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Editorial

Erfahrungsgemäß wird sich kaum jemand erinnern: In der letzten Ausgabe baten wir unsere Leser und Freunde um Nominierungsvorschläge für den von uns ausgelobten Peter-Sodann-Preis für ostzonale Gesinnung. Nominiert werden sollten Personen, die sich besondere Verdienste um die Pflege und Verbreitung aggressiver Weinerlichkeit (»belogen und betrogen«), dümmlicher Kapitalismusschelte (»die da oben«) und schlechten Geschmacks erworben haben.
Neben einigen recht leicht durchschaubaren Nominierungen missliebiger Personen (einmal ging es dabei um einen WG-Dauerkonflikt über den Konsum von Zetti-Knusperflocken; ein andermal handelte es sich um einen billigen Racheakt im Trinkermilieu einer bekannten hallischen Szenebar), gingen tatsächlich auch einige ernstzunehmende Vorschläge ein. In Einzelfällen kam es zwar zu vielversprechenden Nominierungen, allein, die geforderte Begründung fehlte. Auffällig bei den Vorschlägen war eine gewisse Geschlechterhomogenität. Das kann zwei verschiedene Gründe haben: Entweder sind ostdeutsche Gesinnung und Männlichkeit untrennbar miteinander verbunden. Dafür spräche u. a. die enorme Abwanderung junger Frauen aus Gebieten mit extremer Verbreitung ostzonaler Gesinnung. Ostdeutsch zu denken und zu handeln müsste so, im doppelten Sinne, als eine Art Triebabfuhr verstanden werden. Oder unsere Leser sind, ganz so, wie es uns immer wieder nachgesagt wird, von manifest sexistischem Denken durchdrungen. Kann sein. Wir wissen es nicht. Beim Blick auf die Liste fällt weiterhin auf, dass Ost- und Westdeutsche fast gleichermaßen vertreten sind. Damit sei auf ein weiteres Phänomen hingewiesen: Ostzonale Gesinnung scheint sich nicht räumlich fassen zu lassen. Zwar ist die Verbreitung im Osten zweifelsohne signifikant höher, auch im Westen jedoch finden sich durchaus ernstzunehmende Siegeskandidaten. Auf den Wahlzettel haben es nun folgende Kandidaten geschafft:

1. Christoph Bergner (CDU)
2. Campino (SPD)
3. Richard Kempkens (Prodomo)
4. IC Falkenberg (Ralf Schmidt)
5. Bono (U2)
6. Reiner Haseloff (Stroh 80)
7. Daniel Kulla (Kleinkünstler)
8. Dieter Hallervorden (Palim, Palim)
9. Michael Schädlich (Zweiter hallischer Fußballclub und Saalefreund)
10. Hans-Christian Ströbele (Kreuzberg 21)
11. Peter Sodann (Peter Sodann)
12. Edward Snowden (Petze)
13. Denny Schönemann (»Mehr Schlager im Radio!«)

Über den Preisträger kann ab sofort bei Facebook abgestimmt werden. Dort befinden sich auch die Begründungen für die Nominierungen. Das Wählen mehrerer Kandidaten ist selbstverständlich möglich, die Auswahl ist schließlich nicht ganz so einfach. Naturgemäß wird der Kandidat gewinnen, der am Ende die meisten Stimmen auf sich vereinen kann. Sich selbst zu wählen geht leider nicht. Eigennutz steht im eindeutigen Widerspruch zur Idee des Peter-Sodann-Preises für ostzonale Gesinnung und führt zur sofortigen Disqualifizierung. Wir sind gespannt.

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Unser Redakteur Knut Germar ist für die Leser der Bonjour Tristesse in die Hölle hinabgestiegen, um über einen ostdeutschen Kabarettabend und den heimlichen Volkstribun der Hallenser zu berichten.

Die Vorhölle oder: Politisches Kabarett
Das Kabarett ist eine typisch deutsche Erscheinung und, vom ehemaligen Anschlussgebiet Österreich einmal abgesehen, so ziemlich einzigartig in der Welt. Auch wenn das Wort dem Französischen entlehnt ist – mit der dem cabaret eigenen Mischung aus Musik, Lied, Tanz, Rezitation und Schauspiel zum Zwecke der Unterhaltung hat ein deutscher Kabarettabend nur wenig gemein. Ein Deutscher geht nicht ins Kabarett um sich zu amüsieren, er besucht es der Selbstbestätigung wegen. Zwar gibt es durchaus auch im cabaret politische Witze, politisches Kabarett jedoch ist eine ordinär deutsche Erfindung. Hier lässt sich der Gast einen Abend lang das erzählen, was sein Bauch ohnehin schon immer über »die Politiker« zu meinen glaubte. Es ist das zweifelhafte Verdienst des politischen Kabaretts nach 1945, das neiderfüllte Genörgel des kleinen Volksgenossen gegen die Bonzen und »Goldfasane« in der Parteispitze, das zu faschistischen Bewegungen gehört wie das Amen in der Kirche, sozialdemokratisiert und damit gesellschaftsfähig gehalten zu haben. Wer einmal einen Kabarettabend besucht und sein Gehirn nicht an der Garderobe abgegeben hat, wird den Brei aus Die-da-oben-machen-Krieg-und-auch-sonst-was-sie-wollen, Der-kleine-Mann-wird-eh-nicht-gefragt und Man-wird-ja-doch-nur-belogen-und-betrogen seinen Lebtag nicht vergessen. Das politische Kabarett ist nicht Ort der Kritik sondern Hort des Ressentiments. Das gilt ganz besonders, wenn die Veranstaltung im Osten der Republik stattfindet.

Der erste Kreis der Hölle: Das »Kabarettkarussell«
An einem Oktoberabend im vergangenen Jahr mache ich mich auf den Weg in das Restaurant Palais-S, der Spielstätte jener hallischen Kabarettistentruppe, die sich mit Programmen wie »Die Zocker sind unter uns« oder »Gammel, Zirkel, Ehrenkranz« – eine Show »für alle, die den Ossi in sich nicht totkriegen« – in Halle ausgesprochen großer Beliebtheit erfreut. Für den heutigen Abend haben sich die Kiebitzensteiner, so der einfallsreiche Name der Gruppe, etwas ganz Besonderes einfallen lassen und zum sogenannten »Kabarettkarussell« geladen. Der Werbetext des Programms verspricht einen schwindelerregenden Abend auf drei Bühnen gleichzeitig: »Die Zuschauer bleiben sitzen bei Bier und Wein im gemütlichen Ambiente« und die »Kabarettisten drehen sich um sie«. Und für alle, die das noch nicht ganz überzeugt hat: »Wo gibt es so viel Kabarett für so wenig Geld?«
Mich jedoch hat weder das auf den gewöhnlichen Abgreif-Zoni zugeschnittene Sparfuchs-Angebot von der Couch getrieben, noch wurde ich durch die Aussicht, den Samstagabend mit sich um mich herumdrehenden ostdeutschen Kleinkünstlern zu verbringen, dazu bewogen, das gemütliche Ambiente meines Wohnzimmers zu verlassen. Stattdessen war ich wieder mal im Auftrag der Bonjour Tristesse unterwegs.

Der zweite Kreis der Hölle: Ein besonderer Gast
Ein Redaktionsmitglied hatte in einer Kneipe einen Werbezettel der Kiebitzensteiner gefunden und darauf einen special guest entdeckt, der tatsächlich einmal so etwas wie eine Berühmtheit war. Der besondere Gast hört auf den bürgerlichen Namen Rolf Becker, hierzulande kennt man ihn vor allem als Drehorgel-Rolf. Becker machte in der Wende- und Nachwendezeit von sich reden, weil er 1989 auf den Montagsdemonstrationen in Leipzig und Berlin Volkes Stimme mit einem Leierkasten sekundierte und nach dem Mauerfall mit einem Automobil Marke Trabant – dem Trabi genannten Volkswagen der DDR – nahezu die ganze Welt bereiste. Eine kurze Zeitlang mochten auch internationale Medien den Typus des putzigen Ossis, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit seinem kuriosen Plastikgefährt seine neuerlangte Reisefreiheit auskostet, und Becker, der sich als offizieller Botschafter der Ostdeutschen gerierte, hielt dann auch sein Gesicht in jede TV-Kamera, die ihm auf seinem Weg um die Welt über den Weg lief. Mittlerweile ist es ruhig um ihn geworden; bis auf gelegentliche Meldungen in der Lokalpresse oder der Superillu, dem Zentralorgan des ostdeutschen Lebensgefühls, scheren sich die Medien nicht mehr um ihn. Da Becker als Kabarettist bisher noch nicht groß von sich reden gemacht habe und vor allem die jüngeren Leser mit Sicherheit noch nie etwas von Drehorgel-Rolf gehört hätten, sei es doch, so besagtes Redaktionsmitglied, eine klasse Idee, sich die Veranstaltung einmal anzuschauen und darüber zu berichten. Dumm nur, dass sich niemand freiwillig einen Kabarettabend mit »D-Rolf«, wie sich Becker seit einiger Zeit nennt, antun wollte. Noch dümmer war, dass das Los auf mich fiel. Auch nach der Zusicherung der Redaktion, für den Preis der Karten aufzukommen und mich darüber hinaus mit einem sehr großzügigen Trinkgeld auszustatten, da ein solcher Abend nüchtern nicht zu ertragen sei, hatte ich das Gefühl, mit meiner Zusage einen schweren Fehler begangen zu haben.
Meine Zweifel verfestigten sich zur Gewissheit, als ich mir vor der Veranstaltung ein Video bei Youtube anschaute, in dem Becker, der gern von sich in der dritten Person spricht, knapp drei Wochen vor dem Kabarettabend auf dem hallischen Marktplatz als Redner auf einer der sogenannten Mahnwachen für den Frieden auftrat. Er kam dabei auch auf das Kabarett zu sprechen. Die Enthüllung, »dass der Chef der Zeit von Amerikanern, vom CIA gekauft ist«, so Becker auf der Montagsdemonstration am 29. September 2014 auf dem hallischen Marktplatz, sei nicht auf die Recherchen »unserer offenen und klaren und guten Medien« zurückzuführen, sondern Verdienst »einer Kabarettsendung, die Anstalt«, die deswegen »jetzt auch noch verboten wurde«.1 Sein Fazit: »Das Kabarett ist ehrlicher als das richtige Leben.«

Der dritte Kreis der Hölle: Das Publikum
Als ich kurz vor Veranstaltungsbeginn das Restaurant betrete, sind zwei der drei Säle schon voll belegt. Man schickt mich eine Treppe nach oben, und tatsächlich habe ich Glück. Im hinteren Teil des gut gefüllten Raums, dessen Tische mit linksparteiroten Tischdecken geschmückt sind, ist noch ein Tischchen frei, an dem niemand sitzt. Ich nehme Platz und habe noch ein paar Minuten Zeit, mir die Gäste ein wenig näher anzuschauen. Sie harmonieren zum Teil gut mit der Tischdeckenfarbe, schließlich besteht die Hälfte der im Raum befindlichen Zuschauer aus PDS-Rentnern. Eine Gruppe von ihnen hat um einen großen Tisch am linken Bühnenrand Platz genommen. Sie kennen sich scheinbar schon länger und sind dem Lautstärkepegel nach schon ein paar Gläser früher gekommen als der Rest. Die andere Hälfte des Publikums ist zwischen 40 und 50 Jahre alt und weist sich mit seinen Schals, Tüchern oder Brillen – randlos oder dick, schwarze Fassung die Herren, roter Kunststoff die Damen – als Teil der obligatorischen Kulturmafia aus, die auf jeder einschlägigen Wochenendveranstaltung anzutreffen ist. Vereinzelt sehe ich den einen oder anderen Schnauzbartträger, doch gerade als ich beginnen will, sie zu zählen, wird das Licht gedämmt und der erste Kabarettist betritt die Bühne.

