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Archive for the ‘Zeitung’ Category

Peter Sodann hat uns lange begleitet. Es gibt wohl kaum eine Ausgabe der Bonjour Tristesse, in der der unsympathische Wahl-Hallenser, der einst das Neue Theater leitete, als Tatort-Kommissar das sonntägliche Fernsehvergnügen schmälerte und sich schließlich von der Linkspartei als Kandidat für den Posten des Bundespräsidenten aufstellen ließ, nicht mehrfach erwähnt wurde. Damit ist es nun vorbei. Wir werden Peter Sodann in Zukunft keine besondere Aufmerksamkeit mehr widmen. Der Mann ist inzwischen so alt, dass seine Äußerungen in der Redaktion der Bonjour Tristesse weniger für Kritik als für freundliches Verständnis sorgen: Wenn eine Oma aufgrund ihrer Gehschwäche die Fahrbahn blockiert, drückt man nicht auf die Hupe, sondern hilft ihr über die Straße. Außerdem arbeitet sich inzwischen selbst das bürgerliche Feuilleton an Sodann ab. Von den dortigen Lohnschreibern, die immer erst dann kritisch werden, wenn sie mit ihrer Kritik bei niemandem mehr anecken, trennt uns einiges.
Dennoch können wir nicht ganz von Peter Sodann lassen. Es ist wie mit einem Unfall oder mit Kotze in der Straßenbahn: Man will nichts damit zu tun haben, muss aber immer wieder hinsehen. Aus diesem Grund hat sich die Redaktion der Bonjour Tristesse entschlossen, jährlich einen Peter-Sodann-Preis für ostzonale Gesinnung auszuloben. Dieser Publikumspreis wird an Personen vergeben, die sich besondere Verdienste um die Pflege und Verbreitung aggressiver Weinerlichkeit (»belogen und betrogen«), dümmlicher Kapitalismusschelte (»die da oben«) und schlechten Geschmacks erworben hat. Die Trophäe, die ein semi-bekannter hallischer Künstler entwerfen wird, wird in der nächsten Ausgabe der Bonjour Tristesse vorgestellt. Der Peter-Sodann-Preis ist mit 44,37 Euro dotiert. Das entspricht genau der Summe des Begrüßungsgeldes, das sich DDR-Bürger 1989 bei ihrem ersten Besuch der Bundesrepublik in westdeutschen Einwohnermeldeämtern abholen konnten.
Vorschläge für die Nominierung können ab sofort (samt einer kurzen Begründung!) per E-Mail oder Facebook eingereicht werden. Die Nominierten werden in der nächsten Ausgabe der Bonjour Tristesse vorgestellt. Aus diesem Kreis können die Leser unserer Zeitschrift dann den Preisträger auswählen. Die Wahl wird von unparteiischen Beobachtern aus der Redaktion ausgewertet und überwacht. Wir wünschen allen potentiellen Kandidaten viel Glück!

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Anlässlich der seit Ende des letzten Jahres stattfindenden Massendemonstrationen der Pegida in Dresden stellt die AG Antifa neun Thesen auf, mit denen sie versucht, das Verhältnis von Pegida-Protesten, Islam und Berliner Republik auszuloten.

1. DAS OFFIZIELLE DEUTSCHLAND: WELTOFFEN UND ANTIRASSISTISCH
Die öffentliche (lies: veröffentlichte) Meinung in Deutschland ist antirassistisch und weltoffen. Hierfür sprechen nicht nur die Finanzspritzen, die zivilgesellschaftliche Initiativen gegen Rassismus und Neonazis von staatlicher Seite erhalten, sondern, ein Beispiel von vielen, auch die Reaktionen auf die Forderung der CSU, dass Ausländer hierzulande in ihren eigenen vier Wänden Deutsch sprechen sollen – eine Sprache, die auch unzählige Wähler von Horst Seehofer und Peter Gauweiler nur rudimentär beherrschen. Der Spott der Presse und der Politprominenz war so groß, dass sich die Chefetage der CSU dazu genötigt sah, die Forderung zurückzunehmen und als Idee verwirrter Hinterbänkler abzutun. Selbst der Generalsekretär der CDU machte sich über die Schwesterpartei lustig und fragte via Twitter, was es eigentlich die Politik angehe, ob er zuhause hessisch oder klingonisch spreche.
Vor allem aber signalisieren die Reaktionen auf Pegida, dass mit einem ausländerfeindlichen Bündnis von Mob und Elite, wie es Anfang der Neunziger existierte, in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist: Vertreter aller im Bundestag vertretenen Parteien verurteilen die Dresdner Montagsspaziergänge aufs Schärfste. Die Kanzlerin nutzte sogar ihre Neujahrsansprache, um vor den Aufmärschen zu warnen. Lediglich Vertreter der Sächsischen Einheits-Partei, der CDU des Freistaates, verbanden ihr negatives Urteil über Pegida mit dem Verständnis für die vermeintlichen »Ängste der Menschen«. Aber auch die Dialogangebote, die von dieser Seite unterbreitet wurden, waren an die Bedingung geknüpft, dass sich Pegida mäßigt.

2. DIE INOFFIZIELLE REPUBLIK: AUSLÄNDERFEINDLICHKEIT
Unter der antirassistischen Oberfläche besteht seit langem eine breite ausländerfeindliche Stimmung. In den Neunzigern hatte diese Klientel auch in vermeintlich seriösen Publikationen eine feste Bastion. Erinnert sei nur an das berühmte Spiegel-Titelbild vom September 1991, mit dem die Nazi-Parole »Das Boot ist voll« hoffähig gemacht wurde. Als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) jedoch im Jahr 2000 den »Aufstand der Anständigen« ausrief und die Bekämpfung von Neonazis und Rassismus zur Chefsache erklärte, verlor diese Stimmung ihre öffentlichen Foren. Ausländerfeindlichkeit war in der öffentlichen Debatte von da an nicht mehr artikulationsfähig. Der alte Hau-drauf-Rassismus passte nicht mehr zu den Erfordernissen und zum Selbstverständnis der Berliner Republik, in der die Vertreter eines modernisierten Deutschlands den Ton angaben. Wer nach 2000 den Sound der Neunziger hören wollte, war auf gelegentliche Tabubrüche à la Sarrazin oder auf Neonazizeitungen angewiesen. Die Auflage der Jungen Freiheit oder der Deutschen Stimme stieg trotzdem nicht. Zum einen dürften die NS-Verherrlichung der Traditionsnazis, der Moeller-van-den-Bruck-Kult der Jungen Freiheit oder der SA-Gestus der Stiefel- und Turnschuh-Nazis die liberalen, christ- und sozialdemokratischen Rassisten jeder Couleur abgeschreckt haben. Zum anderen hatte die Bundesregierung NPD und Co. während des »Aufstands der Anständigen« zum neuen Volksfeind erklärt. Das Bedürfnis nach Verfolgung und Präsentation staatsbürgerlicher Zuverlässigkeit – zwei zentrale Antriebsmomente des Rassismus – wurde durch die zahlreichen Kampagnen, mit denen Schröder-Deutschland aufwartete, kompensiert: gegen Nazis, gegen Amerika, gegen »Heuschrecken«. Die Tatsache, dass die Zahl der Asylbewerber durch die Änderung des Asylrechtes 1993 und den Rückgang von Konflikten im europäischen Grenzraum stark zurückging, tat ein Übriges.

3. DER HINTERGRUND: ZUWANDERUNG UND KRISE
Den Hintergrund der Pegida-Demonstrationen bilden die Proteste gegen die Unterbringung von Asylbewerbern, die 2013 und 2014 stattfanden. Obwohl sich nur wenige Menschen daran beteiligten – die 1.500 Demonstranten in Schneeberg im Dezember 2013 waren die Ausnahme –, waren sie ein flächendeckendes Phänomen mit Ostüberhang. Mit diesen Aufläufen verschaffte sich die untergründige ausländerfeindliche Stimmung nach Jahren des Dornröschenschlafs wieder öffentlich Geltung. Zu den unmittelbaren Anlässen dieser Proteste gehörten der Anstieg der Asylbewerberzahlen durch den Syrischen Bürgerkrieg, der damit verbundene Bau neuer Asylbewerberunterkünfte und die verstärkte Zuwanderung von EU-Arbeitsmigranten seit der Veränderung des Europäischen Freizügigkeitsgesetzes. Ihr Katalysator war der Immobiliencrash der Jahre 2007 ff., der sich in Deutschland weniger auf die Wirtschaft als aufs Gemüt legte. So verstärkte die Krise jene Mischung aus Besitzstandswahrung und Konkurrenzkampf, von der das Leben unter den gegenwärtigen Verhältnissen ohnehin geprägt ist. Bei den ausländerfeindlichen Protesten in den wirtschaftsstarken Gebieten, die sich in ihrer zivilgesellschaftlichen Form deutlich von der Politik der hochgekrempelten Hemdsärmel in Schneeberg oder Greiz unterschieden, stand die Besitzstandswahrung im Vordergrund: Dort mag man Asylbewerber nicht, weil die eigene Brieftasche in den letzten Jahren ohnehin stark beansprucht wurde. In den ökonomischen Abbruchgebieten, die vor allem, aber nicht nur im Osten liegen, geht es – jenseits der kaum zu überschätzenden Projektionen – vor allem um die Ausschaltung lästiger Konkurrenz um die wenige Staatskohle. An Oder, Elbe und Ruhr ist der Großteil der Bevölkerung schon jetzt auf die Gnade des Souveräns angewiesen: zum Teil in Form von Hartz IV, zum Teil in Form von Staatsaufträgen, die an die maroden Unternehmen gehen.

4. HOGESA: DIE KRISE DER DRITTEN HALBZEIT
Der Zusammenhang zwischen den Mobilisierungserfolgen von Pegida und der Hogesa-Großdemonstration im Oktober 2014 in Köln (ca. 4.000 Teilnehmer) ist offenkundig. Ohne die Hooligan-Krawalle auf der Kölner Domplatte hätten die 350 Pegida-Anhänger, die nur sechs Tage zuvor erstmals durch Dresden spaziert waren, zunächst keine bundesweite Aufmerksamkeit erhalten: In dieser Größenordnung finden im Osten an jedem Wochenende ausländerfeindliche Aufmärsche statt, die jedoch in der Regel von der NPD organisiert werden. Sowohl der Name, der an ein klassisches Hooligan-Kürzel à la Hoonara (»Hooligans, Nazis, Rassisten«) erinnert, als auch die Konzentration auf den Islam, der bei den ausländerfeindlichen Protesten der Jahre 2013/14 noch keine Rolle spielte, verschafften Pegida die Schlagzeilen, die dabei halfen, das bereits vorhandene Potential zu mobilisieren.
Dennoch haben Hogesa und Pegida nur bedingt miteinander zu tun. Auch wenn die Aufmärsche der Hooligans gegen Salafisten im Kontext der ausländerfeindlichen Aufwallungen seit 2013 stattfanden, war ihr zentraler Hintergrund jedoch ein anderer: nämlich der Niedergang der Hooligan-Szene seit den Zweitausendern. So haben die Hooligans, die einmal die Stadien beherrschten, ihre frühere Dominanz längst an die Ultras abgegeben. Für diejenigen, die sich nicht mit den Unterschieden auskennen: Die Hools verhalten sich zu den Ultras wie Ernst Jünger zu den Teilnehmern eines Junggesellenabschieds. Bei den einen steht der Kampf im Mittelpunkt, der auch mal durch Spindhumor, Bierfurz und Gruppengesang begleitet werden kann, bei den Ultras ist es andersrum: Hier geht es um die »Stimmung« im Stadion und das Eintreten für den »eigenen« Verein, das bei günstiger Gelegenheit oder zu viel Bier auch mal gewalttätige Züge annehmen kann. Die Ultras sind für den modernen Fußballfan dementsprechend attraktiver als die Hooligans. Um bei ihnen mitmachen zu können, muss man weder auf eine schwere Jugend im Plattenbau noch auf eine langjährige Kloppsport-Affinität zurückblicken. Vor allem aber entsprechen die Ultras weitaus eher dem Sozialtypus des modernen Mannes, der weniger Krieger im Wartestand als Dauerpubertierender ist. Der Drang nach der coolsten Choreografie, dem längsten Transparent oder der lautesten Pyrotechnik ist eine Funktion der adoleszenten Angst, in Sachen primäre Geschlechtsmerkmale von der Natur benachteiligt worden zu sein.
Der Aufstieg der Ultras wurde von einer weiteren für die Hooligans negativen Entwicklung begleitet: Durch die bessere Ausbildung der Polizei und ihre veränderten Einsatzstrategien wurde es in den letzten Jahren immer schwerer, sich im Kontext des Spiels oder in Stadionnähe mit den Boygroups anderer Vereine zu prügeln. Wenn es zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt, dann höchstens mit der Polizei. Die Schläger von USK und BFE sind aber zum einen besser ausgebildet als ihre Konkurrenten von LOK und HFC. Zum anderen halten sie sich auch nicht an den Ehrenkodex des Straßenschlägers. Die Folgen heißen Strafanzeige, Stadionverbot, zum Teil Knast. Das Leben als Hooligan ist, mit anderen Worten, weder schön noch aufregend, sondern ziemlich frustrierend.
Das soll heißen: Die Aufmärsche von Köln und Hannover waren der Versuch, aus der Dauerschleife von Wegrennen vor der Polizei und Stadionverbot herauszukommen und sich ein neues Spielfeld zu schaffen. Dafür spricht nicht zuletzt die Tatsache, dass die Hooligan-Fraktion, die schon vor Jahren einen eigenen Weg aus der Krise der dritten Halbzeit gefunden hat, bei den Krawallen von Köln deutlich unterrepräsentiert war. An der Demonstration in Hannover nahm sie schon nicht mehr teil. Die Rede ist von der sogenannten Acker-Fraktion, die ihre eigenen Aktivitäten vollkommen vom Stadion entkoppelt hat und sich stattdessen an spielfreien Tagen in Gewerbegebieten oder auf Feldern zum Match trifft. Hogesa spricht neben den klassischen Nazi-Hools, die sich nicht zuletzt von der weltanschaulichen Ausrichtung angezogen fühlen, vor allem die Bollo-Fraktion an: teilweise schon in die Jahre gekommene Stadiongänger, die (wenn überhaupt) eher einem Freundeskreis als einer festen Hooligan-Gruppe angehören und zu dumm, zu bequem und zu undynamisch sind, um jenseits des Stadionbesuchs Kontinuität zu wahren. Der Tatkraft und der Flexibilität, die nötig sind, um an der Polizei vorbei Kämpfe zu organisieren, sind sie erst recht nicht gewachsen.
Die Abhängigkeit von dieser Klientel hat auch Folgen für Hogesa. Denn auch wenn diese Klientel recht groß sein dürfte, ist sie aufgrund der eigenen Unzulänglichkeit kaum dazu in der Lage, auf Dauer das verlässliche Bodenpersonal zu stellen, auf das jede Bewegung angewiesen ist. Der Niedergang von Hogesa hat dementsprechend schon längst begonnen.

5. DRESDEN: HORT DER FINSTERNIS
Pegida ist nicht zuletzt ein Dresdner Phänomen. Zwar wurde auch andernorts versucht, an den Erfolg der Dresdner Montagsspaziergänge anzuknüpfen. Aber während an der Elbe zeitweise 25.000 Anhänger zusammenkamen, sind es in den übrigen Städten in der Regel nur ein paar hundert. Nur in Leipzig folgten dem Aufruf des örtlichen Pegida-Ablegers mehrere tausend Menschen, denen jedoch zehntausende Gegendemonstranten gegenüberstanden. In Dresden kann von großen Gegenprotesten dagegen nicht die Rede sein. Dort wird stattdessen – die Landeszentrale für politische Bildung zeigt es – das Gespräch mit Pegida gesucht.
Dieser enorme Erfolg geht auf das gesellschaftliche Klima in Dresden zurück: In kaum einer anderen Stadt ist das Gefühl, von allen belogen und betrogen zu werden, so groß wie im selbsternannten Elbflorenz; kaum irgendwo verteidigt man den eigenen Stumpfsinn derart selbstherrlich wie dort. Dieser widerliche Charakter hat historische Wurzeln, die anhand eines Vergleichs mit einer anderen sächsischen Stadt von ähnlicher Größe ins Auge fallen: So hat Leipzig eine lange Tradition als Messestadt. Da Leipzig seit Anbeginn vom überregionalen Publikumsverkehr lebt, gibt es sich entsprechend weltoffen; es hat sich, bei aller Kritik, zumeist ins Verhältnis zur restlichen Welt gesetzt. Im Unterschied dazu war Dresden nie weltoffen. Die Stadt war seit Beginn der Neuzeit Residenz des sächsischen Kurfürstentums. Hier wurden die Festungsmauern gegen fremde Herrschaftsansprüche hochgezogen; die selbstbezüglichen Bedürfnisse des Hofes gaben die städtische Entwicklung vor.
Seither zieht sich die Abneigung gegen alles, was nicht als authentisch dresdnerisch gilt, wie ein roter Faden durch die Geschichte der Stadt. So zeigte Götz Aly erst kürzlich in der Berliner Zeitung, dass in Dresden der Antisemitismus während der Revolution von 1848 eine viel größere Rolle spielte als anderswo. Eine Schlüsselfigur der Dresdner Aufstände war der eingefleischte Antisemit Michail Bakunin, an dessen Seite u. a. Richard Wagner kämpfte, der ebenfalls nicht gerade für seine Weltläufigkeit bekannt ist. In Dresden mussten weniger der König und sein Gefolge als vielmehr die Juden um ihre Köpfe bangen. An diese Tradition wurde auch im 20. Jahrhundert angeknüpft: So war die Stadt schon vor 1933 eine Hochburg der NSDAP. Hier fand die erste Bücherverbrennung genauso statt wie die Premiere der Ausstellung »Entartete Kunst«.
Nach der alliierten Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg begann ein neuer Kult, der sich nahtlos in das selbstgerechte Weltbild der Eingeborenen eingliederte. Schon in den ersten Tagen nach den Angriffen war von einem geplanten Massenmord an den vermeintlich unschuldigen Bewohnern die Rede. Nach 1945 war es die SED-Führung, die der antiwestlichen Legendenbildung rund um den 13. Februar wohlwollend unter die Arme griff. Schon ein Jahr nach Kriegsende fand die erste rituelle Opferinszenierung an der Frauenkirche statt – ein Spektakel, das bekanntlich bis heute großen Zuspruch erfährt. Zwar gibt es auch in anderen Städten gruselige Veranstaltungen, mit denen an die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg erinnert wird. Doch nirgends ist ein so großer Teil der Einwohnerschaft an diesen Selbsteinopferungen beteiligt.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Hier soll keinem Determinismus das Wort geredet werden. Brüche mit Traditionen sind nicht nur möglich, sondern oft auch üblich. Gerade in Dresden, das den Spottnamen »Tal der Ahnungslosen« nicht nur aufgrund des fehlenden Empfangs von Westfernsehen verdient hat, fand ein solcher Bruch jedoch nie statt. Im Unterschied zu anderen Städten wirkten die positiven Ereignisse, die es sicher auch in der Dresdner Stadtgeschichte gibt, nie traditionsbildend. So ist die Stadt an der Elbe schon seit Menschengedenken ein Hort der Finsternis. Dort hat es Tradition, sich gegen alles Fremde abzuschotten und sich dennoch von der Welt geschröpft zu fühlen. Pegida ist der authentische Statthalter dieses Gefühls.

