Fortexistieren irgendwelcher heteronormativer Strukturen geschweige denn eines bürgerlichen Patriarchats. Der faszinierte DMAX-Zuschauer bewundert an den Maschinen, Bauwerken und Männerkörpern die Zuverlässigkeit, Größe und Härte, die er selbst nicht mehr besitzt. Die kahlgeschorenen Jungs von K.I.Z haben nicht deshalb so viele Fans, weil sie eine Norm besingen, sondern kraftmeierisch Tabus brechen. Mit anderen Worten: Beide Phänomene bezeugen vor allem die fortschreitende Auflösung männlicher Vorherrschaft und tradierter Rollenbilder. Der Autor des zitierten Artikels interessiert sich nicht für das merkwürdige Neben- und Ineinander von rührseligen Männern und harten Kerlen. Er nimmt es noch nicht einmal zur Kenntnis. Ihm geht es ausschließlich um seine eigenen Wehwehchen.

Trotzige Frauen

Ein weiteres Beispiel für die Neigung deutscher Journalisten, die eigenen Befindlichkeiten in Pamphleten zum Geschlechterverhältnis zu verhandeln, bot eine Autorin in der Zeit.18 Der Titel des Artikels, #OhneMich, kündigt eine trotzige Abrechnung an. Ein Versprechen, das auch eingehalten wird: »Die #MeToo-Debatte hat ein enorm verbreitetes Verhalten zutage gefördert: die Selbstverständlichkeit, mit der Männer Frauen als knackige Körper und leichte Beute betrachten und ernsthaft glauben, ein kurzer Griff oder markiger Spruch sei kein Grund zur Aufregung.« Eine Korrektur an dieser Stelle: Die Erlebnisse und Bekenntnisse, die unter dem Hashtag ihren Weg an die Öffentlichkeit fanden, haben nur gezeigt, dass es Männer gibt, die Frauen belästigen, nötigen und manchmal sogar vergewaltigen. Das hat weltweit für ziemliche Empörung gesorgt, Rücktritte erzwungen, Kündigungen und Anklagen nach sich gezogen, was ganz und gar nicht darauf hindeutet, dass die Mehrheit der Gesellschaft solch ein Verhalten hinnimmt. Die Autorin hält sich auch nicht weiter damit auf. Ihr geht es um ein tieferliegendes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, das sich in den in der Debatte verhandelten Fällen geäußert hätte: »Darunter liegt die sozial verfestigte Asymmetrie, dass es bei Frauen mehr aufs Aussehen ankommt als bei Männern. Dies ist ein altes, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden etabliertes und in sehr vielen Gesellschaften auftauchendes Muster. Bei der Partnerwahl und auch sonst im Leben gilt: Die Frau muss in erster Linie schön sein; beim Mann schadet Schönheit nicht, sie wird durchaus goutiert, entscheidend sind aber letztlich Status oder Leistung. Die Frau ist mehr als Körper präsent, der Mann mehr als Geist, Witz, Wille.« Schief wird das Verhältnis vor allem durch das Bild, das die Autorin von ihm zeichnet. Sie verwechselt die Kriterien, die im Kontaktanzeigenteil der Zeit bei der Partnersuche vorherrschen, mit denen, die auf dem Sexualmarkt tatsächlich maßgebend sind. Außerhalb des Feuilletons sind Geist, Witz und Wille bestimmt nicht die primären Dinge, über die sich Männer profilieren, sondern wohl Statur, Vermögen und Status. Das Leistung – unabhängig vom Geschlecht – längst kein maßgebender Faktor mehr ist – weder auf der Stellen- und erst recht nicht auf der Partnerbörse –, hat sich selbst schon bei Soziologen herumgesprochen, die unnötigerweise ganze Bücher schreiben, in denen sie erzählen, dass wir in einer Spaßgesellschaft leben. Das Bild, das die Autorin vom Geschlechterverhältnis zeichnet, ist wenig mehr als eine Projektion. Sie stört sich ohnehin weniger daran, dass Frauen immer noch mehr leisten müssen, um dieselbe Anerkennung zu erfahren, als an ihrer Kleiderwahl, die jene Asymmetrie reproduziere: »Mädchen tragen Hotpants, Businessfrauen figurbetonte Kostüme und glänzende Strumpfhosen, feiernde Frauen im Nachtleben sind durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle. […] Solange wir uns bereit erklären, unsere Hintern in hautenge Hosen zu zwängen, unsere Beine in Strumpfhosen vorzuführen und auf hohen Absätzen daherzuklappern, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir als ›knackiger Hintern‹ oder ›scharfe Schnitte‹ wahrgenommen werden.« Da nicht zu erwarten sei, dass Männer irgendwann nochmal Herren ihrer Sinne werden, appelliert die Autorin an die Frauen, bei der Morgentoilette in den nüchternen Verwaltungsmodus überzugehen: »Legt die Kosmetikdosen in den Schrank und kauft sie nie mehr nach. Wenn ein Männergesicht ohne Tünche schön genug ist für die Welt, warum nicht auch ein Frauengesicht? Hört auf, jeden Tag schicke, formlich und farblich aufeinander abgestimmte Klamotten zu tragen! Zieht das an, was im Schrank gerade oben liegt. Spart die Energie, die das Schminken, Augenbrauenzupfen, Nägellackieren, Beinerasieren, Schmuckanlegen, Shoppen, Durchblättern von Modemagazinen kostet, und steckt sie in das Voranbringen eurer Karriere durch Lernen, Leistung, Sachverstand, oder wahlweise in Spaß und Erholung. Geht nicht mehr als einmal im Vierteljahr zum Friseur.«

