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CSD in Gaza!

Die Freunde der AG »No Tears for Krauts« (Halle) haben bei der CSD-Demonstration in Halle (07.09.2019) ein Flugblatt verteilt, das wir euch zum lesen empfehlen wollen:

PDF Flugblatt: CSD in Gaza!

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der heutigen CSD-Demonstration,

vielleicht waren einige von Euch schon letztes Jahr dabei, als überraschend viele, überwiegend jüngere Menschen in Halle für die Rechte der Homosexuellen auf die Straße gegangen sind. Vielleicht sind Euch dabei auch einzelne Israelfahnen aufgefallen. Und vielleicht habt Ihr Euch gefragt, warum die Fahnen des jüdischen Staats auf einer solchen Demonstration gezeigt wurden. Das war alles andere als ein Zufall.

Euch ist sicher bekannt, dass Israel nicht nur die einzige Demokratie im Nahen Osten und das einzige Land in der Region ist, in dem Juden und Araber nebeneinander leben. Sondern Israel ist auch ein Ort, an dem die Menschen ihre Sexualität frei ausleben können. Die sexuelle Gleichberechtigung der Homosexuellen wird von breiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert und ist auch auf politischer Ebene in Israel weitgehend Konsens. Wer schon einmal in Tel Aviv war, dem ist vielleicht aufgefallen, wie selbstverständlich Männer Händchen haltend durch die Stadt laufen. Ein paar Kilometer weiter südlich, in Gaza, ist so etwas unvorstellbar. Dort wird Homosexualität nicht nur gesellschaftlich geächtet, sondern steht unter Todesstrafe. In 37 Ländern auf der Welt ist Homosexualität verboten – in sieben Ländern wird man für dieses »Vergehen« sogar staatsoffiziell ermordet. All diese sieben Länder haben eines gemeinsam: In ihnen ist der Islam Staatsideologie. Auch die anderen 30 Staaten, in denen für gleichgeschlechtliche Liebe Gewalt oder Gefängnis drohen, stehen mehrheitlich unter dem Einfluss der Religion des Propheten. Nicht nur anhand dieser Zahlen wird deutlich, dass nicht unbedingt der typische AfD-Wähler oder andere »Rechtspopulisten« die größte Bedrohung für die Freiheit von Homosexuellen sind – so unappetitlich sie mitunter auch sein mögen. Vielmehr sind es Moslems, die ihre rigiden Moralvorstellungen gewaltsam durchsetzen wollen. Und das ist nicht nur in islamisch geprägten Staaten ein Problem, sondern überall dort, wo Moslems den Kampf um die Straßenhoheit betreiben.

In der Bundesrepublik ist Homosexualität zwar nicht mehr strafbar. Sie wird auch nicht mehr als Krankheit diffamiert. Dennoch sollte man sich in manchen Gegenden Deutschlands aus Sicherheitsgründen besser nicht offen als Schwuler zu erkennen geben. Allein in Berlin hat das Anti-Gewalt-Projekt Maneo für das Jahr 2018 einen Anstieg homophober Gewalt um 58 Fälle auf 382 Übergriffe festgestellt. Die übergroße Mehrheit der Täter sind junge Männer, die aus islamischen Ländern stammen bzw. die sich in Deutschland in islamischen Milieus bewegen. Das heißt, die Gefahr für einen homophoben Angriff ist in Berlin-Neukölln um ein vielfaches höher als in Hohenschönhausen oder im Prenzlauer Berg. Statistisch gesehen gibt es also einen Übergriff pro Tag – allein in Berlin. In anderen europäischen Großstädten mit großen islamischen Communities wie in Paris, Brüssel, Malmö oder London gibt es ähnliche Entwicklungen.

In manchen Teilen Südost- und Osteuropas gibt es ebenfalls viele schwulenfeindliche Übergriffe (Angriffe auf Lesben sind übrigens deutlich seltener) – vor allem dort, wo besonders rückständige Kirchen großen Einfluss auf den Alltag haben (wie etwa in Russland). Aber immerhin können in den meisten dieser Staaten CSD-Paraden stattfinden, wenn auch zum Teil nur unter Polizeischutz. Der Hass auf Homosexuelle ist aber im Islam bzw. in islamischen Communities viel zentraler als in Osteuropa und potenziell immer gewalttätig.

Ob nun dort, wo Moslems die Mehrheit stellen (wie in Gaza), oder dort, wo sie aufgrund mangelnder Masse als »lone wolves« agieren – wie zum Beispiel der Anschlag vor zwei Jahren auf einen LGBT-Nachtclub in Orlando mit 49 Ermordeten zeigt: Moslems sind mit Abstand die größte Gefahr für die sexuelle Freiheit. Und nicht nur das: Schwulenhass ist mit dem Hass auf allgemeine sexuelle Freizügigkeit und auf das individuelle Glück sowie mit dem Hass auf die Juden bzw. deren Staat auf das engste verwoben. Israel verkörpert nicht nur für islamische Antisemiten die westliche Moderne und wird in deren Wahrnehmung mit Homosexualität, Individualität und Kosmopolitismus verknüpft – Werte also, von denen sich Zwangskollektive wie islamische Gemeinschaften bedroht sehen. Gerade im Islam, wo es rigide Verhaltensregeln gibt, wo Frauen verschleiert auftreten müssen, um die Triebe des Mannes nicht anzufachen, wo jede sexuelle Regung gegängelt und reglementiert wird, schaut man neidisch auf Gesellschaftsformen, in denen der einzelne selbstbestimmt seine Sexualität im Diesseits gestalten kann. Vor allem von Juden und ihrem Staat fühlen sich viele Moslems in ihrer verklemmten islamisierten Sexualität bedroht, wodurch sich der Hass auf Juden ins Unermessliche steigert. Diese Abspaltung eigener Triebe, nichteingestandener Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse und ihre projektive Verschiebung auf die Juden kennzeichnet jede Form des Antisemitismus. Die Triebdynamik des Schwulenhasses funktioniert ähnlich.

Nicht nur aufgrund der LGBT-Freundlichkeit Israels hat also die Fahne des jüdischen Staates hier auf der Demonstration ihre Berechtigung. Sondern auch, weil Juden und Homosexuelle den gleichen Zumutungen durch die gleichen menschenfeindlichen Ideologen ausgesetzt sind. Und damit meinen wir eben nicht ganz allgemein »religiösen Fanatismus«, wie im Aufruf zur heutigen Demo zu lesen ist, sondern den Islam als Rechtfertigungsmuster für die meisten antisemitischen und homophoben Übergriffe weltweit.

Erst wenn die Macht des Islams gebrochen ist, erst wenn friedliche, entspannte und laszive Gay Prides in Gaza-City, Grosny oder Teheran stattfinden können; erst, wenn es völlig selbstverständlich ist, dass auch in islamisch geprägten Vierteln Europas der eine oder die andere offen homosexuell leben kann, ist jene Freiheit erreicht, von der die Aktivisten des Stonewall-Aufstands vor 50 Jahren träumten. Da dies zeitnah wohl nicht passieren wird, ist das Bekenntnis zu Israel gleichbedeutend mit einem Bekenntnis zu individueller Freiheit – und damit eine Zurückweisung des Antisemitismus und des Schwulenhasses.

AG »No Tears for Krauts«
Halle, September 2019

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Editorial

Die Reaktionen gleichen dem berühmten Stich ins Wespennest: Wer die aktuellen Auswüchse des Feminismus kritisiert, kann sich auf einen geballten Gegenangriff von links gefasst machen. Ende des vergangenen Jahres lud die AG Antifa zu einer Veranstaltung mit dem Titel »Arrivederci Patriarchat – Ist der Feminismus noch zu retten?« ins linke Hausprojekt VL in der Ludwigstraße ein. Dass der Vortrag überhaupt stattfinden würde, stand lange nicht fest. Wie in jedem linken Haus trifft sich auch im VL regelmäßig eine Selbsthilfegruppe namens Hausplenum. Üblicherweise nicken dort die meisten Hausbewohner Veranstaltungen lethargisch ab. Doch der Ankündigungstext für den Abend zur Kritik des Feminismus brachte Viele zur Weißglut, und die Veranstalter wurden zum Rapport geladen.

Neben einigen Nachfragen, wie denn der eine oder andere Nebensatz zu verstehen sei, hagelte es jede Menge Anschuldigungen (»rassistisch«, »sexistisch«), Gefühlsbekundungen (»fühle mich persönlich diffamiert«) und Befindlichkeiten (»finde den Text scheiße«). Ganz nebenbei sollte gleich die veranstaltende Gruppe auf den Prüfstand gestellt werden. (»Es geht generell um die AG Antifa und ihre Diskussionskultur.«) Konkrete Belege für die Vorwürfe wurden nicht geliefert, schließlich war der Diskussionspartner nicht der Kopf, sondern der berühmte linke Bauch, der nach der täglichen Dosis Quinoa, Dinkel und Hirse nur wenig mehr als heiße Luft produziert. Dass Behauptungen nicht argumentativ belegt werden müssen, begründete ein Gegner der Veranstaltung folgendermaßen: Der Text sei so geschrieben, dass man die Verfasser auf keine Position festnageln könne. Immer wieder fragten die Hobbystalinisten detailliert nach den Vortragsinhalten, um das für sie feststehende Verbot zu untermauern. (»Ich würde mir die Vorträge ja anhören, aber bloß nicht im VL.«) Als vorgeschlagen wurde, jeder Plenumsteilnehmer solle seine Position kurz darlegen, um nicht nur die lautesten Affen brüllen zu hören, sah ein Ritter der Zivilgesellschaft seine Stunde gekommen, sich als wahrer Feminist zu gerieren: »Ihr müsst auch nichts sagen«, wandte er sich verständnisvoll an einige Frauen, die sich noch nicht geäußert hatten.

Je länger man saß und je genervter die Plenumsgäste wurden, desto mehr zeichnete sich ab, dass das Interesse an dem, was die Referenten zu sagen hatten, doch größer war als die Lust am Verbieten – auch wenn man die Vorträge »scheiße« finden würde. Die meisten Gegner schwenkten um, was insbesondere einige männliche Diskutanten so wütend machte, dass sie Teilnehmerinnen, die ihre Meinung geändert hatten, immer wieder über den Mund fuhren. So weit scheint der Antisexismus im VL dann doch nicht gediehen zu sein.

Kurz vor dem Vortragsabend veröffentlichten einige Plenumsteilnehmer eine Stellungnahme – ein Vorschlag der AG Antifa, damit die Gegner nach dem gescheiterten Verbotsversuch noch ihr Gesicht hätten wahren können –, die jedoch das Argumentationsniveau einer Dreijährigen nicht überstieg. Frei nach dem Motto: was mir nicht passt, soll auch niemand anderes hören, wurde behauptet, bei den Vorträgen würde drei Stunden lang »altes stumpfes Zeug« erzählt werden, und das sei sowieso nur »Scheiß«. Auch mit dem Leseverstehen gab es Probleme: Aus der Feststellung der AG Antifa, dass der Islam derzeit die größte Bedrohung für die Emanzipation der Frauen ist, wurde halluziniert, die Veranstalter würden jegliche Diskriminierung von Frauen jenseits der Religion des Propheten leugnen.

Wer des Lesens und Verstehens mächtig ist, ist herzlich eingeladen, die Vorträge in dieser Ausgabe der Bonjour Tristesse nachzulesen.btheader4

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Wir dokumentieren drei leicht überarbeitete Vorträge, die im Dezember 2018 im linken Hausprojekt VL auf einer Veranstaltung der AG Antifa gehalten wurden. Dem linken Freiheitsverrat angesichts der Zumutungen des Islam geht Florian Pätzold nach. Einen Untoten namens Patriarchat und den materialistischen Feminismus schaut sich Paul-Holger Seiden genauer an. Und Harald J. Finke erläutert, weshalb die Me-too-Debatte den Aufschrei eines spezifischen Sozialcharakters darstellt.


Über die Zumutungen des Islam
und einen Kampfbegriff seiner Apologeten.

 

Verrat durch die Linke

Als im Herbst 2018 die Gruppe Queer einsteigen in Halle verzweifelt nach den Frauenrechten unter dem Kopftuch suchte und in einem Vortrag dazu jeder Frau, die behauptet, sich unter dem Kopftuch frei zu fühlen, diese Freiheit ganz einfühlsam zusprach, zeigte sich einmal mehr, dass der Feminismus auf den Hund gekommen ist. Schließlich ist es leichter für die selbsternannten Verteidiger von Frauenrechten, die Rechte derer zu stärken, die vermeintlich oder tatsächlich ein Kopftuch tragen als die Rechte jener Frauen, die es ablegen oder sich gar nicht erst umbinden wollen. Was in die Logik dieser linken Feministen nicht passt, wird als westlich und für die islamischen Länder als postkolonialistisch verdammt. Weder die halbgaren Positionen der materialistischen Feministinnen1 noch das kulturrelativierende Geblöke von Queer reinsteigern lassen hoffen, dass am Feminismus aktuell noch irgendwas zu retten ist. So verwundert es kaum, dass die Vorkämpfer für eine bessere Gesellschaft in der islamischen Welt und die damit verbundenen universell geltenden Frauenrechte nicht materialistische oder queere Feministinnen sondern islamkritische Frauen wie Necla Kelek, Ayaan Hirsi Ali oder Seyran Ates sind. Diese Frauen sind durchaus dazu bereit, den Islam scharf zu kritisieren und benötigen deshalb als Verräterinnen der Umma2 Personenschutz. Im Namen der islamischen Rechtsprechung, der Scharia, wurde über alle drei Frauen eine Fatwa verhängt, was einem Todesurteil gleichkommt.

Die Vermeidung von kritischen Positionen gegenüber der selbsternannten Religion des Friedens zieht sich wie ein roter Faden durch das bunte Potpourri im innerlinken Szenemief. Weder die radikale Linke noch ihre weichgespülte Avantgarde mit Taz-Abo und Feine Sahne Fischfilet auf dem Ipod will begreifen, dass alle Schweinereien, die durch AfD, Identitäre Bewegung und irgendwelche Biobauern vom Lande zusammen begangen werden, nicht einmal ansatzweise an die Gräueltaten im Namen des Islam heranreichen können. Und dennoch wird sich über die mehr als fünfzig Ehrenmorde und Mordversuche allein im Jahr 2018 in Deutschland3 durch Moslems an Moslems ausgeschwiegen, und stattdessen werden ein paar dümmliche Ossis in Chemnitz mit Hitlergruß zur Gefahr für die Demokratie und den Rechtsstaat stilisiert. Wen verwundert es also, dass genau diese Linken, die sich antifaschistisch, antirassistisch und feministisch geben, die universell geltenden Rechte für alle Frauen verraten. Um sich eine Vorstellung davon zu machen, was ausgeblendet werden muss, um weiterhin am Appeasement mit einer totalitären Massenbewegung festzuhalten, folgt jetzt ein Blick auf die Rolle der Frau im Islam.

Bestellt den Acker, wann ihr wollt!

Wie im Juden- und Christentum legalisiert der Islam den Koitus und erlegt ihm Regeln auf. So ist der voreheliche Sex ebenso verboten wie Ehebruch und die Reproduktion unbedingt erwünscht. Im Unterschied zu den beiden anderen genannten Religionen setzt der Islam aber auf eine Maximierung der innerehelichen Sexualität, erklärt also die Fortpflanzung als oberstes Ziel und macht dadurch aus dem Ehebett eine landwirtschaftliche Produktionsstätte. So wird aus der Gattin ein Acker, den es zu bestellen gilt. So kann man in Sure 2, Vers 223 nachlesen: »Eure Frauen sind euch ein Saatfeld, also bestellt euer Saatfeld, wann ihr wollt«.

Betrachtet man also die Rolle der Frau unter dem Aspekt des Saatfeldes, wird schnell klar, dass es mit Freiheit und Emanzipation nicht weit her sein kann. Wie auch, wenn Weiblichkeit im Koran verteufelt wird und das Antlitz einer Frau den Mann von seiner Gotteshingabe ablenkt. Aus diesem Grund ist es beispielsweise dem Moslem strikt untersagt, zu einer fremden Frau zu gehen, da durch ihr Blut Satan fließt und es dem Mann gar nicht anders ergehen könne, als sich diese Frau zu nehmen. Die logische Folge der Dämonisierung von Frauen ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Die Frau wird für Ehebruch durch den Mann ebenso verantwortlich gemacht wie für vorehelichen Sex und Vergewaltigung. Diese Schuldzuweisungen nehmen kuriose Formen an. So machte der muslimische Kleriker Kasem Sedighi das unzüchtige Verhalten von Frauen für Erdbeben im Iran verantwortlich: »Viele Frauen, die sich nicht angemessen kleiden, verführen junge Männer zur Unkeuschheit und verbreiten Unzucht in der Gesellschaft, was letztendlich zu Erdbeben führt«4. Ebenfalls kurios und gleichermaßen barbarisch war die Vergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens 2016 ebenfalls im Iran. Ihr Peiniger konnte damals die Strafe wegen außerehelichem Sex [Anmerkung des Verfassers: nicht Vergewaltigung!] umgehen, da die Mutter des Opfers ihm das Angebot unterbreitete, ihre Tochter nachträglich zu heiraten.5 Man könnte annehmen, mit einer Heirat und dem vermeintlichen Schutz, nicht mehr als Hure verdächtigt zu werden, würde es Frauen im Islam besser ergehen. Diesen Irrglauben kann man mit einem Blick auf die Institution Ehe schnell entkräften.

Vergewaltigung – ein Privileg der Ehe

Denn die Ehe ist keineswegs ein Schutzraum für die moslemischen Frauen. So muss man wissen, dass die sexuelle Verweigerung ein Angriff auf die Ordnung der Umma darstellt und nach islamischem Recht mit Ehebruch gleichgestellt wird. So kann sich der Mann die Frau nehmen, wann er will, und dies bleibt rechtlich konsequenzlos für ihn. Für die Frau bleibt die Weigerung, Sex zu haben, nicht ohne Folgen. So heißt es beispielsweise im Artikel 67 des ägyptischen Code du statut personnel, dem 2008 in Kraft getretenen Gesetz zum Personenstatus: »Eine Frau verliert ihr Recht auf Unterhalt, wenn sie sich ihrem Mann verweigert.« Dabei bricht die Frau nicht nur das Recht ihres Mannes. Mit ihrer Weigerung bringt sie das Verhältnis zwischen Unterhalt und Sexualdienst, welches mit der Prostitution identisch ist, aus dem Gleichgewicht und sabotiert damit die staatstragende Funktion des Koitus und damit die natürlichen Gesetze der Umma. Sprich: Nicht jederzeit bereit zu sein, gleicht einem Angriff auf den Islam! Das betrifft im Übrigen auch die Verweigerung des Beischlafs aus medizinischen Gründen oder die Unfruchtbarkeit einer Frau, was zu einer Scheidung und dem Verlust des Unterhalts, der Wohnung und ihrer Kinder führt. Ein Moslem kann sich seiner Frau jederzeit unbürokratisch und ohne Nennung von Gründen entledigen und sie durch eine andere ersetzen. Die Frau hingegen darf sich nicht durch Scheidung den Zumutungen ihres Gatten entziehen, da mit der Abgabe des traditionellen Brautpreises sie gekauftes Gut ist. Lossagen kann sie sich nur dann, wenn sie sich freikauft. Zwar räumen die meisten islamischen Staaten der Frau mittlerweile das Recht einer Trennung ein. Dies würde aber nur dann funktionieren, wenn sie dem Mann folgendes Fehlverhalten nachweisen kann: längere grundlose Abwesenheit (vier Monate), Inhaftierung, mangelnde ökonomische Versorgung oder ihre Misshandlung. Wo der Unterschied zwischen Misshandlung und Züchtigung, die als legitim gilt, liegt, ist mitunter nie ganz klar. Und da die Rechtsprechung in solchen Ländern ja bekanntermaßen überwiegend Männersache ist, wird häufig im Sinne des Mannes entschieden, was die Entscheidung einer Frau, sich scheiden zu lassen, oftmals hemmt. Nun darf man nicht verschweigen, dass es große Unterschiede in den verschiedenen islamisch geprägten Ländern gibt. Insbesondere in den Ländern, in denen die Scharia nicht als allein geltendes Rechtswesen akzeptiert und mit einem mehr oder weniger funktionierenden Rechtswesen dagegengehalten wird. Das hat zur Folge, dass beispielsweise in Marokko die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Verfassung festgeschrieben ist. Dies steht im Widerspruch zur Scharia und somit auch im Widerspruch zum Islam. Die religiösen Kleriker erkennen die Verfassung nicht an, und somit hat auch dieses Land ein fundamentales Gewaltproblem in Bezug auf Frauen. Scheidungen, die von der Frau ausgehen, sind somit eher die Seltenheit. So kann es nämlich auch nach hinten losgehen, wenn die Frau ihrem Gatten keinen ausreichenden Grund nachweisen kann. Eine daraus resultierende Verstoßung ohne Unterhalt wäre der existenzielle und gesellschaftliche Ruin. Somit ist der Schritt, sich scheiden zu lassen, immer mit einem hohen Risiko für Frauen verbunden, und oftmals bleiben sie ihren Männern ausgeliefert. Um ins Paradies zu kommen, müssen sie sprichwörtlich die Hölle auf Erden durchleben. Verantwortlich dafür ist die Scharia, die den Anhängern dieser Religion ein klar geregeltes Lebenskonzept vorgibt und den Mann über die Frau stellt. Obwohl die Beherrschung der Frau durch den Mann in Bezug auf den Islam doch mehr als offensichtlich ist und als patriarchale Herrschaftsform beschrieben werden könnte, ist eine Verwendung dieser Begrifflichkeit nicht nur unzureichend, sondern auch falsch.

Das kastrierte Patriarchat und der kleine Prinz

Der Mann ist nicht einmal mehr ansatzweise der herrschende Vater der Familie, dessen Stellung als Oberhaupt ökonomisch gerechtfertigt war. Der Mann von heute leitet nur selten das expandierende Familienunternehmen und kommt vielmehr einem frühpubertierenden Jungen gleich, der seine Auto- oder Fußballmagazine als Ausdruck seiner Männlichkeit ins Feld führt. Betrachtet man die Sozialisierung des Mannes im Islam, so wird auch da deutlich, dass hier ein selbst ernannter Familiensouverän selten den Ansprüchen gerecht wird, die an ihn gestellt werden. Das islamische Gesetz koppelt die Stellung des Mannes an seine ökonomische Potenz. Diese schwindet aber zunehmend angesichts der Erfordernisse des globalen Weltmarktes und macht aus Vätern und Söhnen arbeitslose Taugenichtse. Den Söhnen fehlt das für die Ehe und damit die legale Triebabfuhr nötige Kapital. Sie lungern angestachelt und unbefriedigt auf den Straßen Kairos, Gazas oder Neuköllns herum, während die Väter ihre Versorgungsfähigkeit und somit ihr von der Scharia garantiertes Recht auf sexuellen Gehorsam einbüßen. Nicht selten sind die Resultate auf diese erlebte Ohnmacht Angst, Depression und Frustration. Dieser labile Zustand der männlichen Protagonisten schlägt regelmäßig in Gewalt um. Sie richtet sich gegen alles vermeintlich Schwächere und vor allem gegen das, was sie in ihrer erzwungenen Vormachtstellung bedroht. Jenes Phänomen ist mitunter – tendenziell ähnlich – auch bei Männern mit nicht-islamischem Background zu beobachten und unterscheidet sich nur in der Quantität. So wurde in einer Umfrage der türkischen Universität Kirikkale und der Organisation »Glückliche Kinder« unter 3.500 türkischen Männern nachgewiesen, dass in der Türkei Gewalt gegen Frauen durchaus selbstverständlich ist.6 Laut der Befragung befürworten 62 Prozent der türkischen Männer Gewalt gegen ihre Ehefrauen. Ähnliche Studien wurden auch in Ägypten, Tunesien und Marokko durchgeführt und kamen zu einem ähnlichen Ergebnis.7 Ägypten soll, laut einer Umfrage der Thomson Reuters Foundation, in Sachen Gewalt und sexuelle Übergriffe gegen Frauen eines der gefährlichsten Länder der Welt sein.

Man muss sich also die Frage stellen, warum insbesondere Männer aus islamisch geprägten Ländern eine so hohe Affinität zur Gewalt zeigen. Zum einen liegen die Gründe in der fehlenden Hemmschwelle, die sonst durch staatliche Repressionen verursacht wird. Zum anderen finden sich Ursachen im Erziehungsstil muslimischer Mütter. Durch das Heranziehen kleiner Prinzen, die mit dem Glauben aufwachsen, der Größte und Stärkste zu sein, wird die Konfrontation mit dem Realitätsprinzip und der dadurch resultierenden Kränkung zur Gefahr für Alles, was den islamischen Mann umgibt. Auch wenn sich in Ländern, in denen der Islam staatstragend ist, noch so sehr gegen die Moderne gewehrt wird, so durchdringt sie als Resultat des Kapitalverhältnisses jede Gesellschaftsform und hinterlässt weniger Patriarchen als viel mehr narzisstische Persönlichkeiten. Diese erfahren durch ihre eigene Ohnmacht regelmäßig Kränkungen. Je gekränkter die Männer, umso verbissener halten sie an ihrer Stellung fest und kompensieren mit Gewalt und Tugendterror gegen Frauen und eben auch gegen Töchter. Diese Kanalisierung narzisstischer Kränkungen hört nicht bei der eigenen Familie oder dem Kulturkreis auf. Sie richtet sich ebenso gegen sogenannte westliche Huren, die sich haram kleiden, sowie allgemein gegen den Westen mit all seinen zivilisatorischen Standards. An solchen pathologischen Reaktionen hat die Mutter einen großen Anteil. Die Unfähigkeit vieler moslemischer Männer, in die Erwachsenenwelt einzutreten, ist der nie gelösten Abhängigkeit von der Mutter geschuldet. Sie ist diejenige, die ihren Söhnen Allmachtsfantasien vermittelt und ein Leben ohne Verantwortung verspricht. Das Gesetz der Mutter ist geprägt von Abhängigkeit und verbotener Lust. Erst wenn sich das Kind im ödipalen Dreieck (Mutter-Vater-Kind) selbst ausgeschlossen fühlt und dadurch ein Bewusstsein von Getrenntheit bekommt, erfüllt es die Voraussetzung für Individuation. Diese Getrenntheit erfahren viele muslimische Jungen im Gegensatz zu ihren Schwestern nicht. Durch die vermeintlich untrennbare Bindung an die Mutter entsteht eine narzisstisch-inzestuöse Struktur. Die Mutter fungiert hier sowohl als Lustobjekt als auch als Lusttöter. So gab es beispielsweise in Marokko den Vorschlag, dass eine Frau sich mit einem Mann erst dann das Büro teilen darf, wenn sie dem Mann die Brust gegeben hat und somit nicht mehr Lustobjekt sein kann, sondern sich eine Art Mutter-Kind-Beziehung entwickelt.8 So absurd sich dies anhören mag, so demütigend ist es aus Sicht der Frau. Ihr bleibt nur die Unterwerfung als Frau oder die als unterwerfende Mutter. Jede Frau, die nicht dem Idealbild der Mutter entspricht, wird als bedrohlich wahrgenommen. Jede Bedrohung des Selbst löst bei narzisstischen Persönlichkeiten Gewalt aus. Unter dem Vorhang der Ehre wird diese Selbstüberhöhung dann kanalisiert. Die immens hohe Anzahl an Ehrenmorden durch junge Moslems in Deutschland muss unter Berücksichtigung dieser Abhängigkeit untersucht werden. So entlarvt Tjark Kunstreich in seinem Artikel Muttis Gesetz in der Zeitschrift Bahamas anhand des Mordes eines 18-jährigen Afghanen an seiner 14-jährigen Schwester 2017 die Mutter als eigentliche Auftraggeberin des Ehrenmordes. Das gelingt ihr in der Rolle als Gewährende und als unter der Versündigung ihrer Tochter leidende Person. Ermordet wurde das junge Mädchen vom jüngsten Sohn der Familie, um nach eigener Aussage die Familienehre wiederherzustellen und seine Mutter zu rächen. Die Mutter musste also den Befehl zur Tötung nicht einmal aussprechen. Es reichte völlig, die ewig Leidende zu spielen, um ihren phallischen Ersatzobjekten (also ihren Söhnen) verständlich zu machen, was zu tun ist.

Die gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen begreifen Frauen im Islam nur als passiv duldende Wesen oder Opfer. Deshalb wurde sich in den Ermittlungen zum Ehrenmord auch ausschließlich auf die männlichen Protagonisten konzentriert. Die Annahme, es könnten nur islamische Männer zu solchen Taten fähig sein, ignoriert die Macht, die durch die Mutter innerfamiliär ausgelebt wird und auch in die den Männern vorbehaltene Außenwelt dringt. Der Vater, der laut Kunstreich nur noch ein kastrierter Patriarch sein kann, fungierte bei diesem Mord nur als um sich schlagender Terrier, der seine Tochter regelmäßig zu züchtigen versuchte. Die Aussage des Opfers bei der Polizei vor ihrer Ermordung – bevor es seinen Verletzungen erlag –, beschrieb diese Misshandlungen durch den Vater im Beisein der anfeuernden Mutter. Wer wider des Wissens um die Einflussnahme der Mutter auf die Taten ihrer Männer und Söhne immer noch vom Patriarchat als Ursprung des Bösen spricht, verkennt absichtlich einen Zusammenhang, der sich nicht auf die einfache Formel »Frau gut – Mann böse« herunterbrechen lässt. Ebenso wird die Tatsache verkannt, dass auch ein kastriertes Patriarchat keins mehr sein kann.

Kuschelgruppe Antifa

Die Verfallserscheinung des Patriarchats und die Wiederbelebung dieses Popanzes sowie die Tatsache, dass auch Mütter zu allerlei Unheil fähig sind, macht den Begriff für die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse komplett unbrauchbar. Wer es ernst meint mit der Befreiung der Frau, der scheut sich nicht vor Kritik an menschenfeindlichen Ideologien und protestiert gegen die Toleranz und Akzeptanz, die ihnen die Gesellschaft entgegenbringt und die sich von den Universitäten in die Politik bis hin zu richterlichen Urteilen ihre Bahnen bricht. So geschehen als eine Frankfurter Richterin im Jahre 2006 einer Marokkanerin, die über mehrere Jahre von ihrem Mann misshandelt wurde, die schnelle Scheidung verwehrte und dies mit dem Züchtigungsrecht des Mannes im Islam begründete. Sie verwies in einem Schreiben auf den Koran, wo die Ehre des Mannes an die Keuschheit der Frau gebunden sei. Daraus würde sich ergeben, dass es für einen islamisch erzogenen Mann schon eine Ehrverletzung sein könne, wenn die Frau nach westlichen Kulturregeln lebt.9 Auch wenn dieses Urteil damals skandalisiert wurde, so zeigt es, welcher Irrsinn durch fehlgeleitete und kultursensible Toleranz Einzug in die Gesellschaft erhält. Solche Tendenzen dürfen nicht unwidersprochen hingenommen werden. Und dennoch scheint die lokale Antifa aktuell die größte Bedrohung für Frauenrechte nicht im Islam zu erkennen, sondern im Frauenbild einer völkischen Politsekte aus Halle. Jedenfalls fanden sich hunderte Antifaschisten im April 2018 zusammen, um gegen einen Ableger der Identitären Bewegung unter dem Motto »Konsequent. Feministisch. Antifaschistisch.« zu demonstrieren. Der Islam scheint beim verantwortlichen Bündnis Kick Them Out keine große Rolle zu spielen. Gibt man auf ihrem Blog das Schlagwort Islam ein, findet man nur zwei Einträge.10 Alle beide stammen aus einem islamkritischen Redebeitrag der Gruppe Gegen deutsche Normalität, die während und nach der Demo von vielen Teilnehmern kritisiert und runtergemacht wurden. Denn das antifaschistische Bündnis und seine vielen hundert Unterstützer wissen, dass das Patriarchat in der Adam-Kuckhoff-Straße wohnt und konsequent feministisch bekämpft werden muss. Wer diesen Antifaschismus eher inkonsequent und lächerlich findet und nicht zur breiten Volksfront unteilbarer Idioten zählen möchte, der ist herzlich eingeladen am 21. Dezember 2018 gegen eine Salafisten-Moschee in Leipzig zu demonstrieren und den Mackern in diesem hässlichen Haus den Kampf anzusagen. Wessen Rechtspopulismusradar jetzt ausschlägt, dem wünsche ich weiterhin viel Spaß beim linken Gruppenkuscheln mit den alten Poppunkern von den Toten Hosen, der Helene-Fischer-Cover-Band Feine Sahne Fischfilet und vielen engagierten Politikern mit denen die Antifa momentan auf Kurs ist. Denn das Betreiben stupider Selbstvergewisserung und das Bedürfnis mit Campino, Monschi und Frank-Walter zu klüngeln ist letztendlich Ausdruck eines Antifaschismus, der nichts kostet und bereits zur Triebfeder für den Verrat an der Freiheit geworden ist.

Florian Pätzold

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Thomas Maul: Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus, Freiburg 2010.

Evelyn Heinemann: Männlichkeit, Migration und Gewalt. Psychoanalytische Gespräche in einer Justizvollzugsanstalt, Stuttgart 2008.

Jan Gerber: Vive la différence! Die Abschaffung der Geschlechter, in: Bahamas Nr. 61.

Tjark Kunstreich: Muttis Gesetz. Die Angleichung des Westens an die islamische Kultur, in: Bahamas Nr. 77.

 

Anmerkungen:

1 Vgl. hierzu den Artikel Die feministische Wiederbelebung des Patriarchats in dieser Ausgabe.

2 Die religiös fundamentierte Gemeinschaft aller Moslems.

3 Vgl. hierzu: http://ehrenmord.de/doku/2018/doku_2018.php.

4 Vgl. hierzu: http://www.spiegel.de/panorama/iran-geistlicher-macht-freizuegige-frauen-fuer-erdbeben-verantwortlich-a-689956.html.

5 Vgl. hierzu: https://www.welt.de/vermischtes/article160189465/Maedchen-vergewaltigt-Mutter-macht-dem-Taeter-ein-Angebot.html.

6 Vgl. hierzu: https://www.welt.de/vermischtes/article115427763/Mehrheit-der-Tuerken-ist-fuer-Gewalt-gegen-Frauen.html.

7 Vgl. hierzu: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sexuelle-belaestigung-in-aegypten-fast-jede-frau-betroffen-a-1183910.html.

8 Vgl. hierzu: https://www.huffingtonpost.de/entry/muslimische-schriftstellerin-erklart-sex-angste-von-islamisten_de_5bbdff63e4b028e1fe43ca45.

9 Vgl. hierzu: https://www.welt.de/politik/article772111/Richterin-verweist-auf-Zuechtigungsrecht-im-Koran.html.

10 Zu überprüfen unter: https://kickthemout.noblogs.org/.

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Hoffnung keimt auf, wenn sich Feministen nicht mehr »queer«, sondern »materialistisch« nennen. Das vergangene Jahr darf mit Sicherheit als das Jahr des sogenannten »materialistischen Feminismus« bezeichnet werden: Seine Vertreter wurden von TOP Berlin zum Symposium geladen, die Humboldt-Universität organisierte ihnen einen dreitägigen Kongress, und eine Wiener Tagung zum Thema zog laut Veranstaltern über 600 Besucher an. Koschka Linkerhand, die als Frontfrau des materialistischen Feminismus durch die Republik tourt, veröffentlichte im letzten Jahr ihren Sammelband Feministisch streiten, das Handbuch der neuen Bewegung. Dass immer größere Teile der radikalen Linken Abstand nehmen von queerer Theorie und Praxis, ist erfreulich. Doch während die heutigen Feministen die Fehler der Dritten Welle der Frauenbewegung nach und nach erkennen, wiederholen sie wider besseren Wissens die der Zweiten.

Keine feministische Veranstaltung und kein noch so kurzer Text kommen ohne den Verweis auf das übermächtige Patriarchat aus, das in allen Ecken lauere und einfach nicht klein zu kriegen sei. Was sich hinter dem Begriff verbirgt, interessiert dabei nur die Wenigsten. Denn längst wissen alle, dass »patriarchatskritisch« zu sein, keine inhaltliche Aussage ist, sondern eine Selbstverortung, die die Zugehörigkeit zur eigenen Szene bekräftigt. Der Kampf gegen das Patriarchat ist der feministische Kitt, der sozial engagierte Akademiker und Punks mit »Macker aufs Maul«-Buttons zusammenbringt. Einige Feministen werfen Provinzpunkern ihr männliches Gehabe vor, andere arbeiten sich am Frauenbild der Neuen Rechten ab und ein paar Wenige üben angeblich sogar Islamkritik. Die einen reflektieren ununterbrochen sprachliche Sexismen, andere beten das Verhältnis von Geschlecht und Kultur in der Dialektik der Aufklärung rauf und runter. Wieder andere wollen im Anschluss an Roswitha Scholz zeigen, dass der Wert lieber Hosen als Röcke trägt. So verschieden die Themen linksliberaler und linksradikaler Feministen auch sein mögen, sie finden immer wieder zusammen, weil sie genau wissen, wo der gemeinsame Feind steht.11 Was gerade seinen Aufstieg feiert, ist eine neue linke Sammlungsbewegung – Aufstehen gegen das Patriarchat.

Das Patriarchat ist tot …

Wenn man auf die Frage, was nun dieses Patriarchat sei, vielleicht doch mal eine Antwort erhält, wird diese ungefähr folgendermaßen ausfallen: Es handle sich um die allgemeine Männerherrschaft, um eine gesamtgesellschaftliche Struktur, die Frauen systematisch benachteilige. Jedenfalls würden wir alle in patriarchalen Verhältnissen leben – darin sind sich zahlreiche Antideutsche, Die Zeit und Heiko Maas einig. Ganz anders würden das die Ikonen der Ersten Frauenbewegung sehen. Für sie stand der Begriff des Patriarchats für eine bestimmte historische Konstellation.

