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Editorial

Nachdem Donald Trump am 6. Dezember des vergangenen Jahres angekündigt hatte, die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, folgte innerhalb kürzester Zeit vor allem in Europa die obligatorische Welle antisemitischer Zusammenrottungen. In Göteborg wurde eine Synagoge mit Molotowcocktails angegriffen, und in Berlin verbrannte der Mob selbstgemalte Israelfahnen. Da alle Dinge eine Weile brauchen, bis sie in Halle ankommen, dauerte es bis zum 16. Dezember, dass sich auch hier eine Schar von etwa 40 Hobbypalästinensern am Steintor zusammenfand. Da es sich bei den Demonstrationsteilnehmern mehrheitlich um Migranten aus Syrien handelte, wütete die Menge überwiegend auf Arabisch gegen den Judenstaat. Die wenigen deutschsprachigen Demobeiträge bewegten sich zwischen abstrusen Horrormärchen (»Israelische Polizeihunde fressen unsere Kinder!«) und wenig versteckten Mordphantasien (»Das kleinste Kind von uns will euch töten!«). Angestachelt wurden die Kundgebungsteilnehmer nicht nur vom Gedanken daran, dass Jerusalems Altstadt auf absehbare Zeit nicht wieder so judenrein werden wird wie vor dem Sechs-Tage-Krieg. Als erreichbares Feindbild vor Ort dienten auch etwa 20 Gegendemonstranten, die aufgrund der mitgebrachten Israelfahnen als Reinkarnation des Bösen betrachtet wurden.
Die Funktion des deutschsprachigen Stimmungsmachers übernahm im Wesentlichen die aus der Nähe von Damaskus stammende Razan Afifi, die gemeinsam mit ihren Schwestern Jehan und Safa maßgeblich für die Organisation der Demonstration verantwortlich war. Jehan Afifi hatte auch die Facebook-Veranstaltung zur Kundgebung erstellt. Die drei hatten ihre Kinder mitgebracht und missbrauchten ihre Schützlinge im Kleinkindalter mehrfach dazu, judenfeindliche Parolen ins Mikrophon zu kreischen. Darüber hinaus brachte Razan Afifi ihre vermeintliche Herkunft als moralisches Grundkapital ins Spiel, indem sie sich als palästinensischer Flüchtling ausgab. Das heißt natürlich nicht, dass sie jemals in Palästina gelebt hat. Das trifft noch nicht einmal auf ihre Eltern zu. Da aber ihre Großmutter aus der Gegend kommt, jammerte Afifi, sie wolle ebenso nach Palästina »zurückkehren« wie ihr Sohn, der nicht im Nahen Osten sondern im Osten von Deutschland geboren wurde. Um der Welt zu zeigen, wie ernst ihr die Sache ist, will Afifi den Schlüssel zum großmütterlichen Haus, das sicher schon längst nicht mehr steht, nicht dem Schrotthändler übergeben, sondern ihren Kindern vererben. Die Tobsucht dieser Frau kann nicht mit einem Verweis auf das Schicksal vieler Migranten verklärt werden, die dazu verdammt sind, am Rande der Gesellschaft vor sich hin zu vegetieren. Stattdessen bewegt sie sich in deren zeitgemäßer Mitte. Afifi ist vor zehn Jahren der Liebe wegen nach Halle gezogen, um hier mit ihrem Mann zu leben, den sie in Kairo kennenlernte und mit dem sie inzwischen drei Kinder hat. Sie selbst versucht sich als Künstlerin, während ihr Partner im akademischen Betrieb beschäftigt ist. Zusammen mit den beiden Schwestern ist das Paar tief in der hallischen Zivilgesellschaft im Bereich der Flüchtlingshilfe verankert. Es ist unter anderem auf den Bekanntheitsgrad der Familie bei den hallischen Gegen-Rechts-Aktivisten zurückzuführen, dass sich zunächst kaum jemand für die krassen antisemitischen Ausfälle zu interessieren schien – hinter vorgehaltener Hand sicherte man den Afifis eher Unterstützung zu. Keiner ihrer Freunde wollte sie auch nur annähernd nach den gleichen Maßstäben beurteilen, die man angelegt hätte, wenn auf der Kundgebung etwa ein Götz Kubitschek vor das Mikrofon getreten wäre.
Vor diesem Hintergrund wandte sich die neugegründete Initiative gegen antisemitische Propaganda mit einem Offenen Brief an Matthias Brenner, den Intendanten des Neuen Theaters in Halle. An dessen Haus wurde Fassbinders »Angst essen Seele auf« als Integrationsstück inszeniert, für das man als originäre Vertreter des Migrantentums Razan und Safa Afifi mit ihren musikalischen Projekten auf die Bühne holte, um das hallische Kulturvolk mit folkloristischen Gesangs- und Tanzeinlagen zu erheitern. Brenner war von der Aufmerksamkeit gar nicht begeistert. Da hallische Antirassisten ihre exotischen Maskottchen ohnehin nicht für voll nehmen und niemand sich von deren Macken sein selbstgerechtes Engagement madig machen lassen will, sprangen deshalb in entmündigender Manier zunächst Brenner und der Ehemann von Afifi in die Bresche, um die Frau in Schutz zu nehmen. Brenner bekannte sich zwar offen als Freund des Engagements gegen Antisemitismus. Wenn es um Israel geht, scheint er sich im Wesentlichen jedoch mit den Afifis darin einig zu sein, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Nur die Form der Kritik passt nicht so ganz zum verantwortungsvollen, deutschen Umgang mit dem Holocaust. Dementsprechend hatte Brenner kein grundsätzliches Problem mit der israelfeindlichen Demonstration, lediglich »das Verhalten einiger Demonstranten« war für ihn »nicht tolerierbar«.
Und so setzte Brenner alles daran, mit dem Handwerkszeug eines Schauspielintendanten (hinhaltendes Phrasengedresche, Larmoyanz und Einladungen zum Runden Tisch) Gras über die Sache wachsen zu lassen. Aufgrund der medialen Aufmerksamkeit führte jedoch kein Weg an der öffentlichen Reinwaschung der rasenden Afifi vorbei. Sie entschuldigte sich medienwirksam bei Max Privorozki, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Halle. Vor der Presse wiederholte sie, was man ihr zuvor eingebläut hatte. »Ich bin keine Antisemitin«, erklärte sie und zog zu ihrer Verteidigung den Umstand heran, dass sie beim Anblick eines Davidsterns rot sähe: »Ich habe mich von meinen Emotionen leiten lassen und mein Denken war abgeschaltet.« Stellvertretend für die hallische Zivilgesellschaft akzeptierte Brenner die Dreistigkeit, um endlich wieder in Ruhe »gemeinsam für ein menschenwürdiges Zusammenleben eintreten« zu können – für eine Gesellschaft also, die auch in Zukunft nicht zuhören wird, wenn jemand wie Max Privorozki auf die wachsende Gefahr des islamischen Antisemitismus hinweist.

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Köthener Jungs

Andreas Reschke über die Fixierung der guten Deutschen auf Nazis und das Desinteresse am Islam.

 

Die Köthener Familie Ritter hat es im Laufe der Jahre zu einiger Prominenz geschafft. Seit nunmehr 23 Jahren besucht der Fernseh-Hochkaräter Stern TV die Familie und dokumentiert das Elend eines Milieus, das von der Gesellschaft seit Generationen abgehängt ist und es vor allem auch bleibt. Die drei Söhne der Familie waren schon im Grundschulalter delinquent und wuchsen in einer Atmosphäre der Gewalt, Verwahrlosung und des Alkohols auf. Dass die Jungs der Familie keine linksakademischen Plaudertaschen geworden sind, sondern drogen- und alkoholabhängige Schläger mit zum Teil langjährigen Haftstrafen, ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass Kommune und Staat diese Familie abgeschrieben haben. Weder das zuständige Jugendamt noch Sozialarbeiter oder das Sozialamt haben wirksam eingegriffen, um den Kreislauf aus materiellem und geistigem Elend zu unterbrechen. Einer der Jungs lebte zwischenzeitlich in einem Kinderheim, blühte dort auf und schien zumindest teilweise soziale und emotionale Beeinträchtigungen, bedingt durch sein Umfeld, kompensieren zu können. Nach vier Jahren Heimunterbringung kam er im Alter von dreizehn Jahren wieder nach Köthen zu seiner Familie zurück und setzte umgehend die Familientradition – bestehend aus exzessivem Alkoholkonsum und dissozialem Verhalten – fort.
Als im Oktober 2017 Stern TV erneut in Köthen aufschlug, hatte sich die Situation vor Ort kaum geändert. Die Familie und die Nachbarn im Obdachlosenheim warten schon seit Jahren auf eine Dusche, das Wohnhaus ist abbruchreif, und die Bewohner sind chancenlos, diesen Verhältnissen zu entfliehen. Die Versuche der Mutter, sich eine normale Wohnung anzumieten, scheiterten nicht zuletzt an der Stigmatisierung der Familie, für die wesentlich Stern TV verantwortlich ist. So bleiben die Mitglieder dieser Familie sich selbst überlassen und sind gezwungen, in ihrer Sperrmüllbude auszuharren. Auch wenn es Mitarbeiter des Jugendamtes überrascht, aber stumpfe Verhältnisse bringen stumpfe Menschen hervor. Keines der Familienmitglieder hat Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Keiner kann einen halbwegs verständlichen Satz formulieren. Und Affektkontrolle ist ebenfalls kein zentrales Erziehungsziel in solch einem Umfeld. Dass die Söhne der Familie zum Teil Nazischläger geworden sind, dürfte eher Ausdruck ihrer Verrohung als ihrer Gesinnung sein. Es ist nicht davon auszugehen, dass sie ihre Nazidevotionalien wie ein Rudolf-Hess-Plakat (»Von die Rechtsradikalen«) deswegen so gerne vorzeigen, weil sie infolge umfangreicher Lektüre von NS-Schriften überzeugte NSDAP-Fans geworden sind. Grund genug aber für diverse Antifaseiten auf Facebook, die Familie mit Hohn und Spott zu überziehen. Während sich also wackere Mittelschichts-Antifaschisten an ihrem Unterschichtenporno ergötzten und die Unglücksritter aus Köthen ein breiteres Publikum erhielten, wurde ein anderer Köthener Junge mit recht wenig Aufmerksamkeit bedacht. Nicht nur, weil er nicht autochthon ist, wurde er von linken Antifaschisten weitgehend ignoriert; sondern vor allem, weil er im Namen des Islam und nicht im Namen von Rasse und Vaterland agierte.
Im August 2017 begann am Landgericht in Halle ein Prozess gegen einen jungen Syrer, der in der Nähe von Köthen auf einem Bauernhof der evangelischen Jugendhilfe lebte. Der laut Eigenauskunft 16-Jährige hatte zuvor im Internet Sympathie für den IS bekundet und angekündigt, dass er »etwas Größeres« vorhabe. Laut Mitteldeutschem Rundfunk (MDR) soll der Jugendliche »einem Chatpartner, der verdeckt als Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz arbeitet, […] erklärt haben, er sei nicht nach Deutschland eingereist, um hier zu leben, und auch nicht, um mit einem Messer ein oder zwei Menschen zu töten«. Der junge Syrer beschaffte sich im Internet bereits Anleitungen zum Bau von Bomben und erkundigte sich danach, wo er Sprengstoff auftreiben könnte. Da der Angeklagte minderjährig ist, fand der Prozessauftakt unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das Desinteresse der wackeren Antifaschisten an solchen gar nicht so seltenen Fällen hat aber weit weniger mit diesem Umstand zu tun, als mit einer Scheu, islamischen Terror zu benennen und zu kritisieren. Viel zu groß ist die Angst, würde man diesen potenziellen Attentäter als Beispiel für die Barbarei des Islam heranziehen, als Islamfeind oder gar als Rechtspopulist dazustehen. Diese Furcht einerseits und das notorische Abarbeiten an der AfD oder der geltungssüchtigen Trottel-WG von Kontrakultur andererseits sind Merkmale eines Antifaschismus, dem es nur um die gute Gesinnung geht. Wenn man sich – ohne Müh’ und Kost – ganztags von Rechtspopulisten abgrenzt, während diese ohnehin weitgehend gesellschaftlich isoliert sind, geht es in den allermeisten Fällen darum, sich gegenseitig permanent des antifaschistischen Konsenses zu versichern. Zum Pflichtprogramm des Antifaschisten gehört die bierernste Warnung vor der AfD, die so manchem linken Phantasten als die neue NSDAP erscheint, und zur Entspannung erlebt er beim Fernsehbericht über die Familie Ritter ein gruselig-schönes Schauern. Dass man aber auffällig schweigt, wenn ideologische Gewaltphantasien – so sie denn eben islamischer und nicht rechter Natur sind – real werden, ist bezeichnend. Antifa-Facebookseiten, zivilgesellschaftliche Opferberatungsstellen oder Recherche-Fuzzis interessieren sich zwar für jeden Thor-Steinar-tragenden Vorstadtproll, nicht aber für jene Szene, die oft viel zielsicherer, geplanter und hinterhältiger als die lokale Nazigang Morde plant und im schlimmsten Fall auch umsetzt.
Gegen die juristische Unterstützung von Opfern rechter Gewalt spricht nichts; im Gegenteil ist solche Hilfe oft notwendig, damit Betroffene die Täter anzeigen und vor Gericht bringen können. Dass aber Vereine wie die hallische Mobile Opferberatung und andere zivilgesellschaftliche Gruppen Betroffene von Hate Crimes unterstützen, wenn die Schläger nicht Mario oder Melanie heißen, ist nicht bekannt. Wenn Ibrahim oder Mohammed und deren Kumpels in Flüchtlingsunterkünften Mitbewohner drangsalieren, weil sie Christen oder Atheisten sind oder weil sie es wagen, tagsüber während des Ramadans ein Glas Wasser zu trinken, können sich die Opfer sicher sein, dass sie vom Staat und dessen Antifa vergessen werden. Es ist schon bemerkenswert, wie penibel die Staatsantifa das Internet nach Verfehlungen von Rechten durchforstet, während die alltäglichen Zumutungen durch den Islam ausgeblendet oder bagatellisiert werden. Antifagruppen und ihre ganzen zivilgesellschaftlichen Ableger befinden sich damit gänzlich auf Regierungslinie, nach der die AfD der große Volksfeind sei und der Islam vor einigen wenigen auf Abwegen geratenen Terroristen gerettet werden müsse – und es fällt den Guten noch nicht einmal auf. Wer also von, wie es in jenen Kreisen gerne heißt, »gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit« redet und dabei nur an abgehängte Köthener und die AfD denkt und nicht an jene, die keinen Hehl daraus machen, dass sie die Juden gerne tot sehen würden; wer also die Gefahren durch den politischen Islam kleinredet oder gar ignoriert, sollte gefälligst zum Antisemitismus das Maul halten.