6. ISLAMISIERUNG: EIN CODEWORT FÜR »ASYLANTENFLUT«
Wer sich Interviews mit Hogesa- und Pegida-Anhängern ansieht, wird feststellen: Die Rede über die Bedrohung durch den Islam ist in der Regel nur der Einstieg in ein allgemeines Lamento über Ausländer und die deutsche Asylpolitik. So stand schon am Beginn von Pegida weder die Kritik des Islam noch das Ressentiment gegen Moslems: Lutz Bachmann, der Gründer der Initiative, betonte immer wieder, dass die Empörung über eine Demonstration der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) in Dresden den Ausschlag für die Gründung der Initiative gab. Was die PKK mit dem Islam zu tun haben soll, konnte Bachmann allerdings nicht sagen: Denn man kann viel gegen die PKK einwenden, aber mit Mohammed hat sie nichts am Hut. Sie ist eine weitgehend säkulare Organisation, die sich in Syrien der Islamisierung entgegenstellt. Diese Wurstigkeit von Pegida in Sachen Islam legt nahe: Die offiziellen Anti-Islam-Parolen sind nicht zuletzt Chiffren für ordinäre Ausländerfeindlichkeit. Die Rede von der »Islamisierung« ist für die Demonstranten nicht zuletzt ein Codewort für den aus der Mode gekommenen Begriff der »Asylantenflut«.
7. DER ISLAM: FEINDSCHAFT DURCH ÄHNLICHKEIT
Dennoch ist die Bezugnahme auf den Islam, die sich prominent im Namen von Hogesa und Pegida findet, kein Zufall. Aber anders als es von Teilnehmern der Dresdner Demonstrationen behauptet wird, geht diese Fixierung weniger auf einen »Clash of Civilisations«, einen Zusammenpralls gegensätzlicher Kulturen, zurück, von dem Samuel Huntington Anfang der Neunziger sprach. Im Gegenteil, zumindest die Feindschaft von Pegida und Hogesa zum Islam basiert auf Ähnlichkeit. Man kennt das aus Teenagerkomödien, die gerade in ihrer Klischeehaftigkeit ein detailgetreues Abbild der Realität bieten: Dort sind die beiden Klassenschönsten, die meistens identisch mit den Jahrgangszicken sind, in der Regel nicht miteinander befreundet, sondern sie hassen sich. Weil sie auf denselben Feldern um Anerkennung, Verehrung und Freundschaften konkurrieren, können sie keine »best friends« werden, sondern müssen gegeneinander intrigieren. Analog dazu lässt sich erklären, warum die Dresdner Demonstranten, die sich Tradition, Familie und Zusammenhalt auf ihre Fahnen schreiben, gegen die Anhänger des Propheten auf die Straße gehen, die wie kaum jemand anders für genau diese Werte stehen. Es lässt sich ebenfalls erklären, warum Trottel-Hooligans – die nicht gerade nett zu ihren Freundinnen sind, ein besonders inniges Verhältnis zu anderen Männern pflegen, eine Gewaltmacke haben und sich gern, wie es im Szene-Jargon heißt, für ihre Sache »gerade« machen –, ausgerechnet gegen Salafisten demonstrieren: gegen andere vorwiegend junge Männer also, die ihre Frauen schlecht behandeln, am liebsten mit den Jungs um die Häuser ziehen, ein aufgeschlossenes Verhältnis zur Gewalt haben und sich für ihre Sache »gerade« machen wollen.
Hier wird ein Konkurrenzkampf um den besten Ausweg aus der Krise der warenproduzierenden Gesellschaft geführt. Derzeit sieht es so aus, als hätte der Islam im Weltmaßstab das attraktivere Angebot. Denn der Sozialkonservativismus, mit dem Pegida hausieren geht (Etatismus, Krankenkasse, Rentensystem), mag in Europa zwar noch überzeugen können. Aber jenseits des Westens lassen sich damit keine Punkte mehr gewinnen. Zum einen existierte dieses System auch in der guten alten Zeit nur auf den wenigen Wohlstandsinseln, zum anderen ist es in den letzten Jahren auch hier im Niedergang begriffen. Das hat deutliche Auswirkungen auf seine Ausstrahlungskraft.
Mit seinem Brei aus Männlichkeitsgestus, Verantwortungsethos und Märtyrerkult bedient der Islam, der fast überall dort, wo er sich politisch äußert, als Islamismus auftritt, die Sehnsucht nach der eigentümlichen Kombination aus Unterwerfung und Selbstüberhöhung, die aufgrund des geistigen Elends, das die Krise begleitet, auch im Westen stärker wird. So steht auch der Name »Elb-Kaida«, den sich eine Hooligan-Truppe aus Dresden gegeben hat, weniger für die selbstkritische Ironie, für die das Fußballmilieu so bekannt ist, als für eine gar nicht so heimliche Faszination. Die viel beklagte Islamfeindschaft ist nicht zuletzt Islamneid.

8. MODELL ISLAM: DER UNTERGANG DES SOZIALSTAATES
Hört man Interviews mit Pegida-Demonstranten, dann wird deutlich, dass die meisten von ihnen nicht vom Islam auf die Straßen getrieben werden. Die zentralen Triebfedern der Proteste sind – das machen auch Umfragen deutlich – soziale Ängste und das zum Trotz gesteigerte Gefühl, von »den Medien« und »der Politik« übergangen zu werden. So brüllt man in Dresden nicht »Nieder mit dem Koran!«, sondern bevorzugt »Wir sind das Volk!« und »Lügenpresse!«. Die Rede vom Islam kaschiert in diesem Kontext nicht nur ordinäre Ausländerfeindlichkeit, sondern sie ist vor allem eine Chiffre für die wachsende soziale Unzufriedenheit.
Zwar verlieren die Leitideale des Wohlfahrtstaates, der sich Chancengleichheit und Volksfürsorge auf die Fahnen schrieb, schon seit längerer Zeit an Bedeutung. Aber insbesondere in den letzten anderthalb Jahrzehnten wurde deutlich, dass die Staatspolitik diese Ideale nicht länger verfolgt. Der Staat ist immer weniger dazu bereit, noch länger für Menschen zu sorgen, für die es auf dem Arbeitsmarkt keine Verwendung mehr gibt. Seine Aktivitäten sind vorrangig darauf ausgerichtet, den Produktionsstandort im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu halten. So wurden seit Anfang der Zweitausender die größten staatlichen Betriebe privatisiert, die Sozialhilfe drastisch reduziert und der Kündigungsschutz aufgeweicht. Infolge dieser Politik stieg der innergesellschaftliche Druck. Bei allen, die noch nicht ganz unten angekommen sind, vom Mechatroniker bis zur Wirtschaftsberaterin, stieg auch die Angst vor dem Abstieg. Insbesondere der ältere ostdeutsche Mittelstand muss aufgrund fehlender Englischkenntnisse und Computerskills befürchten, bei dieser Entwicklung auf der Strecke zu bleiben. Denn parallel zur Neuausrichtung der Sozialpolitik, die sich zunehmend nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten und internationalen Maßstäben richtet, wandelte sich auch die veröffentlichte Meinung: Während qualifizierte Ausländer inzwischen als Bereicherung für die Gesellschaft gelten, wird über die Ansichten, Angewohnheiten und Verhaltensweisen des abgehängten Bevölkerungsteils gespottet. Mit dem Lachen über die »Schantalles« und »Dschessikas«, das mittlerweile zum Programm jeder Comedy-Show gehört, versucht man sich nicht nur von den Plattenbewohnern abzuheben, sondern man bekämpft auch die eigene Angst, irgendwann selbst in Marzahn, Halle-Neustadt oder Bottrop leben zu müssen. Ganz in diesem Sinn kämpft man auch an der Elbe wohl nicht zuletzt gegen die drohende Deklassierung und für eine staatliche Sozialpolitik, bei der wieder der Geburtsort darüber entscheidet, wer bei der Verteilung von Mitteln bevorzugt wird. Soll heißen: Die Demonstranten sehnen sich weniger nach dem Abendland, das Richard Löwenherz beim dritten Kreuzzug repräsentierte, sondern sie bezeichnen mit dieser altertümlichen Formel vielmehr den alten Sozialstaat mit seiner national orientierten Klientelpolitik, wie er einmal im gesamten westlichen Europa existierte.
Auch wenn es zunächst willkürlich erscheint, dass der Islam zur Chiffre für diese Politik wurde, ist es, wie die Redaktion der Bahamas vor einiger Zeit aufgezeigt hat, auch kein Zufall. Denn im Zuge der Umgestaltung des Sozialstaates wurden zahlreiche Aufgaben an gesellschaftliche und private Initiativen delegiert. So erlangte etwa die Familie als Betriebs- und Bedarfseinheit neue Bedeutung. Insbesondere in jenen Städten, Stadtteilen und Regionen, die den Pegida-Demonstranten als Vorhöfe der Hölle gelten, in Neukölln, Kreuzberg oder im Ruhrpott, gewannen auf den Feldern, die der Staat bei seinem Rückzug aufgab, islamische Institutionen und Communities an Boden. Der Islam stellt die praktischen Mittel und das ideologische Rüstzeug bereit, um das Elend und die Not zu verwalten, für die sich der Staat nicht mehr verantwortlich fühlt. Krankenversicherung, Arbeitslosenunterstützung und Altersvorsorge gewährt die Sippe, wobei religiöse Vorschriften, patriarchale Strukturen und Zwangsbindungen die Haftung der einzelnen Mitglieder füreinander verbürgen. Statt auf kodifizierten Gesetzen beruht die Sozialordnung auf Ehre und Schande. Familiengerichte und Brüderverbände übernehmen die Aufgaben von Justiz und Polizei. Auch wenn hierzulande gezögert wird, islamischen Communities auch offiziell staatliche Funktionen zu übertragen, so zeichnet sich doch unlängst ab, was in britischen Großstädten klare Konturen gewonnen hat: Um Kosten bei der Integration und der Verwaltung zu sparen, nimmt der Staat die integrierende Kraft islamischer Institutionen in Beschlag. So vollzog sich der Aufstieg des Islams zur Ideologie der Entrechteten und Geknechteten europaweit nicht nur parallel zum Niedergang des Sozialstaates, der insbesondere im Osten der Bundesrepublik spürbar ist. Sondern zwischen beiden Entwicklungen gibt es einen unmittelbaren Zusammenhang. Nicht zuletzt deshalb dürften die Anhänger von Pegida und Co. ihr drohendes Schicksal mit Islamisierung assoziieren: Die islamischen Communities erinnern den bedrängten Mittelstand schlichtweg an sein eigenes Schicksal.

9. NO-PEGIDA: DIE VERTEIDIGUNG DES VATERLANDES
Die Dresdner Demonstrationen sind ein Ausdruck davon, dass das ohnehin prekäre Ausgleichsmodell der Berliner Republik in die Krise geraten ist. Bei den Auseinandersetzungen zwischen Pegida und No-Pegida handelt es sich dementsprechend nicht um einen Kampf zwischen Freiheit und Tyrannei, sondern um etwas anderes. Im antideutschen Überschwang der frühen Zweitausender hätten wir das Ganze vielleicht »Stress im Führerbunker« genannt; präziser ist jedoch »Zoff im Willy-Brandt-Haus«. Es stehen sich zwei Fraktionen von Sozialdemokraten gegenüber, die ihr Kreuz aufgrund der allgemeinen Sozialdemokratisierung aber nicht unbedingt bei der SPD machen müssen: Auf der einen Seite befinden sich diejenigen, die der alten Bundesrepublik und dem omnipräsenten Staat mit seiner sozialen Vollkasko hinterhertrauern; auf der anderen Seite stehen die Sympathisanten und Nutznießer der modernen Republik: die AG »Fremdsprache und Flexibilität«.
Allen Unterschieden zum Trotz haben beide Fraktionen einen gemeinsamen Referenzpunkt, nämlich das Vaterland. Das Argument, das den prominenten Pegida-Gegnern und ihrem Anhang mehrheitlich gegen Pegida einfällt, heißt dementsprechend »Deutschland«. Pegida werfe ein »schlechtes Bild auf Deutschland« (Steinmeier), »Deutschland braucht Zuwanderer« (Schäuble), Pegida sei eine »Schande für Deutschland« (Maas). Diese Äußerungen machen deutlich, worum es bei den No-Pegida geht: Im Zentrum stehen die Vaterlandsverteidigung und die Schaffung einer autoritären Gemeinschaft braver Staatsbürger. Das Mittel hierfür ist eine der zahlreichen Mobilisierungen gegen Volksfeinde, mit denen die Leute schon bei der Einführung der Agenda 2010 bei der Stange gehalten wurden.
Eine Antifa, der es nicht nur um die so genannten »Ewiggestrigen« geht, kann in diesem Streit keine Partei ergreifen. Zwar ist Pegida alles Schlechte zu wünschen. Aber wer Deutschland auf der Höhe der Zeit kritisieren will, hätte sich nicht Pegida vorzuknüpfen – zumindest nicht, solange bundesweit mehr als 300.000 Leute dem Ruf der Kanzlerin folgen und gegen die Jammerossis um Lutz Bachmann auf die Straße gehen. Sondern er müsste stattdessen dort protestieren, wo sich die moral majority mit ihrer Regierung, den sogenannten Arbeitgebern und Medienvertretern einig weiß. Interveniert werden müsste dort, wo die Deutschen zum Kollektiv der anständigen Staatsbürger verrührt werden, wo Migranten ebenfalls nur als Vertreter »ihrer« Kultur begriffen werden, die Deutschland durch Folklore und Know-how bereichern, wo man »aus der Geschichte gelernt« hat und »wegen« Auschwitz einen enormen Geltungsdrang an den Tag legt: nämlich bei den Anti-Pegida-Protesten. Diese Interventionen werden selbstverständlich nicht so erfolgreich sein wie die Jagd auf Pegida. Denn das Dilemma von Gesellschaftskritik besteht heute darin, dass eine politische Praxis, die diesen Namen verdient, verstellt ist, während die notwendige Theorie, selbst wenn sie noch so kritisch auftritt, ohne diese Praxis fade wird. Was bleibt, können neben der guten alten Aufklärung und Wiederholung aber kleine praktische Provokationen sein, mit denen das reibungslose Funktionieren vielleicht ein bisschen sabotiert werden kann. Wer stattdessen zum großen Halali gegen Pegida nach Dresden oder Leipzig fährt, der beteiligt sich, ob er will oder nicht, am Heimatschutz gegen ungehörige Volksgenossen. Er gibt den militanten Arm der Bundesregierung, eine Art Bundeswehr im Inneren, wie sie sich das Verteidigungsministerium nur wünschen kann. Denn anders als die echten Bundeswehrsoldaten bekommen die Antifa-Haudegen für ihre Einsätze nicht nur kein Geld. Sondern sie folgen im Unterschied zu den etwas schwerfälligen Jungs und Mädchen in Uniform ganz den Imperativen der Berliner Republik, die identisch mit den Imperativen der Bundesagentur für Arbeit sind: Eigeninitiative, Flexibilität, Ehrenamt. Damit treibt die Antifa ihren Bankrott weiter voran.
AG Antifa

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Kurz vor Bezug des neuen Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Zentrums der hallischen Universität in der Emil-Abderhalden-Straße flammt ein Streit um den Straßennamensgeber auf und spaltet die Öffentlichkeit. Während die eine Seite im ehemaligen Leiter der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina einen lupenreinen Nationalsozialisten erkannt haben will, betont die andere Seite Abderhaldens soziales Engagement und betrachtet ihn als großen Humanisten. Warum die Befürworter der Umbenennung falsch liegen und die Abderhalden-Freunde besser schweigen sollten, erläutert Knut Germar.

Als die hallischen Grünen im Frühjahr 2010 im Stadtrat die Umbenennung der nach dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina benannten Emil-Abderhalden-Straße forderten, reagierte die damalige Oberbürgermeisterin Szabados verhalten. In der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) ließ sie ihren Stadtsprecher verkünden, »das Thema Abderhalden« sei »eine komplizierte Angelegenheit«, prinzipiell könne man sich aber »vorstellen, dass man einen anderen Straßennamen findet«. Auch der zuständige Kulturausschuss wollte sich nicht zu einem schnellen und endgültigem Urteil hinreißen lassen. Er vertagte die Entscheidung und beschloss, das für 2014 angekündigte Ergebnis eines historischen Forschungsprojektes der Leopoldina abzuwarten, welches sich u. a. die Rolle Emil Abderhaldens (1877–1950) während des Nationalsozialismus als Schwerpunkt gesetzt hatte. Der Streit war vom Tisch, bevor er richtig begonnen hatte. Das änderte sich schlagartig, als im Herbst 2013 eine interfakultäre professorale Initiative zur Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße an die Öffentlichkeit trat und 46 hallische Wissenschaftler den Stadtrat aufforderten, umgehend die Umbenennung zu beschließen. Die Abderhalden-Straße als Postanschrift des neuen Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Zentrums (GSZ) sei, so der Politikwissenschaftler und Initiator des Professorenprotests Johannes Varwick in der MZ, »ein Skandal erster Ordnung, man schämt sich für diesen Namen«. Die Grünen sahen ihre Stunde gekommen und wiederholten ihren Antrag. Diesmal gab es sogar Schützenhilfe von höchster Stelle. Oberbürgermeister Bernd Wiegand unterstützte den Vorstoß persönlich und verkündete, ebenfalls in der Mitteldeutschen Zeitung, dass das GSZ »nicht mit dem Namen Abderhalden belastet werden« dürfe. Es sei unnötig, das Leopoldina-Gutachten abzuwarten, schließlich gäbe es »genug Bedenken und genug Beweise«.

EIN RASSIST DER ERSTEN STUNDE?
Auch den Professoren geht es in ihrer Erklärung »nicht um eine weitere detaillierte historische Auseinandersetzung mit der Person Abderhaldens«, es sei »auch nicht die Stunde weiterer Gutachten«. Ihr Urteil haben die Abderhalden-Gegner längst gefällt. Varwick fasste es in der MZ so zusammen: »Man kann einen Altnazi nicht würdigen, Punkt.« Die Vehemenz, mit der der professorale Aufruf fordert, einen Schlussstrich unter eine Debatte zu ziehen, die zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung noch gar nicht richtig begonnen hatte, lässt aufhorchen. Das plötzliche Vorpreschen der Initiative, die Heftigkeit der Empörung und die implizite Diskussionsunwilligkeit legen den Verdacht nahe, dass sich die Gegner ihrer Argumentation selbst nicht ganz sicher sind. Bei genauerem Hinsehen jedenfalls stellt man fest, dass der Fall Abderhalden nicht so simpel ist, wie die Befürworter einer Straßenumbenennung suggerieren. Der professorale Aufruf entpuppt sich – all seinem Gerede von »wissenschaftlicher Redlichkeit« zum Trotz – als ein tendenziöses Konvolut von Halbwahrheiten.
Den Gegnern Abderhaldens fällt zwar viel gegen ihn ein, nur sind das selten die richtigen Dinge. Da ist der Vorwurf, Abderhalden sei »nachweislich« ein »Rassist der ersten Stunde« und ein »überzeugter rassentheoretisch argumentierender Eugeniker« gewesen. »Nachweislich« daran ist, dass Abderhalden tatsächlich ein großer Freund der Eugenik war und regelmäßig über die Verbesserung der Erbanlagen der Bevölkerung schwadronierte. So schrieb er 1919 in seiner Funktion als Abgeordneter der preußischen Nationalversammlung, jeder Staatsbürger habe »die hohe Pflicht, dem Staate gesunde Nachkommen und damit brauchbare Bürger und Bürgerinnen zu liefern«. Die Begründung: »Kranke Nachkommen belasten den Staat!« Daran hielt er zeitlebens fest. Noch im Jahr 1947, also drei Jahre vor seinem Tod, schrieb er beispielsweise, dass es bei Vorhandensein bestimmter erblicher Störungen »verantwortungslos und ethisch untragbar« sei, die »Fortpflanzung solcher Menschen zu ermöglichen« und warnte vor »Familien, in denen Laster, Verbrechen und dergleichen sich häufen«. Die Familien seien »in der Regel […] sehr kinderreich«, seit »Generationen« wiederhole sich durch sie »eine Summe von Störungen der öffentlichen Ordnung«. Er spricht sich zwar nicht explizit dafür aus, »derartige Individuen fortpflanzungsunfähig zu machen«, möchte sie aber zumindest »frühzeitig […] in Sicherungsverwahrung nehmen«. So zwingend notwendig es auch ist, derartige Widerlichkeiten politisch aufs Schärfste zu bekämpfen, rassistisch sind sie dennoch nicht. Abderhalden lässt sich weder eine »Rassenhygiene« im nationalsozialistischen Sinn nachweisen, die mit Begriffen wie »völkische Blutreinheit« oder »Rassenschande« hantiert, noch finden sich bei ihm Belege für einen traditionellen Rassismus, der von der Höher- bzw. Minderwertigkeit sogenannter Menschenrassen fabuliert.
Dementsprechend lösen sich auch die beiden Hauptbeweisstücke, die von den redlichen Professoren vorgelegt werden, um Abderhalden als waschechten NS-Rassentheoretiker zu überführen, bereits nach kurzer Draufsicht in Luft auf. Das erste Corpus Delicti, mit dem die Wissenschaftler aufwarten, ist folgendes: »Bereits 1915 war er Gründer und Anführer eines ›Bundes zur Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft‹.« Das ist zweifelsohne richtig. Doch auch wenn der Name des von Abderhalden gegründeten Vereins vielleicht anderes vermuten lässt, finden sich weder in seinen formulierten Zielen noch in seinen Tätigkeiten Dinge, die man auch nur annähernd als »rassistisch«, »rassentheoretisch« oder »rassenhygienisch« bezeichnen könnte. In einem von Abderhalden 1940 veröffentlichtem Bericht zur Vereinstätigkeit anlässlich seines 25-jährigen Bestehens kommt das Wort »Rasse« noch nicht einmal vor. Auch das zweite Beweisstück erweist sich als Luftnummer. Zunächst ist den Professoren zuzustimmen, wenn sie anführen, dass Abderhalden 1939 »eine Studie über biochemische Rassenmerkmale« veröffentlichte. Ein Blick in die Studie enthüllt auch, dass es darum ging, nachzuweisen, dass bestimmte Eiweißstoffe sogenannte Rassenmerkmale enthalten. »Es zeigte sich«, fasste Abderhalden die Studienergebnisse zusammen, »dass die einzelnen Rassen […] scharf unterschieden werden konnten«. Was die Professoren in ihrem Aufruf vergessen zu erwähnen, ist, dass Abderhalden in seiner Studie ausschließlich der Frage nach »der Zugehörigkeit eines bestimmten Tieres zu einer bestimmten Rasse« nachgegangen war und dabei vor allem mit Bluteiweißkörpern verschiedener Schaf- und Schweinerassen experimentiert hatte. Wenn er am Ende seiner Studie davon spricht, dass seine Forschungsergebnisse »weite Ausblicke auf sehr viele Probleme auf dem Gesamtgebiete der Vererbung und auch der Rassenforschung« eröffnen würden, bezieht er sich dabei vor allem auf den Bereich der Fauna und Flora. Er hoffte, dass seine Methode »Eingang in jene Forschungsstätten« finden würde, die »an Hand eines reichen Tier- und Pflanzenmaterials« weiterführende und »umfassende Studien« vornehmen könnten. Auch wenn seine Methode in den Folgejahren von der NS-Rassenforschung aufgegriffen wurde – Otmar Freiherr von Verschuer, einer der führenden deutschen Rassenhygieniker, hatte die Abderhaldensche Methode an menschlichen Blutpräparaten, die ihm sein Lieblingsassistent Josef Mengele aus Auschwitz geschickt hatte, getestet –, macht das Abderhalden nicht zwangsläufig zu dem »Täter«, zu dem ihn sich der professorale Aufruf zurechtbiegt.