Louise Otto-Peters, die bekannteste Vertreterin der bürgerlichen Ersten Frauenbewegung in Deutschland, bezeichnete 1866 in Das Recht der Frauen auf Erwerb ausschließlich die spätfeudale Familie als »patriarchal«. Im frühen 19. Jahrhundert war das ganze Leben noch auf die Hausgemeinschaft beschränkt – man wohnte und arbeitete am selben Ort. Paradigmatisch für die spätfeudale Familie ist das Haus des Zunfthandwerkers, in dem der Meister, seine Frau und die Kinder sowie der Geselle und der Lehrling alle unter einem Dach lebten und produzierten. Dabei nahm der Vater – in diesem Falle der Meister – eine besondere Stellung ein: Er lenkte die Geschäfte des Hauses. Seine Macht basierte auf persönlichem Zwang gegenüber den anderen Familienmitgliedern; er bestimmte, wie der Laden läuft; alle mussten sich ihm unterordnen. Der Vater war Feudalherr im Kleinen. Gleichzeitig hatte er jedoch die Verantwortung, für das Auskommen aller zu sorgen. Im Unterschied zum heutigen Mann, der oft genug nicht mal für sein eigenes Leben Verantwortung übernehmen will, musste der Vater in der patriarchalen Familie die ganze Hausgemeinschaft organisieren. Der Begriff des Patriarchats begann seine feministische Laufbahn also in seiner wörtlichen Bedeutung, als Verallgemeinerung vom »herrschenden Vater« der Familie im frühen 19. Jahrhundert. Für die Erste Frauenbewegung bezeichnete das Patriarchat ein bestimmtes Familiensystem, das sich zu ihrer Zeit schon aufgelöst hatte.

Der technische Fortschritt der Produktionsmittel führte zu massiven Veränderungen in der Produktionssphäre, so dass der feudalen Lebensweise der Boden entzogen wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Auflösung traditioneller Hausgemeinschaften, ausgelöst durch Industrialisierung und Aufhebung des Zunftzwangs. Produziert wurde jetzt vermehrt in der Fabrik oder zumindest in größeren Betrieben. Wer weiter als kauziger Handwerksmeister zuhause arbeiten wollte, bekam das Diktat des Marktes zu spüren. Mit der Veränderung der Produktionsverhältnisse bildeten sich neue Formen familiären Zusammenlebens heraus: die bürgerliche und die proletarische Familie. Wohnung und Arbeitsort waren jetzt räumlich getrennt. Die Familie entstand als Privatbereich, Kindererziehung und gegenseitige Fürsorge zwischen den Familienmitgliedern gewannen an Gewicht. Das Ideal der romantischen Liebe setzte sich durch. Weder dem proletarischen noch dem bürgerlichen Vater gelang es noch, die Rolle des Patriarchen in der traditionellen Familie zu besetzen. Die Herrschaft des kleinen Feudalherrn war unwiderruflich gebrochen.12 Die Erste Frauenbewegung bezeichnete deshalb die entstehenden bürgerlichen Verhältnisse nicht mehr als patriarchal. Für sie war das Patriarchat Indikator dafür, die Veränderungen der Familienformen und Geschlechterbeziehungen durch die einsetzende kapitalistische Entwicklung verständlich zu machen.

… es lebe das Patriarchat!

Mit dem Aufkommen der Zweiten Frauenbewegung Ende der 1960er-Jahre änderte sich die Bedeutung von ›Patriarchat‹ schlagartig: Sie wurde von konkreten gesellschaftlichen Zuständen abgelöst. Seitdem bezeichnet der Begriff überhaupt nichts Wirkliches mehr, sondern ist zum Label verkommen, unter dem gedankenlos sämtliche Benachteiligungen von Frauen eingeordnet werden. Indem über alle Räume, Zeiten und gesellschaftlichen Dimensionen hinweg verallgemeinert wird, geht die Fähigkeit zur Differenzierung verloren. Der Patriarchatsbegriff wird damit leer und unbrauchbar. Wer bei jeder Gelegenheit mit ihm um sich wirft, erweist dem feministischen Anliegen einen Bärendienst. Eine fundierte Analyse des Geschlechterverhältnisses wird so verunmöglicht. Sie müsste gerade die weltweiten Unterschiede und historischen Veränderungen zu ihrem Ausgangspunkt machen und die Frage stellen, warum, wo und wie Frauen konkret benachteiligt werden.

Diese Kritik an der Universalisierung des Patriarchatsbegriffs war bereits in der Zweiten Frauenbewegung präsent – vertreten durch ihren vernünftigeren Teil, der die Gesellschaftskritik nicht so leichtfertig auf dem Altar der feministischen Einheit opferte. Karin Hausen, eine Pionierin der historischen Geschlechterforschung, erklärte etwa 1986 in ihrem Artikel Patriarchat. Vom Nutzen und Nachteil eines Konzepts für Frauengeschichte und Frauenpolitik, der Ausdruck werde »inflationär als Flickwort« verwendet. Sobald man mit seinem Latein am Ende ist, muss eben das übermächtige Patriarchat als stumpfe Welterklärung herhalten. Noch heute machen sich die Wenigsten die Arbeit, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Egal worum es geht – sei es Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt oder Genitalverstümmelung – schuld ist immer das Patriarchat.

Hausen blieb dabei jedoch nicht stehen, sondern erklärte auch, warum die Begriffslosigkeit für ihre Zeitgenossen so verlockend war. Ihr zufolge ist die Rede vom Patriarchat »ein politisch nützlicher Kampfbegriff«. Sie fügte hinzu: »Die Kampfansage gegen das ›Patriarchat‹ und die ›patriarchalischen‹ Verhältnisse [dienen] als gemeinsamer Nenner der politischen und wissenschaftlichen Mobilisierung und Verständigung«. Dem schloss sich Gudrun-Axeli Knapp, die in den 1980er- und 90er-Jahren die Frauenforschung mit an der Kritischen Theorie geschultem Denken herausforderte, in Die vergessene Differenz von 1988 an: »Unübersehbar ist […] die politische Bindefunktion des Konzepts [Patriarchat], die mit einer starken affektiven Besetzung verbunden ist. Auf die Aufforderung, zu differenzieren – so meine Erfahrung in der Lehre und in Diskussionen in autonomen Zusammenhängen – wird daher häufig mit Angst vor Orientierungsverlust und Abwehr von Theorie reagiert.«

Dass Hausens und Knapps Analyse noch mehr als drei Jahrzehnte später von bestechender Aktualität ist, stellt ein Armutszeugnis für den Feminismus aus. Der schwammige Patriarchatsbegriff, den die Frauenbewegung seit der Zweiten Welle mit sich herumschleppt, hat noch nie dabei geholfen, die Gesellschaft zu verstehen, weil er alle wichtigen Fragen zudeckt. Er dient vielmehr als Welterklärung, mit der sich jede inhaltliche Leerstelle überdecken lässt, sowie als Kampfbegriff, der die feministische Szene zusammenhält, weil er so unkonkret bleibt, dass sich jeder unter ihm vorstellen kann, was er will. Mit ihm lässt sich hervorragend Politik machen: Wenn irgendetwas »patriarchal« genannt wird, weiß zwar niemand genau, was das bedeutet – der moralischen Empörung kann man sich aber sicher sein.

Die sogenannte Islamkritik der materialistischen Feministen belegt, dass sich seit den 1980er Jahren nicht viel verändert hat. Koschka Linkerhand erzählt in Feministisch streiten: Die Entrechtung von Frauen durch den Islam sei schlimm, und das Kopftuch als Symbol auch. Jedoch sei die Situation von Frauen im Islam strukturell der im Westen ähnlich, weil es in beiden Fällen das Patriarchat sei, das sie unterdrücke. Deshalb kommt sie zu dem Schluss, Burka und Spitzen-BH seien nur zwei Seiten derselben Medaille.13 Von Islamkritik zu sprechen, um dann islamische Frauenfeindlichkeit zu relativieren, indem man hauptsächlich angebliche Gemeinsamkeiten mit dem Westen erfindet, ist übler Zynismus. Die systematische Unbestimmtheit des Begriffs vom Patriarchat basiert nicht nur auf einer falschen Analyse, sondern tendiert bereits zum Verrat an unter dem Islam leidenden Frauen.14 Zuallererst hätte man festzustellen, dass es sich um völlig unterschiedliche Verhältnisse handelt, dass also das islamische Frauenbild vom westlichen strikt zu unterscheiden ist.

Revolutionärer Geschlechterkampf

So modern sich die materialistischen Feministen auch geben, so alt ist ihre Verwendung des Patriarchatsbegriffs – und so alt sind ihre theoretischen Grundlagen. Den Großteil hat man sich von der EXIT!-Theoretikerin Roswitha Scholz geborgt. Ihre sogenannte »Wert-Abspaltungs-Kritik« aus den 1990er-Jahren besagt, dass die kapitalistische Gesellschaft nur bestehen könne, weil Männer Frauen strukturell ausbeuten. Der Wert sei männlich und habe eine abgespaltene Schattenseite, die weiblich sei. Deshalb sei die Produktionssphäre – die Arbeit im Betrieb, wo man viel Geld verdiene – Sache der Männer. Die Reproduktionssphäre – Kindererziehung, Pflege, Haushalt sowie Interesse am Anderen, das man heute nur noch als »emotionale Arbeit« kennt – sei Sache der Frauen. Diese Trennung männlicher und weiblicher Sphären sei die Grundlage des allgemeinen Patriarchats, das immer weiter bestehen müsse, solange die kapitalistische Gesellschaft existiert, weil der Wert selbst ja männlich sei. Es wird behauptet, alle Menschen würden im warenproduzierenden Patriarchat leben, und die Unterdrückung der Frau ermögliche erst dies Produktionsverhältnis.

Die materialistischen Feministen haben diese Thesen in Gänze übernommen. Nur: Mit der Wertkritikerin Scholz lässt sich keine Revolution machen, schon gar kein Aktivismus begründen. Denn Scholz wartet weiterhin stur auf das (kurz bevorstehende) Ende kapitalistischer Vergesellschaftung. Deshalb muss ein zweites Standbein her: das politische Subjekt Frau. Die Idee dahinter ist, dass sich alle Frauen als Schwestern begreifen müssten, die das gleiche Los teilen. Sie sollen sich als Frauen begegnen, organisieren, gegenseitig unterstützen und gemeinsam gegen die Männer auf die Barrikaden gehen. Dieses Konzept einer nach innen schützenden und nach außen aggressiven Schwesternschaft zwischen allen Frauen ist ebenfalls ein Erbe der zweiten Frauenbewegung, für das nicht zuletzt Alice Schwarzers Kleiner Unterschied von 1975 steht.

Beide Elemente zusammengenommen – das Patriarchat als universelles Strukturprinzip der Gesellschaft und das Kollektivsubjekt Frau, das es umwerfen soll – ergeben recht genau den Stand des Feminismus in den Siebzigerjahren. Die frühe Zweite Frauenbewegung machte Männer und Frauen zu zwei Klassen der Gesellschaft, die sich unversöhnlich gegenüberstünden. Eindrucksvolles Beispiel dafür ist Shulamith Firestones Frauenbefreiung und sexuelle Revolution von 1970, das als einer der großen Klassiker des Feminismus gilt.15 Auch die französische Feministin Christine Delphy, die bereits 1976 einen Artikel mit Für einen materialistischen Feminismus überschrieb, blies das Patriarchat zum Hauptwiderspruch der Gesellschaft auf.16 Über die unterdrückte Klasse der Frauen erzählten die Feministen der 1970er Jahre genau das, was Linke seit jeher über die Arbeiterklasse sagen. Das heißt, dass Frauen im selben Sinne eine unterdrückte Klasse seien wie Arbeiter. Alle Mitglieder des unterdrückten Geschlechts befänden sich objektiv in der gleichen Lage. Frauen hätten deshalb ein geteiltes Interesse daran, das bestehende System umzuwerfen. Nur sie könnten die Falschheit der Verhältnisse erkennen, weil sie einen bestimmten Standpunkt und geteilte Erfahrungen hätten. Deshalb müssten sich Frauen organisieren, um im gemeinsamen Kampf gegen ihre Unterdrücker eine Revolution zu erfechten, die sie emanzipiert und die gesellschaftliche Herrschaft abschafft.

Die frühe Zweite Frauenbewegung richtete also den Geschlechterkampf nach dem Vorbild des Klassenkampfes aus. Das politische Subjekt Frau entspricht dem Proletarier, das Geschlechterverhältnis ersetzt das Kapitalverhältnis. Dieses Denken greift der aktuelle materialistische Feminismus wieder auf. Begründet liegt es seinerseits in den spezifischen Voraussetzungen der Zweiten Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre.

Marx feministisch gelesen

Die späten 1960er Jahre waren die Zeit der europäischen Studentenbewegungen und der New Left in den USA. Die New Left knüpfte nicht an den Marxismus der alten Arbeiterbewegung an – der war ohnehin tot –, sondern nahm Impulse aus der Bürgerrechtsbewegung auf. Es wurde weniger über die Befreiung aller Menschen gesprochen als über die Unterschiede zwischen den Menschen, insbesondere über Hautfarbe, Geschlecht und Sexualität. Auch in Deutschland wurde der Universalismus, die Idee der einen Menschheit, durch den Partikularismus abgelöst, der jedem Grüppchen sein Stück vom Kuchen garantieren soll. In dieser Verschiebung spiegelt sich unter anderem wider, dass man die Grenzen des ökonomischen Wachstums bereits erahnen konnte. Ohne den Siegeszug des Partikularismus lässt sich die Entstehung der Zweiten Frauenbewegung nicht erklären. Im gleichen Maße war sie jedoch ein Zerfallsprodukt der 68er-Bewegung.

Die deutsche Studentenbewegung war mit dem Ziel angetreten, die Verhältnisse umzuwerfen. Recht schnell wurde jedoch klar, dass daraus nichts werden sollte. Spätestens als alle Proteste gegen die Notstandsgesetze und der Generalstreik in Frankreich gescheitert waren, musste man einsehen, dass die Revolution nicht auf der Tagesordnung stand. Aus dem Gefühl der Niederlage suchten verschiedene Gruppen unterschiedliche Auswege. Den endgültigen Zerfall der Studentenbewegung markieren die RAF, die K-Gruppen und die Neuen Sozialen Bewegungen. Letztere gaben die Kritik der Gesellschaft zugunsten partikularer Themenfelder wie Frieden oder Atomkraft auf.

Der Beginn der Zweiten Frauenbewegung hängt eng zusammen mit dem Zerfall der Studentenbewegung. Sie wendete sich einer der Partikularitäten zu, die nun zu dominieren begannen – dem Geschlecht. Ihre Voraussetzungen waren dabei recht günstig: Erstens erlangten junge Frauen in den 1960er Jahren ein neues Selbstbewusstsein. Ihnen erschienen die letzten im Zerfall begriffenen Schranken daher als vollkommen unzeitgemäß, sodass sich ein großes Potenzial für die neue Bewegung ergab. Zweitens hatten die männlichen Genossen des SDS bewiesen, dass ihnen die Anliegen von Frauen nicht allzu wichtig waren. Das Aufbegehren der Frauen gegen sie, zu dessen Symbol der Tomatenwurf Sigrid Rügers auf Hans-Jürgen Krahl bei der 23. Delegiertenkonferenz des SDS wurde, war nachvollziehbar und öffentlich vermittelbar.

All diese Faktoren trugen dazu bei, dass das Geschlecht politisch so zentral werden konnte. Während die neu entdeckte Partikularität ihren eigenen Stellenwert erhielt, musste sie allerdings mit den Kategorien vermittelt werden, die man schon kannte. Da gesellschaftskritisches Denken noch mit dem Erbe von Marx und Engels verfilzt war, wurde das Patriarchat kurzerhand zum Strukturprinzip der Gesellschaft erklärt und der Geschlechterkampf nach der Schablone des Klassenkampfs geformt. So mutete der Feminismus revolutionär an und konnte an bisherige Überzeugungen anknüpfen. Dass die Protagonisten der frühen Zweiten Frauenbewegung mit Marxschen Begriffen hantierten, dürfte weniger daran gelegen haben, dass diese so gut auf den Gegenstand gepasst hätten, als an ihrem bekannten und revolutionären Klang.

Der heutige materialistische Feminismus knüpft mit seinen Kategorien an die Zweite Frauenbewegung an. Das Patriarchat als universelles Strukturprinzip der Gesellschaft und das politische Subjekt Frau sind relativ einfache Übertragungen des marxistischen Vokabulars, mit denen man in der Linken gut Anschluss findet und sich einen gesellschaftskritischen Anstrich verpassen kann. Zum Verständnis des Geschlechterverhältnisses tragen sie hingegen kaum etwas bei. Damit werden die Fehler der Zweiten Frauenbewegung schlichtweg wiederholt.

Neue Fronten, alte Einheit

Zwar ist der materialistische Feminismus keineswegs so neu wie er behauptet und wärmt vieles auf, was aus der Zweiten Frauenbewegung bekannt ist. Sein Kontext ist aber ein anderer. Heute finden die allermeisten Feminismus ganz wichtig, obwohl und weil sich die gesellschaftliche Situation von Frauen in den letzten 50 Jahren verbessert hat. Der größte Gegner des materialistischen Feminismus ist deshalb auch nicht die angeblich so sexistische Gesellschaft, sondern der Queerfeminismus. Ihn will man vor allem übertrumpfen. Die Chancen dafür stehen gut, zumal man seinen Anhängern mit der Beschwörung von weiblicher Identität und Schwesternschaft ein gutes Stück entgegenkommt, das heißt, vieles mit ihm teilt.

Der Kampf gegen die konkurrierende Queer-Strömung prägt die materialistischen Feministen. Sie belobhudeln vor allem die eigene Bewegung und versuchen, möglichst viele Anhänger hinter sich zu scharen, machen also Politik im schlechtesten Sinne. Dadurch wird das, worauf es ankäme, zweitrangig: das Begreifen der Gesellschaft. Das würde unter anderem bedeuten, Begriffe – wie den des Patriarchats – nicht als Universalwaffe, sondern mit einem klaren Erkenntnisinteresse zu verwenden. In dieser Hinsicht könnten heutige Feministen einiges von der Ersten Frauenbewegung und gewissen Teilen der Zweiten lernen.

Die Chancen dafür wiederum stehen aber denkbar schlecht, denn der materialistische Feminismus recycelt eine weitere unselige Tradition der Zweiten Frauenbewegung: Seine Betonung der Schwesternschaft zwischen allen Frauen ist nicht bloß Ausdruck eines verkehrten Verständnisses der Gegenwart, sondern ebenso der Suche nach weiblichem Zusammenhalt geschuldet. Als Basis für den Feminismus empfiehlt Koschka Linkerhand in Feministisch streiten neben »Schwesterlichkeit« auch »Leidenschaft«, ein »solidarisches und enthusiastisches Zusammenhalten« sowie einen »liebevollen oder gar erotischen Umgang unter Frauen«. Sie schreibt: »Feminismus entsteht dort, wo Frauen die Lust und Notwendigkeit spüren, sich aufeinander als Frauen zu beziehen und einzulassen«. All das sind wichtige Voraussetzungen für eine lesbische Beziehung, nicht aber für Gesellschaftskritik. Zu diesem Bedürfnis einer gefühlsmäßigen Verbundenheit wurde in der feminismuskritischen Frauenzeitschrift Die Schwarze Botin bereits alles gesagt. In deren erster Ausgabe von 1976 erklärten die Herausgeber zu ihrer »Beziehung zur Frauenbewegung«, sie »beginnt für uns da, wo der klebrige Schleim weiblicher Zusammengehörigkeit sein Ende hat.«

Paul-Holger Seiden

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Christine Delphy: Close to Home. A Materialist Analysis of Women’s Oppression, Amherst 1984.

Die Schwarze Botin: Schleim oder Nichtschleim, das ist hier die Frage. An Stelle eines Vorwortes, in: Die Schwarze Botin, Bd. 1, 1976, teilweise nachgedruckt in: Ilse Lenz (Hg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 2008.

Shulamith Firestone: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, Frankfurt a.M. 1975.

Karin Hausen: Patriarchat. Vom Nutzen und Nachteil eines Konzepts für Frauengeschichte und Frauenpolitik, in: Journal für Geschichte 1986, Nr. 5.

Gudrun-Axeli Knapp: Die vergessene Differenz, in: Feministische Studien, Bd. 6, Nr. 1, 1988, nachgedruckt in: Gudrun-Axeli Knapp: Im Widerstreit. Feministische Theorie in Bewegung, Wiesbaden 2012.

Koschka Linkerhand (Hg.): Feministisch streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen, Berlin 2018.

Louise Otto-Peters: Das Recht der Frauen auf Erwerb. Blicke auf das Frauenleben der Gegenwart, Berlin 2015.

Heidi Rosenbaum: Formen der Familie. Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstruktur und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 1982.

Roswitha Scholz: Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats, Bad Honnef 2000.

Alice Schwarzer: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich. Beginn einer Befreiung, Neuausgabe, Frankfurt a.M. 2002.

Alice Schwarzer (Hg.): Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz, Köln 2002.

 

Anmerkungen:

11 Linkerhand macht daraus auch gar kein Geheimnis. In der Einleitung zu Feministisch streiten erklärt sie: »[Es] muss im Vordergrund stehen, dass – bei aller notwendigen innerfeministischen Kritik – der Feind das Patriarchat ist, nicht die andere Feministin.« Damit ist übrigens gleich mitgesetzt, dass es Kritik nur innerfeministisch geben darf. Was das für die Kritik Außenstehender bedeutet, beleuchtet das Flugblatt der AG No Tears for Krauts in diesem Heft.

12 Zum historischen Wandel der Familienformen vergleiche Heidi Rosenbaums Studie Formen der Familie.

13 Im Kapitel Nestbeschmutzerinnen. Zum Stand der feministischen Islamkritik schließt sich Linkerhand der Behauptung Alice Schwarzers an, dass »Verhüllung und Entblößung von Frauenkörpern zwei Seiten derselben patriarchalen Medaille sind«, die im Vorwort zu Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz auftaucht. Dort verkennt auch Schwarzer die elementaren Unterschiede zwischen westlichem und islamischem Frauenbild, zumal sie fortfährt, dass auf der Medaille »geschrieben steht: Frauen sind der Besitz der Männer«.

14 Es reicht schon jetzt so weit, dass Linkerhand auf Abstand geht zu den Islamkritikern Necla Kelek und Ayaan Hirsi Ali, weil sie unter anderem »für patriarchale Strukturen im Westen unempfindlich« seien.

15 Das Buch ist auch bekannt unter seinem englischen Originaltitel The Dialectic of Sex. The Case for Feminist Revolution.

16 Der Text heißt im französischen Original Pour un feminisme materialiste und findet sich in englischer Übersetzung im Sammelband Close to Home. A Materialist Analysis of Women’s Oppression.

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Im Oktober des Jahres 2017 veröffentlichte die New York Times einen Artikel, der dem amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein sexuelle Belästigung und Nötigung vorwarf. Zu diesem Zeitpunkt war es zumindest in Hollywood ein offenes Geheimnis, dass Weinstein für die Besetzung einer Rolle zuweilen sexuelle Gefälligkeiten verlangt. Mit der Veröffentlichung des Artikels erfuhr auch die breite Öffentlichkeit, dass er es nicht bei unlauteren Angeboten beließ. Zuweilen drohte er den Schauspielerinnen an, seinen Einfluss geltend zu machen, um ihre Karrieren in der Filmbranche zu ruinieren, falls sie sich weigerten, mit ihm ins Bett zu gehen. Bereits dieser Artikel rief ein immenses Echo hervor. Ein zweiter, der wenige Tage später in der Zeitung The New Yorker erschien, veröffentlichte die Aussagen verschiedener Mitarbeiter von Weinsteins Produktionsfirma, die unter anderem zugaben, das Vorgehen des Produzenten gedeckt zu haben. Er nannte auch erstmals die Namen zweier Frauen, die behaupteten, von Weinstein vergewaltigt worden zu sein.

Rückblende

Für ihren »Dienst an der Öffentlichkeit« erhielten die beiden Autoren der Artikel im vergangenen Jahr den Pulitzerpreis, mit dem die Jury explizit die Enthüllungen und Debatten honorierte, die sie nach sich zogen. In den Wochen nach den Veröffentlichungen wurden weitere glaubwürdige Anschuldigungen gegen verschiedene namhafte Vertreter der amerikanischen Filmbranche erhoben, denen man mehrheitlich sexuelle Belästigung vorwarf. Fast alle Beschuldigten, die nun in den Verdacht gerieten, wiederholt am Arbeitsplatz Frauen bedrängt und genötigt zu haben, gehörten der Kultur- und Medienbranche an. Die Vorwürfe warfen Licht auf die Zustände an Orten, an denen Leistung sich nicht in Stückzahl und Zeitstunden messen lässt. Orte, die nicht nur Menschen anziehen, die bereit sind, sich für Ruhm zu verkaufen, sondern auch jene Typen, die in dem Selbstverständnis leben, dass ihre Großzügigkeit bei der Rollenvergabe an anderer Stelle erwidert wird. Hollywood bietet Narzissten eine große Bühne. Anstatt jedoch eine Diskussion über die Arbeitsverhältnisse in Los Angeles, Deutschen Rundfunkanstalten und Staatsopern zu führen, entfernte sich die Debatte hierzulande mit jedem Tag mehr von ihrem eigentlichen Gegenstand. Von Tag zu Tag zog sie weitere Kreise: Nachdem weitere Enthüllungen auf sich warten ließen, weichten deutsche Journalisten einfach den Tatbestand der sexuellen Nötigung auf und behaupteten wider aller Evidenz die Existenz einer allgegenwärtigen Kultur, die sexuelle Gewalt gegen Frauen befördere und ihre Opfer verstummen ließe. Penetrante Blicke, anzügliche Kommentare und beiläufige Berührungen am Arbeitsplatz wurden zusammen mit juristisch fixierten Straftaten unter demselben Hashtag verhandelt. Das entsprach nicht zuletzt dem Wunsch der Leserschaft, die eigene Malaise auf ein gesellschaftliches Übel zurückzuführen. Wie das funktioniert, führten ihnen die Autoren selbst vor, denen das Themenfeld Macht, Arbeit und Sex genug Stichworte bot, um sich ihre privaten Sorgen und Nöte in selbstgerechten Pamphleten von der Leber zu schreiben. Ein Rückblick in die deutsche Presse gewährt zwar wenig Aufschluss über die Zumutungen, die Frauen zu erdulden haben, dafür jedoch tiefe Einblicke in das Seelenleben deutscher Journalisten. So war nicht immer klar, was sie meinten, wenn sie sich über Chefs ausließen, die ihre Macht benutzen würden, um ihre Untergebenen zu demütigen, oder wenn sie sich in die Psyche sexbesessener Vorstände hinein fantasierten, die sich einfach nähmen, was sie wollten. Um die eigenen Demütigungen und Wünsche zu beschreiben, ohne etwas über die tatsächliche Situation von Frauen sagen zu müssen, brauchte es nicht viel: Es genügte eine vorangestellte Solidaritätsadresse an den Feminismus.

Weinende Männer

In der Frankfurter Rundschau war ein Autor in diesem Sinne besonders freizügig.17 Die Parteinahme für den Feminismus fiel bei ihm umso wortgewaltiger aus, je mehr er von den tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnissen absah. Zum Unrecht, das Frauen geschieht, fiel ihm nichts ein, zu ominösen Herrschaftsstrukturen indes jede Menge. »Wenn eine unterdrückte Gruppe an den Säulen einer Herrschaftsstruktur rüttelt, dann wird den Herrschenden auch mal schwindlig. Das ist das Mindeste. Sollen Strukturen der Herrschaft aufgelöst werden, dann muss das nicht unbedingt zu Enthauptungen führen, aber um ein wenig Tumult kommen wir Herren und Damen nicht herum. […] Und selbst vorhandene Unterschiede müssen gar nicht aufgelöst werden, dürfen aber de facto keine Rolle spielen. Manche Menschen sind größer und stärker als andere, manche klüger. Aber jeder versteht, dass wir erst dann in einer gerechten Gesellschaft leben, wenn diese Faktoren nicht Chancen determinieren, Würde oder rechtlichen Status.« Gesellschaftliche Unterschiede, die existieren, aber de facto keine Rolle spielen, gibt es nicht. Es stellt sich die Frage, was sein Wunsch nach einer Gesellschaft, in der Körpergröße und Intelligenz nicht mehr Chancen determinieren, mit dem Geschlechterverhältnis zu tun hat. Der Autor, der seinen Wortschatz dem linken Akademikersprungbrett Phase 2 entnommen zu haben scheint, dachte dabei vor allem an die Vorteile, die eine Rollenangleichung für seinesgleichen bietet: »Und bei all der Macht, die wir Männer im Zuge dieser Entwicklung wohl verlieren werden, es gibt auch einiges zu gewinnen. In einer emanzipierteren [sic!] Welt muss nicht jeder ein hetero-harter Kerl mit Hang zu Technik und Fußball sein. Er kann Gefühle zeigen, ohne zum Schwächling abgestempelt zu werden. Der Mann muss nicht jede Antwort parat haben, hatte er vorher ja auch nicht. Die Bürde des Versorgers der Familie bleibt ihm erspart.« Offenbar treibt den Autor vor allem Selbstmitleid um, wenn er an die Ungleichheit der Geschlechter denkt. So sinniert er über die Vorteile einer Welt, in der seinesgleichen Schwäche zeigen darf, nicht mehr Rede und Antwort stehen und den Versorger der Familie spielen muss. Ihn plagen einfach die vom Partner und Chef herangetragenen Erwartungen. Derart die Bürden des Mannes bedauernd, geht er offenbar davon aus, dass seine weiblichen Kollegen im Privaten und im Beruf mehr Nachsicht erfahren als er selbst. Dies zeigt endgültig, was es mit seiner mit revolutionärem Pathos vorgebrachten Parteinahme für den Feminismus auf sich hat.

Nach dem Lesen dieser Zeilen liegt die Vermutung nahe, in den Redaktionsräumen der Frankfurter Rundschau wäre die Zeit stehen geblieben. Oder welche abschreckenden Zustände stehen dem Autor vor Augen, wenn er von einer Welt träumt, in der nicht jeder Kerl ein Autobild- und Kicker-Abonnement haben muss? Immerhin redet er über eine Zeit, in der Frauen bei der Bundeswehr unter dem Oberkommando von Ursula von der Leyen an der Waffe dienen, während Heute-Journal-Sprecher Klaus Kleber in einer laufenden Sendung beim Erzählen einer rührseligen Anekdote mit seinen Tränen ringt – was damals viele Zuschauer nicht etwa unprofessionell, sondern anrührend fanden. Der Autor tut einfach so, als gäbe es nach wie vor ein steifes Rollenbild, das die gesellschaftliche Norm bestimmt. Selbstverständlich existieren immer noch Milieus, in denen Männer, die in der Öffentlichkeit heulen, verlacht werden. Der Fernsehsender DMAX, der Reportagen über technische Wunderwerke und Überlebenstrainings in der sibirischen Taiga ausstrahlt, hat seinen Platz auf dem Fernsehmarkt gefunden. Deutschsprachige Hip-Hop-Crews wie K.I.Z mit ihren »Fick-die-Fotze«-Reimen belegen die vordersten Plätze der Charts. Doch aus diesen Phänomenen spricht weder das Fortexistieren irgendwelcher heteronormativer Strukturen geschweige denn eines bürgerlichen Patriarchats. Der faszinierte DMAX-Zuschauer bewundert an den Maschinen, Bauwerken und Männerkörpern die Zuverlässigkeit, Größe und Härte, die er selbst nicht mehr besitzt. Die kahlgeschorenen Jungs von K.I.Z haben nicht deshalb so viele Fans, weil sie eine Norm besingen, sondern kraftmeierisch Tabus brechen. Mit anderen Worten: Beide Phänomene bezeugen vor allem die fortschreitende Auflösung männlicher Vorherrschaft und tradierter Rollenbilder. Der Autor des zitierten Artikels interessiert sich nicht für das merkwürdige Neben- und Ineinander von rührseligen Männern und harten Kerlen. Er nimmt es noch nicht einmal zur Kenntnis. Ihm geht es ausschließlich um seine eigenen Wehwehchen.

Trotzige Frauen

Ein weiteres Beispiel für die Neigung deutscher Journalisten, die eigenen Befindlichkeiten in Pamphleten zum Geschlechterverhältnis zu verhandeln, bot eine Autorin in der Zeit.18 Der Titel des Artikels, #OhneMich, kündigt eine trotzige Abrechnung an. Ein Versprechen, das auch eingehalten wird: »Die #MeToo-Debatte hat ein enorm verbreitetes Verhalten zutage gefördert: die Selbstverständlichkeit, mit der Männer Frauen als knackige Körper und leichte Beute betrachten und ernsthaft glauben, ein kurzer Griff oder markiger Spruch sei kein Grund zur Aufregung.« Eine Korrektur an dieser Stelle: Die Erlebnisse und Bekenntnisse, die unter dem Hashtag ihren Weg an die Öffentlichkeit fanden, haben nur gezeigt, dass es Männer gibt, die Frauen belästigen, nötigen und manchmal sogar vergewaltigen. Das hat weltweit für ziemliche Empörung gesorgt, Rücktritte erzwungen, Kündigungen und Anklagen nach sich gezogen, was ganz und gar nicht darauf hindeutet, dass die Mehrheit der Gesellschaft solch ein Verhalten hinnimmt. Die Autorin hält sich auch nicht weiter damit auf. Ihr geht es um ein tieferliegendes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, das sich in den in der Debatte verhandelten Fällen geäußert hätte: »Darunter liegt die sozial verfestigte Asymmetrie, dass es bei Frauen mehr aufs Aussehen ankommt als bei Männern. Dies ist ein altes, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden etabliertes und in sehr vielen Gesellschaften auftauchendes Muster. Bei der Partnerwahl und auch sonst im Leben gilt: Die Frau muss in erster Linie schön sein; beim Mann schadet Schönheit nicht, sie wird durchaus goutiert, entscheidend sind aber letztlich Status oder Leistung. Die Frau ist mehr als Körper präsent, der Mann mehr als Geist, Witz, Wille.« Schief wird das Verhältnis vor allem durch das Bild, das die Autorin von ihm zeichnet. Sie verwechselt die Kriterien, die im Kontaktanzeigenteil der Zeit bei der Partnersuche vorherrschen, mit denen, die auf dem Sexualmarkt tatsächlich maßgebend sind. Außerhalb des Feuilletons sind Geist, Witz und Wille bestimmt nicht die primären Dinge, über die sich Männer profilieren, sondern wohl Statur, Vermögen und Status. Das Leistung – unabhängig vom Geschlecht – längst kein maßgebender Faktor mehr ist – weder auf der Stellen- und erst recht nicht auf der Partnerbörse –, hat sich selbst schon bei Soziologen herumgesprochen, die unnötigerweise ganze Bücher schreiben, in denen sie erzählen, dass wir in einer Spaßgesellschaft leben. Das Bild, das die Autorin vom Geschlechterverhältnis zeichnet, ist wenig mehr als eine Projektion. Sie stört sich ohnehin weniger daran, dass Frauen immer noch mehr leisten müssen, um dieselbe Anerkennung zu erfahren, als an ihrer Kleiderwahl, die jene Asymmetrie reproduziere: »Mädchen tragen Hotpants, Businessfrauen figurbetonte Kostüme und glänzende Strumpfhosen, feiernde Frauen im Nachtleben sind durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle. […] Solange wir uns bereit erklären, unsere Hintern in hautenge Hosen zu zwängen, unsere Beine in Strumpfhosen vorzuführen und auf hohen Absätzen daherzuklappern, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir als ›knackiger Hintern‹ oder ›scharfe Schnitte‹ wahrgenommen werden.« Da nicht zu erwarten sei, dass Männer irgendwann nochmal Herren ihrer Sinne werden, appelliert die Autorin an die Frauen, bei der Morgentoilette in den nüchternen Verwaltungsmodus überzugehen: »Legt die Kosmetikdosen in den Schrank und kauft sie nie mehr nach. Wenn ein Männergesicht ohne Tünche schön genug ist für die Welt, warum nicht auch ein Frauengesicht? Hört auf, jeden Tag schicke, formlich und farblich aufeinander abgestimmte Klamotten zu tragen! Zieht das an, was im Schrank gerade oben liegt. Spart die Energie, die das Schminken, Augenbrauenzupfen, Nägellackieren, Beinerasieren, Schmuckanlegen, Shoppen, Durchblättern von Modemagazinen kostet, und steckt sie in das Voranbringen eurer Karriere durch Lernen, Leistung, Sachverstand, oder wahlweise in Spaß und Erholung. Geht nicht mehr als einmal im Vierteljahr zum Friseur.«

Der Artikel ist eine einzige Frechheit gegenüber Frauen. Dass er trotzdem von zahlreichen Lesern positiv aufgenommen wurde, legt nahe, dass die Autorin mit ihren im Text geäußerten Wünschen nicht alleine ist. Bei ihr lösen weniger Männer, die wenig Respekt gegenüber Frauen aufbringen, Unbehagen aus, sondern vielmehr die ganzen Strapazen des Zurechtmachens. Sie findet das tägliche Schminken und Anziehen nur lästig, da es Zeit frisst und Nerven kostet. Das Gefühl, anderen gefallen zu müssen, empfindet sie als ungemeine Belastung. Ihr infantiler Überdruss an den alltäglichen Verpflichtungen geht soweit, dass sie bereit ist, die Möglichkeiten individueller Selbstentfaltung aufzugeben, um sich dem sozialen Druck zu entziehen. Bei ihr löst die Vorstellung, sich ein Leben lang auf dem Arbeits- und Sexualmarkt behaupten zu müssen, mehr Entsetzen aus, als ein religiöser Zwangsverband, in dem die Familie von der Heirat bis zur Arbeit alles arrangiert. Eine Gesellschaft, in der die Frauen so wenig voneinander zu unterscheiden wären, wie jene, die im Islam unter die Burka gezwängt werden, stellt für sie im Vergleich dazu das geringere Grauen dar. In der Umma wäre sie von der Last befreit, sich täglich aufs Neue der Konkurrenz stellen zu müssen. Vor einem entgültigen, individuellen Rückzug vom Markt der Eitelkeiten zögert sie, weil sie die berechtigte Befürchtung hegt, von solch einem Schritt Nachteile zu erleiden. Auch deshalb, vor allem aber aus bloßem Neid auf die Vorzüge anderer, will sie ihre heimlichen Konkurrentinnen zur kollektiven Abrüstung bewegen. Auf einem derart befriedeten Markt, auf dem es dann verstärkt auf die inneren Vorzüge ankäme, rechnet sie sich erhöhte Chancen aus. Trotz ihres Appells weiß natürlich auch die Autorin, dass es bei der Partnerwahl auch dann noch auf das Aussehen ankommen würde, wenn alle dieselbe Uniform trügen. Schminke und Kleidung sind eine Möglichkeit, ererbte Makel zu kaschieren, sprich biologische Nachteile wettzumachen. Ohne solche Mittel wäre jeder auf das zurückgeworfen, was ihm Mutter Natur in die Wiege gelegt hat. In einer solchen Welt würde es noch viel barbarischer zugehen als in einer Gesellschaft, die allen die Verantwortung aufbürdet, selbst für das eigene Glück zu sorgen.