Der vierte Kreis der Hölle: »Granaten-Uschi«
Der Mann trägt graues, nach hinten gekämmtes Haar und eine schwarze Hornbrille, sein Lebensalter lässt darauf schließen, dass er zu den alten Hasen des Kabaretts gehört. Das auf meinem Tischchen liegende Programm stellt ihn als Klaus-Dieter Bange vor, Mitglied der Kiebitzensteiner. Das Publikum klatscht verhalten. Klaus-Dieter wirkt ein wenig aufgeregt und verliest sich ständig, aber das kann ich verstehen, schließlich hat er den undankbaren Job, die Zuschauer dieses Saales auf den Abend einzustimmen. Dafür hat er auch nur 15 Minuten Zeit. Er begrüßt die Gäste und stellt den Musiker vor, dessen Aufgabe offenbar die musikalische Untermalung der heutigen Witze ist. Das klingt nach Fasching, und auf dem Niveau einer Büttenrede sind dann auch Banges Pointen. Sie werden fleißig untermalt von karnevalesken Dreiklängen. Trotzdem will so recht keine Stimmung aufkommen, das Publikum wirkt schläfrig. Erst als Bange auf das Fernsehen zu sprechen kommt und anklagend lamentiert, dass »die Bildung vom Fernsehen abgeschafft« worden sei, kommen die PDS-Rentner aus dem Mustopf. Zustimmendes Gelächter und ein einzelner »Stimmt!«-Ruf vom linken Tisch entlocken dem Kabarettisten ein kleines Lächeln. Es ist also doch Verlass auf sein Publikum. Bange kommt auf die Politik zu sprechen, auf die Situation in der Ukraine, nennt die derzeitige Verteidigungsministerin »Granaten-Uschi« und schwadroniert von »Merkels Russlandfeldzug«. Hier erwacht der ganze Saal, der offenbar deutsch-pazifistisch fühlt, und ich wünsche, ich hätte mich nie zu diesem Abend breitschlagen lassen, Trinkgeld hin oder her.

Der fünfte Kreis der Hölle: »Müll-Ede« und die »Zigarettenmafia«
Als der Kiebitzensteiner Micha Kost durch die zum Saal führende Tür in Richtung Bühne läuft, ist die Stimmung schon deutlich gelöster. Das Publikum hat offenbar begriffen, dass es für sein Geld genau das bekommt, was es erwartet hat. Kost alias »Müll-Ede« trägt einen orangefarbenen Arbeitsoverall, der an kommunale Entsorgungsunternehmen erinnert und schiebt eine Mülltonne vor sich her. Als er sie auf die Bühne wuchtet und das Publikum das auf die Tonne geklebte Konterfei der Bundeskanzlerin erblickt, tost lauter Beifall durch den Saal. Kost legt auch gleich los, spielt den einfachen Mann von der Straße und hat damit das Publikum sofort auf seiner Seite. Er fragt in einem lokalen Dialekt in die Runde, warum man eigentlich »keine Zigarettenmafia mehr« auf den Straßen der Stadt sieht, und hat auch gleich eine Antwort parat, die ganz nach dem Geschmack des schon deutlich angetrunkenen ostzonalen Kulturpöbels ist. Die »Zigarettenmafia« sei mit dem ehemaligen Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler und dessen Partei untergegangen. »FDP – das steht für Fietnamesische Demokratische Partei«, ruft Kost in den Saal, und der dankt’s mit brüllendem Gelächter. »Was macht denn der Rösler eigentlich jetzt?«, fragt Kost sein Publikum, das völlig außer Rand und Band gerät, als er ihm erklärt, dass dieser »wieder Kippen auf dem Marktplatz« verkaufen würde. Während Kost weiter vor sich hin kabarettiert, frage ich mich, worin eigentlich der Unterschied zwischen einem Neonazi-Kameradschaftstreffen und einem hallischen Kabarettabend besteht. Außer dem Eintrittspreis von 14 Euro und der Tatsache, dass das Publikum am Ende des Abends lieber nach Hause anstatt »Fidschis klatschen« geht, will mir so recht keiner einfallen. Während ich noch überlege, kramt Kost in seiner Mülltonne und zieht ein paar Plastikdosen daraus hervor. »Warum gehen Männer eigentlich nicht auf Tupperpartys?«, fragt er die gutgelaunten Kabarettbesucher. Mir schwant schlimmes. Leider schaffe ich es nicht rechtzeitig, meine Finger in die Ohren zu stopfen, um von der erneut von tosendem Gelächter sekundierten Pointe verschont zu bleiben: »Na, weil sich dort die Frauen ihre Dosen zeigen!« Wenn es tatsächlich eine Hölle gibt, in der jeder Mensch nach seinem Ableben die für ihn schlimmsten Qualen durchleben muss, dann wird mein persönliches Inferno ein nie enden wollender Kabarettabend mit den Kiebitzensteinern sein.

Der sechste Kreis der Hölle: »Bohrer, Tacker, Schrauber«
Da ich stark damit beschäftigt bin, den Drang zu unterdrücken, in die Tischkante zu beißen, und mein Gehirn, offensichtlich um irreversible Schäden abzuwenden, nur noch Bruchstücke der Aufführung zu mir durchdringen lässt, muss der Bericht an dieser Stelle lückenhaft bleiben. Dunkel nehme ich eine Dame und einen Herren wahr, die offensichtlich ein altes Ehepaar mimen und in thüringischem Dialekt allerlei familienfeiertaugliche Plattitüden über Männer und Frauen zum Besten geben. Ich höre etwas von »drei Dinge braucht ein Mann: Bohrer, Tacker, Schrauber« und »Du hast doch ooch ’n Herd zum Kochen!«, bevor ich langsam in einen ohnmachtsähnlichen Zustand drifte. Nur noch am Rande bekomme ich mit, wie das Ehepaar gegen »de großen Konzerne« wettert, die von der EEG-Umlage befreit wären, während fiese Supermärkte sich an den von den hohen Strompreisen schon genug geschröpften Geldbeuteln der kleinen Leute hemmungslos bereichern würden, in dem sie 220 Gramm Butter für den Preis von 250 Gramm verkaufen würden. Der aufbrandende Applaus des sich belogen und betrogen wähnenden Publikums ist das letzte, was ich noch bewusst wahrnehme.
Gedämpftes Gemurmel lässt mich aus meiner katatonischen Starre schrecken. Die Bühne ist leer, die anderen Gäste sind in Gespräche vertieft oder ordern alkoholischen Nachschub. Sie ist endlich da, die auf dem Programmzettel angekündigte, von mir so heiß ersehnte Pause. Leicht derangiert schleppe ich mich in den Sanitärbereich. Nach einem Schwall kalten Wassers in meinem Gesicht bin ich wieder soweit im Lot, um meine Aufmerksamkeit auf das Geschehen im Saal richten zu können. Ein Mitvierziger im türkisfarbenen Poloshirt erklärt am Nebentisch einem alten Ehepaar, vermutlich seine Eltern oder Schwiegereltern, den weiteren Verlauf des Abends: »Als nächstes kommt der Altlatz, das ist ein anderes Wort für Vater, das ist Hallesch«, doziert er auftrumpfend. Seine weibliche Begleitung schweigt gelangweilt. Das alte Paar, offensichtlich nicht ortsansässig, nickt interessiert. »Und danach kommt Drehorgel-Rolf!« Große Aufregung schwingt in seinen Worten mit, und auch den beiden Rentnern steht die Vorfreude ins Gesicht geschrieben.