IM ZWEIFEL ANTISEMIT?
Selbstverständlich heißt das im Umkehrschluss nicht, dass Abderhalden automatisch von jeglicher Verantwortung für die Gräueltaten des Nationalsozialismus freizusprechen wäre. Eine vernünftigere Diskussion müsste gerade die Frage der Mitschuld von Wissenschaftlern in den Blick nehmen, die sich, beispielsweise im Glauben, eine »reine«, von äußeren Umständen unberührte Wissenschaft betreiben zu können, mit den Nazis arrangierten oder sich gar von einer Kooperation mit den Machthabern zusätzliche Mittel für ihre Forschung erhofften. Gerade einem 1933 international renommierten Wissenschaftler und Schweizer Staatsbürger wie Abderhalden wäre es ein leichtes gewesen, Deutschland den Rücken zu kehren und seine Karriere woanders fortzusetzen. Doch Abderhalden blieb. Und er arrangierte sich – und das nicht zu knapp. So schrieb er 1938, noch bevor ein entsprechender reichsministerialer Erlass an die deutschen Akademien erging, an Joachim Eggeling, den hallischen NSDAP-Gauleiter, dass die »Zusammensetzung des Mitgliederbestandes in vollem Einklang mit den Erfordernissen der Zeit« stünde und alle jüdischen Mitglieder »ausgemerzt« worden seien. Wie das Protokoll einer Vorstandssitzung unter dem Punkt »Arisierung der Akademie« belegt, wurde beschlossen, die Streichungen vorzunehmen, bevor »ein entsprechender Befehl kommt«. Bereits 1933 war Albert Einstein aus dem Matrikelbuch der Akademie gestrichen wurden, die restlichen Streichungen jüdischer Mitglieder erfolgten 1937/38.
War Abderhalden deshalb ein überzeugter Antisemit? Für seine Gegner ist der Fall sonnenklar. Bei genauerer Betrachtung der Angelegenheit stößt man jedoch auch hier auf Widersprüche, die statt Antisemitismus eher politischen Opportunismus als Grund für die Streichung der jüdischen Akademiemitglieder nahelegen. Da ist zum Beispiel die Verfahrensweise, bei der die Mitgliedskarteikarten nicht zerstört, sondern lediglich aussortiert wurden, so als hätte man eine mögliche Revidierung – etwa im Falle einer plötzlichen Veränderung der Machtverhältnisse – im Hinterkopf gehabt. Dafür spricht auch ein maschinengeschriebenes auf den 9. Mai 1945 datiertes Mitgliederverzeichnis, in dem der Großteil der gestrichenen jüdischen Mitglieder wieder auftaucht. Zudem wurden ab 1937 keine Mitgliederverzeichnisse mehr veröffentlicht, eine Mitteilung über ihre Streichung erhielten die Betroffenen nicht. Die von der Akademie herausgegebenen Publikationen bekamen sie weiterhin, zumindest eine Zeit lang.
Gegen einen ausgeprägten Antisemitismus bei Abderhalden spricht zudem, dass er in seinem ersten Amtsjahr zahlreiche jüdische Mitglieder, darunter Albert Einstein, in die Akademie berief. Das brachte ihm öffentliche Anfeindungen durch die überwiegend nationalsozialistische Studentenschaft ein, so zum Beispiel als die Hallische Studentenzeitung im August 1932 Abderhaldens Institut als »Eldorado der Juden und Ausländer« geißelte. Festzuhalten ist, dass aus jener Zeit, in der man Antisemiten noch daran erkannte, dass sie sich selbst auch als solche zu bezeichnen pflegten, bisher keinerlei judenfeindliche Äußerungen durch Abderhalden aufgetaucht sind. In seiner kurzen Zeit als Abgeordneter der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) sprach er sich sogar deutlich dagegen aus, dass »jemand, weil er z. B. Jude ist, der gleichen Rechte und Pflichten im Staate beraubt werden« dürfe. »Antisemitismus«, so der vermeintliche Judenfresser, »hat keinen Platz in einer reinen, wahren Demokratie! Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession darf nicht die geringste Rolle spielen!«
»EIN MENSCHENFREUND«
Knapp zwei Monate nachdem die protestierenden Geisteswissenschaftler ihren selbsterklärten »weitere[n] Schritt zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte« unternommen hatten, bliesen die Freunde Emil Abderhaldens zur Gegenoffensive. Der hallische Verein Zeitgeschichte(n) e. V. – Verein für erlebte Geschichte, der in der Vergangenheit vor allem mit der Reinigung von Stolpersteinen und der Veröffentlichung von Vertriebenengeschichten beschäftigt war, startete einen Aufruf an die Unterzeichner der ›interfakultären professoralen Initiative zur Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße‹ zum Überdenken ihrer Unterschrift. Neben zahlreichen Professoren hatten auch drei Bürgerrechtler, zwei Künstler und ein ehemaliger sachsen-anhaltischer Ministerpräsident, Christoph Bergner, den Gegenaufruf unterzeichnet. Abderhaldens Gegner würden, so beklagten dessen Fans in ihrem Appell, »ein negatives Zerrbild« zeichnen und seine »wissenschaftlichen und sozialpolitischen Verdienste nicht angemessen« berücksichtigen. Es sei, so die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin und Geschäftsführerin des Vereins Heidi Bohley in der Mitteldeutschen Zeitung, »eine Ehrabschneidung, wenn man einen bestehenden Namen entziehen will«. Auch Henrik Eberle, Historiker an der hallischen Universität, sorgte sich um Abderhaldens Ehre und verkündete in der MZ, dass Abderhalden in vielem »das genaue Gegenteil« dessen gewesen sei, was ihm seine Gegner vorwerfen würden. »Er war ein Menschenfreund, er wollte die Welt verbessern.« Für den Ausschluss der jüdischen Mitglieder aus der Akademie warb Eberle um Verständnis: »Die Bedrohung, die wir heute nicht mehr verstehen, hieß ja nicht, die Juden auszuschließen oder den Posten zu verlieren, sondern die Juden ausschließen oder die Leopoldina wird geschlossen.« Mit anderen Worten: Wenn es um die Existenz einer altehrwürdigen Akademie geht, kann man auch schon mal ein paar Juden über die Klinge springen lassen.
Auch wenn nicht alle Gegner einer Straßenumbenennung in ihrer Verteidigungshaltung soweit gehen wie Eberle, einig ist man sich hinsichtlich Abderhaldens sozialer Verdienste. Jemand, der während des Ersten Weltkriegs die Ernährungssituation der hallischen Bevölkerung verbessert, ein Säuglingsheim gegründet und später für unterprivilegierte hallische Kinder Erholungsreisen in die Schweiz organisiert habe, könne einfach, so die Logik der Abderhalden-Freunde, kein schlechter Mensch sein. Dass Abderhalden jedoch alles andere als ein von reiner Sorge um seine hallischen Mitbürger getriebener Humanist war, zeigt sich, wenn man sich die Gründe für seine sozialpolitische Betätigung genauer anschaut. Wie bereits der Name seines Bundes zur Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft nahelegt, ging es ihm weniger um die Linderung individueller Not. Gegründet hatte Abderhalden seinen Verein, um, wie er 1940 schrieb, »das Durchhalten während der Kriegszeit zu erleichtern«. Seine »Hauptsorge galt der Verhinderung der Zermürbung des Volkes und insbesondere der Frauen«. Die »Wegnahme eines Teiles der Sorge um die Ernährung«, d. h. die Verpachtung von Ackerland und mehr als 1.000 Kleingärten, sollte die »Verstärkung des Willens zum Durchhalten« nach sich ziehen. Nicht reine Nächstenliebe war es, die Abderhalden zu seinem unermüdlichen Tun anstachelte, sondern die Sorge um eine mögliche Zersetzung der Wehrkraft an der Heimatfront. Abderhaldens heute so hochgelobtes soziales Engagement war sein kleiner Beitrag dafür, dass die Kriegsmaschinerie reibungslos lief und das Gemetzel auf den Schlachtfeldern ohne Protest der Daheimgebliebenen weiterging.

VON »DROHNEN« UND »LUMPEN«
Es spricht einiges dagegen, Emil Abderhalden einfach nur als Opportunisten zu charakterisieren, der sich aus reinen Nützlichkeitserwägungen mit den Nazis arrangierte. Man hört aufrichtiges Gekränktsein aus seinen Worten, wenn er 1942 an den Kurator der Universität schreibt, dass er hofft, »dass eine spätere Zeit« ihn »gerechter« in seinem »Wirken für Deutschland beurteilen wird, als das jetzt der Fall ist«. Beigelegt hatte er dem mit »Heil Hitler!« unterzeichnetem Schreiben einen von einem Bund der Schweizer in Großdeutschland e. V. veröffentlichtem Aufsatz über ihn, der seiner Personalakte beigefügt werden sollte. In seinem Rundschreiben freute sich besagter Verein, dass »ausgerechnet ein schweizerischer Wissenschaftler vor Jahren und Jahrzehnten Gedanken vertreten hat, die man heute als ›nationalsozialistisch‹ zu bezeichnen pflegt«. Abderhalden sei, so die Schweizer Nazis, »ein Pionier jener Ideen […], die der Nationalsozialismus auf seine Fahnen geschrieben« habe. Auch wenn Abderhalden weder Rassist noch Antisemit war: Sein anbiederndes Schreiben und die Lobhudelei durch die Schweizer Nationalsozialisten wirft die Frage nach vorhandenen ideologischen Parallelen zwischen dem deutschen Liberalen und den Nazis auf. Wie die Lektüre seiner politischen Schriften zeigt, war Abderhalden Zeit seines Lebens vor allem eines: Anhänger einer Ideologie, die zwar keine rein nationalsozialistische Erfindung war, jedoch in ihrer nationalsozialistischen Variante die große Mehrheit der Deutschen hinter ihren Führer scharte. Noch in seinen 1947 erschienen Gedanken eines Biologen zur Schaffung einer Völkergemeinschaft und eines dauerhaften Friedens versuchte er »den Völkern«, zu denen er im greisen Größenwahn mit seiner Schrift zu sprechen meinte, die »Entwicklung einer wahren Volksgemeinschaft« als Weg zur Neugestaltung der Welt anzudrehen. Seine Vision einer Völkergemeinschaft der Volksgemeinschaften formuliert Abderhalden so: »Die Völker sollen ohne Ausnahme in dem Ausmaße volle Freiheit genießen und ihr Schicksal selbst gestalten, als sie höchstes Verantwortungsgefühl allen anderen Völkern gegenüber besitzen. Freiheit ist nicht egoistisches Sichausleben, vielmehr freiwillige Einordnung in ein Ganzes.«
Die »freiwillige Einordnung in ein Ganzes« war es dann auch hauptsächlich, die der liberale Abderhalden vor Augen hatte, als er im Jahr 1919 als Abgeordneter der DDP seine Vorstellungen zur Gestaltung der noch jungen demokratischen Republik zum Besten gab. »Demokratie heißt: alle Volksgenossen haben gleiche Rechte und vor allem auch Pflichten!« Die Pflicht aller Demokraten bestünde darin, »das Gesamtwohl des ganzen Volkes und damit des gesamten Vaterlandes über das Einzelwohl […] zu stellen«, um ein »Vaterland« jenseits von »Egoismus« und »Parteizwist« zu erschaffen. »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« schrieb sich die NSDAP unter Punkt 10 in ihr Programm, und es ist genau diese Forderung, die Abderhalden mit dem Nationalsozialismus verbindet. Im Unterschied zu den Nazis meinte er, wenn er vor »Feinden im Volkskörper« warnte und zum »Kampf gegen dem deutschen Wesen fremde Erscheinungen« aufrief, jedoch ausdrücklich nicht die Juden. Als undeutsch galten ihm stattdessen alle, die sich in seinen Augen der »Pflicht zur Arbeit« entzögen, weshalb er sie in Anlehnung an die Insektenwelt als »Drohnen im Staate« beschimpfte. Für Abderhalden war »jeder ein Lump, der isst ohne zu arbeiten, schneide er nun als Faulpelz seine Zinsscheine ab oder wälze er sich als Vagabund im Straßengraben«. Selbst »Damen, die mit Stöckelschuhen untätig daherrauschen« zogen seinen Zorn auf sich, sie seien »ebenso verachtenswert« wie »jede andere Person, die ihre Pflicht dem Staate gegenüber versäumt« und die damit, wie er 1947 noch einmal bekräftigte, »außerhalb der Volksgemeinschaft« stünde. Diejenigen, die innerhalb Abderhaldens Volksgemeinschaft stehen, haben längst die Verfügungsgewalt über sich selbst verloren. »Niemand im Volke«, so Abderhalden in seinem politischen Programm von 1919, »gehört nur sich! Niemand kann mit Körper und Geist nach seinem Gutdünken verfügen. Jeder Volksgenosse und jede Volksgenossin ist ein Teil des gesamten Volkskörpers!« Und deshalb sei, ergänzte Abderhalden drei Jahre vor seinem Tod, »die Pflege der eigenen Gesundheit und damit die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit im Interesse der Allgemeinheit« die höchste Pflicht eines jeden Staatsbürgers.
Betrachtet man die gegenwärtigen Gesundheitskampagnen, wird man feststellen, dass sie an den Liberalismus Abderhaldens anknüpfen, der aus Sorge um die Arbeitsfähigkeit des Einzelnen und die Kosten für das Gesundheitswesen vehement den Genuss von Tabak, Alkohol und fettem Essen verteufelte. Sie werden hauptsächlich von einem Milieu getragen, dem auch die Mehrzahl jener hallischen Professoren angehört, die sich heute ganz antifaschistisch gegen ihren Kollegen wenden. Dem linksliberalen Milieu fällt die tatsächliche Parallele Abderhaldens zum Nationalsozialismus schon deshalb nicht auf, weil die von ihren Angehörigen propagierte Lebensweise – mit ihrem Sermon vom gesunden Essen, Nichtraucherschutz und Fitsein bis ins hohe Alter – selbst in der Tradition der Volksgemeinschaft des deutschen Liberalismus steht.

»DEN TÜCHTIGEN FREIE BAHN«
Es ist die Kombination aus biologistischer Staatsauffassung und fanatischem Hass auf alles Unproduktive, die in Abderhaldens sozialdarwinistischem Mantra, den »Tüchtigen freie Bahn« zu gewähren, zu sich selbst findet. Aus ihm leiten sich auch Abderhaldens eugenische Forderungen ab. So schrieb er 1921 in einem von den großdeutschen Schweizern besonders gelobtem Aufsatz: »Solange der Staat ungeheure Summen ausgeben muss, um lebensuntüchtige Individuen mühsam am Leben zu erhalten, solange er Millionen für geistig Minderwertige auswerfen, gewaltige Kranken- und vor allem auch Irrenhäuser unterhalten muss, bleibt für die körperlich und geistig Gesunden nur ein Bruchteil jener Summen übrig, die zur Verfügung ständen, müsste nicht eine so gewaltig große Zahl von Opfern mangelhafter Fürsorge für die Gesunderhaltung verpflegt werden.« Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, dass Abderhalden das im letzten Jahr der Weimarer Republik entworfene und von den Nazis 1934 in Kraft gesetzte »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« öffentlich unterstützte, im gleichen Jahr den Aufruf Deutsche Wissenschaftler hinter Adolf Hitler unterzeichnete und in den NS-Lehrerbund eintrat. Mit Zwangssterilisationen hatten die Nazis einen neuen Sympathisanten gewonnen.
Insgesamt zeigt der Fall Abderhalden, dass man kein überzeugter Nazi gewesen sein muss, um den Nationalsozialismus de facto mitzutragen. Um abschließend beantworten zu können, wer Abderhalden war, ist es jedoch wirklich nicht nötig, auf das demnächst erscheinende Gutachten der Leopoldina zu warten. Es genügt eine kleine Anekdote seiner Tochter über die gemeinsamen sonntäglichen Spaziergänge in die von Abderhalden gegründeten Kleingartenanlagen der Saalestadt. Er habe dabei, erzählte sie unlängst der Mitteldeutschen Zeitung, immer darauf geachtet, »dass alles in den Gärten ordentlich war, dass nichts verlottert und vergammelt«. Trotz seiner Schweizer Staatsbürgerschaft war Emil Abderhalden ein ganz normaler Deutscher – wie Millionen andere auch.
Knut Germar

Literatur:
Emil Abderhalden: Die hohen Aufgaben des deutschen Demokraten und seiner Partei, Halle 1919.
Ders.: Drei Vorträge zu politischen Tagesfragen, Halle (Saale) 1919.
Ders.: Das Recht auf Gesundheit und die Pflicht sie zu erhalten, Halle (Saale) 1921.
Ders.: Rasse und Vererbung vom Standpunkt der Feinstruktur von blut- und zelleigenen Eiweißstoffen aus betrachtet, in: Nova Acta Leopoldina. Abhandlungen der Kaiserlich Leopoldinisch-Carolinisch Deutschen Akademie der Naturforscher. Neue Folge, Band 7, Halle (Saale) 1939.
Ders.: Bund zur Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft. 1915–1940, Halle (Saale) 1940.
Ders.: Gedanken eines Biologen zur Schaffung einer Völkergemeinschaft und eines dauerhaften Friedens, Zürich 1947.
Wieland Berg: Emil Abderhalden und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina nach 1932 – eine Projektskizze, in : Benno Parthier (Hg.): Jahrbuch 1991. Leopoldina, Band 37, Halle (Saale) 1992.
Benno Parthier: Die rätselhafte »Streichung« von Albert Einsteins Mitgliedschaft im Matrikelbuch der Leopoldina. Ein Indizienbericht mangels eindeutiger Beweise, in: Susan Splinter u. a.: Physica et historica. Festschrift für Andreas Kleinert zum 65. Geburtstag, Halle (Saale) 2005.

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Sören Pünjer schreibt über linke Magdeburger, die Montagsdemonstrationen und die Einladung eines Friedensforschers nach Halle. Der Text ist die leicht überarbeitete und gekürzte Fassung eines Vortrages, den unser Autor im Mai 2014 in Halle auf einer Veranstaltung im Rahmen der Antifaschistischen Hochschultage der AG Antifa im Stura gehalten hat.