Behind the scenes

Die beiden Autoren der Frankfurter Rundschau und der Zeit teilen den Wunsch, sich von den Pflichten, die ihnen die Gesellschaft auferlegt, zu befreien – ein Bedürfnis, das sie mit ihren Lesern gemein haben. Ihnen sprechen sie aus dem Herzen, wenn sie den alltäglichen Behauptungskampf und alles, was mit ihm einhergeht, als einzige Zumutung darstellen. Das Gefühl der Überforderung, das Autoren und Leser plagt, dürfte weniger das Produkt einer verfehlten Erziehung sein, die den Einzelnen nur unzulänglich auf die gesellschaftlichen Anforderungen vorbereitet, sondern mehr mit dem objektiven Anwachsen des sozialen Anpassungsdrucks zu tun haben. Arbeits- und Sexualmarkt verlangen eine immer größere Flexibilität. Einmal erworbenes Wissen hat nur noch einen kurzen zeitlichen Wert, wozu nicht zuletzt der technische Wandel beigetragen hat. Für den Einzelnen wird es dabei immer undurchsichtiger, welche Strategie auf lange Sicht Erfolg verbürgt. Die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen wurde längst zu einer sozialen Forderung erhoben, während der persönliche Werdegang bis ins hohe Alter von ständigen Branchen-, Job- und Wohnortwechseln geprägt ist. Der Zwang zur permanenten Mobilisierung verschärft sich zwar in Zeiten der wirtschaftlichen Krise enorm, äußert sich aber auch verstärkt in Phasen anhaltender Hochkonjunktur. Er greift zudem auf die Freizeit über. In zahlreichen Branchen ist es weniger die fachliche Qualifikation, die über längere Zeiten Garantien bietet, sondern vielmehr das persönliche Netzwerk. Ein weitreichender Freundeskreis und eine solvente Familie sind die bessere Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. In der wieder steigenden Zahl der Eheschließungen äußert sich, verdeckt unter dem Wunsch nach verlässlichen Verhältnissen, auch die Panik vor dem Abstieg. Nicht zuletzt die Sozialen Medien sind Ausdruck der verschärften Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, der längst die Privatsphäre nach seinen Gesetzen umgemodelt hat. Ihre Bewertungsfunktionen lassen den sozialen Status zu einer messbaren Größe werden. Der Nutzer wird nicht nur dazu genötigt, das eigene Leben dem fremden Urteil preiszugeben. Er wird fortwährend mit den Biographien von Freunden, Bekannten und Fremden konfrontiert, zu denen er sich ins Verhältnis setzt. Nachrichten nötigen zu einer schnellen Antwort, erfährt der Sender doch sogleich, wann sie gelesen wurden. Die Kommunikation hat zudem die Verbreitung von Moden und Trends aller Couleur enorm beschleunigt. Facebook, Instagram, Tinder und Co. sind nicht nur Abbild des gestiegenen Drucks zur sozialen Anpassung, sondern tragen gleichzeitig zu seiner Verstärkung bei. So haben sie nicht nur den Sexualmarkt gewissermaßen in Zeit und Raum ausgedehnt, sondern zeitgleich auch die Konkurrenten einander näher gebracht.

Auf diesen verschärften sozialen Druck reagieren die Autoren der beiden Artikel mit infantiler Rebellion. Ihr Wunsch ist es, sich der individuellen Verantwortung für das eigene Leben zu entledigen. Aus Angst davor, dabei als Verlierer vom Platz zu gehen und aus Neid gegenüber dem Glück der Anderen, sehnen sie sich nach einer Gesellschaft ohne Unterschiede. Zusammen mit ihren begeisterten Lesern träumen sie von einem Land, in dem es keine Konkurrenz mehr gibt, in dem die Unterschiede zwischen den Menschen keine Bedeutung mehr besitzen und das niemandem die Freiheit bietet, sich von den Anderen abzuheben. Man wünscht sich an einen Ort, an dem man immer Nachsicht erfährt, keine Verantwortung tragen muss, nicht mehr mit lästigen Fragen konfrontiert wird, Rasur und Schminken sich erübrigen, niemand mehr irgendwelche Privilegien genießt und Enttäuschungen immer ausbleiben. Das Themenfeld Arbeit, Sex und Gewalt bietet eine perfekte Projektionsfläche für diesen Charakter. Der überforderte Volontär, der in irgendeiner Redaktion buckelt, fand für seine alltägliche Demütigung durch seine Vorgesetzten einen Namen; frustrierte Frauen fanden nun Zuhörer und Zuspruch; alle erhielten die Chance, im Dienste der Öffentlichkeit über ihre Bettgeschichten zu erzählen; jeder konnte die tagtägliche Belastung, die er empfindet, mit dem Alpdruck tradierter Rollenbilder identifizieren. So ist das herausgeschriene »Me too!« nicht die Losung von Frauen, die zum Schweigen verdammt sind, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse ihnen keine Stimme geben. Es ist vorrangig die Losung eines Menschenschlags, der jederzeit bereit ist, Alles und Jeden für das vorenthaltene Glück in die Pflicht zu nehmen, aber niemals dazu, die persönliche Verantwortung dafür zu übernehmen.

Harald J. Finke

 

Anmerkungen:

17 Vgl. Daniel Dillmann: Der verunsicherte Mann ist verschmerzbar, Onlineausgabe Frankfurter Rundschau, 9.12.2018.

18 Vgl. Barbara Kuchler: #OhneMich, Onlineausgabe Die Zeit, 12.11.2017.

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Von Schwestern und Muttis

Wir dokumentieren ein Flugblatt, das die Gruppe No Tears for Krauts (Halle) anlässlich der Veranstaltung »Mütterimagines, Mückenstiche und die selbstverschuldete Unmündigkeit der Frau« Anfang des Jahres im Leipziger Conne Island verteilt hat.

Werte Feministen,

seid Ihr auch der Meinung, dass Frauen für die bürgerliche Gesellschaft zu schwach sind und lieber im Kinderzimmerersatz der schwesterlichen Wohlfühlkommune leben sollten? Seid Ihr auch überzeugt, dass Frauen ein bisschen blöde sind und deshalb eine Übermutti brauchen, die ihnen das Selberdenken abnimmt? Nein? Wirklich nicht? Das freut uns, denn es bedeutet, dass die »antifeministische Regression« bei Euch noch nicht so weit fortgeschritten ist wie bei denen, die sie beschwören.

Denken in engen Grenzen

Die Feministische Intervention will heute Abend, so man ihre Ankündigung ernst nimmt, den Grundstein für ein Hausverbot gegen Magnus Klaue und Thomas Maul im Conne Island legen. Die beiden haben es nicht nur gewagt, sich als Männer zu Geschlechterfragen zu äußern, sondern waren auch noch so dreist, »das Conne Island als zentralen Veranstaltungsort der Leipziger Linken« mit ihrer Kritik zu belästigen. Das ging dann wirklich zu weit. Prompt treten die Türhüter feministischer Denkkeuschheit auf den Plan. Weil sie Euch offenbar für kleine, dumme Mitläufermädchen halten, wollen sie Euch verordnen, mit wem Ihr auf keinen Fall spielen dürft.

Uns überrascht das nicht. Denn Leipziger Feministen führen schon länger eine groteske Tradition der deutschen Frauenbewegung fort: Im Namen der Emanzipation der abstrakten Frau wird die konkrete für dumm verkauft. Mehr noch als bei Alice Schwarzer in ihren schlechtesten Tagen ist dies seit Anbeginn das Erfolgsrezept der Religion des »materialistischen Feminismus«, der im Vortrag gehuldigt wird. Ihre Leipziger Pfaffen Outside the Box, Koschka Linkerhand – und jetzt eben Feministische Intervention – gefallen sich sehr darin, von der Kanzel den Kreuzzug gegen das Patriarchat auszurufen. Von ihren »Schwestern« (Linkerhand ununterbrochen) erwarten sie nur, den Katechismus zu kennen und die kritische Botschaft weiterzutragen. Widerspruch ist unerwünscht.

Im Ankündigungstext wird das Vaterunser wiederholt, die Leier vom »bürgerlichen Subjekt, das sich wesentlich über kapitalistische Sphärentrennung und damit die Abspaltung von Weiblichkeit und Reproduktion konstituiert«. Dieses einfache Glaubensbekenntnis – das Vermächtnis der sonst zu Recht vergessenen Exit-Wertkritikerin Roswitha Scholz – ist alles, was es für den Eintritt in die materialistisch-feministische Kirchgemeinde braucht. Wie bei religiösen Dogmen üblich, stört es nicht, dass es sich vor der Vernunft blamiert, solange es Einigkeit unter den Gläubigen schafft. Die Wenigsten von Euch dürften sich eingehend mit der Scholz’schen Wertabspaltungskritik beschäftigt haben. Wir empfehlen die Lektüre ihres Buchs Das Geschlecht des Kapitalismus ausdrücklich, und geben eine Schmunzelgarantie, wenn ihr der Phalloplastik am Wert zuseht.

Quadratisch, praktisch, gut

Für diejenigen unter euch, die diesen Quark weniger lustig finden als wir: Wenn Ihr ehrlich seid, wisst Ihr selbst gut genug, dass Euch Fragen der Marx’schen Wertformanalyse gar nicht interessieren. Genauso wenig wie Euch die Kritik des vorherrschenden Subjektcharakters beschäftigt, denn dann wäre Euch klar, dass die »krisenhafte Verfasstheit des männlichen Subjekts« zwar wunderschön nach Kritischer Theorie klingt, das widersprüchliche bürgerliche Subjekt aber längst von seiner postmodernen Variante abgelöst wurde. Euch geht es doch im Kern darum: Ihr wisst so gut wie wir, dass es Frauen teilweise immer noch schwerer haben als Männer. Das wollt Ihr verstehen und dagegen aktiv werden. Ihr sucht nach einer Theorie des Geschlechterverhältnisses, die auf einen Bierdeckel passt und die Lösung aller Probleme gleich mitliefert. Der materialistische Feminismus macht Euch mit dem »warenproduzierenden Patriarchat« (Scholz) ein kundenorientiertes Angebot, das Ihr gerne akzeptiert. Ihr müsst dafür nur so lustige Sachen wie den »Schatten des Werts« (wieder Scholz) hinnehmen und immer, wenn die Theorie mal gar nicht passt, vom »verwilderten Patriarchat« (natürlich Scholz) reden – schwuppdiwupp: Schon könnt Ihr (marxistisch fundiert!) eine universelle Männerherrschaft behaupten und schwer gesellschaftskritisch gegen Mann und Kapital in den Kampf ziehen.

Wir möchten Euch jedoch an die unangenehmen Konsequenzen erinnern, die es hat, Linkerhand & Co. zu folgen: Ihr müsst zum Beispiel leugnen, dass von Männern und Frauen gleichermaßen ein Mix aus »klassisch männlichen« und »klassisch weiblichen« Fähigkeiten verlangt wird – führen, Probleme lösen, sich durchsetzen, aber auch zuhören, im Team arbeiten und Rücksicht nehmen. Und Ihr müsst so tun, als würden Frauen nicht völlig selbstverständlich arbeiten – in Führungspositionen und »Männerberufen« –, während viele Männer, auch wenn es ganz schön lange gedauert hat, dann doch noch kochen und putzen gelernt haben. Leider müsst Ihr auch einen großen Schritt zurück zum Queerfeminismus machen, den Ihr eigentlich vernünftigerweise ablehnt, weil den materialistischen Feministen weibliche Identität sehr wichtig ist. Und nicht zuletzt müsst Ihr Euch von ihnen zu Schwestern im Opferkollektiv erniedrigen lassen, statt intelligente, selbstbewusste und durchsetzungsfähige Bürger zu sein, die ohne Bevormundung Erfolge feiern, mit anderen ihr Leben genießen und einen lockeren Umgang mit ihren Genitalien pflegen.

Schwestern unter sich

Für die Feministische Intervention und ihre Freunde hängt einiges am Schutz versprechenden Frauenkartell, dem sie vorstehen – von Buchverkäufen über regelmäßige Vortragseinladungen bis hin zur schlichten Befriedigung, eine Bewegung hinter sich zu wissen. Um sich als einzige Hilfe für angeblich entrechtete Studentinnen aufspielen zu können, legen sie sogar nahe, innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft hätten Frauen keine Chance, sich zu verwirklichen. Dann lieber als Jammerguerilla und mit »Leidenschaft unter Frauen« (Linkerhand) in den Krieg gegen die männliche Gesellschaft ziehen. Selbst wenn man die Reste von Bürgerlichkeit so nicht zu Fall bringt, hat man die Solidarität der anderen Selbstmitleidigen sicher.

Wer den materialistischen Feministen allerdings die Schwesternschaft aufkündigt, gilt ihnen als Verräter. Schlimmer ist nur, wenn Außenstehende – ohne vorheriges frauenbewegtes Bekenntnis – Kritik üben. Magnus Klaue zog ihren Hass auf sich mit seinem Vortrag Doof geboren ist keiner, in dem er Frauen aufforderte, um einer Emanzipation Willen, die den Namen verdient, mit dem deutschen Feminismus zu brechen. Genauso Thomas Maul, der in Verdrängung der Prostitution unter anderem gezeigt hat, dass die meisten Frauen ohnehin lieber ihr eigenes Glück suchen als das des Gesamtgeschlechts und sich nicht zum Opfer machen lassen. Im Text Asexuelle Belästigung entzifferte er mit David Schneider den heroischen Kampf junger Feministen gegen das Patriarchat als einen gegen die bürgerliche Zivilisation statt gegen die sexistischen Männer. Die lesenswerten Texte finden sich sämtlich in der Bahamas #78. Klaue und Maul haben sich zur Zielscheibe der Feministischen Intervention gemacht, weil sie es wagten, den Amazonen des Auenwaldes zu widersprechen und sogar noch in ihr Hoheitsgebiet an der Koburger Straße einzudringen. Spätestens jetzt müsste den letzten klar sein, was mit »Feministisch Streiten« schon immer gemeint war: Wer kein szenegeprüfter Feminist ist, darf nicht kritisieren, und wenn er es tut, triff er nicht auf Streitlust, sondern auf Beleidigtsein und Gallespucken.

Wer’s glaubt, ist selbst schuld

Einen Vorgeschmack auf das heute Abend zu Erwartende gibt der Ankündigungstext, aus dem die nackte Angst der Verfasser spricht, Ihr könntet sie zukünftig links liegen lassen. Sie muss so plagend gewesen sein, dass selbst die durchschaubarste Lüge noch als Rettungsanker erschien. So wird den Autoren der Bahamas als einzig denkbare Motivation »versagte Befriedigung«, »gekränkte Theoretikermännlichkeit«, kurz: »Frauenhass« unterstellt – in der Hoffnung, Ihr würdet den abgegriffenen Geht-immer-Topos vom traurigen alten Sack schlucken und deshalb weder die Texte lesen noch Euch mit dem Sachgehalt ihrer Einwände beschäftigen. Doch damit nicht genug: Den Gipfel der Peinlichkeit markiert das Wortspiel mit den Namen Mauls und Klaues, das die Verfasser noch zwanghaft unterbringen wollten. Sie dichten ihnen – wie einfallsreich – »Mäuler und Klauen« an, machen sie also in schlechter linker Tradition zu Tieren.

Und dann wäre da noch die Verleumdung mittels sinnentstellenden Zitierens. Es wird behauptet, Maul und Klaue hätten über Feministen gesagt: »Kaum des Lesens und Schreibens mächtig (1) und unabgelöst von ihren Müttern (2), seien sie so unwillens wie unfähig, ›Männer, sei es sexuell oder gar intellektuell, zu befriedigen‹ (3).« Die ersten beiden Punkte beziehen sich auf Klaues Vortrag, der dritte auf den Text Asexuelle Belästigung. Also der Reihe nach: (1) Offensichtlich baut Doof geboren ist keiner in seiner Gänze auf Klugem auf, das Frauen geschrieben haben. Klaue kritisiert, dass große Teile der Zweiten Frauenbewegung »weibliche Ästhetik« und »Frauenliteratur« für sich entdeckten, statt sich am universellen Anspruch zu messen, den vorher Männer gesetzt haben. Seine Pointe ist gerade, dass Frauen genauso gut denken und schreiben können wie Männer, wenn sie sich nicht vorauseilend selbst herabsetzen. (2) Kein therapeutisches Analyseergebnis stellt Klaue vor, sondern – Marina Moeller-Gambaroff folgend – eine psychoanalytische Kritik der Zweiten Frauenbewegung am Kult der Schwesternsolidarität: Der Vater steht für Verbot, Gesetz, Verinnerlichung und Individuation, die Mutter hingegen für Gewährung und Schutz. Wer nur auf das Patriarchat schimpft, attackiert einseitig den Vater, verleugnet die Mutter und bekommt so den Konnex von Schutz, Gewährung und Herrschaft nicht in den Blick. In diesem psychoanalytischen Argument steckt nirgends ein Bezug auf individuelle Frauen. Den stellen erst die Denunzianten her. Und abschließend (3): Maul und Schneider klagen niemanden an, Männer nicht befriedigen zu wollen oder können. Sie stellen stattdessen nüchtern fest, dass die heutige Durchschnittsstudentin sich nicht nach einem Verhältnis mit ihren Professoren sehnt, so wie auf der Gegenseite der »lüsterne Professor« meist nur noch eine »Lagerfeuerstory« ist. Ihr Vorwurf besteht einzig darin, dass dieses anachronistische Klischee dennoch ständig als Beleg für Alltagssexismus herangezogen wird.

Wem jedes Mittel Recht ist, um seine Kritiker zu verunglimpfen, der ist nicht nur verzweifelt, sondern hält auch seine Adressaten für beschränkt. Wir trauen Euch – trotz aller Dummheiten, für die Leipzigs radikale Linke berüchtigt ist – bedeutend mehr zu als die Feministische Intervention, Outside the Box und Koschka Linkerhand. Feminismus praktisch werden zu lassen, hieße, ihnen heute auf den Zahn zu fühlen und zukünftig den Rücken zu kehren.

Eure
AG No Tears for Krauts
Januar 2018

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»Wir sind für dich da«

Um Diskriminierte und Erniedrigte zukünftig nicht mehr tatenlos ihrem Schicksal auf dem Campus der hallischen Universität zu überlassen, besteht seit letztem Jahr die Präventionsstelle Diskriminierung und sexuelle Belästigung. Warum der Kampf gegen strukturelle Gewaltverhältnisse ein Kampf gegen Windmühlen ist, beweist die zu institutionalisiertem Herrschaftswissen geronnene Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik selbst, die zur Verschlimmbesserung der Situation beiträgt.

Wer kennt sie nicht – die taxierenden Blicke, das indiskrete Ausfragen, die diskriminierenden Witze und zufälligen körperlichen Annäherungen im stinknormalen Uni-Alltag? Um endlich einen diskriminierungs- und gewaltfreien Umgang miteinander zu gewährleisten, aber auch – so mutmaßt man – um mehr Punkte für die nächsten Hochschulrankings zu sammeln, hat der Senat der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Reißleine gezogen und entsprechende Richtlinien erlassen. Denn wie es scheint, ist das Leben von Studenten wesentlich stärker von psycho-physischen Grenzverletzungen beeinträchtigt als das eines Normalbürgers in der überfüllten Straßenbahn, in der Kneipe oder beim Aktivierungskurs des Jobcenters.

Um den allseitigen Macht- und Gewaltverhältnissen inner- und außerhalb der Universität entgegenzutreten, so die kulturwissenschaftlich geschulte Koordinatorin der Präventionsstelle Sabine Wöller in einem Interview, sei es notwendig, Diskriminierungssensibilität zu schaffen, Opfer zu beraten sowie diverse Beratungsstellen und dutzende Interessenvertretungen zu vernetzen. Auch eine Kultur des Hinsehens solle geschaffen werden.

Ein ungewollt komischer Hingucker ist der Flyer der Präventionsstelle, der mit dem Slogan »Wir sind für dich da« um Aufmerksamkeit buhlt. Diese Worte erinnern nicht zufällig daran, dass fürsorgliche Eltern ihrem Nachwuchs eine Atmosphäre verlässlicher Zuwendung und emotionaler Sicherheit schaffen. So wie gelingende elterliche Versorgung zur Stärkung des Urvertrauens beim Kind beiträgt, stellt die Präventionsstelle hier in Aussicht, den wehrlosen und hilfsbedürftigen Studenten in einer ihnen feindselig gegenüberstehenden akademischen Welt unter die Arme zu greifen.

Wenig überraschend ist, dass die Projektkoordinatorin und ehemalige Sprecherin des AK Queer Reinsteigern grenzüberschreitendes Verhalten zum subjektiven Empfinden des Opfers erklärt. Entscheidend ist demnach allein, wie eine Person die jeweilige Interaktion mit ihrem Gegenüber empfindet. Ursache und Wirkung drohen hier zu entkoppeln, so dass Bauchgefühle, Intuitionen, Andeutungen und Verdächtigungen als verlässliche Bezugsgrößen gelten, um eine missliebige Person zu denunzieren. Ist die Unschuldsvermutung erstmal außer Kraft gesetzt, so ist der Weg für internalisierte Selbstdisziplinierung bereitet. Denn Antidiskriminierung schafft auch ein Klima der vorbeugenden Einschüchterung.

Besonders aufschlussreich ist die Bildsymbolik des Werbeträgers. Darauf sind ausschließlich empowerte Repräsentanten optisch unterscheidbarer Minderheiten zu erkennen, die trotz und wegen realer oder vermeintlicher Stigmata in bunter Vielfalt auf der herrschaftsfrei gezeichneten Spielwiese des Campus harmonisch koexistieren, unter sich bleiben und allein aufgrund ihrer Verschiedenheit eine Bereicherung im Sinne postmoderner Identitätspolitik verkörpern. Die Abbildung zeigt ein lesbisches, interkulturelles Studentenpärchen mit Kind beim Picknicken. Daneben sitzt ein blinder, weißer Mann mit seinem Assistenzhund, dessen Rasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung nicht erkennbar sind. Davor ist ein vollbärtiger, arabischstämmiger Student zu sehen, der lässig, mit dem Rücken an das Löwengebäude gelehnt, auf sein Smartphone starrt und Kopfhörer trägt. Im Vordergrund flaniert eine bunt gekleidete Kopftuchträgerin über den Campus. Hinter ihr steht eine schwarze Studentin, die sich unbefangen umsieht. Die Figuren sind beziehungslos im Raum angeordnet. Sie haben sich nichts zu sagen, verfügen aber als Selbstermächtigte über eine ausgeprägte Sprachsensibilität, die zum hysterischen Rundumschlag bereit ist, sobald ein Kränkungsgefühl auftritt. Dagegen verblassen die nur schwach konturierten Figuren im Hintergrund und lösen sich beinahe spukhaft in ihrer Zugehörigkeit zur Dominanzkultur auf.

Die in Szene gesetzten Repräsentanten verschiedener Communities definieren sich meist ausschließlich über ihre Abweichung von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, reagieren aber zum Teil hyperallergisch auf Fremdzuschreibungen. Diese wehren sie als Stereotypisierung, Respektlosigkeit, Intoleranz und Angriff auf die eigene Definitionsmacht ab. Damit immunisieren sie sich gegen Kritik. Einst stand es im Widerspruch zu linker Politik, Menschen aufgrund persönlicher Merkmale verschieden zu behandeln, da dies nicht vereinbar war mit Vorstellungen von Gleichheit und Universalismus. Heute brüsten sich links-progressive Befürworter offizieller Identitätspolitik damit, Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit zu sortieren und entsprechend zu behandeln. Paradoxerweise erscheint Gleichberechtigung so durch die nachdrückliche Hervorhebung der Ungleichheit von Menschen verwirklicht. Für offizielle Sprachrohre von Minderheiten hat es oftmals höchste Priorität, die Position des Schwachen zu zementieren. Denn das Festhalten an der Rolle des Opfers hat, ungeachtet der realen Lage, zumeist positive Effekte, stiftet es doch Gemeinschaft, ermöglicht positive Diskriminierung und lässt sich sogar als Mittel von Machtausübung einsetzen. Minderheitenpolitik strategisch zu betreiben, ist allemal Erfolg versprechender, als die privilegierte Position als Vertreter einer Gruppe aufzugeben. Folglich lassen sich Empowerment und Diversity Management als asphaltierte Wege in die Sackgasse des identitätspolitischen Erfolgsmodells verstehen.

Mit den angeordneten Sensibilisierungsmaßnahmen zur Steigerung der Achtsamkeit für Verhalten und Sprache ist ein weiterer Baustein dafür gelegt, ein steriles Arbeits- und Lernklima zu besiegeln, worin tendenziell die Bereitschaft zur Bespitzelung, Empörung, Kränkbarkeit, Hysterie und vor allem Denunziation wächst. Wenn eine Lehrkraft zukünftig das Gender-Sternchen vergisst, mag sich bereits der eine oder andere auf den Schlips getreten fühlen. Wo beginnt und wo endet Diskriminierung? Darüber nachzudenken sei Seminarteilnehmer*innen der Cultural Studies überlassen, denen es Freude zu bereiten scheint, in Endlosschleife freie Kreise im poststrukturalistischen Diskursblabla zu drehen, um in sprachlichen Leerformeln die letzten Reste von Sinn zu dekonstruieren.

Walentina Warszawski

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Hijab-Bastelbogen (Teil 1)

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Editorial

Nachdem Donald Trump am 6. Dezember des vergangenen Jahres angekündigt hatte, die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, folgte innerhalb kürzester Zeit vor allem in Europa die obligatorische Welle antisemitischer Zusammenrottungen. In Göteborg wurde eine Synagoge mit Molotowcocktails angegriffen, und in Berlin verbrannte der Mob selbstgemalte Israelfahnen. Da alle Dinge eine Weile brauchen, bis sie in Halle ankommen, dauerte es bis zum 16. Dezember, dass sich auch hier eine Schar von etwa 40 Hobbypalästinensern am Steintor zusammenfand. Da es sich bei den Demonstrationsteilnehmern mehrheitlich um Migranten aus Syrien handelte, wütete die Menge überwiegend auf Arabisch gegen den Judenstaat. Die wenigen deutschsprachigen Demobeiträge bewegten sich zwischen abstrusen Horrormärchen (»Israelische Polizeihunde fressen unsere Kinder!«) und wenig versteckten Mordphantasien (»Das kleinste Kind von uns will euch töten!«). Angestachelt wurden die Kundgebungsteilnehmer nicht nur vom Gedanken daran, dass Jerusalems Altstadt auf absehbare Zeit nicht wieder so judenrein werden wird wie vor dem Sechs-Tage-Krieg. Als erreichbares Feindbild vor Ort dienten auch etwa 20 Gegendemonstranten, die aufgrund der mitgebrachten Israelfahnen als Reinkarnation des Bösen betrachtet wurden.
Die Funktion des deutschsprachigen Stimmungsmachers übernahm im Wesentlichen die aus der Nähe von Damaskus stammende Razan Afifi, die gemeinsam mit ihren Schwestern Jehan und Safa maßgeblich für die Organisation der Demonstration verantwortlich war. Jehan Afifi hatte auch die Facebook-Veranstaltung zur Kundgebung erstellt. Die drei hatten ihre Kinder mitgebracht und missbrauchten ihre Schützlinge im Kleinkindalter mehrfach dazu, judenfeindliche Parolen ins Mikrophon zu kreischen. Darüber hinaus brachte Razan Afifi ihre vermeintliche Herkunft als moralisches Grundkapital ins Spiel, indem sie sich als palästinensischer Flüchtling ausgab. Das heißt natürlich nicht, dass sie jemals in Palästina gelebt hat. Das trifft noch nicht einmal auf ihre Eltern zu. Da aber ihre Großmutter aus der Gegend kommt, jammerte Afifi, sie wolle ebenso nach Palästina »zurückkehren« wie ihr Sohn, der nicht im Nahen Osten sondern im Osten von Deutschland geboren wurde. Um der Welt zu zeigen, wie ernst ihr die Sache ist, will Afifi den Schlüssel zum großmütterlichen Haus, das sicher schon längst nicht mehr steht, nicht dem Schrotthändler übergeben, sondern ihren Kindern vererben. Die Tobsucht dieser Frau kann nicht mit einem Verweis auf das Schicksal vieler Migranten verklärt werden, die dazu verdammt sind, am Rande der Gesellschaft vor sich hin zu vegetieren. Stattdessen bewegt sie sich in deren zeitgemäßer Mitte. Afifi ist vor zehn Jahren der Liebe wegen nach Halle gezogen, um hier mit ihrem Mann zu leben, den sie in Kairo kennenlernte und mit dem sie inzwischen drei Kinder hat. Sie selbst versucht sich als Künstlerin, während ihr Partner im akademischen Betrieb beschäftigt ist. Zusammen mit den beiden Schwestern ist das Paar tief in der hallischen Zivilgesellschaft im Bereich der Flüchtlingshilfe verankert. Es ist unter anderem auf den Bekanntheitsgrad der Familie bei den hallischen Gegen-Rechts-Aktivisten zurückzuführen, dass sich zunächst kaum jemand für die krassen antisemitischen Ausfälle zu interessieren schien – hinter vorgehaltener Hand sicherte man den Afifis eher Unterstützung zu. Keiner ihrer Freunde wollte sie auch nur annähernd nach den gleichen Maßstäben beurteilen, die man angelegt hätte, wenn auf der Kundgebung etwa ein Götz Kubitschek vor das Mikrofon getreten wäre.
Vor diesem Hintergrund wandte sich die neugegründete Initiative gegen antisemitische Propaganda mit einem Offenen Brief an Matthias Brenner, den Intendanten des Neuen Theaters in Halle. An dessen Haus wurde Fassbinders »Angst essen Seele auf« als Integrationsstück inszeniert, für das man als originäre Vertreter des Migrantentums Razan und Safa Afifi mit ihren musikalischen Projekten auf die Bühne holte, um das hallische Kulturvolk mit folkloristischen Gesangs- und Tanzeinlagen zu erheitern. Brenner war von der Aufmerksamkeit gar nicht begeistert. Da hallische Antirassisten ihre exotischen Maskottchen ohnehin nicht für voll nehmen und niemand sich von deren Macken sein selbstgerechtes Engagement madig machen lassen will, sprangen deshalb in entmündigender Manier zunächst Brenner und der Ehemann von Afifi in die Bresche, um die Frau in Schutz zu nehmen. Brenner bekannte sich zwar offen als Freund des Engagements gegen Antisemitismus. Wenn es um Israel geht, scheint er sich im Wesentlichen jedoch mit den Afifis darin einig zu sein, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Nur die Form der Kritik passt nicht so ganz zum verantwortungsvollen, deutschen Umgang mit dem Holocaust. Dementsprechend hatte Brenner kein grundsätzliches Problem mit der israelfeindlichen Demonstration, lediglich »das Verhalten einiger Demonstranten« war für ihn »nicht tolerierbar«.
Und so setzte Brenner alles daran, mit dem Handwerkszeug eines Schauspielintendanten (hinhaltendes Phrasengedresche, Larmoyanz und Einladungen zum Runden Tisch) Gras über die Sache wachsen zu lassen. Aufgrund der medialen Aufmerksamkeit führte jedoch kein Weg an der öffentlichen Reinwaschung der rasenden Afifi vorbei. Sie entschuldigte sich medienwirksam bei Max Privorozki, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Halle. Vor der Presse wiederholte sie, was man ihr zuvor eingebläut hatte. »Ich bin keine Antisemitin«, erklärte sie und zog zu ihrer Verteidigung den Umstand heran, dass sie beim Anblick eines Davidsterns rot sähe: »Ich habe mich von meinen Emotionen leiten lassen und mein Denken war abgeschaltet.« Stellvertretend für die hallische Zivilgesellschaft akzeptierte Brenner die Dreistigkeit, um endlich wieder in Ruhe »gemeinsam für ein menschenwürdiges Zusammenleben eintreten« zu können – für eine Gesellschaft also, die auch in Zukunft nicht zuhören wird, wenn jemand wie Max Privorozki auf die wachsende Gefahr des islamischen Antisemitismus hinweist.

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Köthener Jungs

Andreas Reschke über die Fixierung der guten Deutschen auf Nazis und das Desinteresse am Islam.

 

Die Köthener Familie Ritter hat es im Laufe der Jahre zu einiger Prominenz geschafft. Seit nunmehr 23 Jahren besucht der Fernseh-Hochkaräter Stern TV die Familie und dokumentiert das Elend eines Milieus, das von der Gesellschaft seit Generationen abgehängt ist und es vor allem auch bleibt. Die drei Söhne der Familie waren schon im Grundschulalter delinquent und wuchsen in einer Atmosphäre der Gewalt, Verwahrlosung und des Alkohols auf. Dass die Jungs der Familie keine linksakademischen Plaudertaschen geworden sind, sondern drogen- und alkoholabhängige Schläger mit zum Teil langjährigen Haftstrafen, ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass Kommune und Staat diese Familie abgeschrieben haben. Weder das zuständige Jugendamt noch Sozialarbeiter oder das Sozialamt haben wirksam eingegriffen, um den Kreislauf aus materiellem und geistigem Elend zu unterbrechen. Einer der Jungs lebte zwischenzeitlich in einem Kinderheim, blühte dort auf und schien zumindest teilweise soziale und emotionale Beeinträchtigungen, bedingt durch sein Umfeld, kompensieren zu können. Nach vier Jahren Heimunterbringung kam er im Alter von dreizehn Jahren wieder nach Köthen zu seiner Familie zurück und setzte umgehend die Familientradition – bestehend aus exzessivem Alkoholkonsum und dissozialem Verhalten – fort.
Als im Oktober 2017 Stern TV erneut in Köthen aufschlug, hatte sich die Situation vor Ort kaum geändert. Die Familie und die Nachbarn im Obdachlosenheim warten schon seit Jahren auf eine Dusche, das Wohnhaus ist abbruchreif, und die Bewohner sind chancenlos, diesen Verhältnissen zu entfliehen. Die Versuche der Mutter, sich eine normale Wohnung anzumieten, scheiterten nicht zuletzt an der Stigmatisierung der Familie, für die wesentlich Stern TV verantwortlich ist. So bleiben die Mitglieder dieser Familie sich selbst überlassen und sind gezwungen, in ihrer Sperrmüllbude auszuharren. Auch wenn es Mitarbeiter des Jugendamtes überrascht, aber stumpfe Verhältnisse bringen stumpfe Menschen hervor. Keines der Familienmitglieder hat Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Keiner kann einen halbwegs verständlichen Satz formulieren. Und Affektkontrolle ist ebenfalls kein zentrales Erziehungsziel in solch einem Umfeld. Dass die Söhne der Familie zum Teil Nazischläger geworden sind, dürfte eher Ausdruck ihrer Verrohung als ihrer Gesinnung sein. Es ist nicht davon auszugehen, dass sie ihre Nazidevotionalien wie ein Rudolf-Hess-Plakat (»Von die Rechtsradikalen«) deswegen so gerne vorzeigen, weil sie infolge umfangreicher Lektüre von NS-Schriften überzeugte NSDAP-Fans geworden sind. Grund genug aber für diverse Antifaseiten auf Facebook, die Familie mit Hohn und Spott zu überziehen. Während sich also wackere Mittelschichts-Antifaschisten an ihrem Unterschichtenporno ergötzten und die Unglücksritter aus Köthen ein breiteres Publikum erhielten, wurde ein anderer Köthener Junge mit recht wenig Aufmerksamkeit bedacht. Nicht nur, weil er nicht autochthon ist, wurde er von linken Antifaschisten weitgehend ignoriert; sondern vor allem, weil er im Namen des Islam und nicht im Namen von Rasse und Vaterland agierte.
Im August 2017 begann am Landgericht in Halle ein Prozess gegen einen jungen Syrer, der in der Nähe von Köthen auf einem Bauernhof der evangelischen Jugendhilfe lebte. Der laut Eigenauskunft 16-Jährige hatte zuvor im Internet Sympathie für den IS bekundet und angekündigt, dass er »etwas Größeres« vorhabe. Laut Mitteldeutschem Rundfunk (MDR) soll der Jugendliche »einem Chatpartner, der verdeckt als Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz arbeitet, […] erklärt haben, er sei nicht nach Deutschland eingereist, um hier zu leben, und auch nicht, um mit einem Messer ein oder zwei Menschen zu töten«. Der junge Syrer beschaffte sich im Internet bereits Anleitungen zum Bau von Bomben und erkundigte sich danach, wo er Sprengstoff auftreiben könnte. Da der Angeklagte minderjährig ist, fand der Prozessauftakt unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das Desinteresse der wackeren Antifaschisten an solchen gar nicht so seltenen Fällen hat aber weit weniger mit diesem Umstand zu tun, als mit einer Scheu, islamischen Terror zu benennen und zu kritisieren. Viel zu groß ist die Angst, würde man diesen potenziellen Attentäter als Beispiel für die Barbarei des Islam heranziehen, als Islamfeind oder gar als Rechtspopulist dazustehen. Diese Furcht einerseits und das notorische Abarbeiten an der AfD oder der geltungssüchtigen Trottel-WG von Kontrakultur andererseits sind Merkmale eines Antifaschismus, dem es nur um die gute Gesinnung geht. Wenn man sich – ohne Müh’ und Kost – ganztags von Rechtspopulisten abgrenzt, während diese ohnehin weitgehend gesellschaftlich isoliert sind, geht es in den allermeisten Fällen darum, sich gegenseitig permanent des antifaschistischen Konsenses zu versichern. Zum Pflichtprogramm des Antifaschisten gehört die bierernste Warnung vor der AfD, die so manchem linken Phantasten als die neue NSDAP erscheint, und zur Entspannung erlebt er beim Fernsehbericht über die Familie Ritter ein gruselig-schönes Schauern. Dass man aber auffällig schweigt, wenn ideologische Gewaltphantasien – so sie denn eben islamischer und nicht rechter Natur sind – real werden, ist bezeichnend. Antifa-Facebookseiten, zivilgesellschaftliche Opferberatungsstellen oder Recherche-Fuzzis interessieren sich zwar für jeden Thor-Steinar-tragenden Vorstadtproll, nicht aber für jene Szene, die oft viel zielsicherer, geplanter und hinterhältiger als die lokale Nazigang Morde plant und im schlimmsten Fall auch umsetzt.
Gegen die juristische Unterstützung von Opfern rechter Gewalt spricht nichts; im Gegenteil ist solche Hilfe oft notwendig, damit Betroffene die Täter anzeigen und vor Gericht bringen können. Dass aber Vereine wie die hallische Mobile Opferberatung und andere zivilgesellschaftliche Gruppen Betroffene von Hate Crimes unterstützen, wenn die Schläger nicht Mario oder Melanie heißen, ist nicht bekannt. Wenn Ibrahim oder Mohammed und deren Kumpels in Flüchtlingsunterkünften Mitbewohner drangsalieren, weil sie Christen oder Atheisten sind oder weil sie es wagen, tagsüber während des Ramadans ein Glas Wasser zu trinken, können sich die Opfer sicher sein, dass sie vom Staat und dessen Antifa vergessen werden. Es ist schon bemerkenswert, wie penibel die Staatsantifa das Internet nach Verfehlungen von Rechten durchforstet, während die alltäglichen Zumutungen durch den Islam ausgeblendet oder bagatellisiert werden. Antifagruppen und ihre ganzen zivilgesellschaftlichen Ableger befinden sich damit gänzlich auf Regierungslinie, nach der die AfD der große Volksfeind sei und der Islam vor einigen wenigen auf Abwegen geratenen Terroristen gerettet werden müsse – und es fällt den Guten noch nicht einmal auf. Wer also von, wie es in jenen Kreisen gerne heißt, »gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit« redet und dabei nur an abgehängte Köthener und die AfD denkt und nicht an jene, die keinen Hehl daraus machen, dass sie die Juden gerne tot sehen würden; wer also die Gefahren durch den politischen Islam kleinredet oder gar ignoriert, sollte gefälligst zum Antisemitismus das Maul halten.