Der siebte, achte und neunte Kreis der Hölle: Der heimliche Volkstribun
Nach dem von begeistertem Grunzen des Publikums sekundierten Auftritt Jürgen Seydewitz’ a.k.a. »Der Altlatz« – einer wandelnden Mischung aus ranzigem Altherrenwitz und der unerträglich hässlichen, groben und provinziellen hallischen Mundart – ist es endlich soweit. Der Star des Abends bekommt sogar eine Extra-Ansage. Micha Kost, der seinen orangefarbenen Müllmanndress ausgezogen hat und nun hochdeutsch spricht, betritt die Bühne. Ehrfurcht schwingt in seiner Stimme mit, als er Rolf Becker als einen »Mann, der sehr zu bewundern ist«, ankündigt. Vor der Tür zum Saal ertönt ein Leierkasten. Die Tür wird aufgestoßen und ein kleines grauhaariges Männchen rennt, eine Drehorgel vor sich her schiebend, mit einem lauten »Attacke!«-Ruf auf die Bühne. Auf seiner schwarzen Jacke prangt die Aufschrift D-Rolf, wobei das D im gleichen Design gehalten ist, wie jene Aufkleber, die sich ostdeutschnationale Schnauzbartträger in den Wendejahren auf ihre Autos zu pappen pflegten. Das begeisterte Publikum klatscht schunkelnd mit, während Beckers Drehorgel einen Humtata-Walzer spielt. Man liegt augenblicklich auf der gleichen Wellenlänge, und die Rolf-Fans fühlen sich sichtlich geschmeichelt, als Becker ihnen Honig ums Maul schmiert: »De Hallenser sinn de Spanier der Bundesrepublik, man muss se bloß antippen, dann sinn se da!« Der Lautstärkepegel des Applauses erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt, das Publikum johlt vor Begeisterung. Becker setzt gleich noch einen drauf: »Saufen schafft Arbeitsplätze! Alkohol ist Willenssache – ich will!« Besoffen wirkt nicht nur Becker, sondern auch das Publikum, nicht allein von den ausgeschenkten Getränken sondern vor allem vor Glück darüber, endlich den Star des Abends live erleben zu dürfen. Es tut der Begeisterung auch keinen Abbruch, dass Becker weder einen geraden Satz formulieren kann, noch mit einem traditionellen Kabarettprogramm auf der Bühne steht. Das leicht senil wirkende »hallesche Original« (Mitteldeutsche Zeitung) mumpft einfach heraus, was ihm gerade in den Sinn kommt. Es gibt weder einen roten Faden noch irgendwelche vorher ausgedachten Höhepunkte. Aber nach Dramaturgie und Professionalität steht Beckers Fans auch gar nicht der Sinn. Ihr Rolf spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Aus seinem Bauch quillt das heraus, was sie selbst in der Öffentlichkeit niemals offen aussprechen würden.
Becker schiebt sich seine Sehhilfe auf den Haaransatz. »Wenn ein Politiker seine Brille so aufhat, dann sagt er die Wahrheit.« Becker setzt sich seine Brille ganz vorn auf die Nasenspitze. »Wenn er sie so aufhat, dann sagt er die Wahrheit.« Becker schiebt seine Brille wieder auf ihren ursprünglichen Platz zurück. »Wenn er sie so aufhat, dann sagt er auch die Wahrheit.« Becker schaut in die Runde. Lächelnd. Abwartend. »Aber wenn er’s Maul aufmacht, dann lügt er!« Der Saal trampelt vor Begeisterung, und während sich die Stimmung einer Reichsparteitagsfete annähert, wird mir der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Kabarettisten und Drehorgel-Rolf klar. Kabarettisten spielen eine Rolle, sie mimen den Volkstribun nur. Becker hingegen ist selber einer. Und wie es sich für einen echten Volkstribun gehört, ist Becker auch politisch umtriebig. Nach der Kommunalwahl im Mai 2014 wollte er in den Stadtrat einziehen und bot dabei an Slogans so ziemlich alles auf, was parteilose Populisten bei Wahlen aufzubringen pflegen. Als Kandidat sei er »parteilos, ehrlich, unabhängig«, er wolle die Stadt »gestalten statt verwalten«, und er forderte das Wahlvolk auf, doch bitte »Menschen« und »nicht Parteifunktionäre« zu wählen. Dass er dann doch nicht gewählt wurde, lag nicht etwa an fehlenden Kreuzen. Becker und seine Wahlhelfer hatten es einfach nicht hinbekommen, die entsprechenden Zulassungsformalitäten einzuhalten und die nötigen Unterschriften der Unterstützer korrekt zusammenzutragen und fristgerecht einzureichen.2
Eine neue Chance, vom Volk gehört zu werden, bot sich Becker dann im Sommer 2014. Auf den unseligen Montagsdemonstrationen trat er wiederholt als Redner auf und gab dort zum Besten, wie die politischen Fronten in seiner Welt verlaufen.3 »Die Grenze geht nicht zwischen schwarz und weiß, die Grenze geht nicht zwischen rechts und links […], die Grenze geht zwischen oben und unten. Oben sitzt eine eklige, 0,1-prozentige Fettschicht, die eigentlich nicht merkt, dass sie sich selber das Wasser abgräbt. […] Wir sind die 99 Prozent!« Leider verriet er in seiner Ansprache vom 2. Juni nicht, wer denn eigentlich die fehlenden 0,9 Prozent sind. Aber wer finstere Verschwörungen aufdecken will, der hält sich nicht weiter mit Arithmetik auf. Bereits eine Woche später hatten sich die Zahlenverhältnisse bereits drastisch verändert, und Beckers imaginierte 99 Prozent waren auf 98 geschrumpft. Wahrscheinlich warnte er deshalb so eindringlich vor »bestimmten Gruppen«, von denen »die Menschheit bewusst auseinander gespielt« werde, vor »denen« nämlich, die in Beckers verorgelter Wahnwelt »wirklich das Geld und die Macht haben«, vor den »zwei Prozent, die da oben sitzen, die haben die Medien und erzählen uns die Geschichte vom Pferd«. Aber Rolf sei Dank gibt es ja die Volksmassen mit ihm an der Spitze, die nicht nur bald »gegen die Dreckschicht ganz, ganz oben« mit »Revolution« und »Guerilla-Mittel« vorgehen würden. Mit Hilfe der sozialen Medien stünden auch bald die Parlamente auf ihrer Seite: »Wir aber haben Facebook, wir haben auch die AfD, wir haben auch andere Gruppen, wo viele kluge Leute sitzen.«
Einer der »vielen klugen Leute«, mit denen Becker für den ersehnten Volksaufstand streitet, ist sein Duz-Freund Sven Liebich – ein stadtbekannter ehemaliger Blood-and-Honour-Aktivist, Führungskader des untergegangenen Nationalen Widerstands Halle/Saale und in den 1990er Jahren einer der führenden Nazihäuptlinge in Sachsen-Anhalt.4 Liebich, der mittlerweile behauptet, aus der Szene ausgestiegen zu sein,5 ist nicht nur Beckers Freund, sondern auch sein Sponsor. Mit seinem Versand »Shirtzshop« finanziert er nicht nur Beckers Reisen mit oder versorgt ihn mit den passenden Werbe-Shirts. Er vertreibt auch allerhand Kleidungsstücke mit aufgedruckter Truther-Propaganda à la »9/11 Inside Job«. Dazu passt dann auch, wie Liebich auf dem Facebookauftritt seines Klamottenversands die vermasselte Kandidatur seines Freundes bewarb: »Rolf-Leaks – Eurer Ohr in die Klüngel-Bude!«.
Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass die lokale Presse Beckers politisches Engagement bei den Montagsdemos komplett verschweigt. Mit einem Bericht wäre man gleichzeitig gezwungen, gegen Beckers irrsinniges Querfront-und-Verschwörungsgebrabbel Stellung zu beziehen und würde es sich als Konsequenz daraus mit seiner Leserschaft vollends verscherzen, die man ja regelmäßig mit kleinen Berichten über Beckers Reisen und seine Aktionskunst bei der Stange halten will. Beckers ostzonale Bewunderer hingegen teilen zwar prinzipiell sein Weltbild. Sie teilen seinen Antiamerikanismus ebenso wie seine Vorliebe für Putins autoritär geführtes Russland.6 Sie halten Politik wie ihr Idol als große Verschwörung gegen das einfache Volk. Und sie haben durchaus auch etwas für Nazis wie den Grafen Luckner,7 den sogenannten »Retter von Halle«, übrig. Aber sie sind im Gegensatz zu Becker Realisten genug, um sich von Veranstaltungen wie den Montagsdemos fernzuhalten. Die politische Stimmungslage können sie instinktiv weit besser einschätzen, und im Gegensatz zu Becker wissen sie, dass die Volksfront gegen »die da oben«, nach der sie sich insgeheim sehnen, derzeit nicht auf der politischen Tagesordnung steht. So verhallte D-Rolfs nach jeder Rede kämpferisch vorgetragenes Mantra »Bildet Banden!« ungehört. Die von ihm ersehnte Massenbewegung blieb aus. Becker ist nur ein heimlicher Volkstribun, dessen Volk es völlig genügt, ihm auf Familienfeiern zuzustimmen oder beim politischen Kabarett zuzujubeln.

Vom Purgatorio zum Paradiso
Das Programm endet, wie es begonnen hat, mit den Kiebitzensteinern. Nachdem ich in der tausendsten Variation des Abends vernommen habe, dass »Politik und Kriminalität ein und dasselbe« seien, frage ich mich verzweifelt, womit ich das alles verdient habe. Werde ich jemals vergessen können, was ich heute sehen musste und durchlitten habe? Vor der Treppe unterhalten sich zwei Mittfünfziger über Politik. »Da gibt’s keene Lobby und wo keene Lobby is, da gibt’s keen Geld«, meint der eine. Sein Gegenüber stimmt resigniert zu: »Das is überall so!« Schade, denke ich, während ich mich die Treppenstufen nach unten schleppe, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, der Kabarett-Lobby den Kampf anzusagen. Obwohl es treppab geht, habe ich das Gefühl, einen endlos hohen Berg zu beschreiten. Jeder Schritt fällt mir schwer. Es ist, als hätte mir jemand einen riesigen Stein aufgebürdet, unter dessen Last ich fast zusammenbreche. Auf der letzten Treppenstufe überfällt mich siedend heiß die Erkenntnis: Ich habe mir diesen Abend selbst zuzuschreiben. Das ganze Elend hat mir meine verdammte Eitelkeit eingebrockt! Niemals wieder, so schwöre ich mir selbst, werde ich einen derartigen Auftrag für die Redaktion übernehmen. Zu hoch ist der Preis für den kurzen Ruhm einer Veröffentlichung. Geläutert und einen gefühlten Zentner leichter verlasse ich das Palais S. Mit jedem Schritt auf meine Wohnung zu leuchtet die von mir spontan gefasste paradiesische Idee, wie ich den höllischen Abend hinter mir lassen könnte, ein kleines bisschen heller. In meinem Wohnzimmerregal liegt eine noch ungesehene DVD. Jürgen von der Lippe. Das Beste aus 30 Jahren. Vielleicht kann ich auf diese Weise die Hölle des heute Erlittenen vergessen. Zumindest für 135 Minuten.
Knut Germar

Anmerkungen
1 Um es für den nichteingeweihten Leser mal vom Verschwörungstheoretischen ins Deutsche zu übersetzen: Die ZDF-Kabarett-Sendung Die Anstalt hatte – musikalisch vom deutschen Gesinnungs-Barden Konstantin Wecker untermalt – am 29. April 2014 behauptet, Josef Joffe, der Mitherausgeber der Zeit, sei Mitglied in mehreren transatlantischen Lobbyverbänden, die als »Nato-Versteher« nur »eine Antwort« auf den Ukraine-Konflikt kennen würden, nämlich »mehr Rüstung«. Da es die Sendung in ihrer verschwörungstheoretischen Lügenpresse-Schelte offensichtlich mit den Tatsachen nicht so genau nahm, hatten Joffe und sein ebenfalls betroffener Kollege Jochen Bittner per einstweiliger Verfügung durchgesetzt, dass die entsprechende Sendung aus der Online-Mediathek des Senders entfernt wird und rechtliche Schritte eingeleitet. Das, was Becker als CIA-gesteuerte Verschwörung gegen die Sendung halluzinierte, war mit anderen Worten ein ganz normaler rechtsstaatlicher Vorgang.
2 Vgl. hierzu http://hallespektrum.de/nachrichten/politik/nicht-erreichbar-d-rolf-versemmelt-wahlzulassung-droht-klage/92292/
3 Alle Redebeiträge Beckers sind auf Youtube dokumentiert.
4 Vgl. hierzu http://antifa.uni-halle.de/AntifaschistischerRundbrief.pdf.
5 Vgl. hierzu Steffen Könau: Als Halle noch Nazi-Hochburg war, Onlineausgabe der Mitteldeutsche Zeitung vom 15. April 2013. Trotz Könaus plumpen und peinlichen Versuchen, die Identität Liebichs zu schützen (»groß gewachsener Junge aus Merseburg«), ist der Interviewte ohne Zweifel Sven Liebich. Der Artikel des bekennenden Freiwild-Fans strotzt nicht nur vor lauter Sympathie für den »rechten Aussteiger«. Er übernimmt auch Liebichs Darstellung ohne sie zu hinterfragen und verhandelt die Auseinandersetzungen zwischen Antifas und Nazis als Taten von Leuten, die »sich für ihre Weltsicht krankenhausreif« prügeln. Der Naziversteher Könau verharmlost mit seinem Artikel die in den 1990er Jahren von hallischen Neonazis begangenen Überfälle und Bedrohungen, indem er sie nicht erwähnt oder als »Räuber-und-Gendarm-Spiel« bezeichnet.
6 Als der Saalekreis-Landrat Frank Bannert (CDU) Becker als offiziellen »Bildungsbotschafter« der Region zu den olympischen Winterspielen nach Sotschi schickte, gab Becker angesichts der Kritik an Russlands schwulenfeindlicher und autoritärer Politik folgendes zum Besten: »Man muss ja auch mal sehen, dass Putin nicht so regieren kann, wie ein Landrat im Saalekreis. Der muss in seinem Riesenreich andere Methoden anwenden.« Vgl. hierzu die Onlineausgabe der Mitteldeutschen Zeitung vom 15. Januar 2015.
7 Zu Felix Graf von Luckner vgl. Bonjour Tristesse #13. Zu Beckers Lucknerverteidigung vgl. Bonjour Tristesse #14.

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Im März dieses Jahres gab der Bürgermeister des süd-sachsen-anhaltischen 2.800-Seelen-Kaffs Tröglitz seinen Rücktritt bekannt. Der Grund: Weil er sich für einen pragmatischen Umgang mit der Entscheidung des Landesverwaltungsamtes, 40 Asylbewerber in Tröglitz unterzubringen, ausgesprochen hatte, wurden seine Frau und seine Kinder bedroht, die NPD marschierte regelmäßig durch den Ort und vor seinem Haus, und nennenswerter Beistand aus der Bevölkerung blieb aus. Nachdem im April auf das Haus, in das die 40 Flüchtlinge im Mai ziehen sollten, ein Brandanschlag verübt wurde, organisierte ein antifaschistisches Bündnis aus Halle am 1. Mai 2015 unter dem Motto »Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt – Tröglitz denen, die’s verdienen« eine Demonstration. Die Redaktion der Bonjour Tristesse dokumentiert den in Tröglitz gehaltenen Redebeitrag und eine Nachbetrachtung der AG »No Tears for Krauts« Halle.