Andreas Reschke

 

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Ein Abgesang auf die Hafenstraße 7.

 

Kurz nach dem Jubiläum seines zweijährigen Bestehens steht das soziokulturelle Zentrum »Hasi« vor dem Aus. Als im September 2017 die Gestattungsvereinbarung zur Nutzung des Hauses auszulaufen drohte und der das Projekt in der Hafenstraße 7 betreibende Capuze e.V. und die Hallesche Wohnungsgesellschaft (HWG), der das Objekt gehört, keine Einigung erzielten, setzten die Aktivisten auf den Rückhalt aus der städtischen Politik. Sie riefen ihre Unterstützer dazu auf, Transparente mit der Aufschrift »Hasi bleibt!« aus ihren Wohnungen zu hängen und druckten Sticker mit derselben Botschaft. Es dauerte nicht lange, da prangte in bester Wahlkampfmanier ein Aufkleber an jeder zweiten Laterne, und vor zahlreichen Häusern flatterten bemalte Bettlaken herum. Obendrein lud man alle Wohlgesonnenen zu einer öffentlichkeitswirksamen Vollversammlung in den hauseigenen Garten und bekam von der Tageszeitung (Taz) eine Reklameveranstaltung mit dem Titel »Etwas stimmt mit ›Hasi‹ nicht« ausgerichtet. Die Mobilisierung des weltoffenen Halles schien erfolgversprechend: Oberbürgermeister Bernd Wiegand und drei der fünf Stadtratsfraktionen (Linke, Grüne, Mitbürger) sprachen sich öffentlich für den Erhalt des Projekts aus. Im Dezember 2017 entschied sich der Stadtrat jedoch gegen den Kauf des Objekts, de facto also gegen eine langfristige Legalisierung. Folglich lief Ende Januar 2018 die Duldung aus und so bangte die Hafenstraße 7 bei Redaktionsschluss um ihr Fortbestehen. Weshalb man sich weder über eine bestehende, noch über eine ehemalige »Hasi« Illusionen machen sollte, erläutert Paul-Holger Seiden.

 

Die Hausbesetzer der 1970er bis 1990er Jahre hatten es noch vergleichsweise leicht, sich auf der Basis ihrer eigenen Taten ein Selbstbild als Revolutionär zuzulegen. Zwar hatte stets ein Teil der Bevölkerung offene oder zumindest heimliche Sympathien für sie, auch einige Politiker zeigten für manche ihrer Anliegen Verständnis. Dennoch kam es hin und wieder zu Räumungen und Straßenschlachten mit der Polizei. So konnten sich die Hausbesetzer als Gegner des Systems, der Staatsmacht und böser »Spekulanten« in Szene setzen. Wenn heute die Protagonisten über die damalige Zeit sprechen, tun sie das meist mit funkelnden Augen. Völlig nebensächlich erscheint ihnen, dass sie ein in allen Belangen angepasstes Leben führen und sich von »damals« nur den Ökokitsch, ihr Faible für kollektives Wohnen samt aufreibender Hausplena und die Liebe zu verfallenden Altbauten behalten haben. Die wilde Zeit möchten sie keinesfalls missen. Sie ist ein integraler Bestandteil der eigenen Identität.
Wer heute jung und links ist, hat es weitaus schwerer mit dem Abschluss einer ähnlich gut verzinsten Anlage ins eigene Gewissen: Fast alle Hausprojekte sind legalisiert. Wer zur Selbststilisierung noch die pathetische Floskel vom »Leben im besetzten Haus« bemüht, blamiert sich deshalb zuallererst. Den Gegnern linker Zentren stehen mindestens genauso viele Befürworter gegenüber, die die Bedeutung der Aktivisten für das kulturelle Leben der Stadt und ihr Engagement gegen den Rechtsextremismus loben. Und kommt es mal zu einer Besetzung, die nicht nur symbolischer Natur ist, ist der weitere Ablauf ebenfalls vorhersehbar: Entweder es erfolgt zügig eine Räumung, die so unspektakulär ist, dass sie kaum zur Tresengeschichte taugt. Oder man lebt in einer Stadt wie Halle, die händeringend versucht, sich ein kulturell interessantes und alternatives Image zu verschaffen. Dann suchen deren Vertreter sofort das nette Gespräch bei Kaffee und Kuchen, sprechen binnen weniger Tage eine informelle Duldung und kurz darauf eine formelle aus.

 

Radikale Politikberatung

Genau das ist die Geschichte der Initiative »Wir brauchen Platz!«, die am 06. Januar 2016 eine ehemalige Gasanstalt in der Hafenstraße 7 besetzte. In den Tagen kurz danach – als die gesamte Front des Hauses mit Transparenten voll kämpferischer Parolen behängt war, Leute aus der Umgebung ihren Sperrmüll als freundliche Gabe vorbeibrachten und es weder Strom noch fließend Wasser gab – schnupperten manche noch den Hauch von Widerstand. Schon die Taufe des Objekts auf den infantilen und dümmlichen Namen »Hasi« zeigte jedoch an, wohin die Reise gehen sollte. Spätestens als nach nicht einmal drei Wochen eine Gestattungsvereinbarung mit der HWG unterzeichnet wurde, die den Aktivisten garantierte, das Gelände unter einigen Auflagen mindestens 20 Monate lang nutzen zu dürfen, war das rebellische Selbstbild kaum mehr aufrechtzuerhalten. Aufgeben konnte man es aber auch nicht.
Denn die Pflege der subversiven Fassade dient nicht nur dem eigenen Gewissen. Der »Hasi« geht es genau wie anderen linken Häusern auch: Da man sich schließlich durch die Einnahmen von Partys und Kleinstspenden finanziert, ist man auf einen möglichst großen Kreis von Unterstützern angewiesen. Die wiederum wollen sich natürlich auch irgendwie vormachen können, dem Schweinesystem Paroli zu bieten. Schon deshalb ist man gezwungen, große Ideale vor sich herzutragen: Es wird stets von Selbstbestimmung, Hierarchiefreiheit und Basisdemokratie geschwätzt. Dazu sei das Projekt ein antifaschistischer, antisexistischer, antirassistischer Leuchtturm – die Antis lassen sich bekanntlich beliebig erweitern – innerhalb der zum jeweiligen Gegenteil zurechtgelogenen Gesellschaft.
Besonders originell ist all das nicht. Einfallsreicher fiel hingegen die Begründung der eigenen Widerständigkeit im zur Besetzung Anfang 2016 verteilten Flugblatt aus.1 Dort beschwerte man sich, dass »es vielen sozialen und kulturellen Projekten an Geld und Raum« fehle. »In einer Zeit, in der viele staatliche Aufgaben zum Großteil von selbstorganisierten Initiativen übernommen werden, kann es nicht möglich sein, dass die notwendige Infrastruktur nicht zur Verfügung gestellt wird.« Über den Plan der Aktivisten erfährt man: »Angedacht sind Projekträume zur freien und unkommerziellen Nutzung für verschiedenste Gruppen: Werkstätten, Unterrichtsräume, ein Lesecafé, Infrastruktur für Geflüchtete und Büro-, Arbeits- und Seminarräume für Initiativen, die keinen Platz haben. […] Der neu geschaffene Raum ermöglicht es, diese wichtige Arbeit ohne finanziellen Druck voranzubringen.« Man hat offenbar kein großes Problem damit, dass der Staat sukzessive soziale Aufgaben an die vielbeschworene Zivilgesellschaft abgibt. Dementsprechend fehlt auch jede Kritik an der deshalb wachsenden Konkurrenz zwischen den Initiativen um finanzielle Zuwendungen, die sie tendenziell zu staatsabhängigen, rivalisierenden Cliquen formt. Empörend ist für die Verfasser einzig und allein, dass der Staat diesen Prozess nicht optimal gestaltet, insofern er nicht genug Infrastruktur für die arbeitshungrigen Aktivbürger bietet. Deshalb wollen ihm die Besetzer jetzt mal zeigen, wie das richtig geht. Die Aktivisten geben Politikern Nachhilfe in effektiver Ausbeutung ideologietrunkener Wohltäter.

 

Unnötig und trotzdem da

Darüber hinaus enthält die zitierte Erklärung auch die Lebenslüge des Projektes. Die zahlreichen Gruppen, wegen derer man angeblich ein Haus besetzen musste, um ihnen den zum Arbeiten notwendigen Raum zu schaffen – es gab sie nie. Mitnichten füllte sich die »Hasi«, wie angekündigt, nach und nach mit allerlei sozialen und kulturellen Vereinen. Das ist auch wenig überraschend: Die staatlich geförderten Zivilgesellschaftsvereine können aus ganz banalen Gründen nicht in der Hafenstraße 7 arbeiten. Sie benötigen schließlich Büro- und Seminarräume, in die man Klienten einladen kann, ohne sich völlig zu blamieren – und damit das genaue Gegenteil des abrissreifen Hauses. Linke Gruppen haben ihrerseits bereits genug Orte, an denen sie sich austoben können, insbesondere die anderen hallischen Hausprojekte. Und da selbst diese beim Betreten einen weniger starken Fluchtreflex auslösen als das neubesetzte Haus, gab es niemanden, der auch nur entfernt an einen Umzug dachte. Ganz ähnlich verhält es sich mit den kulturellen Initiativen. In Halle gibt es ausreichend Orte für Vorträge, Ausstellungen, Workshops, Partys usw., die allesamt zentraler gelegen, ansehnlicher und geräumiger sind als die ehemalige Gasanstalt. Von Anfang an war also klar: Niemand braucht Platz.
So offensichtlich die Lüge vom fehlenden Raum schon immer war, so sehr musste sie zwanghaft aufrechterhalten werden, um das Bestehen des Projektes zu rechtfertigen. Also bemühten sich die Besetzer, irgendwie das Haus voll zu bekommen. Zahlreiche hallische Politgruppen, zivilgesellschaftliche Initiativen und Kleinkünstler wurden angebettelt, sich doch bitte in den neuen Räumlichkeiten zu engagieren. Auch gänzlich Unbedarfte sollten mittels des regelmäßig stattfindenden Nachbarschaftscafés und des wöchentlichen Familiennachmittags auf das Gelände gelockt werden. Bis heute ist die erste Antwort der Aktivisten auf die Frage, wie man sie unterstützen könne, immer dieselbe: Man soll in der Hafenstraße Zeit verbringen oder – noch besser – Veranstaltungen organisieren. Die verzweifelte Suche nach Leuten, die dem Projekt Leben einhauchen, beweist dessen Überflüssigkeit. Noch die fadenscheinigste Ausrede wurde bemüht, um den Schwindel nicht zugeben zu müssen: Beim Lokalfunk Radio Corax behauptete ein Vertreter der Initiative, es wären nur deshalb kaum Gruppen eingezogen, weil die auf 20 Monate befristete Gestattungsvereinbarung diesen nicht ausreichend Planungssicherheit geboten hätte. Klar! Das Wichtigste für Linke ist und bleibt die Planungssicherheit.
Doch alle Verschleierungsversuche halfen nichts: Mit der Zeit schwand bei vielen Außenstehenden der Glaube, der Schlappohrstall trage maßgeblich zur Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements bei. Allzu große Schwierigkeiten bereitete das den Aktivisten aber nicht. Denn sie hatten der angeblichen Notwendigkeit des Projekts von Anbeginn eine weitere Stütze gebastelt. Im Stile zeitgenössischer Marketingexperten stellten sie der Hafenstraße eine Leerformel anheim, die ein wohliges Gefühl erzeugt und für ein ganzes Lebensmodell steht. Sie machten ein Wort zum Angelpunkt ihrer Werbestrategie, das schon ewig durch die subkulturellen Kreise geistert: Freiraum.