Andreas Reschke

 

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Ein Abgesang auf die Hafenstraße 7.

 

Kurz nach dem Jubiläum seines zweijährigen Bestehens steht das soziokulturelle Zentrum »Hasi« vor dem Aus. Als im September 2017 die Gestattungsvereinbarung zur Nutzung des Hauses auszulaufen drohte und der das Projekt in der Hafenstraße 7 betreibende Capuze e.V. und die Hallesche Wohnungsgesellschaft (HWG), der das Objekt gehört, keine Einigung erzielten, setzten die Aktivisten auf den Rückhalt aus der städtischen Politik. Sie riefen ihre Unterstützer dazu auf, Transparente mit der Aufschrift »Hasi bleibt!« aus ihren Wohnungen zu hängen und druckten Sticker mit derselben Botschaft. Es dauerte nicht lange, da prangte in bester Wahlkampfmanier ein Aufkleber an jeder zweiten Laterne, und vor zahlreichen Häusern flatterten bemalte Bettlaken herum. Obendrein lud man alle Wohlgesonnenen zu einer öffentlichkeitswirksamen Vollversammlung in den hauseigenen Garten und bekam von der Tageszeitung (Taz) eine Reklameveranstaltung mit dem Titel »Etwas stimmt mit ›Hasi‹ nicht« ausgerichtet. Die Mobilisierung des weltoffenen Halles schien erfolgversprechend: Oberbürgermeister Bernd Wiegand und drei der fünf Stadtratsfraktionen (Linke, Grüne, Mitbürger) sprachen sich öffentlich für den Erhalt des Projekts aus. Im Dezember 2017 entschied sich der Stadtrat jedoch gegen den Kauf des Objekts, de facto also gegen eine langfristige Legalisierung. Folglich lief Ende Januar 2018 die Duldung aus und so bangte die Hafenstraße 7 bei Redaktionsschluss um ihr Fortbestehen. Weshalb man sich weder über eine bestehende, noch über eine ehemalige »Hasi« Illusionen machen sollte, erläutert Paul-Holger Seiden.

 

Die Hausbesetzer der 1970er bis 1990er Jahre hatten es noch vergleichsweise leicht, sich auf der Basis ihrer eigenen Taten ein Selbstbild als Revolutionär zuzulegen. Zwar hatte stets ein Teil der Bevölkerung offene oder zumindest heimliche Sympathien für sie, auch einige Politiker zeigten für manche ihrer Anliegen Verständnis. Dennoch kam es hin und wieder zu Räumungen und Straßenschlachten mit der Polizei. So konnten sich die Hausbesetzer als Gegner des Systems, der Staatsmacht und böser »Spekulanten« in Szene setzen. Wenn heute die Protagonisten über die damalige Zeit sprechen, tun sie das meist mit funkelnden Augen. Völlig nebensächlich erscheint ihnen, dass sie ein in allen Belangen angepasstes Leben führen und sich von »damals« nur den Ökokitsch, ihr Faible für kollektives Wohnen samt aufreibender Hausplena und die Liebe zu verfallenden Altbauten behalten haben. Die wilde Zeit möchten sie keinesfalls missen. Sie ist ein integraler Bestandteil der eigenen Identität.
Wer heute jung und links ist, hat es weitaus schwerer mit dem Abschluss einer ähnlich gut verzinsten Anlage ins eigene Gewissen: Fast alle Hausprojekte sind legalisiert. Wer zur Selbststilisierung noch die pathetische Floskel vom »Leben im besetzten Haus« bemüht, blamiert sich deshalb zuallererst. Den Gegnern linker Zentren stehen mindestens genauso viele Befürworter gegenüber, die die Bedeutung der Aktivisten für das kulturelle Leben der Stadt und ihr Engagement gegen den Rechtsextremismus loben. Und kommt es mal zu einer Besetzung, die nicht nur symbolischer Natur ist, ist der weitere Ablauf ebenfalls vorhersehbar: Entweder es erfolgt zügig eine Räumung, die so unspektakulär ist, dass sie kaum zur Tresengeschichte taugt. Oder man lebt in einer Stadt wie Halle, die händeringend versucht, sich ein kulturell interessantes und alternatives Image zu verschaffen. Dann suchen deren Vertreter sofort das nette Gespräch bei Kaffee und Kuchen, sprechen binnen weniger Tage eine informelle Duldung und kurz darauf eine formelle aus.

 

Radikale Politikberatung

Genau das ist die Geschichte der Initiative »Wir brauchen Platz!«, die am 06. Januar 2016 eine ehemalige Gasanstalt in der Hafenstraße 7 besetzte. In den Tagen kurz danach – als die gesamte Front des Hauses mit Transparenten voll kämpferischer Parolen behängt war, Leute aus der Umgebung ihren Sperrmüll als freundliche Gabe vorbeibrachten und es weder Strom noch fließend Wasser gab – schnupperten manche noch den Hauch von Widerstand. Schon die Taufe des Objekts auf den infantilen und dümmlichen Namen »Hasi« zeigte jedoch an, wohin die Reise gehen sollte. Spätestens als nach nicht einmal drei Wochen eine Gestattungsvereinbarung mit der HWG unterzeichnet wurde, die den Aktivisten garantierte, das Gelände unter einigen Auflagen mindestens 20 Monate lang nutzen zu dürfen, war das rebellische Selbstbild kaum mehr aufrechtzuerhalten. Aufgeben konnte man es aber auch nicht.
Denn die Pflege der subversiven Fassade dient nicht nur dem eigenen Gewissen. Der »Hasi« geht es genau wie anderen linken Häusern auch: Da man sich schließlich durch die Einnahmen von Partys und Kleinstspenden finanziert, ist man auf einen möglichst großen Kreis von Unterstützern angewiesen. Die wiederum wollen sich natürlich auch irgendwie vormachen können, dem Schweinesystem Paroli zu bieten. Schon deshalb ist man gezwungen, große Ideale vor sich herzutragen: Es wird stets von Selbstbestimmung, Hierarchiefreiheit und Basisdemokratie geschwätzt. Dazu sei das Projekt ein antifaschistischer, antisexistischer, antirassistischer Leuchtturm – die Antis lassen sich bekanntlich beliebig erweitern – innerhalb der zum jeweiligen Gegenteil zurechtgelogenen Gesellschaft.
Besonders originell ist all das nicht. Einfallsreicher fiel hingegen die Begründung der eigenen Widerständigkeit im zur Besetzung Anfang 2016 verteilten Flugblatt aus.1 Dort beschwerte man sich, dass »es vielen sozialen und kulturellen Projekten an Geld und Raum« fehle. »In einer Zeit, in der viele staatliche Aufgaben zum Großteil von selbstorganisierten Initiativen übernommen werden, kann es nicht möglich sein, dass die notwendige Infrastruktur nicht zur Verfügung gestellt wird.« Über den Plan der Aktivisten erfährt man: »Angedacht sind Projekträume zur freien und unkommerziellen Nutzung für verschiedenste Gruppen: Werkstätten, Unterrichtsräume, ein Lesecafé, Infrastruktur für Geflüchtete und Büro-, Arbeits- und Seminarräume für Initiativen, die keinen Platz haben. […] Der neu geschaffene Raum ermöglicht es, diese wichtige Arbeit ohne finanziellen Druck voranzubringen.« Man hat offenbar kein großes Problem damit, dass der Staat sukzessive soziale Aufgaben an die vielbeschworene Zivilgesellschaft abgibt. Dementsprechend fehlt auch jede Kritik an der deshalb wachsenden Konkurrenz zwischen den Initiativen um finanzielle Zuwendungen, die sie tendenziell zu staatsabhängigen, rivalisierenden Cliquen formt. Empörend ist für die Verfasser einzig und allein, dass der Staat diesen Prozess nicht optimal gestaltet, insofern er nicht genug Infrastruktur für die arbeitshungrigen Aktivbürger bietet. Deshalb wollen ihm die Besetzer jetzt mal zeigen, wie das richtig geht. Die Aktivisten geben Politikern Nachhilfe in effektiver Ausbeutung ideologietrunkener Wohltäter.

 

Unnötig und trotzdem da

Darüber hinaus enthält die zitierte Erklärung auch die Lebenslüge des Projektes. Die zahlreichen Gruppen, wegen derer man angeblich ein Haus besetzen musste, um ihnen den zum Arbeiten notwendigen Raum zu schaffen – es gab sie nie. Mitnichten füllte sich die »Hasi«, wie angekündigt, nach und nach mit allerlei sozialen und kulturellen Vereinen. Das ist auch wenig überraschend: Die staatlich geförderten Zivilgesellschaftsvereine können aus ganz banalen Gründen nicht in der Hafenstraße 7 arbeiten. Sie benötigen schließlich Büro- und Seminarräume, in die man Klienten einladen kann, ohne sich völlig zu blamieren – und damit das genaue Gegenteil des abrissreifen Hauses. Linke Gruppen haben ihrerseits bereits genug Orte, an denen sie sich austoben können, insbesondere die anderen hallischen Hausprojekte. Und da selbst diese beim Betreten einen weniger starken Fluchtreflex auslösen als das neubesetzte Haus, gab es niemanden, der auch nur entfernt an einen Umzug dachte. Ganz ähnlich verhält es sich mit den kulturellen Initiativen. In Halle gibt es ausreichend Orte für Vorträge, Ausstellungen, Workshops, Partys usw., die allesamt zentraler gelegen, ansehnlicher und geräumiger sind als die ehemalige Gasanstalt. Von Anfang an war also klar: Niemand braucht Platz.
So offensichtlich die Lüge vom fehlenden Raum schon immer war, so sehr musste sie zwanghaft aufrechterhalten werden, um das Bestehen des Projektes zu rechtfertigen. Also bemühten sich die Besetzer, irgendwie das Haus voll zu bekommen. Zahlreiche hallische Politgruppen, zivilgesellschaftliche Initiativen und Kleinkünstler wurden angebettelt, sich doch bitte in den neuen Räumlichkeiten zu engagieren. Auch gänzlich Unbedarfte sollten mittels des regelmäßig stattfindenden Nachbarschaftscafés und des wöchentlichen Familiennachmittags auf das Gelände gelockt werden. Bis heute ist die erste Antwort der Aktivisten auf die Frage, wie man sie unterstützen könne, immer dieselbe: Man soll in der Hafenstraße Zeit verbringen oder – noch besser – Veranstaltungen organisieren. Die verzweifelte Suche nach Leuten, die dem Projekt Leben einhauchen, beweist dessen Überflüssigkeit. Noch die fadenscheinigste Ausrede wurde bemüht, um den Schwindel nicht zugeben zu müssen: Beim Lokalfunk Radio Corax behauptete ein Vertreter der Initiative, es wären nur deshalb kaum Gruppen eingezogen, weil die auf 20 Monate befristete Gestattungsvereinbarung diesen nicht ausreichend Planungssicherheit geboten hätte. Klar! Das Wichtigste für Linke ist und bleibt die Planungssicherheit.
Doch alle Verschleierungsversuche halfen nichts: Mit der Zeit schwand bei vielen Außenstehenden der Glaube, der Schlappohrstall trage maßgeblich zur Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements bei. Allzu große Schwierigkeiten bereitete das den Aktivisten aber nicht. Denn sie hatten der angeblichen Notwendigkeit des Projekts von Anbeginn eine weitere Stütze gebastelt. Im Stile zeitgenössischer Marketingexperten stellten sie der Hafenstraße eine Leerformel anheim, die ein wohliges Gefühl erzeugt und für ein ganzes Lebensmodell steht. Sie machten ein Wort zum Angelpunkt ihrer Werbestrategie, das schon ewig durch die subkulturellen Kreise geistert: Freiraum.

 

Feindbild Stadt

Die große Stärke des Freiraumbegriffs liegt darin, dass niemand weiß, was er eigentlich bedeutet. Dass die ersten Assoziationen jedenfalls durchweg positiv ausfallen dürften, garantiert schon der Wortbestandteil »frei«. Zwar nichts über seinen Inhalt, dafür umso mehr über die Funktion des Wortes erfuhr man bei einer Demonstration im Juli 2017. Etwa 300 Leute zogen quer durch Halle und forderten den Erhalt ihrer sogenannten Freiräume. Im dazugehörigen Aufruf heißt es: »alles Mögliche wird in und um Freiräume herum organisiert«. Sie »prägen das Stadtbild«, »erscheinen vielen als selbstverständlich«, sind gar »für eine freie Gesellschaft fundamental« und ohnehin »ein Grundbedürfnis«.2 Was auch immer diese Freiräume sind, sie scheinen immens wichtig zu sein – und bedroht sind sie obendrein.
Neben der Gentrifizierung sei es vor allem die Stadt Halle, die bei der Verdrängung der Freiräume kräftig mitmachen würde. Als Beweis dafür präsentiert der Aufruf den bevorstehenden Umzug der Fahrwerk-Skatehalle und die Schließung der Szenelokalität La Bim. Es interessiert die Verfasser kein bisschen, dass sich die hallischen Skater immens auf die brandneue Halle freuen, die sie von der Stadt als Ersatz für die alte bekommen. Auch dass das La Bim Ende 2017 schließen musste, weil es von der privaten Erbengemeinschaft, die den größten Teil des dazugehörigen Geländes besitzt, vor die Tür gesetzt wurde und sich Vertreter der Stadt seitdem bemühen, ein Ersatzobjekt zu finden, blieb unerwähnt.
Die sich hier abzeichnende Realitätsverweigerung erreichte ihren Gipfel dann auf der Demonstration selbst. In einem Redebeitrag hieß es, man selbst habe »kaum mehr als nichts«, der »Charme des Randständigen und Verwegenen« (also die Hässlichkeit des Hauses) entspringe »der Not, dass es heute höchstens noch möglich ist, an ein paar Abrissbuden heranzukommen.«3 So einfach lassen sich Empfänger von BAföG oder elterlichen Spesen, die ihre Verachtung für Schönheit und Luxus frei gewählt haben, zu gesellschaftlich Abgehängten umlügen. Der Schwindel stützt gleichzeitig die Selbstimagination als Rebell und das Feindbild Saalestadt. Er hilft zu vergessen, dass in Halle noch das letzte kulturelle Projekt aus Gründen der Imagepflege unterstützt wird. Und so heißt es dann: »Die Städte sind für uns zu feindlichen Territorien geworden.«
Diese Feindbestimmung, mit der man an den Jahrzehnte alten Antagonismus zwischen besetzten Häusern und ihrer Umwelt anknüpfen will, enthält den eigentlichen Zweck der Rede vom Freiraum. Die Inhaltslosigkeit des Wortes ist gewollt, damit es beliebig gewendet werden kann. Es kommt nicht darauf an, etwas Bestimmtes mit ihm zu bezeichnen – das zeigt schon der Umstand, dass ein soziokulturelles Zentrum und ein Skatepark nichts gemein haben und dennoch beides Freiräume sein sollen. Worum es geht, ist, einen Kampfbegriff zu haben, mit dem man die diffuse Feindschaft zur kalten, durchkapitalisierten Welt ausdrücken kann, von der man nichts versteht und nichts verstehen will. Würden sich die Freunde der »Hasi« einmal die Mühe machen, der eigenen Empörung eine Analyse der Verhältnisse folgen zu lassen, müssten sie einsehen, dass ihre Gegnerschaft zu jenen nur eine eingebildete ist.

 

Gleich und gleich gesellt sich gern

Das folgt schon daraus, dass eine Stadt nicht allein auf die verhassten, kapitalstarken Investoren (im Jargon der Aktivisten: »Immo-Haie«) angewiesen ist, sondern auch auf Leute, die in ihr leben möchten. Nun inszeniert sich Halle marketingtechnisch als »Medienstadt«, das heißt sie schielt weniger auf reiche Firmenchefs als auf junge Kreative, die bekanntlich nur mit ihrem Fimmel für Selbstverwirklichung und Subversion zu haben sind. Weil sich die Saalestadt nach den Interessen dieses den Mainstream verabscheuenden Mainstreams richten muss, der Lebensqualität in Subkultur und einer großen alternativen Szene sieht, braucht sie genau solche Projekte wie die Hafenstraße. Insofern war es alles andere als ein Verrat am Projekt, als bei einer öffentlichen Diskussion vorgeschlagen wurde, das Haus ins Stadtmarketing aufnehmen zu lassen.
Dass die selbsternannten Rebellen ungefragt genau das liefern, was die Stadtgemeinschaft haben möchte, zeigt sich immer wieder. Jede Woche stehen Yoga, Impro-Tanz und Theaterproben auf dem Programm. Beim Sommerfest »Zitterhasi« konnte man Siebdruck, Jonglage, Massieren und Origami lernen, darüber hinaus, wie man ein Didgeridoo oder eine Lochkamera baut. Den Freunden der Natur bot man eine Kräuterwanderung, Esoterikern den Kurs »Zaubertränke Aphrodisieren«, Kapitalismuskritikern ein Planspiel zum Geldsystem sowie Feministen einen Vortrag zur Frauenbewegung in Rojava und den Workshop »Sexualisierte Gewalt«. Kein einziger Punkt auf dem Programm kollidiert mit dem Mainstream des gegenwärtigen Deutschlands.
Ganz direkt griff man der Stadt Halle unter anderem beim Tag des offenen Denkmals 2017 unter die Arme: Interessierten wurden stolz die eigenen Ausarbeitungen zur Geschichte der Gasanstalt präsentiert, die sich auf dem Gelände befand. Ein noch eindrucksvolleres Beispiel bot die Beteiligung am hochoffiziellen Reformationsjubiläum. Die »Hasi« veranstaltete im Rahmen der sich an Jugendliche richtenden Reihe »Du bist frei« einen »Do It Yourself-Aktionsabend«, der zu Siebdruck, Urban Gardening und zum gemeinsamen Kochen einlud. Ebenfalls Teil der Reihe: ein Gospelkonzert und ein »Bibelmarathon«. Oft wird behauptet, diese Anbiederung an die Stadtgesellschaft sei strategischer Natur gewesen, um die eigene Verhandlungsposition zu verbessern. Eine solche Verteidigung ist jedoch in zweierlei Hinsicht grotesk. Einerseits wirft sie die Frage auf, was ein Projekt überhaupt wert ist, wenn der opportunistische Haufen, der sich in ihm trifft, für dessen Erhalt bereit ist, seine Ideale zu verraten. Andererseits ist die Behauptung, man hätte bewusst taktisch gehandelt, blanker Unsinn. Die Kooperationsveranstaltungen mit der Stadt unterscheiden sich kein bisschen von denjenigen, die die Aktivisten aus freien Stücken organisieren. Es musste überhaupt niemand seine Überzeugungen zur Disposition stellen, da man sich ohnehin einig ist mit dem angeblichen Feind.
Eine Verankerung in der Realität hat die obsessiv vor sich hergetragene Gegnerschaft zu Gesamtgesellschaft und städtischen Entscheidungsträgern also ganz und gar nicht. Damit sich die Aktivisten und ihr Dunstkreis als widerständige Gemeinschaft imaginieren können, müssen sie alle Register ziehen, um die Lüge aufrechtzuerhalten. Die Verlautbarungen über die Verhandlungen mit der HWG waren vor allem eines: Propaganda. Das drohende Auslaufen der Gestattungsvereinbarung vor der Verlängerung wurde als »Illegalisierung« des Projektes bezeichnet – ganz so, als wäre es eine böse Finte der HWG, vorerst nur den bestehenden Vertrag einzuhalten. Dass die illegale Besetzung erst durch diesen legal wurde und man selbst der Befristung zugestimmt hatte, wurde geflissentlich unter den Tisch fallen gelassen. Dagegen wurde immer wieder der Vergleich mit einem Hausprojekt der neurechten Identitären Bewegung (IB) bemüht.4 Wie könne die Stadt dieses tolerieren und gleichzeitig die »Hasi« rauswerfen, so die Anklage. Die Antwort ist erschütternd banal: Die IB’ler hatten ihr Haus gekauft. Davon, dass das ein Unterschied ums Ganze ist, will man in der Hafenstraße nichts wissen.5
Der Vorschlag, das Objekt von der HWG zu kaufen – also sowohl langfristige Sicherheit als auch Unabhängigkeit zu erreichen – wurde lange Zeit spöttisch belächelt. Erst als das Projekt im Januar 2018 erneut kurz vor dem Aus stand, fasste man widerwillig auch diese Option ins Auge. Dass die Aktivisten keine allzu großen Verpflichtungen eingehen wollen, ist nur allzu verständlich, wenn man bedenkt, dass die meisten von ihnen wohl selbst damit rechnen, die Hafenstraße in absehbarer Zukunft wieder hinter sich zu lassen. Sobald sich neue persönliche Chancen bieten oder einfach die Lust vergeht, will man jederzeit aussteigen können.

 

Häschen in der Grube

Zwar stimmt es, wenn die Aktivisten schreiben, dass sie »enorm viel Zeit und Energie […] investiert, das Gelände entmüllt, das Haus nutzbar gemacht, einen Garten angelegt und Werkstätten eingerichtet« haben.6 Gleichzeitig zeugt jedoch der nach zwei Jahren noch immer schäbige Zustand des Hauses davon, dass es nie darum ging, es sich schön zu machen. Stattdessen lag der Zweck der Arbeit immer in ihr selbst. Die Plackerei im Freiraum gleicht der des Heimwerkers, der Freude daran findet, Dinge, die er problemlos kaufen könnte, selbst zu bauen. In der Hafenstraße will man vor sich hin werkeln können, ohne dass einem jemand dabei über die Schulter schaut, das Ergebnis beurteilt und nach dessen Nutzen fragt. Mit einem naiven Blick und etwas Wohlwollen ließe sich hierin sogar ein am sogenannten Freiraum zu rettender Aspekt erkennen: Nischen, in denen nicht jedes Tun dem Nutzenprinzip unterworfen ist. Nur bräuchte es dafür überhaupt kein soziokulturelles Zentrum. Solche Bereiche gesteht die bürgerliche Gesellschaft jedem zu; man nennt sie das Private. Gewiss ist die Privatsphäre kein Gottesgeschenk, sondern erfüllt gesellschaftlich die Funktion, die Reproduktion der Arbeitskraft sicherzustellen – nur wer sich zuhause ordentlich ausleben kann, ist motiviert, seinen oft eintönigen Job auszuüben. Dennoch braucht man kein Hausprojekt, um seine Freizeit nach eigenem Belieben zu gestalten und seinen Interessen nachzugehen. Ein privater Rückzugsraum war auch nie das Ziel der Alternativen. Sonst hätten sie sich einfach einen Kleingarten pachten können, in dem man sich ebenfalls zur Genüge austoben und gelegentlich Partys feiern kann. Untauglich ist die bezahlte Datsche deshalb, weil sie kaum Anlass gibt, sich als Rebell zu fühlen. Während jeder Kleingärtner weiß, dass seine Arbeit reines Hobby ist, werden Gärtnern, Innenausbau und gemeinsames Kochen in der Hafenstraße zum Fluchtpunkt des linken Daseins. Selbermachen gilt als Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaft. Gleich am Eingang zum Gelände werden Besucher mittels eines großen Schildes unterrichtet: »Hasi bleibt frei von Kommerz«. Hierin deutet sich schon an, dass hinter dem Wunschbild der Selbstbestimmung bei vielen Aktivisten oftmals nichts anderes steht als zivilisationsmüdes Aussteigertum. Davon zeugt nicht nur das von den Bewohnern der Hafenstraße betriebene und als politischer Akt verklärte Containern von Lebensmitteln. Einige Aktivisten berieten ernsthaft darüber, ob sie nicht in einem Baumhaus oder einer Erdhöhle auf dem Gelände wohnen könnten.

 

Konfliktvermeidung und Denkverbot

Dort wäre es zwar kalt, doch gegen die wohlige Nestwärme des Kollektivs kommt ohnehin keine Heizung an. Außenstehenden schwärmt man stets davon vor, wie sehr sich im Freiraum alle lieb hätten. Verschwiegen wird dabei, dass die angeblich konfliktfreie Gemeinschaft nur mit Gewalt konstituiert und aufrechterhalten werden kann. Politische Differenzen werden meist einfach mit dem Hinweis, dass alle ja irgendwie dasselbe wollen, begraben. Wenn doch einmal jemand auf die Idee kommt, dem Kollektiv zu widersprechen, stehen sofort alle anderen gegen ihn zusammen. Die Handlungsmöglichkeiten für den Einzelnen bestehen dann darin, entweder wieder einzuscheren oder ausgestoßen zu werden. Weil die drohende Stigmatisierung zum einhelligen Hassobjekt wie ein Damoklesschwert über jedem schwebt, traut sich niemand mehr, überhaupt zu widersprechen. Es entsteht eine Kultur des Abnickens, durch die sich das Kollektiv effektiv gegen die Möglichkeit inneren Dissenses abschottet. Hierdurch wird die Möglichkeit von Erkenntnisfortschritt, ja das Denken selbst verhindert, sodass die eigene »Kritik« das Niveau aufgeschnappter Parolen nicht überschreiten kann. Doch ab und an bröckelt die traute Einigkeit. Nämlich dann, wenn persönliche Differenzen auftreten, die sich nicht bei einem gemeinsamen Bier tilgen lassen. Nicht selten liegen den persönlichen Konflikten auch politische Ursachen zugrunde, die man jedoch auf die persönliche Ebene ziehen muss, weil sie anders nicht ausgetragen werden können. In solchen Fällen streitet man sich umso heftiger, denn jetzt kann endlich die ganze aufgestaute Wut rausgelassen werden, die sich bei der pausenlosen Konfliktvermeidung anstaut. Nach kurzer Zeit rauft man sich jedoch – es geht ja um die gemeinsame Sache – meist wieder notdürftig zusammen und hält insbesondere nach außen den Schein des innigen Miteinanders aufrecht.

 

Avantgarde der Linken

Diese merkwürdige Gemeinschaftsformation ist keine neue Entwicklung (vgl. hierzu Bonjour Tristesse #7). Seit jeher schwankt die Linke zwischen Gesellschaftskritik und Kommunenromantik. Schon die Hausbesetzer des 20. Jahrhunderts besetzten häufig aus politischen Gründen, waren aber nach dem Einzug größtenteils mit internen Streitigkeiten beschäftigt. Bis heute befördern linke Hausprojekte eher die Errichtung einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft als die Schaffung eines Raumes kritischer Diskussionen, da das dortige Zusammensein weniger auf vernünftigen Diskussionen und Streits basiert, als auf dem Zwang, miteinander auskommen zu müssen. In Zeiten, die nicht gerade die Versöhnung der Menschen erwarten lassen, rückt zudem das Bedürfnis, sich als Revolutionär zu fühlen, weiter in den Vordergrund gegenüber der ohnehin unerquicklichen Frage, was das eigene Tun gesellschaftlich bewirken soll.
Dennoch treibt die »Hasi« diese Tendenzen auf die Spitze. Während andere Hausprojekte entgegen der Realität in der Regel noch hartnäckig darauf bestehen, politische Akteure zu sein, geht die neue Riege der Hausbesetzer offensiver damit um, dass es ihr, allem widerständigen Gebaren zum Trotz, in erster Linie um Selbstverwirklichung und Aussteigertum geht. So erklärte ein Vertreter der Hafenstraße etwa bei einer Podiumsdiskussion, seinen »Freiraum« mache es in erster Linie aus, dass er »offen« und »freundlich« sei. Diese Abkopplung des Hausprojektes von politischen Ansprüchen ist großen Teilen der linken Szene in Halle ein Dorn im Auge. Wenn sie deshalb abschätzig über die Hafenstraße vom »Hippiehaus« reden, verdrängen sie jedoch bloß, dass sich die »Hasi« nicht grundsätzlich von den anderen Hausprojekten unterscheidet, sondern lediglich einen Schritt weiter ist.

Paul-Holger Seiden

 

Anmerkungen:

1   wirbrauchenplatz.tumblr.com/info

2   freiraumdemo.noblogs.org/

3   aergernis.blogsport.de/2017/07/16/fuer-ein-ende-der-schuechternheit/

4   Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die IB’ler ihr Hausprojekt ebenfalls als »Freiraum für Kultur, Leben und politische Arbeit« begreifen.

5   Genauso wenig davon, dass der HWG durch das Projekt nicht unerhebliche Kosten entstehen. Schließlich muss die Wohnungsgesellschaft für die Sicherheit der Nutzer garantieren. Während der Verhandlungen wies die HWG folgerichtig darauf hin, dass bei einer Verlängerung des Vertrags hohe Sanierungskosten auf sie zukämen. Und einem der betriebswirtschaftlichen Logik verpflichtetem Unternehmen falle es eben schwer, diese Ausgaben für ein einziges Objekt zu rechtfertigen – insbesondere gegenüber den Mietern, die brav monatlich zahlen. Dies wollten die Wortführer der »Hasi« überhaupt nicht einsehen und behaupteten trotzig, die veranschlagten Kosten wären künstlich in die Höhe getrieben worden, was nur Ausdruck der feindseligen Haltung des städtischen Unternehmens sei. Als etwa die HWG Heizungen im Gebäude anbringen lassen wollte, hieß es, die Ausgabe sei unnötig; die momentan vorhandenen Holzöfen würden schließlich völlig ausreichen. Ironischerweise bettelten zwei Aktivisten in einem späteren Radiointerview die Unterstützer der »Hasi« an, doch bitte ihre alten Öfen zu spenden, da es im Winter zu kalt im Haus sei.

6          hafenstrasse7.noblogs.org/projekt/

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FÜR DEN FEMINISMUS

Wir dokumentieren ein Flugblatt, dass im April von No Tears for Krauts Halle auf einer antifeministischen Demonstration mit dem Motto »Konsequent. Feministisch. Antifaschistisch. Kick them out – Nazizentren dichtmachen!« verteilt wurde.

 

Liebe Teilnehmer der heutigen Demonstration,

mal Hand aufs Herz: Kommt es Euch nicht auch etwas lächerlich vor, auf eine feministische Demonstration zu gehen, die sich gegen die Identitären richtet? Oder gar verlogen? Anscheinend nicht, denn ansonsten wärt Ihr zuhause geblieben, anstatt Euch hier bei einem Protest gegen ein Dutzend Flachpfeifen, die ohnehin niemand zu mögen scheint, als ehrenwerte Verteidiger des Fe­minismus aufzuspielen.

 

Marsch der Begrifflosen

Man kann den Leuten von der Identitären Bewegung (IB) einiges vorwerfen. Ihre Mitglieder sind gewaltaf­fin, sie haben ein Faible für faschistische Ästhetik (Seitenscheitel, Fackelmärsche) und sie träumen von ethnisch homogenen Gemeinschaften. Vor allem aber sind sie fremdenfeindliche Arschlöcher, die ein halb­wegs geschicktes Händchen haben, Aufmerksamkeit zu erregen. Dass ihnen das in der letzten Zeit so gut ge­lang, dazu habt allerdings auch Ihr beigetragen. Denn anstatt die Identitären aus der Adam-Kuckhoff-Straße einfach als unangenehme Nervensägen zu behandeln, wart Ihr wackeren Antifaschisten Euch nicht zu blö­de, sie zu einer Gefahr für alles Mögliche zu stilisieren. Und nun soll es das Frauenbild dieser Handlampen sein, das der befreiten Gesellschaft im Weg steht, von der im Aufruf die Rede ist?
Wie kommt Ihr überhaupt darauf, dass die IB son­derlich sexistisch sei? Deren weibliche Protagonisten treten sehr selbstbewusst und nun wahrlich nicht als die »Heimchen vom Herd« auf. Uns sind auch keine Verlautbarungen der Identitären bekannt, die diese als üble Sexisten überführen. Gewiss, wir sind nicht die Nazi-Experten wie Ihr. Aber so ganz haut Euer Vorwurf nicht hin. Die Identitären haben sicherlich ein traditionelles Frauenbild. Aber das ist weder dezidiert sexistisch, noch unterscheidet sich das wesentlich von anderen Milieus wie den Fans vom Halleschen Fuß­ballclub, den Ammendorfer Sportkeglern oder dem Frauenyogakurs im Iris-Regenbogenzentrum.
Mit Begriffen scheint Ihr es ohnehin nicht so genau zu nehmen. Die ständig wiederholte Behauptung, dass die Identitären durchweg Nazis seien, ist zudem nicht ganz richtig. Weder beziehen sie sich positiv auf den Nationalsozialismus, noch teilen sie dessen ideologi­schen Kern, den zur Vernichtung drängenden Antise­mitismus. Wir wollen Euch jetzt an dieser Stelle nicht mit Theorie behelligen – schließlich seid Ihr ja hier, um gegen fiese Nazischweine zu demonstrieren. Aber worin bitteschön äußern sich solche Vernichtungs­wünsche bei der IB? Das Verschwörungsdenken dieser Leute unterscheidet sie jedenfalls nicht von Attac und Co., deren Mitglieder Ihr natürlich niemals als Nazis bezeichnen würdet. Und bitte kommt jetzt nicht mit »Ethnopluralismus«. Der Begriff, den Ihr gerne an­führt, um die IB’ler als besonders schlimme Rassisten auszuweisen, taugt nicht einmal dazu, die Neue Rech­te mit ihrem Traum von einem Fest der Völker von der Neuen Linken mit ihrer Freude am Karneval der Kulturen abzugrenzen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir mögen die Jungs und Mädchen mit ihrem penetranten Hang zur Selbstüberschätzung auch nicht. Uns liegt nichts daran, sie zu verteidigen. Es spricht nichts dagegen, sie in die Schranken zu weisen – erst recht, wenn sie anfangen Leute zu bedrohen.
Aber wir finden Eure Schaumschlägerei gegen diese paar Trottel hochnotpeinlich. Euch fällt gar nicht auf, wie sehr Ihr selbst zu den Handlangern einer Politik geworden seid, der es nur noch um das reine Gewissen geht. Anwohnerinitiativen, Stadtrat, Stura und Universitätsleitung geben Statements gegen die Identitä­ren ab, die Euren Äußerungen gar nicht so unähnlich sind. Den Deppen von der IB scheint das große Heer Antifaschisten jedweder Couleur, in das Ihr Euch hier eingereiht habt, ganz recht zu kommen. Würde es sie nicht geben, Ihr müsstet sie erfinden. Heute geht Ihr mit Hunderten auf die Straßen. Wenn es aber nicht deutschstämmige Nazis sondern Migranten sind, die, wie am 16. Dezember vergangenen Jahres, eine De­monstration abhalten, die offener antisemitisch ist als jeder Aufmarsch der Brigade-Suffnazis aus der halli­schen Silberhöhe, dann bleibt ihr zuhause.