Liebe Freundinnen, Freunde, Genossinnen und Genossen,
die Eingeborenen scheinen uns nicht zuhören zu wollen, darum eine Ansprache nur an Euch: Angesichts der Verhältnisse hier im Burgenlandkreis müsste man eigentlich fordern: »Bring back the State!« Denn Ereignisse und Zustände wie in Tröglitz gehen nicht zuletzt auf einen fast vollständigen Rückzug des Staates und seiner Institutionen zurück. Die nächste Schule, die nächste Polizeistation und das nächste Amt sind oft kilometerweit entfernt, administrative Aufgaben werden schon seit Jahren (wenn überhaupt) bestenfalls auf Ehrenamtsbasis erledigt. Anders als unsere anarchistischen Genossen glauben, erwächst aus dem Rückzug des Staates allerdings leider nicht der Himmel auf Erden – zumindest nicht unter den gegenwärtigen Umständen. Sondern es entsteht das Gegenteil, es entsteht ein neuer Naturzustand, in dem alle gegen alle kämpfen oder die stärkste Horde über die Schwächeren herfällt.
Wir wissen selbstverständlich, dass der Staat Barbaren nicht unbedingt in bessere Menschen verwandelt: Auch wir hatten Geschichtsunterricht. Aber wir wissen, dass die Anwesenheit von Dorfsheriffs und Beamten, die qua Dienstverhältnis noch anderen Instanzen als der Dorfgemeinschaft verpflichtet sind, gelegentlich eine gewisse Mäßigung bewirken können. Und wir wissen, dass die langwierigen Entscheidungsfindungsprozesse der parlamentarischen Demokratie Emotionen abkühlen lassen können: Wenn eine Entscheidung ansteht, ist die aufgeheizte Stimmung, die hierzulande fast immer auf die Forderung »Rübe runter!« hinausläuft, in der Regel schon vorbei. Das gilt zumindest dann, wenn der Staat und seine medialen Vorfeldorganisationen zumindest dem Ton nach offen gegen Rassismus, Lynchjustiz und Heugabelmeuten auftreten, wie es derzeit der Fall ist. Die bundesweite Empörung über Tröglitz ist Ausdruck dieser Politik.
Trotzdem funktioniert die Trennung zwischen Mob und Staat, zwischen der Barbarei des flachen Landes und der Stadtluft, die frei macht, nicht vollkommen. Auch das zeigt nicht nur die Geschichte, sondern auch die beliebte Praxis, Asylbewerber ausgerechnet in gottverlassenen Gegenden wie dem Burgenlandkreis unterzubringen. Denn auch wenn sich die Vertreter des neuen Deutschlands weltoffen und antirassistisch geben, wollen sie mit den Flüchtlingen, die hier ankommen, nicht viel zu tun haben. In Orten wie Tröglitz ist die Unterbringung nicht nur billig, sondern die politische Klasse und der sie tragende Teil des Mittelstands werden auch nicht permanent mit dem konfrontiert, was unter den gegebenen Verhältnissen alle fürchten: Degradierung und sozialer Abstieg.
Das Wichtigste aber ist: Die Voraussetzung dafür, dass sich Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, Günther Jauch und Oliver Welke, Der Spiegel und Die Zeit über Barbarenkollektive wie in Tröglitz, Wutbürger wie in Schneeberg oder Pegida-Ossis wie in Dresden empören können, ist das tägliche Verrecken im Mittelmeer. Das europäische Grenzregime ist die Voraussetzung dafür, dass es hierzulande trotz Tröglitz und Pegida immer noch halbwegs friedlich zugeht und das soziale System nicht kollabiert: Die Finanzkrise und der Staatsbankrott in Griechenland haben gezeigt, dass eine Nationalökonomie nicht unendlich belastbar ist. Wenn die Zahl der Asylbewerber in der Bundesrepublik dagegen exorbitant steigen würde, wenn die deutsche Volkswirtschaft nicht mehr dazu in der Lage wäre, für die armen Schlucker zu sorgen, und wenn sich die Krise in finanzieller Hinsicht stärker auswirken würde als bisher, dann könnten auch diejenigen Gefallen an der Parole »Ausländer raus!« finden, die sich zur Zeit noch über die hinterwäldlerischen Ausländerfeinde in Tröglitz empören. Trotz der regelmäßigen Skandale werden die zuständigen Minister der EU-Staaten darum auch weiterhin am europäischen Grenzregime festhalten. Das tun sie nicht, weil sie schlechte Menschen sind (das sind sie möglicherweise auch), sondern das tun sie vor allem, weil sie mit Blick auf den inneren sozialen und politischen Frieden in ihren Ländern nicht anders können – zumindest nicht unter den gegenwärtigen Umständen.
Die Ereignisse der letzten Monate sind insofern ein Lehrstück in Sachen Kapitalismuskritik. Sie zeigen, dass die Rede von der gesellschaftlichen Totalität etwas anderes ist als eine akademische Lockerungsübung. Das soll heißen, die einzige vernünftige Antwort auf die sogenannte Flüchtlingsfrage, die derzeit von Lampedusa bis Tröglitz gestellt wird, wäre – um es präzise, differenziert und sachlich mit Marx auszudrücken – die Abschaffung der »ganzen alten Scheiße« (MEW irgendwo). Diese Erkenntnis ist natürlich durch und durch unbefriedigend, weil sie wenig bis gar nichts nutzt. So ist weder eine Bewegung in Sicht, die an die Stelle des Alten etwas anderes setzen will als das Hauen und Stechen postindustrieller Wastelands à la Tröglitz, Caracas oder Gaza. Noch gibt es einen potentiellen sozialen Träger, der diese Aufgabe übernehmen würde. Das Proletariat, in das zwei Philosophiestudenten aus dem 19. Jahrhundert ihre großen Hoffnungen setzten, bewegt sich zumindest heute eher außerhalb als innerhalb der Demonstration. Die wenigen Ausnahmen bestätigen nur die Regel.
Wenn wir den Flüchtlingen mehr als warme Worte zukommen lassen wollen, bleibt uns aus diesem Grund nicht viel anderes übrig, als zu fordern: »Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt!« Genauer: Dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen in einem lebenswerten Viertel der Großstadt ihrer Wahl. Und auch das klingt, ehrlich gesagt, schon ziemlich utopisch.

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Schlachtrufe Tröglitz

Nachtrag zu einigen Demonstrationsparolen.

Am 1. Mai führte ein antifaschistisches Bündnis aus Halle eine Demonstration in Tröglitz durch, einem Nest im Süden Sachsen-Anhalts. Zum einen richtete sie sich gegen die widerlichen Zustände vor Ort, wo Aggression und Hass zum Kulturerbe gehören und im konkreten Fall sich in der Auflehnung gegen den Beschluss des Bundeslandes Sachsen-Anhalt äußerte, Flüchtlinge in diesem Dorf unterzubringen. Zugleich wandte sich die Demonstration gegen jene, die Flüchtlinge in derart verwahrlosten Gegenden unterbringen wollen. Dem Aufruf folgten circa 240 Personen. Doch manche Demoparole ließ vermuten, dass dieser gar nicht von allen Teilnehmern zur Kenntnis genommen wurde.
Die Sprechchöre, von denen hier die Rede ist, gehören landesweit zum Inventar von Antifa- und Antirademos. Bereits diese Tatsache legt eine gewisse Beliebigkeit nahe. Kaum jemand schert sich darum, ob deren Aussage überhaupt dem Gegenstand der Demonstration angemessen ist. Wichtigstes Kriterium der Parolen scheint vielmehr zu sein, dass der ganze Demonstrationszug lauthals mitschallern kann.
Exemplarisch hierfür steht der Schlachtruf »Nationalismus raus aus den Köpfen«. Zur Kritik der Verhältnisse in Tröglitz ist er nur wenig geeignet. Denn was in diesem Dorf vor sich geht, ist mit dem Begriff Nationalismus nur unzutreffend beschrieben. Bezugspunkt des gegenwärtigen Zusammenrückens ist nicht die Nation, sondern allenfalls die Dorfgemeinschaft. Und auch deren Klammer ist allein der Hass auf den gemeinsamen Feind: die fremden Neuankömmlinge. Aus diesem Grund besitzt die aufblitzende Gemeinschaft nur eine geringe Halbwertzeit. Spätestens wenn das verbindende Thema aus dem Fokus gerät, werden die Dörfler wieder übereinander herfallen, um sich beim nächsten Fußballspiel gegen das Nachbardorf, anlässlich des Mobbings gegen den Dorftrottel oder bei der nächsten Kneipenschlägerei in neuer Konstellation zusammenzurotten. Solchen Zusammenschlüssen fehlt die Konstanz und sie fliegen so schnell wieder auseinander, wie sie entstanden sind. Dazwischen werden die Nachbarn mit Feindseligkeit und Missgunst übersäht. Betrachten klassische Nationalisten zumindest die Angehörigen einer Nation als Gleiche unter Gleichen, heißt es in Tröglitz alle gegen alle. Wie schon im Redebeitrag der AG »No Tears For Krauts« erläutert, ist der Grund dafür gerade in der Ferne staatlicher Institutionen zu finden. Sie sind vermittelnde Instanz zwischen den Einzelnen und halten deren ungehemmte Triebe im Zaum. Dem gemeinen Tröglitzer jedoch ist die Vermittlung ebenso fremd wie unliebsam. Anstatt eines Hoheliedes auf die Nation hört man aus Tröglitz das tägliche Wettern gegen die Institutionen und die Verfassung der Bundesrepublik. Zusammengefasst: In Tröglitz ist weniger ein klassischer Nationalismus zu beobachten, sondern vielmehr dessen Verfallsprodukt.
Wenn nun einige Demonstrationsteilnehmer nicht imstande sind, den Geschehnissen in Tröglitz einen brauchbaren Namen zu geben, so liegt das nicht allein in der allgemeinen Unzulänglichkeit von Demoschlachtrufen begründet. Sie geht einher mit der Unfähigkeit, die Verhältnisse auf einen Begriff zu bringen. Tatsächlich haben große Teile der Linken nur eine äußerst vage Vorstellung von Nation und Nationalismus. Den Spruch »Nationalismus raus aus den Köpfen« bekommen die Tröglitzer darum ebenso zu hören, wie klassische Neonazis oder die Anhänger des Zionismus. Die skizzierte Begriffsstutzigkeit gipfelt in einer skandalösen Parole, die eine Analogie zwischen den Todeszügen nach Auschwitz und den Abschiebungen von Flüchtlingen zieht: »Mord, Folter, Deportation – Das ist deutsche Tradition«. Vor lauter Unwillen, zwischen Nationalsozialismus und postfaschistischer Bundesrepublik zu unterscheiden, merken die grölenden Antifaschistischen anscheinend gar nicht, wie sie nebenbei und dennoch unverblümt den Holocaust verharmlosen.
Bezeichnend ist in dem Zusammenhang auch der Mobilisierungserfolg bei der Demonstration in Tröglitz. Folgten dem Aufruf trotz widriger Anreisebedingungen – in Tröglitz gibt es keinen Bahnhof – an einem 1.Mai immerhin 240 Demonstranten, kamen zu einer ähnlichen Demonstration in Insel vor etwa 3 Jahren, die ebenfalls von einem antifaschistischen Bündnis aus Halle organisiert wurde, kaum 100 Leute. Dabei war die Situation durchaus vergleichbar: In beiden Dörfern formierte sich der Dorfmob gegen ein paar Neuankömmlinge, denen nachgesagt wurde, den Dorffrieden zu stören. Doch während es sich bei den Neuankömmlingen in Tröglitz um Flüchtlinge handelt, wurden in Insel zwei ehemalige Sexualstraftäter als Störenfriede ausgemacht. In letzterem Falle wäre man mit den klassischen linken Erklärungsversuchen und Parolen nicht weitergekommen. Der Vorwurf des Nationalismus hätte sich in Insel ganz offenkundig selbst blamiert. Die üblichen Verdächtigen aus Antira- und Antifakreisen ließen sich deshalb gar nicht erst blicken.
AG »No Tears for Krauts«

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Kinky Friedman ist Countrysänger, Kriminalautor und versuchte sich 2006 als Politiker, als er zur Gouverneurswahl in Texas antrat. Während seiner Kandidatur plädierte er für die Einführung der Homo-Ehe und des Glücksspiels in Texas, konnte mit seinen Forderungen aber nicht genügend Wähler überzeugen. Mit seiner Band »The Texas Jewboys« spielte er zusammen fast zwanzig Jahre. Seine Songtexte sind oft sarkastisch und wenden sich u. a. gegen die Tristesse auf dem Land. Ein feministischer Verband kürte Friedman 1974 für sein Lied »Get Your Biscuits In The Oven And Your Buns In The Bed« zum Sexisten des Jahres, genauer zum »Male Chauvinist Pig of the Year«. Die Antwort kam als Song: »Yes, I am the Sexiest«. Nach seiner Bandkarriere begann der Kinkster, wie er sich gern nennen lässt, mit dem Schreiben von Kriminalromanen. Anfang Februar gab der 70-Jährige ein Konzert in Leipzig. Frauke Zimmermann und Mandy S. Dzondi nutzten die Gelegenheit für ein Interview.