 

Feindbild Stadt

Die große Stärke des Freiraumbegriffs liegt darin, dass niemand weiß, was er eigentlich bedeutet. Dass die ersten Assoziationen jedenfalls durchweg positiv ausfallen dürften, garantiert schon der Wortbestandteil »frei«. Zwar nichts über seinen Inhalt, dafür umso mehr über die Funktion des Wortes erfuhr man bei einer Demonstration im Juli 2017. Etwa 300 Leute zogen quer durch Halle und forderten den Erhalt ihrer sogenannten Freiräume. Im dazugehörigen Aufruf heißt es: »alles Mögliche wird in und um Freiräume herum organisiert«. Sie »prägen das Stadtbild«, »erscheinen vielen als selbstverständlich«, sind gar »für eine freie Gesellschaft fundamental« und ohnehin »ein Grundbedürfnis«.2 Was auch immer diese Freiräume sind, sie scheinen immens wichtig zu sein – und bedroht sind sie obendrein.
Neben der Gentrifizierung sei es vor allem die Stadt Halle, die bei der Verdrängung der Freiräume kräftig mitmachen würde. Als Beweis dafür präsentiert der Aufruf den bevorstehenden Umzug der Fahrwerk-Skatehalle und die Schließung der Szenelokalität La Bim. Es interessiert die Verfasser kein bisschen, dass sich die hallischen Skater immens auf die brandneue Halle freuen, die sie von der Stadt als Ersatz für die alte bekommen. Auch dass das La Bim Ende 2017 schließen musste, weil es von der privaten Erbengemeinschaft, die den größten Teil des dazugehörigen Geländes besitzt, vor die Tür gesetzt wurde und sich Vertreter der Stadt seitdem bemühen, ein Ersatzobjekt zu finden, blieb unerwähnt.
Die sich hier abzeichnende Realitätsverweigerung erreichte ihren Gipfel dann auf der Demonstration selbst. In einem Redebeitrag hieß es, man selbst habe »kaum mehr als nichts«, der »Charme des Randständigen und Verwegenen« (also die Hässlichkeit des Hauses) entspringe »der Not, dass es heute höchstens noch möglich ist, an ein paar Abrissbuden heranzukommen.«3 So einfach lassen sich Empfänger von BAföG oder elterlichen Spesen, die ihre Verachtung für Schönheit und Luxus frei gewählt haben, zu gesellschaftlich Abgehängten umlügen. Der Schwindel stützt gleichzeitig die Selbstimagination als Rebell und das Feindbild Saalestadt. Er hilft zu vergessen, dass in Halle noch das letzte kulturelle Projekt aus Gründen der Imagepflege unterstützt wird. Und so heißt es dann: »Die Städte sind für uns zu feindlichen Territorien geworden.«
Diese Feindbestimmung, mit der man an den Jahrzehnte alten Antagonismus zwischen besetzten Häusern und ihrer Umwelt anknüpfen will, enthält den eigentlichen Zweck der Rede vom Freiraum. Die Inhaltslosigkeit des Wortes ist gewollt, damit es beliebig gewendet werden kann. Es kommt nicht darauf an, etwas Bestimmtes mit ihm zu bezeichnen – das zeigt schon der Umstand, dass ein soziokulturelles Zentrum und ein Skatepark nichts gemein haben und dennoch beides Freiräume sein sollen. Worum es geht, ist, einen Kampfbegriff zu haben, mit dem man die diffuse Feindschaft zur kalten, durchkapitalisierten Welt ausdrücken kann, von der man nichts versteht und nichts verstehen will. Würden sich die Freunde der »Hasi« einmal die Mühe machen, der eigenen Empörung eine Analyse der Verhältnisse folgen zu lassen, müssten sie einsehen, dass ihre Gegnerschaft zu jenen nur eine eingebildete ist.

 

Gleich und gleich gesellt sich gern

Das folgt schon daraus, dass eine Stadt nicht allein auf die verhassten, kapitalstarken Investoren (im Jargon der Aktivisten: »Immo-Haie«) angewiesen ist, sondern auch auf Leute, die in ihr leben möchten. Nun inszeniert sich Halle marketingtechnisch als »Medienstadt«, das heißt sie schielt weniger auf reiche Firmenchefs als auf junge Kreative, die bekanntlich nur mit ihrem Fimmel für Selbstverwirklichung und Subversion zu haben sind. Weil sich die Saalestadt nach den Interessen dieses den Mainstream verabscheuenden Mainstreams richten muss, der Lebensqualität in Subkultur und einer großen alternativen Szene sieht, braucht sie genau solche Projekte wie die Hafenstraße. Insofern war es alles andere als ein Verrat am Projekt, als bei einer öffentlichen Diskussion vorgeschlagen wurde, das Haus ins Stadtmarketing aufnehmen zu lassen.
Dass die selbsternannten Rebellen ungefragt genau das liefern, was die Stadtgemeinschaft haben möchte, zeigt sich immer wieder. Jede Woche stehen Yoga, Impro-Tanz und Theaterproben auf dem Programm. Beim Sommerfest »Zitterhasi« konnte man Siebdruck, Jonglage, Massieren und Origami lernen, darüber hinaus, wie man ein Didgeridoo oder eine Lochkamera baut. Den Freunden der Natur bot man eine Kräuterwanderung, Esoterikern den Kurs »Zaubertränke Aphrodisieren«, Kapitalismuskritikern ein Planspiel zum Geldsystem sowie Feministen einen Vortrag zur Frauenbewegung in Rojava und den Workshop »Sexualisierte Gewalt«. Kein einziger Punkt auf dem Programm kollidiert mit dem Mainstream des gegenwärtigen Deutschlands.
Ganz direkt griff man der Stadt Halle unter anderem beim Tag des offenen Denkmals 2017 unter die Arme: Interessierten wurden stolz die eigenen Ausarbeitungen zur Geschichte der Gasanstalt präsentiert, die sich auf dem Gelände befand. Ein noch eindrucksvolleres Beispiel bot die Beteiligung am hochoffiziellen Reformationsjubiläum. Die »Hasi« veranstaltete im Rahmen der sich an Jugendliche richtenden Reihe »Du bist frei« einen »Do It Yourself-Aktionsabend«, der zu Siebdruck, Urban Gardening und zum gemeinsamen Kochen einlud. Ebenfalls Teil der Reihe: ein Gospelkonzert und ein »Bibelmarathon«. Oft wird behauptet, diese Anbiederung an die Stadtgesellschaft sei strategischer Natur gewesen, um die eigene Verhandlungsposition zu verbessern. Eine solche Verteidigung ist jedoch in zweierlei Hinsicht grotesk. Einerseits wirft sie die Frage auf, was ein Projekt überhaupt wert ist, wenn der opportunistische Haufen, der sich in ihm trifft, für dessen Erhalt bereit ist, seine Ideale zu verraten. Andererseits ist die Behauptung, man hätte bewusst taktisch gehandelt, blanker Unsinn. Die Kooperationsveranstaltungen mit der Stadt unterscheiden sich kein bisschen von denjenigen, die die Aktivisten aus freien Stücken organisieren. Es musste überhaupt niemand seine Überzeugungen zur Disposition stellen, da man sich ohnehin einig ist mit dem angeblichen Feind.
Eine Verankerung in der Realität hat die obsessiv vor sich hergetragene Gegnerschaft zu Gesamtgesellschaft und städtischen Entscheidungsträgern also ganz und gar nicht. Damit sich die Aktivisten und ihr Dunstkreis als widerständige Gemeinschaft imaginieren können, müssen sie alle Register ziehen, um die Lüge aufrechtzuerhalten. Die Verlautbarungen über die Verhandlungen mit der HWG waren vor allem eines: Propaganda. Das drohende Auslaufen der Gestattungsvereinbarung vor der Verlängerung wurde als »Illegalisierung« des Projektes bezeichnet – ganz so, als wäre es eine böse Finte der HWG, vorerst nur den bestehenden Vertrag einzuhalten. Dass die illegale Besetzung erst durch diesen legal wurde und man selbst der Befristung zugestimmt hatte, wurde geflissentlich unter den Tisch fallen gelassen. Dagegen wurde immer wieder der Vergleich mit einem Hausprojekt der neurechten Identitären Bewegung (IB) bemüht.4 Wie könne die Stadt dieses tolerieren und gleichzeitig die »Hasi« rauswerfen, so die Anklage. Die Antwort ist erschütternd banal: Die IB’ler hatten ihr Haus gekauft. Davon, dass das ein Unterschied ums Ganze ist, will man in der Hafenstraße nichts wissen.5
Der Vorschlag, das Objekt von der HWG zu kaufen – also sowohl langfristige Sicherheit als auch Unabhängigkeit zu erreichen – wurde lange Zeit spöttisch belächelt. Erst als das Projekt im Januar 2018 erneut kurz vor dem Aus stand, fasste man widerwillig auch diese Option ins Auge. Dass die Aktivisten keine allzu großen Verpflichtungen eingehen wollen, ist nur allzu verständlich, wenn man bedenkt, dass die meisten von ihnen wohl selbst damit rechnen, die Hafenstraße in absehbarer Zukunft wieder hinter sich zu lassen. Sobald sich neue persönliche Chancen bieten oder einfach die Lust vergeht, will man jederzeit aussteigen können.

 

Häschen in der Grube

Zwar stimmt es, wenn die Aktivisten schreiben, dass sie »enorm viel Zeit und Energie […] investiert, das Gelände entmüllt, das Haus nutzbar gemacht, einen Garten angelegt und Werkstätten eingerichtet« haben.6 Gleichzeitig zeugt jedoch der nach zwei Jahren noch immer schäbige Zustand des Hauses davon, dass es nie darum ging, es sich schön zu machen. Stattdessen lag der Zweck der Arbeit immer in ihr selbst. Die Plackerei im Freiraum gleicht der des Heimwerkers, der Freude daran findet, Dinge, die er problemlos kaufen könnte, selbst zu bauen. In der Hafenstraße will man vor sich hin werkeln können, ohne dass einem jemand dabei über die Schulter schaut, das Ergebnis beurteilt und nach dessen Nutzen fragt. Mit einem naiven Blick und etwas Wohlwollen ließe sich hierin sogar ein am sogenannten Freiraum zu rettender Aspekt erkennen: Nischen, in denen nicht jedes Tun dem Nutzenprinzip unterworfen ist. Nur bräuchte es dafür überhaupt kein soziokulturelles Zentrum. Solche Bereiche gesteht die bürgerliche Gesellschaft jedem zu; man nennt sie das Private. Gewiss ist die Privatsphäre kein Gottesgeschenk, sondern erfüllt gesellschaftlich die Funktion, die Reproduktion der Arbeitskraft sicherzustellen – nur wer sich zuhause ordentlich ausleben kann, ist motiviert, seinen oft eintönigen Job auszuüben. Dennoch braucht man kein Hausprojekt, um seine Freizeit nach eigenem Belieben zu gestalten und seinen Interessen nachzugehen. Ein privater Rückzugsraum war auch nie das Ziel der Alternativen. Sonst hätten sie sich einfach einen Kleingarten pachten können, in dem man sich ebenfalls zur Genüge austoben und gelegentlich Partys feiern kann. Untauglich ist die bezahlte Datsche deshalb, weil sie kaum Anlass gibt, sich als Rebell zu fühlen. Während jeder Kleingärtner weiß, dass seine Arbeit reines Hobby ist, werden Gärtnern, Innenausbau und gemeinsames Kochen in der Hafenstraße zum Fluchtpunkt des linken Daseins. Selbermachen gilt als Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaft. Gleich am Eingang zum Gelände werden Besucher mittels eines großen Schildes unterrichtet: »Hasi bleibt frei von Kommerz«. Hierin deutet sich schon an, dass hinter dem Wunschbild der Selbstbestimmung bei vielen Aktivisten oftmals nichts anderes steht als zivilisationsmüdes Aussteigertum. Davon zeugt nicht nur das von den Bewohnern der Hafenstraße betriebene und als politischer Akt verklärte Containern von Lebensmitteln. Einige Aktivisten berieten ernsthaft darüber, ob sie nicht in einem Baumhaus oder einer Erdhöhle auf dem Gelände wohnen könnten.