 

Selbstvergewisserung statt Feminismus

Ist es möglich, dass es Euch auch beim Thema Femi­nismus gar nicht so sehr um die Identitären geht, son­dern eher um Euch selbst? Habt Ihr schon mal dar­über nachgedacht, dass Eure Beißreflexe gegenüber dem »Nazizentrum« in erster Linie einer Vermeidung dienen? Wenn Ihr Euren Lieblingsfeinden unbeirrbar Sexismus und Rassismus unterstellt, braucht Ihr Euch gar nicht erst die Frage zu stellen, ob sie an dem einen oder anderen Punkt nicht vielleicht doch Recht haben. Gewiss, sie sind Fremdenfeinde und interessieren sich für sexuelle Übergriffe nur dann, wenn sich Migranten als Täter finden. Aber stimmt es vielleicht nicht sogar, dass das Frauenbild autochthoner Männer bei wei­tem nicht das Schlimmste ist, was der Markt derzeit hergibt? Und ist es nicht möglicherweise wahr, dass Übergriffe gegen Frauen schneller bagatellisiert wer­den, wenn sie von Zugezogenen begangen werden? Ist es nicht auch in linken Läden so, dass es bei sexuel­len Belästigungen durch einen Nicht-Deutschen aus Rücksicht auf seinen »kulturellen Background« weit­aus länger dauert, bis er eine Backpfeife bekommt als bei einem deutschen Proll?
Ihr ahnt sicherlich, was jetzt kommt: Ein durchaus beträchtlicher Teil des vom Islam geprägten Milieus – sowohl frisch zugewandert als auch Teile der schon länger hier lebenden Moslems – ist der Ansicht, dass Frauen sich den Männern zu fügen haben. Die Verführungskraft weiblicher Sexualität und deren vermeintli­cher Ausdruck – Haare, Arme, Körperlichkeit etc. pp. – wird von Anhängern des Propheten Mohammed als Bedrohung empfunden, die durch Verhüllung zu ban­nen sei. Harām gekleidete Frauen werden als »Schlam­pen« bzw. legitime Beute gesehen, was sich immer wie­der in sexueller Gewalt entlädt. Wir wissen, Ihr werdet nicht gerne an die Kölner Silvesternacht erinnert. Und falls doch, antwortet Ihr reflexartig mit »Oktoberfest«. Euch ist keine Verrenkung zu blöd, um über das Frau­enbild des Islams nicht sprechen zu müssen.
Und? Merkt Ihr etwas? Springt bei diesen Worten Euer Rechtspopulismusradar an? Es hat sich näm­lich – insbesondere seit Pegida, AfD und IB ihren nur halbherzig verschleierten Fremdenhass als »Islamkri­tik« verkaufen – eingebürgert, dass jede Kritik am Is­lam und dessen Zumutungen abgewehrt wird, indem man jenen, die diese aussprechen, Rassismus vorwirft. Dabei müssten Feministen gerade hier besonders laut aufschreien. Im Aufruf wird stattdessen die Frauen­verachtung »islamischer Fundamentalisten« erwähnt, die eine »ideologische Gemeinsamkeit« mit der IB begründen würde. Ihr tut damit alles, um den strukturellen Sexismus im Islam in jeglicher Hinsicht zu re­lativieren. Denn was hat bitteschön das konservative Rollenbild, dem die Identitären möglicherweise nach­trauern, mit der Lebenswirklichkeit unzähliger Frauen zu tun, die das Haus nur verschleiert verlassen dürfen, sich daheim aber jederzeit für ihren Mann zur Verfü­gung stellen sollen? Mit jenen jungen Frauen, die per­manent einen ihrer Brüder an der Seite kleben haben, damit bloß keine Schande über die Familie kommt? Die ihren Kampf um individuelle Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung meist verlieren und im schlimms­ten Fall umgebracht werden?
Es ist übler Zynismus, wenn im Aufruf von einer »ge­samtgesellschaftlichen Frauenverachtung« gefaselt wird. Frauen haben in westlichen Gesellschaften na­hezu die gleichen Chancen und Rechte wie Männer. Sie können ihren Wunschberufen nachgehen, in man­chen Gegenden verdienen sie inzwischen aufgrund ihrer höheren Qualifikation sogar mehr als Männer, und in Halle sind Frauen unter den Studenten in der Überzahl. Und während sie im Islam dem Gutdünken und der Willkür der Männer ausgesetzt sind, werden hier Übergriffe auf ihre (sexuelle) Selbstbestimmung gesellschaftlich verurteilt und geächtet.
Doch ihr Paradefeministen differenziert und ver­gleicht solange, bis das Problem nicht mehr wiederzu­erkennen ist. Gegen Euch ist jeder Feminismus zu ver­teidigen, der sich nicht scheut, den größten Agenten der Frauenunterdrückung in Deutschland zu benen­nen, ohne nebulös herumzueiern und von »religiösen Strukturen« zu schwadronieren.
Also, liebe Demonstranten, nehmt es uns nicht übel. Aber: Ihr seid Teil des Appeasements gegenüber dem Islam und verratet all jene Frauen und Homosexuelle, die täglich unter den Zumutungen des Islams zu leiden haben. Ihr betreibt nur dümmliche Selbstvergewisse­rung, wenn Ihr in Eurem Aufruf auch Konservative für ihr traditionalistisches Rollenbild anklagt, als wären sie inzwischen nicht diejenigen, die noch am beharr­lichsten individuelle Freiheiten gegenüber dem Islam und seinen linken Freunden verteidigen. Eure Indif­ferenz gegenüber der Zerstörungswut des Islams ist für das gesellschaftliche Zusammenleben gefährlicher als die ohnehin einflusslosen Mitglieder einer rechten PR-Sekte. Mit Euch lässt sich kein Feminismus machen! – Kickt Euch!

Eure No Tears for Krauts
Halle (Saale), April 2018

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Im Herbst vergangenen Jahres erschien auf einem kleinen hallischen Nachrichtenportal ein kurzer Artikel, der sich unter der Überschrift »Steigender Antisemitismus in Halle« mit antisemitischen Vorfällen in der jüngeren Vergangenheit befasste. Konkret wurde unter anderem von einem Übergriff auf ein jüdisches Kind in der Nähe des Steintors in Halle berichtet, der nur wenige Tage zuvor stattfand. Das Kind wurde auf offener Straße attackiert, weil es eine Kippa trug. Die Familienmitglieder des Jungen konnten Schlimmeres verhindern. Wie bei vielen weiteren Vorfällen ging der Übergriff von Personen aus dem arabischen Raum aus. Trotz der Brisanz des Artikels blieben nennenswerte öffentliche Reaktionen aus. Die Redaktion der Bonjour Tristesse sprach mit Max Privorozki, der der Jüdischen Gemeinde Halle und dem Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt vorsitzt.

 

Im Oktober 2017 erschien ein Bericht, der den Wandel antisemitischer Übergriffe auf Juden in Halle thematisiert. Wie sehen diese Übergriffe aus und was unterscheidet sie von antisemitischen Übergriffen der Vergangenheit?

Die Frage betrifft den Begriff »antisemitische Übergriffe«. Man muss klar definieren, was ein »antisemitischer Übergriff« bedeutet. Wenn es sich um Gewalttaten handelt, dann bleiben wir mit Gottes Hilfe davon verschont. Wenn es sich um Beschimpfungen oder Beleidigungen handelt, dann wurden die bis jetzt immer oder fast immer anonym artikuliert – also in Briefen oder per Telefon. Das geschieht jetzt offen und ohne Versuche, sich zu verstecken.

 

Was für Beleidigungen fallen dann?

Ich kann nur das wiederholen, was ich persönlich gehört habe: »Kindermörder«

 

Würden sie von einer Zunahme antisemitischer Vorfälle sprechen?

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass ich keine Zunahme verzeichnen kann – zumindest nicht quantitativ. Mir geht es nicht in erster Linie um die Zahlen der antisemitischen Vorfälle in Halle, sondern um die allgemeine Atmosphäre. Es mag sein, dass unsere Mitglieder überempfindlich sind, aber die ständige antiisraelische Hysterie und die zumindest für uns offensichtliche Tarnung der antisemitischen Ressentiments hinter der »berechtigten Kritik der israelischen Politik« machen die Stimmung wahrscheinlich schlechter, als sie es verdient.

 

Können sie das etwas ausführen?

Was ich damit meine? Hier sind ein paar Beispiele. Am 9. November 2017 habe ich festgestellt, dass wesentlich weniger Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Halle zur Gedenkveranstaltung am Jerusalemer Platz erschienen sind als üblich. Danach habe ich bei einigen, die bis jetzt stets zu Gedenkveranstaltungen gekommen sind, nach der Ursache gefragt. Ich bekam als Antwort: Sie hatten einfach Angst.
Wir gratulieren unseren älteren Mitgliedern zu Geburtstagen mit einer Postkarte. Zum ersten Mal habe ich vor kurzem erlebt, dass uns jemand bat, den Stempel mit der Rückanschrift der Gemeinde nicht zu verwenden. Zur Begründung hieß es, angeblich sind mit den Postboten auch Lehrlinge aus dem Flüchtlingskreis unterwegs. Ich erkenne hier dieselbe Angst, die meine Eltern in der Sowjetunion hatten. Briefe aus Israel oder den USA waren zu gefährlich. Ob diese Angst berechtigt ist? Ich kann es nicht beurteilen, muss es aber akzeptieren.

 

Hat diese Angst etwas mit aktuellen Ereignissen zu tun?

Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde verstehen nicht, weshalb man nach einem Terrorangriff in Spanien, England, Belgien oder Deutschland über Opfer des islamistischen Terrors spricht und nach einem ähnlichen Anschlag in Israel nicht. Sie verstehen nicht, weshalb Muslime in Halle, Berlin, Amsterdam, Malmö etc. gegen die Entscheidung des US-Präsidenten protestieren und dabei puren Antisemitismus ausüben.
Jede jüdische Familie hat Erfahrung mit Antisemitismus, egal ob in Deutschland oder in der ehemaligen Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten. Wir sind es aus der Geschichte – von Generation zur Generation übertragen – gewohnt, dass die Pogrome und Ermordungen stets mit Verleumdungen beginnen; ob die vergifteten Brunnen, Matze mit dem Blut christlicher Kinder, die Dreyfus-Affäre in Frankreich, die Beilis-Affäre in Russland, oder auch die Ermordung von Ernst vom Rath.
Auch gegenwärtig erleben wir immer wieder neue Verleumdungen. Mahmud Abbas erzählt im Europarlament über den angeblichen Versuch irgendwelcher Rabbiner, die arabischen Wasserbrunnen zu vergiften und bekommt dafür Standing Ovations. Die UNESCO leugnet die Verbindung von Juden zu Jerusalem. Ein deutsches Gericht bestätigt »im Namen des Volkes«, dass eine Fluggesellschaft auf deutschem Boden Leistungen für einen Passagier verweigern darf, nur weil er jüdisch ist. Und ein TV-Korrespondent begründet eine Äußerung Karl Lagerfelds zur Aufnahme von muslimischen Flüchtlingen damit, dass die Eigentümer seines Modehauses jüdisch sind. Das alles hat Konsequenzen, die Zukunftseinstellung vieler unserer Mitglieder ist pessimistisch.

 

Würden sie sagen, dass die antisemitischen Vorfälle in Halle überwiegend mit Personen aus dem arabischen Raum in Verbindung stehen?

Ja.

 

Wie sieht das mit den klassischen, neonazistischen Übergriffen aus, sind die mittlerweile vollkommen verschwunden?

Die Friedhofsschändungen auf den jüdischen Friedhöfen des Landes mit Hakenkreuzen gibt es weiterhin – nicht jedoch in Halle. Ich würde aber weder sagen, dass klassischer Antisemitismus neonazistisch war und ist, noch dass neonazistischer Antisemitismus vollkommen verschwunden ist. Die Verschwörungstheoretiker sind meistens ultra-rechts und die Theorie der jüdischen Weltverschwörung blüht wie lange nicht mehr. Auch in Halle, zum Beispiel bei den Montagsdemos vor einigen Monaten.

 

In der Vergangenheit spielte der Antisemitismus von links eine größere Rolle. Sind in Halle auch Übergriffe von linker Seite her zu verzeichnen?

In Halle sind mir keine Übergriffe aus der linken Szene bekannt. Allgemein würde ich sagen, dass der Antisemitismus in allen Parteien präsent ist. Man kann nicht sagen, dass die AfD in dieser Hinsicht »besser« oder »schlechter« als andere Parteien ist.

 

Gern wird zum Beispiel zwischen klassischem Antisemitismus und Israelhass unterschieden. Wie sehen sie das?

Ich sehe keine Unterschiede zwischen klassischen Antisemiten und Israelhassern. Israelhass ist einfach ein bis jetzt leider erfolgreicher Versuch, Antisemitismus in Deutschland salonfähig zu machen.

 

Bekommen sie Unterstützung oder Rückhalt gegen die Übergriffe?

Sie meinen wahrscheinlich, ob wir ausreichend von der Polizei geschützt sind? Das kann ich nicht beurteilen. Die Stadt Halle ist nicht Berlin, München oder Frankfurt. Andererseits hört man immer wieder, dass der eine oder andere Terrorverdächtige auch in kleineren Städten aufgespürt wurde. Wir stehen in Kontakt zu den Behörden. Ob es ausreichend ist? Das müssen die Behörden besser einschätzen können.

 

Bei der Frage hatten wir weniger an das Verhalten von Polizei und Behörden gedacht. Wir meinten hier vor allem, ob Sie vonseiten der Politik oder der Öffentlichkeit Unterstützung oder Rückhalt erfahren.

Was bedeutet »Unterstützung und Rückhalt vonseiten der Politik oder der Öffentlichkeit«? Man kann verbal unterstützen oder auch mit konkreten Taten. Die verbale Solidarität ist da, insbesondere an den Gedenktagen wie dem 9. November oder dem 27. Januar. Und diese Solidaritätsbekundungen sind zumindest bei den hallischen Politikern nicht nur leere Worte, sondern sie kommen »von der Seele«. Leider fehlen die Taten. Es geht dabei nicht um die konkreten Maßnahmen im Paulusviertel, wo die Synagoge steht oder insgesamt in der Stadt Halle. Es geht um wirklich durchgreifende Programme. Nicht mit dem Ziel, Geld für die Integration auszugeben und somit nach oben über die Erfolge zu berichten. Sondern um Programme, die zumindest bei ehrlichen und lernfähigen Zugewanderten dem aus den muslimischen Heimatländern mitgenommenen Antisemitismus etwas entgegenstellen können. Um diese Programme erfolgreich durchzuführen, muss man mindestens sich selber überzeugen, dass sie unumgänglich sind. Und Letzteres ist leider nicht der Fall. Die voreingenommene, israelfeindliche Position von vielen Medien und Politikern macht es kaum möglich, etwas anderes in der Integrationsarbeit zu erreichen. Deswegen habe ich Ihre Frage in Bezug auf Polizei und Sicherheitsbehörden verstanden. Denn diese Zusammenarbeit und Unterstützung ist für uns immens wichtig.

 

Gibt es Bestrebungen organisierter Muslime in Halle, dem Antisemitismus in deren eigenen Reihen entgegenzuwirken?

Leider nicht. Und nicht nur in Halle.

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Hans-Christian Ströbele

Nachruf auf einen deutschen Nationalisten.

 

Im Spätsommer des vergangenen Jahres, kurz vor den Bundestagswahlen, bewarb ein umtriebiger hallischer Umzugsunternehmer mit diversen Plakaten eine politische Veranstaltung. Im Rahmen der sogenannten »Bildungsoffensive der Spedition Ebert« sollte ein »unbestechlicher Streiter für Frieden, Worttreue und Volksentscheide und gegen Kriege als Lösung von Konflikten« einen »Vortrag zu den nebulösen Ergebnissen der Untersuchungsausschüsse, Edward Snowden NSA und NSU« halten, und »knallharte Fakten und Ergebnisse« aufdecken, »die man der deutschen Bevölkerung vorenthalten will«. Der eingeladene Redner: Hans-Christian Ströbele, Mitglied der Grünen. Als Ströbele zugesagt hatte, wusste er offensichtlich nicht, von wem er da eingeladen worden war. Zwar hatte Sven Ebert das gleiche Parteibuch wie der anvisierte Stargast, allerdings lief gegen ihn zur gleichen Zeit ein Parteiausschlussverfahren, welches im September 2017 mit Eberts Rauswurf abgeschlossen wurde. Der Grund: Ebert spielt lieber mit den ungeliebten Schmuddelkindern von der AfD und zählt Akif Pirinçcis Umvolkung. Wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden zu seiner Lieblingslektüre. (Vgl. Bonjour Tristesse #21.) Irgendjemand muss das Ströbele gesteckt haben, die Veranstaltung wurde jedenfalls kurzfristig abgesagt. Doch nicht nur die Stadt Halle musste im August auf Ströbele verzichten. Auch der Bundestag konstituierte sich 2017 erstmals seit 19 Jahren ohne den in der Saalestadt geborenen Abgeordneten, da das »grüne Urgestein« (Der Spiegel, Taz, Berliner Morgenpost etc.) aus Altersgründen nicht mehr zur Wahl antrat. Warum dies weder eine gute noch eine schlechte Nachricht ist, erläutert Knut Germar.

 

Es gibt sie in jeder deutschen Großstadt: mehr oder weniger hübsch sanierte Gründerzeitviertel, die sich nicht nur architektonisch gleichen wie ein Ei dem anderen, sondern auch hinsichtlich ihrer Bewohner völlig austauschbar sind. Hier wie dort hält man sich für individuell, trägt bevorzugt Outdoor-Kleidung, liebt Aktivurlaub in der freien Natur, greift im Supermarkt eher zu den Bio-Produkten, liest Taz oder Süddeutsche Zeitung und macht sein Kreuzchen hin und wieder bei der SPD oder der Linkspartei, viel öfter jedoch bei den Grünen. Man ist selbstverständlich gegen Nazis und die AfD, redet kritisch vom Konsumkapitalismus, ist aufgeschlossen für allerlei Esoterisches und schwärmt von der Bereicherung durch fremde Kulturen. Mit einem Satz: Hier wohnt der linksliberale Mittelstand, der in der Berliner Republik den Ton angibt. In Halle findet man dieses Milieu bevorzugt im Paulusviertel – in der Hauptstadt im Prenzlauer Berg, in Kreuzberg und in Friedrichshain. Und wie der Zufall so will, hatte der einzige grüne Politiker, der jemals per Direktmandat durch eben jenes Klientel in den Bundestag gewählt wurde, nicht nur seinen Wahlbezirk in den drei genannten Berliner Stadtteilen, sondern erblickte zu allem Überfluss auch noch in Halle das Licht der Welt. Die Rede ist von Hans-Christian Ströbele.
Dass in der Saalestadt kaum jemand weiß, dass Ströbele gebürtiger Hallenser ist, liegt zum einen daran, dass er nur wenige Lebensjahre in der Region verbrachte: Bereits sechs Jahre nach seiner Geburt verließ der Sohn eines hochrangigen Buna-Chemikers mit seiner Familie die Sowjetische Besatzungszone und tauschte 1945 die Werksiedlung der IG Farben in Schkopau gegen die in Marl, am Rande des Ruhrgebietes, wo sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls ein Buna-Werk befindet, ein. Ein zweiter, viel wichtigerer Grund für sein Fehlen auf der Liste berühmter Hallenser ist, dass er wie kein zweiter mit Berlin in Verbindung gebracht wird: Mit jener Stadt, in der Ströbele ab 1962 sein in Heidelberg begonnenes Jurastudium fortsetzte und zu der er seitdem gehört, wie die Fliege zum Kuhfladen. In Berlin begann seine politische Biografie, die nicht nur aufs Engste mit der Geschichte der außerparlamentarischen deutschen Linken verknüpft ist, sondern gleichzeitig auch sehr eindrucksvoll illustriert, was an eben dieser Linken so unappetitlich ist.

 

Populismus von links

Will man wissen, wie Ströbele politisch tickt, hilft ein Blick auf seine vielgelobten Wahlplakate, die seit der Bundestagswahl 2002 aus der Werkstatt des linksalternativen Comiczeichners Gerhard Seyfried stammen. Diese zeichnen sich nicht nur durch ein Höchstmaß an seyfriedscher Infantilität und Dümmlichkeit aus, sondern zeigen gleichzeitig auch ein Paradestück linken Populismus’. Ströbele präsentiert sich hier als Volkstribun, der die bunte Republik Deutschland hinter sich weiß und ein Kollektiv aus protestierwütigen Rentnern, renitenten Kindern, grinsenden Kiffern, kopftuchtragenden Mosleminnen und allerlei widerständigen Gentrifizierungs-, Globalisierungs- und Kriegsgegnern in eine bessere Zukunft führt.
Auf dem Plakat zur Bundestagswahl 2009 schreitet er – ausstaffiert mit einem Che-Guevara-Schal und einer Regenbogenfahne mit der Aufschrift »Entwaffnet die Finanzmärkte!« – den kämpferischen Massen mutig voran und schickt sich an, einen großen Berg von Unrat zu erklimmen. Durch herauslugende Papiere mit Aufschriften wie »Wucher & Zins Kreditbank«, »Bankhaus Größenwahn« oder »Schwindelkredite« und eine kleine einsame Heuschrecke verkörpert der Müllhaufen nicht nur die Finanzkrise, sondern liefert die vermeintlich Schuldigen gleich mit, gegen die Ströbele das Volk zum Sturm führt. Über allem schwebt der Geist von Karl Marx, der auf Wolke Sieben sitzt und sichtlich zufrieden am Kaffee nippt und Zigarre schmaucht, anstatt angesichts des personalisierenden und moralischen Antikapitalismus und der verkitschten Revolutionsikonographie im Grabe zu rotieren.
Auch vier Jahre später ein ähnliches Bild: Nachdem Ströbele für das hinter ihm her stürmende Wahlvolk den braunen NSU-Sumpf durchwatet hat, von dem ihm noch die Scheiße vom Schuh tropft, reißt er mit hochgekrempelten Ärmeln den Zaun ein, der den Weg in die goldenen Zeiten versperrt. Dass Ströbele sein tristes politisches Programm aus Energiewende, Vermögenssteuer, Truppenrückzug aus Afghanistan, Mietpreisbremse und Marihuana-Legalisierung als strahlende Utopie verkaufen konnte, ohne dafür ausgelacht zu werden, sagt viel über die Qualität der oppositionellen Haltung und kritischen Sicht auf die bestehenden Verhältnisse aus, die Ströbeles Klientel so gern für sich reklamiert.

 

»Dem Volk dienen«

Um die Herkunft des Ströbelschen Populismus zu ergründen, muss man 50 Jahre in der Zeit zurückgehen. 1967 absolvierte der mit der SPD und der Außerparlamentarischen Opposition sympathisierende Ströbele bei einem Berliner Rechtsanwalt sein Referendariat. Sein Chef, der spätere Gründer der Roten Armee Fraktion (RAF) und heutige Neonazi Horst Mahler vertraute ihm nicht nur die ersten eigenen Fälle an, sondern wurde auch sein politischer Mentor. In Mahlers Kanzlei politisierte sich Ströbele und wurde zur treibenden Kraft bei der Gründung des Sozialistischen Anwaltskollektivs, das er 1969 gemeinsam mit Mahler und anderen linken Anwälten eröffnete. Die Kanzlei mauserte sich innerhalb kurzer Zeit zum juristischen Berater der nach dem Niedergang der studentischen Protestbewegung in diverse Gruppierungen zerfallenen linken Szene. Nachdem Mahler in den 1970er Jahren seine Robe gegen eine Knarre eingetauscht hatte, machte sich Ströbele einen Namen als RAF-Anwalt und vertrat neben seinem Mentor auch Andreas Baader und Ulrike Meinhof. 1975 wurde er wegen des Aufbaus eines Info-Systems für die Gefangenen und der Unterstützung der RAF-Hungerstreiks vom Stammheim-Prozess ausgeschlossen und flog aus der SPD, in die er 1968 eingetreten war. Fünf Jahre später wurde er aus den gleichen Gründen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Was Ströbele mit der Roten Armee Fraktion verbindet, geht weit über ein klassisches Anwalt-Mandant-Verhältnis hinaus. Die Mitglieder der RAF, so Ströbele, waren keine »verrückten Desperados, das waren politische Menschen, das waren unsere Genossinnen und Genossen« mit denen er trotz bestehender Differenzen hinsichtlich der Methoden »eine gemeinsame politische Grundhaltung« teilte. Diese Grundhaltung hat er in den vergangenen 50 Jahren niemals in Zweifel gezogen, geschweige denn revidiert. An den ideologischen Grundprämissen der RAF hält er bis heute fest. Sowohl bei Ströbele als auch bei der RAF erscheint das Volk als unbedingter Sympathieträger – eigentlich revolutionär, doch leider durch finstre Mächte (allen voran durch das »Finanzkapital«) manipuliert und von der Revolution abgehalten. Während die RAF sich eine Verschwörung einer »internationalen Besitzerklasse« gegen das Volk halluzinierte, spricht Ströbele heute etwas zeitgemäßer von 99 Prozent der Bevölkerung, die einem Prozent von Superreichen gegenüberstünden. Als bekennender Fan der Occupy-Bewegung warnt er vor »Übermacht und Machtmissbrauch des Finanzsystems« (Onlineausgabe Der Stern vom 21.2.12), spricht von einer ominösen »nicht demokratisch legitimierten Wirtschaftsmacht« (Onlineausgabe Der Tagesspiegel vom 21.2.12) und lässt auf seinem Wahlplakat einen Wutbürger mit einem Transparent mit der Aufschrift »Schluss mit der Plünderung der Staatskassen« aufmarschieren, um vor einem Staat zu warnen, der angeblich nur die Interessen der Superreichen im Blick hat und den einfachen Bürgern das Geld aus der Tasche zieht, um die vor der Pleite stehenden Banken zu retten.
Ströbeles politisches Selbstverständnis, die Proteste von der Straße ins Parlament zu tragen, wurde zwar sehr stark in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren geprägt, in denen die außerparlamentarische Linke in den Neuen Sozialen Bewegungen aufging und Ströbele mit anderen nicht nur die bewegungslinke Taz, sondern auch die Alternative Liste (AL) gründete, die später zum Berliner Landesverband der Grünen wurde. Entstanden ist es jedoch schon ein paar Jahre früher, genauer gesagt 1972, als die RAF ihre dritte programmatische Erklärung mit der Mao-Parole »Dem Volk dienen« unterschrieb, die sich Ströbele wie kein Zweiter zu eigen gemacht hat.

 

»Yankee go home«

Das betrifft nicht nur den Populismus Ströbeles, der sich als parlamentarischer Arm der sozialen Bewegungen und diese als authentische Ausdrucksform des gesamten Volkswillens begreift, sondern auch die zentrale Feindbestimmung, die die RAF in besagter Erklärung unternahm. Das Pamphlet Dem Volk dienen war der Begleittext zu einer Anschlagsserie gegen US-Einrichtungen, die im Mai 1972 vier Menschen das Leben kostete und dreizehn weitere schwer verletzte. Es gab als »neue Generallinie« den »bewaffneten Kampf gegen den Hauptfeind, die US-Militärpräsenz in der Bundesrepublik und Westberlin« aus und legte damit einen nationalbolschewistischen Kurs fest, der die USA als Besatzer, Kolonisator und Unterdrücker jenes Volkes geißelte, auf das sich die RAF nun rückbesann. Dort und in weiteren Erklärungen der RAF war von »Gehirnwäscheprogrammen« der Amerikaner die Rede, davon dass die USA »Westdeutschland kolonisiert« hätten und sich den Deutschen gegenüber so verhalten würden »wie gegenüber der autochthonen Bevölkerung eines besetzten Landes der 3. Welt«. Die von den Alliierten initiierte Re-Education fuße, so die RAF, auf der »rassistischen Behauptung einer spezifischen, antidemokratischen Charakterstruktur des deutschen Volkes« und war »der Versuch der Besatzungsmacht, die Identität des unterworfenen Volkes zu vernichten, das Bewußtsein seiner historischen Existenz auszulöschen.«
Diesem rechts-nationalen Jargon der RAF steht Ströbele in nichts nach. Unter dem Pseudonym Laevis outete er sich 1981 als deutscher Nationalist, der ganz friedensbewegt seinen apokalyptischen Untergangsphantasien von einem Neutronenbombenschlag Luft machte und den nicht minder durchgeknallten Taz-Lesern den unmittelbar bevorstehenden Vernichtungskrieg gegen das deutsche Volk eindrücklich schilderte. »Nach dem Endsieg [!]« der Amerikaner »stehen unsere schönen Städte […] den Einwanderern aus aller Welt zur Verfügung« und die »soliden deutschen Industriebetriebe […] amerikanischem Unternehmungsgeist weit offen«. Für die »Reste des deutschen Volkes in den Reservaten der Mittelgebirge werden sicher großzügig Gelder zur Verfügung stehen«, denn schließlich haben »die Amis […] doch Erfahrung, wie aufgegebene Jagdgründe amerikanischer Zivilisation nutzbar, wie Überbleibsel ausgerotteter Völker wohlverstanden verwaltet werden können«. Ein Jahr später legte er ebenfalls in der Taz nach und explizierte den im Endsieg-Gebrabbel schon enthaltenen Nazivorwurf: »Der hässliche Amerikaner ist für viele heute, was der hässliche Deutsche lange für die Welt gewesen ist. Genauso wie die Deutschen unter ihrem Naziführer Kriege angefangen und Verbrechen an ihren Nachbarvölkern begangen haben, genauso haben die Amerikaner die Kriege der Nixon-, Johnson- und Reagan-Administration zu verantworten« und sollten »für das geradestehen, was ihre Regierung angezettelt hat und an Verbrechen begeht«. Wer das jetzt für ordinären deutschen Antiamerikanismus hält, der täuscht sich jedoch gewaltig: »Wir sind nicht antiamerikanisch. Denn wir mögen die Indianer in den USA, wir achten die Farbigen und die Puerto Ricaner aus den USA. Aber Yankee go home.«
Dass der Hass auf die Vereinigten Staaten auch heute noch ein zentraler Punkt in Ströbeles Sicht auf die Welt ist, erkennt man nicht nur daran, dass er sich an jede antiamerikanische Aufwallung hängte, die die letzten Jahrzehnte zu bieten hatten – von den friedensbewegten Protesten gegen den Zweiten und Dritten Golfkrieg, der No-Global- und der Occupy-Bewegung über die Proteste gegen die Abhörpraxis der NSA und das Freihandelsabkommen TTIP bis hin zum Kreuzberger Volksaufstand gegen die Eröffnung einer McDonalds-Filiale im Wrangelkiez. Er wusste ihn auch erfolgreich in Stimmen umzumünzen, wenn er auf einem seiner Plakate seinen Wählern mit kleinen, mit einem Totenkopf versehenen Dollarnoten signalisierte, was diese eh schon wissen: An den Krisen dieser Welt hat immer der Ami Schuld. Auch die nationalistischen Untertöne in Ströbeles Antiamerikanismus gehören keineswegs der Vergangenheit an. Wenn auf seinem Wahlplakat aus dem Jahr 2005 Angela Merkel für sich mit dem Slogan »Wählt mich nach Washington« wirbt, scheint auch hier der Geist der RAF durch, die die »totale Abhängigkeit« der Bundesrepublik von den USA beklagte. Dass Ströbele ein Gegner des transatlantischen Bündnisses ist und von einer starken deutschen Regierung träumt, die sich nicht, wie in seinen Augen die Regierung Merkel, von den USA gängeln lässt, wird in einer Aussage aus dem Jahr 2015 auf Spiegel Online deutlich, wo Ströbele vor dem Hintergrund des NSA-Abhörskandals monierte: »Die Bundesregierung […] kuscht vor den USA.« Dementsprechend inszenierte er sich im Bundestag als letzter aufrechter Linker, der den verhassten Amerikanern die Gefolgschaft verwehrt.

 

Ströbele und die Juden

Besonders auffällig ist, dass er vor allem dann besonders laut den Vereinigten Staaten die Solidarität verweigert, wenn es gegen die bewaffneten Freunde des Propheten geht. Der Sturz des islamistischen Taliban-Regimes und die damit verbundene Zerstörung von Ausbildungslagern al-Qaidas in Afghanistan im Jahr 2001 würden »nicht der zielgerichteten Bekämpfung terroristischer Strukturen« dienen und seien die »absurdeste Reaktion auf die Anschläge des 11. September«, so Ströbele damals. Selbst der Genozid an den Jesiden, die Verfolgung und Ermordung von Christen und schiitischen Moslems sowie die Versklavung von Frauen und Kindern galten ihm nicht als Grund, militärisch gegen den Islamischen Staat in Syrien vorzugehen. Ende 2015 sagte er der Berliner Zeitung: »Ich werde diesem Kriegseinsatz nicht zustimmen, weil er brandgefährlich und falsch ist. Ich habe das schon einmal erlebt, vor fast 14 Jahren. Auch der damalige Afghanistan-Einsatz wurde damit begründet, dass wir uneingeschränkte Solidarität mit den USA üben müssen. Das allein reicht als Kriegsgrund nicht aus.«
Sekundiert werden Ströbeles Mahnungen, Islamisten keinesfalls militärisch zu bekämpfen, von seinen innenpolitischen Vorschlägen zur Integrationspolitik, die regelmäßig Sympathiebekundungen der notorischen Berufsmoslems nach sich ziehen. So forderte er beispielsweise 2006 eine offizielle türkische Version der deutschen Nationalhymne, er tritt aller paar Jahre mit einem Appell für die bundesweite Einführung eines islamischen Feiertages an die Öffentlichkeit, und er verteidigt das Kopftuch selbstverständlich als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechtes der Frau.
Besonders der dritte ideologische Grundsatz, den Ströbele mit seinen Genossen von der RAF teilt, dürfte einem nicht unerheblichen Teil der in Deutschland lebenden Moslems gefallen – der notorische Hass auf den Staat der Juden. Dass der Antisemitismus der RAF – die von »Israels Nazi-Faschismus«, von der »Ausrottungsstrategie Israels gegen das palästinensische Volk« und von einer israelischen »imperialistischen Endlösung« sprach – durchaus auch praktischer Natur war, zeigt nicht zuletzt das Jahr 1991. Nachdem die irakische Armee Kuwait überfallen hatte und sich eine internationale Koalition US-geführter Truppen anschickte, das Golfemirat zu befreien, schoss die RAF nicht nur auf die amerikanische Botschaft in Bonn und setzte in ihrer dazugehörigen Kommandoerklärung den damaligen israelischen Premier Jitzchak Schamir mit Adolf Hitler gleich. Rund zehn Monate später beteiligten sich zwei im Nahen Osten untergetauchte RAF-Mitglieder an einem Bombenanschlag gegen einen Bus voll ungarischer Juden, die nach Israel auswandern wollten. Glücklicherweise verfehlte die Bombe den Bus nur knapp, zwei Businsassen wurden leicht, zwei vorausfahrende Polizisten schwer verletzt.
Im gleichen Jahr brach Ströbele mit einer grünen Delegation nach Israel auf. Kurz vor Antritt der Reise führte Henryk M. Broder mit ihm ein Interview durch und befragte ihn zu seiner Sicht auf die irakischen Raketenangriffe gegen das am Krieg völlig unbeteiligte Israel. Ströbeles Antwort war so infam, wie sie heute bekannt ist. »Die irakischen Raketenangriffe«, so Ströbele, »sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels.« Auf Broders nachhakende Frage, ob Israel also selbst schuld sei, wenn es beschossen werde, bekräftigte Ströbele ganz unmissverständlich nicht nur, dass der Beschuss »die Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern und den arabischen Staaten gegenüber« sei. Im gleichen Atemzug sprach er sich gegen die Lieferung von Patriot-Abwehrraketen an Israel aus, um die auf Wohnviertel in Tel Aviv niedergehenden irakischen Raketen abzufangen.
Ströbeles Israelreise endete erfreulicherweise im Desaster. Die grüne Delegation sah sich in Israel massiven Protesten ausgesetzt und musste die Reise vorzeitig abbrechen. Ströbele trat kurz darauf von seinem Posten als Sprecher der Bundespartei, den er seit 1990 innehatte und der ihn zu einem von drei Parteivorsitzenden machte, zurück und verschwand die nächsten Jahre in den Sümpfen der Berliner Kommunalpolitik, bis er 1998 unter Rot-Grün wieder in den Bundestag gewählt wurde.
Seitdem sagt Ströbele nicht mehr viel über Israel, allerdings sollte man dies keinesfalls als verspätete Einsicht fehlinterpretieren. »Ich bin immer noch der Auffassung«, so Ströbele unlängst zu seinem Biografen, »dass ich nichts Bösartiges oder falsches gesagt habe.« Dass der unverbesserliche Antiimperialist im aktuellen Bundestag nicht mehr vertreten ist, ist weder eine gute noch eine schlechte Nachricht. Im Rückblick auf die RAF schrieben Joachim Bruhn und Jan Gerber vor gut zehn Jahren, dass »der militante Antizionismus« der radikalen Linken dabei »half, den fundamentalen Antisemitismus der deutschen Gesellschaft in anderer, links getünchter Façon zu modernisieren und auf Israel auszurichten«. Mit anderen Worten: Ströbele kann keinen Schaden mehr anrichten. Er ist längst überflüssig geworden.

Knut Germar

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Klaus Bittermann (Hrsg.): Liebesgrüße aus Bagdad. Die »edlen Seelen« der Friedensbewegung und der Krieg am Golf, Berlin 1991.

Joachim Bruhn, Jan Gerber (Hrsg.): Rote Armee Fiktion, Freiburg 2007.