Der Artikel ist eine einzige Frechheit gegenüber Frauen. Dass er trotzdem von zahlreichen Lesern positiv aufgenommen wurde, legt nahe, dass die Autorin mit ihren im Text geäußerten Wünschen nicht alleine ist. Bei ihr lösen weniger Männer, die wenig Respekt gegenüber Frauen aufbringen, Unbehagen aus, sondern vielmehr die ganzen Strapazen des Zurechtmachens. Sie findet das tägliche Schminken und Anziehen nur lästig, da es Zeit frisst und Nerven kostet. Das Gefühl, anderen gefallen zu müssen, empfindet sie als ungemeine Belastung. Ihr infantiler Überdruss an den alltäglichen Verpflichtungen geht soweit, dass sie bereit ist, die Möglichkeiten individueller Selbstentfaltung aufzugeben, um sich dem sozialen Druck zu entziehen. Bei ihr löst die Vorstellung, sich ein Leben lang auf dem Arbeits- und Sexualmarkt behaupten zu müssen, mehr Entsetzen aus, als ein religiöser Zwangsverband, in dem die Familie von der Heirat bis zur Arbeit alles arrangiert. Eine Gesellschaft, in der die Frauen so wenig voneinander zu unterscheiden wären, wie jene, die im Islam unter die Burka gezwängt werden, stellt für sie im Vergleich dazu das geringere Grauen dar. In der Umma wäre sie von der Last befreit, sich täglich aufs Neue der Konkurrenz stellen zu müssen. Vor einem entgültigen, individuellen Rückzug vom Markt der Eitelkeiten zögert sie, weil sie die berechtigte Befürchtung hegt, von solch einem Schritt Nachteile zu erleiden. Auch deshalb, vor allem aber aus bloßem Neid auf die Vorzüge anderer, will sie ihre heimlichen Konkurrentinnen zur kollektiven Abrüstung bewegen. Auf einem derart befriedeten Markt, auf dem es dann verstärkt auf die inneren Vorzüge ankäme, rechnet sie sich erhöhte Chancen aus. Trotz ihres Appells weiß natürlich auch die Autorin, dass es bei der Partnerwahl auch dann noch auf das Aussehen ankommen würde, wenn alle dieselbe Uniform trügen. Schminke und Kleidung sind eine Möglichkeit, ererbte Makel zu kaschieren, sprich biologische Nachteile wettzumachen. Ohne solche Mittel wäre jeder auf das zurückgeworfen, was ihm Mutter Natur in die Wiege gelegt hat. In einer solchen Welt würde es noch viel barbarischer zugehen als in einer Gesellschaft, die allen die Verantwortung aufbürdet, selbst für das eigene Glück zu sorgen.