Country-Musik gilt vielen als Musik für Hillbillies. Wie kamen Sie auf die Idee, gerade Country und kein anderes Musikgenre für Ihre Texte wie etwa »Proud to Be an Asshole from El Paso« zu verwenden?
Durch Johnny Cash, Willie Nelson, Slim Whitman und Jimmy Roberts – das waren vermutlich die vier – kam ich zur Countrymusik. Schon als Kind war das die Musik, die ich liebte, besonders Johnny Cash. Ich hörte auch Songs von Willie Nelson wie »Hello Walls«, in dem ein Mann wortwörtlich mit den Wänden spricht, weil er verrückt geworden ist. Und er fragt die Wände »Hey, wie läuft es heute so?« und die Wände antworten ihm. Das ist doch brillant und echt clever! Und das zeichnet guten Country aus: Er ist tiefsinnig und künstlerisch. Heutzutage ist all das verschwunden. Man hört kaum noch guten Country, die Songs klingen alle gleich. Ich glaube, wir haben die ganzen Talente verbraucht. Es gibt zwar gute Musiker, aber wenn ihre Songs gut sind, klingen sie wie Songs von vor dreißig Jahren, bloß eben schlechter. Selbst die Leute, die einst die guten Songs schrieben, können es heute eben nicht mehr.

Warum nicht?
Weil die Gesellschaft an kulturellem ADHS leidet! Ich will damit sagen, dass die Wenigsten zum Beispiel dieses Interview hier zu Ende lesen. Oder sie lesen nur einen kleinen Teil, das war’s aber dann. Und so ist es auch mit Musik. Keiner hört sich mehr ein komplettes Album an, vielleicht einen Song, mehr nicht. Oder Filme: Wer macht sich heute schon die Mühe und schaut sich einen Film von Anfang bis Ende an? Selbst die Werbung ist kürzer geworden. Unsere Kultur ist abgefuckt, um mal einen psychologischen Terminus zu nehmen.

Ihre Eltern sind nach Ihrer Geburt von Chicago auf eine Ranch in Texas gezogen. Wie war das Leben für einen jüdischen Jungen aus der Großstadt in der texanischen Provinz?
Eigentlich war es wirklich schön, auf einer Farm groß zu werden. Und das Jüdisch-Sein kam fast niemals zur Sprache. Ich glaube nämlich, die Texaner waren zu der Zeit mehr damit beschäftigt, auf den Mexikanern herumzuhacken. Also scherten sie sich nicht um mich. Außerdem mag ich den Cowboy-Spirit: Wissen Sie, um wie ein wahrer Cowboy zu sein, genügt es, oft zu reiten, einigermaßen geradeaus schießen zu können und die Wahrheit zu sagen.

Sie machen sich in Ihren Texten über das Leben auf dem Land lustig …
Diese Songtexte waren ziemlich gut. Man könnte uns als eine Countryband mit sozialem Gewissen bezeichnen.
… und Sie sind selbst von New York nach Texas zurückgezogen. Warum?
New York mochte ich auch immer sehr. Ich denke, es lag an den Drogen damals: Viele enge Freunde von mir nahmen zu viele davon, und einige starben an einer Überdosis. Also entschloss ich mich, nach Texas zurückzukehren. Ich war selbst ziemlich verballert von dem ganzen Zeug, vor allem vom Kokain. Texas hat mich sozusagen gerettet. Außerdem konnten die New Yorker die Musik nicht wertschätzen. Auch wenn es Country war, der die Dinge beim Namen nennt, eben echt guter Country. Aber bei den New-Yorker-Countryfans kam die Musik nie so richtig an. Es lag vor allem daran, dass sie nicht so viel mit den Lyrics anfangen konnten, da ihnen der Bezug zu Songs wie »They don’t make Jews like Jesus anymore« oder »Proud to be an Asshole from El Paso« fehlte. Wir waren eher eine eklektische Band und nicht Mainstream.
Sie wollten nie in Deutschland auftreten, was wir sehr gut verstehen können, haben dies aber Ende der neunziger Jahre erstmals getan. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
Ich weiß es wirklich nicht mehr, warum ich meine Meinung geändert habe. Ich schätze, ich habe kapiert, dass Hitler Euer Problem ist und nun wirklich nicht meins. Und man kann niemanden für etwas verantwortlich machen, das stattgefunden hat, als man noch nicht einmal geboren war. Das ist einfach nicht richtig. Aber ich muss sagen, ich mag diese gesamte Region hier. Ich mag Österreich. Mit dem Zug fährt man innerhalb von dreißig Minuten durch die Geburtsorte von Mozart, Hitler und Arnold Schwarzenegger. Die Evolution des Menschen!

Sie haben einmal gesagt, dass die Deutschen Ihr zweitliebstes Volk sind, jedes andere sei ihr liebstes. Die Deutschen scheinen den Kinkster da mehr zu mögen. Schließlich waren Ihre Krimis neben den USA am erfolgreichsten in Deutschland. Uns verwundert das. Denn eigentlich mögen die Deutschen keine Juden, die »nicht, wie Jesus früher, auch die andere Wange hinhalten«, um mal einen Songtext von Ihnen zu zitieren. Wie erklären Sie sich Ihre Beliebtheit?
Ich versuche mit den Romanen nur zu unterhalten, ich will niemanden belehren. Und man kann Menschen sowieso nicht ändern. Es gibt einen Grund, warum nicht ich sondern Leute wie ihr eine emotionale Geschichte habt. Ihr habt ein Erbe, das ich nicht habe. Mit anderen Worten: Die meisten von Euch wollen nicht wie ihre Großeltern sein, egal, wer sie waren. Falls sie gut waren, wurden sie getötet. Gehörten sie zu den Bösen oder waren Feiglinge, dann haben sie es geschafft und den Nationalsozialismus überstanden. Aber gerade solche bewundern Deutsche nicht. Und das ist auch der Grund, warum so viele von ihnen reisen.

Wieso das?
Sie orientieren sich am Westen. Sie mögen Marilyn Monroe, James Dean, Tom Waits, Iggy Pop …

… und Kinky?
Und Kinky. Ja, das ist wahr. Und sie mögen auch Indianer. Ich war in vielen Reservaten, weil einige meiner Freunde Indianer sind. Wenn man dort irgendjemanden aus Europa trifft, sind es Deutsche. Die campen dort sechs Wochen und mehr. Keine Ahnung, warum das so ist. Sie suchen nach einem Gesellschaftsentwurf, der nicht so ist wie der, den sie kennen. Oder anders gesagt: Sie versuchen nicht, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Sie wollen sie hinter sich lassen. Man führt den Kampf nicht mit der Welt, man führt ihn mit sich selbst. Es gibt viele Nazis da draußen und nicht nur in Deutschland. Überall auf der Welt gibt es Leute, die passable Nazis abgeben würden und es auch eines Tages werden, falls sie dazu die Möglichkeit bekommen. Das sieht man am Islamischen Staat im Nahen Osten. Er müsste sofort gestoppt werden. Aber das macht niemand.
Frauke Zimmermann und Mandy S. Dzondi

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Was heißt Antifaschismus heute?

Anlässlich ihres 20. Jubiläums stellte die AG Antifa die Frage, was Antifaschismus in den gegenwärtigen Verhältnissen bedeutet. Wir dokumentieren den ersten Teil der auf einer Veranstaltung gehaltenenen Beiträge.