Der Linken Jugend- und Hochschulgruppe Magdeburg kommt das Verdienst zu, als erste eindringlich vor den montäglichen Friedensdemonstrationen in zahlreichen deutschen Städten gewarnt zu haben. Schon im März 2014 konnte man auf ihrer Homepage anlässlich einer in Magdeburg angemeldeten Demonstration lesen: »Wir haben ein bisschen recherchiert und sind dabei auf eine üble Mischung aus verschwörungsideologischem Denken, rechtsesoterischer Lyrik, zutiefst antisemitischer Bildsprache und Truther-Propaganda gestoßen, was uns letztlich dazu bewogen hat, eindringlich vor dieser Demonstration zu warnen«. Hier einige Beispiele für das Gedankengut, vor dem die angehenden Linkspartei-Funktionäre so eindringlich warnten: »Lasst euch nicht ablenken vom Massenentertainment, bleibt kritisch!«; »Militär und Demokratie sind unvereinbar«; »Kinder an die Macht!«; »Volksentscheidung statt Volksenteignung«; »Für eine neue Erde in Frieden«; »Deutschland ist kein Sozialstaat mehr. Die Gewinne werden nach oben verteilt, unten kommt nichts an, und um unsere Ersparnisse müssen wir auch bangen«; »Artikel 149 (GG) – wir wollen eine Verfassung«; »Bankenmonopol unschädlich machen. Gewinne aus Kapital als Bedingungsloses Grundeinkommen umverteilen!«; »Lebt wieder mit der Natur und nicht von der Natur!«; »Das Zinsenszinsenschuldengeldsystem überwinden!«; »Natürliche Wirtschaftsordnung statt parasitärem Kapitalismus« sowie »Hört auf uns Bürger«. Angesichts dieses kruden, autoritären, ressentimentgeladenen und verschwörungstheoretischen Zeugs kann man sich der Schlussfolgerung der linken Gruppe eigentlich nur anschließen, wenn sie folgendes schreibt: »Eine friedliche und freiheitliche Welt ist nur in Abgrenzung und Bekämpfung derartig rechten Gedankengutes möglich. Keine Querfront mit rechten Verschwörungsheinis«.
Leider hat die hier geschilderte Sache einen Haken. Die zitierten Parolen stammen gar nicht von der besagten montäglichen Friedensdemo, sondern sind allesamt Bestandteil der 95 Thesen der Empörten zu Magdeburg, die die Initiative Echte Demokratie Jetzt! Ende Oktober 2011 als »modernes Magdeburger Pendant« von Luthers Wittenberger Thesenanschlag an die Tür des Magdeburger Rathauses gepinnt hatte. Einer der Hauptverantwortlichen der Initiative ist Robert Fitzke, seines Zeichens Ansprechpartner in der Magdeburger Regionalgeschäftsstelle der Partei Die Linke. Fitzke durfte im Juli 2011 die Idee von Echte Demokratie Jetzt! auch im hallischen freien Radiosender Corax ausbreiten. Begeistert zitierte er dort eine Passage aus dem spanischen Empörten-Manifest M-15, die besagt, dass die politischen Kategorien links und rechts im gemeinsamen Kampf irrelevant seien: »Einige von uns bezeichnen sich als aufklärerisch, andere als konservativ. Manche von uns sind gläubig, andere wiederum nicht. Einige von uns folgen klar definierten Ideologien, manche unter uns sind unpolitisch, aber wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich uns um uns herum präsentiert.«

EINE DRINGENDE WARNUNG
Es ist bemerkenswert, dass sich ein linker Parteikader jenseits von rechts und links in Stellung bringt, ohne dass man ihm den handelsüblichen Querfront-Vorwurf macht, der angesichts der von ihm mit zu verantwortenden »Thesen« eigentlich postwendend fällig sein müsste. Stattdessen erhielt sein Ansinnen Beifall auf offener Szene: Die Magdeburger Gruppe von Echte Demokratie Jetzt! wird unter anderem von der sachsen-anhaltischen Rosa-Luxemburg-Stiftung, von der Linksjugend Sachsen-Anhalt und vom Magdeburger SDS, dem Studierendenverband der Linkspartei, unterstützt. Noch nicht einmal die Antifa rückte den Magdeburger Empörten auf die Pelle, und das, obwohl eine der Thesen den vermeintlich »parasitären Kapitalismus« anprangerte und stattdessen nach einer »natürlichen Wirtschaftsordnung« verlangte – eine Forderung die man traditionell von Kameraden in den verschiedensten Brauntönen kennt und die man mittlerweile selbst in linken Jugend- und Hochschulgruppen als zutiefst antisemitische Bildsprache zu dechiffrieren gelernt hat.
Dass die Linke Jugend- und Hochschulgruppe Magdeburg im Gegensatz zu den montäglichen Friedensdemos im Fall von Echte Demokratie Jetzt! nicht gegen das dort anzutreffende verschwörungsideologische Denken, die rechtsesoterische Lyrik und die antisemitische Bildsprache protestierte und von einer Teilnahme abriet, hat einen ganz banalen Grund: Ihre Mitglieder sympathisieren nicht nur mit Echte Demokratie Jetzt!, sondern gehören selber zu deren Initiatoren. Sie waren laut eigenem Bekunden an der »Magdeburger Aktion […] nicht ganz unbeteiligt«. Ihre Alarmglocken läuteten im Falle der montäglichen Friedensdemos wohl deshalb so schrill und heftig, weil man ein wenig zu deutlich bei deren Organisatoren das eigene Konzept einer Sammlungsbewegung um jeden Preis wiedererkannt hatte. Angesichts des eigenen pluralistischen Ansatzes fühlte man sich vermutlich dabei ertappt, dass man linke Kampfbegriffe wie Querfront oder Neurechts konsequenterweise auch auf sich selbst hätte anwenden müssen. Vermutlich hat die Linke Jugend- und Hochschulgruppe Magdeburg erkannt, dass das Mobilisierungspotential für Echte Demokratie Jetzt! sich gar nicht so sehr vom Mobilisierungspotential der »rechten Verschwörungsheinis« unterscheidet. Anders lässt sich kaum die Vehemenz, ja regelrechte Drohung verstehen, mit der sie das eigene Klientel von einer möglichen Beteiligung an den Montagsdemonstrationen abhalten wollte: »Als linker Jugend- und Studierendenverband, der es sehr ernst meint mit dem Kampf für eine friedliche Welt, müssen wir dringend davor warnen, auf diese Demonstration zu gehen [Hervorh. S. P.]«.
Richtig geschmerzt haben muss es die linken Aktivisten, als am 21. April 2014 ein ausgemachter Querfrontler wie Jürgen Elsässer auf einer Montagsdemonstration in Berlin im Grunde nichts anderes feilbot, als eine Kopie der Echte-Demokratie-Jetzt!-Idee: »Links und Rechts sind out, es geht um uns hier unten gegen die da oben!« Damit stellte Elsässer klar, dass keine linke Jugend- und Hochschulgruppe dieser Welt ein Monopol auf echten emanzipatorischen Bewegungspluralismus hat. Sein auf besagter Demonstration gehaltener Redebeitrag klingt dann auch so, als würde er aus dem spanischen Empörten-Manifest zitieren: »Wir sind nicht einheitlich, wir sind vielfältig. Wir haben in den meisten Fragen ganz unterschiedliche Meinungen. Wenn wir anfangen zu diskutieren über Nation und Familie, über Gott und die Welt, über die Zukunft des Geldsystems – dann werden wir uns nicht einig. Aber diese Pluralität ist nicht unsere Schwäche, sondern sie ist unsere Stärke«. Am Ende seiner Berliner Rede fügte Elsässer noch ein wenig Prozentrechnung hinzu, die dem einen oder anderen bekannt vorkommen dürfte: »Links und Rechts sind out. […] Heute haben wir eine andere Spaltung: Hier die 99 Prozent der Ehrlichen und Arbeitenden – und dort das eine Prozent der internationalen Finanzoligarchie«.

KONKURRIERENDE BANDEN
Es lässt sich nicht einfach als taktisches Manöver abtun, wenn sich Elsässer auf die Occupy-Bewegung beruft. Er tut das völlig zu Recht. Auch der Anspruch von Occupy war weder rechts noch links, und auch Occupy nahm das eine Prozent der Finanzoligarchie ins Visier. Auch wenn die Occupy-Anhänger lieber den Begriff »Wallstreet« im Munde führten, war damit nicht nur dasselbe gemeint wie auf den montäglichen Friedensdemos, auch das allerseits verwendete Vokabular war dem Original aus NS-Zeiten bedenklich nahe. Erstaunlich ist, wie wenig diese Parallele, ja inhaltliche Deckungsgleichheit überhaupt gesehen wird, beziehungsweise gesehen werden will. Einer der ganz Wenigen, denen das überhaupt aufgefallen war, ist der bewegungslinke Politaktivist Pedram Shahyar. Seit er nicht mehr im Attac-Koordinierungsrat sitzt, betreibt er in seiner Freizeit eine Art globales Bewegungshopping und schaut sich überall auf der Welt sogenannte soziale Bewegungen vor Ort an. Als er am 5. Mai 2014 auf einer Montagsdemonstration in Berlin sprach, erhielt er erstaunlich viel Beifall für seine Worte gegen Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus. Vorab erklärte der Bewegungsexperte gegenüber der Taz seine Motivation für seinen Auftritt so: »Ich wehre mich gegen eine pauschale Kritik an den Teilnehmern, weil sie mehrheitlich aus demselben Spektrum kommen wie das auch bei Occupy-Demos war. […] Auch Occupy hatte viel Spiritualität, viele Verschwörungstheorien.« Es ist schon erstaunlich, dass nicht nur die Taz und nahezu alle Linken diesen Fakt ignorieren. Ebenso wird schlichtweg ignoriert, dass die Unterscheidung zwischen raffendem und schaffenden Kapital konstitutiv für die Occupy-Idee war und sie aus dem Ungeist der sogenannten Truther-Bewegung geboren wurde, die nicht nur 9/11 für einen »Insidejob« hält, sondern generell davon ausgeht, das »wir« von geheimen Mächten und Drahtziehern regiert und gelenkt werden. Am selben Gedankenmüll, den man zu Hochzeiten von Occupy noch als fortschrittlich abfeierte, lässt man im Falle der Montagsdemos plötzlich kein gutes Haar mehr: Die Taz nennt die Demonstranten »Verwirrte« und »Neurechte«. Attac erkennt urplötzlich sogar »NSDAP-Forderungen«, wenn auf den Montagsdemos gegen das Finanzkapital und den Zins gewettert wird, wie es nicht nur bei Occupy üblich war. Ganz zu schweigen davon, dass der Hass auf Finanzkapital und Zins der zentrale Grund war, warum Attac überhaupt ins Leben gerufen wurde.
Pedram Shahyar rechtfertigt seine Beteiligung an den Montagsdemonstrationen ausdrücklich damit, dass er Verschwörungstheorien für den Anfang der Ausprägung eines kritischen Bewusstseins hält. Mit dieser Position dürfte er unter Linken auf den ersten Blick recht einsam dastehen, weil man dort allenthalben pauschal bekundet, links zu sein bedeute, schlichtweg jeder Verschwörungstheorie entgegenzustehen. Auf den zweiten Blick jedoch sieht das schon anders aus. Wenn Pedram Shahyar zur Begründung seiner Sicht gegenüber der Taz ausführt, dass »solche Theorien […] Ausdruck davon« seien, »dass die äußere Wirklichkeit einem nicht mehr als bändigbar erscheint – um dann zu sagen: Was uns präsentiert wird, stimmt nicht, wir wollen die Zusammenhänge verstehen«, dann dürften ihm etliche Linke die Zustimmung kaum verweigern. Schließlich präsentiert Shahyar hier im Grunde nichts anderes als eine Variation des Mottos, dass man die Leute da abholen müsse, wo sie stünden. Die Erklärung, warum Occupy innerhalb der deutschen Linken auf breite Zustimmung stieß, die Montagsdemos hingegen auf Ablehnung, liegt im ungeschriebenen Bandengesetz des Konkurrierens um Einfluss und Macht – getreu der Platzhirschmentalität deutscher Touristen bei Liegestuhlreservierungen im Auslandsurlaub, die schamlos für sich reklamieren: Wir waren nun mal zuerst da.

ANTISEMITISCHE TICKETMENTALITÄT
Im Grunde hat Pedram Shahyar eine hervorragende Analyse der individuellen Disposition für Verschwörungstheorien geliefert. Wenn er betont, dass Verschwörungstheorien »Ausdruck davon« seien, »dass die äußere Wirklichkeit einem nicht mehr als bändigbar erscheint«, dann kommt er den Erkenntnissen der Kritischen Theorie über das potentiell faschistische Individuum und dessen Ticketmentalität sehr nahe, über die Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung bekanntlich feststellten, dass bereits sie und nicht erst das bewusste Zücken des ausgewiesen judenfeindlichen Tickets antisemitisch sei. Im Gegensatz zu Horkheimer und Adorno sieht Shahyar darin jedoch nicht das Problem, sondern erkennt im Verschwörungsdenken gar die Vorstufe zur Mündigkeit des Individuums. Der ohnmächtige Einzelne, der der Wirklichkeit nicht mehr gewachsen ist, versucht sich ihr durch pathische Projektion zu entziehen. Das Benutzen von Verschwörungstheorien zur Welterklärung, bei Occupy ebenso wie bei den Montagsdemonstrationen, ist Ausdruck einer individuellen Weigerung, die realen Zusammenhänge überhaupt erst erfassen zu wollen, also das Gegenteil von Mündigkeit. Es ist die Abdichtung gegen die Realität, ein Wahngebäude, in das man, als wäre man sein eigener persönlicher Blockwart, nichts mehr hinein lässt, was den buchstäblichen Ordnungs-Wahn stören könnte. Dies funktioniert nur, wenn man eigene Persönlichkeitsanteile als fremd identifiziert und durch Projektion von sich weist, um so vor sich selbst als Saubermann mit reinem Gewissen dazustehen. Die Gleichung 99 zu 1, die bei Occupy und den Montagsdemonstranten gleichermaßen hoch im Kurs steht – hier die ohnmächtigen 99 und dort das differente machthabende eine Prozent –, bringt genau jene »Wut auf die Differenz« zum Ausdruck, das laut Adorno und Horkheimer für das »Ressentiment der beherrschten Subjekte« charakteristisch ist: Im »Nebel der Verhältnisse von Eigentum, Besitz, Verfügung und Management« versuchen sich jene mit Gewalt eine vermeintlich klare Sicht auf die Verhältnisse zu verschaffen und müssen dies irgendwann sogar zwanghaft.

»ENDLÖSUNGSWEG FÜR ISRAEL«
Wenn man aus dem Anhänger von Verschwörungstheorien statt eines potentiell faschistischen ein potentiell kritisches Individuum macht, dann stört eine zentrale Erkenntnis über den Antisemitismus grundlegend. Der darf dann in keinem Fall das sein, was er ist: nicht einfach das bloße hässliche Ressentiment gegen real existierende Juden – dafür passt in der Regel die Kategorie der Fremdenfeindlichkeit viel besser –, sondern eine Welterklärung. Leute, die im Gegensatz dazu den Antisemitismus für eine rassistische Sonderform halten wollen, können dann auch gegen die Kritiker des linken Kleinredens und Verharmlosens des Antisemitismus nur folgendes zu Papier bringen: »Ihre Antisemitismus-Vorwürfe […] sind völlig entkoppelt von dem, was Linke wirklich über Juden sagen. […] Auf diese Weise wird der Antisemitismusvorwurf zu einem Herrschaftsinstrument degradiert […], um die letzten Reste antikapitalistischer Opposition in der BRD zu marginalisieren und letztlich aus dem Weg zu schaffen.« Geschrieben hat diese Zeilen eine Arbeitsgruppe der Linksjugend und des SDS – der Bundesarbeitskreis Antimilitarismus und Frieden. Die zitierten Sätze stammen aus einem Pamphlet mit dem Titel Halle Crime – »Antideutsche« greifen Friedensveranstaltung in Sachsen-Anhalt an. Erschienen ist es anlässlich der Störung einer Veranstaltung der hallischen Links-Alternativen Hochschulgruppe Ende November 2013. Eingeladen hatte man sich den sogenannten Friedensforscher Professor Werner Ruf, der zum Thema »Der Iran im Fadenkreuz westlicher Interessen« referierte. Als Vertreter des weltweit einzigartigen, nur in Deutschland existenten Berufsstandes der Friedensforscher tritt Werner Ruf für das Ende des jüdischen Staates Israel ein. Dies stieß in Halle dankenswerterweise auf Protest durch die AG »No Tears for Krauts« und das Offene Antifaplenum Halle und brachte dem Herrn Professor einen Antisemitismusvorwurf ein, was wiederum für Empörung bei der Links-Alternativen Hochschulgruppe sorgte. Und das, obwohl selbst Gregor Gysi, der große Vorsitzende auch der Links-Alternativen Hochschulgruppe, gegenüber der Tageszeitung Die Welt auf die Frage, wo denn die Grenze zwischen legitimer Kritik an Israel und Antisemitismus zu ziehen sei, festgestellt hatte: »Dort, wo das Existenzrecht Israels infrage gestellt wird«.
Worin nun äußert sich die Infragestellung Israels bei Werner Ruf? Zum Beispiel in seiner Unterstützung einer Propagandashow namens Nakba-Ausstellung, in der das sogenannte Rückkehrrecht der Palästinenser gefordert wird, von dem auch Ruf ganz genau weiß, dass die Umsetzung dieses angeblichen Rechtsanspruches schlicht und ergreifend das Ende der Existenz des Staates Israel als ein jüdischer bedeuten würde. In einem Artikel mit dem Titel Lösungswege für den israelisch-palästinensischen Konflikt, den er besser mit »Endlösungsweg für Israel« überschrieben hätte, outet sich Werner Ruf als ein völkischer Beobachter par excellence: Beim sogenannten Rückkehrrecht handele es sich um einen »Rechtsgrundsatz«, denn schließlich »stammt der Großteil der Flüchtlinge (und ihrer Nachfahren) aus dem heutigen israelischen Staatsgebiet und hat damit auf der Grundlage des Völkerrechts ein prinzipielles Rückkehrrecht an den Ort, an dem sie oder ihre Familien vor der Vertreibung lebten« (Hervorh. S. P.). So geht links-deutsche Friedensforschung bei einem, dessen Hass auf Israel sich in starkem Maß aus antinationaler Quelle speist und der vermutlich fest daran glaubt, dass das völkische Denken, bei dem territoriale Ansprüche per Blutsbande an Nachfahren und Familien weitergegeben werden, für immer und ewig ein explizit rechtes Alleinstellungsmerkmal ist. Nicht im Traum käme er darauf, dass es sich bei seinen Argumenten eigentlich um NPD-Logik in Reinform handelt, derer sich aktuell mit selten gehörtem Antifa-Wortgeklingel auch die Putin-Regierung bedient, die vor kurzem Nachfahren und Familien russischen Blutes samt Boden heim ins Reich geholt hat.
Weil sich Werner Ruf die entscheidende Frage, warum Israel ein jüdischer Staat bleiben muss, nur damit beantworten kann, dass der israelische Staat irgendwie auf Palästinenserunterdrückung und Apartheid steht, glaubt er im jüdischen Charakter Israels die Ausgeburt des Nationalismus schlechthin erkannt zu haben. Nationalismus hält er ausnahmslos für einen Anachronismus, und somit ist für ihn auch das jüdische Israel ein besonders unzeitgemäßes Gebilde. Eine dringende Notwendigkeit für den jüdischen Charakter Israels sieht Ruf schon deshalb nicht, weil auch er das traditionell antirassistische Verständnis von Antisemitismus pflegt, der als Sonderform des Rassismus ohnehin nur von Weißen ausgehen könne. In Werner Rufs Anmerkungen zu Katja Kipping: Linker Zugang zum Nahostkonflikt klingt das dann so: »Antisemitismus stammt aus biologischen Theorien des 19. Jahrhunderts, [die] die sog. ›semitische Rasse‹, also auch die Araber, für biologisch minderwertig erklärte.« Die strunzdumme Argumentationsfigur, dass Araber schon deshalb keine Antisemiten sein können, weil sie doch selber Semiten seien, ist seinerzeit nicht nur von Jassir Arafat bemüht worden. Akademisch aufpoliert hat sie Edward Said in seinem unsäglichen Orientalismus-Buch, auf das Ruf regelmäßig begeistert zu sprechen kommt.
Wollte man es ihm gegenüber mit ein wenig Nachsicht formulieren, könnte man sagen, dass Ruf aufgrund seines falschen Antisemitismusbegriffes die Bedeutung des Staates Israel als ein jüdischer vernachlässigen muss. In seinem Begriff hat weder die zentrale Bedeutung des islamischen Israelhasses einen Platz noch ein Verständnis vom Nationalsozialismus, der im Antisemitismus sein Schmiermittel und Kitt zugleich hatte. Ruf ignoriert, dass der Antisemitismus den Nationalsozialismus überhaupt erst möglich machte, als Gemeinwesen zusammenhielt und gerade deshalb den maßlosen, jeder Ratio Hohn sprechenden kollektiven Vernichtungswillen hervorbrachte. Deutlich wird das insbesondere an Rufs regelrechter Begeisterung für das soziale Engagement zweier ganz besonders antisemitischer und deshalb auf Israels Vernichtung drängenden Organisationen: »Sind Hamas und Hizbullah Reaktionäre, weil sie die einzigen Akteure in der Region sind, die für eine erhebliche Verbesserung der sozialen Situation der Menschen sorgen?«, fragt er, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, dass er sich in dieser Logik konsequenterweise auch die folgende Frage stellen müsste: Kann die NSDAP, die damit reüssierte, dass sie ab 1933 unbestritten für eine erhebliche Verbesserung der sozialen Situation der arischen Volksgenossen sorgte, überhaupt als reaktionär gelten?
Man sollte sich endlich vom Irrglauben verabschieden, dass das Adjektiv reaktionär eine Art Gegenstück zum Adjektiv sozial sei, denn der berühmten sozialen Frage ist die Endlösung der Judenfrage keineswegs äußerlich. Das soziale Engagement von Hamas und Hisbollah für die moslemischen Brüder und Schwestern ist zentraler Teil der antisemitischen Gemeinschaftsbildung gegen den zu bekämpfenden Feind. Es wird dem Einzelnen für die Erbringung des totalen Opfers bis in den Märtyrertod, für die völlige Selbstaufgabe also, zuteil. Das Rekrutieren von Selbstmordattentätern ist ohne die von Hamas und Hisbollah garantierte Sozialleistung gar nicht möglich. Sie ist sogar dessen Voraussetzung. Für die hinterbliebenen Angehörigen eines suicide bombers zu sorgen, ist das soziale Versprechen, an das der einzelne Dschihadist glauben können muss, um sich für die Umma »freiwillig« zu opfern.