 

Konfliktvermeidung und Denkverbot

Dort wäre es zwar kalt, doch gegen die wohlige Nestwärme des Kollektivs kommt ohnehin keine Heizung an. Außenstehenden schwärmt man stets davon vor, wie sehr sich im Freiraum alle lieb hätten. Verschwiegen wird dabei, dass die angeblich konfliktfreie Gemeinschaft nur mit Gewalt konstituiert und aufrechterhalten werden kann. Politische Differenzen werden meist einfach mit dem Hinweis, dass alle ja irgendwie dasselbe wollen, begraben. Wenn doch einmal jemand auf die Idee kommt, dem Kollektiv zu widersprechen, stehen sofort alle anderen gegen ihn zusammen. Die Handlungsmöglichkeiten für den Einzelnen bestehen dann darin, entweder wieder einzuscheren oder ausgestoßen zu werden. Weil die drohende Stigmatisierung zum einhelligen Hassobjekt wie ein Damoklesschwert über jedem schwebt, traut sich niemand mehr, überhaupt zu widersprechen. Es entsteht eine Kultur des Abnickens, durch die sich das Kollektiv effektiv gegen die Möglichkeit inneren Dissenses abschottet. Hierdurch wird die Möglichkeit von Erkenntnisfortschritt, ja das Denken selbst verhindert, sodass die eigene »Kritik« das Niveau aufgeschnappter Parolen nicht überschreiten kann. Doch ab und an bröckelt die traute Einigkeit. Nämlich dann, wenn persönliche Differenzen auftreten, die sich nicht bei einem gemeinsamen Bier tilgen lassen. Nicht selten liegen den persönlichen Konflikten auch politische Ursachen zugrunde, die man jedoch auf die persönliche Ebene ziehen muss, weil sie anders nicht ausgetragen werden können. In solchen Fällen streitet man sich umso heftiger, denn jetzt kann endlich die ganze aufgestaute Wut rausgelassen werden, die sich bei der pausenlosen Konfliktvermeidung anstaut. Nach kurzer Zeit rauft man sich jedoch – es geht ja um die gemeinsame Sache – meist wieder notdürftig zusammen und hält insbesondere nach außen den Schein des innigen Miteinanders aufrecht.

 

Avantgarde der Linken

Diese merkwürdige Gemeinschaftsformation ist keine neue Entwicklung (vgl. hierzu Bonjour Tristesse #7). Seit jeher schwankt die Linke zwischen Gesellschaftskritik und Kommunenromantik. Schon die Hausbesetzer des 20. Jahrhunderts besetzten häufig aus politischen Gründen, waren aber nach dem Einzug größtenteils mit internen Streitigkeiten beschäftigt. Bis heute befördern linke Hausprojekte eher die Errichtung einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft als die Schaffung eines Raumes kritischer Diskussionen, da das dortige Zusammensein weniger auf vernünftigen Diskussionen und Streits basiert, als auf dem Zwang, miteinander auskommen zu müssen. In Zeiten, die nicht gerade die Versöhnung der Menschen erwarten lassen, rückt zudem das Bedürfnis, sich als Revolutionär zu fühlen, weiter in den Vordergrund gegenüber der ohnehin unerquicklichen Frage, was das eigene Tun gesellschaftlich bewirken soll.
Dennoch treibt die »Hasi« diese Tendenzen auf die Spitze. Während andere Hausprojekte entgegen der Realität in der Regel noch hartnäckig darauf bestehen, politische Akteure zu sein, geht die neue Riege der Hausbesetzer offensiver damit um, dass es ihr, allem widerständigen Gebaren zum Trotz, in erster Linie um Selbstverwirklichung und Aussteigertum geht. So erklärte ein Vertreter der Hafenstraße etwa bei einer Podiumsdiskussion, seinen »Freiraum« mache es in erster Linie aus, dass er »offen« und »freundlich« sei. Diese Abkopplung des Hausprojektes von politischen Ansprüchen ist großen Teilen der linken Szene in Halle ein Dorn im Auge. Wenn sie deshalb abschätzig über die Hafenstraße vom »Hippiehaus« reden, verdrängen sie jedoch bloß, dass sich die »Hasi« nicht grundsätzlich von den anderen Hausprojekten unterscheidet, sondern lediglich einen Schritt weiter ist.

Paul-Holger Seiden

 

Anmerkungen:

1   wirbrauchenplatz.tumblr.com/info

2   freiraumdemo.noblogs.org/

3   aergernis.blogsport.de/2017/07/16/fuer-ein-ende-der-schuechternheit/

4   Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die IB’ler ihr Hausprojekt ebenfalls als »Freiraum für Kultur, Leben und politische Arbeit« begreifen.

5   Genauso wenig davon, dass der HWG durch das Projekt nicht unerhebliche Kosten entstehen. Schließlich muss die Wohnungsgesellschaft für die Sicherheit der Nutzer garantieren. Während der Verhandlungen wies die HWG folgerichtig darauf hin, dass bei einer Verlängerung des Vertrags hohe Sanierungskosten auf sie zukämen. Und einem der betriebswirtschaftlichen Logik verpflichtetem Unternehmen falle es eben schwer, diese Ausgaben für ein einziges Objekt zu rechtfertigen – insbesondere gegenüber den Mietern, die brav monatlich zahlen. Dies wollten die Wortführer der »Hasi« überhaupt nicht einsehen und behaupteten trotzig, die veranschlagten Kosten wären künstlich in die Höhe getrieben worden, was nur Ausdruck der feindseligen Haltung des städtischen Unternehmens sei. Als etwa die HWG Heizungen im Gebäude anbringen lassen wollte, hieß es, die Ausgabe sei unnötig; die momentan vorhandenen Holzöfen würden schließlich völlig ausreichen. Ironischerweise bettelten zwei Aktivisten in einem späteren Radiointerview die Unterstützer der »Hasi« an, doch bitte ihre alten Öfen zu spenden, da es im Winter zu kalt im Haus sei.

6          hafenstrasse7.noblogs.org/projekt/

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FÜR DEN FEMINISMUS

Wir dokumentieren ein Flugblatt, dass im April von No Tears for Krauts Halle auf einer antifeministischen Demonstration mit dem Motto »Konsequent. Feministisch. Antifaschistisch. Kick them out – Nazizentren dichtmachen!« verteilt wurde.

 

Liebe Teilnehmer der heutigen Demonstration,

mal Hand aufs Herz: Kommt es Euch nicht auch etwas lächerlich vor, auf eine feministische Demonstration zu gehen, die sich gegen die Identitären richtet? Oder gar verlogen? Anscheinend nicht, denn ansonsten wärt Ihr zuhause geblieben, anstatt Euch hier bei einem Protest gegen ein Dutzend Flachpfeifen, die ohnehin niemand zu mögen scheint, als ehrenwerte Verteidiger des Fe­minismus aufzuspielen.

 

Marsch der Begrifflosen

Man kann den Leuten von der Identitären Bewegung (IB) einiges vorwerfen. Ihre Mitglieder sind gewaltaf­fin, sie haben ein Faible für faschistische Ästhetik (Seitenscheitel, Fackelmärsche) und sie träumen von ethnisch homogenen Gemeinschaften. Vor allem aber sind sie fremdenfeindliche Arschlöcher, die ein halb­wegs geschicktes Händchen haben, Aufmerksamkeit zu erregen. Dass ihnen das in der letzten Zeit so gut ge­lang, dazu habt allerdings auch Ihr beigetragen. Denn anstatt die Identitären aus der Adam-Kuckhoff-Straße einfach als unangenehme Nervensägen zu behandeln, wart Ihr wackeren Antifaschisten Euch nicht zu blö­de, sie zu einer Gefahr für alles Mögliche zu stilisieren. Und nun soll es das Frauenbild dieser Handlampen sein, das der befreiten Gesellschaft im Weg steht, von der im Aufruf die Rede ist?
Wie kommt Ihr überhaupt darauf, dass die IB son­derlich sexistisch sei? Deren weibliche Protagonisten treten sehr selbstbewusst und nun wahrlich nicht als die »Heimchen vom Herd« auf. Uns sind auch keine Verlautbarungen der Identitären bekannt, die diese als üble Sexisten überführen. Gewiss, wir sind nicht die Nazi-Experten wie Ihr. Aber so ganz haut Euer Vorwurf nicht hin. Die Identitären haben sicherlich ein traditionelles Frauenbild. Aber das ist weder dezidiert sexistisch, noch unterscheidet sich das wesentlich von anderen Milieus wie den Fans vom Halleschen Fuß­ballclub, den Ammendorfer Sportkeglern oder dem Frauenyogakurs im Iris-Regenbogenzentrum.
Mit Begriffen scheint Ihr es ohnehin nicht so genau zu nehmen. Die ständig wiederholte Behauptung, dass die Identitären durchweg Nazis seien, ist zudem nicht ganz richtig. Weder beziehen sie sich positiv auf den Nationalsozialismus, noch teilen sie dessen ideologi­schen Kern, den zur Vernichtung drängenden Antise­mitismus. Wir wollen Euch jetzt an dieser Stelle nicht mit Theorie behelligen – schließlich seid Ihr ja hier, um gegen fiese Nazischweine zu demonstrieren. Aber worin bitteschön äußern sich solche Vernichtungs­wünsche bei der IB? Das Verschwörungsdenken dieser Leute unterscheidet sie jedenfalls nicht von Attac und Co., deren Mitglieder Ihr natürlich niemals als Nazis bezeichnen würdet. Und bitte kommt jetzt nicht mit »Ethnopluralismus«. Der Begriff, den Ihr gerne an­führt, um die IB’ler als besonders schlimme Rassisten auszuweisen, taugt nicht einmal dazu, die Neue Rech­te mit ihrem Traum von einem Fest der Völker von der Neuen Linken mit ihrer Freude am Karneval der Kulturen abzugrenzen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir mögen die Jungs und Mädchen mit ihrem penetranten Hang zur Selbstüberschätzung auch nicht. Uns liegt nichts daran, sie zu verteidigen. Es spricht nichts dagegen, sie in die Schranken zu weisen – erst recht, wenn sie anfangen Leute zu bedrohen.
Aber wir finden Eure Schaumschlägerei gegen diese paar Trottel hochnotpeinlich. Euch fällt gar nicht auf, wie sehr Ihr selbst zu den Handlangern einer Politik geworden seid, der es nur noch um das reine Gewissen geht. Anwohnerinitiativen, Stadtrat, Stura und Universitätsleitung geben Statements gegen die Identitä­ren ab, die Euren Äußerungen gar nicht so unähnlich sind. Den Deppen von der IB scheint das große Heer Antifaschisten jedweder Couleur, in das Ihr Euch hier eingereiht habt, ganz recht zu kommen. Würde es sie nicht geben, Ihr müsstet sie erfinden. Heute geht Ihr mit Hunderten auf die Straßen. Wenn es aber nicht deutschstämmige Nazis sondern Migranten sind, die, wie am 16. Dezember vergangenen Jahres, eine De­monstration abhalten, die offener antisemitisch ist als jeder Aufmarsch der Brigade-Suffnazis aus der halli­schen Silberhöhe, dann bleibt ihr zuhause.