Behind the scenes

Die beiden Autoren der Frankfurter Rundschau und der Zeit teilen den Wunsch, sich von den Pflichten, die ihnen die Gesellschaft auferlegt, zu befreien – ein Bedürfnis, das sie mit ihren Lesern gemein haben. Ihnen sprechen sie aus dem Herzen, wenn sie den alltäglichen Behauptungskampf und alles, was mit ihm einhergeht, als einzige Zumutung darstellen. Das Gefühl der Überforderung, das Autoren und Leser plagt, dürfte weniger das Produkt einer verfehlten Erziehung sein, die den Einzelnen nur unzulänglich auf die gesellschaftlichen Anforderungen vorbereitet, sondern mehr mit dem objektiven Anwachsen des sozialen Anpassungsdrucks zu tun haben. Arbeits- und Sexualmarkt verlangen eine immer größere Flexibilität. Einmal erworbenes Wissen hat nur noch einen kurzen zeitlichen Wert, wozu nicht zuletzt der technische Wandel beigetragen hat. Für den Einzelnen wird es dabei immer undurchsichtiger, welche Strategie auf lange Sicht Erfolg verbürgt. Die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen wurde längst zu einer sozialen Forderung erhoben, während der persönliche Werdegang bis ins hohe Alter von ständigen Branchen-, Job- und Wohnortwechseln geprägt ist. Der Zwang zur permanenten Mobilisierung verschärft sich zwar in Zeiten der wirtschaftlichen Krise enorm, äußert sich aber auch verstärkt in Phasen anhaltender Hochkonjunktur. Er greift zudem auf die Freizeit über. In zahlreichen Branchen ist es weniger die fachliche Qualifikation, die über längere Zeiten Garantien bietet, sondern vielmehr das persönliche Netzwerk. Ein weitreichender Freundeskreis und eine solvente Familie sind die bessere Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. In der wieder steigenden Zahl der Eheschließungen äußert sich, verdeckt unter dem Wunsch nach verlässlichen Verhältnissen, auch die Panik vor dem Abstieg. Nicht zuletzt die Sozialen Medien sind Ausdruck der verschärften Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, der längst die Privatsphäre nach seinen Gesetzen umgemodelt hat. Ihre Bewertungsfunktionen lassen den sozialen Status zu einer messbaren Größe werden. Der Nutzer wird nicht nur dazu genötigt, das eigene Leben dem fremden Urteil preiszugeben. Er wird fortwährend mit den Biographien von Freunden, Bekannten und Fremden konfrontiert, zu denen er sich ins Verhältnis setzt. Nachrichten nötigen zu einer schnellen Antwort, erfährt der Sender doch sogleich, wann sie gelesen wurden. Die Kommunikation hat zudem die Verbreitung von Moden und Trends aller Couleur enorm beschleunigt. Facebook, Instagram, Tinder und Co. sind nicht nur Abbild des gestiegenen Drucks zur sozialen Anpassung, sondern tragen gleichzeitig zu seiner Verstärkung bei. So haben sie nicht nur den Sexualmarkt gewissermaßen in Zeit und Raum ausgedehnt, sondern zeitgleich auch die Konkurrenten einander näher gebracht.

Auf diesen verschärften sozialen Druck reagieren die Autoren der beiden Artikel mit infantiler Rebellion. Ihr Wunsch ist es, sich der individuellen Verantwortung für das eigene Leben zu entledigen. Aus Angst davor, dabei als Verlierer vom Platz zu gehen und aus Neid gegenüber dem Glück der Anderen, sehnen sie sich nach einer Gesellschaft ohne Unterschiede. Zusammen mit ihren begeisterten Lesern träumen sie von einem Land, in dem es keine Konkurrenz mehr gibt, in dem die Unterschiede zwischen den Menschen keine Bedeutung mehr besitzen und das niemandem die Freiheit bietet, sich von den Anderen abzuheben. Man wünscht sich an einen Ort, an dem man immer Nachsicht erfährt, keine Verantwortung tragen muss, nicht mehr mit lästigen Fragen konfrontiert wird, Rasur und Schminken sich erübrigen, niemand mehr irgendwelche Privilegien genießt und Enttäuschungen immer ausbleiben. Das Themenfeld Arbeit, Sex und Gewalt bietet eine perfekte Projektionsfläche für diesen Charakter. Der überforderte Volontär, der in irgendeiner Redaktion buckelt, fand für seine alltägliche Demütigung durch seine Vorgesetzten einen Namen; frustrierte Frauen fanden nun Zuhörer und Zuspruch; alle erhielten die Chance, im Dienste der Öffentlichkeit über ihre Bettgeschichten zu erzählen; jeder konnte die tagtägliche Belastung, die er empfindet, mit dem Alpdruck tradierter Rollenbilder identifizieren. So ist das herausgeschriene »Me too!« nicht die Losung von Frauen, die zum Schweigen verdammt sind, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse ihnen keine Stimme geben. Es ist vorrangig die Losung eines Menschenschlags, der jederzeit bereit ist, Alles und Jeden für das vorenthaltene Glück in die Pflicht zu nehmen, aber niemals dazu, die persönliche Verantwortung dafür zu übernehmen.