DAS SCHLECHTE GEWISSEN
Um eine ausreichende Antwort auf die Frage zu geben, warum Linke sich so schwer damit tun, den Antisemitismus in ihren eigenen Reihen überhaupt also solchen wahrzunehmen, ihn stattdessen kleinreden und ihm wie in Magdeburg sogar eine Plattform geben, kommt man am linken Faschismus-Verständnis nicht vorbei. Anfang letzten Jahres schrieb der ehemalige Radio-Moderator Ken Jebsen, mittlerweile Autor für Jürgen Elsässers Compact-Magazin und prominenter Redner auf den montäglichen Friedensdemos, in einem Offenen Brief an Angela Merkel: »Nationalzionisten haben Israel okkupiert wie die Nazis ’33 Deutschland okkupiert haben.« Über Ken Jebsen hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass er ein Antisemit ist. Der zitierte Satz weist ihn jedoch auch als einen Antifaschisten in der Tradition Georgi Dimitroffs und Ulrike Meinhofs aus, für die der Antisemitismus maximal ein Nebenwiderspruch der auf die Okkupation Deutschlands zielenden Nazis war. Hatte Dimitroff einstmals die Nazis als volksfeindliche Handlanger des Kapitals begriffen, wofür die anlässlich des Ukrainekonflikts wieder hervorgekramte Antifa-Parole »Hinter dem Faschismus steht das Kapital« steht, hat Ulrike Meinhof den israelischen Faschismus nur deshalb entdecken können, weil sie aufgrund ihres NS-Verständnisses von der Okkupation Deutschlands durch die Nazis überzeugt war. So stark, dass sie sich maßgeblich für die antifaschistische Unschuldsvermutung der RAF gegenüber den Deutschen verantwortlich zeichnete, die da bekanntermaßen lautete: »Dem Volk dienen.«
Bis vor kurzem hätte man denken können, dass ein solches Faschismusverständnis nur noch randständig sei und damit auch als potentielle Bedrohung für Israel vom Tisch wäre. Dass in der Ukraine der Natofaschismus toben würde, wie es Jürgen Elsässer nennt, und »Pro-EU-Faschisten« in Kiew das Sagen hätten, wie es in der linken Tageszeitung Junge Welt Tag für Tag in Variation des Themas heißt, ist jedoch eine weit über das jeweilige Milieu verbreitete Sichtweise. Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen Texte wie aktuell der der Roten Hilfe noch unbeanstandet durchgehen konnten, in dem es heißt: »Der Charakter faschistischer Ideologie und Bewegung und ihre Rolle im Kapitalismus als potentielle Stütze der Herrschenden und im schlimmsten Fall sogar als Herrschaftsoption wurde in der Ukraine ein weiteres Mal in Ansätzen geschichtliche Realität.« Dennoch ist angesichts der allerorts verbreiteten Unsicherheit Skepsis angebracht, ob diejenigen, die solch antiimperialistischen Blödsinn Roter Helfer nicht unterschreiben würden, sich auch wirklich endgültig vom völkischen Antifaschismus realsozialistischer, sprich sowjetischer respektive russischer Provenienz verabschiedet haben. Dass es prowestliche Faschisten seien, die da derzeit auf ukrainischer Seite kräftig mitmischten, diese ahistorische und unlogische Begriffskonstruktion russischer Propaganda verfängt zuweilen selbst unter israelsolidarischen Leuten in einer Größenordnung, die man nicht für möglich gehalten hätte.
Es passt ins Bild allgemeiner Unsicherheit, dass man meist ungläubig zur Kenntnis nimmt, wie wenig sich Linke und Nazis bei ihrer Sicht auf die Ukraine und Russland unterscheiden. Alle europäischen Faschisten sind sich in ihrer Unterstützung Russlands und im Abrücken von der ohne Frage hässlichen, aber zum Glück sehr kleinen Swoboda-Partei einig und zeigen damit ein gutes Gespür dafür, dass es offensichtlich an der Politik der Übergangsregierung nichts gibt, was man auch nur annähernd faschistisch nennen kann. Dass die Swoboda-Leute zumindest bis auf weiteres offensichtlich auf dem Weg der Besserung sind, hat ihnen exemplarisch für die derzeitig vorherrschende Sicht unter europäischen Faschos der Nazi-Kader Rigolf Hennig attestiert: die Swoboda und Rechte-Sektor-Leute hätten sich von den Zionisten im Gewand der EU einspannen und als nützliche Idioten missbrauchen lassen. Als im Mai 2014 über diese konsensuale Pro-Russland-Position erstaunlicherweise auch im Zentralorgan der Linkspartei, im Neuen Deutschland, berichtet wurde, meldeten sich in den Kommentarspalten der Zeitung sofort unerschrockene Antifaschisten zu Wort. Jemand, der sich »Primavera« nennt, brachte es auf den Punkt: Tendenziös und einseitig sei es, über die Deckungsgleichheit von linken und rechten Positionen im Ukraine-Konflikt zu schreiben, dadurch solle offensichtlich »jedem, nicht dem Mainstream erliegenden Leser, der Verständnis für die Position Russlands zeigt, ein schlechtes linkes Gewissen eingehaucht werden«.
Als Vorbedingung dafür, zukünftig weder in Magdeburg unter dem Label Echte Demokratie Jetzt! eine Plattform für Antisemiten zu schaffen noch einen Israelhasser wie Werner Ruf nach Halle einzuladen, bedarf es notwendig eines schlechten Gewissens. Nur sollte dieses gerade kein linkes, also identitär-kollektives sein, sondern ein individuell-persönliches, das, so die Hoffnung, einem wie von selbst auf Distanz zu linken Leuten bringt, die es, seit sich Karl Marx mit der heiligen Familie deutscher Sozialisten angelegt hat, von Generation zu Generation einfach nicht besser wissen wollen.
Sören Pünjer

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Immer wieder montags

Halle gehörte zu den 60 Städten in der Bundesrepublik, in denen seit dem Frühjahr 2014 regelmäßig Montagsdemonstrationen gegen den Konflikt in der Ukraine und die Macht der Medien stattfanden. Wie überall bestand das Personal dieser Proteste auch in der Saalestadt vorrangig aus Verschwörungstheoretikern, Esoterikern, Antisemiten, Ex-Nazis und anderen Irren. Die Vorstellungen dieser Leute bewegten sich durchweg unter dem Niveau der Kritik. Zumindest die Vordenker der Montagsdemonstrationen dürften aufgrund ihrer offenkundigen Verrücktheiten weniger ein Gegenstand von Ideologiekritik als ein Fall für den Psychologen sein. Um dem Phänomen der Proteste auf den Grund gehen zu können, so unser Autor Andreas Halberstädter, wäre es verfehlt, die Wahngespinste dieser Leute im Einzelnen zu analysieren und sich über esoterische und rechte »Netzwerke« bei den Montagsdemonstrationen auszulassen. Es ist vielmehr nötig, die Gesellschaft in den Blick zu nehmen, die diesen Irrsinn immer wieder aus sich selbst heraus erzeugt.

»Erklär mal ’nem Bekloppten, dass er bekloppt ist …« (Dieter Bohlen)

Nachdem sich im März letzten Jahres erstmals Demonstranten auf dem Potsdamer Platz in Berlin zusammenfanden, um gegen einen möglichen Krieg in der Ukraine und die Macht der Medien zu protestieren, hatte die Nation einen neuen Gegenstand der Belustigung. In der deutschen Öffentlichkeit gab es kaum jemanden, der sich nicht lautstark über die neuen Montagsdemonstrationen amüsierte: von der Tagesschau über den Spiegel bis hin zu Oliver Welkes Heute Show. Hierfür gab es gute Gründe. So haben die Demonstranten nicht nur klassische Verschwörungstheorien, Antiamerikanismus und Antisemitismus im Programm, sondern auch noch ganz andere Dinge. Einige sind davon überzeugt, dass den Kondensstreifen von Düsenflugzeugen Chemikalien beigemengt sind, die den Menschen ihre politische Widerstandskraft rauben, andere glauben an eine »Germanische neue Medizin«, wieder andere halten sich für Bürger des 1945 untergegangenen Deutschen Reichs. Die Belustigung über diesen Unfug erscheint zwar zunächst nicht einmal als unsympathisch: Hätten die Deutschen Hitler in den frühen 1930er Jahren als den Hinterhofclown ausgelacht, der er war, statt ihm begeistert hinterherzulaufen, wäre der Welt möglicherweise viel erspart geblieben. Dennoch ist das Amüsement über die Montagsdemonstrationen nicht ganz so unschuldig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Das kollektive Lachen war so aufgedreht, weil niemand darauf kommen sollte, dass bei den Montagsdemonstrationen die konsequent zugespitzte Version des hiesigen Common Sense präsentiert wurde. Die Proteste und das Lachen dienten, mit anderen Worten, vor allem dem Zweck, die Konkurrenz in Sachen Massenmobilisierung für den Frieden auszuschalten. Denn tatsächlich sind die Grenzen zwischen Wahnsinn und Vernunft nicht so eindeutig wie es die Krankenkassen gern hätten. »Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft«, schreibt Oskar Panizza. Das wird schon durch einen Blick auf die Statistik deutlich. So glaubt jeder zweite Bundesbürger an außerirdische Wesen, jeder siebte an Magie und Hexerei. Zwei Drittel der Deutschen fürchten sich vor Erdstrahlen, mehr als ein Drittel hält die Zukunft für vorhersagbar, und etwa 20 Prozent glauben, dass sich Kontakte mit dem Jenseits herstellen ließen. In Sachen Verschwörungstheorien sieht es nicht besser aus: 23 Prozent der Deutschen sind davon überzeugt, dass die US-Regierung hinter den Anschlägen vom 11. September steckt; fast 40 Prozent der Bundesbürger glauben, dass es eine geheime Weltregierung gibt. Soll heißen: So irre und verschroben viele Aussagen der Montagsdemonstranten auch klingen mögen – die Übergänge zur Mehrheitsmeinung sind in vielerlei Hinsicht fließend.

DER PAZIFISTISCHE KONSENS
Dieses Borderlining zeigt sich auch beim Kernthema der Proteste, in der Frage des Friedens, die zugleich auf die deutsche Besonderheit der Montagsdemonstrationen verweist. Denn an Verschwörungen, Kontakte zum Jenseits, Erdstrahlen oder Fliegende Untertassen glaubt man mehr oder weniger überall auf der Welt. Dass jedoch Irre aller Schattierungen – Reichsbürger, Schamanen, Leute, die glauben, die führenden Nazis hätten den Zweiten Weltkrieg in der Antarktis überlebt, und Menschen, die das für kompletten Irrsinn halten, weil sie davon überzeugt sind, dass es nicht die Antarktis, sondern die Rückseite des Mondes gewesen sei –, dass diese Leute ausgerechnet in der Frage von Krieg und Frieden das Internet verlassen, in dem sie sonst aktiv sind, ihre Feindschaften zurückstellen und in bisher ungekannter Einheit auf die Straße ziehen, ist jedoch etwas spezifisch deutsches. Denn die Anziehungskraft des Friedens geht hierzulande nicht auf die je individuellen Macken der einzelnen Demonstranten zurück. Sie hat ihren Grund vielmehr in einer kollektiven Macke der Deutschen. So fällt auf, dass sich die Gegner der Montagsdemonstrationen in der Frage des Friedens vollkommen mit dem ehemaligen antideutschen Kommunisten Jürgen Elsässer, Lars Mährholz, dem ehemaligen RBB-Moderator Ken Jebsen und Andreas Popp, die regelmäßig als Repräsentanten der Proteste vorgeführt werden, einig sind. Die Taz schrieb exemplarisch, dass die Montagsdemonstrationen mit Frieden »nichts zu tun« hätten. Attac rief dazu auf, lieber bei einem Ostermarsch der »echten Friedensbewegung« gegen den Krieg zu demonstrieren. Und in Halle protestierten die studentischen Jugendorganisationen von CDU, SPD, FDP, Grünen und Linkspartei in einer auch in diesem Fall seltenen Einheit gemeinschaftlich für Frieden aber gegen Verschwörungstheoretiker auf dem Marktplatz. Es ist insofern sicher nicht übertrieben, den Frieden als eines der Kernstücke des neuen deutschen Selbstverständnisses zu bezeichnen. So gab es in Deutschland seit 1945 nicht nur überdurchschnittlich viele Friedensbewegungen, sondern diese Proteste waren im internationalen Vergleich stets auch deutlich überdeterminiert: Nirgendwo gingen so viele Menschen gegen den Krieg auf die Straße wie hierzulande, nirgendwo waren die Demonstranten so hysterisch, und in keinem anderen Land bestand eine so große Einigkeit zwischen den Demonstranten und einem nicht unerheblichen Teil der politischen Klasse.

FEINDBILD AMERIKA
Aber auch in ihrer zentralen Feindbestimmung sind sich die Montagsdemonstranten mit vielen ihrer Gegner einig. So haben sich Elsässer, Jebsen und Co. mit den Vereinigten Staaten von Amerika nahezu schlafwandlerisch jene Macht als Hauptgegner ausgesucht, die bisher für jede deutsche Friedensbewegung seit 1945 das zentrale Feindbild lieferte. Damit knüpfen sie nicht nur an die Traditionen der Vietnamkriegsproteste, der Demonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss, den Zweiten Golfkrieg oder den Irakkrieg an. Sondern sie zeigen sich zugleich anschlussfähig an aktuelle Debatten.
Ein Beispiel von vielen: In der Tageszeitung Neues Deutschland wurde zwar vor den Antisemiten, Neonazis, Esoterikern und Verschwörungstheoretikern auf den Montagsdemonstrationen gewarnt. Zugleich versuchte das Blatt jedoch, die Amerikafeindschaft vor ihren Freunden in Schutz zu nehmen: »Die USA-Kritik«, so die Überschrift eines Artikels, »sollte nicht den Rechten überlassen werden.« (Weil nicht sein kann und darf, dass Antisemiten, Verschwörungstheoretiker und andere Irre »links« sind, bezeichnet man die Montagsdemonstranten konsequenterweise als »Rechte«.) Um nicht selbst mit diesen »Rechten« in einen Topf geworfen zu werden, so die Zeitung, müsste die Linke jedoch »genauestens benennen, was sie mit ›den USA‹ überhaupt meinen«. Das Dumme ist: Das Neue Deutschland meint mit »den USA« genau das gleiche wie Jebsen oder Elsässer: »Ein Symbol für ein von keiner Regierung mehr zu kontrollierendes System aus Investmentfonds, PR-Agenturen, Energiegiganten und Monsterbanken, das außer einer instrumentalisierten Armee keine Elemente des Nationalstaats mehr anerkennt.« Abgesehen vom beliebten Vorwurf der Kulturlosigkeit ist in dieser kurzen Passage alles enthalten, was den neuen Antiamerikanismus ausmacht: von der Vorstellung des »wurzellosen Finanzkapitals« über die Fetischisierung des Staates bis hin zum Glauben, dass Amerika Schuld am Bedeutungsverlust der Nationalstaaten habe.
VERSCHWÖRUNG UND GESELLSCHAFT
Um dem Phänomen der Montagsdemonstrationen auf den Grund gehen zu können, müssten insofern zum einen jene Verhältnisse in den Blick genommen werden, die den Irrsinn immer wieder aus sich selbst heraus erzeugen. Zum anderen wäre der Blick auf die Hintergründe der deutschen Spezifika innerhalb dieser Verhältnisse zu richten.
Hierzu ein historischer Exkurs: Bis in die Zeit des Feudalismus hinein erschloss sich der Zusammenhang von Ursache und Wirkung in der Regel noch durch bloßen Augenschein. Wenn der Feudalherr auf den Hof kam und den Zehnten einforderte, war die Ausbeutung sinnlich erlebbar; es wurde in sinnlicher Weise deutlich, warum am Ende des Monats das Geld, das Korn oder das Brot fehlte. Phänomene wie das Wetter, der Ausbruch von Krankheiten oder Missernten, bei denen sich der Konnex von Ursache und Wirkung nicht durch bloßen Augenschein erschloss, wurden aufgrund der tiefen religiösen Prägung der damaligen Gesellschaften auf den unergründlichen Willen Gottes zurückgeführt.
Mit der Herausbildung des Kapitalverhältnisses, der Entstehung gesellschaftlicher und ökonomischer Arbeitsteilung und einer komplexer werdenden Realität veränderte sich fast alles: Wenn Marx davon spricht, dass den Produzenten der Mehrwert genommen werde oder sich der Wert selbst verwerte, dann verweist er auf abstrakte Vorgänge, die sich dem unmittelbaren Verstehen durch Augenschein entziehen. Denn dass ein Produzent nicht mehr den Zehnten abgeben muss, sondern für seine Arbeit Lohn erhält, daran scheint auf den ersten Blick nichts verkehrt zu sein. So erschließt sich die Ausbeutung nicht mehr an ihrem unmittelbaren Ort, in der Fabrik, bzw. im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital, sondern erst in der Zirkulationssphäre: dann nämlich, wenn realisiert wird, wie wenig für den Lohn gekauft werden kann. Es erklärt sich nicht mehr unmittelbar, warum am Ende des Monats das Geld, das Korn oder das Brot fehlen; und es erschließt sich erst recht nicht auf direktem Wege, warum die Firma den dynamischen jungen Mann trotz seiner enormen Arbeitsmoral entlassen muss oder die zielstrebige junge Frau trotz ihrer hervorragenden akademischen Ausbildung doch nur im Callcenter unterkommt.
Die traditionelle Religion, mit deren Hilfe entsprechende Fragen bis in die Neuzeit hinein erklärt wurden, hat sich mit der Entstehung der Moderne weitgehend aus der Welt zurückgezogen. Säkularisierung und die Durchsetzung der Moderne bedingen sich wechselseitig. Der Prozess der Säkularisierung war jedoch nur unvollständig. So bedienen sich die Begrifflichkeiten, mit deren Hilfe abstrakte Phänomene landläufig erklärt werden, mehrheitlich selbst aus dem Bestand des Religiösen: Hegels Rede von der »List der Geschichte«, die die menschliche Vorstellungswelt bis weit ins 20. Jahrhundert hinein prägte, ist der Versuch, den historischen, politischen und ökonomischen Abläufen Sinn zu verleihen: Die Vorstellung von einem Sinn und einem Ziel der Geschichte ist säkularisierte christliche Heilserwartung. Adam Smiths Formel von der »unsichtbaren Hand«, die in abgeschwächter Form auch heute noch die Wirtschaftswissenschaften beeinflusst, ist ebenfalls theologisch imprägniert: Die »unsichtbare Hand«, die angeblich für eine Selbstregulierung des Marktes sorge, ist nur unschwer als der säkularisierte »Finger Gottes« zu erkennen.
Verschwörungsdenken, Okkultismus und Esoterik, die in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen, wurden erstmals zu Massenphänomen, als sich diese nach wie vor einflussreichen, am Übergang von der Vormoderne in die Moderne entstandenen Erklärungsversuche angesichts der krisenhaften Wirklichkeit erstmals blamierten. Spätestens im Nachgang des Gründerkrachs von 1873 zeigte sich, dass sich auf dem Markt keine innere Harmonie einstellt. Geschichte, Ökonomie und Politik folgen keinen vernünftigen Gesetzmäßigkeiten. Die Gründung der Theosophischen Gesellschaft (1875), die bald zur einflussreichsten okkultistischen Organisation wurde, und die Entstehung des modernen Antisemitismus, des zentralen Ausdrucks von Verschwörungsdenken, fielen darum zeitlich nicht umsonst mit diesem ersten internationalen Wirtschaftscrash zusammen. Einen neuen Zulauf erhielten antisemitische Bewegungen, okkulte und esoterische Zirkel, Gurus und Propheten in der großen Krise nach dem Ende des Ersten Weltkrieges.
Die Rhetorik dieser Gurus und Propheten, ihre Rede von »übersinnlichen Kräften«, »untergründigen Mächten« oder dem »Lauf des Schicksals«, ist bei genauer Betrachtung die Rückübersetzung der theologisch imprägnierten Bilder von der »unsichtbaren Hand« und der »List der Geschichte« ins Sakrale. Weil sich die Verhältnisse als undurchschaubar und irrational erweisen und dieser Zustand für den Alltagsverstand kaum zu ertragen ist, versuchen die Menschen, ihnen unter Rückgriff aufs Religiöse doch noch Sinn zu verleihen. Die Religion bietet sich für diese Unternehmung an, weil sie nie vollständig verschwunden war und selbst in scheinbar areligiösen oder rationalen Begriffen wie der »List der Geschichte« oder der »unsichtbaren Hand« noch präsenter war als sich Hegel, Smith, die Ökonomen und Historiker eingestehen wollten. Da die Säkularisierung nun aber einmal stattgefunden hat, können die Menschen jedoch nicht einfach zu jener Form von Religiosität zurückkehren, die das Mittelalter prägte. Diese nicht mehr rückgängig zu machende Entwicklung ist zum einen der Grund dafür, warum esoterische Phantasiereligionen an Attraktivität gewinnen – das Christentum hat sich im Lauf der letzten beiden Jahrhunderte verweltlicht und seinen Deutungsanspruch immer stärker reduziert. Zum anderen ist sie dafür verantwortlich, warum Esoterik und Religion aufs Engste miteinander verquickt sind: Da der Himmel aufgrund des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts immer näher an die Erde herangerückt ist und inzwischen selbst ein Bauer so klug ist wie früher nur ein Kardinal, kann der Glaube nicht mehr absolut sein. Die zahllosen Konversionen, die die Berufsirre Nina Hagen pars pro toto für die Landsleute vollzogen hat – von der Ufologie über das Christentum zum Karmaglauben und zurück –, zeigen, dass es allenfalls einen Willen zum Glauben gibt, der wiederum verdeutlicht, wie stark der Glaube selbst angefressen ist: Wenn man nicht mehr glaubt, sondern nur noch glauben will, befindet sich das Gottvertrauen in einer Krise. Dieser »ungeglaubte Glaube«, von dem Adorno spricht, ist innerhalb der Esoterik der Türöffner für Verschwörungsdenken: Weil der Glaube ebenso ernst genommen wie durchschaut wird, genügt es nicht mehr, die Probleme der Welt allein aufs Überirdische zurückzuführen. Die Sehnsucht, den vollkommen irrationalen abstrakten Vorgängen einen Sinn zu geben, benötigt vielmehr auch ein irdisches Standbein – das die Verschwörungstheorie bietet.
Dieses Verschwörungsdenken hat seine Ursache nicht zuletzt darin, dass trotz der Dominanz abstrakter Vorgänge ein bedeutender Bereich existiert, in dem sich der Zusammenhang von Ursache und Wirkung noch weitgehend qua Augenschein erschließt: die Privatsphäre. Wenn ich mein Steak in den Kühlschrank gelegt habe und es am nächsten Tag nicht mehr da ist, dann kann es dafür nur eine Erklärung geben: Irgendjemand hat es weggenommen. Die Menschen neigen nun – aus welchem Grund auch immer – dazu, sich die Dinge, die sie nicht verstehen, nach dem Muster von Dingen zu erklären, die sie verstehen. Das heißt, sie deuten die Abläufe der Makroebene, wie es einige Soziologen und Ökonomen nennen würden, nach dem Vorbild der Mikroebene, obwohl beide allenfalls bedingt in einem Zusammenhang stehen. So entsteht der Glaube, dass sich Menschen hinterhältig verhalten haben, wenn Regierungen Staatsbankrott anmelden; wenn Länder oder Banken pleite gehen, so die Vorstellung, muss mit dem Geld dasselbe passiert sein wie mit meinem Steak: Jemand hat es weggenommen.
Verschwörungsdenken, Okkultismus und Esoterik sind, mit anderen Worten, der Versuch, hinter irrationalen Abläufen etwas rationales, nämlich: das Handeln bestimmter Menschen, zu erkennen. Mit ihrer Hilfe soll einer zutiefst sinnlosen Welt Sinn gegeben werden. Gerade aufgrund dieses Versuchs, in einer irrationalen Wirklichkeit Rationalität erkennen zu wollen, werden sie jedoch selbst irrational und erscheinen als wahnhaft.