 

Selbstvergewisserung statt Feminismus

Ist es möglich, dass es Euch auch beim Thema Femi­nismus gar nicht so sehr um die Identitären geht, son­dern eher um Euch selbst? Habt Ihr schon mal dar­über nachgedacht, dass Eure Beißreflexe gegenüber dem »Nazizentrum« in erster Linie einer Vermeidung dienen? Wenn Ihr Euren Lieblingsfeinden unbeirrbar Sexismus und Rassismus unterstellt, braucht Ihr Euch gar nicht erst die Frage zu stellen, ob sie an dem einen oder anderen Punkt nicht vielleicht doch Recht haben. Gewiss, sie sind Fremdenfeinde und interessieren sich für sexuelle Übergriffe nur dann, wenn sich Migranten als Täter finden. Aber stimmt es vielleicht nicht sogar, dass das Frauenbild autochthoner Männer bei wei­tem nicht das Schlimmste ist, was der Markt derzeit hergibt? Und ist es nicht möglicherweise wahr, dass Übergriffe gegen Frauen schneller bagatellisiert wer­den, wenn sie von Zugezogenen begangen werden? Ist es nicht auch in linken Läden so, dass es bei sexuel­len Belästigungen durch einen Nicht-Deutschen aus Rücksicht auf seinen »kulturellen Background« weit­aus länger dauert, bis er eine Backpfeife bekommt als bei einem deutschen Proll?
Ihr ahnt sicherlich, was jetzt kommt: Ein durchaus beträchtlicher Teil des vom Islam geprägten Milieus – sowohl frisch zugewandert als auch Teile der schon länger hier lebenden Moslems – ist der Ansicht, dass Frauen sich den Männern zu fügen haben. Die Verführungskraft weiblicher Sexualität und deren vermeintli­cher Ausdruck – Haare, Arme, Körperlichkeit etc. pp. – wird von Anhängern des Propheten Mohammed als Bedrohung empfunden, die durch Verhüllung zu ban­nen sei. Harām gekleidete Frauen werden als »Schlam­pen« bzw. legitime Beute gesehen, was sich immer wie­der in sexueller Gewalt entlädt. Wir wissen, Ihr werdet nicht gerne an die Kölner Silvesternacht erinnert. Und falls doch, antwortet Ihr reflexartig mit »Oktoberfest«. Euch ist keine Verrenkung zu blöd, um über das Frau­enbild des Islams nicht sprechen zu müssen.
Und? Merkt Ihr etwas? Springt bei diesen Worten Euer Rechtspopulismusradar an? Es hat sich näm­lich – insbesondere seit Pegida, AfD und IB ihren nur halbherzig verschleierten Fremdenhass als »Islamkri­tik« verkaufen – eingebürgert, dass jede Kritik am Is­lam und dessen Zumutungen abgewehrt wird, indem man jenen, die diese aussprechen, Rassismus vorwirft. Dabei müssten Feministen gerade hier besonders laut aufschreien. Im Aufruf wird stattdessen die Frauen­verachtung »islamischer Fundamentalisten« erwähnt, die eine »ideologische Gemeinsamkeit« mit der IB begründen würde. Ihr tut damit alles, um den strukturellen Sexismus im Islam in jeglicher Hinsicht zu re­lativieren. Denn was hat bitteschön das konservative Rollenbild, dem die Identitären möglicherweise nach­trauern, mit der Lebenswirklichkeit unzähliger Frauen zu tun, die das Haus nur verschleiert verlassen dürfen, sich daheim aber jederzeit für ihren Mann zur Verfü­gung stellen sollen? Mit jenen jungen Frauen, die per­manent einen ihrer Brüder an der Seite kleben haben, damit bloß keine Schande über die Familie kommt? Die ihren Kampf um individuelle Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung meist verlieren und im schlimms­ten Fall umgebracht werden?
Es ist übler Zynismus, wenn im Aufruf von einer »ge­samtgesellschaftlichen Frauenverachtung« gefaselt wird. Frauen haben in westlichen Gesellschaften na­hezu die gleichen Chancen und Rechte wie Männer. Sie können ihren Wunschberufen nachgehen, in man­chen Gegenden verdienen sie inzwischen aufgrund ihrer höheren Qualifikation sogar mehr als Männer, und in Halle sind Frauen unter den Studenten in der Überzahl. Und während sie im Islam dem Gutdünken und der Willkür der Männer ausgesetzt sind, werden hier Übergriffe auf ihre (sexuelle) Selbstbestimmung gesellschaftlich verurteilt und geächtet.
Doch ihr Paradefeministen differenziert und ver­gleicht solange, bis das Problem nicht mehr wiederzu­erkennen ist. Gegen Euch ist jeder Feminismus zu ver­teidigen, der sich nicht scheut, den größten Agenten der Frauenunterdrückung in Deutschland zu benen­nen, ohne nebulös herumzueiern und von »religiösen Strukturen« zu schwadronieren.
Also, liebe Demonstranten, nehmt es uns nicht übel. Aber: Ihr seid Teil des Appeasements gegenüber dem Islam und verratet all jene Frauen und Homosexuelle, die täglich unter den Zumutungen des Islams zu leiden haben. Ihr betreibt nur dümmliche Selbstvergewisse­rung, wenn Ihr in Eurem Aufruf auch Konservative für ihr traditionalistisches Rollenbild anklagt, als wären sie inzwischen nicht diejenigen, die noch am beharr­lichsten individuelle Freiheiten gegenüber dem Islam und seinen linken Freunden verteidigen. Eure Indif­ferenz gegenüber der Zerstörungswut des Islams ist für das gesellschaftliche Zusammenleben gefährlicher als die ohnehin einflusslosen Mitglieder einer rechten PR-Sekte. Mit Euch lässt sich kein Feminismus machen! – Kickt Euch!

Eure No Tears for Krauts
Halle (Saale), April 2018

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Im Herbst vergangenen Jahres erschien auf einem kleinen hallischen Nachrichtenportal ein kurzer Artikel, der sich unter der Überschrift »Steigender Antisemitismus in Halle« mit antisemitischen Vorfällen in der jüngeren Vergangenheit befasste. Konkret wurde unter anderem von einem Übergriff auf ein jüdisches Kind in der Nähe des Steintors in Halle berichtet, der nur wenige Tage zuvor stattfand. Das Kind wurde auf offener Straße attackiert, weil es eine Kippa trug. Die Familienmitglieder des Jungen konnten Schlimmeres verhindern. Wie bei vielen weiteren Vorfällen ging der Übergriff von Personen aus dem arabischen Raum aus. Trotz der Brisanz des Artikels blieben nennenswerte öffentliche Reaktionen aus. Die Redaktion der Bonjour Tristesse sprach mit Max Privorozki, der der Jüdischen Gemeinde Halle und dem Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt vorsitzt.

 

Im Oktober 2017 erschien ein Bericht, der den Wandel antisemitischer Übergriffe auf Juden in Halle thematisiert. Wie sehen diese Übergriffe aus und was unterscheidet sie von antisemitischen Übergriffen der Vergangenheit?

Die Frage betrifft den Begriff »antisemitische Übergriffe«. Man muss klar definieren, was ein »antisemitischer Übergriff« bedeutet. Wenn es sich um Gewalttaten handelt, dann bleiben wir mit Gottes Hilfe davon verschont. Wenn es sich um Beschimpfungen oder Beleidigungen handelt, dann wurden die bis jetzt immer oder fast immer anonym artikuliert – also in Briefen oder per Telefon. Das geschieht jetzt offen und ohne Versuche, sich zu verstecken.

 

Was für Beleidigungen fallen dann?

Ich kann nur das wiederholen, was ich persönlich gehört habe: »Kindermörder«

 

Würden sie von einer Zunahme antisemitischer Vorfälle sprechen?

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass ich keine Zunahme verzeichnen kann – zumindest nicht quantitativ. Mir geht es nicht in erster Linie um die Zahlen der antisemitischen Vorfälle in Halle, sondern um die allgemeine Atmosphäre. Es mag sein, dass unsere Mitglieder überempfindlich sind, aber die ständige antiisraelische Hysterie und die zumindest für uns offensichtliche Tarnung der antisemitischen Ressentiments hinter der »berechtigten Kritik der israelischen Politik« machen die Stimmung wahrscheinlich schlechter, als sie es verdient.

 

Können sie das etwas ausführen?

Was ich damit meine? Hier sind ein paar Beispiele. Am 9. November 2017 habe ich festgestellt, dass wesentlich weniger Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Halle zur Gedenkveranstaltung am Jerusalemer Platz erschienen sind als üblich. Danach habe ich bei einigen, die bis jetzt stets zu Gedenkveranstaltungen gekommen sind, nach der Ursache gefragt. Ich bekam als Antwort: Sie hatten einfach Angst.
Wir gratulieren unseren älteren Mitgliedern zu Geburtstagen mit einer Postkarte. Zum ersten Mal habe ich vor kurzem erlebt, dass uns jemand bat, den Stempel mit der Rückanschrift der Gemeinde nicht zu verwenden. Zur Begründung hieß es, angeblich sind mit den Postboten auch Lehrlinge aus dem Flüchtlingskreis unterwegs. Ich erkenne hier dieselbe Angst, die meine Eltern in der Sowjetunion hatten. Briefe aus Israel oder den USA waren zu gefährlich. Ob diese Angst berechtigt ist? Ich kann es nicht beurteilen, muss es aber akzeptieren.

 

Hat diese Angst etwas mit aktuellen Ereignissen zu tun?

Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde verstehen nicht, weshalb man nach einem Terrorangriff in Spanien, England, Belgien oder Deutschland über Opfer des islamistischen Terrors spricht und nach einem ähnlichen Anschlag in Israel nicht. Sie verstehen nicht, weshalb Muslime in Halle, Berlin, Amsterdam, Malmö etc. gegen die Entscheidung des US-Präsidenten protestieren und dabei puren Antisemitismus ausüben.
Jede jüdische Familie hat Erfahrung mit Antisemitismus, egal ob in Deutschland oder in der ehemaligen Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten. Wir sind es aus der Geschichte – von Generation zur Generation übertragen – gewohnt, dass die Pogrome und Ermordungen stets mit Verleumdungen beginnen; ob die vergifteten Brunnen, Matze mit dem Blut christlicher Kinder, die Dreyfus-Affäre in Frankreich, die Beilis-Affäre in Russland, oder auch die Ermordung von Ernst vom Rath.
Auch gegenwärtig erleben wir immer wieder neue Verleumdungen. Mahmud Abbas erzählt im Europarlament über den angeblichen Versuch irgendwelcher Rabbiner, die arabischen Wasserbrunnen zu vergiften und bekommt dafür Standing Ovations. Die UNESCO leugnet die Verbindung von Juden zu Jerusalem. Ein deutsches Gericht bestätigt »im Namen des Volkes«, dass eine Fluggesellschaft auf deutschem Boden Leistungen für einen Passagier verweigern darf, nur weil er jüdisch ist. Und ein TV-Korrespondent begründet eine Äußerung Karl Lagerfelds zur Aufnahme von muslimischen Flüchtlingen damit, dass die Eigentümer seines Modehauses jüdisch sind. Das alles hat Konsequenzen, die Zukunftseinstellung vieler unserer Mitglieder ist pessimistisch.

 

Würden sie sagen, dass die antisemitischen Vorfälle in Halle überwiegend mit Personen aus dem arabischen Raum in Verbindung stehen?

Ja.

 

Wie sieht das mit den klassischen, neonazistischen Übergriffen aus, sind die mittlerweile vollkommen verschwunden?

Die Friedhofsschändungen auf den jüdischen Friedhöfen des Landes mit Hakenkreuzen gibt es weiterhin – nicht jedoch in Halle. Ich würde aber weder sagen, dass klassischer Antisemitismus neonazistisch war und ist, noch dass neonazistischer Antisemitismus vollkommen verschwunden ist. Die Verschwörungstheoretiker sind meistens ultra-rechts und die Theorie der jüdischen Weltverschwörung blüht wie lange nicht mehr. Auch in Halle, zum Beispiel bei den Montagsdemos vor einigen Monaten.

 

In der Vergangenheit spielte der Antisemitismus von links eine größere Rolle. Sind in Halle auch Übergriffe von linker Seite her zu verzeichnen?

In Halle sind mir keine Übergriffe aus der linken Szene bekannt. Allgemein würde ich sagen, dass der Antisemitismus in allen Parteien präsent ist. Man kann nicht sagen, dass die AfD in dieser Hinsicht »besser« oder »schlechter« als andere Parteien ist.

 

Gern wird zum Beispiel zwischen klassischem Antisemitismus und Israelhass unterschieden. Wie sehen sie das?

Ich sehe keine Unterschiede zwischen klassischen Antisemiten und Israelhassern. Israelhass ist einfach ein bis jetzt leider erfolgreicher Versuch, Antisemitismus in Deutschland salonfähig zu machen.

 

Bekommen sie Unterstützung oder Rückhalt gegen die Übergriffe?

Sie meinen wahrscheinlich, ob wir ausreichend von der Polizei geschützt sind? Das kann ich nicht beurteilen. Die Stadt Halle ist nicht Berlin, München oder Frankfurt. Andererseits hört man immer wieder, dass der eine oder andere Terrorverdächtige auch in kleineren Städten aufgespürt wurde. Wir stehen in Kontakt zu den Behörden. Ob es ausreichend ist? Das müssen die Behörden besser einschätzen können.

 

Bei der Frage hatten wir weniger an das Verhalten von Polizei und Behörden gedacht. Wir meinten hier vor allem, ob Sie vonseiten der Politik oder der Öffentlichkeit Unterstützung oder Rückhalt erfahren.