Harald J. Finke

 

Anmerkungen:

17 Vgl. Daniel Dillmann: Der verunsicherte Mann ist verschmerzbar, Onlineausgabe Frankfurter Rundschau, 9.12.2018.

18 Vgl. Barbara Kuchler: #OhneMich, Onlineausgabe Die Zeit, 12.11.2017.

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Von Schwestern und Muttis

Wir dokumentieren ein Flugblatt, das die Gruppe No Tears for Krauts (Halle) anlässlich der Veranstaltung »Mütterimagines, Mückenstiche und die selbstverschuldete Unmündigkeit der Frau« Anfang des Jahres im Leipziger Conne Island verteilt hat.

Werte Feministen,

seid Ihr auch der Meinung, dass Frauen für die bürgerliche Gesellschaft zu schwach sind und lieber im Kinderzimmerersatz der schwesterlichen Wohlfühlkommune leben sollten? Seid Ihr auch überzeugt, dass Frauen ein bisschen blöde sind und deshalb eine Übermutti brauchen, die ihnen das Selberdenken abnimmt? Nein? Wirklich nicht? Das freut uns, denn es bedeutet, dass die »antifeministische Regression« bei Euch noch nicht so weit fortgeschritten ist wie bei denen, die sie beschwören.

Denken in engen Grenzen

Die Feministische Intervention will heute Abend, so man ihre Ankündigung ernst nimmt, den Grundstein für ein Hausverbot gegen Magnus Klaue und Thomas Maul im Conne Island legen. Die beiden haben es nicht nur gewagt, sich als Männer zu Geschlechterfragen zu äußern, sondern waren auch noch so dreist, »das Conne Island als zentralen Veranstaltungsort der Leipziger Linken« mit ihrer Kritik zu belästigen. Das ging dann wirklich zu weit. Prompt treten die Türhüter feministischer Denkkeuschheit auf den Plan. Weil sie Euch offenbar für kleine, dumme Mitläufermädchen halten, wollen sie Euch verordnen, mit wem Ihr auf keinen Fall spielen dürft.

Uns überrascht das nicht. Denn Leipziger Feministen führen schon länger eine groteske Tradition der deutschen Frauenbewegung fort: Im Namen der Emanzipation der abstrakten Frau wird die konkrete für dumm verkauft. Mehr noch als bei Alice Schwarzer in ihren schlechtesten Tagen ist dies seit Anbeginn das Erfolgsrezept der Religion des »materialistischen Feminismus«, der im Vortrag gehuldigt wird. Ihre Leipziger Pfaffen Outside the Box, Koschka Linkerhand – und jetzt eben Feministische Intervention – gefallen sich sehr darin, von der Kanzel den Kreuzzug gegen das Patriarchat auszurufen. Von ihren »Schwestern« (Linkerhand ununterbrochen) erwarten sie nur, den Katechismus zu kennen und die kritische Botschaft weiterzutragen. Widerspruch ist unerwünscht.

Im Ankündigungstext wird das Vaterunser wiederholt, die Leier vom »bürgerlichen Subjekt, das sich wesentlich über kapitalistische Sphärentrennung und damit die Abspaltung von Weiblichkeit und Reproduktion konstituiert«. Dieses einfache Glaubensbekenntnis – das Vermächtnis der sonst zu Recht vergessenen Exit-Wertkritikerin Roswitha Scholz – ist alles, was es für den Eintritt in die materialistisch-feministische Kirchgemeinde braucht. Wie bei religiösen Dogmen üblich, stört es nicht, dass es sich vor der Vernunft blamiert, solange es Einigkeit unter den Gläubigen schafft. Die Wenigsten von Euch dürften sich eingehend mit der Scholz’schen Wertabspaltungskritik beschäftigt haben. Wir empfehlen die Lektüre ihres Buchs Das Geschlecht des Kapitalismus ausdrücklich, und geben eine Schmunzelgarantie, wenn ihr der Phalloplastik am Wert zuseht.