DEUTSCHE FRIEDENSSEHNSUCHT
Die Personalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse, die im Zentrum des Verschwörungsdenkens steht, geht mit ihrer Territorialisierung einher. Die traditionellen Antisemiten verorteten das Hauptquartier der Weltverschwörung auf dem jüdischen Friedhof in Prag, wo sich die »Weisen von Zion« treffen würden. Moderne Verschwörungstheoretiker sehen die Quelle allen Übels hingegen vor allem in Amerika.
Dieses antiamerikanische Verschwörungsdenken beruht überall auf der Welt auf einer Mischung aus der traditionellen Ablehnung der Moderne und der Projektion abgespaltener eigener Negativität auf die Vereinigten Staaten. Der Fingerzeig auf Amerika dient der Entlastung von den Verwerfungen der eigenen Nationalgeschichte. Die regionalen Eigenheiten des Antiamerikanismus basieren insofern auf den historischen und aktuellen Besonderheiten der politischen und ökonomischen Situation der jeweiligen Staaten. Den Schlüssel für die deutschen Spezifika des Antiamerikanismus liefert das eigentümliche deutsche Verhältnis zum Frieden, das aufs Engste mit dem Hass auf die Vereinigten Staaten verbunden ist. Um den Ursachen dieser Friedenssehnsucht auf die Spur zu kommen, genügt ein Blick auf ihre Entstehung: Spätestens seit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurden hierzulande Wehrhaftigkeit, Wehrfähigkeit und Krieg idealisiert; seit dem 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation des »Dritten Reiches«, wird hingegen der Frieden zu einem Gut verklärt, das an sich selbst schützenswert sei. Bereits der Zeitpunkt dieser Transformation der Deutschen von einem »Volk in Waffen« in einen kollektiven Friedensengel verweist auf die verborgenen Triebkräfte der deutschen Friedenssehnsucht. Denn ausgerechnet der Krieg, der die Landsleute mehrheitlich in Pazifisten verwandelte, wurde von alliierter Seite mit dem größten Recht der Geschichte geführt. So war der Zweite Weltkrieg im Unterschied zum Ersten kein sinnloses, wechselseitiges Massenschlachten weitgehend austauschbarer bewaffneter Haufen. Sondern durch Auschwitz wurden die Welt und die Begriffe, in denen sie gedacht werden muss, entscheidend verändert. Spätestens mit dem Holocaust war gezeigt worden, dass es Schlimmeres geben kann als Krieg. Angesichts von Auschwitz und angesichts der Soldaten, die das Lager am 27. Januar 1945 befreiten, erwiesen sich Armee und Krieg, wie Wolfgang Pohrt einmal schrieb, als die wahren »Sachwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit«. So gab es keine andere Möglichkeit, die Deutschen zu stoppen, als in den Krieg einzutreten. In der Parole »Nie wieder Krieg!«, die hierzulande immer wieder als Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg präsentiert wird, verlängert sich, mit anderen Worten, nicht die Perspektive der Opfer oder Gegner des Nationalsozialismus, die dem Krieg der Alliierten im Unterschied zur Mehrheit der Deutschen das Leben zu verdanken hatten. In dieser Formel setzt sich stattdessen der Blick der Täter fort, die so lange nichts gegen den Krieg hatten, wie der Sieg auf deutscher Seite war. Die Konzentration der deutschen Friedensbewegungen auf die Kriege der Vereinigten Staaten und der Eifer, mit dem die amerikanische Politik mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt wurde und wird, dient vor diesem Hintergrund dem Zweck, alte Rechnungen zu begleichen: Wenn sich die eigenen Taten schon nicht rechtfertigen lassen, dann soll wenigstens niemand besser sein – und schon gar nicht die Amis, deren Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg schließlich zur deutschen Niederlage führte.

AUTORITÄRE RUSSLANDBEGEISTERUNG
Die Sowjetunion, als deren Nachfolgestaat sich das heutige Russland regelmäßig präsentiert, war in dieser Hinsicht ein Sonderfall. Denn auch wenn das Land des Roten Oktober neben den Vereinigten Staaten die zentrale Hegemonialmacht des Kalten Krieges war – und die Rote Armee zudem einen enormen Anteil an der Niederschlagung des Nationalsozialismus hatte –, wurde es vonseiten der deutschen Friedensbewegungen nie so vehement kritisiert wie Amerika. Gelegenheiten und Gründe hätte es zur Genüge gegeben: von den Millionen Toten des Großen Terrors über die Niederschlagung des Ungarnaufstandes und des Prager Frühlings bis zur Stationierung von SS-20-Raketen, des Gegenstücks zu den Pershing-II-Flugkörpern, in der DDR.
Dieser gnädige Blick auf die Politik der Sowjetunion mag nicht zuletzt der manichäischen Freund-Feind-Logik des Kalten Krieges geschuldet gewesen sein, die gelegentlich merkwürdige Allianzen entstehen ließ. Zudem verbot es sich für Menschen mit historischem Feingefühl in der Bundesrepublik lange Zeit, die Sowjetunion allzu vehement anzuklagen: Immerhin fand der nationalsozialistische Antibolschewismus im totalitarismustheoretischen Antikommunismus der Adenauerzeit einen Statthalter. Der Kalte Krieg trat jedoch spätestens in den 1970er Jahren in die Phase der Entspannung; der Antikommunismus wurde durch die Ostpolitik der Regierung Brandt erledigt; und die einstigen Gerüchte über die stalinistischen Verbrechen hatten sich zu diesem Zeitpunkt längst in gesicherte Informationen verwandelt. In Frankreich hatte die Veröffentlichung von Alexander Solschenizyns Buch Der Archipel Gulag 1975 sogar für die Abkehr einer ganzen Intellektuellengeneration von der Sowjetunion gesorgt. Solche Abgrenzungsbewegungen blieben in Deutschland jedoch aus. Es ist insofern die Vermutung angebracht, dass die friedensbewegte Nachsicht gegenüber der Sowjetunion hierzulande weniger auf der Konstellation des Kalten Kriegs, mangelnder historischer Sensibilität oder fehlendem Wissen beruhte. So gab es in Deutschland schon in der Zwischenkriegszeit eine große linke wie rechte Begeisterung für die Sowjetunion, für die in erster Linie autoritäre und antiwestliche Bedürfnisse ursächlich waren, die von der sowjetischen Staatsvergottung, der Unterordnung des Einzelnen unter die Masse und der – wenn auch zunächst unfreiwilligen – weltpolitischen Positionierung Moskaus befriedigt wurden.
Diese Begeisterung, für die Namen wie Paul Eltzbacher, Ernst Niekisch oder Karl O. Paetel stehen, fand in der zurückhaltenden Sowjetkritik der deutschen Friedensbewegung eine Verlängerung. Dafür spricht nicht zuletzt die Tatsache, dass die größten linken Gegner der Sowjetunion in der Bundesrepublik stets auch ihre größten Bewunderer waren. Die K-Gruppen der 1970er Jahre, die von hunderttausenden jungen Akademikern durchlaufen wurden, standen zwar für eine vehemente Kritik der Sowjetunion. Ihr positiver Bezugspunkt war jedoch ebenfalls das Land des Roten Oktober – allerdings der Stalinära. Nikita Chruschtschow und Leonid Breschnew, die Nachfolger Stalins, wurden regelmäßig beschuldigt, den wahren Kommunismus der 1930er und 1940er Jahre verraten zu haben. Ihnen wurde, mit anderen Worten, vorgeworfen, dass sich das Land in bescheidener Weise humanisiert und dem Westen angenähert hatte – und insofern nicht mehr so mörderisch wie in der Zeit des Großen Terrors auftrat.
Der Konflikt in der Ukraine bietet sowohl für diese autoritären als auch für antiwestliche Bedürfnisse zahlreiche Anknüpfungspunkte: So benutzt die russische Nomenklatura eine vehemente, nicht zuletzt gegen Amerika gerichtete Rhetorik. Sie pflegt einen deutlichen autokratischen Stil, der autoritären Bedürfnissen hierzulande entgegenkommt. Und sie rechtfertigt die Intervention in der Ukraine mit der Parole von der Einheit von Volk und Nation, die im Mutterland der »Heim-ins-Reich«-Bewegung ebenfalls traditionell auf Begeisterung stößt. Die Verkopplung der traditionellen großrussischen Rhetorik mit Verweisen auf den sowjetischen Antifaschismus dürfte zudem insbesondere unter gelernten DDR-Bürgern für Begeisterung sorgen: So bedient sich die russische Regierung mit ihren Verweisen auf althergebrachte russische Einflussgebiete im Ukraine-Konflikt der zaristischen Traditionen. Wenn sie ihre Gegner als Faschisten und Nazis beschimpft, greift sie hingegen vor allem auf die sowjetische Vergangenheit zurück, in der der Zweite Weltkrieg allerdings ebenfalls eher großrussisch gedeutet wurde: Seine offizielle Bezeichnung lautete bekanntlich »Großer Vaterländischer Krieg«.

DIE ZUKUNFT DER PROTESTE
Aller Massenkompatibilität der Montagsdemonstrationen zum Trotz werden sie dennoch nicht die Größe der Proteste gegen den Irakkrieg 2003 annehmen, als allein in Berlin regelmäßig fast eine halbe Million Menschen auf die Straße ging. Hierfür gibt es mindestens vier Gründe:
(1.) Auch wenn die Amerikafeindschaft in Deutschland stets unterschwellig vorhanden ist, braucht sie Gelegenheitsstrukturen, um aus der Latenz zu treten und sich massenhaft auf der Straße zu äußern. Die russische Regierung bemüht sich zwar, die Vereinigten Staaten als Drahtzieher des Regierungswechsels in Kiew darzustellen. Nichtsdestotrotz verhält sich Amerika im Ukrainekonflikt eher zurückhaltend. Dieses reservierte Vorgehen genügt noch nicht, um mehr als die üblichen Verdächtigen gegen Amerika mobilisieren zu können.
(2.) Die Pro-Putin-Front ist hierzulande zwar relativ groß. Dennoch steht ihr eine mindestens ebenso große kritische Fraktion gegenüber. In Vermittlung über die Sowjetunion wird Russland trotz aller Begeisterung immer noch als eine der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs wahrgenommen. Die Erinnerung an die rote Fahne auf dem Reichstag dürfte einem nicht unerheblichen Teil der Deutschen die vollständige Identifikation zumindest erschweren.
(3.) In seinen öffentlichen Ansprachen nimmt Putin Deutschland zwar regelmäßig explizit von der Kritik am Westen oder der EU aus. Trotzdem scheint das Verhältnis der Bundesregierung zur russischen Politik noch nicht eindeutig geklärt zu sein: Deutschland kann sich glücklicherweise noch nicht entscheiden, ob es den Bruch mit Amerika und dem Westen, der im Lavieren der Bundesregierung stets als Option angedeutet wird, offen vollziehen soll. Das heißt: Das zustimmende Signal von oben, ohne das die Menschen hierzulande in den letzten 25 Jahren nie massenhaft auf die Straße gegangen sind, um für den Frieden zu demonstrieren, bleibt vorerst aus.
(4.) Trotz aller Übereinstimmungen waren die Montagsdemonstrationen für die Mehrheit der Deutschen doch einen kleinen Tick zu abgedreht und irre, um große Verbrüderungen zu ermöglichen. Insofern muss man den Teilnehmern der Montagsdemonstrationen fast dankbar sein. Jürgen Elsässer ist das gelungen, was er als antideutscher Kommunist nie geschafft hätte: Er hat gemeinsam mit seinen Freunden, Genossen und Kameraden eine große deutsche Friedensbewegung verhindert. In diesem Sinn: Danke, Jürgen!
Andreas Halberstädter

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Mitte Oktober besuchte unsere Reporterin Frauke Zimmermann den queer-feministischen Workshop »Das nervt! – oder: Wie ›Spaßbremsen‹ und ›Correctnessgelaber‹ zur empowernden Identität werden können«, zu dem das Q. [kju_point] in Halle im Rahmen seiner queeren Veranstaltungswochen eingeladen hatte. Was Frauke Zimmermann dort erlebt hat, schildert sie in ihrem nun veröffentlichten Therapiebericht. Durch prozedurales Erinnern versucht sie, ihr Gender-Trauma zu verarbeiten und ermöglicht so einen einzigartigen Einblick in die Abgründe der hallischen Queer-Hölle.

»Kennst du das auch? Alle um dich rum lachen über eine antisexistische Sprachveränderung – und dir bleibt das Lachen im Hals stecken […] Du gehst nicht mehr in Seminare, weil du es nicht mehr aushältst, immer falsch gegendert zu werden, immer mit ›Frau‹ oder ›Herr‹ angesprochen zu werden. Du traust dich nicht anzusprechen, dass das Seminar nur aus weißen, nichtbehinderten Personen besteht und auch nur Texte von solchen Personen gelesen werden und diese Perspektiven als ›neutral‹ und ›normal‹ hergestellt werden?« Mit diesem Aufruf zum Workshop und gemeinsam mit den Berliner Referenten wird sich auf die Suche nach Mitstreitern im Queergefecht begeben.

Vier Stunden geballte queer-feministische Power aus Berlin?! Das kann ich mir doch nicht entgehen lassen und melde mich direkt an. Auch wenn ich der angelockten Klientel in keiner Weise gerecht werde. Geschlecht spielt in meinem Alltag nämlich keine große Rolle. Im universitären Betrieb sieht das schon wieder anders aus: »Gender Mainstreaming«, also die Gleichstellung der Geschlechter, wird propagiert und ist für eigentlich niemanden mehr ein Fremdwort. Mich im Workshop einzufinden, denke ich, wird mir nicht sehr schwer fallen. Schließlich bin ich durch mein Studium mit den Ansichten der Queer-Leute, die im Übrigen nichts mehr mit einem vertretbaren, gar vernünftigen Feminismus gemein haben, und dem Gender-Jargon vertraut. Was kann mich da noch aus der Ruhe bringen?
Zu Gast werden sein Lann Hornscheidt, Professorin für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin, und Anna Damm, die gemeinsam die »AG Feministisch Sprachhandeln« ins Leben gerufen haben. Im Aufruf wird weiter noch betont, dass bei Kontaktaufnahme mit »Profx.« Lann Hornscheidt darauf geachtet werden soll, Anreden wie »Hallo/Guten Tag Lann Hornscheidt« oder »Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt« zu verwenden und doch auf alle zweigendernden Ansprachen wie Herr, Frau, Liebe/r zu verzichten. Spätestens jetzt bekomme ich ein mulmiges Gefühl und eine grobe Ahnung davon, auf was ich mich hier tatsächlich einlasse.

DIE LOKALITÄT
Ich mache mich guter Dinge auf den Weg in das kju_point in Halle. Wie der Name verrät ein Fluchtpunkt für alles, was unter den Begriff queer fällt bzw. aus der »normativen zweigeschlechtlichen Gesellschaft« herausfällt. Der Szene-Treff ist eine Art Café oder Bar und befindet sich direkt an der ruhigen und idyllisch gelegenen, an dieser Stelle achtspurigen, Paracelsusstraße. Es ist noch vor 12 Uhr und ich bin überpünktlich, wie sich das für eine rasende Reporterin so ziemt. Meine teilnehmende Beobachtung kann beginnen.
Im Eingang werde ich sogleich von einer Schaufensterpuppe mit Sturmmaske à la Pussy Riot begrüßt. Angekommen finde ich die Bar und ein paar Sitzmöglichkeiten vor und schnappe mir eine der vielen feministischen Zeitschriften. Beim Durchblättern stoße ich auf verstörende Bilder von nackten, unförmigen Männern in komischen Posen ohne Anhaltspunkt, was mir das als (für heute) queer-feministische Leserin sagen möchte.
Ich betrete den Veranstaltungsraum. Gehobenes Eckkneipen-Flair macht sich bemerkbar. Die matt-goldene Wandvertäfelung im 90er-Jahre-Kitsch auf der einen, die kleine Bühne auf der anderen Seite, legen nahe, dass hier in vor-verque(e)ren Zeiten irgendwann mal rauschende Familienfeste gefeiert oder zumindest der ein oder andere Absacker gekippt wurden. Aus einer tragenden Säule in der Mitte des Raumes ragt das rechte Bein einer männlichen Schaufensterpuppe mit Schuh, welches in den folgenden Stunden über den Köpfen der Teilnehmer thronen wird. Die dekorativen Elemente und das ästhetische Verständnis der Verantwortlichen lassen eher zu wünschen übrig. Na ja.

DIE MITINSASSEN
Der Raum füllt sich langsam. Es wird noch herumgewuselt, um mich herum gegenderter Smalltalk. Man scheint sich zu kennen oder zumindest grüppchenweise angetanzt zu sein. Alle freuen sich, hier sein zu können. Man ist in einer familiären Atmosphäre unter Gleichgesinnten und von Beginn an per Du. Nach knapp einer halben Stunde kommt man zur Ruhe und alle nehmen in einem Halbkreis mit Blick auf ein Whiteboard, Fenster und Stoßverkehr im Rücken, Platz.
Das angesammelte queer-freundliche Häufchen zählt nun um die 15 Personen. Auf dem Foto im Aufruf zur Veranstaltung konnte man es nicht wirklich deuten, aber jetzt scheint Lann Hornscheidt doch aus biologischer Sicht eine Frau zu sein. Lann ist leger männlich gekleidet, wobei Anna Damm eher aussieht, als käme sie mit ihren Sweatpants direkt von der Couch. Die zwei Referenten aus Berlin tragen beide einen unisex Kurzhaarschnitt und große dunkle Brillen.
Das scheint auch beim Blick durch die Runde derzeit hipp zu sein. Es ist alles in allem ein bunter linker Haufen aus gepflegt bis ungepflegt. Es gibt Frauen mit langen blauen Haaren, mit Sidecut oder Undercut, im Hipsterlook oder eher auf oll-ranzig mit ziemlich kaputten modrigen Chucks, aus denen schon die selbstgestrickten Socken quillen. Sogar im Rock traut man sich her. Eine Frau in Army-Boots, weiter Hose samt Hosenträgern und mit hochgegeltem Männerhaarschnitt scheint ihre sexuelle Identität besonders nach außen tragen zu wollen und lässt deshalb gewollt ihren kleinen grauen Damenbart stehen. Mir gegenüber gibt es noch mehr Bartwuchs, da es auch zwei biologisch männliche Queer-Exemplare zum Workshop geschafft haben. Von männlicher Dominanz kann aber nicht die Rede sein.