Einleitungsvortrag der AG Antifa (Halle)
Bei Firmenjubiläen ist es üblich, dass das dienstälteste Belegschaftsmitglied am Anfang ein paar erhebende Worte ans verehrte Publikum richtet, von früher spricht und am Ende einen Toast auf die nächsten 20 Jahre ausbringt. Dummerweise wollte das dienstälteste Mitglied der AG Antifa lieber in der zweiten Reihe Bier trinken als hier zu sprechen, und einen Grund für erhebende Worte gibt es ebenfalls nicht. Denn im Unterschied zu einer Firma, die für die Ewigkeit gegründet wird, ist die AG Antifa 1994 nicht aus der Taufe gehoben worden, damit es immer so weitergeht; sie ist nicht gegründet worden, um irgendwann zum kulturellen Erbe der hallischen Linken zu gehören und sich ein Mal pro Woche zum gepflegten Besäufnis zu treffen, sondern sie ist gegründet worden, um Arbeit, Staat, Rassismus, Faschismus und Kapital abzuschaffen.
Dass es inzwischen fast peinlich klingt davon zu sprechen, zeigt, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Denn um die meisten der Dinge, die die Gründer der AG Antifa in ihrem jugendlichen Leichtsinn während ihrer Regelstudienzeit von 18 Semestern plattmachen wollten, scheint es heute besser bestellt zu sein als damals. Auch Anfang der 1990er Jahre standen die Chancen für die Abschaffung von Staat, Kapital & Co. zwar alles andere als gut. Aber für naive Erstsemester, die weder Module noch Facebook, weder Hartz IV noch das Dschungelcamp kannten, gab es zumindest die Möglichkeit, den Umbruch im Ostblock, der kurz zuvor stattgefunden hatte, als (wie verschroben auch immer gearteten) Beweis dafür zu interpretieren, dass auch unverwüstlich erscheinende Systeme über Nacht zusammenbrechen können.
Davon kann heute nicht mehr die Rede sein. So kommen auch die jüngeren Mitglieder der AG Antifa nicht mehr auf die Schnapsidee, ihr Studium zu vernachlässigen, weil irgendwann vor der letzten Prüfung entweder die Revolution ausbricht oder sich für jemanden mit Polit-Erfahrung auch ohne Abschluss die eine oder andere Berufschance auftut. Soll heißen: Gemessen an den ursprünglichen Ansprüchen ist die Geschichte der AG Antifa eine Geschichte von Niederlagen. Wer feiert, dass er statt der Revolution Veranstaltungsreihen organisiert – und seien sie noch so gut –, ähnelt sich dem traditionellen Bürger an, der sich gern dafür auf die Schulter haut, dass er so lange durchgehalten hat.
Dass wir uns heute hier trotzdem zusammengefunden haben, hat zwei Gründe:
1. Für die Niederlagen, die gerade geschildert wurden, muss man sich nicht schämen. Im Gegenteil: Sie beweisen, wie Wolfgang Pohrt vor einigen Jahren schrieb, dass man einmal etwas anderes wollte als den ganzen Unsinn, der einen heute von links bis rechts, von oben bis unten anspringt.
2. Selbst der Bürger, der stolz auf sein Durchhaltevermögen ist, ist inzwischen ein Auslaufmodell. Die gesellschaftlichen Imperative heißen nicht mehr Kontinuität, Berechenbarkeit und Verlässlichkeit, sondern Flexibilität, Wandlungsfähigkeit und »gebrochene Biographie«. Statt der Liebe des Lebens gibt es Lebensabschnittsgefährten, wer etwas werden will, muss sich im Dreijahresrhythmus »neu erfinden«, seinen Musikgeschmack, die politische Überzeugung und die sexuelle Orientierung wechseln und sich darum bemühen, nichts allzu ernst nehmen. »Mach Dich mal locker!«, heißt die Parole der Zeit.
Diese Entwicklung hat ihre Entsprechung innerhalb der Linken. Polit-Gruppen existieren in der Regel auch deshalb nicht länger als drei Jahre, weil das Interesse ihrer Mitglieder ständig wechselt. Der Foucault-Phase folgt die Adorno-Welle, dem Gender-Boom der Bewerbungsstress. Die jeweiligen Gruppen stehen lediglich für eine »Phase« im Leben der zukünftigen Damen und Herren Doktoranden, Nahost-Experten und Werbefachleute, die auch beim Personalchef gut ankommt: Ehrenamt und Engagement gehören längst zum Bewerbungsprofil für die mittlere und höhere Führungsebene, und gegen Antifaschismus hat sowieso niemand etwas einzuwenden. Die AG Antifa kann ein Lied davon singen: Sie ist von vielen Leuten begleitet worden, die bald für immer im Wissenschaftsbetrieb, in Muttis Arztpraxis oder in der Kulturarbeit verschwunden sind.
Vor dem Hintergrund dieser ständigen Neuerfindungen erscheint der Vorwurf, dass die AG Antifa immer das gleiche mache, mit dem sich ein ehemaliges AG-Mitglied vor vielen Jahren in Richtung stromlinienförmiger Akademismus aufmachte, fast wie ein Kompliment. Denn es ist immer noch besser, man ähnelt sich dem traditionellen Bürger an, der auf eine gewisse Kontinuität setzt, als sich in eines jener flexiblen Hybridwesen zu verwandeln, die nicht einmal eine Ahnung davon haben, dass sich hinter ihren zahllosen »Baustellen«, »Projekten« und ihrem »Networking« immer nur das Gleiche verbirgt.
Das mag kein Grund zum Feiern sein; aber ein Grund für einen Austausch mit Gleichgesinnten und ein anschließendes Zusammensein ist es auf jeden Fall. Wir haben uns aus diesem Grund dazu entschlossen, Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen der AG Antifa einzuladen, um sie zur Frage »Was heißt Antifaschismus heute?« sprechen zu lassen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Podiums haben zwei Dinge gemeinsam: Die AG Antifa hat in der Vergangenheit regelmäßig mit ihnen bzw. den Gruppen, für die sie hier sprechen, zusammengearbeitet, und sie tut es in der einen oder anderen Weise immer noch – und zwar sehr gern. Auf die Einladung von Leuten, die möglicherweise schon früher, auf jeden Fall aber heute unter Niveau sind, wurde verzichtet.
Das heißt: Es wird weder ein Vertreter der PKK hier erscheinen, für die die AG Antifa vor ihrem Verbot peinlicherweise einmal einen Kongress ausgerichtet hat (»peinlicherweise«, auch wenn der Kurdistan-Kitsch inzwischen wieder beliebt geworden ist), noch haben wir Jürgen Elsässer eingeladen, der vor seiner Verwandlung in einen klinischen Fall ein häufiger Gast der AG war. Trotz der Gemeinsamkeiten zwischen den Referentinnen und Referenten werden die Antworten auf die Frage »Was heißt Antifaschismus heute?« ganz unterschiedlich, zum Teil widersprüchlich ausfallen. Wir haben uns entschieden, diese Antworten ohne Diskussion nebeneinander stehen zu lassen: nicht, weil wir zu Anhängern postmoderner Beliebigkeit geworden sind, sondern weil es in diesem Fall ehrlicher ist. Indem wir diese unterschiedlichen Antworten auf die Frage »Was heißt Antifaschismus heute?« unkommentiert nebeneinander stehen lassen, entsteht ein präziseres Bild davon, was die AG Antifa in den letzten 20 Jahren war – und immer noch ist.

Jörg Folta (Beatclub Dessau)
Trude Unruh war die legendäre Gründerin der Grauen Panther, Bundestagsabgeordnete der Grünen und – so der Journalist Christian Schmidt – »ausgemachte Doofmamsell«, deren Zwischenfragen im Bundestag stets 15 Minuten der Diskussion hinterherhinkten. Sie konzipierte und verkörperte Ende der 1980er Jahre den Greis neuen Typs: Heutige Senioren wollen nicht mehr loslassen, ewig und ewig mitmischen und ihr autistisches Gewerkel gewürdigt wissen. Das Gerede von der altenfeindlichen Gesellschaft wird nahezu täglich Lügen gestraft. An aktuellen Beispielen mangelt es nicht: Wolf Biermanns Auftritt im Bundestag, Arnulf Barings Dauerpräsenz bei Anne Will, Helmut Schmidts Elder-Statesman-Getue oder Günter Grass’ kurz vor seinem Ableben geäußerte Mahnung, niemand nähme mehr Autorenproteste ernst, und er würde an Juli Zehs Stelle (der Initiatorin besagten Protestes) sein Zelt vor Merkels Kanzleramt aufschlagen. Autorenproteste – Garanten der Demokratie. Niemand sagt Biermann und Konsorten, wie peinlich ihre Auftritte sind, oft werden sie noch durch Kritik im Feuilleton geadelt und ermutigt. Die Kunst des rechtzeitigen Abtritts á la Hemingway oder Hunter S. Thompson erfreut sich nicht überall der Beliebtheit. Erklärt werden können dieses trudeunruhhafte Festhalten und Nicht-Loslassen-Wollen sowie der Umstand, dass besagte Senioren »von früher« delirieren, ohne dafür ausgelacht zu werden, möglicherweise durch die Entwicklungen zu Beginn der 1990er Jahre.
Diese stellten in vielerlei Hinsicht eine Zäsur da. Friedliche Revolution, Wende und Einheit markierten das Ende von Geschichte. Aus heutiger Sicht erscheinen die Ereignisse aus dieser Zeit, den Jahren nach der Wende, als ein Defilee bizarrer Anekdoten, denn – wie Wolfgang Pohrt schrieb – »nicht Entwicklung, sondern Mutation stand auf der Tagesordnung«: »Die Welt der Tatsachen hatte sich als eine aus lauter Fiktionen zusammengesetzte entpuppt«. Die Unruh-Senioren und vor allem ihre Kritiker scheinen das zu spüren, wenn eine Person wie das Meinungsmännchen Günther Grass diese Entwicklung nicht sogar personifiziert, also den Umstand, dass es – so Pohrt – »keine Gegenwart, keine Geschichte, sondern nur noch Ramsch gibt«.
Mit dem Ende von Geschichte ging das Ende von Opposition einher. Eike Geisel sah in den Lichterketten der frühen 1990er Jahre das Begräbnisritual des politischen Protestes. In dieser Zeit entstanden wie überall in Ostdeutschland auch in Sachsen-Anhalt Antifagruppen und die westdeutsche autonome Folklore lag wie Blei auf ihnen. Geisels Einschätzung vom Ende der Opposition erklärt möglicherweise das vehemente Festhalten an diesen Ritualen. Man las die Radikal, die Interim und allerlei hausgemachte Hefte wie den Hallenser Subbotnik in L.A., den Dessauer Alzheimer, die Antifada aus Plauen und so weiter. Der gewöhnliche Nazi war damals viel stärker als heute, und so gibt es vor allem Geschichten zu erzählen, die von der Hasenfüßigkeit der Antifa-Gangs handeln. Denn die durchschnittliche Antifagruppe bestand aus Zahnarzt- und Lehrerkindern sowie Außenseitern ohne Freunde, die selbst in der Überzahl Auseinandersetzungen lieber scheuten.
Die Magdeburger Antifa arbeitete schon damals hart an ihrem Ruf als dümmste Antifa Deutschlands. Dazu gehörten – neben der ins blödsinnige tendierenden Neigung, sich trotz 20köpfiger Gruppenstärke in verschiedene Stadtteil-, Jugend- und Frauenantifagruppen zu parzellieren oder affigste Hausbesetzerrituale in Mietwohnungen zu praktizieren – ihre schon damals vielbelachten Auftritte als »Schwarzer Block Magdeburg«. Das selbst bei Magdeburger Demos gerade fünf mal fünf Personen große Menschenquadrat (inklusive dem in Göttingen abgeschauten Stahlseil) war stets von einem Asteroidengürtel besoffener Punks umschwirrt und skandierte umständliche 80er-Jahre-Parolen. Gefürchtet waren auch die Treffen bei der Magdeburger Frauenantifa, die ihre Gäste zum gemeinsamen Ansehen der TV-Serie »Golden Girls« zwang (frau pflegte den Nineties-Lesbenchic). Selbst verdiente Genossen wurden – erfasst vom Stockholm-Syndrom – beim hysterischen Mitlachen und Teetrinken erwischt und konnten nur mit Mühe davon abgehalten werden, an einer Straßentheateraufführung der Gruppe teilzunehmen.
Die Antifa Halle galt als die etwas schlauere Gruppe. Im VL, damals noch nicht in der Ludwigstraße, sondern in der Kellnerstraße, fanden oft sogenannte Antifa-Vernetzungstreffen statt, die, wie die ebenfalls überall aus dem Boden sprießenden Infoläden, vor allem der Selbstfindung dienten. Um der guten Sache willen wurde bei diesen Treffen allerlei Klatsch verbreitet, wie die sogenannten Städteberichte, in denen umfassend über die eigene Gruppenstärke und daneben auch die Verstrickung von Faschismus und Kapital in – zum Beispiel – Bad Düben Zeugnis abgelegt wurde. Die Antifa war hier ganz bei sich selbst. Natürlich diente derlei keinem Gedanken, keiner Aufklärung, keiner Einsicht und keinem Fortschritt, sondern ausschließlich dem ebenso wohligen wie trügerischen Gefühl, dabei zu sein und dazuzugehören. In guter Erinnerung ist einigen Älteren vielleicht noch ein Treffen im VL, bei dem die Antifa Altenburg, die den Städtebericht mündlich ablieferte, bekannte, man sei »20 Mann stark, und dabei seien die Weiber schon mitgerechnet«. Die Antifa war damals keine urbane Bewegung, die Antifa Altenburg wurde dennoch nie wieder gesehen.
Dessau lag irgendwie in der Mitte und tanzte nur einen Sommer – und zwar jenen, in dem der Verfassungsschutzbericht der Gruppe attestierte, die gefährlichste in Sachsen-Anhalt zu sein. Ansonsten kompensierte man hier seine Komplexe durch verschiedene schwachsinnige Aktionen, wie dem Verharren vor dem Abschiebeknast in Volkstedt, nachdem im Rahmen einer Demonstration dessen Portal ramponiert worden war. Die klügeren Gruppen hatten sich sofort verdrückt, die Antifa Dessau ließ sich eine Stunde später brav und tapfer verhaften.
Demos, Vernetzungstreffen und auch das damals maßgeblich aus Sachsen-Anhalt heraus organisierte Antifaworkcamp Buchenwald spielten die autonome Welt Westdeutschlands der 1980er Jahre nach – vor allem das Antifaworkcamp, das weniger an ein Ferienlager, als an ein ostdeutsches »Lager für Arbeit und Erholung« erinnerte und von der Magdeburg Konkurrenz machenden Antifa Bitterfeld organisiert wurde. Diese bezog ihre Identität ausschließlich daraus, in einer Mischung aus FDJ-Sekretär- und Hausmeister-Manier dieses Camp durchzuführen und mit allerlei Accessoires aus der linken Hölle zu verzieren. Veganer Voküpamps, Workshops für Kinder mit Titeln wie »Wir malen Flaggen für Völker ohne eigenen Staat«, Spontandemos gegen den immergleichen Weimarer Zeitungskiosk, bei dem mal Landser-Ausgaben entdeckt worden waren, gemeinsamer Frühsport, Liedermacherabende, die paramilitärische Organisation der Campsicherheit und natürlich das allabendliche dreistündige Plenum konnten nur notdürftig durch den Konsum von Oettinger Pils – Sternburg war damals noch teurer – kompensiert werden.
Zehn Jahre vor dem »Aufstand der Anständigen« war nicht nur die Antifa, sondern die gesamte öffentliche Diskussion von allerlei Innerlichkeitskitsch geprägt. Den Lichterketten, den »Mein-Freund-ist-Ausländer«-Kampagnen und dem Gerede vom »Nazi in uns selbst« hatten viele Antifagruppen nur den Verharmlosungsvorwurf entgegenzusetzen, und es lag an Autoren wie Wiglaf Droste, die Frage zu stellen, was man denn mit dem »Nazi in uns« tun solle, außer Schiffeversenken zu spielen. Die Sprachlosigkeit oder vielmehr die fehlende Sprachgewandtheit der Antifa ließ bereits erahnen, auf welche Art viele später auf den »Aufstand der Anständigen« und die Erfindung der Zivilgesellschaft durch Gerhard Schröder und Joseph Fischer reagieren würden. Diese weckten nämlich nicht Brechreiz, sondern Appetit auf mehr.
Um zu den Trude-Unruh-Senioren und zur Frage »Was heißt Antifaschismus heute?« zurückzukommen: Es gilt heute vor allem der Versuchung zu widerstehen, nicht den Nazi, sondern den Günther Grass in sich zu entdecken. Denn die Nachfolgegruppen der Antifa Magdeburg existieren immer noch, von den Autonomen ist mindestens ihre Art, sich zu kleiden, verbreiteter als je zuvor. Das Antifaworkcamp begeht im August 2015 sein 25. Jubiläum. Und es gibt Feine Sahne Fischfilet.