Quadratisch, praktisch, gut

Für diejenigen unter euch, die diesen Quark weniger lustig finden als wir: Wenn Ihr ehrlich seid, wisst Ihr selbst gut genug, dass Euch Fragen der Marx’schen Wertformanalyse gar nicht interessieren. Genauso wenig wie Euch die Kritik des vorherrschenden Subjektcharakters beschäftigt, denn dann wäre Euch klar, dass die »krisenhafte Verfasstheit des männlichen Subjekts« zwar wunderschön nach Kritischer Theorie klingt, das widersprüchliche bürgerliche Subjekt aber längst von seiner postmodernen Variante abgelöst wurde. Euch geht es doch im Kern darum: Ihr wisst so gut wie wir, dass es Frauen teilweise immer noch schwerer haben als Männer. Das wollt Ihr verstehen und dagegen aktiv werden. Ihr sucht nach einer Theorie des Geschlechterverhältnisses, die auf einen Bierdeckel passt und die Lösung aller Probleme gleich mitliefert. Der materialistische Feminismus macht Euch mit dem »warenproduzierenden Patriarchat« (Scholz) ein kundenorientiertes Angebot, das Ihr gerne akzeptiert. Ihr müsst dafür nur so lustige Sachen wie den »Schatten des Werts« (wieder Scholz) hinnehmen und immer, wenn die Theorie mal gar nicht passt, vom »verwilderten Patriarchat« (natürlich Scholz) reden – schwuppdiwupp: Schon könnt Ihr (marxistisch fundiert!) eine universelle Männerherrschaft behaupten und schwer gesellschaftskritisch gegen Mann und Kapital in den Kampf ziehen.

Wir möchten Euch jedoch an die unangenehmen Konsequenzen erinnern, die es hat, Linkerhand & Co. zu folgen: Ihr müsst zum Beispiel leugnen, dass von Männern und Frauen gleichermaßen ein Mix aus »klassisch männlichen« und »klassisch weiblichen« Fähigkeiten verlangt wird – führen, Probleme lösen, sich durchsetzen, aber auch zuhören, im Team arbeiten und Rücksicht nehmen. Und Ihr müsst so tun, als würden Frauen nicht völlig selbstverständlich arbeiten – in Führungspositionen und »Männerberufen« –, während viele Männer, auch wenn es ganz schön lange gedauert hat, dann doch noch kochen und putzen gelernt haben. Leider müsst Ihr auch einen großen Schritt zurück zum Queerfeminismus machen, den Ihr eigentlich vernünftigerweise ablehnt, weil den materialistischen Feministen weibliche Identität sehr wichtig ist. Und nicht zuletzt müsst Ihr Euch von ihnen zu Schwestern im Opferkollektiv erniedrigen lassen, statt intelligente, selbstbewusste und durchsetzungsfähige Bürger zu sein, die ohne Bevormundung Erfolge feiern, mit anderen ihr Leben genießen und einen lockeren Umgang mit ihren Genitalien pflegen.

Schwestern unter sich

Für die Feministische Intervention und ihre Freunde hängt einiges am Schutz versprechenden Frauenkartell, dem sie vorstehen – von Buchverkäufen über regelmäßige Vortragseinladungen bis hin zur schlichten Befriedigung, eine Bewegung hinter sich zu wissen. Um sich als einzige Hilfe für angeblich entrechtete Studentinnen aufspielen zu können, legen sie sogar nahe, innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft hätten Frauen keine Chance, sich zu verwirklichen. Dann lieber als Jammerguerilla und mit »Leidenschaft unter Frauen« (Linkerhand) in den Krieg gegen die männliche Gesellschaft ziehen. Selbst wenn man die Reste von Bürgerlichkeit so nicht zu Fall bringt, hat man die Solidarität der anderen Selbstmitleidigen sicher.