DER »DISKRIMINIERUNGSSENSIBLE« RAUM
Bevor der Workshop losgeht, kommen noch die Veranstalter zu Wort. Es wird betont, dass das kju_point Raum zur freien und kreativen Entfaltung gibt. Ein »diskriminierungssensibler Raum«, in dem keiner aufgrund von »rassistischen Zuschreibungen und anderer kursierender Diskriminierungsformen« verurteilt oder belästigt werden soll.
Es folgen jeweils nicht enden wollende, langatmige Monologe von Lann und Anna aus Berlin: Im Workshop soll es darum gehen, neue Argumentationsstrategien zu erproben, um mit Alltagssexismus »produktiv und empowernd für uns und andere« umzugehen. Lann macht von Anfang an klar, dass es den meisten Kritikern gar nicht mehr um Kommunikation, sondern nur noch ums Übertönen und Zumüllen ginge. Deshalb sei es vollkommen in Ordnung, nicht konstruktive Gespräche zu unterbinden, wenn es unangenehm wird.

X-BELIEBIGE SPRACHHANDLUNGEN
Nach unnötig langem Prozedere beginnt die Vorstellungsrunde. Jeder soll einen Klebestreifen mit »Name und Pronomen« sichtbar an der Brust anbringen und kurz von sich erzählen. Fremdbestimmung geht da gar nicht! Deshalb legt jeder selbst fest, was er lieber ist. Ein_e Sie*, ein_e Es, ein_e Er*, ein_e Si_r oder gar ein X. Lann möchte beispielsweise das Pronomen X tragen. Es gibt auch die Option »neutral«, bei der dann jedes x-beliebige Pronomen für eine Person benutzt werden kann. Einige wollten die Hälfte des Tages mit »sie« und die andere Hälfte mit »er« bezeichnet werden. Das komme immer auf die Gemütslage der Person an. Hier muss Anna aus Berlin dann auch eingestehen, »dass es da schon mal problematisch werden kann, weil man in Abwesenheit der Person nicht wissen kann, als was diese sich gerade fühlt«.
Für Leute, die sich mit keinem Pronomen dieser mannigfaltigen Ansammlung von flexiblen Unterstrichen und Sternchen identifizieren können, für die gibt es auch noch die Möglichkeit, gar kein Pronomen zu besitzen. Diese Leute wollen dann beispielsweise wie Anna, die Berlinerin in den Sweatpants, dass in ihrer Abwesenheit nicht über »sie« (x, y, z) gesprochen wird, sondern immer ihr Name genannt wird.

»FEHLER MACHEN IST ERLAUBT«
Nachdem sich die ersten Leute vorstellen, betont Lann, dass das hier ein kreativer Raum sei und man dürfe sich ruhig mal ausprobieren. Am Leitfaden der AG Feministisch Sprachhandeln solle man sich da aber schon orientieren, auch wenn das nur Vorschläge seien – Fehler zu machen sei natürlich erlaubt.
Bei der Anwerbung von potenziellen Jüngern ist Sprache als Medium der Distinktion unabdingbar. Um in die Sekte aufgenommen zu werden, ist es somit von höchster Wichtigkeit, den festgelegten Jargon und das aufgezwungene Sprachverhalten korrekt wiederzugeben. Zuerst sieht es so aus, als würde jeder den neuen Sprachhandlungen Folge leisten. Und alle Teilnehmer haben laut Pronomen plötzlich eine neue, unkonventionelle Genderidentität. Doch: Zwei Frauen in der Runde wählen ihr ursprünglichen Pronomen »sie«. Auch das nachgestellte Sternchen, Zeichen der »frauisierten Form« und Hinweis auf die Konstruiertheit der Rolle, lassen beide weg. Ich schätze mal, das fällt dann auch unter die Kategorie: Fehler machen ist erlaubt. Ein gewisser Druck zum Konformismus wird spürbar. Im Anschluss wird nochmal klargestellt, dass es sowas wie eine »Sie« ja gar nicht geben könne, da die Einteilung von Menschen in männlich und weiblich und die Entstehung des Begriffs »Frau« an sich schon Folge von Sexismus sei. Ist wohl doch kein so offener Raum hier.

KONSTRUKTE VS. NOCH MEHR KONSTRUKTE
Es wird immer absurder: Während man einerseits die radikale Abschaffung von Geschlecht fordert, geht es andererseits darum, alle Genderidentitäten in ihren Diversitäten ernstzunehmen und zu respektieren. Um auf die verschiedenen Identitäten aufmerksam zu machen, sei man folglich dazu genötigt, zu gendern. Obwohl Sprache prinzipiell schon und von Natur aus diskriminiere, sei Sprache auch die einzige Möglichkeit, die Welt für all die Genderidentitäten zu sensibilisieren, die aus der normativen Zweigeschlechtlichkeit herausfallen. Man habe das Ziel einer »kritischen Sprachintervention« eben dann erreicht, wenn Leute sich über die angebliche Unleserlichkeit von Wortneuschöpfungen echauffierten. Wenn man auf Ablehnung stößt, dann gilt grundsätzlich: Die Sprachintervention wirkt! Na dann ist das ganze ja ein Riesenerfolg!
Dass durch die zusätzlich konstruierten Genderidentitäten dem »Konstrukt Geschlecht« noch viel mehr Bedeutung zukommt als in der heteronormativen Gesellschaft, merkt hier niemand. Die zwei sozialen Konstrukte »Mann« und »Frau«, die dem Verständnis nach gar keine echten Identitäten sein können, sollen durch das Konstruieren »wirklicher« Genderidentitäten ausgehebelt werden. Auf penetrante Weise wird so genau das beschworen, was man eigentlich kritisiert. Mein Hirn versucht wie gewöhnlich, dem mir vorgekauten Inhalt mit logischem Denken beizukommen. Ein aussichtsloses Unterfangen.

DIE SELBSTHILFEGRUPPE
Ich habe das Gefühl, in einer Selbsthilfegruppe gelandet zu sein! Je weiter man in der Runde fortschreitet, desto länger und dramatischer werden die Klagegesänge über Alltagssexismus & Co. und desto öfter fällt das Wort »krass«. Eine Teilnehmerin beispielsweise schildert mit wehleidiger Miene, dass ihr Vermieter das Klingelschild gerade kürzlich erneuern ließ und anstelle des bloßen Nachnamens nun ein Frau Schulze zu lesen sei. Frechheit! Empörtes Kopfschütteln wohin man auch schaut. Wie kommen Leute denn dazu!? Man hat sich alle unfassbaren Erfahrungsberichte angehört und es folgen noch mehr vermeintlich emphatische Floskeln wie »Krass – Dass es sowas noch gibt!« oder »Muss ja schlimm gewesen sein für Dich!«. Anna und Lann merken sehr wohl, dass sie nicht mehr in ihrem behaglichen Gender-Correct-Nest Berlin sind. Zusammenfassend aber nichtssagend wird der »heteronormativen Gesellschaft« erneut ein »sexistischer und rassistischer Normalzustand« attestiert.
Die Vorstellungsrunde geht nach fast zwei Stunden zu Ende. Nun ist jeder mit Wunschnamen und Wahlidentität versorgt und ich glaube, jetzt kann sich endlich den theoretischen Inhaltslosigkeiten gewidmet werden. Denkste. Es wird eine Pause eingelegt. Zeit, sich von den »empowernden« Monologen und der Selbstviktimisierung zu erholen und die »krassen Geschichten« etwas sacken zu lassen.

FADER EINHEITSBREI
Die Zeit muss ja irgendwie gefüllt werden, wenn schon nicht mit Inhalt, dann doch bitte mit etwas Essbarem! In der Pause werden neben Kaffee auch Häppchen angeboten.
Schon Tage vor der Veranstaltung habe ich mir ausgemalt, was wohl an Fingerfood gereicht werden könnte. Gibt es so etwas wie Gender-Correctness auch beim Essen? Im Angesicht all der vielen, kreativen Sprachinterventionen scheint eine gender-neutrale Form von Essen längst nicht mehr undenkbar. Im Gegenteil: Vielleicht auch eine Art Queer-Marktlücke, schließlich heißt es ja nicht ohne Grund »Du bist, was du isst!«. Entgegen den phantasievollen Erwartungen fällt das Identitätsspektrum der Häppchen jedoch enttäuschend mager aus. Hier wird also noch nicht die Genderkeule geschwungen. Gereicht werden längliche Keks-Löffel mit staubiger Konsistenz und einem faden Klecks X, welches sich auf Nachfrage als vegane Pilzpampe herausstellt. (Vegan – wer hätte das gedacht! Mit Würstchen* hatte ich ja sowieso nicht gerechnet.) Bei näherer Betrachtung allerdings finde ich auch im veganen Unisex-Allerlei das ein oder andere Phallussymbol. Auch wenn ich die Pronomen des Fingerfoods nicht auf Anhieb ausmachen kann, versuche ich mein neuerlangtes Gender-Wissen aus der Vorstellungsrunde auf das Essen zu übertragen: Bei dem Keks handelt es sich folglich um einen typisierten Er*, der sich als X versteht. Nebenan gibt es dann noch gequeerl_ten Bohnen*Mi_x auf Paprikaspitzen. Wenn sich beim Anblick der Speisen bei mir verdächtigerweise ein gewisser Phallozentrismus einstellt, spricht freilich nur die sich reproduzierende Heteronormativität aus mir.
Als ich meine neuen Workshop-Freunde auf meine Entdeckung aufmerksam mache und sie an meinen treffenden Gedanken teilhaben lasse, verschallen meine Beobachtungen unkommentiert in weiteren Genderergüssen und Opfermärchen über die eigene Unterprivilegiertheit.

JA ALSO BEI ASTERIX UND OBELIX DENKE ICH AUCH IMMER AN PENIS
Hauptproblem: Männer gelten als Menschennorm. Da hilft nur eins: Sprachinterventionen! Lann kann, wie sie selbst sagt, keinen Roman mehr lesen, ohne nicht am liebsten mit dem Rotstift alles anzustreichen und korrekt zu gendern. Nur ein Bruchteil der Gender-Correctness soll in seiner Absurdität noch angesprochen werden: Die Wörter »Student« und »StudentIn« reproduzieren nämlich beide einen männlichen Habitus, da selbst in dem Wort »Studentin«, die männliche Form sozusagen als Wurzel enthalten ist. Es gilt daher, auf den Wortstamm von »Studierende« zurückzugreifen. Da Artikel im Allgemeinen auch ein großes Problem in den Augen der Sprach-Polizei darstellen, werden »der Student«, »die Studentin« zu »dix Studierx«. Gesprochen wird die X-Endung übrigens -iks. Dass man für »Professor« oder »Professorin« dann »Professix« sagt, klingt schlüssig. Lann ist davon so überzeugt, dass sie sogar in ihren »wissenschaftlichen« Veröffentlichungen an all diesen phantastischen wie auch x-beliebigen Sprachinterventionen festhält. Die X-Endung hat laut Erfinder den Vorteil, dass sie nicht nur die Männernorm in Frage stellt, sondern auch, ob es überhaupt nur die zwei Geschlechter, Männer und Frauen, gibt.
Wider meine Erwartung, gibt es dazu eine Wortmeldung. Allen Ernstes beschwert sich eine junge Dame, dass ihr bei den X-Endungen unweigerlich Bilder von Asterix und Obelix in den Kopf kommen und diese ja, wie wir alle wissen, männlich sind. Hätte von mir sein können! Aber ich wollte ja keine doofen Fragen stellen. Sie meint es allerdings ernst. Lann und Anna schmunzeln, aber lösen das Problem ganz einfach: »Das haben wir schon öfter gehört. Du bist nicht die Einzige, bei der diese Bilder ausgelöst werden. Man soll bei einem X nicht an etwas männliches denken. Wenn man beim Hören der neutralen X-Form etwas männliches vor Augen hat, muss man dann natürlich nach einer neuen Endung suchen. Seid einfach kreativ!«

DER LKW
Lann und Anna wollen mit einem eindringlichen Beispiel vermitteln, wie machtvoll Sprache sein kann und weshalb man sich mehr auf die eigene Wahrnehmung und die eigenen Gefühle besinnen sollte. Dass dabei das Leid der Menschen, die an wirklichen Traumata leiden, relativiert und instrumentalisiert wird, scheint der Indoktrinierung mehr als förderlich zu sein:
»Wenn ein Kind einen Unfall mit einem LKW hat und später im Leben nur durch das Aussprechen des Wortes ›LKW‹ verletzt wird, weil es ein Trauma hat, dann wird man aus Rücksicht darauf verzichten, das Wort vor der Person auszusprechen. Das sollte genauso auch für andere verletzende Worte als Grundregel gelten. Ich verstehe nicht, wieso das so schwer zu verstehen ist!« Alle um mich herum stimmen nickend zu! Jetzt ist der Groschen gefallen! Meine Sitznachbarin guckt mir über die Schulter und sagt begeistert: »Wow, das ist so ein gutes Argument. Ein so guter Vergleich! Das muss ich mir auch aufschreiben!«

BE AWARE OF THE DEFINITIONSMACHT
Fühlt man sich diskriminiert, muss es von anderen anerkannt werden. Nach dem Motto: Andere hören, Rücksicht nehmen, selbst gehört werden. Wie ein Mantra schallt es durch den Raum. Die Gefühle, vor allem die negativen, können so irrational sein und so unreflektiert bleiben wie sie wollen. Das Gefühl hat sozusagen immer Recht und andere haben sich daran zu orientieren und sich dementsprechend zu verhalten. Bei Nachfragen, was denn diskriminierend sei, einfach tautologisch wie sonst argumentieren und ggf. im Jargon der Unterprivilegierten spezifizieren, dass etwas rassistisch, sexistisch, heteronormativ, verrückte-abwertend, bifeindlich, transfeindlich, körpernormierend, ableistisch, migratistisch oder arme-abwertend ist. All diese Begrifflichkeiten sind freilich komplett nichtssagend. Sie beschreiben nichts und erklären tun sie erst recht nichts. Wie im Workshop immer wieder deutlich gemacht wird, erhebt die feministische Queer-Bewegung diesen Anspruch auch gar nicht! Erkenntnisinteresse gleich Null. Besonders anschaulich wird dies an den besprochenen Argumentationsstrategien im Workshop. Im besten Falle läuft das dann so ab:
Wenn jemand beispielsweise eine sexistische (aka verletzende, diskriminierende) Äußerung macht (was an einer Äußerung sexistisch oder verletzend ist, kann natürlich nicht objektiv festgelegt werden und wird dabei selbstverständlich ganz allein der Willkür, pardon, den Empfindungen des vermeintlichen Opfers überlassen), sollte man vorerst bloß darauf hinweisen, dass sich andere durch gewisse Äußerungen diskriminiert fühlen könnten: »Das, was du da gerade sagst, ist sexistisch!«, »Das ist verletzend und diskriminiert!«. Auf keinen Fall auf die irrwitzige Idee kommen und nachfragen, wieso jemand solche Sachen sagen könnte! Gerade Fragen nach möglichen Motiven seien kontraproduktiv, da es nicht die Aufgabe antisexistischer Interventionen sei, die Beweggründe von Sexisten zu verstehen und außerdem derartige Fragen nur Raum für weitere Diskussionen eröffnen könnten. In denen würde dem Sexisten dann nur ermöglicht, weiter darüber zu »verhandeln«, was doch eigentlich eindeutig sei: dass nämlich sexistische Kommentare grenzüberschreitende, diskriminierende Sprachhandlungen sind. Und überhaupt: Sexisten wollten und könnten im Grunde sowieso kein konstruktives Gespräch führen! Sollte sich das Sexisten-Problem also durch bloßes Finger-Draufzeigen nicht gelöst haben, hilft es im nächsten Schritt seine Meinung bei Bedarf auch in Dauerschleife zu wiederholen, bis man seinen Kindskopf durchgesetzt hat. Gerade mit Gequengel à la »Lass das, ich hass’ das!« wie z. B. »Das will ich nicht!«, »Ich fühle mich dadurch gestört!« oder »Sexistische Äußerungen mag ich nicht!« sollen klare Grenzen aufgezeigt werden. Wenn man sich auch nach wiederholtem Verweis auf die eigenen Bedürfnisse, nämlich wenn möglich kritischen Nachfragen – die am Ende noch zum Reflektieren der eigenen Sache anregen könnten, Gott bewahre! – aus dem Wege zu gehen, noch immer mit dem Sexisten herumschlagen muss, darf man auch mal genervt reagieren. Aber Vorsicht, nicht in die missliche Lage kommen und sich rechtfertigen! Im Workshop wird immer wieder betont, sich nicht einwickeln zu lassen. Vermutlich weil mittlerweile klar sein sollte, dass man sonst von der eigenen theoretischen Inkonsistenz und Scheinargumentation eingeholt würde.
Hat der vermeintliche Sexist nach der Fremdzuschreibung noch immer Redebedarf darüber, was denn sexistisch, rassistisch oder dergleichen an seinen Äußerungen sei, dann ist das auch wieder eine klare Grenzüberschreitung. Schließlich wurde ihm ja grade in Dauerschleife mitgeteilt, dass er doch Rücksicht auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu nehmen hat. Die Opferspirale setzt sich also fort. Die Logik dahinter ist ganz einfach: Verweist man auf seine Wünsche, wird ein »netter Mensch« diese akzeptieren. »Nette Menschen hören doch auf, wenn man Nein sagt, oder?« Tut er dies nicht, ist er folglich nicht nett, nimmt nicht ernst und will auch kein konstruktives Gespräch. Da man in einem Gespräch schnell merkt, ob das Gegenüber einem gut gesinnt ist, oder einfach nur anstacheln möchte, kann man das Gespräch auch ganz schnell abbrechen. Und nun kommt die Quintessenz des Workshops: »Sachen stehen lassen!«, wie Lann immer wieder mit cholerisch anmutendem Pathos erklärt. »Ihr habt diese Option. Habt Mut, ein Gespräch abzubrechen! Im Zweifel einfach gehen. Diskussionen sind nicht immer auch Kommunikation! Wenn ihr merkt, dass da Abwehr kommt, einfach sein lassen. Wieso Kraft aufwenden und Energie verschwenden?! Man lässt sich ja nicht wegen eines Mangels an Argumenten nicht auf blöde Nachfragen ein! Sondern weil das Gegenüber nicht empfänglich ist!« Denken ist eben kräftezehrend, da gebe ich den Berlinern recht.

RAUM FÜR NONSENS
Den naiven Rekruten wird ein gezieltes Abblocken von Kritik als unschuldige Konfliktvermeidung, die vorgibt auf Wohlfühlatmosphäre und Harmonie aus zu sein, verkauft. Ein Trugschluss, denn versöhnen will hier niemand. Da bei so einem Queer-Workshop das Thema FLTI*-Räume zum Pflichtprogramm gehört, wird nun über die Notwendigkeit der »zu schützenden Freiräume« schwadroniert, die als Rückzugsort vor den abermals dämonisierten »Cis-Männern« fungieren. Das sektiererische, geistige Abschotten findet seine traurige Umsetzung in »separatistischen und empowernden Räumen«. Dort ist und bleibt man unter sich. Ein Raum also von »reinste[r] Akzeptanz«, der die Indoktrinierung noch beschleunigt und die vermeintlich Diskriminierten in ihrer Ich-Schwäche noch bestärkt.

HERRSCHAFTSAUSÜBUNG IM HERRSCHAFTSFREIEN RAUM: EINFLUSSGEWINNUNG GEGLÜCKT
Der Workshop nähert sich seinem Ende. Der Höhepunkt musste aus Zeitgründen ausfallen: Keine Rollenspiele auf der Bühne. Ein enttäuschtes Raunen geht durch den Raum. Oh, wie schade! Mir kann das nur recht sein. Neben dem routinierten Gestöhne über Alltagssexismus hätten mir dramatisch in Szene gesetzte Leidensgeschichten und schlechtes Laienschauspiel vermutlich den Rest gegeben. Was nun folgt, ist aber nicht minder eklig. Eine halbstündige Feedbackrunde darf doch nach so einem tollen Workshop nicht fehlen. Alle werden zum Schluss nochmal richtig sentimental: »Was für ein Glück, an dem Workshop teilgenommen zu haben!«, »Nur hier darf man seinen Gefühlen freien Lauf lassen und seine Meinung frei äußern!« Stimmt: Hier muss man sich weder für seine Ansichten rechtfertigen, noch Kritik begegnen, die für die Anwesenden ja an sich schon eine Grenzüberschreitung darstellt. Allianzen wurden hier auf jeden Fall geknüpft. Alle wollen sich bald wiedersehen und jeder einzelne bedankt sich bei Anna und Lann dafür, dass sie in der Zukunft genau wissen, was zu tun ist, wenn’s mal wieder droht unangenehm zu werden: Aufstehen und gehen. Da scheinen sich alle in ihrer Denkfeindlichkeit einig zu sein.
Was für eine Wandlung! So ein kollektives Bad im Selbstmitleid wirkt wahre Wunder. Aus den bedrückten Opfergesichtern strahlt ein ungeahnt erhabenes Lächeln. Den privilegierten Gruppen moralisch überlegen, schiebt sich die Masse aus Ich-Schwachen, die für mich auf ihrer abgeschotteten Insel unerreichbar bleiben, an der Riot-Pussy vorbei Richtung Straße.