Jan Gerber: Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des »realen Sozialismus«, Freiburg 2010.

Stefan Reinecke: Ströbele. Die Biografie, Berlin 2016.

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Antirassismus und Rassismus.

 

Im gegenwärtigen Antirassismus erhält sich das Unwesen rassistischer Ideologie, Menschen auf ihre Herkunft festzunageln. Symptomatisch hierfür steht ein hallischer Fall aus dem Frühjahr 2017, als Besucher einer Party einen Mann wegen seines Palästinensertuches kritisierten und im Nachgang von der örtlichen linken Szene als Rassisten gebrandmarkt wurden. Warum? Der Angesprochene war arabischer Herkunft. Denny Ragoczy geht einem großen Missverständnis auf den Grund.

 

Rettungsanker in der Sinnkrise

Der Zusammenbruch der Sowjetunion war eine unheilvolle Erfahrung für die westliche Linke. In symbolischer Weise war für sie mit dem Kind der Oktoberrevolution die Hoffnung verbunden, dass die Einrichtung einer Welt ohne Ausbeutung möglich sei. Zugleich bildete die UdSSR einen wichtigen ideologischen Bezugspunkt. Beides wurde durch den Zusammenbruch der Sowjetunion von Grund auf erschüttert. So ging für die Linke das Ende des Kalten Krieges mit einem Bedeutungs- und Identitätsverlust einher. In der Folge verlor sie einen großen Teil ihrer Anhängerschaft.
Für die Restlinke gewann in dieser ideologischen Krisensituation der Antirassismus als neues politisches Betätigungsfeld stark an Bedeutung. Er war zwar bereits zuvor ein fester Bestandteil des antiimperialistischen Weltbildes der Linken, stand aber weniger im Zentrum der eigenen Agitprop. Dies änderte sich nun schlagartig. Plötzlich witterten Linke überall Rassismus. Was als solcher galt, wurde dabei immer beliebiger. Transatlantischer Sklavenhandel, Kolonialismus, Nationalsozialismus, globale Ungleichheit, Armutsgefälle zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb eines Landes, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Zionismus, Kritik an Verhältnissen nicht-westlicher Provenienz und vieles Weitere wurde zusehends zu einem Hyperphänomen des Rassismus zusammengekehrt. Die Linke tauschte einfach ihre Schlagworte »Kapitalismus« und »Imperialismus« gegen den »Rassismus« aus. Der Begriff wurde derart ausgedehnt, dass er vielen Linken bald zu einem Synonym für Herrschaft und Diskriminierung überhaupt wurde. Als seitdem weitgehend entleerter, je nach Bedarf und Bauchgefühl willkürlich aufgeladener Begriff, ist er alles andere als das Produkt einer kritischen Analyse der vorherrschenden gesellschaftlichen Zustände. Stattdessen dient der inflationär gebrauchte Rassismusvorwurf dazu, die Ohnmachtsgefühle einer zutiefst zerrütteten Linken zu kompensieren, indem er ihren Anhängern erlaubt, sich gesellschaftlich bedeutsam und moralisch überlegen zu fühlen. In ihrer ideologischen Krise war der Antirassismus der Linken ein Rettungsanker.

 

Totale Viktimisierung

Für die Linke europäischer Einwanderungsgesellschaften mutierte in diesem Zusammenhang der Migrant zur Schlüsselfigur. Er wurde mehr und mehr zur Projektionsfläche eigener politischer und identifikatorischer Bedürfnisse und nahm als revolutionäres Subjekt den Platz ein, den zuvor das Proletariat besetzte. Entsprechend instrumentell fällt das Verhältnis zu Migranten aus. Weil sie nur als Opfer ihre Funktion erfüllen, erscheinen sie in den Augen der Antirassisten auch ausschließlich als solche, nie als selbstverantwortlich denkende und handelnde Menschen. In keinem Fall können die Objekte dieser paternalistischen Zuwendung daher Täter sein. So wird jeglicher Kritik an kulturell oder religiös geprägten Anschauungs- und Verhaltensweisen der Schutzbefohlenen reflexhaft eine rassistische Absicht unterstellt. Hiermit verabschiedet sich die Linke nicht nur von einer universellen Kritik an religiösem Stumpfsinn und regressiven Kulturelementen. Die Abkehr von derselben mündet zugleich in der Aufrichtung eines wirkmächtigen wie verheerenden Tabus, das dazu führt, den Angehörigen nicht-westlicher Kulturkreise jede Unmenschlichkeit durchgehen zu lassen, diese gar zu verteidigen oder zu glorifizieren.

 

Universalismus als Feindbild

Im Zuge des Niedergangs des großen Bruders lieferten marxistische Theoretiker wie Étienne Balibar, Immanuel Wallerstein oder Stuart Hall die akademische Rechtfertigung für das Verbot, Kultur und Religion der sogenannten »Anderen« zu hinterfragen oder gar abzulehnen. Stellvertretend hierfür stehen Formeln wie »kultureller Rassismus«, »Rassismus ohne Rassen« oder auch »Neo-Rassismus«.1 Balibar, Wallerstein und Hall denunzieren aus ihrem Rassismusverständnis heraus jegliche aufklärerischen und zivilisatorischen Bemühungen als rassistisch, da diese von der Idee eines Erziehungsauftrages gegenüber der ganzen Menschheit geleitet sind, woraus eine Dominanz gegenüber anderen Kulturen hervorgehe. Universelle Praktiken, so reicht der ideologische Kahlschlag noch weiter, brächten per se Rassismus hervor. Diese Vorstellung ist charakteristisch für den gegenwärtigen Antirassismus. So heißt es beispielsweise in der Ankündigung eines Workshops zur Prävention von »anti-muslimischem Rassismus«, der Anfang letzten Jahres in Leipzig stattfand: Ziel sei neben dem Kennenlernen der islamischen Kultur »das Erlernen von Ambiguitätstoleranz […], die Fähigkeit mehrdeutige und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen«. Die in pädagogische Fachsprache gekleidete Aufforderung des Workshops läuft auf nichts anderes hinaus, als Antisemitismus, Schwulenhass oder die Ungleichbehandlung von Mann und Frau in Bezug auf den Islam zu dulden. Alles andere ebne dieser perfiden Logik nach den Boden für Rassismus oder sei schon selbst dessen Ausdruck.
Der Umstand, dass Rassismus in Wahrheit einen Affront gegen das universalistische Bestreben darstellt, für alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, denselben Maßstab anzulegen, wird von den Apologeten des Antirassismus in sein Gegenteil verkehrt. Indem sie selbst den Universalismus dämonisieren, stimmen sie wiederum mit dem rassistischen Welt- und Wunschbild überein. Beide, Rassismus und Antirassismus, kennen nur eine Vielzahl festgeschriebener menschlicher Kollektive. Die eine Menschheit gibt es für sie nicht. Der Einzelne wird zum bloßen Ausdruck seines jeweiligen Herkunftskollektivs herabgewürdigt, darauf festgenagelt und damit als Individuum ausgelöscht. Wie der Rassismus betreibt der Antirassismus die brutale Naturalisierung kollektiver Unterschiede. Die im November 2001 von der UNESCO, dem globalen Vehikel antirassistischer Ideologie, verfasste Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt spricht in ihrem ersten Artikel in einer Analogie dieses Unwesen schamlos aus: »Kulturelle Vielfalt ist so notwendig für die Menschheit wie biologische Vielfalt für die Natur.«
Der zitierte Satz aus der UNESCO-Deklaration enthält überdies das paradoxe Moment, dass »kulturelle Vielfalt« zum universellen Prinzip menschlicher Existenz erklärt wird. Seine Gehaltlosigkeit macht diesen Pseudouniversalismus attraktiv für Staaten, die sonst allgemeine Wertmaßstäbe als westliche Anmaßung zurückweisen. So wurde die aus der Deklaration im Jahr 2005 hervorgegangene Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen unter anderem von China ratifiziert. Unter dem Verdikt kultureller Vielfalt wird jedem sein partikulares Selbstbestimmungsrecht zugesprochen, sodass an universellen Werten orientierte Kritik schlicht versandet. Dadurch konterkariert die UNESCO die einst von ihr verfochtene Idee der Menschenrechte. Die Wurzeln dieser verheerenden Ideologie reichen bis ins späte 18. Jahrhundert zurück, als Aufklärungsgegner wie Johann Gottfried Herder den Gedanken gemeinsamer menschlicher Werte angriffen. Im Gegenzug romantisierten sie die Vielfalt und Unterschiedlichkeit menschlicher Gemeinschaften und wiesen ihr überzeitliche Gültigkeit zu. Sie behaupteten, es gäbe nur lokale Werte, die wiederum Äußerungsformen unüberwindbarer »Volksgeister« (heute: Kulturen) seien. Absolute Werte – etwas allen Menschen Gleiches und sie Verbindendes – seien eine Erfindung, die der Überheblichkeit des französischen Geistes entspringe. Der erst später aufkommende Rassismus übernahm diese Vorstellung.
Aus der antirassistischen Zurückweisung universalistischer Wertvorstellungen entspringt nicht zuletzt auch eine ablehnende Haltung gegenüber Assimilation. Der Antirassismus trägt so dazu bei, dass Migranten sozial ausgegrenzt werden und Parallelgesellschaften entstehen, in denen die Probleme und Konflikte aus den Herkunftsländern der Migranten reproduziert werden. Hierin offenbart sich die Gleichgültigkeit der Antirassisten gegenüber dem tatsächlichen Wohl von Migranten, die mit dem linken Hass auf die zivilisatorischen und freiheitlichen Errungenschaften des Westens zusammenfällt.

 

Gegen weiße Wursthaarträger

Antirassistische Positionen sind mittlerweile in den gesellschaftlichen Mainstream eingegangen. Im Ringen mit dem daraus hervorgehenden Bedeutungsverlust, versuchen sich Linke als Avantgarde der antirassistischen Bewegung zu behaupten und offenbaren dabei mehr und mehr ihr Ressentiment gegen individuelles Glücksstreben. So wird bei linken Antirassisten mittlerweile der Vorwurf der kulturellen Aneignung (»cultural appropriation«) immer beliebter. Er dient dazu, das Ausleben kultureller oder religiöser Ausdrucksformen zu verurteilen, die nicht mit der eigenen Herkunft gerechtfertigt werden können. Dabei handle es sich nämlich um eine herrschaftliche Aneignung fremden Kulturguts.
Was sich in Deutschland noch auf Linke beschränkt, die sich brav ihre Dreadlocks entfernen oder Mitmenschen mit Tattoos in polynesischem Stil zurechtweisen, zeigt andernorts bereits fortgeschrittenere Ausmaße. In der linksliberalen Hochburg Portland im US-Bundesstaat Oregon sahen sich Anfang 2017 zwei Betreiber eines Burrito-Lokals nach öffentlicher Bedrängnis gezwungen, ihr Geschäft zu schließen. Ihnen wurde Rassismus vorgeworfen, weil sie als weiße, nicht-mexikanische Amerikaner mexikanisches Fastfood feilboten. Auslöser war ein Werbeposting der Betreiber auf Facebook, in dem sie bekundeten, für ihre Burritos Kochtipps von mexikanischen Hausfrauen bekommen zu haben, und scherzhaft hinzufügten, dass sie sich die Geheimzutaten, die ihnen vorenthalten wurden, durch einen heimlichen Blick über das Fensterbrett in die Küchen der Frauen verschafft hätten. Ein renommierter Chefkoch aus Portland äußerte sich in einem Interview wie folgt zu dem Vorfall: »Ich kenne die Frauen, denen Kooks Burritos gehörte. Sie sind Stammkunden bei mir. Sie sind sehr nett, jedoch keine professionellen Köche. Ich denke, sie haben versucht, ihre Liebe zu Tortillas zu zeigen, aber was dabei herauskam, war völlig verdreht. Als koreanischer Amerikaner musste ich mir selbst so oft die Frage stellen: ›Bin ich koreanisch genug, um dieses Essen zu machen?‹ Ich denke nicht, dass sich irgendein weißer Koch, der sich die Küche anderer Kulturen aneignet, diese Frage stellt.« Da fragt man sich, weshalb er nicht gleich der Speisekarte seinen Stammbaum voranstellt oder die Gäste nach deren Herkunft fragt, um zu ergründen, was sie essen dürfen und was nicht.

Denny Ragoczy

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Detlev Claussen: Was heißt Rassismus?, Darmstadt 1994.

Alain Finkielkraut: Die Niederlage des Denkens, Hamburg 1989.

Manuel Frischberg: Das Konzept »Islamophobie« als Abwehr westlicher Zumutungen, in: Stephan Grigat (Hrsg.): Feindaufklärung und Reeducation, Freiburg 2006.

Jan Gerber: Das letzte Gefecht. Die Linke im Kalten Krieg, Berlin 2015.

Clemens Nachtmann: Rasse und Individuum, in: Bahamas Nr. 58, 2009.

Christoph Türcke: Vortrag »Inflation des Rassismus« beim Konkret-Kongress 1993, in: Wolfgang Schneider, Boris Gröndahl (Hrsg.): Was tun? Über Bedingungen und Möglichkeiten linker Politik und Gesellschaftskritik, Hamburg 1994.

 

Anmerkung:

1   Zu weiteren Vordenkern zählen der von Foucault beeinflusste Edward Said, der den Begriff des »Orientalismus« (1987) prägte oder auch Frantz Fanon. Dieser bezeichnete etwa in einer Rede, die er 1956 auf dem Ersten Kongress schwarzer Schriftsteller und Künstler in Paris hielt, die Zurückdrängung und das Verschwinden ursprünglicher Existenzformen in kolonialisierten Ländern als Moment einer Verwandlung des klassischen Rassismus in einen kulturellen Rassismus.

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Der Linken alte Kleider?

Anmerkungen zum Palästinensertuch.


Mark Liber über das linkeste aller linken Kleidungsstücke.

 

 

Kein Kleidungsstück war über viele Jahre hinweg so ikonisch für deutsche Linke wie das Palästinensertuch. Im Gegensatz zu seinem wohl berühmtesten Träger, Jassir Arafat, der es zeitlebens um seinen Kopf wickelte, trug man den Lappen mit seinem schwarz-weißen Würfelmuster am liebsten um den Hals. Es waren Mitglieder der aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) hervorgegangenen Palästina-Komitees, die den Stofffetzen in den 1970er Jahren von ihren Besuchen bei der PLO nach Deutschland mitbrachten, um so ihre Solidarität mit den Feinden des jüdischen Staates zum Ausdruck zu bringen, die sie als natürliche Verbündete in ihrem Kampf gegen den verhassten »US-Imperialismus« – dessen »Brückenkopf« Israel in ihren Augen war – betrachteten. Dass sich radikale Linke, die sich ernsthaft als Kämpfer für eine gerechtere Welt begriffen, mit dem PLO-Chef Arafat einen Judenhasser und autoritären Kleptokraten als Idol wählten, sagt viel über den damaligen Zustand eben dieser Linken aus.
In den Folgejahren wurde der Arafat-Schal das beliebteste Kleidungsstück unter deutschen Linken. Schmissen sich in den 1980er Jahren vor allem Hausbesetzter und andere Antiimperialisten den Feudel als Ausdruck ihres Israelhasses um den Hals, wurde das Stoffstück in den 1990er Jahren zunehmend – nicht nur, aber vor allem im Osten der Republik – als Ausdruck einer allgemeinen und diffusen Zugehörigkeit zur Linken getragen. Es galt als allgemeines Symbol der Solidarität mit dem Kampf der Unterdrückten, war Ausweis einer Gesinnung, die für sich reklamierte, zu den Guten zu gehören und für eine bessere Welt einzustehen. In einer Zeit, in der die Nazis im Osten die dominante Jugendkultur darstellten, war es auch ein nach außen getragenes Zeichen dafür, dass man »nicht zu den Rechten gehören« wollte.

 

Niedergang und Toleranz

Dies sollte sich im neuen Jahrtausend grundlegend ändern. Zum einen entdeckten Neonazis die Verwandtschaft ihrer eigenen mit der palästinensischen Sache, weshalb man in den Nullerjahren nicht selten in den Reihen der demonstrierenden Kameraden das Schachbretthalstuch erblicken konnte. Zum anderen fanden im Nachgang von 9/11 und im Zuge des Irakkriegs 2003 innerlinke Auseinandersetzungen mit linkem Antisemitismus statt, zu denen auch regelmäßige Interventionen und Kampagnen gegen das Palästinensertuch seitens antideutscher Antifa-Gruppen gehörten. Wiglaf Drostes auch heute noch gern zitiertes Bonmot aus den späten 1990er Jahren, dass »dieses Tuch […] sofort die Frage: Antisemitismus oder Abwaschdienst in der autonomen WG?« evoziere, ist selbst schon ein Vorschein dieser Auseinandersetzung.
Die linke Szene verbannte das Tuch in den folgenden Jahren aus ihren Lokalitäten und Kleiderschränken. Es verlor zunehmend seine Bedeutung als politisches Erkennungszeichen und konnte fortan als modisches Accessoire bei der Modekette H&M erstanden werden. Selbst die beinhartesten und unverbesserlichsten Antiimperialisten tragen heutzutage lieber amerikanische Sneaker und schicke Sportjacken und überlassen das Palästinensertuch lieber ihren Genossen aus dem migrantischen Milieu. Zwar gehört es in Szeneclubs seit einigen Jahren zum guten Ton, die meist sehr jungen und nur noch vereinzelt auftretenden Palituchträger aufzufordern, ihr Tuch am Eingang abzugeben. Meist gibt’s den Flyer Coole Kids tragen kein Palituch gleich noch gratis dazu. Wenn der Gast aber offensichtlich selbst aus der Region des Terrorlappens kommt, übt man sich im ambivalenten Differenzieren und legt, so (anti)rassistisch ist man allemal, eine Toleranz an den Tag, die man einem deutschen Palituchträger nie angedeihen lassen würde. Selbst ausgemachte Freunde Israels sind sich dann nicht zu blöde, zu betonen, dass das Tuch im arabischen Raum als Schutz vor Sonne, Staub oder Kälte benutzt wird und man es, wenn es beispielsweise von einem syrischen Flüchtling getragen wird, keineswegs automatisch als politisches Statement bewerten dürfe. Dabei genügt ein kurzer Blick auf die Geschichte des Palästinensertuches jenseits der Bundesrepublik, um festzustellen, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

 

Zur Ursprungsgeschichte eines Terrorschals

Einst tatsächlich als Schutz vor Wind und Wetter in den wüstenähnlichen Regionen der arabischen Halbinsel eingeführt und vor allem von der ärmlichen Landbevölkerung getragen, mutierte die sogenannte Kufiya während der britischen Besetzung Palästinas, das vormals zum untergegangen Osmanischen Reich gehörte, zum Symbol gegen den Westen im Allgemeinen sowie die Juden und später den jüdischen Staat im Speziellen. Seine politische Bedeutung erhielt das Tuch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, als es von religiösen Fanatikern – wie dem Großonkel Jassir Arafats und Nazi-Kollaborateur Amin al-Husseini – zum Symbol des profaschistischen arabischen Aufstands von 1936 bis 1939 im britischen Mandatsgebiet erkoren wurde, dem zahlreiche jüdische und britische Zivilisten zum Opfer fielen.
Die vor allem aus ländlichen Gegenden stammenden Aufständischen »verlangten von den Arabern in den Städten, den türkischen Fez und die europäischen Hüte gegen die Kafiya einzutauschen. Wer der Aufforderung nicht nachkam, wurde aufgegriffen und verprügelt«, schreibt Danny Rubinstein in seiner Arafat-Biografie. Die britische Kolonialpolizei bezeichnete die Übergriffe als »Fez bashing«. Es verwundert nicht, dass die gewaltsame Durchsetzung des traditionellen Kleidungsstücks die volle Anerkennung der Nationalsozialisten fand. In einem 1943 in Berlin erschienenem Buch mit dem Titel Großmufti von Palästina findet man folgende, mit den mitunter auch mordenden Banden sympathisierende Beschreibung eine dieser Gewalttaten: »In der Altstadt von Jerusalem findet sie die Polizei: zwei Araber […] offenbar durch Schüsse in den Rücken niedergestreckt, die Einschußstelle aber sorgfältig mit jener bekannten Kopfbedeckung verdeckt, die man in Europa ›Fez‹, im Orient jedoch ›Tarbusch‹ nennt. Sie hatten das Verbrechen begangen, die letzten Anweisungen des Generals der Freischaren unbeachtet zu lassen, die zuvor an allen Ecken Jerusalems zu lesen waren«. Diese »Anweisungen«, die mit »Der Führer der revolutionären Araber« gezeichnet waren, lauteten folgendermaßen: »Im Namen Gottes, das Hauptquartier der arabischen Revolution erinnert alle Araber daran, daß der Tarbusch nicht die wahre nationale Kopfbedeckung des Arabers ist. Die Araber Palästinas müssen […] die nationale Kafiya tragen. Diejenigen, die […] darauf beharren, den Tarbusch zu tragen, werden wir als unsere Feinde betrachten«. Im gleichen Buch erfährt man, dass ein ähnlicher Befehl »den Frauen des Landes die europäischen Damenhüte« verbot. »Die harte Faust der aufständischen Bauern und Hirten sorgte«, so der Naziautor begeistert, »für die Durchführung der Verordnung über die nationale Kopfbedeckung«.
Nicht zuletzt richteten sich die Repressalien gegen Frauen, die es mit der traditionellen Kleiderordnung nicht so genau nahmen. So heißt es in einer Erklärung eines Befehlshabers der Aufstände vom Oktober 1938: »Dem Zentralen Kommandorat ist zu Ohren gekommen, […] daß einige Frauen, eifrig darauf bedacht, westliche Kleidung nachzuahmen, den Befehl mißachten sich zu verschleiern. An all diese Personen richten wir unsere Warnung und erinnern sie an die Strafen, die sie erwarten, wenn sie in ihrem verwegenen Leichtsinn beharren«. Trugen die Frauen in den ländlichen Gebieten meist ein Kopf, Schultern und gegebenenfalls auch Oberkörper bedeckendes weites Tuch, das das Gesicht frei ließ, galt es für die Frauen der mittleren und oberen Stände, vor allem in den Städten, als »Zeichen weiblicher Sittsamkeit und familiärer Ehre«, sich mit einem Gesichtsschleier zu verhüllen. Mit Beginn der britischen Kolonialzeit, so die Historikerin Gudrun Krämer, »zeigten sich die Frauen der Jerusalemer Aristokratie bei bestimmten Anlässen auch gern als Damen der Gesellschaft: europäisch gewandet und das Gesicht frei«. Auch in anderen Städten wie Jaffa oder Haifa »gingen einige Frauen der arabischen Ober- und Mittelschicht dazu über, den Schleier abzulegen«. Vor allem die jüdischen Pionierfrauen, so der erboste Aufschrei der arabischen Tugendwächter damals, würden sich in der Öffentlichkeit »halb nackt« zeigen. »Gegen diese Zeichen der Verwestlichung, gegen den Verfall der Sitten, für Moral und Anstand« und selbstverständlich »für den Schleier sprachen sich islamische Gelehrte und Aktivisten« aus. »Deren sozial-konservative Gesinnung«, so Krämer weiter, »teilten die bäuerlichen Rebellen, die die neu gewonnene Macht nutzten, ihre Vorstellung von Sitte und Anstand im öffentlichen Raum durchzusetzen.« Dass sich auch sechzig Jahre nach dem arabischen Aufstand im britischen Mandatsgebiet die Gemüter noch an westlicher Kleidung erhitzen konnten, zeigt eine Begebenheit aus den frühen 1990er Jahren: »Als der Vorsitzende der palästinensischen Abordnung, Haider Abdel Shafi, zu Delegationsgesprächen in Washington mit einem europäischen Hut erschien«, so der Arafat-Biograf Rubinstein, »zog er sich die Kritik der palästinensischen Öffentlichkeit zu, die ihn aufforderte, die fremdländische Kopfbedeckung abzunehmen«.

 

Vom Pali- zum Kopftuch

Das Verschwinden des Palituches von den Hälsen deutscher Linker heißt jedoch nicht, dass die Linke durch antideutsche Agitation wesentlich schlauer geworden ist. In ihrer Mehrheit ist sie immer noch antiwestlich und dem jüdischen Staat spinnefeind, nur ist sie dies nicht mehr im Namen eines marxistisch-leninistischen Antiimperialismus sondern unter dem Banner eines postmodernen Antirassismus. Mit dem ideologischen Wandel geht auch die Begeisterung auf ein anderes Stück Stoff über. Längst hat das islamische Kopftuch das Palästinensertuch als symbolisches Kleidungsstück abgelöst. Auch wenn die heutigen linken Befürworter von Hijab und Co. sich selbige nie um den Kopf binden würden, wie es ihre geistigen Vorgänger noch mit dem Palästinenserschal taten: Hinsichtlich ihrer Bedeutung nehmen sich beide Kleidungsstücke nur wenig. Sowohl Pali- als auch Kopftuch sind Ausdruck einer Renaissance reaktionärer Wertvorstellungen. Beide stehen bei ihren Trägern für die Rückbesinnung auf die »eigene Kultur« und damit für die Ablehnung der Idee eines von Blut, Boden und Sippe befreiten Individuums und dessen Ausdrucksformen. Beides sind Gesinnungstextilien, die den Hass auf die Moderne, den Westen, die Juden und ihren Staat nach außen hin zur Schau tragen.
Mit anderen Worten: Wenn die in Halle als Beispiel für gelungene Integration gefeierte Syrerin Razan Afifi am 16.12.2017 auf einer Demonstration gegen den Beschluss der US-Regierung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, beim Einpeitschen des »Kindermörder Israel« rufenden Mobs ein Palästinensertuch trägt, dann ist das weder Zufall noch ihrem privaten Spleen für Trachtenkleidung aus der alten Heimat geschuldet. Es waren auch nicht die winterlichen Temperaturen, die zahlreiche arabische Mitdemonstranten dazu brachten, die gleiche Kleiderwahl zu treffen wie Afifi. Der Gedanke, dass sich ein besonders eifriger Demonstrant den Terrorlappen nur deshalb um den Kopf gewickelt hatte, weil er befürchtete, mitten im Dezember einen Sonnenstich zu bekommen, ist genauso abwegig, wie anzunehmen, die Demonstrationsteilnehmer wüssten nicht, wofür das Stückchen Stoff steht, das sie an diesem Nachmittag trugen, weshalb sie darüber erst aufgeklärt werden müssten. Vor dem Hintergrund, dass das Tuch politisch überall das gleiche bedeutet steht, müsste jeder einzelne, dem die Bekämpfung des Antisemitismus nicht bloß Lippenbekenntnis ist und ganz gleich auf welcher Party er gerade tanzt, gegen das Palästinensertuch Einspruch erheben. Und das völlig unabhängig davon, welche Herkunft dessen Träger hat.

Mark Liber

 

Verwendete und weiterführende Literatur

Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel, München 2002.

Danny Rubinstein: Yassir Arafat. Vom Guerillakämpfer zum Staatsmann, Heidelberg 1996.

Karl Selent: Ein Gläschen Yarden-Wein auf den israelischen Golan. Polemik, Häresie und Historisches zum endlosen Krieg gegen Israel, Freiburg 2003.

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Unser Geisterjäger und Sektenbeauftragter Knut Germar hat sich im Spätsommer des vergangenen Jahres in eine Welt jenseits aller Vernunft begeben und liefert exklusive Einblicke in das geheime Wissen des sibirischen Schamanismus.

 

Die Waldbühne am Peißnitzhaus ist von ein paar Bauzäunen eingegrenzt. An einem Tisch sitzt eine merkwürdig gekleidete Frau und lächelt freundlich. An die frische Luft gelockt hat mich eine hallische Facebookgruppe, die sich selbst die Waldgeister nennt und nicht nur die »Kinder in der Natur stärken, fördern und bei ihrer Entwicklung unterstützen« möchte. Auch für Erwachsene, die ihren geistigen Zenit schon überschritten haben und deshalb vermutlich ihren »Horizont erweitern« wollen, hat die Gruppe an diesem Septemberabend etwas zu bieten – das »Ritual mit der sibirischen Schamanin Aayla« zur »Erweckung der Kraft der Ahnen für eine gute Zukunft der Familien, des Landes und der Welt.« Nachdem ich den stolzen Eintrittspreis von zehn Euro gezahlt habe – spirituelle Erleuchtung kostet nun mal was – suche ich mir einen Sitzplatz mit gutem Blick auf die Bühne. Fünf Minuten vor Veranstaltungsbeginn sind erst eine Handvoll Leute da. Eine Frau mit russischem Akzent geht durch die schlecht gefüllten Sitzreihen und verteilt ein paar Flyer. Zwei alte Damen neben mir – sie sind geschmackvoll gekleidet, sorgfältig frisiert und sehen auch sonst gut situiert aus – blicken interessiert in die Prospekte. »Schau mal!«, liest die eine vor, »hier gab’s einen Workshop: ›Schamanische Prinzipien der Kindererziehung‹.« Ihre Stimme kippt ins leicht Verächtliche: »Das hätte ich meiner Tochter schenken sollen!«
Mittlerweile ist es 18 Uhr, es passiert noch nichts, also schaue ich mir die Eintrittskarte etwas genauer an. Mein »Ticket für das Ritual« enthält folgenden Hinweis: »Dieses Blatt ist mit der Kraft der Sibirischen Schamanin aufgeladen und kann als Talisman aufbewahrt werden.« Wie man ein hochglanzbedrucktes Stück Papier mit Kraft aufladen kann, wüsste ich nur allzu gern. Hat die Meisterin jedes einzelne Ticket mit ihren magischen Händen berührt? Ist sie, als der Stapel aus der Druckerei kam, in den Wald gerannt, hat ein Feuer entzündet und ist mit dem Paket drum herum getanzt? Oder hat sie es einfach mit einer Hasenpfote gestreichelt?
Röchelnd-knorrige Obertongesänge reißen mich aus meinen neugierigen Erwägungen. Das Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern wird von Kehlkopflauten abgelöst, die mit sphärischen Klangteppichen untermalt werden. Während ein monoton-klebriges »Jumbei-jumbei-jumbeia« durch meine Gehörgänge wabert, betrachte ich das Plakatportrait der großen Schamanin, das in Blickrichtung rechts neben der Bühne hängt. Stechend grüne Augen starren mich an. Haare sieht man keine, zumindest keine menschlichen. Aaylas sorgfältig geschminktes Gesicht ist eingerahmt von einer Fellhaube, deren Spitze ein Puschel ziert, links und rechts reckt sich ein Pinselohr in die Höhe. Ob Luchse in Sibirien auch unter ein Artenschutzgesetz fallen? Die Sitzplätze füllen sich langsam. Die Kehlgesänge sind verstummt, die Musik wird mit einem Kifferbeat unterlegt. An der linken Box steht eine große Handtrommel, deren Bemalung an urzeitliche Höhlenkritzeleien erinnert. Ein Strichmännchen steht in einem Boot, umrandet von allerlei Gestirn und Getier. Ein in einen Bogen gespannter Pfeil zielt genau auf dessen Kopf. Das verheißt nichts Gutes.

 

Touch Me (I Want To Feel Your Body!)

Vor mir nehmen zwei Bilderbuch-Hippies Platz. Sie sind ausgemergelt, weshalb ich mich frage, ob sie zu den sogenannten Breatharianisten gehören, die der Ansicht sind, sich statt von herkömmlichen Speisen von Licht ernähren zu können. Ich verwerfe meine Theorie jedoch schnell wieder – dafür sehen sie einfach zu bleich aus. Er hat sich ein ausgewaschenes, regenbogenfarbenes Kopftuch über sein langes Haupthaar gebunden und trägt selbstgenähte Hosen. Sie ist in eine abenteuerliche, lilafarbene und spitzenverzierte Mischung aus Vorhang und Tischdecke gewandet. Darüber trägt sie eine Stoffjacke der Marke Waldelfe, die spitze Kapuze reicht fast bis zum Gesäß. Ich sehe mir das Publikum genauer an und finde das hallische Paulusviertel wie unter einem Brennglas versammelt. Neben einer Handvoll weiterer in bunte Stoffe gehüllter Hippies und linksalternativ gekleideter Studenten besteht es überwiegend aus soliden akademischen Mittelständlern, darunter viele Pärchen. Den freudlos dreinblickenden Eheleuten etwas weiter rechts von mir sieht man die höhere Verwaltungslaufbahn förmlich an, beide tragen Jeans, er ein Hemd, sie eine Bluse. Mit ihren dunkelblauen Regenjacken ähneln sich wie ein Ei dem anderen.
Mir ist langweilig, eine Begleitung wäre nicht schlecht. Schade nur, dass kein Redaktionsmitglied bereit war, mitzukommen. Man kennt das ja bereits, alle schreien: »Das solltest du unbedingt machen!« oder »Das muss unbedingt ins Heft!« Und wenn man dann fragt, wer noch dabei ist, haben plötzlich alle etwas vor. Zu allem Überfluss beginnen jetzt auch noch zahlreiche, wahrscheinlich aus der sibirischen Wildnis eingeschleppte Mücken, mich zu stechen. Während ich genervt auf die kleinen Quälgeister einschlage, betritt einer der Waldgeister die Bühne. Die Frau in prähistorischer Phantasieuniform kündigt die »Schamanin Aayla« an, die »eine der sieben Weltschamaninnen« sei, und ich frage mich, wer zum Teufel die anderen sechs sind. Statt einer Antwort auf meine Frage gibt es eine säuselnde, klebrig-süße und infantil-grinsende Ansage, die mich erschaudern, den größten Teil des mittlerweile auf über 60 Leute angewachsenen Publikums jedoch freudig zurückstrahlen lässt. »Ihr Lieben! Während wir noch auf die restlichen Gäste warten, habe ich ein kleines Entspannungsangebot für euch. Eine schamanische Massage zu zweit!« Sie fordert das Publikum auf, sich paarweise zusammenzufinden. Ich starre panisch auf meine Flyer. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich jemand nähert und neben mir stehen bleibt. Ich kann nicht erkennen ob Mann oder Frau, denn ich blicke weiter unhöflich nach unten. Ein verunsichertes und leises Lachen neben mir lässt auf eine Frau schließen. Nur nicht hochsehen, sonst werde ich gleich angesprochen! Sie geht vorbei. Gottseidank! Die Pärchen haben sich gefunden. Ich lehne mich zurück, atme tief durch und sehe vereinzelt noch weitere Leute im Publikum, die nicht unbedingt den Eindruck machen, schamanisch begrabbelt werden zu wollen.
Bevor die Massage beginnt, sollen die Paare miteinander klären, wer der »Empfänger der Energien« sein soll und wer »die Energien weitergibt«. Man ist sich schnell einig und setzt die Anweisung des Waldgeistes folgsam und brav in die Tat um. Die Masseure reiben wie wild ihre Handflächen aneinander, um so die für die »Heilung« wichtigen »Kanäle« zu »aktivieren«, durch die die »Energien fließen« sollen. Die nächsten Minuten beobachte ich erwachsene, einander zum größten Teil fremde Menschen, die sich gegenseitig mit Massagen beglücken, wie man sie sich Kinder in Kitas und Grundschulen gegenseitig aufnötigen lässt. Mit einem Unterschied: Bei dem ganzen Geknete, Gepiekse und Gegreife wird weder eine Pizza gebacken noch ein Beet bestellt. Stattdessen sollen die vier Elemente spürbar gemacht werden. Unter Anleitung des Quäl-, Pardon, des Waldgeistes bewegen sich die Hände der Masseure auf den Körpern der »Empfänger der Energien«. Mal »fließend« beim Stichwort Wasser. Mal warmgerubbelt beim Element Feuer. Mal »zärtlich streichend« beim Stichwort Luft oder »fest knetend« beim Thema Erde. Die »Energien«, die »durch die Kanäle« der Lichtesser vor mir »fließen«, sind dann allerdings nicht mehr kita- bzw. grundschultauglich. Beim Element Erde walkt er die Innenseite der Oberschenkel sehr hingebungsvoll und wandert zielstrebig weiter nach oben. Sie lächelt verzückt und atmet schwer, innerhalb kurzer Zeit röten sich ihre Wangen.

 

Es tut mir leid, Pocahontas!

Die Waldgeistfrau auf der Bühne zeigt sich in Anbetracht der regen Teilnahme am spirituellen Vorspiel ähnlich zufrieden wie die Elfe vor mir. Entrückt lächelnd erzählt sie irgendetwas von »einem Kontakt zur feinstofflichen Welt«, der nun hergestellt sei, und den »wundervollen Seelen« der anwesenden Sinnsucher im Publikum. Ihre Frage an das Publikum, ob es die »Energie«, die »sich verändert« hat, spüre, muss auch ich bejahen. Mein Ruhepuls liegt mittlerweile bei 120 Schlägen pro Minute, mein Blutdruck ist mindestens auf 180 geklettert. Als die Gastgeberin erklärt, dass die Schamanin gespürt habe, »dass in Halle offene Menschen sind«, und sie »deshalb hergekommen« sei, hat mich besagte Energie vollständig erreicht: Meine Halsarterien fangen an zu tanzen. Ich frage mich, welche Energien freigesetzt werden, wenn der eigentliche Star des Abends erscheint, aber ich muss mich noch gedulden. Erstmal gibt es einen schamanischen Tanz. Eine Schülerin der Schamanin Aalya wird angekündigt, sie spricht, genau wie die große Meisterin, die »Sprache der Geister«: »Devana tanzt den Fruchtbarkeitstanz der Erntezeit. Bereits unsere Vorfahren haben diesen Tanz getanzt, um sich bei der feinstofflichen Welt zu bedanken«, erfahre ich.
Devana betritt die Bühne und versprüht einen Hauch von Steinzeit-Fashion. Sie sieht aus wie eine mit Fellen behangene Indianerprinzessin, die in einem Stripclub in El Arenal gestrandet ist. Der Beat dröhnt. Devana legt einen verruchten, leicht pornösen Blick auf. Sie tanzt und schwingt das Becken. Ihr Dauergrinsen sieht etwas angestrengt aus. Das Publikum wippt begeistert mit. Devana haut mit einem Handfeger auf die Flitzebogentrommel. Sie tanzt immer noch. Devana öffnet ein Ledersäckchen und holt eine Maultrommel heraus. Ich erspare dem Leser an dieser Stelle eine detaillierte Beschreibung der Bewegungen und Klänge. Vielleicht aber so viel: Es tut mir leid, Pocahontas – aber blöder geht’s echt nicht!