Wer den materialistischen Feministen allerdings die Schwesternschaft aufkündigt, gilt ihnen als Verräter. Schlimmer ist nur, wenn Außenstehende – ohne vorheriges frauenbewegtes Bekenntnis – Kritik üben. Magnus Klaue zog ihren Hass auf sich mit seinem Vortrag Doof geboren ist keiner, in dem er Frauen aufforderte, um einer Emanzipation Willen, die den Namen verdient, mit dem deutschen Feminismus zu brechen. Genauso Thomas Maul, der in Verdrängung der Prostitution unter anderem gezeigt hat, dass die meisten Frauen ohnehin lieber ihr eigenes Glück suchen als das des Gesamtgeschlechts und sich nicht zum Opfer machen lassen. Im Text Asexuelle Belästigung entzifferte er mit David Schneider den heroischen Kampf junger Feministen gegen das Patriarchat als einen gegen die bürgerliche Zivilisation statt gegen die sexistischen Männer. Die lesenswerten Texte finden sich sämtlich in der Bahamas #78. Klaue und Maul haben sich zur Zielscheibe der Feministischen Intervention gemacht, weil sie es wagten, den Amazonen des Auenwaldes zu widersprechen und sogar noch in ihr Hoheitsgebiet an der Koburger Straße einzudringen. Spätestens jetzt müsste den letzten klar sein, was mit »Feministisch Streiten« schon immer gemeint war: Wer kein szenegeprüfter Feminist ist, darf nicht kritisieren, und wenn er es tut, triff er nicht auf Streitlust, sondern auf Beleidigtsein und Gallespucken.

Wer’s glaubt, ist selbst schuld

Einen Vorgeschmack auf das heute Abend zu Erwartende gibt der Ankündigungstext, aus dem die nackte Angst der Verfasser spricht, Ihr könntet sie zukünftig links liegen lassen. Sie muss so plagend gewesen sein, dass selbst die durchschaubarste Lüge noch als Rettungsanker erschien. So wird den Autoren der Bahamas als einzig denkbare Motivation »versagte Befriedigung«, »gekränkte Theoretikermännlichkeit«, kurz: »Frauenhass« unterstellt – in der Hoffnung, Ihr würdet den abgegriffenen Geht-immer-Topos vom traurigen alten Sack schlucken und deshalb weder die Texte lesen noch Euch mit dem Sachgehalt ihrer Einwände beschäftigen. Doch damit nicht genug: Den Gipfel der Peinlichkeit markiert das Wortspiel mit den Namen Mauls und Klaues, das die Verfasser noch zwanghaft unterbringen wollten. Sie dichten ihnen – wie einfallsreich – »Mäuler und Klauen« an, machen sie also in schlechter linker Tradition zu Tieren.

Und dann wäre da noch die Verleumdung mittels sinnentstellenden Zitierens. Es wird behauptet, Maul und Klaue hätten über Feministen gesagt: »Kaum des Lesens und Schreibens mächtig (1) und unabgelöst von ihren Müttern (2), seien sie so unwillens wie unfähig, ›Männer, sei es sexuell oder gar intellektuell, zu befriedigen‹ (3).« Die ersten beiden Punkte beziehen sich auf Klaues Vortrag, der dritte auf den Text Asexuelle Belästigung. Also der Reihe nach: (1) Offensichtlich baut Doof geboren ist keiner in seiner Gänze auf Klugem auf, das Frauen geschrieben haben. Klaue kritisiert, dass große Teile der Zweiten Frauenbewegung »weibliche Ästhetik« und »Frauenliteratur« für sich entdeckten, statt sich am universellen Anspruch zu messen, den vorher Männer gesetzt haben. Seine Pointe ist gerade, dass Frauen genauso gut denken und schreiben können wie Männer, wenn sie sich nicht vorauseilend selbst herabsetzen. (2) Kein therapeutisches Analyseergebnis stellt Klaue vor, sondern – Marina Moeller-Gambaroff folgend – eine psychoanalytische Kritik der Zweiten Frauenbewegung am Kult der Schwesternsolidarität: Der Vater steht für Verbot, Gesetz, Verinnerlichung und Individuation, die Mutter hingegen für Gewährung und Schutz. Wer nur auf das Patriarchat schimpft, attackiert einseitig den Vater, verleugnet die Mutter und bekommt so den Konnex von Schutz, Gewährung und Herrschaft nicht in den Blick. In diesem psychoanalytischen Argument steckt nirgends ein Bezug auf individuelle Frauen. Den stellen erst die Denunzianten her. Und abschließend (3): Maul und Schneider klagen niemanden an, Männer nicht befriedigen zu wollen oder können. Sie stellen stattdessen nüchtern fest, dass die heutige Durchschnittsstudentin sich nicht nach einem Verhältnis mit ihren Professoren sehnt, so wie auf der Gegenseite der »lüsterne Professor« meist nur noch eine »Lagerfeuerstory« ist. Ihr Vorwurf besteht einzig darin, dass dieses anachronistische Klischee dennoch ständig als Beleg für Alltagssexismus herangezogen wird.