Was bedeutet »Unterstützung und Rückhalt vonseiten der Politik oder der Öffentlichkeit«? Man kann verbal unterstützen oder auch mit konkreten Taten. Die verbale Solidarität ist da, insbesondere an den Gedenktagen wie dem 9. November oder dem 27. Januar. Und diese Solidaritätsbekundungen sind zumindest bei den hallischen Politikern nicht nur leere Worte, sondern sie kommen »von der Seele«. Leider fehlen die Taten. Es geht dabei nicht um die konkreten Maßnahmen im Paulusviertel, wo die Synagoge steht oder insgesamt in der Stadt Halle. Es geht um wirklich durchgreifende Programme. Nicht mit dem Ziel, Geld für die Integration auszugeben und somit nach oben über die Erfolge zu berichten. Sondern um Programme, die zumindest bei ehrlichen und lernfähigen Zugewanderten dem aus den muslimischen Heimatländern mitgenommenen Antisemitismus etwas entgegenstellen können. Um diese Programme erfolgreich durchzuführen, muss man mindestens sich selber überzeugen, dass sie unumgänglich sind. Und Letzteres ist leider nicht der Fall. Die voreingenommene, israelfeindliche Position von vielen Medien und Politikern macht es kaum möglich, etwas anderes in der Integrationsarbeit zu erreichen. Deswegen habe ich Ihre Frage in Bezug auf Polizei und Sicherheitsbehörden verstanden. Denn diese Zusammenarbeit und Unterstützung ist für uns immens wichtig.

 

Gibt es Bestrebungen organisierter Muslime in Halle, dem Antisemitismus in deren eigenen Reihen entgegenzuwirken?

Leider nicht. Und nicht nur in Halle.

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Hans-Christian Ströbele

Nachruf auf einen deutschen Nationalisten.

 

Im Spätsommer des vergangenen Jahres, kurz vor den Bundestagswahlen, bewarb ein umtriebiger hallischer Umzugsunternehmer mit diversen Plakaten eine politische Veranstaltung. Im Rahmen der sogenannten »Bildungsoffensive der Spedition Ebert« sollte ein »unbestechlicher Streiter für Frieden, Worttreue und Volksentscheide und gegen Kriege als Lösung von Konflikten« einen »Vortrag zu den nebulösen Ergebnissen der Untersuchungsausschüsse, Edward Snowden NSA und NSU« halten, und »knallharte Fakten und Ergebnisse« aufdecken, »die man der deutschen Bevölkerung vorenthalten will«. Der eingeladene Redner: Hans-Christian Ströbele, Mitglied der Grünen. Als Ströbele zugesagt hatte, wusste er offensichtlich nicht, von wem er da eingeladen worden war. Zwar hatte Sven Ebert das gleiche Parteibuch wie der anvisierte Stargast, allerdings lief gegen ihn zur gleichen Zeit ein Parteiausschlussverfahren, welches im September 2017 mit Eberts Rauswurf abgeschlossen wurde. Der Grund: Ebert spielt lieber mit den ungeliebten Schmuddelkindern von der AfD und zählt Akif Pirinçcis Umvolkung. Wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden zu seiner Lieblingslektüre. (Vgl. Bonjour Tristesse #21.) Irgendjemand muss das Ströbele gesteckt haben, die Veranstaltung wurde jedenfalls kurzfristig abgesagt. Doch nicht nur die Stadt Halle musste im August auf Ströbele verzichten. Auch der Bundestag konstituierte sich 2017 erstmals seit 19 Jahren ohne den in der Saalestadt geborenen Abgeordneten, da das »grüne Urgestein« (Der Spiegel, Taz, Berliner Morgenpost etc.) aus Altersgründen nicht mehr zur Wahl antrat. Warum dies weder eine gute noch eine schlechte Nachricht ist, erläutert Knut Germar.

 

Es gibt sie in jeder deutschen Großstadt: mehr oder weniger hübsch sanierte Gründerzeitviertel, die sich nicht nur architektonisch gleichen wie ein Ei dem anderen, sondern auch hinsichtlich ihrer Bewohner völlig austauschbar sind. Hier wie dort hält man sich für individuell, trägt bevorzugt Outdoor-Kleidung, liebt Aktivurlaub in der freien Natur, greift im Supermarkt eher zu den Bio-Produkten, liest Taz oder Süddeutsche Zeitung und macht sein Kreuzchen hin und wieder bei der SPD oder der Linkspartei, viel öfter jedoch bei den Grünen. Man ist selbstverständlich gegen Nazis und die AfD, redet kritisch vom Konsumkapitalismus, ist aufgeschlossen für allerlei Esoterisches und schwärmt von der Bereicherung durch fremde Kulturen. Mit einem Satz: Hier wohnt der linksliberale Mittelstand, der in der Berliner Republik den Ton angibt. In Halle findet man dieses Milieu bevorzugt im Paulusviertel – in der Hauptstadt im Prenzlauer Berg, in Kreuzberg und in Friedrichshain. Und wie der Zufall so will, hatte der einzige grüne Politiker, der jemals per Direktmandat durch eben jenes Klientel in den Bundestag gewählt wurde, nicht nur seinen Wahlbezirk in den drei genannten Berliner Stadtteilen, sondern erblickte zu allem Überfluss auch noch in Halle das Licht der Welt. Die Rede ist von Hans-Christian Ströbele.
Dass in der Saalestadt kaum jemand weiß, dass Ströbele gebürtiger Hallenser ist, liegt zum einen daran, dass er nur wenige Lebensjahre in der Region verbrachte: Bereits sechs Jahre nach seiner Geburt verließ der Sohn eines hochrangigen Buna-Chemikers mit seiner Familie die Sowjetische Besatzungszone und tauschte 1945 die Werksiedlung der IG Farben in Schkopau gegen die in Marl, am Rande des Ruhrgebietes, wo sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls ein Buna-Werk befindet, ein. Ein zweiter, viel wichtigerer Grund für sein Fehlen auf der Liste berühmter Hallenser ist, dass er wie kein zweiter mit Berlin in Verbindung gebracht wird: Mit jener Stadt, in der Ströbele ab 1962 sein in Heidelberg begonnenes Jurastudium fortsetzte und zu der er seitdem gehört, wie die Fliege zum Kuhfladen. In Berlin begann seine politische Biografie, die nicht nur aufs Engste mit der Geschichte der außerparlamentarischen deutschen Linken verknüpft ist, sondern gleichzeitig auch sehr eindrucksvoll illustriert, was an eben dieser Linken so unappetitlich ist.

 

Populismus von links

Will man wissen, wie Ströbele politisch tickt, hilft ein Blick auf seine vielgelobten Wahlplakate, die seit der Bundestagswahl 2002 aus der Werkstatt des linksalternativen Comiczeichners Gerhard Seyfried stammen. Diese zeichnen sich nicht nur durch ein Höchstmaß an seyfriedscher Infantilität und Dümmlichkeit aus, sondern zeigen gleichzeitig auch ein Paradestück linken Populismus’. Ströbele präsentiert sich hier als Volkstribun, der die bunte Republik Deutschland hinter sich weiß und ein Kollektiv aus protestierwütigen Rentnern, renitenten Kindern, grinsenden Kiffern, kopftuchtragenden Mosleminnen und allerlei widerständigen Gentrifizierungs-, Globalisierungs- und Kriegsgegnern in eine bessere Zukunft führt.
Auf dem Plakat zur Bundestagswahl 2009 schreitet er – ausstaffiert mit einem Che-Guevara-Schal und einer Regenbogenfahne mit der Aufschrift »Entwaffnet die Finanzmärkte!« – den kämpferischen Massen mutig voran und schickt sich an, einen großen Berg von Unrat zu erklimmen. Durch herauslugende Papiere mit Aufschriften wie »Wucher & Zins Kreditbank«, »Bankhaus Größenwahn« oder »Schwindelkredite« und eine kleine einsame Heuschrecke verkörpert der Müllhaufen nicht nur die Finanzkrise, sondern liefert die vermeintlich Schuldigen gleich mit, gegen die Ströbele das Volk zum Sturm führt. Über allem schwebt der Geist von Karl Marx, der auf Wolke Sieben sitzt und sichtlich zufrieden am Kaffee nippt und Zigarre schmaucht, anstatt angesichts des personalisierenden und moralischen Antikapitalismus und der verkitschten Revolutionsikonographie im Grabe zu rotieren.
Auch vier Jahre später ein ähnliches Bild: Nachdem Ströbele für das hinter ihm her stürmende Wahlvolk den braunen NSU-Sumpf durchwatet hat, von dem ihm noch die Scheiße vom Schuh tropft, reißt er mit hochgekrempelten Ärmeln den Zaun ein, der den Weg in die goldenen Zeiten versperrt. Dass Ströbele sein tristes politisches Programm aus Energiewende, Vermögenssteuer, Truppenrückzug aus Afghanistan, Mietpreisbremse und Marihuana-Legalisierung als strahlende Utopie verkaufen konnte, ohne dafür ausgelacht zu werden, sagt viel über die Qualität der oppositionellen Haltung und kritischen Sicht auf die bestehenden Verhältnisse aus, die Ströbeles Klientel so gern für sich reklamiert.

 

»Dem Volk dienen«

Um die Herkunft des Ströbelschen Populismus zu ergründen, muss man 50 Jahre in der Zeit zurückgehen. 1967 absolvierte der mit der SPD und der Außerparlamentarischen Opposition sympathisierende Ströbele bei einem Berliner Rechtsanwalt sein Referendariat. Sein Chef, der spätere Gründer der Roten Armee Fraktion (RAF) und heutige Neonazi Horst Mahler vertraute ihm nicht nur die ersten eigenen Fälle an, sondern wurde auch sein politischer Mentor. In Mahlers Kanzlei politisierte sich Ströbele und wurde zur treibenden Kraft bei der Gründung des Sozialistischen Anwaltskollektivs, das er 1969 gemeinsam mit Mahler und anderen linken Anwälten eröffnete. Die Kanzlei mauserte sich innerhalb kurzer Zeit zum juristischen Berater der nach dem Niedergang der studentischen Protestbewegung in diverse Gruppierungen zerfallenen linken Szene. Nachdem Mahler in den 1970er Jahren seine Robe gegen eine Knarre eingetauscht hatte, machte sich Ströbele einen Namen als RAF-Anwalt und vertrat neben seinem Mentor auch Andreas Baader und Ulrike Meinhof. 1975 wurde er wegen des Aufbaus eines Info-Systems für die Gefangenen und der Unterstützung der RAF-Hungerstreiks vom Stammheim-Prozess ausgeschlossen und flog aus der SPD, in die er 1968 eingetreten war. Fünf Jahre später wurde er aus den gleichen Gründen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Was Ströbele mit der Roten Armee Fraktion verbindet, geht weit über ein klassisches Anwalt-Mandant-Verhältnis hinaus. Die Mitglieder der RAF, so Ströbele, waren keine »verrückten Desperados, das waren politische Menschen, das waren unsere Genossinnen und Genossen« mit denen er trotz bestehender Differenzen hinsichtlich der Methoden »eine gemeinsame politische Grundhaltung« teilte. Diese Grundhaltung hat er in den vergangenen 50 Jahren niemals in Zweifel gezogen, geschweige denn revidiert. An den ideologischen Grundprämissen der RAF hält er bis heute fest. Sowohl bei Ströbele als auch bei der RAF erscheint das Volk als unbedingter Sympathieträger – eigentlich revolutionär, doch leider durch finstre Mächte (allen voran durch das »Finanzkapital«) manipuliert und von der Revolution abgehalten. Während die RAF sich eine Verschwörung einer »internationalen Besitzerklasse« gegen das Volk halluzinierte, spricht Ströbele heute etwas zeitgemäßer von 99 Prozent der Bevölkerung, die einem Prozent von Superreichen gegenüberstünden. Als bekennender Fan der Occupy-Bewegung warnt er vor »Übermacht und Machtmissbrauch des Finanzsystems« (Onlineausgabe Der Stern vom 21.2.12), spricht von einer ominösen »nicht demokratisch legitimierten Wirtschaftsmacht« (Onlineausgabe Der Tagesspiegel vom 21.2.12) und lässt auf seinem Wahlplakat einen Wutbürger mit einem Transparent mit der Aufschrift »Schluss mit der Plünderung der Staatskassen« aufmarschieren, um vor einem Staat zu warnen, der angeblich nur die Interessen der Superreichen im Blick hat und den einfachen Bürgern das Geld aus der Tasche zieht, um die vor der Pleite stehenden Banken zu retten.
Ströbeles politisches Selbstverständnis, die Proteste von der Straße ins Parlament zu tragen, wurde zwar sehr stark in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren geprägt, in denen die außerparlamentarische Linke in den Neuen Sozialen Bewegungen aufging und Ströbele mit anderen nicht nur die bewegungslinke Taz, sondern auch die Alternative Liste (AL) gründete, die später zum Berliner Landesverband der Grünen wurde. Entstanden ist es jedoch schon ein paar Jahre früher, genauer gesagt 1972, als die RAF ihre dritte programmatische Erklärung mit der Mao-Parole »Dem Volk dienen« unterschrieb, die sich Ströbele wie kein Zweiter zu eigen gemacht hat.