AG »No Tears for Krauts« (Halle)
Wenn ich mich heute zur Frage »Was heißt Antifaschismus heute?« äußern soll, muss ich sagen, dass mir das schwer fällt. Die AG »No Tears for Krauts« war nie eine Antifa-Gruppe und sie wird es auch nie sein. Zwar haben wir nichts dagegen, wenn Nazis das Leben schwer gemacht wird. Skurrilerweise kümmern sich die Nokrauts sogar intensiver um so etwas als viele traditionelle linke Gruppen oder Cliquen in Halle, die ihren Antifaschismus wie eine Billigfuselfahne vor sich hertragen. An Protesten gegen Naziaufmärsche haben wir uns – zumindest in Halle – ebenfalls immer wieder beteiligt. Das alles passierte allerdings stets eher lustlos. Einerseits ist uns klar, dass die Nazis auf die Mappe verdient haben und ihnen kein Erfolg zu gönnen ist. Andererseits war es uns immer suspekt, mit SDAJ, PDS, OB und Co. an einem antifaschistischen Image für Halle zu stricken.
Der Hauptgrund dafür, dass wir uns nicht als Antifa-Gruppe verstehen, ist jedoch der, dass mittlerweile jeder, von der Oder bis zum Rhein, von Garmisch bis nach Flensburg, ein Antifaschist ist. Der Begriff unterliegt seit 1945 einer großen, seit 2000 einer riesigen Inflation. Mit »Antifaschismus« kann heutzutage alles gerechtfertigt werden: Der nach wie vor kritikwürdige Jugoslawienkrieg der rot-grünen Regierung wurde mit der Begründung angezettelt, ein neues Auschwitz verhindern zu wollen. Die Beteiligung am nach wie vor vernünftigen Irakkrieg wurde wiederum mit antifaschistischen Argumenten abgelehnt. Man habe ja schließlich aus der eigenen Nazi-Vergangenheit gelernt. Auch im internationalen Maßstab ist »Antifaschismus« jederzeit als Allzweckwaffe einsetzbar: Russland und Ukraine beschimpfen sich im aktuellen Konflikt gegenseitig als »Faschisten«, weshalb es antifaschistische Pflicht sei, den Gegner möglichst effektiv plattzumachen.
Diese Inflationierung des Begriffs zeigte sich letztlich bereits bei dem Ereignis, das in gewisser Weise den Ausschlag für die Gründung von »No Tears for Krauts« gab. Da heute alle Geschichten von früher erzählen, tun wir das auch: Die Neue Autonome Gruppe Halle – Abkürzung NAG –, die mehr oder weniger die direkte Vorgängergruppe der AG »No Tears for Krauts« war, verstand sich um die Jahrtausendwende als Teil der Antiglobalisierungsbewegung. Sie war irrsinnigerweise darum bemüht, innerhalb der radikalen Linken zu agieren, die Antiglobalisierungsbewegung von innen heraus zu korrigieren und in die richtigen Bahnen zu lenken, um schließlich die Revolution zu machen. Noch 2001 tobte sich die NAG bei den Straßenschlachten im Rahmen der sogenannten Antiglobalisierungsproteste in Prag und Göteborg aus. Auf der Busfahrt nach Schweden knüpften wir übrigens (als kleiner Schwank am Rande) erste Kontakte zur Vorgängergruppe der heutigen ADAB, die sich damals ebenfalls als Teil der No-Globals verstand. Während die Berliner Genossen eher mit dem Umkippen von Dixie-Klos beschäftigt waren, erklärte ein nicht ganz unbekanntes NAG-Mitglied vermummt und in einem breiten hallischen Englisch einem TV-Team – das Video gibt es noch irgendwo im Netz –, dass wir selbstverständlich keine »small shops« plündern würden, sondern »only big companies«.
Als die NAG ein Jahr später bei den Protesten gegen ein EU-Treffen in Kopenhagen ein Transparent gegen Antisemitismus und Antizionismus zeigte, wurde sie mehrfach gewaltsam daran gehindert, Kritik am äußerst manifesten Antisemitismus in die globalisierungskritische Bewegung zu tragen. Die Begründung war: Israel sei ein Faschistenstaat und wir wären Nazis, da wir uns nicht gegen den jüdischen Staat stellen würden. Mit Ereignissen wie diesem sowie den Reaktionen der No-Globals auf 9/11 wurde der Glaube der NAG blamiert, die Bewegung von innen auf einen vernünftigen Weg bringen zu können. Es setzte sich immer mehr die Einsicht durch, dass von der deutschen und der internationalen Linken nichts zu erwarten ist.
Als wir kurz darauf schließlich die AG »No Tears for Krauts« gründeten, ging es von Anfang an darum, dort Unruhe reinzubringen, wo sich die Deutschen besonders gemütlich eingerichtet haben. Im Unterschied zu linken Uni-Gruppen, deren langweilige Vortragsveranstaltungen so etwas wie der zweite Bildungsweg für die zu kurz Gekommenen des akademischen Betriebs sind, war und ist sich die »No Tears for Krauts« auch nie zu fein dafür, die offene Konfrontation zu suchen. Immer dann, wenn sich die Landsleute besonders einig sind, guckt die NTFK gerne ganz genau hin und haut auf den Tisch. Neben »Kinderschändern« oder US-Kriegen gehören längst auch die Nazis zu den klassischen Feindbildern der Deutschen. Diese häufig kampagnenartigen Mobilisierungen gegen die neuen Volksfeinde – mal auf regionaler, mal auf Bundesebene – zeigen ein Bedürfnis der Deutschen nach Masse und vor allem nach Hetze gegen Feindbilder. Gegen diese Zusammenrottungen versuchten und versuchen wir mit unseren äußerst begrenzten Möglichkeiten zu intervenieren. So unterstützten wir beispielsweise die Demo im nord-sachsen-anhaltinischen Insel gegen eine Meute aus Anwohnern, die zwei zugezogene Männer lynchen wollten, die ihre Haftstrafen wegen Vergewaltigung abgesessen hatten. Und vor wenigen Monaten beteiligten wir uns an einer Demonstration gegen die Roma-Hetze in der Silberhöhe. Auch hier eine kleine Skurrilität am Rande: viele Antifaschisten und Linke aus Halle, die sonst keine Gelegenheit auslassen, ihre Gegnerschaft zu Rassismus kundzutun, blieben der Demonstration in einem der finstersten Orte Ostdeutschlands fern.
Besonderes Augenmerk richtet die AG »No Tears for Krauts« dabei auf die Linke. Vor allem für Halle gilt: Wenn sich irgendwo zehn Linke über eine Sache einig sind und sich dabei »wohlfühlen«, kann man sich sicher sein, dass wir etwas daran auszusetzen haben. Diese (nennen wir es libidinöse) Bindung an die Linke hat zwei Gründe. Einerseits kommen die meisten von uns selbst aus der Linken und haben früher, wie das Beispiel der NAG zeigt, fast jeden Mist mitgemacht. Gerade weil wir selbst klüger geworden sind und uns keineswegs für Ausgeburten von Hyperintelligenz halten, glauben wir, dass auch andere klüger werden und mit dem linken Unfug brechen können. Einsichten sind ja schließlich keine Frage des IQ oder Schulabschlusses sondern der Bereitschaft zu Reflexion und Erfahrung. Zum anderen kritisieren wir die Linke vor allem wegen ihrer Avantgardefunktion für den Mainstream. Vermeintliche kritische Solidarität mit Israel, die angebliche besondere Verantwortung der Deutschen für die Juden, der Genderquatsch und der kulturalisierende Antirassismus, die längst in den Unis angekommen sind, waren früher randständige linke Erscheinungen, die sich inzwischen allesamt gesellschaftlich durchgesetzt haben. Dass die Kritik an all diesem Quark auf den Begriff des Antifaschismus gebracht werden kann, darf allerdings bezweifelt werden.

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Volkssport Bullenjagd

Unsere Autoren Axel Shamdy und Andreas Reschke mit einem Bericht über die jüngsten Umtriebe hallischer Fußballtraditionalisten gegen den modernen Fußball.