Wem jedes Mittel Recht ist, um seine Kritiker zu verunglimpfen, der ist nicht nur verzweifelt, sondern hält auch seine Adressaten für beschränkt. Wir trauen Euch – trotz aller Dummheiten, für die Leipzigs radikale Linke berüchtigt ist – bedeutend mehr zu als die Feministische Intervention, Outside the Box und Koschka Linkerhand. Feminismus praktisch werden zu lassen, hieße, ihnen heute auf den Zahn zu fühlen und zukünftig den Rücken zu kehren.

Eure
AG No Tears for Krauts
Januar 2018

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»Wir sind für dich da«

Um Diskriminierte und Erniedrigte zukünftig nicht mehr tatenlos ihrem Schicksal auf dem Campus der hallischen Universität zu überlassen, besteht seit letztem Jahr die Präventionsstelle Diskriminierung und sexuelle Belästigung. Warum der Kampf gegen strukturelle Gewaltverhältnisse ein Kampf gegen Windmühlen ist, beweist die zu institutionalisiertem Herrschaftswissen geronnene Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik selbst, die zur Verschlimmbesserung der Situation beiträgt.

Wer kennt sie nicht – die taxierenden Blicke, das indiskrete Ausfragen, die diskriminierenden Witze und zufälligen körperlichen Annäherungen im stinknormalen Uni-Alltag? Um endlich einen diskriminierungs- und gewaltfreien Umgang miteinander zu gewährleisten, aber auch – so mutmaßt man – um mehr Punkte für die nächsten Hochschulrankings zu sammeln, hat der Senat der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Reißleine gezogen und entsprechende Richtlinien erlassen. Denn wie es scheint, ist das Leben von Studenten wesentlich stärker von psycho-physischen Grenzverletzungen beeinträchtigt als das eines Normalbürgers in der überfüllten Straßenbahn, in der Kneipe oder beim Aktivierungskurs des Jobcenters.

Um den allseitigen Macht- und Gewaltverhältnissen inner- und außerhalb der Universität entgegenzutreten, so die kulturwissenschaftlich geschulte Koordinatorin der Präventionsstelle Sabine Wöller in einem Interview, sei es notwendig, Diskriminierungssensibilität zu schaffen, Opfer zu beraten sowie diverse Beratungsstellen und dutzende Interessenvertretungen zu vernetzen. Auch eine Kultur des Hinsehens solle geschaffen werden.

Ein ungewollt komischer Hingucker ist der Flyer der Präventionsstelle, der mit dem Slogan »Wir sind für dich da« um Aufmerksamkeit buhlt. Diese Worte erinnern nicht zufällig daran, dass fürsorgliche Eltern ihrem Nachwuchs eine Atmosphäre verlässlicher Zuwendung und emotionaler Sicherheit schaffen. So wie gelingende elterliche Versorgung zur Stärkung des Urvertrauens beim Kind beiträgt, stellt die Präventionsstelle hier in Aussicht, den wehrlosen und hilfsbedürftigen Studenten in einer ihnen feindselig gegenüberstehenden akademischen Welt unter die Arme zu greifen.

Wenig überraschend ist, dass die Projektkoordinatorin und ehemalige Sprecherin des AK Queer Reinsteigern grenzüberschreitendes Verhalten zum subjektiven Empfinden des Opfers erklärt. Entscheidend ist demnach allein, wie eine Person die jeweilige Interaktion mit ihrem Gegenüber empfindet. Ursache und Wirkung drohen hier zu entkoppeln, so dass Bauchgefühle, Intuitionen, Andeutungen und Verdächtigungen als verlässliche Bezugsgrößen gelten, um eine missliebige Person zu denunzieren. Ist die Unschuldsvermutung erstmal außer Kraft gesetzt, so ist der Weg für internalisierte Selbstdisziplinierung bereitet. Denn Antidiskriminierung schafft auch ein Klima der vorbeugenden Einschüchterung.