I’LL TAKE YOU TO THE WORKSHOP,
I’LL LET YOU LICK THE LOLLIPOP
Als ich die Irren der Hilfe zur Selbsthilfe aka den »Workshop« verlasse, fühle ich mich tatsächlich so, als hätte ich schwere geistige Arbeit geleistet. Mein Kopf glüht. Das war doch eindeutig ein Übergriff auf meine Ratio!
Auch noch Tage nach dem Workshop scheinen mir die Pronomen auf Schritt und Tritt zu folgen: Nicht mal zwei Wochen nach dem Meeting der Selbsthilfegruppe im kju_point begegnen mir fünf Stück von ihnen vor dem Eingang der Reilstraße 78. Anlass: Der Vortrag von Justus Wertmüller (»Infantile Inquisition – Die neuesten Übergriffe der Definitionsmacht«) soll gestört und wenn möglich verhindert werden. Oh Schreck, nicht schon wieder dieser fade Einheitsbrei von neulich! Dass die Genderpolizei da natürlich nicht fehlen darf, wundert nicht weiter. Schließlich sind alle Teilnehmer so unglaublich gestärkt in ihrer Rolle als Opfer aus diesem empowernden Workshop hervorgegangen, dass so eine Veranstaltung ja gerade recht kommt, um das Gelernte anzuwenden. Unter einem Transparent mit der Aufschrift »Lollis für die armen Jungs, die ihre Privilegien abgeben müssen« werden vor dem Eingang Lollipops, Muffins und Kuchen verteilt.
Während ich so in der Kälte stehe, werden mir immer wieder Backwaren angeboten, die ich allerdings aufgrund meiner schlechten Erfahrung mit Queer-Food dankend ablehnen muss. Wie im Workshop, darf auch hier bei der Vermittlung von verque(e)ren Weltanschauungen Essen nicht fehlen. Dass der Antisexismus auf Kritik, die an das eigene politische Versagen erinnert, mit bloßem Beißreflex reagiert, bewahrheitet sich auf eine real erlebbare Art und Weise: Es scheint in das Konzept zu passen, von der eigenen Willkür und Inkonsistenz durch ein paar Goodies ablenken zu wollen. Schließlich darf man da endlich mal ungescholten und zügellos lechzen, sabbern und anknabbern – sogar ohne vorher um Erlaubnis zu fragen.
Frauke Zimmermann

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In letzten Sommer umtrieb Halles linksliberale Bewohnerschaft nur eine Sache: der Tod. Harald-Jürgen Finke fragt sich: Warum?

Das monatlich erscheinende Programmheft des örtlichen Bürgerradios Corax trug im April den Titel: »Der Tod ist ein Skandal!«. Zeitgleich gastierte im Foyer der Kulturstiftung des Bundes am Franckeplatz das »Archiv der Untoten«. Die Ausstellung dokumentierte eine Kongress genannte Veranstaltung, bei der sich Künstler, Wissenschaftler und Philosophen vor Jahren in Hamburg über die »Grauzonen des menschlichen Daseins« ausließen. An der örtlichen Kunsthochschule Burg Giebichenstein reichten Design- und Kunststudenten im selben Monat ihre Arbeiten für einen Wettbewerb namens »Yolo [You only live once, Anm. d. Red.] – This is the end …« ein, den das Interdisziplinäre Zentrum für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf ins Leben gerufen hatte, um den »gesellschaftlichen Diskurs über Tod und Sterben« voran zu treiben. Im Mai sprang der Arbeitskreis Kritische Intervention auf den Zug auf. Nachdem er Kunst und Religion jeweils eine eigene Vortragsreihe gewidmet hatte, übertitelte er seinen neuesten Diskursbeitrag mit »Tod und Gesellschaft – Von der Notwendigkeit und Unmöglichkeit über den Tod zu sprechen«. Im Oktober präsentierten schlussendlich die Bürgerstiftung Halle gemeinsam mit dem Kinderkunstforum eine Ausstellung namens »Der Tod tanzt« im Ratshof, bei der unter anderem Zeichnungen von Grundschülern der Montessorischule gezeigt wurden.

NOTWENDIGKEIT UND BEDÜRFNIS
Alle reden über den Tod. Und nicht nur Radio Corax und die Kritische Intervention verkaufen dabei ihre persönliche Vorliebe als objektive Notwendigkeit: Man müsse über den Tod sprechen, da dieser gesellschaftlich verdrängt sei. Wie etwas verdrängt sein kann, über das eine halbe Stadt monatelang spricht, bleibt indes offen.
Zwar ist sich die Redaktion von Corax nicht sicher, ob es möglich ist, den Tod »denkend zu bestimmen«, wie es im Editorial ihres Programmheftes heißt. Ausschlaggebend für die letztendliche Wahl des Monatsthemas sei jedoch die »Notwendigkeit« gewesen, »eine Kritik am [Umgang mit dem] Tod formulieren zu wollen«. Es genügt ein flüchtiger Blick in das besagte Programmheft, um einen Eindruck davon zu erhalten, was es mit der ominösen »Kritik des Todes« auf sich hat: »Dass jeder zu früh stirbt, spricht weniger gegen den Tod, als gegen das Leben, das er beim Warten auf sich selbst zu überfallen pflegt. Was am Tod gefürchtet wird, ist die ständige Möglichkeit, noch vor dem Leben zu sterben. Fast undenkbar, für dieses Leben auch noch mit so etwas wie dem Tod bestraft zu werden. Ist das Leben der allermeisten mit sich selbst nicht erschöpfend abgebüßt?« Offensichtlich richtet sich die Kritik weniger gegen den Tod – der lässt sich auch ebenso schlecht kritisieren, wie mieses Wetter –, als gegen sein Gegenstück. Das Thema scheint nicht zuletzt als Vorwand zu dienen, die tiefsitzende Enttäuschung über das eigene Leben niederzuschreiben.
Auch die Kritische Intervention hegt Zweifel, ob es überhaupt möglich ist, etwas über den letztendlichen Gegenstand ihrer Veranstaltungsreihe auszusagen. So heißt es im zugehörigen Ankündigungstext – teilweise wortgleich zum »Corax«-Programmheft: »Im Gegensatz zum Sterben, diesem körperlichen und oftmals schmerzhaften Prozess, scheint es unmöglich den Tod sinnvoll zu fassen: den Tod denkend zu bestimmen, überschreitet die Grenzen des Bestimmbaren.« Aber auch bei ihr ist das Bedürfnis offensichtlich größer gewesen, als die Skepsis: »Doch jede Beschäftigung mit dem Tod einzustellen, Tod und Sterben voneinander getrennt zu betrachten, greift zu kurz.« Zwar geht aus dem Ankündigungstext nicht hervor, worin die Notwendigkeit genau bestehen soll, von der sie im Titel ihrer Reihe spricht. Jedoch deutet sich auch bei ihr an, dass es bei der vordergründigen Beschäftigung mit Sterbehilfe, pränataler Diagnostik und Hirntod weniger um eine profane Kritik medizinischer Praxis und gesellschaftlicher Vorstellungen geht. Der Ankündigungstext ihrer Reihe hinterlässt mit seiner zuweilen halbsakralen Sprache und seinen nebulösen Andeutungen vielmehr den Eindruck, als stände unmittelbar das eigene Leben zur Diskussion: »In ›einer Welt, in der es längst Schlimmeres zu fürchten gibt als den Tod‹ [Theodor W. Adorno] bleiben Fragen: Wie ist es in diesen Zuständen um die Hoffnung bestellt, das Leben nicht vom Tod diktieren zu lassen? Wenn die gewalttätige Abkürzung des Lebens, die gerade in den verschiedenen Formen der Todessehnsucht ihren Ausdruck findet, nichts anderes ist, als die Dementierung des Glücksversprechens: Ist die Aufforderung, das Ende seines Lebens selbst zu bestimmen, kaum mehr als eine voreilige Versöhnung mit Naturkräften?«
Nicht zuletzt die erregte Sprache lässt den Verdacht aufkommen, dass die ins Feld geführte Notwendigkeit weniger in einem objektiven Gebot, als vielmehr in einem inneren Drang besteht. Bereits das Ausmaß dieser obsessiven Beschäftigung– die Liste von Radio Corax, Kritische Intervention, Kulturstiftung des Bundes, Burg Giebichenstein, Bürgerstiftung und Kinderkunstforum ließe sich erweitern – legt den Gedanken nahe, dass das Sprechen über Tod und Sterben ein allgemeines Bedürfnis erfüllt.

DAS LEBEN ALS PFLEGEFALL
Wenn sich die Lebenden über den Tod und das Sterben unterhalten, scheint nicht immer klar zu sein, worüber sie genau sprechen. Bereits bei der Kritischen Intervention und Radio Corax kommt die Angst zum Ausdruck, dass der »Tod das Leben diktieren« und die Menschen »vor dem Leben sterben« könnten. Auch für die Kuratoren der Ausstellung »Archiv der Untoten« beginnt die »Grauzone des menschlichen Daseins« nicht erst mit dem Hirntod oder dem Koma, sondern mit der Entbindung. In dem Programm des dokumentierten Kongresses heißt es entsprechend: »Wir modernen Menschen haben Schwierigkeiten, dem Tod einen Ort in unseren Lebensvollzügen einzuräumen. Vielmehr wird das Leben gehegt und gepflegt [Hervorhebung, Harald-J. F.]: Durch präventive Gesundheitspolitik und Optimierungstechniken (chirurgisch, pharmakologisch, maschinell, psychologisch) verlängert es sich, der Tod wird hinausgeschoben, das Sterben immer besser administriert. Und eines steht fest: Wir alle werden in die Situation kommen, zweifelhafte Entscheidungen getroffen zu haben, die uns überfordert haben werden und die sich rechtlich, symbolisch und menschlich auf einem schmalen Grat bewegen.« Nicht nur Kranke und Alte, sondern die modernen Menschen insgesamt erscheinen hier als Pflegefälle, deren Leben unter anderem durch »psychologische Optimierungstechniken« und gesundheitspolitische Anstrengungen verlängert wird.
Tatsächlich kann man auf den Gedanken kommen, bereits das Schattenreich zu bewohnen. Angesichts einer Gruppe von Menschen, die an einer Haltestelle im Winter auf den Bus wartend auf ihre Smartphones starren, verliert sich mitunter das Bewusstsein vom Unterschied zwischen Zombie und Nachbar. Doch nicht aufgrund eines Fortschritts – etwa bei der »präventiven Gesundheitspolitik« – ähnelt das Leben zuweilen dem Tod, sondern aufgrund der Abwesenheit jeder tatsächlichen Entwicklung. Im Kontrast zu der hohen Frequenz, mit der sich die technologischen Veränderungen und der Austausch des Warensortiments vollziehen, erscheinen die gesellschaftlichen Verhältnisse umso statischer. Jede als »Revolution« angekündigte Neuerung erinnert die Menschen daran, dass sich in ihrem Leben eigentlich nichts tut. Nicht der technologische Fortschritt ist schuld daran, dass sie wie in die Jahre gekommene Pflegefälle wirken, sondern ihre gesellschaftliche Ohnmacht. Und diese dringt dem Einzelnen vollends ins Bewusstsein. Selbst diejenigen, die nicht von Hartz IV und Karitas leben, empfinden ihren Lohn nicht als Gegenwert für ihre Arbeit, sondern insgeheim als Gratifikation. Sie erahnen ihre Entbehrlichkeit. Auch die bürgerliche Ideologie ist nahezu verschwunden, die den Erfolg an die Leistung geknüpft wissen möchte. Und so bleibt der Einzelne weitestgehend zur Passivität und Anpassung verdammt. Seine Apathie wird dadurch befördert, dass jede individuelle Initiative von vornherein als aussichtslos, mitunter sogar als unkalkulierbares Wagnis erscheint. Auf das panikerregende Gefühl ihrer Überflüssigkeit und in dem partiellen Bewusstsein ihrer Ohnmacht reagieren die Menschen jedoch nicht, in dem sie sich gegen ihre Zurichtung zu Wehr setzen, sondern in dem sie sich mit ihrer gesellschaftlichen Rolle gewissermaßen identifizieren: Um die Sicherheit und Ruhe zu erhalten, die ihnen vorenthalten wird, sind sie bereit die Verantwortung für ihr Leben abzugeben. Das Seniorenstift wird so nicht nur zum Abbild, sondern auch zum Ideal einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen darauf hoffen müssen, dass man sich bis zu ihrem Ende um sie kümmert.
Vor diesem Hintergrund gewinnt der Tod seine Bedeutung. Er spiegelt den Menschen ihr Schicksal wider, mit dem sie unversöhnt sind. Auf der Grundlage der Angleichung von Leben und Tod erblicken sie in ihm einerseits eine Erlösung, markiert doch die Grabesruhe das Ideal, nach dem sie sich sehnen. Und zum anderen mahnt er sie an die Hinfälligkeit ihrer sozialen Existenz: Das Gefühl der Überflüssigkeit und des Ausgeliefertseins steigert die Furcht zu sterben bis zur Panik. In dem Maße, in dem sich Leben und Tod aneinander angleichen, verschwindet auch die Differenz zwischen dem Wunsch zu krepieren und der panischen Angst davor. Die Faszination von Bildern, die Fütterungen von Wachkomapatienten und zuckende Hirntote zeigen, wie sie im »Archiv der Untoten« dokumentiert sind, beruht auf der Ähnlichkeit zwischen Motiv und Betrachter. Diese gesellschaftlich vermittelte Bedeutung des Todes dürfte der Grund für die obsessive Beschäftigung mit ihm sein. Die Auseinandersetzung mit aktiver Sterbehilfe und pränataler Diagnostik bietet verdrängter Todessehnsucht und -panik ein Podium. Es stellt sich die Frage, weshalb die Möglichkeit zu sterben ausgerechnet Menschen umtreibt, die sich nach eigenem Selbstverständnis dem Leben verschrieben haben.

MITTELSTAND UND TOD
Hierfür dürften vor allem zwei Gründe entscheidend sein: Das linksliberale Milieu speist sich überwiegend aus dem Mittelstand und dieser hat im Unterschied zum sozialen Bodensatz tatsächlich noch etwas zu verlieren. In der obsessiven Beschäftigung mit dem Tod dürfte sich nicht zuletzt die Angst vor dem eigenen Abschied niederschlagen. Hierbei hat sich die Furcht vor dem sozialen Niedergang weitestgehend verselbstständigt. Sie haftet nur bis zu einem gewissen Grad an der konkreten beruflichen und finanziellen Situation. Denn je mehr Erfolg und Leistung entkoppelt sind, desto unvorhersehbarer wird auch der Misserfolg. Zudem hat die Einführung von Hartz IV dazu beigetragen, dass niemand mehr auf einen sanften Abstieg hoffen darf. So ist die Bedrohung gewachsen. Sie wird selbst noch von denjenigen empfunden, für die grundsätzlich noch Verwendung auf dem Arbeitsmarkt besteht. Inwieweit die Abstiegsangst tatsächlich noch Funktion des gesellschaftlichen Status ist, spielt bei dem Milieu zwischen Kunsthochschule, Bürgerradio und Politzirkel ohnehin nur entfernt eine Rolle. Denn für angehende Künstler, Medienmenschen und Geisteswissenschaftler hat die Sorge, sich eines Tages in die Schlangen beim Arbeitsamt einreihen zu müssen, eine äußerst reale Grundlage.
Die gesellschaftliche Lage des linksliberalen Milieus dürfte noch auf eine andere Art und Weise mit hineinspielen: Im Gegensatz zu denjenigen, die den Abstieg nie erlebt haben, die den Prekariatstitel ererbt haben, dürfte es dem Mittelstand aufgrund seines relativen Besitzes schwieriger fallen, die Trostlosigkeit seines Daseins seiner materiellen Situation zuzuschreiben. Denn das meiste von dem, was die Welt an Konsumgütern und Dienstleistungen zu bieten hat, befindet sich in seiner Reichweite. Doch die offerierten Waren erwecken nicht nur seine Sehnsucht, sondern auch seine Abscheu. Ob Stereoanlage mit sechsfachem CD-Wechsler oder ferngesteuertes Modellflugzeug im Selbstbauset, unweigerlich denkt er an den nutzlosen Ramsch, den er zuhause bereits stehen hat. Gewissermaßen gewinnt so das Unglück des Mittelstandes eine existenzielle Dimension. Denn während die Warenwelt auf die Abgehängten der unteren Schichten eher noch einen Reiz ausüben kann, allein weil sie ihnen größtenteils unzugänglich ist, befördert sie bei ihm verstärkt die Lebensüberdrüssigkeit.

ENGAGEMENT UND FRUSTRATION
Diese Überdrüssigkeit spricht die Zuhörerschaft von Radio Corax offen aus. Sie kann dem Fortschritt bei der präventiven Verbrechensbekämpfung, internationalen Diplomatie und prophylaktischen Medizin nur wenig abgewinnen. Ihrem Empfinden nach verlängert er nur die Strafe, die sie noch abzubüßen hat. Auf die Frage »Was tun, wenn nicht sterben?«, die der Sender seinen Hörern im erwähnten Programmheft stellte, antwortet sie: »Alles und alles überleben – den Tod herausfordern, ihn suchen – ihm zur Hand gehen – Ohne ihn kein Leben.« (André), »Ich würde mich mit vollen Kräften ins Lebens stürzen, wenn die Rettung vor dem Tod meinem Leben noch so viel Kraft übrig lässt.« (Günther), »Dann müsste ich mit meiner Verantwortung für die Erde richtig ernst machen und würde deshalb (noch mehr) darauf achten, dass unser Planet nicht vergiftet, zugemüllt, zubetoniert, verwüstet, zerstört wird …« (Helmut), »Wahrscheinlich würde ich große Angst vor den vielen Menschen haben, die ja nicht sterben … Lebensräume … Ressourcen … Ich würde versuchen irgendwo anders Land zu gewinnen. Auf dem Mond, oder dem Mars, ein Atlantis gründen etc.« (Karin). Die Aussicht auf ewiges Leben wird vor allem als Bedrohung empfunden. Als würde das eigene Schicksal tatsächlich unmittelbar von Überbevölkerung und Umweltverschmutzung abhängen, ruft sie vor allem gesteigerten Aktivismus und ökologische Horrorszenarien hervor. Unmittelbar wird die Frage nach der eigenen Existenz zu einer Frage nach dem Weltuntergang. Anscheinend gibt es einen tief liegenden Zusammenhang zwischen Engagement und Lebensüberdrüssigkeit.
Um gewahr zu werden, dass die ehrenamtliche Aufopferung für Natur und Gemeinschaft nicht selten von Frustration geprägt ist, genügt ein Blick in die verhärmten Gesichter vermeintlicher Überzeugungstäter. Würden sie ihren Einsatz für eine bessere Welt für eine selbstverständliche Ehrensache halten, müssten sie ihre Mitmenschen nicht unentwegt ihrem Tun aussetzen, geschweige den vermeintlichen Delinquenten nachstellen, die den Tugendkatalog nicht verinnerlicht haben. Die Verbissenheit der Engagierten erklärt sich aus der Bedeutung, die die Gesinnungsmeierei für das eigene Leben hat. Sie dient nicht zuletzt der Rationalisierung der eigenen Lebenssituation. Die ehrenamtliche Arbeit und stete Tugendhaftigkeit muss als Erklärung für das Scheitern an anderer Stelle herhalten. Hätte man seine Zeit nicht für den Schutz der Auenwälder verwand, die Ehe wäre nie zu Bruch gegangen. Und hätte man die Ellenbogen wie die Anderen ausgestreckt, man wäre auch schon Abteilungsleiter. Allein schon die mit dem Engagement untrennbar verknüpfte Überzeugung, dass die höheren Werte die ideellen wären, dass bei der Beurteilung eines Menschen seine Fähigkeit zur Aufopferung und Großherzigkeit also seinem erworbenen Wohlstand und der erarbeiteten Position vorzuziehen sei, trägt dazu bei, die eigene Existenz ins gewünschte Licht zu rücken. Das Engagement befriedigt mit anderen Worten den drängenden Wunsch, die insgeheim als mittelmäßig empfundene Biografie in eine Märtyrer- und Heldengeschichte umzuschreiben. Es stellt eine Möglichkeit zur Kompensation und Frustrationsabfuhr bereit. Eben aufgrund dieser Bedeutung für die eigene Gewissensökonomie werden Ressourcenverschwendung, Artensterben und Kernspaltung unmittelbar zum persönlichen Schicksal. Und so kehren Todesangst und Todeswunsch verpuppt in den apokalyptischen Warnrufen vor vermeintlich drohenden ökologischen Katastrophen wieder.

AM ENDE
Wenn es das Milieu zwischen Radio Corax, Kulturstiftung des Bundes, Burg Giebichenstein und Kritischer Intervention vorerst beim Reden über den Tod belässt, so besteht noch Hoffnung. Bei aller Resignation existiert anscheinend noch einen Erwartung, dass es etwas besseres als das bestehende Leben geben muss. Bleibt es jedoch dabei, wird sich nie etwas zum Besseren wenden. Wem beim Gedanken an ewiges Leben nichts anderes einfällt, als mit seiner »Verantwortung für die Erde richtig ernst« zu machen, der erhält mit anderen Worten irgendwann den Lohn für seine Selbstzurichtung. Anstatt sich im Schatten der bewusstlos fortschreitenden Geschichte derart vorauseilend in die staatsbürgerliche Rolle einzufügen, müssten die Menschen ankämpfen gegen ihre Degradierung zu Sozialhilfe- und SAT-Empfängern. Erst dann bestände wirklich Grund zur Hoffnung, dass der Tod eines Tages nicht mehr das Leben diktiert.
Harald-Jürgen Finke

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