Ende Februar 2015 bewarb der hallische Fußballklub SG Motor über seine Facebookseite ein fünftägiges Fußballcamp, das in den Sommerferien auf dem vereinseigenen »Motorplatz« stattfinden sollte und sich an »fußballbegeisterte Mädchen und Jungen im Alter von sieben bis 14 Jahren« richtete. Organisator des Camps war die Nachwuchsabteilung des Zweitligisten Rasenballsport Leipzig (RB Leipzig). Die Methode höherklassiger Vereine, auf diese Weise talentierte Nachwuchsspieler zu scouten und neue Sympathisanten zu gewinnen, ist keine Seltenheit. Borussia Dortmund hatte im letzten Sommer in Magdeburg einen Ferienkurs angeboten. Der 1. FC Schalke gab in diesem Jahr in Erfurt Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, unter Anleitung professioneller Ausbilder zu trainieren, gleiches gilt für den Hamburger SV in Nordhausen. Die Gemeinsamkeit der erwähnten Städte ist unschwer zu erkennen. Alle liegen in Regionen, die mit attraktivem und erfolgreichem Fußball wenig zu tun haben. Gleiches gilt für Halle. Dort war allerdings die Freude über die geplante Fußballschule der Roten Bullen alles andere als groß. Vielmehr bot die Ankündigung des Camps den »Fußballinteressierten« und Fans des Halleschen Fußballclubs (HFC) die Gelegenheit, einmal mehr »die Heugabeln aus der Scheune zu holen«. (Vgl. Bonjour Tristesse #9 und #16)

Unzweideutige Gewaltandrohungen
Neben dem altbekannten Hass auf den Hauptsponsor RB Leipzigs, dem Getränkehersteller Red Bull aus Österreich, wurde nun auch Motor Halle zum public enemy der hiesigen Fußballfans. Die Vorwürfe, man würde die eigene Spielstätte dem Feind zur Verfügung stellen, wurden vor allem in Internetforen und auf Facebook besonders drastisch erhoben. Drei willkürlich gewählte Beispiele: »Jetzt kommen die Ratten nach halle….pfui«, »ihr verkauft euch an sowas?« und »Geh doch hin da wirst du was erleben kann mir nicht vorstellen das es ruhig bleibt die sollen ihren Dreck in Österreich machen die Pisser« [Schreibweise wie im Original]. Nur allzu klar, was dies meint: Einschüchterung und unzweideutige Gewaltandrohung. In Sachen Fußball ist man sich in Halle einig, die eigene Scholle gegen unliebsame Fremde zu verteidigen und vermeintliche Nestbeschmutzer, wie den SG Motor, zu bekämpfen. Angesichts der massiven Gewaltandrohungen sahen sich die Verantwortlichen des Vereins nicht mehr in der Lage, die Sportanlage für RB Leipzig zur Verfügung zu stellen. Aus Sorge um die Sicherheit der eigenen Mitglieder und Sportler sowie um das Vereinsgelände zog der SG Motor das Angebot zur Nutzung seiner Sportstätte zurück.
Auf Facebook wurde dem Verein zur Absage gratuliert. Er sei, so der allgemeine Tenor, doch noch zur Einsicht gekommen: »Ihr habt euch besinnt[!]. Gott sei dank«. Zwar feierten sich die Fußballfans gegenseitig dafür, dass ihr »Protest« etwas bewirkt habe und sie die Ehre der Stadt und die eigenen Kinder vor den Verführern gerettet hätten. Die Begründung für die Absage des SG Motor wollten sie dennoch nicht gelten lassen. Nicht die Bedenken um die eigene Sicherheit hätten der Grund sein sollen, sondern, so ein weiterer Facebookplauderer, die »Werte von Moral« und »Ethik«. Wenn es in Halle darum geht, die eigene Niedertracht schön zu reden, scheint den Einheimischen jeder Blödsinn recht zu sein.

Nachwuchs in Gefahr!
Nachdem das Gebaren der hallischen Fußballtraditionalisten auch überregional für Schlagzeilen gesorgt hatte, betraten die Lokalpolitiker das Terrain. Am 5. März meldete sich Uwe Loos, überzeugter Schnauzbartträger und sportpolitischer Sprecher der sachsen-anhaltischen Linkspartei zu Wort. Loos beklagte, dass der »Konflikt« nun den »Kindersport« erreicht hätte und forderte, dass mit »aller Härte des Gesetzes« gegen die Gewaltandrohungen vorgegangen werden müsse. Dies klingt zunächst zwar nicht unsympathisch, jedoch forderte der linke Konfliktberater gleichzeitig, dass sich der ungeliebte Leipziger Verein gefälligst mit den Fußballvereinen des Landes »an einen Tisch setzen« und »die Dinge ausdiskutieren« müsse. Loos’ Begründung: »Denn RB Leipzig muss die Arbeit und Talentfindung unserer Vereine respektieren, auch wir in Sachsen-Anhalt brauchen Nachwuchstalente in unseren Vereinen.« Dass sich Lokalpatriotismus und Vernunft gegenseitig ausschließen, ist keine neue Erkenntnis. Dass eine Fußballschule für 60 Kinder die fußballerische Nachwuchsarbeit in Sachsen-Anhalt anscheinend an den Rand des Zusammenbruchs bringt, schon eher. Nicht das Glück fußballbegeisterter Kinder sah Loos in erster Linie gefährdet, sondern das Überleben des Fußballs in Sachsen-Anhalt. Von ihrem Keine-Gewalt-Gerede einmal abgesehen, stand die Presseerklärung des Wittenberger Linksparteifunktionärs den Internetbeiträgen der HFC-Gemeinde in nichts nach.
Wenige Tage später ergriff der hallische Oberbürgermeister Bernd Wiegand die Initiative. Die Mitteldeutsche Zeitung (MZ) vermeldete am 11. März, dass das »Nachwuchscamp von RB Leipzig doch nach Halle« kommt. Die Idee des Stadtoberhauptes war es, ein Quasi-Dorffest unter dem Namen »Mitteldeutsche Fußballwoche für Toleranz« zu veranstalten. Dort sollten »möglichst viele Vereine aus der Region« sowie Rasenballsport Leipzig teilnehmen. Als Austragungsort wurde der Erdgas-Sportpark auserkoren, ein kommunales Stadion in das sich auch der HFC eingemietet hat. Damit sahen sich die Liebhaber des bodenständigen Lederkugelsports erneut in die Defensive gedrängt. Im »eigenen Wohnzimmer« und vom städtischen OB »verraten«, holten sie zum Gegenschlag aus.

Jargon des Futterneids
Als geeignetes Mittel wählte man zunächst die Internetplattform openpetition.de, wo man unter dem Aufruf »Kein RB Leipzig Trainingscamp in Halle – Der Tradition verpflichtet« eine Kampagne startete. Im Begründungstext wurde in altbekannter Eigentümlichkeit die Kommerzialisierung des Fußballs angeprangert und sich auf »Bodenständigkeit« und »Tradition« berufen. Überdies wurde den Leipziger Fans »Weichheit« attestiert, was wohl bedeuten soll, dass die Anhänger des Vereins in den Augen der Hallenser weder echte Kerle noch »Feuer und Flamme« für ihre Mannschaft seien. Das Unterstützen eines Sportvereines ist für die Traditionalisten nicht etwa bloßes Freizeitvergnügen, sondern wird als Pflicht oder gar Berufung begriffen. Dieses diffuse »Höhere«, die Liebe und Verbundenheit zum Verein etc., gilt ihnen als Selbstzweck, ja fast als Daseinsgrund. Es ist daher kaum verwunderlich, welchen Jargons sich vor allem die Ultrafraktion der sogenannten Traditionsvereine bedient. Spieler, Funktionäre und Sympathisanten werden als »Söldner« des Leipziger Vereins dargestellt, um die damit unterstellten Eigenschaften gegen die eigenen traditionellen Werte aufzurechnen. RB Leipzig sei ein künstliches »Produkt«, zu dem »Halle nein« sage. Die Behauptung, dem Verein ginge es gar nicht um den Fußball, wird zwar gebetsmühlenartig wiederholt. Richtig wird sie deshalb trotzdem nicht.
Man braucht nur ein wenig an der Oberfläche zu kratzen, um gewöhnlichen Futterneid ans Tageslicht zu fördern. RB Leipzig würde, so eine häufig vorgebrachte Behauptung seiner Gegner, absichtlich sehr hohe Gehälter zahlen, um auf diese Weise andere Vereine von der Verpflichtung guter Spieler abzuhalten. Dass dieser Vorwurf mit der Realität nicht im Einklang steht, zeigt der Wechsel des RB-Ersatztorhüters Fabian Bredlow zum Halleschen FC, der zuvor bereits bei mehreren Vereinen der Roten Bullen gespielt hatte. Diverse hallische Traditionalisten begrüßten den Neuzugang: Bredlow hätte den »Pfad der Tugend« wiederentdeckt und sei vom Fußballfeind RB Leipzig in den Verein mit dem »Herz am rechten Fleck« gewechselt. Und als ob das nicht schon dämlich genug wäre, legten die Ultras des HFC einmal mehr eine Schippe auf den allgemeinen Wahnsinn drauf. So ließen sie beispielsweise auf ihrer Homepage verlauten, was sie über den Transfer denken: RBL sei ein »Produkt«, eine »Retorte« und »kein Verein wie jeder andere«, weshalb es mit ihm keinerlei Zusammenarbeit geben dürfe. Einmal in Rage geschrieben, schlossen die Psychoanalytiker von der Saalefront aufgrund des früheren Engagements Bredlows bei den Roten Bullen auf schlechtes Elternhaus und fiesen Charakter: »Was für Eltern muss man haben, um so verdorben zu sein.« Die obskure Angst der Gralshüter des vermeintlich bodenständigen Sports, sich am halluzinierten Untergang des geliebten Spiels zu beteiligen, fand in der Forderung »Bredlow, verpiss dich!« ihren erwartungsgemäßen Höhepunkt.

Ein kleiner Sieg des Mobs
Vom 20. bis 24. Juli war es dann soweit, und die »Fußball-Woche der Toleranz« fand ohne größere Zwischenfälle statt. Der HFC führte ein Scouting durch, im Erdgas-Sportpark wurde ein Jugendturnier ausgetragen und im Stadtzentrum wurden Vorträge, Filme und Diskussionen rund um das Wochenmotto veranstaltet. Auch RB Leipzig durfte dabei sein und seine Fußballschule durchführen. Sie fand jedoch nicht, wie ursprünglich angekündigt, im Erdgas-Stadion, der Homebase des HFC, statt. Stattdessen wurde sie, weit abseits des restlichen Spektakels, in den letzten Winkel der Stadt verlegt. Statt unter freiem Himmel zu kickern, mussten die Fußballkids mit der Kicker-Arena Vorlieb nehmen, einer Indoor-Fußball-Halle in Halle-Neustadt. In der Saalestadt störte das niemanden. Eine mögliche Erklärung für die Verlegung des Camps nach Halle-Neustadt, brachte zwar die MZ am 15. Mai indirekt ins Spiel. Der Hinweis auf eine mögliche Störung des HFC bei der Saisonvorbereitung – schließlich fiel der Zeitpunkt des Nachwuchscamps in die Woche vor Beginn der neuen Spielzeit – erweist sich bei näherer Betrachtung jedoch als wenig plausibel. Wie bereits erwähnt fanden in besagter Woche gleich mehrere Fußballturniere in der Sportstätte statt. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Stadt vor den hiesigen Fancliquen einknickte und diese sich aufgrund ihrer massiven Drohungen durchsetzen konnten.
Eine der Diskussionsrunden der »Fußball-Woche der Toleranz« trug den Namen »Was ist Fankultur?«. Was in Halle unter Fankultur verstanden wird, haben die Fans des HFC in der Vergangenheit oft genug gezeigt: Rumasseln, Saufen, Pöbeln und gegen vermeintliche Volksschädlinge die Heugabel rausholen. Die Stadt Halle hat damit genau die Enthusiasten des Vorzeigefußballvereins, die sie verdient. Das dennoch ein paar hallische Fußballfreunde die Vorzüge des Vereins aus Leipzig erkannt haben, lässt sich an der Resonanz erkennen: Die Fußballschule der Roten Bullen in der Kicker-Arena war trotz der widrigen Bedingungen komplett ausgebucht.
Axel Shamdy und Andreas Reschke

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