Besonders aufschlussreich ist die Bildsymbolik des Werbeträgers. Darauf sind ausschließlich empowerte Repräsentanten optisch unterscheidbarer Minderheiten zu erkennen, die trotz und wegen realer oder vermeintlicher Stigmata in bunter Vielfalt auf der herrschaftsfrei gezeichneten Spielwiese des Campus harmonisch koexistieren, unter sich bleiben und allein aufgrund ihrer Verschiedenheit eine Bereicherung im Sinne postmoderner Identitätspolitik verkörpern. Die Abbildung zeigt ein lesbisches, interkulturelles Studentenpärchen mit Kind beim Picknicken. Daneben sitzt ein blinder, weißer Mann mit seinem Assistenzhund, dessen Rasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung nicht erkennbar sind. Davor ist ein vollbärtiger, arabischstämmiger Student zu sehen, der lässig, mit dem Rücken an das Löwengebäude gelehnt, auf sein Smartphone starrt und Kopfhörer trägt. Im Vordergrund flaniert eine bunt gekleidete Kopftuchträgerin über den Campus. Hinter ihr steht eine schwarze Studentin, die sich unbefangen umsieht. Die Figuren sind beziehungslos im Raum angeordnet. Sie haben sich nichts zu sagen, verfügen aber als Selbstermächtigte über eine ausgeprägte Sprachsensibilität, die zum hysterischen Rundumschlag bereit ist, sobald ein Kränkungsgefühl auftritt. Dagegen verblassen die nur schwach konturierten Figuren im Hintergrund und lösen sich beinahe spukhaft in ihrer Zugehörigkeit zur Dominanzkultur auf.

Die in Szene gesetzten Repräsentanten verschiedener Communities definieren sich meist ausschließlich über ihre Abweichung von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, reagieren aber zum Teil hyperallergisch auf Fremdzuschreibungen. Diese wehren sie als Stereotypisierung, Respektlosigkeit, Intoleranz und Angriff auf die eigene Definitionsmacht ab. Damit immunisieren sie sich gegen Kritik. Einst stand es im Widerspruch zu linker Politik, Menschen aufgrund persönlicher Merkmale verschieden zu behandeln, da dies nicht vereinbar war mit Vorstellungen von Gleichheit und Universalismus. Heute brüsten sich links-progressive Befürworter offizieller Identitätspolitik damit, Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit zu sortieren und entsprechend zu behandeln. Paradoxerweise erscheint Gleichberechtigung so durch die nachdrückliche Hervorhebung der Ungleichheit von Menschen verwirklicht. Für offizielle Sprachrohre von Minderheiten hat es oftmals höchste Priorität, die Position des Schwachen zu zementieren. Denn das Festhalten an der Rolle des Opfers hat, ungeachtet der realen Lage, zumeist positive Effekte, stiftet es doch Gemeinschaft, ermöglicht positive Diskriminierung und lässt sich sogar als Mittel von Machtausübung einsetzen. Minderheitenpolitik strategisch zu betreiben, ist allemal Erfolg versprechender, als die privilegierte Position als Vertreter einer Gruppe aufzugeben. Folglich lassen sich Empowerment und Diversity Management als asphaltierte Wege in die Sackgasse des identitätspolitischen Erfolgsmodells verstehen.

Mit den angeordneten Sensibilisierungsmaßnahmen zur Steigerung der Achtsamkeit für Verhalten und Sprache ist ein weiterer Baustein dafür gelegt, ein steriles Arbeits- und Lernklima zu besiegeln, worin tendenziell die Bereitschaft zur Bespitzelung, Empörung, Kränkbarkeit, Hysterie und vor allem Denunziation wächst. Wenn eine Lehrkraft zukünftig das Gender-Sternchen vergisst, mag sich bereits der eine oder andere auf den Schlips getreten fühlen. Wo beginnt und wo endet Diskriminierung? Darüber nachzudenken sei Seminarteilnehmer*innen der Cultural Studies überlassen, denen es Freude zu bereiten scheint, in Endlosschleife freie Kreise im poststrukturalistischen Diskursblabla zu drehen, um in sprachlichen Leerformeln die letzten Reste von Sinn zu dekonstruieren.

Walentina Warszawski

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