 

»Yankee go home«

Das betrifft nicht nur den Populismus Ströbeles, der sich als parlamentarischer Arm der sozialen Bewegungen und diese als authentische Ausdrucksform des gesamten Volkswillens begreift, sondern auch die zentrale Feindbestimmung, die die RAF in besagter Erklärung unternahm. Das Pamphlet Dem Volk dienen war der Begleittext zu einer Anschlagsserie gegen US-Einrichtungen, die im Mai 1972 vier Menschen das Leben kostete und dreizehn weitere schwer verletzte. Es gab als »neue Generallinie« den »bewaffneten Kampf gegen den Hauptfeind, die US-Militärpräsenz in der Bundesrepublik und Westberlin« aus und legte damit einen nationalbolschewistischen Kurs fest, der die USA als Besatzer, Kolonisator und Unterdrücker jenes Volkes geißelte, auf das sich die RAF nun rückbesann. Dort und in weiteren Erklärungen der RAF war von »Gehirnwäscheprogrammen« der Amerikaner die Rede, davon dass die USA »Westdeutschland kolonisiert« hätten und sich den Deutschen gegenüber so verhalten würden »wie gegenüber der autochthonen Bevölkerung eines besetzten Landes der 3. Welt«. Die von den Alliierten initiierte Re-Education fuße, so die RAF, auf der »rassistischen Behauptung einer spezifischen, antidemokratischen Charakterstruktur des deutschen Volkes« und war »der Versuch der Besatzungsmacht, die Identität des unterworfenen Volkes zu vernichten, das Bewußtsein seiner historischen Existenz auszulöschen.«
Diesem rechts-nationalen Jargon der RAF steht Ströbele in nichts nach. Unter dem Pseudonym Laevis outete er sich 1981 als deutscher Nationalist, der ganz friedensbewegt seinen apokalyptischen Untergangsphantasien von einem Neutronenbombenschlag Luft machte und den nicht minder durchgeknallten Taz-Lesern den unmittelbar bevorstehenden Vernichtungskrieg gegen das deutsche Volk eindrücklich schilderte. »Nach dem Endsieg [!]« der Amerikaner »stehen unsere schönen Städte […] den Einwanderern aus aller Welt zur Verfügung« und die »soliden deutschen Industriebetriebe […] amerikanischem Unternehmungsgeist weit offen«. Für die »Reste des deutschen Volkes in den Reservaten der Mittelgebirge werden sicher großzügig Gelder zur Verfügung stehen«, denn schließlich haben »die Amis […] doch Erfahrung, wie aufgegebene Jagdgründe amerikanischer Zivilisation nutzbar, wie Überbleibsel ausgerotteter Völker wohlverstanden verwaltet werden können«. Ein Jahr später legte er ebenfalls in der Taz nach und explizierte den im Endsieg-Gebrabbel schon enthaltenen Nazivorwurf: »Der hässliche Amerikaner ist für viele heute, was der hässliche Deutsche lange für die Welt gewesen ist. Genauso wie die Deutschen unter ihrem Naziführer Kriege angefangen und Verbrechen an ihren Nachbarvölkern begangen haben, genauso haben die Amerikaner die Kriege der Nixon-, Johnson- und Reagan-Administration zu verantworten« und sollten »für das geradestehen, was ihre Regierung angezettelt hat und an Verbrechen begeht«. Wer das jetzt für ordinären deutschen Antiamerikanismus hält, der täuscht sich jedoch gewaltig: »Wir sind nicht antiamerikanisch. Denn wir mögen die Indianer in den USA, wir achten die Farbigen und die Puerto Ricaner aus den USA. Aber Yankee go home.«
Dass der Hass auf die Vereinigten Staaten auch heute noch ein zentraler Punkt in Ströbeles Sicht auf die Welt ist, erkennt man nicht nur daran, dass er sich an jede antiamerikanische Aufwallung hängte, die die letzten Jahrzehnte zu bieten hatten – von den friedensbewegten Protesten gegen den Zweiten und Dritten Golfkrieg, der No-Global- und der Occupy-Bewegung über die Proteste gegen die Abhörpraxis der NSA und das Freihandelsabkommen TTIP bis hin zum Kreuzberger Volksaufstand gegen die Eröffnung einer McDonalds-Filiale im Wrangelkiez. Er wusste ihn auch erfolgreich in Stimmen umzumünzen, wenn er auf einem seiner Plakate seinen Wählern mit kleinen, mit einem Totenkopf versehenen Dollarnoten signalisierte, was diese eh schon wissen: An den Krisen dieser Welt hat immer der Ami Schuld. Auch die nationalistischen Untertöne in Ströbeles Antiamerikanismus gehören keineswegs der Vergangenheit an. Wenn auf seinem Wahlplakat aus dem Jahr 2005 Angela Merkel für sich mit dem Slogan »Wählt mich nach Washington« wirbt, scheint auch hier der Geist der RAF durch, die die »totale Abhängigkeit« der Bundesrepublik von den USA beklagte. Dass Ströbele ein Gegner des transatlantischen Bündnisses ist und von einer starken deutschen Regierung träumt, die sich nicht, wie in seinen Augen die Regierung Merkel, von den USA gängeln lässt, wird in einer Aussage aus dem Jahr 2015 auf Spiegel Online deutlich, wo Ströbele vor dem Hintergrund des NSA-Abhörskandals monierte: »Die Bundesregierung […] kuscht vor den USA.« Dementsprechend inszenierte er sich im Bundestag als letzter aufrechter Linker, der den verhassten Amerikanern die Gefolgschaft verwehrt.

 

Ströbele und die Juden

Besonders auffällig ist, dass er vor allem dann besonders laut den Vereinigten Staaten die Solidarität verweigert, wenn es gegen die bewaffneten Freunde des Propheten geht. Der Sturz des islamistischen Taliban-Regimes und die damit verbundene Zerstörung von Ausbildungslagern al-Qaidas in Afghanistan im Jahr 2001 würden »nicht der zielgerichteten Bekämpfung terroristischer Strukturen« dienen und seien die »absurdeste Reaktion auf die Anschläge des 11. September«, so Ströbele damals. Selbst der Genozid an den Jesiden, die Verfolgung und Ermordung von Christen und schiitischen Moslems sowie die Versklavung von Frauen und Kindern galten ihm nicht als Grund, militärisch gegen den Islamischen Staat in Syrien vorzugehen. Ende 2015 sagte er der Berliner Zeitung: »Ich werde diesem Kriegseinsatz nicht zustimmen, weil er brandgefährlich und falsch ist. Ich habe das schon einmal erlebt, vor fast 14 Jahren. Auch der damalige Afghanistan-Einsatz wurde damit begründet, dass wir uneingeschränkte Solidarität mit den USA üben müssen. Das allein reicht als Kriegsgrund nicht aus.«
Sekundiert werden Ströbeles Mahnungen, Islamisten keinesfalls militärisch zu bekämpfen, von seinen innenpolitischen Vorschlägen zur Integrationspolitik, die regelmäßig Sympathiebekundungen der notorischen Berufsmoslems nach sich ziehen. So forderte er beispielsweise 2006 eine offizielle türkische Version der deutschen Nationalhymne, er tritt aller paar Jahre mit einem Appell für die bundesweite Einführung eines islamischen Feiertages an die Öffentlichkeit, und er verteidigt das Kopftuch selbstverständlich als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechtes der Frau.
Besonders der dritte ideologische Grundsatz, den Ströbele mit seinen Genossen von der RAF teilt, dürfte einem nicht unerheblichen Teil der in Deutschland lebenden Moslems gefallen – der notorische Hass auf den Staat der Juden. Dass der Antisemitismus der RAF – die von »Israels Nazi-Faschismus«, von der »Ausrottungsstrategie Israels gegen das palästinensische Volk« und von einer israelischen »imperialistischen Endlösung« sprach – durchaus auch praktischer Natur war, zeigt nicht zuletzt das Jahr 1991. Nachdem die irakische Armee Kuwait überfallen hatte und sich eine internationale Koalition US-geführter Truppen anschickte, das Golfemirat zu befreien, schoss die RAF nicht nur auf die amerikanische Botschaft in Bonn und setzte in ihrer dazugehörigen Kommandoerklärung den damaligen israelischen Premier Jitzchak Schamir mit Adolf Hitler gleich. Rund zehn Monate später beteiligten sich zwei im Nahen Osten untergetauchte RAF-Mitglieder an einem Bombenanschlag gegen einen Bus voll ungarischer Juden, die nach Israel auswandern wollten. Glücklicherweise verfehlte die Bombe den Bus nur knapp, zwei Businsassen wurden leicht, zwei vorausfahrende Polizisten schwer verletzt.
Im gleichen Jahr brach Ströbele mit einer grünen Delegation nach Israel auf. Kurz vor Antritt der Reise führte Henryk M. Broder mit ihm ein Interview durch und befragte ihn zu seiner Sicht auf die irakischen Raketenangriffe gegen das am Krieg völlig unbeteiligte Israel. Ströbeles Antwort war so infam, wie sie heute bekannt ist. »Die irakischen Raketenangriffe«, so Ströbele, »sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels.« Auf Broders nachhakende Frage, ob Israel also selbst schuld sei, wenn es beschossen werde, bekräftigte Ströbele ganz unmissverständlich nicht nur, dass der Beschuss »die Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern und den arabischen Staaten gegenüber« sei. Im gleichen Atemzug sprach er sich gegen die Lieferung von Patriot-Abwehrraketen an Israel aus, um die auf Wohnviertel in Tel Aviv niedergehenden irakischen Raketen abzufangen.
Ströbeles Israelreise endete erfreulicherweise im Desaster. Die grüne Delegation sah sich in Israel massiven Protesten ausgesetzt und musste die Reise vorzeitig abbrechen. Ströbele trat kurz darauf von seinem Posten als Sprecher der Bundespartei, den er seit 1990 innehatte und der ihn zu einem von drei Parteivorsitzenden machte, zurück und verschwand die nächsten Jahre in den Sümpfen der Berliner Kommunalpolitik, bis er 1998 unter Rot-Grün wieder in den Bundestag gewählt wurde.
Seitdem sagt Ströbele nicht mehr viel über Israel, allerdings sollte man dies keinesfalls als verspätete Einsicht fehlinterpretieren. »Ich bin immer noch der Auffassung«, so Ströbele unlängst zu seinem Biografen, »dass ich nichts Bösartiges oder falsches gesagt habe.« Dass der unverbesserliche Antiimperialist im aktuellen Bundestag nicht mehr vertreten ist, ist weder eine gute noch eine schlechte Nachricht. Im Rückblick auf die RAF schrieben Joachim Bruhn und Jan Gerber vor gut zehn Jahren, dass »der militante Antizionismus« der radikalen Linken dabei »half, den fundamentalen Antisemitismus der deutschen Gesellschaft in anderer, links getünchter Façon zu modernisieren und auf Israel auszurichten«. Mit anderen Worten: Ströbele kann keinen Schaden mehr anrichten. Er ist längst überflüssig geworden.

Knut Germar

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Klaus Bittermann (Hrsg.): Liebesgrüße aus Bagdad. Die »edlen Seelen« der Friedensbewegung und der Krieg am Golf, Berlin 1991.

Joachim Bruhn, Jan Gerber (Hrsg.): Rote Armee Fiktion, Freiburg 2007.

Jan Gerber: Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des »realen Sozialismus«, Freiburg 2010.

Stefan Reinecke: Ströbele. Die Biografie, Berlin 2016.

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Antirassismus und Rassismus.

 

Im gegenwärtigen Antirassismus erhält sich das Unwesen rassistischer Ideologie, Menschen auf ihre Herkunft festzunageln. Symptomatisch hierfür steht ein hallischer Fall aus dem Frühjahr 2017, als Besucher einer Party einen Mann wegen seines Palästinensertuches kritisierten und im Nachgang von der örtlichen linken Szene als Rassisten gebrandmarkt wurden. Warum? Der Angesprochene war arabischer Herkunft. Denny Ragoczy geht einem großen Missverständnis auf den Grund.