 

Heal The World

Oder vielleicht doch? Man soll ja den Tag nicht vor dem Abend loben, und Madame Aayla hat sich immer noch nicht blicken lassen, auch wenn das Programm schon ungefähr eine Dreiviertelstunde läuft. Die dauergrinsende Waldfee fragt, ob wir nach »Devanas Kontaktaufnahme zu den guten Geistern« schon die »Kraft der Schamanin verspüren« können und bereit für das »Ritual zur Erweckung der Kraft unserer Ahnen« seien. Vereinzeltes Ja-Gemurmel klingt aus dem Publikum. »Seid ihr bereit dafür?«, fragt die Fee nun lauter. »Seid ihr bereit für Glück und Kraft?« Da die Schamanin nur Russisch spricht, wird eine Übersetzerin angekündigt. »Feya, die goldene Stimme« betritt die Bühne, gefolgt von Aalya, dem Star des übersinnlichen Abends.
Die Meisterin schaut ins Publikum, grinst, und zaubert die nächste schamanische Übung aus dem Hut. Das Publikum soll tief einatmen und beim Ausatmen lächeln. Enttäuschung macht sich bei mir breit, denn die Frau entspricht kein bisschen ihrem Werbeplakat. Sie trägt keine Fellhaube, keine Knochen und keine Lederbändchen. Vielleicht wollte sie auch nur für etwaige Vegetarier unter den zahlenden Gästen den Tierhautanteil reduzieren. Ihr grünes Trachtenkleid jedenfalls sieht aus wie das einer Weihnachtselfe mit einem Faible für Slawenkitsch. Ein paar dressierte Rentiere auf der Bühne würden jetzt echt was hermachen, um ihren Draht zu den Tiergeistern zu verdeutlichen, aber nichts dergleichen gehört zur Show. Wer um Himmels willen berät diese Frau eigentlich? Doch PR scheint die Dame nicht zu brauchen, das Publikum ist mit dem billigen Mummenschanz äußerst zufrieden, schnauft folgsam und grinst debil.
Dann beginnt die Meisterin zu erzählen. Davon, dass sie zum ersten Mal hier sei und »von den Geistern geschickt« worden sei. Und dass sie »große Ängste« und »starken Schmerz in den Menschen in Deutschland« verspüre. Den gäbe es »in Russland« nicht, denn die Menschen dort wüssten noch, dass der »Mensch seine gute Laune verliert, wenn er nicht die Kraft seiner Ahnen hält.« Meine Laune wird augenblicklich noch schlechter, aber wenigstens weiß ich jetzt, wieso. Ich habe die »Verbindung getrennt« und meine »Wurzeln abgeschnitten«. Das ist schlecht, denn ein »Baum ohne Wurzeln kann sich nicht entwickeln.« Die Deutschen leiden am »Verlust der Ahnen«, man habe »Angst vor Traditionen« in Deutschland. Die Meisterin hält kurz inne. Dann sagt sie mit ernster Stimme: »Man darf das Wort Druide nicht aussprechen in Deutschland!« Ein Raunen geht durchs Publikum, zustimmendes Gemurmel ertönt. Irgendwo hinter mir kichert es laut. Offenbar gibt es noch Hoffnung für die Menschheit.
Frau Aayla klärt über die Ziele des heutigen Abends auf: »Ich werde euch die Erfahrung geben, wie sich neue Wurzeln anfühlen. Ihr werdet Eure Ahnenbäume regenerieren, um die Kraft des Landes zu regenerieren. Euer Land wird eine aufblühende, glückliche Nation werden. Ihr werdet nicht mehr an irgendwelche politischen Sachen erinnert werden. Ihr werdet aufhören, über die Kriege zu sprechen. Eure Nation ist eine Nation mit Schöpfungskraft aus der Geschichte, dabei geht es nicht um die letzten hundert, sondern um die letzten zehntausend Jahre. Ihr werdet lernen, globale Prozesse zu beeinflussen, denn es ist schlecht um die Welt bestellt. Die Menschen brauchen Rettung!«
Dem schamanistischen Heilsversprechen folgt eine ellenlange Suade über alle erdenklichen Naturkatastrophen der letzten Zeit. Und das sind einige: Schließlich ist es Mitte September, die jährliche Hurrikan-, Waldbrand-, Tornado- und Taifunzeit ist in vollem Gange. Immer wieder fällt das Wort »Weltuntergang«. Für Madame Aayla steht fest: All die »Hurrikans, Tornados, Fluten, Brände und Erdbeben«, die es »überall« und »auf jedem Kontinent« gibt, zeigen, dass es »mit der Geduld der höheren Kraft vorbei ist.« Mit meiner auch so langsam. Der mahnende, eindringliche und weinerliche Tonfall der Schamanin wird von der goldenen Stimme kopiert, wahrscheinlich um den schlimmen Zustand der Welt noch plastischer darzustellen. Um Plastik geht’s jetzt auch, das deutsch-russische Wehklageduett handelt jetzt von »Umweltverschmutzung« und »Müll« und einer »Plastikinsel im Ozean«. Neben mir trinkt eine Frau aus einer PET-Flasche, die sie schnell und schuldbewusst einsteckt, als sie merkt, dass ich sie beobachte. Die »Plastikinsel«, fährt die Weltschamanin fort, hat den »Geist des Ozeans« erzürnt. Der »Geist des Ozeans ist ein mächtiges Wesen, er braucht Verständnis und Fürsorge.« Das weinerliche Tremolo ihrer Stimme wird schriller: »Ich als Schamanin spüre, was der Ozean spürt. Er ist ein verlassenes Kind. Keiner liebt ihn. Alle nutzen ihn aus. Fischfang! Schiffe! Vermüllung! Der Ozean spuckt aus, was wir hineingespuckt haben!«
Offenbar gilt in der schamanischen Welt das dritte Newtonsche Axiom, denn das Publikum lernt, dass der Tornado über der Karibik ebenso ein Resultat der Ozeanverschmutzung ist, wie die Waldbrände daraus resultieren, dass »wir« den »Respekt für den Feuergeist« verloren haben. Meine Angst vor der bevorstehenden Apokalypse schwindet ein wenig, als ich erfahre, dass das heutige Ritual »ein kleiner Schritt« ist, »um die Welt zu harmonisieren«, damit die »Prophezeiungen über Weltuntergang nicht wahr werden.«

 

If You Tolerate This Your Children Will Be Next

Endlich geht’s los. Das Ritual zur Abwendung des drohenden Weltuntergangs beginnt. Und die Apokalypse lässt sich leichter verhindern als ich dachte. Das Publikum muss sich dafür lediglich abwechselnd auf Zehenspitzen und Fersen stellen und jedes Mal laut ausatmen, wenn die Füße wieder vollständig den Boden berühren. Die Masse wippt und beginnt zu schnaufen. Die Waldgeister umrunden das Publikum. Sie tragen Handtrommel und schlagen im Takt der wippenden Sinnsuchermeute. Der Hippie vor mir hat seine eigene Trommel mitgebracht. Er schlägt munter drauflos und wippt leidenschaftlich mit. Das Trommeln und Atmen verbindet sich zu einem monoton stampfenden und gleichmachenden Rhythmus. Über den Lärm hinweg instruiert die Meisterin ihre gehorsame Gefolgschaft. »Stellt euch vor, ihr seid ein Baum, eure Füße sind die Wurzeln.« (Bumm, Wipp, Schnauf. Bumm, Wipp, Schnauf.) »Denkt an eure Familien und ihre Probleme!« (Bumm, Wipp, Schnauf. Bumm, Wipp, Schnauf.) »Eure Familienkonflikte sind wie ein Spinnennetz in Euren Ästen. Eine Krankheit, die euren Baum befallen hat!« (Bumm, Wipp, Schnauf. Bumm, Wipp, Schnauf.) »Beim Ausatmen zerreiße ich das Spinnennetz! Auf diese Art und Weise werde ich meinen Familienstamm bereinigen!« (Bumm, Wipp, lautes Schnauf. Bumm, Wipp, lautes Schnauf.) »Mit dem Einatmen zieht ihr die Kraft der Ahnen an, mit dem Ausatmen stärkt ihr den Baum, wir atmen die Kraft der Ahnen in uns ein«, ruft die Meisterin. »Ihr macht das gut, ich sehe die Bäume blühen.« Ich leider nicht, aber ich schaue auch gerade auf meine Schuhe, um zu überprüfen, ob meine Füße schon Wurzeln geschlagen haben. Haben sie nicht. Vermutlich auch, weil ich nur halbherzig mitmache, denn so super finde ich die Idee nicht, die Ahnenkraft meiner dahingeschiedenen SA-, SS- und Wehrmachtsverwandtschaft zu erwecken.
Ich setze mich lieber wieder hin. Nachdem die familienzersetzenden, bösen Spinnennetze auf den neugewachsenen Menschenbäumen zerrissen sind, gilt es, nach vorn zu blicken. »Stellt euch eure Familie vor«, schallt es von der Bühne, »stellt euch vor, sie lebt in Wohlstand. Eure Kinder sind begabt. Eure Familie ist vereint. Das alles wird sich verwirklichen!« Kein Wunder, dass das ideelle Gesamtpaulusviertel hier ist. Das okkulte Wellnessangebot ist maßgeschneidert für an sich selbst irre gewordene, von sozialer Abstiegsangst befallene Angehörige der akademischen Mittelschicht, denen angesichts des täglichen Hauens und Stechens im Büro, der nervenzehrenden Kindererziehung und der Gehässigkeiten des Familienlebens nichts Besseres einfällt als magisches Wunschdenken.
Das martialische Dröhnen der Trommeln wird leiser, das Duo auf der Waldbühne leider nicht. »Die Wurzeln der Ahnenbäume verflechten sich miteinander. Wir sind eine Nation«, erfahre ich. »Ich bin mit euch verwandt, ich habe skandinavische Wurzeln«, versichert Frau Aayla ihrer Gemeinde. Wieso eigentlich? Haben die Waldgeister vor ihrer Einladung nach Halle etwa einen Ariernachweis verlangt?
Nach all dem Gewippe, Geschnaufe und Getrommel wird es wieder etwas kuscheliger. »Stellt euch das Land vor, nehmt eure Hände, weil wir zusammen eine Nation sind, schließt eure Hände zusammen!«, befiehlt die Meisterin. Ich kritzele in mein Notizbuch und tue erneut so, als würde ich nicht mitbekommen, was um mich herum geschieht. Meine Hoffnung, dass die autistische Nummer auch dieses Mal funktioniert, geht auf. Man lässt mich in Ruhe. Um mich herum nehmen sich alle an den Händen. Die meisten schließen die Augen. »Schaut euer Land von oben«, lautet die Anweisung. »Der Geist des Landes ist sehr traurig.« Warum eigentlich? »Schlimmes wird in den letzten hundert Jahren erzählt!« Ach so. Verstehe. Die zwölf dunklen Jahre. Doch davon soll sich die schamanische Gefolgschaft ja nicht die Stimmung verderben lassen: »Lobt dieses Land in Gedanken. Was für ein wundervolles Land du bist! Was für wundervolle Traditionen du hast! Die Natur mit ihren phantastischen Kraftorten! Welch wundervolle Lieder du hast! Den Geist der Nation, lobt ihn in diesem Augenblick! Lobt Euer Land! Du bist das beste Land! Du erblühst und gedeihst, wirst lebendig geliebt! Danke für die Kraft, die du mir gibst! Bedankt euch für die Kraft!« Die Veranstaltung kippt nun völlig – von einer esoterischen Karnevalssitzung hin zur Realsatire einer völkischen Erweckungsveranstaltung, mystische Vergangenheitsbewältigung inklusive. Das Publikum macht seinen Job offensichtlich gut, denn Madame Aayla spürt etwas. »Ich als Schamanin spüre, wie der Geist der Nation erwacht! Er richtet sich auf, ist ein Riese! Lobt ihn, das machtvolle, uralte Wesen!«

 

Über den Wolken

Es ist fast geschafft. Die Kraft der Ahnen ist wieder da. Die Familien sind geheilt. Deutschland ist erwacht. Ich höre keine Trommeln mehr, die Stimme der Meisterin säuselt ganz weich. Jetzt muss nur noch die Sache mit der Zukunft der Welt geklärt werden. Die Gemeinde steht immer noch Händchen haltend und lauscht der Heilsbringerin. Die will hoch hinaus: »Lasst uns in Vögel verwandeln! Stellt euch vor, wie ihr in den Himmel steigt! Schaut euch die Erde aus dem Kosmos an! Ihr seht keine Grenzen. Die Erde ist eine Einheit.« Ihre Stimme bekommt schon wieder den weinerlichen Weltuntergangssound. »Von oben seht ihr die Brände. Ihr seht Erdbeben. Ihr seht Katastrophen.« Wehklagend fährt sie fort: »Das ist meine Heimat. Mein Zuhause. Mein Planet.« Doch keine Sorge, alles wird wieder gut. Wenn die Gläubigen nur aufrichtig genug um Verzeihung bitten. »Lebendiges Wesen, bitte verzeih uns«, jammert es selbstanklagend von der Bühne herunter. »Verzeih uns dafür, dass wir uns selbst nicht spüren! Verzeih uns unsere Herzlosigkeit. Als Menschheit haben wir unsere Erde zerstört. Wir haben die Schönheit der Natur in Plastik verwandelt. Wir sind Sklaven der Plastikteile!« Und das ist noch nicht alles. »Wir haben aufgehört, dich zu fühlen, Mutter!« Madame Aaylas Klagelied wird schriller und wirrer. Sie fordert das Publikum auf, »Erde und Ozean« zu »streicheln«, denn der »Ozean ist ein Kind«. Sie ruft: »Bitte umarmt die Winde, streichelt den Geist des Windes! Bitte hör auf, wir lieben dich so sehr!« Die Scharlamanin taumelt über die Bühne, umarmt und wiegt ein imaginäres Baby. »Wir drücken alle Geister an unser Herz. Ich höre Kinder plärren! Ich komme! Wo bist du! Wir müssen den Planet Erde an unser Herz drücken. Ich bin ein Mensch, ein kosmisches Wesen!«
Ihr Ausbruch endet abrupt. Die Meisterin fängt sich und fordert das Publikum zum tiefen Ein- und Ausatmen auf. Alle sollen die Augen öffnen. Frau Aayla lächelt zufrieden und leicht entrückt. »Schaut um euch herum. Schaut euch die Menschen an. Die Bäume sind meine Brüder. Die Menschen sind meine Brüder. Das ist mein Land, meine Ahnenkraft.« Ihr Fazit klingt zufrieden und drohend: »Ihr seid Klasse! Verändert euch, sonst stirbt die Erde.« Während die Meisterin auf ihren Internetauftritt verweist und über Kurse, Seminare und freie Plätze spricht, suche ich das Weite. Leider bin ich nicht schnell genug weg. Im Gehen höre ich den folgenden Satz: »Und morgen reinigen wir in der Stadt Leipzig gemeinsam mit den Frauen unsere Gebärmütter!« Es war keine gute Idee, heute rauszugehen.

Knut Germar

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Die deutsche Linke bringt Martin Luther wenig Sympathie entgegen. Auch ihre Kritik hat dazu beigetragen, dass die halbe Bundesrepublik das Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr dazu nutzte, zum Landessohn auf Distanz zu gehen. Doch anstatt diesen Wandel in der öffentlichen Meinung anzuerkennen, tun antideutsche Gruppen weiter so, als genieße Luther innerhalb der Berliner Republik noch einen uneingeschränkten Heldenstatus. So ist es inzwischen vor allem die deutsche Linke, die zur Geschichtsklitterung beiträgt, indem sie der Reformation jeden Beitrag zur Aufklärung abspricht. Mit ihrem dumpfen Luther-Bashing ist sie viel weiter von der historischen Wahrheit entfernt als die evangelische Kirche mit ihrem Reformationsbild. Statt die Kritik an Luther zu schärfen, trägt die deutsche Linke einfach die dümmsten Vorwürfe der deutschen Presse auf die Straße. Harald-Jürgen Finke erinnert angesichts dieser Einhelligkeit von Feuilleton und Antifa an die historischen Hintergründe der Reformation, die mehr zur Aufklärung der Gesellschaft beigetragen hat, als es Luthers Gegner wahrhaben möchten. Der Text ist die abgeänderte Fassung eines Vortrages, den der Autor im Oktober vergangenen Jahres bei der Veranstaltung »Luthers Erben – Über den Reformator und seine Gegner« in Halle hielt.1

 

Luthers Beitrag zur Aufklärung.

 

Der ehemalige Bundespräsident Gauck war einer der wenigen politischen Funktionäre, der sich während des Reformationsjubiläums im vergangenen Jahr bemühte, den einstigen Nationalhelden in das Selbstbild der Berliner Republik zu integrieren. Aber auch der Pfaffe, der zu einem besinnlichen Gedenkabend zu Ehren Luthers ins Schloss Bellevue lud, ließ den Judenhass des deutschen Reformators während des Festakts zur Eröffnung des Jubiläums nicht unerwähnt. Ebenso ging Margot Käßmann, die wohlgemerkt als Reformationsbotschafterin durchs Land zog, in Interviews immer wieder auf Distanz zum Ahnherrn der evangelischen Kirche. Die deutsche Presse wollte ohnehin lieber über Luthers – tatsächliche oder vermeintliche – Verfehlungen sprechen als über seine möglichen Verdienste. Noch der absurdeste Vorwurf fand einen Redakteur, der ihm ein paar Zeilen im Feuilleton einräumte.
Die Frankfurter Rundschau betitelte die Reformation als »Islamismus des Christentums«.2 Der deutsche Reformator habe die reine Lehre des Christentums wiederherstellen wollen: »Mit Aufklärung hatte dieser Luther nichts zu tun. Was es vor ihr gab, den Humanismus, hat er bekämpft.« Der Spiegel eröffnete seine Reihe zum Reformationsjubiläum mit dem Titel »Luther – Der erste Wutbürger«.3 Während das konservative Blatt aus Frankfurt Luther zum Gotteskrieger erklärte, machte ihn das Hamburger links-liberale Enthüllungsmagazin zum Lutz Bachmann der frühen Neuzeit. Die Stoßrichtung des Leitartikels der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) zum Reformationsjubiläum überrascht da nicht mehr wirklich. Die wirtschaftsliberale Zeitung betitelte den deutschen Theologen als »Antikapitalisten«, der in »einer globalisierungskritischen Öffentlichkeit viel Resonanz« gefunden hätte.4 So machte sie aus einem Mann, der noch mit der Kutsche unterwegs war, einen Vorkämpfer der No-Global-Bewegung. Das Spiel »Sag mir, was Luther für dich ist, und ich sag dir, welche Zeitung du liest« lässt sich fortsetzen. Die Wochenzeitung Die Zeit, deren Leser sich für Religion immer begeistern können und gerne aus ihrer Ernährung ein Glaubensbekenntnis machen, aber der Kirche zutiefst misstrauen, titelte: »Martin Luther, der Vater des Arbeitsfetischs«.5 Im Gegensatz zur FAS spricht der Autor dem Eislebener Bergarbeitersohn eine gewisse Mitverantwortung für die Auflösung der feudalen Verhältnisse zu – als Mitbegründer des Protestantismus habe er zur Zersetzung der mittelalterlichen Haus- und Wirtschaftsgemeinschaften beigetragen. Das sei jedoch kein Verdienst, sondern ein Verrat an der Religion: »Die Kirche und der Kapitalismus haben Jesus verraten. Der Protestantismus hat den Kapitalismus beflügelt und dabei die sozialrevolutionären Lehren Jesu entweder pervertiert oder schlichtweg verleugnet.« Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn Die Zeit dem Augustinermönch vorwirft, er hätte den Mammon vergötzt. Denn immerhin hat Luthers Theologie maßgeblich jenen Innerlichkeitskult mitbegründet, dem die Leserschaft des Hamburger Akademikerblattes so nachhängt.
Auch wenn sich das deutsche Feuilleton widerspricht, so ist man sich doch einig darin, dass die Reformation ein reaktionäres Projekt gewesen sei. Die Anklage lautet entweder, sie hätte die Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise durch ihre Heiligsprechung der Arbeit befördert, oder dass sie das Christentum mit aller Gewalt erneuern wollte, als es sich im ausgehenden Mittelalter in einer Krise befand. Dass die Reformatoren, die die Unmittelbarkeit des Glaubens wiederherstellen wollten und die Kirche als Institution bekämpften, in dieser Absicht auch den Prozess der Säkularisierung befördert haben – insofern sie aus der gesamten Welt ein Gotteshaus gemacht und jeden zu seinem eigenen Pastor erklärt haben – kommt ihren Kritikern nicht in den Sinn. Die Reformation war nicht bloß ein fundamentalistisches Projekt zur Erneuerung des Glaubens, sondern hat ebenso zu seiner Rationalisierung beigetragen, wie schon ihre Vorgeschichte verdeutlicht.

 

Markt und Fegefeuer

Seit dem 14. Jahrhundert hatte sich der Markt innerhalb der feudalen Gesellschaftsstruktur langsam ausgedehnt. Immer mehr Menschen gerieten in den Einflussbereich des Warenhandels. Die Feudalherren verschuldeten sich bei den Kaufmännern. Zur Tilgung traten sie Handelsprivilegien und Pachtrechte ab. Deshalb mussten die bedrängten Fürsten viele Bauern aus dem Frondienst entlassen. Die Knechte entkamen zwar der Knute ihrer Grundherren, waren jedoch fortan gezwungen, ihre Erzeugnisse selbst zum Markt zu tragen. Wer nichts anderes mehr besaß, musste seine Arbeitskraft verkaufen. Die Arbeit begann sich ab dieser Zeit sukzessive von einem Dienst in eine Ware zu verwandeln, auch wenn es bekanntermaßen noch Jahrhunderte dauerte, bis diese Entwicklung mit der politischen Abschaffung der Leibeigenschaft in den Industrieländern ihr Ende fand. Im Zuge der Ausdehnung des Handels erlangten viele Menschen zwar relative Freiheiten, verloren jedoch zugleich gewisse Sicherheiten, die ihnen das starre Ordnungsgefüge des Feudalismus geboten hatte. Die Bauern und Handwerker, die dem Dienst entkamen, mussten sich auf bestimmte Arbeiten spezialisieren und sich hierfür mitunter von ihrem Boden trennen. Die Fürsten verloren angestammte Rechte, tradierte Privilegien sowie regelmäßige Einkünfte. Und die Geschäftstreibenden nötigte das beschleunigte Marktgeschehen dazu, immer neue Unternehmungen einzugehen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Die neuen Ängste und Unsicherheiten äußerten sich auch vor dem Altar. So wuchs die Frömmigkeit in den Jahrhunderten vor der Reformation beständig an. Vor allem in Nordeuropa verbreitete sich, parallel zur Ausdehnung des Marktes und mit den regelmäßigen Ausbrüchen der Pest, die Furcht vor dem Fegefeuer, die sich zuweilen in Massenhysterien entlud. Nach den landläufigen Vorstellungen war das Purgatorium ein Zwischenreich, in dem der Mensch für eine gewisse Frist leiden musste, bevor er überhaupt in den Genuss der himmlischen Seligkeit kommen konnte. Um die Zeit des Aufenthalts zu verkürzen, konnte der Gläubige für sich und verstorbene Verwandte um Fürbitte ersuchen, indem er Messfeiern abhielt, Wallfahrten antrat und Geld stiftete. Der Erwerb von Ablassbriefen war nur ein möglicher Versuch, die Barmherzigkeit Gottes zu erwirken. Das Geschäft mit der Fürbitte bot die Option, sich bereits zu Lebzeiten des eigenen Heils zu vergewissern. So hegte die Furcht vor dem Fegefeuer auch die Ängste, die Markt und Seuchen hervorriefen, ein. Denn während die Menschen dem Auf- und Ab von Preis und Pest hilflos ausgeliefert waren, konnten sie etwas tun, um die Zeit im Purgatorium zu verkürzen.

 

Geschäft und Glaube

Das breite Bedürfnis, sich Gottes Fürsorge bereits zu Lebzeiten zu versichern, geriet jedoch zusehends in Widerspruch zu den weltlichen Anforderungen. Das System der Fürbitte verlangte nicht zuletzt Zeit und Geld, während das Tagesgeschäft die Menschen zur immer stärkeren Rationalisierung ihrer Mittel zwang. So erfreuten sich bald andere Andachtsformen wie der Rosenkranz steigender Beliebtheit, die den profanen Interessen der Geschäftstüchtigen entgegenkamen und gleichzeitig dem weitverbreiteten Bedürfnis nach einer intimeren Beziehung zum Herrn genügten. Nicht nur Geschäftsleuten und Kaufmännern missfiel zunehmend die Form der offiziellen Kirche, die sich auf die Mittlerrolle der Priester bei der Erteilung der Sakramente stützte und von den Gläubigen Werke verlangte. Auch die Fürsten und der niedere Klerus nördlich der Alpen, denen das weit entfernte Rom wenig zu bieten, aber vieles zu nehmen hatte, fanden an dem Gedanken einer nach innen gerichteten Frömmigkeit Gefallen. Jene Schichten, die weniger an Altar und Thron gebunden waren, dafür umso mehr vom Marktgeschehen abhingen, hatten zudem ihre eigenen materiellen Interessen. Unmittelbar vor der Reformation befand sich etwa ein Drittel des Landes in Mitteleuropa in der Hand der Kirche. Die Anhäufung von Reichtümern über Abgaben und Ablass sowie den lukrativen Ämterhandel empfanden auch diejenigen, die nicht von einem tiefen Glauben beseelt waren – und dies waren die wenigsten –, als ein frevelhaftes Verbrechen. Vor einem halben Jahrtausend ereiferte sich der gesamte Norden des Kontinents über den Papst, der mit den Ablassgeldern Prunkbauten wie die Basilika St. Peter errichten ließ. Die Angriffe richteten sich nicht allein gegen den Klerus, der allzu sehr auf sein eigenes Seelenheil bedacht zu sein schien. Ebenso trafen sie das Klosterleben der Mönche, die sich des weltlichen Lebens in der stillen Überzeugung entsagten, Gott damit näher zu kommen. Die zahlreichen Orden riefen wachsenden Missmut hervor. Den Brüdern wurde nicht nur nachgesagt, sie seien faul, liederlich und würden mehr Zeit in der Schenke verbringen als am Pult beim Studium der heiligen Schrift. Ihre gesamten Bemühungen um ein gottgefälliges Leben in Enthaltsamkeit wurden der Lächerlichkeit preisgegeben. Zwar galt vielen die disziplinierte Lebensweise der Mönche als Vorbild, gleichzeitig erblickte man in ihrer Abschottung jedoch den unredlichen Versuch, sich seiner weltlichen Pflichten zu entziehen.
Martin Luther war nicht der erste, der die mönchischen Ideale auf alle Menschen übertragen wollte und gleichzeitig die Auflösung der Klöster forderte. Den Gedanken, dass sich Gott keineswegs nur während der Messe, sondern auch auf dem Feld, dem Markt und im eigenen Heim ohne die Anwesenheit eines Geistlichen näher kommen lasse, hatten bereits vorher die Humanisten unter den gebildeten Schichten Nordeuropas verbreitet. Für Erasmus von Rotterdam war das Gemeinwesen nichts anderes als ein großes Kloster. Gleichzeitig wetterte er gegen die Absonderung der Mönche. Nach ihm müsse sich der Glaube im Alltag beweisen. Er beruhe weniger auf Werken und Zeremonien als auf innerer Gewissheit und strenger Disziplin. Während Erasmus der alten Kirche noch die Treue hielt, brach Luther mit ihr und formte so aus diesen Gedanken ein neues Bekenntnis. In seiner Theologie ist vieles von dem humanistischen Glaubensbekenntnis enthalten, in dem sich religiöser Eifer und profane Interessen seltsam miteinander verbanden.

 

Körper und Geist

Luthers Theologie gründet auf der Zwei-Reiche-Lehre des Neuen Testaments. In seiner Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen formulierte er die zentralen Gedanken der Reformation: Die Versöhnung mit Gott finde allein im Glauben statt, sei also nicht durch Werke herbeizuführen. Aus diesem Grund lehnten die Reformatoren das gesamte System der Fürbitte ab. Jeder Versuch, Gottes Gunst zu erlangen – etwa durch die Anrufung von Heiligen –, sei ein frevelhaftes Bemühen des Menschen. Er beweise damit nur, dass er Gnade nicht verdient hat. So gibt es Luther zufolge nichts, was die Menschen tun können, um Heilsgewissheit zu erlangen. Weder das Abhalten von Messfeiern, noch das Antreten von Wallfahrten, erst recht nicht der Erwerb von Ablassbriefen, könnte sie dem Seelenheil näher bringen. Ihnen bliebe nur übrig, in der ständigen Ungewissheit und äußersten Verzweiflung den aufrechten Glauben an Gottes Gerechtigkeit und Güte zu bewahren. Nach Luther geschieht die Rechtfertigung des Menschen vor Gott somit allein aus dem Glauben heraus. Diese Auffassung enthält jedoch keinen Freibrief für Sonntagsheilige, die es mit den Geboten und Pflichten eines Gläubigen nicht so genau nehmen. Denn auch wenn gute Taten nicht das Seelenheil garantieren, verraten Tun und Lassen doch etwas über die Festigkeit des Glaubens.6 Laut der dualistischen Theologie Luthers ist der innerliche Mensch frei. Im Glauben habe er an Gottes Verheißungen und Zusagen teil. Der äußere Mensch sei jedoch an den Leib und die Welt gebunden. Er müsse die unzähligen Anfechtungen durch das Fleisch abwehren und die Pflichten des Alltags erfüllen.7 Damit steht er vor der doppelten Aufgabe, der weltlichen Herrschaft unbedingt Gehorsam zu leisten und die körperlichen Regungen durch »Fasten, Arbeiten und Wachen« zu bändigen. Auf der Basis seines Dualismus billigt Luther den Menschen nur dann Widerstand gegen die weltliche Obrigkeit zu, wenn diese ihren Machtanspruch auf das Reich des Glaubens ausweitet.
Eine Quelle für Luthers Theologie ist die Augustinische Gnadenlehre, die besagt, dass der Mensch nicht in der Lage ist, sich seine Erlösung zu verdienen. Stattdessen sei er seit dem Sündenfall Adams und Evas bis ins Mark verdorben. Dieses Menschenbild Luthers begründet den Unterschied zu den Humanisten des ausgehenden Mittelalters, die davon ausgingen, dass der Einzelne grundsätzlich zur Besserung fähig sei, er somit Gottes Gesetzen und Geboten genügen könne. Ihnen zufolge kann es also eine reale Versöhnung zwischen Mensch und Gott geben. Bei Luther ist sie indes nur als geistiger Akt vorstellbar. Seine Gegner vergessen gerne, dass diese Vergeistigung nicht mit der Aufgabe jeglicher Erlösungsvorstellung gleichzusetzen ist. Denn indem Luther den Menschen jede Möglichkeit abspricht, im Hier und Jetzt auf Gott einzuwirken, rettet er die Hoffnung auf eine zukünftige Versöhnung.8 Anstatt das Individuum zu verherrlichen, das im Sinne des bürgerlichen Skeptizismus allein Geltung beanspruchen soll, ist in seiner Theologie der Gedanke an eine höhere Gerechtigkeit aufgehoben. Die Erfüllung der weltlichen Pflichten hält Luther zwar für notwendig, sie sei aber keine Vorarbeit für die Erlösung. Dies unterscheidet seine Lehre vom Methodismus und Puritanismus, nach denen die Lebensführung eines Gläubigen unmittelbar darüber Aufschluss gewährt, ob er an Gottes Gnade teilhat. John Wesley etwa verherrlichte den gesellschaftlichen Zwang in viel stärkerem Maße als Luther. Diese Differenz zwischen der Anschauung von Lutheranern und Puritanern missachtet das Feuilleton ebenso wie die unfreundlichen Aspekte des humanistischen Menschenbildes. Denn der Glaube der Humanisten, dass der Einzelne in der Lage sei, ein Leben gemäß den Geboten und Gesetzen der Bibel zu führen, leistet einem moralischen Rigorismus Vorschub, der nur wenig Nachsehen mit menschlichen Schwächen hat. Auf der anderen Seite wird übersehen, dass das protestantische Menschenbild zwar Strenge und Härte rechtfertigt, jedoch ebenso die Möglichkeit der Nachsicht enthält. Wenn der Einzelne per se den christlichen Idealen nicht genügen kann, so relativiert dies auch seine Vergehen. In Luthers Gnadenlehre verlieren die guten Werke an Bedeutung für das Seelenheil, genauso aber – zumindest tendenziell – die schlechten Taten.9
Im Gegensatz zur Lehre der mittelalterlichen katholischen Kirche verlangten die Reformatoren von den Menschen jedoch nicht einfach die Unterdrückung der sündhaften Begierden. Sie diskreditierten verstärkt das Verlangen selbst. Schon der Wunsch beflecke den aufrichtigen Glauben an Gott. Nach ihrer Lehre lauert nicht nur überall die Sünde, vielmehr hätten sich die Agenten des Teufels längst im Inneren der Menschen eingenistet. Der hervorstechende Zug der protestantischen Lehre ist eben diese Verdammung der leiblichen Begierden. So liefert Luthers Theologie die Rechtfertigung für die bürgerliche Ideologie, die den Geist preist und die Sinnlichkeit herabsetzt. Doch auch diese Haltung unterscheidet Luther weniger von den Humanisten, als es seine Gegner wahrhaben möchten. Nicht zuletzt Erasmus hegte einen wahren Ekel vor jeder sinnlichen Glaubensform.

 

Berufung zum eigenen Herrn

Luthers Verbannung Gottes ins unerreichbare Jenseits birgt noch eine weitere Konsequenz. Die Reformatoren sprachen den Menschen jede Möglichkeit ab, auf Gott durch die Anrufung von Heiligen einzuwirken. Damit degradierten sie sie zu passiven Empfängern göttlicher Gnade. Zugleich nahmen sie ihnen jedoch die falsche Hoffnung, durch Opfer (Wallfahrten, Messfeiern, Ablassbriefe) etwas für ihr Seelenheil tun zu können. So wurde es den Menschen ermöglicht, sich auf weltliche Angelegenheiten zu konzentrieren. Nach der Auffassung der alten Kirche galt die Arbeit allein als Fluch, der seit der Erbsünde auf der Menschheit laste. Die Reformatoren haben sie aufgewertet. Diejenigen, die in der Abschaffung zahlreicher Feiertage durch die Protestanten allein das Resultat eines Arbeitswahns sehen wollen, vergessen, dass die Maloche auch vor dem Thesenanschlag Luthers ein realer Zwang war. Die Menschen mussten nicht mehr rackern als bisher, nur weil die Pastoren die Arbeit lobten. Durch die Aufwertung von Arbeit und weltlichen Angelegenheiten haben die Reformatoren nicht nur die Ausbeutung gerechtfertigt, sondern den Menschen auch den Gedanken nahe gebracht, dass sie Herrn ihres eigenen Schicksals sind – da Gott ihnen nicht helfen wird, sind sie auf sich allein gestellt. Anstatt nur die Sakramente der Priester zu empfangen, kann der Mensch nun in der Welt seinen Glauben festigen. Zwar existiert in Luthers Theologie die Erlösung nur als göttlicher Gnadenakt, den der Herr aus Erbarmen vollzieht. Doch in der Verbannung Gottes aus der Welt ist die Berufung des Menschen zum Herrn seines eigenen Schicksals zumindest angelegt.

 

Allein die Schrift

Die Reformation hat viele Menschen aus der Vormundschaft der alten Kirche befreit, die sich selbst als »Heils- und Erlösungsanstalt« verstand. Sie dachte das religiöse Opfer noch als besondere Tat, die zu Ehren Gottes erbracht wird. Im Protestantismus hingegen wird das Glaubensbekenntnis zu einem Akt der geistigen Hinwendung sublimiert. Für die humanistischen und protestantischen Reformatoren war die Heilige Schrift die wichtigste Quelle der göttlichen Offenbarung. Den Erzählungen der Priester und Bischöfe, die sich auf die apostolische Sukzession beriefen, um ihre Macht zu begründen, misstrauten sie indes.
Im Protestantismus gewinnt so das Wort, das der Idee nach allen zugänglich ist, an Gewicht gegenüber der mündlichen Überlieferung, an der nur der geweihte Klerus teilhat. So übersetzten die Reformatoren das Alte und Neue Testament in die jeweiligen Landessprachen. Sie stellten zudem die Predigt ins Zentrum der Liturgie. Wo sich der Protestantismus durchsetzte, erfuhren die Kirchen eine rasche Umgestaltung. Die Stuhlreihen wurden um neunzig Grad gedreht, sodass die Gläubigen nicht mehr auf den Altar blickten, sondern auf die Kanzel. Die Verkündung des Wortes rückte in den Mittelpunkt, während die priesterlichen Zeremonien bei der Erteilung der Sakramente an Bedeutung verloren. Die protestantischen Gemeinden führten Unterricht ein, in dem die Menschen anhand des Katechismus in Glaubensfragen unterwiesen worden. So trugen sie auch dazu bei, zahlreiche Menschen an abstrakte Gedanken zu gewöhnen, die sich im Alltag nur dem Naheliegenden widmeten. Anhand von Testamentsbestätigungen lässt sich zumindest für einige gemischtkonfessionelle Regionen Europas zeigen, dass protestantische Haushalte deutlich mehr Bücher besaßen als katholische. Diese Affinität für das Wort dürfte auch ein Grund dafür gewesen sein, dass viele humanistische Anhänger der alten Kirche, die während der Gegenreformation der Häresie beschuldigt wurden, Zuflucht bei den Protestanten suchten.