 

Rettungsanker in der Sinnkrise

Der Zusammenbruch der Sowjetunion war eine unheilvolle Erfahrung für die westliche Linke. In symbolischer Weise war für sie mit dem Kind der Oktoberrevolution die Hoffnung verbunden, dass die Einrichtung einer Welt ohne Ausbeutung möglich sei. Zugleich bildete die UdSSR einen wichtigen ideologischen Bezugspunkt. Beides wurde durch den Zusammenbruch der Sowjetunion von Grund auf erschüttert. So ging für die Linke das Ende des Kalten Krieges mit einem Bedeutungs- und Identitätsverlust einher. In der Folge verlor sie einen großen Teil ihrer Anhängerschaft.
Für die Restlinke gewann in dieser ideologischen Krisensituation der Antirassismus als neues politisches Betätigungsfeld stark an Bedeutung. Er war zwar bereits zuvor ein fester Bestandteil des antiimperialistischen Weltbildes der Linken, stand aber weniger im Zentrum der eigenen Agitprop. Dies änderte sich nun schlagartig. Plötzlich witterten Linke überall Rassismus. Was als solcher galt, wurde dabei immer beliebiger. Transatlantischer Sklavenhandel, Kolonialismus, Nationalsozialismus, globale Ungleichheit, Armutsgefälle zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb eines Landes, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Zionismus, Kritik an Verhältnissen nicht-westlicher Provenienz und vieles Weitere wurde zusehends zu einem Hyperphänomen des Rassismus zusammengekehrt. Die Linke tauschte einfach ihre Schlagworte »Kapitalismus« und »Imperialismus« gegen den »Rassismus« aus. Der Begriff wurde derart ausgedehnt, dass er vielen Linken bald zu einem Synonym für Herrschaft und Diskriminierung überhaupt wurde. Als seitdem weitgehend entleerter, je nach Bedarf und Bauchgefühl willkürlich aufgeladener Begriff, ist er alles andere als das Produkt einer kritischen Analyse der vorherrschenden gesellschaftlichen Zustände. Stattdessen dient der inflationär gebrauchte Rassismusvorwurf dazu, die Ohnmachtsgefühle einer zutiefst zerrütteten Linken zu kompensieren, indem er ihren Anhängern erlaubt, sich gesellschaftlich bedeutsam und moralisch überlegen zu fühlen. In ihrer ideologischen Krise war der Antirassismus der Linken ein Rettungsanker.

 

Totale Viktimisierung

Für die Linke europäischer Einwanderungsgesellschaften mutierte in diesem Zusammenhang der Migrant zur Schlüsselfigur. Er wurde mehr und mehr zur Projektionsfläche eigener politischer und identifikatorischer Bedürfnisse und nahm als revolutionäres Subjekt den Platz ein, den zuvor das Proletariat besetzte. Entsprechend instrumentell fällt das Verhältnis zu Migranten aus. Weil sie nur als Opfer ihre Funktion erfüllen, erscheinen sie in den Augen der Antirassisten auch ausschließlich als solche, nie als selbstverantwortlich denkende und handelnde Menschen. In keinem Fall können die Objekte dieser paternalistischen Zuwendung daher Täter sein. So wird jeglicher Kritik an kulturell oder religiös geprägten Anschauungs- und Verhaltensweisen der Schutzbefohlenen reflexhaft eine rassistische Absicht unterstellt. Hiermit verabschiedet sich die Linke nicht nur von einer universellen Kritik an religiösem Stumpfsinn und regressiven Kulturelementen. Die Abkehr von derselben mündet zugleich in der Aufrichtung eines wirkmächtigen wie verheerenden Tabus, das dazu führt, den Angehörigen nicht-westlicher Kulturkreise jede Unmenschlichkeit durchgehen zu lassen, diese gar zu verteidigen oder zu glorifizieren.

 

Universalismus als Feindbild

Im Zuge des Niedergangs des großen Bruders lieferten marxistische Theoretiker wie Étienne Balibar, Immanuel Wallerstein oder Stuart Hall die akademische Rechtfertigung für das Verbot, Kultur und Religion der sogenannten »Anderen« zu hinterfragen oder gar abzulehnen. Stellvertretend hierfür stehen Formeln wie »kultureller Rassismus«, »Rassismus ohne Rassen« oder auch »Neo-Rassismus«.1 Balibar, Wallerstein und Hall denunzieren aus ihrem Rassismusverständnis heraus jegliche aufklärerischen und zivilisatorischen Bemühungen als rassistisch, da diese von der Idee eines Erziehungsauftrages gegenüber der ganzen Menschheit geleitet sind, woraus eine Dominanz gegenüber anderen Kulturen hervorgehe. Universelle Praktiken, so reicht der ideologische Kahlschlag noch weiter, brächten per se Rassismus hervor. Diese Vorstellung ist charakteristisch für den gegenwärtigen Antirassismus. So heißt es beispielsweise in der Ankündigung eines Workshops zur Prävention von »anti-muslimischem Rassismus«, der Anfang letzten Jahres in Leipzig stattfand: Ziel sei neben dem Kennenlernen der islamischen Kultur »das Erlernen von Ambiguitätstoleranz […], die Fähigkeit mehrdeutige und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen«. Die in pädagogische Fachsprache gekleidete Aufforderung des Workshops läuft auf nichts anderes hinaus, als Antisemitismus, Schwulenhass oder die Ungleichbehandlung von Mann und Frau in Bezug auf den Islam zu dulden. Alles andere ebne dieser perfiden Logik nach den Boden für Rassismus oder sei schon selbst dessen Ausdruck.
Der Umstand, dass Rassismus in Wahrheit einen Affront gegen das universalistische Bestreben darstellt, für alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, denselben Maßstab anzulegen, wird von den Apologeten des Antirassismus in sein Gegenteil verkehrt. Indem sie selbst den Universalismus dämonisieren, stimmen sie wiederum mit dem rassistischen Welt- und Wunschbild überein. Beide, Rassismus und Antirassismus, kennen nur eine Vielzahl festgeschriebener menschlicher Kollektive. Die eine Menschheit gibt es für sie nicht. Der Einzelne wird zum bloßen Ausdruck seines jeweiligen Herkunftskollektivs herabgewürdigt, darauf festgenagelt und damit als Individuum ausgelöscht. Wie der Rassismus betreibt der Antirassismus die brutale Naturalisierung kollektiver Unterschiede. Die im November 2001 von der UNESCO, dem globalen Vehikel antirassistischer Ideologie, verfasste Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt spricht in ihrem ersten Artikel in einer Analogie dieses Unwesen schamlos aus: »Kulturelle Vielfalt ist so notwendig für die Menschheit wie biologische Vielfalt für die Natur.«
Der zitierte Satz aus der UNESCO-Deklaration enthält überdies das paradoxe Moment, dass »kulturelle Vielfalt« zum universellen Prinzip menschlicher Existenz erklärt wird. Seine Gehaltlosigkeit macht diesen Pseudouniversalismus attraktiv für Staaten, die sonst allgemeine Wertmaßstäbe als westliche Anmaßung zurückweisen. So wurde die aus der Deklaration im Jahr 2005 hervorgegangene Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen unter anderem von China ratifiziert. Unter dem Verdikt kultureller Vielfalt wird jedem sein partikulares Selbstbestimmungsrecht zugesprochen, sodass an universellen Werten orientierte Kritik schlicht versandet. Dadurch konterkariert die UNESCO die einst von ihr verfochtene Idee der Menschenrechte. Die Wurzeln dieser verheerenden Ideologie reichen bis ins späte 18. Jahrhundert zurück, als Aufklärungsgegner wie Johann Gottfried Herder den Gedanken gemeinsamer menschlicher Werte angriffen. Im Gegenzug romantisierten sie die Vielfalt und Unterschiedlichkeit menschlicher Gemeinschaften und wiesen ihr überzeitliche Gültigkeit zu. Sie behaupteten, es gäbe nur lokale Werte, die wiederum Äußerungsformen unüberwindbarer »Volksgeister« (heute: Kulturen) seien. Absolute Werte – etwas allen Menschen Gleiches und sie Verbindendes – seien eine Erfindung, die der Überheblichkeit des französischen Geistes entspringe. Der erst später aufkommende Rassismus übernahm diese Vorstellung.
Aus der antirassistischen Zurückweisung universalistischer Wertvorstellungen entspringt nicht zuletzt auch eine ablehnende Haltung gegenüber Assimilation. Der Antirassismus trägt so dazu bei, dass Migranten sozial ausgegrenzt werden und Parallelgesellschaften entstehen, in denen die Probleme und Konflikte aus den Herkunftsländern der Migranten reproduziert werden. Hierin offenbart sich die Gleichgültigkeit der Antirassisten gegenüber dem tatsächlichen Wohl von Migranten, die mit dem linken Hass auf die zivilisatorischen und freiheitlichen Errungenschaften des Westens zusammenfällt.

 

Gegen weiße Wursthaarträger

Antirassistische Positionen sind mittlerweile in den gesellschaftlichen Mainstream eingegangen. Im Ringen mit dem daraus hervorgehenden Bedeutungsverlust, versuchen sich Linke als Avantgarde der antirassistischen Bewegung zu behaupten und offenbaren dabei mehr und mehr ihr Ressentiment gegen individuelles Glücksstreben. So wird bei linken Antirassisten mittlerweile der Vorwurf der kulturellen Aneignung (»cultural appropriation«) immer beliebter. Er dient dazu, das Ausleben kultureller oder religiöser Ausdrucksformen zu verurteilen, die nicht mit der eigenen Herkunft gerechtfertigt werden können. Dabei handle es sich nämlich um eine herrschaftliche Aneignung fremden Kulturguts.
Was sich in Deutschland noch auf Linke beschränkt, die sich brav ihre Dreadlocks entfernen oder Mitmenschen mit Tattoos in polynesischem Stil zurechtweisen, zeigt andernorts bereits fortgeschrittenere Ausmaße. In der linksliberalen Hochburg Portland im US-Bundesstaat Oregon sahen sich Anfang 2017 zwei Betreiber eines Burrito-Lokals nach öffentlicher Bedrängnis gezwungen, ihr Geschäft zu schließen. Ihnen wurde Rassismus vorgeworfen, weil sie als weiße, nicht-mexikanische Amerikaner mexikanisches Fastfood feilboten. Auslöser war ein Werbeposting der Betreiber auf Facebook, in dem sie bekundeten, für ihre Burritos Kochtipps von mexikanischen Hausfrauen bekommen zu haben, und scherzhaft hinzufügten, dass sie sich die Geheimzutaten, die ihnen vorenthalten wurden, durch einen heimlichen Blick über das Fensterbrett in die Küchen der Frauen verschafft hätten. Ein renommierter Chefkoch aus Portland äußerte sich in einem Interview wie folgt zu dem Vorfall: »Ich kenne die Frauen, denen Kooks Burritos gehörte. Sie sind Stammkunden bei mir. Sie sind sehr nett, jedoch keine professionellen Köche. Ich denke, sie haben versucht, ihre Liebe zu Tortillas zu zeigen, aber was dabei herauskam, war völlig verdreht. Als koreanischer Amerikaner musste ich mir selbst so oft die Frage stellen: ›Bin ich koreanisch genug, um dieses Essen zu machen?‹ Ich denke nicht, dass sich irgendein weißer Koch, der sich die Küche anderer Kulturen aneignet, diese Frage stellt.« Da fragt man sich, weshalb er nicht gleich der Speisekarte seinen Stammbaum voranstellt oder die Gäste nach deren Herkunft fragt, um zu ergründen, was sie essen dürfen und was nicht.

Denny Ragoczy

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Detlev Claussen: Was heißt Rassismus?, Darmstadt 1994.

Alain Finkielkraut: Die Niederlage des Denkens, Hamburg 1989.

Manuel Frischberg: Das Konzept »Islamophobie« als Abwehr westlicher Zumutungen, in: Stephan Grigat (Hrsg.): Feindaufklärung und Reeducation, Freiburg 2006.

Jan Gerber: Das letzte Gefecht. Die Linke im Kalten Krieg, Berlin 2015.

Clemens Nachtmann: Rasse und Individuum, in: Bahamas Nr. 58, 2009.

Christoph Türcke: Vortrag »Inflation des Rassismus« beim Konkret-Kongress 1993, in: Wolfgang Schneider, Boris Gröndahl (Hrsg.): Was tun? Über Bedingungen und Möglichkeiten linker Politik und Gesellschaftskritik, Hamburg 1994.

 

Anmerkung:

1   Zu weiteren Vordenkern zählen der von Foucault beeinflusste Edward Said, der den Begriff des »Orientalismus« (1987) prägte oder auch Frantz Fanon. Dieser bezeichnete etwa in einer Rede, die er 1956 auf dem Ersten Kongress schwarzer Schriftsteller und Künstler in Paris hielt, die Zurückdrängung und das Verschwinden ursprünglicher Existenzformen in kolonialisierten Ländern als Moment einer Verwandlung des klassischen Rassismus in einen kulturellen Rassismus.

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