 

Luthers Gegner

Die protestantische Lehre hat zweifellos die Verinnerlichung von Herrschaft befördert. Die Reformatoren richteten die Menschen jedoch nicht nur für den Markt zu, indem sie von ihnen Disziplin und Gehorsam verlangten, sondern erzogen sie auch zur Mündigkeit. Von alldem wollen Luthers Gegner nichts wissen. Sie interessieren sich weder für die Unterschiede, noch für die Gemeinsamkeiten zwischen Humanisten und Protestanten. Nach ihrer Erzählung, die an die Auffassungsgabe eines Vorschulkindes angepasst zu sein scheint, ist Luther der von Gott besessene Bad Guy, der die Menschen hasst, während Erasmus von Rotterdam zum freundlichen Schokoonkel verklärt wird. Besonders merkwürdig wird es, wenn antideutsche Linke plötzlich beginnen, dass Ablasssystem der katholischen Kirche zu retten, nur weil ihnen – verständlicherweise – der Antikatholizismus hierzulande zuwider ist. Oder wenn sie sich auf Max Weber berufen, um Luther zum Vater eines angeblich spezifisch deutschen Arbeitswahns zu erklären – völlig unbeeindruckt davon, dass der deutsche Soziologe den Ursprung der protestantischen Erwerbsethik explizit nicht bei den Lutheranern verortete, sondern bei den Vertretern calvinistischer Traditionslinien. So sind die Einlassungen der deutschen Linken zum Wittenberger Reformator leider oftmals nur wenig klüger als die Lobeshymnen der wenigen verbliebenen Fans auf Junker Jörg. Dabei könnte eine kritische Auseinandersetzung mit der Reformation interessante Erkenntnisse zu Tage fördern, etwa über die theologischen Ursprünge bürgerlicher Ideologie und ihre spezifische Form in Deutschland. Aber um solche Einsichten zu erlangen, müsste sich die Linke vorab von liebgewonnen Gewissheiten verabschieden. Davon ist sie derzeit weit entfernt. Sie macht stattdessen, was sie in den vergangenen Jahren meistens getan hat: Sie stößt, was fällt.

Harald-Jürgen Finke

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Knut Germar: Entsorgung eines Nationalhelden, Bahamas Nr. 77, 2017.

Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen.

Diarmaid MacCulloch: Die Reformation 1490–1700, München 2008.

Gerhard Stapelfeldt: Aufstieg und Fall des Individuums, Freiburg 2014.

Hugh Trevor-Roper: Religion, Reformation und sozialer Umbruch. Die Krise des 17. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1970.

Anmerkungen:

1   Den zweiten Vortrag hielt Knut Germar. Er ist unter dem Titel Entsorgung eines Nationalhelden in der Bahamas Nr. 77 abgedruckt und widmet sich der linken Luther-Kritik während des Reformationsjubiläums.

2   Arno Widmann: Der Islamismus des Christentums, Frankfurter Rundschau, 30. Oktober 2016.

3   Zum Vergleich: 2003 titelte der Spiegel noch: »Martin Luther – Abschied vom Mittelalter«.

4   Ralph Bollmann: Der Anti-Kapitalist, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30. Oktober 2016.

5   Patrick Spät: Martin Luther, der Vater des Arbeitsfetischs, Onlineausgabe Die Zeit, 25. November 2016.

6   »Die Werke, gleichwie sie nicht gläubig machen, so machen sie auch nicht fromm; aber der Glaube, gleichwie er fromm macht, so macht er auch gute Werke.« (Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen.)

7   »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemanden untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« (Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen.)

8   Nach Luther kann der Mensch zwar nichts tun, um die Erlösung zu erlangen. Aber er kann den aufrichtigen und unbeirrten Glauben an Gott bewahren. So wird die Versöhnung bei Luther zu einem geistigen Akt: »Nun sind diese und alle Gottesworte (im Neuen Testament, Anm. Finke) heilig, wahrhaftig, gerecht, friedsam, frei und aller Güte voll; darum, wer ihnen mit einem rechten Glauben anhängt, des Seele wird mit ihm vereinigt so ganz und gar, daß alle Tugenden des Wortes auch eigen werden der Seele und also durch den Glauben die Seele von dem Gotteswort heilig, gerecht, wahrhaftig, friedsam, frei und aller Güte voll, ein wahrhaftiges Kind Gottes wird, wie Johann. 1 sagt: ›Er hat ihnen gegeben, daß sie mögen Kinder Gottes werden, alle, die in seinem Namen glauben.‹« (Ebd.)

9          »So beweist z. B. das Gebot: ›Du sollst keine böse Begierde haben‹ (2. Mose 20, 17), dass wir allesamt Sünder sind und dass kein Mensch ohne böse Begierde zu sein vermag, er mag tun, was er will.« (Ebd.)

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THE HOUSE DICTATORS

Wir dokumentieren ein Flugblatt, das die AG No Tears for Krauts Halle im Mai 2018 auf dem VL-Straßenfest verteilt hat.

 

Werte Besucher des VL-Straßenfestes,

an diesem Wochenende sollte hier eigentlich eine Band spielen, die allemal unterhaltsamer als der Langeweiler-Klamauk gewesen wäre, den Ihr heute Abend präsentiert bekommt. Bis vor wenigen Wochen war ein Auftritt der Band »The Love Dictators«, die den meisten von Euch unbekannt sein dürfte, fest eingeplant. Nun, er entgeht Euch leider, denn: Die Organisatoren des Straßenfestes haben die »Love Dictators« kurzerhand wieder ausgeladen. Die Begründung lautete wie folgt: »Auf Grund frauenfeindlicher, sexistischer und gewaltverherrlichender Texte haben wir den Auftritt von THE LOVE DICTATORS abgesagt.« Auch wenn sich im Nachhinein bei dem einen oder der anderen Verantwortlichen offenbar dann doch noch das letzte bisschen Restverstand meldete, denn die hanebüchene und blödsinnige Erklärung wurde bereits nach kurzer Zeit wieder von der Homepage gelöscht, blieb das Auftrittsverbot doch bestehen.

 

Die Band

Wer »The Love Dictators« schon einmal live erlebt hat, merkt schnell, dass man es nicht mit einem herkömmlichen Auftritt einer Band zu tun hat. Sie geben sich Künstlernamen wie »Sir Stanislove« und beschreiben ihre Musik mit »Propaganda Rap« und »Drill Instructor Beat«. Mit überspitzten martialischen Gesten, Fantasieuniformen und Texten, die die untergegangene Sowjetunion betrauern (die bald wieder groß sein und es dem fiesen Kapitalismus schon zeigen wird), bieten sie ihrem Publikum eine wunderbare Stalinismuspersiflage. Die Bandmitglieder treten als Kunstfiguren auf die Bühne und nehmen mit Travestieelementen unter anderem Anleihen an längst untergegangene Ikonen der Schwulenbewegung wie der schwedischen Popband »Army of Lovers«, deren Frontmann, wie »Mary O.D.« von den »Dictators«, mit geschminktem Gesicht, langen, wallenden Haaren, langem Mantel und Rüschenbluse auftrat. Die Band macht sich nicht nur über Osteuropaklischees lustig, wenn sie in schlechtem Englisch mit russischem Akzent machohafte Songtexte wie »De-Virginator«, »Baby, Touch My Disco Balls« oder »Show Me Your Sister« zum Besten gibt. Sie singen so überspitzt davon, dass sie die Größten sind, dass jedem, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, klar sein müsste: Sie verspotten mit ihrer Show jene unangenehmen Typen mit fragwürdigem Frauenbild und übersteigertem Selbstbewusstsein, die der einen oder anderen zum »Aufriss« auserkorenen Frau schon mal einen ausgelassenen Partyabend vergällen können. Mit anderen Worten: Die Band ist damit nicht nur witziger als alle auf dem VL-Straßenfest auftretenden Bands zusammen, sondern vor allem: feministischer.

 

Die House Dictators

Es muss schon eine Menge Dummheit und gewolltes Missverständnis im Spiel sein, wenn die Organisatoren des Straßenfestes die Texte einer Band für bare Münze nehmen, die rote Armbinden trägt, deren weißen Kreis kein Hakenkreuz, sondern ein schwarzes Herz ziert. Doch woher kommt das völlige Unverständnis für Ironie? Woher die Unfähigkeit, das Offensichtliche wahrzunehmen? Zunächst dürfte es einen Zusammenhang mit dem politischen Selbstverständnis der Hausbewohner geben. Auf der Suche nach ihrer Identität sind ihnen die selbst auferlegten Werte, für die ihr Hausprojekt steht, ins Blut übergegangen. Der nimmermüde Dreiklang – antifaschistisch, antirassistisch und antisexistisch – lässt eine Gedankenwelt entstehen, durch deren Filter die gesamte Umwelt wahrgenommen wird. Die durch diese Brille als feindlich betrachtete Gesellschaft, zu der sie sich in Opposition wähnen, wird daher als das komplette Gegenbild ihres kleinen alternativen Pippi-Langstrumpf-Kosmos’ wahrgenommen. Um das eigene Tun als irgendwie sinnvoll und wichtig erscheinen zu lassen – wer begibt sich schon freiwillig jede Woche auf ein linkes Hausplenum –, muss die Welt da draußen schlichtweg faschistisch, rassistisch und sexistisch sein. Eben aus diesem individualpsychologischen Grund – es geht dabei um nicht weniger, als es mit sich selbst auszuhalten – suchen die Hausbewohner detektivisch nach derlei (vermeintlichen) Verfehlungen. Durch die hundertprozentige Identifikation mit dem, was in linken »Freiräumen« als »politischer Kampf« durchgeht, wird eine kritische Distanz zum eigenen Denken und Handeln verunmöglicht. Sich mal rauszunehmen, innezuhalten, zu überlegen, ob denn gängige Erklärungsmuster überhaupt noch stimmen oder vielleicht von der Realität längst überholt wurden – kurzum: die Fähigkeit zur Selbstreflexion auch hinsichtlich der eigenen politischen Arbeit –, das alles kann nicht ausgebildet werden, wo man eins mit seinem politischen Selbstbild ist. Die fehlende Distanz zur eigenen Praxis, die Unfähigkeit einfach auch mal über sich selbst zu lachen, sorgt nicht nur für die verbiesterte Humorlosigkeit, die in linken Szeneschuppen täglich am Tresen beobachtet werden kann. Sie ist auch ursächlich dafür, dass man alles, was man nicht kennt und was aus dem eigenen begrenzten Rahmen fällt, nicht verstehen kann. Dazu gehört auch eine Männerband, die sich – ohne in platitüdenhaftes Gestammel zu verfallen – über Mackertum lustig macht. So ist es fast schon folgerichtig, dass Menschen, die mit der lange antrainierten Unfähigkeit ausgestattet sind, einen Witz zu verstehen, der nicht explizit erklärt wird, dann fordern, über eine Band wie die »Love Dictators« einen Bannfluch auszusprechen. Frei nach dem autoritären Motto: Wenn es mir nicht gefällt, dann soll es auch kein anderer hören dürfen. Das Hausplenum der Ludwigstraße 37 beugte sich diesem Diktat der Betroffenheit und befindet sich damit in guter Gesellschaft. Denn exakt so funktioniert heute eine linke Auseinandersetzung: Irgendjemand fühlt sich von einer Aussage beleidigt, unwohl oder sonst irgendwie betroffen. Doch anstatt derlei übergriffige Ansinnen zurückzuweisen, ihnen mit dem besseren Argument entgegen zu treten oder sie unseretwegen auch auszulachen, sollen alle einstimmen. Gefühliges Gestammel schlägt das Argument, die persönliche Klatsche ist der Edeljoker beim Schnick-Schnack-Schnuck der linken Entscheidungsfindung.

 

Der Freiraum

Doch es wäre zu kurz gegriffen, das Auftrittsverbot allein mit der psychischen Verfassung einzelner Aktivisten zu erklären. Eine Lachnummer als Begründung, die leider kein Aprilscherz war, kann nur in Strukturen verfasst worden sein, die diese Verblödung befördern, verstärken und mitverursachen – Strukturen, die in der linken Szene unter dem Schlagwort des Freiraums verhandelt werden. Bewohner linker Häuser wollen sich eine Insel schaffen, die frei von gesellschaftlicher Reglementierung und dem kapitalistischen Normalwahnsinn ist, dem sie oft selbst nicht gewachsen sind. Auf der Suche nach der wohligen Wärme der Gemeinschaft und einer besseren Welt wirken Hausprojekte wie die Ludwigstraße 37 wie Oasen in der Wüste. Allein: Das »Räderwerk, zu welchem sich das gesellschaftliche Gefüge verhärtet«, so erklärte Wolfgang Pohrt einen solchen Magnetismus in einem seiner frühen Aufsätze, treibt »die zermahlenden und ausgestoßenen Einzelnen in die suchtartige Verfallenheit an die Gruppe«. Das Problem ist dabei: Der vermeintliche Freiraum spiegelt selbst die Welt, vor der man zu fliehen hofft. Nochmal Pohrt dazu: »Die Flüchtlinge laufen exakt den Verhältnissen in die Arme, denen zu entkommen sie trachteten: stumpfsinnige Arbeit und Langeweile, Reglementierung und Kontrolle, Verdummung und Behinderung, Konformitätsdruck und Zankerei, Selbstpreisgabe des eigenen Verstandes und Unterwerfungsrituale als Preis dafür, geduldet zu werden. Der Unterschied ist nur, dass das, was sonst anonyme Instanzen und unpersönliche Kräfte den Menschen antun, sie in der Gruppe einander selbst zufügen.« Damit ist schon alles über die Strukturen in linken Häusern gesagt.

Gerade das Verbot der »Love Dictators« zeigt, wie weit die »Verdummung« und die »Selbstpreisgabe des eigenen Verstandes«, von der Wolfgang Pohrt schon in den 1980er Jahren sprach, in der Ludwigstraße fortgeschritten sind. Der Freiraum, in dem es sich Verbotsbefürworter wie -gegner so gemütlich eingerichtet haben, ist vor allem eins: frei von Vernunft, frei von eigenem Denken und vor allem: frei von Humor.

AG »No Tears for Krauts«
Mai 2018

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Ein Kopftuch für Lolita

Kaum ein Fußballspiel kommt heutzutage ohne ein politisches Statement aus, das aufgrund der Popularität des Sports in die Welt posaunt wird. Mal ist es das obligatorische Banner für Fair Play, manchmal ein Transparent gegen Rassismus, und fast immer sind es Kinder, die an der Seite der Fußballstars einlaufen und neben Werbung für Sponsoren auch die Uns-gehört-die-Zukunft-Message verbreiten. So war es auch bei einem Freundschaftsspiel zwischen den beiden Erzrivalen England und Deutschland im vergangenen Jahr. Eines der sogenannten Einlaufkinder trug dabei ein Kopftuch. Wer einen Aufschrei der Verbände für Frauen- und Kinderrechte erwartet hatte, weil ein etwa zehnjähriges Mädchen ein Symbol der Unterdrückung trug und gleichermaßen als sexuelle Beute deklariert wurde, dessen angebliche Reize nur mit Verhüllung beizukommen sind, wurde wieder einmal enttäuscht. Einzig der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und der Rapper Koljah äußerten sich kritisch auf Facebook und bekamen im folgenden Shitstorm auf ihrem Profil den obligatorischen Rassismusvorwurf. Der Musiker wurde schließlich von Facebook wegen des angeblichen Verstoßes gegen die Gemeinschaftsstandards gesperrt. Weder Medien noch Gleichstellungsbeauftragte oder der Deutsche Fußballbund setzten sich mit Koljahs und Samads Kritik auseinander. Warum auch? Schließlich steht das Kopftuch für das deutsche Verständnis von Toleranz und kultureller Vielfalt und somit ganz im Dienste der Berliner Republik. Wer sich dagegen ausspricht, wird in eine Ecke mit Höcke, Poggenburg und Co. gestellt.
Wenn aber nicht über die Zumutungen islamischer Bräuche gesprochen werden soll, muss es andere Themen geben, an denen man sein Bedürfnis, Kinder zu schützen und Sexismus zu bekämpfen, ausleben kann. Der Frauenpolitische Runde Tisch in Halle sah seine Möglichkeit im November letzten Jahres während der Bürgerfragestunde im Stadtrat. Endlich hatte auch Halle seinen Sexismusskandal! Anlass für die Empörung gab den zwei Vertretern des in der hallischen Lokalität Weiberwirtschaft tagenden Frauenblocks ein Wandgemälde an einem Gymnasium in Halle-Neustadt. Einige Monate vor der Skandalisierung führte der Künstler Viktor Sobek für die hallische Freiraumgalerie einen Workshop mit 50 Schülern durch, in dem sie das Motiv für das Bild entwarfen: ein junges Mädchen mit einem forschen und trotzigen Blick. Elke Prinz, die Sprecherin des Frauentischs, erkannte in der Geste, im Schmollmund und im Blick des Mädchens einen Verführungsversuch, der – frei nach dem gleichnamigen Roman Vladimir Nabokovs – an Lolita erinnere. Unterstützung erfuhr die Expertin für Schlafzimmerblicke durch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Halle, Susanne Wilders, die ebenfalls in der Pose des Mädchens einen lasziven Blick und ein zur Schau gestelltes Rollenbild erkannte, wie sie es in einem Interview auf TV Halle verlautbarte. Nachdem die Kritik am Gemälde öffentlich wurde, folgten die erwartbaren und gleichermaßen unangenehmen Kommentare durch den Volksmund auf den einschlägigen lokalen Webseiten, die in der Tat sexistisch und herabwürdigend waren. Etwas eigenwillig war die Rechtfertigung des Künstlers, der darauf hinwies, den Gesichtsausdruck des Mädchens doch bitte als »stolzen und geheimnisvollen Blick einer indianischen Kultur« zu deuten. Er verwies auf die angedeuteten Fahnen im Hintergrund des Wandbildes, die 28 verschiedene Nationen darstellen und sinnbildlich für die Multikulturalität der Schule stehen. Positiv hingegen war, dass zwischen dem Sexismusgeblöke des Frauenstammtischs, dem Geht-Häkeln-Geunke des Durchschnittshallensers und dem Multikultigeschwurbel des Künstlers der Schulleiter des Gymnasiums, Andreas Slowig, die Problematik auf den Punkt brachte: »Ich habe nichts gegen Kritik. Aber ich habe etwas dagegen, dass Vertretern solcher Verbände die wirklichen Probleme piepegal sind, sie hier aber Symbolpolitik betreiben.« (Magdeburger Volksstimme). In der Mitteldeutschen Zeitung benannte Slowig die Probleme genauer: »Wenn etwa Schülerinnen aus Migrantenfamilien immer wieder für Klassenfahrten und Ausflüge durch Väter oder Brüder abgemeldet würden. […] Zur Lösung solcher Nöte von Mädchen wäre die Hilfe und Kompetenz des Frauenpolitischen Tischs dringend nötig.«
Doch davon wollen Prinz, Wilders und die vielen Vereine sowie Frauentische nichts wissen. Zu unbequem wäre eine Auseinandersetzung mit den realen Problemen an Schulen, die von vielen islamisch sozialisierten Kindern besucht werden. Da kommt so ein harmloses Bild gerade recht, um die Zuwendungen durch das Land Sachsen-Anhalt zu rechtfertigen. Wenigstens wird der Schule endlich Unterstützung durch den Verein Courage e.V. Halle zugesagt, der dem Schulleiter und den Lehrern des Gymnasiums gern ein bisschen Nachhilfe in Sachen Sexismus geben und Seminare in der Schule veranstalten möchte, die sich kritisch mit sexistischer Werbung auseinandersetzen. Der einzige Weg, um diesen Dienst herumzukommen, wäre, der vermeintlichen Lolita ein Kopftuch zu verpassen. Keine Prinz der Welt würde darin ein Problem sehen, wie das oben genannte Beispiel beim Fußballländerspiel zeigt. Im Gegenteil: Durch die Verhüllung des Schmollmundes und anderer zugeschriebener Reize könnte man den Andrang masturbierender Böcke vor der Schule vielleicht eindämmen und Frauentisch sowie Künstler mit einem toleranten und multikulturellen Kompromiss zufriedenstellen. Bis auf den Schulleiter wären damit auch alle glücklich.       [flp]

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Der kleine Akkordeonist

Das Akkordeon ist ein sonderbares Instrument. In deutschen Musikschulen erfreut es sich zwar großer Beliebtheit, außerhalb dieser wird es jedoch fast nur von Straßenmusikanten und volkstümlichen Liedermachern gespielt. Nicht zuletzt Quetschenpaua ist Beweis dafür, dass das Schifferklavier zu Recht als Schmuddelkind unter den Musikinstrumenten gilt.
Das jährlich in Halle stattfindende global music festival – akkordeon akut! setzt es sich deshalb zum Ziel, den schlechten Ruf des Instruments aufzupolieren und die Vielfalt des Akkordeonspiels hörbar zu machen. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, nicht aber über den virulenten Drang der Festivalveranstalter, jeder Darbietung von Kunst einen politischen Gehalt einzuimpfen. Es ruft zwangsläufig Unbehagen hervor, wenn der »ungeplante Schwerpunkt«, wie die Veranstalter im September 2017 auf ihrer Website ankündigten, »Fragen des Zusammenlebens, des respektvollen individuellen Umgangs miteinander« betrifft. Volkspädagogisch bezog man Position gegen hate speech und fake news, artikulierte aber auch die Furcht vor dem Zerfall der »Gesellschaft in rivalisierende Kleingruppen«. Gemeint waren damit allerdings nicht politische Kämpfe mafiös organisierter, krimineller Vereinigungen, sondern »Oben und Unten«. Also alles im linken Lot.
Oberbürgermeister Bernd Wiegand erklärte in seinem Grußwort, die »globale Verbreitung« des Instruments zeige sich – so kultursensibel ist das Akkordeon – »in sehr verschiedenen Spielarten«; etwa dann, wenn es den »argentinischen Tango« bereichere. Doch mit lateinamerikanischer Folklore ist es nicht getan. Der Einfallsreichtum der Veranstalter kennt keine Grenzen: So kündigten sie die Wir-spielen-bei-jeder-linken-Großdemo-Band Rainer von Vielen oder den Musikkabarettisten Andreas Rebers an. Letzterer liefere »tanzbare Kapitalismuskritik« gegen »Doofheit und politische Manipulation« und steht bisweilen mit weder lustigen noch kritischen linken Volkstribunen à la Urban Priol auf deutschen Kabarettbühnen.
Headliner des letztjährigen Festivals war jedoch eine italienische Formation unter Leitung von Riccardo Tesi mit ihrem Programm Bella Ciao. Die Neuauflage eines in den 1960ern entworfenen Zyklus aus alten Arbeiter- und Partisanenliedern stellte zweifellos ein künstlerisches, vor allem aber ein ideologisches Highlight dar. Ungeachtet dessen, dass der Propaganda durch pathetische Arbeiterkampflieder kein Erfolg zu wünschen ist, hätten sich Kommunisten des vorigen Jahrhunderts zurecht dagegen gewehrt, dass ihnen nachträglich »Botschaften von Freiheit, Frieden und Bürgerrechten […] in unserer globalisierten Welt« angedichtet werden, wie es die Organisatoren des Festivals taten. Für die Besucher, welche, angesichts der Eintrittspreise von bis zu 34 Euro, wohl weniger der Arbeiter- als einer sich links fühlenden und gebenden Mittelschicht angehörten, bot sich so die willkommene Chance, sich ihren revolutionsromantischen Phantasmen zu überlassen.
Um es dem Publikum zu erleichtern, auf der Welle des Widerstands mitzureiten, wies man in der Ankündigung auf den Skandal hin, den die Uraufführung des Originalzyklus’ beim Festival Dei Due Mondi 1964 provozierte: Das konservative Bürgertum empörte sich damals so sehr ob der Inhalte, dass der künstlerische Leiter des Festivals zurücktreten musste und ein Sänger sogar des Landesverrats angeklagt wurde. Glücklicherweise kam es im Jahr 2017 zu keinen vergleichbaren Reaktionen. Die Einheitsfront der besserverdienenden Fair-Trade-Revolutionäre ging zufrieden nach Hause und auch die künstlerische Leitung der akkordeongestützten Weltoffenheitsinitiative durfte ungehindert weiterarbeiten. Dem subjektiven Gefühl der Gäste, nicht etwa Aushängeschild, sondern Gegner der heutigen Staatsräson zu sein, tat dies gewiss keinen Abbruch.          [pse]

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Kaum etwas sagt mehr über die Asozialität ostdeutscher Gesinnung aus, als der Umgang mit vermeintlichen oder tatsächlichen Regelübertretern. Besonders asozial reagieren Zonenbewohner bei Vergehen im Straßenverkehr. Wer schon einmal im Osten mit dem Fahrrad den Fußweg nutzte, ist vielleicht in Kontakt mit – oft älteren – Männern getreten, die einem unumwunden Vernichtungswünsche entgegenbrüllen. Einige Autofahrer treten erst recht aufs Gaspedal, kommt ihnen ein Fahrradfahrer in einer Einbahnstraße entgegen. Und wenn eine Ampel bei dunkelgelb oder eine durchgezogene Fahrbahnlinie überfahren wird, reizt das einige Verkehrsteilnehmer so sehr, dass sie den Verkehrssünder an der nächsten Ampel selbst zur Rechenschaft ziehen wollen.
Mitte November des vergangenen Jahres wurde bekannt, dass ein besonders engagierter Regelschützer die Ärmel hochkrempelte und vermeintliche Falschparker auf seine Weise bestrafte. Er zerstach in Halles Innenstadt einem Auto sämtliche Reifen. Der Täter hinterließ am Fahrzeug einen Aufkleber mit der Aufschrift, man solle nicht auf Fußwegen parken. Bei weiteren Autos beließ es der Aktivbürger, der von Augenzeugen als ein 50-jähriger Mann beschrieben wurde, bei einer schriftlichen Verwarnung und brachte lediglich die Aufkleber an. Wahrscheinlich beschwingt von der erfolgreichen Selbstjustiz gab sich der ehrenamtliche Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit dieser einen Aktion nicht zufrieden. Da er nur einen Autofahrer deutlich darauf hingewiesen hatte, was passiert, wenn man sich nicht an die Regeln hält, wurde vermutlich derselbe Täter am Folgetag erneut aktiv. Dieses Mal zerstach er sage und schreibe 21 Reifen an insgesamt 10 angeblich falsch parkenden Fahrzeugen. So regelt man das halt im Osten.  [are]

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Connewitz geht wählen

»Staat, Nation, Kapital – Scheiße!« Diese allseits bekannte Parole, die sich irgendwo zwischen AJZ-Toilettenlyrik und inhaltsleerer Demoplattitüde bewegt, gilt in Connewitz ungebrochen als Kiezräson. Ähnlich wie Kirchgänger die Trinität als Säule ihres Glaubens beschwören, muss sich die linksradikale Szene in Leipzigs Süden täglich aufs Neue ihrer Ablehnung dessen versichern, was im Szenejargon gerne als »Verhältnisse« zusammengeschmissen wird. Deshalb begegnet man diesem und ähnlichen Aussprüchen auf den Straßen von Connewitz fast so häufig wie Kronkorken, Zigarettenstummeln und umherstreifenden Hunden.
Eine Prozession von Anhängern der linken Dreifaltigkeit ließ sich an einem Sonntag im September letzten Jahres beobachten. Aufgeplusterte Sportgruppenantifas, Crustpunks mit allerlei Anarchiesymbolen, mehreren Hunden pro Person und einer beachtlichen Menge Sternburg Export als Wegration sowie alle übrigen Gestalten des Connewitzer Klüngels strömten in eine Richtung. Entgegen aller naheliegenden Vermutungen versammelte man sich jedoch nicht, weil sich eine Handvoll Neonazis in den Kiez verirrt hatten oder die Polizei einen Wagenplatz räumen wollte, dessen Feuertonne gegen Brandschutzauflagen verstieß. Stattdessen traten die selbsterklärten Gegner von Staat, Nation und Kapital in bester staatsbürgerlicher Manier den Weg zum nächstgelegenen Wahllokal an. Die Dichte von Aufnähern, Politbuttons, Shirts sowie sonstiger Ober- und Untertrikotage, die ihre Träger als Feinde des Status quo auswies, während sie sich als aufrechte Demokraten bewährten, ließ leicht glauben, in einem Monty Python-Sketch gelandet zu sein.
Mit der Gegnerschaft zum Staat – auch liebevoll »das Schweinesystem« genannt – nimmt man es unter radikalen Linken in Leipzig ohnehin nicht so genau. Der Kampf gegen »Rechts« bzw. alles und jeden, der für wackere Antifas irgendwie als Nazi durchgeht, ist nicht nur das liebste Hobby der Szene, sondern auch Staatsräson der Berliner Republik. Selbstverständlich ist das Leben in Sachsen jenseits urbaner Inseln nicht sonderlich schön. Besonders für Menschen, die in der Dorf- oder Kleinstadtgemeinschaft anecken, kann es zu einem regelrechten Spießrutenlauf werden. Wer allerdings glaubt, dass eine beherzte Stimmabgabe irgendetwas an den Scheußlichkeiten auf dem platten Land ändert, verweigert sich der Realität. Den durchschnittlichen AfD-Wähler zwischen Delitzsch und Görlitz wird es wohl wenig beeindrucken, dass das ihm sowieso verhasste Connewitz weiterhin »rot« wählt. Gleichzeitig steht derzeit nicht die Machtübernahme der AfD über den Szenekiez bevor. So wenig relevant die Wahlergebnisse des Leipziger Südens also sind, so wenig hat die szeneinterne Selbstverpflichtung zum antifaschistischen Wählen überhaupt Einfluss auf diese – selbst dann, wenn ihr alle Angesprochenen folgen würden, fielen sie kaum ins Gewicht. Der Gang zur Urne erfüllt für die angeblichen Staatsfeinde einen ganz anderen Zweck: Er dient ihnen als moralische Selbstversicherung, besser gehandelt zu haben als jene, die ihre Stimme einfach nicht abgaben.           [dab]

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Der Azubiflüsterer

Halle hat einen neuen Preisträger. Ein lokales Friseurunternehmen gewann den Wettbewerb »Beste Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt«. Ausgerichtet wurde der Landeswettbewerb vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration in Zusammenarbeit mit »Great Place to Work«, einem Unternehmen, das Arbeitgeber bei der Gestaltung eines attraktiven Arbeitsplatzes berät. Zur Auszeichnung gratulierte herzlichst Thomas Keindorf, seines Zeichens Landtagsabgeordneter der CDU und Präsident der Handwerkskammer Halle. Er freute sich: »Neben Innovation, Loyalität, Wertschöpfung und Offenheit zeichnet sich das Unternehmen dadurch aus, dass die Bedürfnisse der Mitarbeiter und Auszubildenden in den Mittelpunkt gestellt werden«.
Heißt das etwa, dass man bei diesem Friseur einen Lohn erhält, von dem es sich leben lässt? Vielleicht sogar schon während der Ausbildung? Bekanntermaßen hat man in dieser Zeit trotz Vollzeitjob oft kaum Geld zur Verfügung. In Westdeutschland lag das Durchschnittsgehalt von Friseurlehrlingen 2017 bei gerademal 522 Euro – im Osten fällt es häufig noch deutlich geringer aus, mancher Azubi arbeitet für weniger als 200 Euro monatlich. Dem Azubiflüsterer Keindorf ging es allerdings gar nicht darum, wie viel das ausgezeichnete Unternehmen zahlt. Ihm gilt es nicht als »Bedürfnis der Auszubildenden«, mehr als nur ein Taschengeld für die tägliche Schinderei zu bekommen. Denn er fuhr fort: »Die Persönlichkeit eines Unternehmers fällt auch bei der Entscheidung junger Menschen für eine Berufsausbildung stärker ins Gewicht, als es die politischen Debatten über einen staatlich verordneten Ausbildungs-Mindestlohn suggerieren.« Ein attraktives Arbeitsumfeld dient dem Handwerkslobbyisten dazu, die Kritik an der gemeinhin schlechten Bezahlung von Lehrlingen wegzufrisieren – natürlich ganz in deren Interesse. Wenn es um Ausbeutung und ihre Rechtfertigung geht, hält man in der Provinz überraschend gut mit dem Zeitgeist mit.
Rundum nachvollziehbar ist es, dass junge Menschen ihre Ausbildung in einem Betrieb absolvieren möchten, in dem ein angenehmes Klima herrscht, sie ernst genommen werden und wirklich etwas lernen. Wir sind uns aber sicher, dass sich die Auszubildenden nicht nur für die Persönlichkeit ihres Chefs interessieren, sondern wesentlich für ihr Gehalt. Gegen eine Ausweitung des Mindestlohnes auf die Ausbildungszeit hätten sie gewiss nichts einzuwenden. Deshalb, lieber Herr Keindorf, achten Sie beim nächsten Friseurbesuch besser darauf, nicht an einen Lehrling zu geraten, der Ihnen aus Loyalität zu seinen Azubikollegen die Haare besonders schön schneidet.              [pse]

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Martin-Antisemit-Ring

Um es vorwegzunehmen: Über die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (die PARTEI) wurde schon fast alles gesagt (vgl. Bahamas, Nr. 77). Was sie unter Satire versteht, ist eine Melange aus Kleinkindhumor und Witzen, die unter die Gürtellinie gehen. Die PARTEI, die aus der Zeitschrift Titanic hervorgegangen ist, steht derzeit mehr für das neue Deutschland als irgendeine andere Partei: Dem Islam wird viel Verständnis entgegengebracht, und die größten Feinde sind Nazis, gegen die man Mordphantasien plakatiert – auf Wahlplakaten lautete es: »Hier könnte ein Nazi hängen« – und dafür vom linken Mainstream beklatscht wird. Auch die hallische Ortsgruppe steht dem in nichts nach. Antisemiten erkennen sie nur, wenn der Stempel ganz groß aufgedruckt wurde. Im vergangenen Sommer protestierten sie etwa mit dem Nachwuchs anderer Parteien (Jusos, SDS.Die Linke) gegen ein Konzert der Söhne Mannheims in Halle. Die deutschen Sprechsänger, deren Frontmann Xavier Naidoo schon lange für verschwörungstheoretische und antisemitische Texte bekannt ist, und der offen mit Reichsbürgern sympathisiert, hatten kurz zuvor den Song Marionetten veröffentlicht, für den sie öffentlich heftig kritisiert wurden. Daran schlossen die PARTEI-Satiriker an, demonstrierten gegen das Konzert in Halle und benannten Mannheims Söhne als Antisemiten. Geht es jedoch um Israel, will man nirgends Judenhass erkennen können.
Anlässlich des Reformationsjubiläums reichte die Leipziger PARTEI-Sektion eine Petition ein, die forderte, den Straßennamen des Martin-Luther-Rings in Martin-Sonneborn-Ring zu ändern. Als Grund wurde Luthers Haltung zu den Juden genannt. Die hallische PARTEI warb auf Facebook dafür, die Petition zu unterschreiben. Eine Nutzerin kommentierte den Appell: »Wieso? Es ändert sich doch wenig, wenn man sich Sonneborns Reaktion auf Gabriels Israelbesuch ansieht. Bleibt doch Martin-Antisemit-Ring«, und spielte damit auf Sonneborns Kommentar zum Treffen Gabriels mit zwei NGOs in Israel an, die sich mit ihrer Arbeit gegen den Staat verschrieben haben. Zur Erinnerung: »Lustig, zum ersten Mal sind meine Sympathien fast überwiegend auf Sigm. Gabriels Seite… Ich würde Netanjahu mit ein paar Planierraupen besuchen, ihm das Wasser abstellen und ihn ein bisschen anderweitig demütigen«, schrieb Sonneborn. Die PARTEI-Vertreter aus Halle verteidigten ihren großen Vorsitzenden auf Facebook bei diesem Thema ganz unsatirisch, und pochten auf ihr Menschenrecht, Israel kritisieren zu dürfen. Was sie unter Kritik verstehen – neben Sonneborns Wunsch, Israel plattzuwalzen –, führten die Hallenser mit Vorliebe für graue Anzüge gleich vor. Ihre Einlassungen bestanden aus Beschimpfungen (»Arschgeigen der Hamas«, »›Bibi‹ ist ein Trottel«) und dem Abwiegeln, dass beide Seiten nicht dufte seien, da man weder eine »rechte Regierung« in Israel, noch die Hamas bzw. Fatah möge. Viel macht die selbsternannte Kritik nicht aus, werden doch nur Zu- und Abneigungen ins Feld geführt. Eine geschmäcklerische Sympathiebekundung (»dem schönen Staat Israel und seinen wunderbaren Bewohnern gehört unsere ganze Sympathie und Unterstützung«) durfte nicht fehlen, denn die PARTEI steht natürlich an der Seite des israelischen Volkes – auch wenn es mehrheitlich eine »rechte Regierung« gewählt hat, die man nicht leiden kann. Bevor das Statement mit einem jüdischen Witze endete – so billig will man demonstrieren, auf der Seite der Guten zu stehen –, wurde noch auf Jitzchak Rabin verwiesen, der nicht von einem »bösen Araber«, sondern »von einem rechtsextremen Bürger Israels« getötet wurde. Die Israelkritik der PARTEI ordnet sich in ihren Kampf gegen Rechts ein, und dagegen kann ja niemand etwas haben. Mit ihrer Positionierung schwimmen die hallischen PARTEI-Mitglieder ganz oben auf der (nicht nur) deutschen Welle. Israelkritisch zu sein, ist so sehr in Mode, dass der Duden das Wort 2017 aufnahm. Ein Novum, findet man doch für kein anderes Land der Welt ein Pendant im deutschen Wörterbuch.                [finow]

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