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Der Linken alte Kleider?

Anmerkungen zum Palästinensertuch.


Mark Liber über das linkeste aller linken Kleidungsstücke.

 

 

Kein Kleidungsstück war über viele Jahre hinweg so ikonisch für deutsche Linke wie das Palästinensertuch. Im Gegensatz zu seinem wohl berühmtesten Träger, Jassir Arafat, der es zeitlebens um seinen Kopf wickelte, trug man den Lappen mit seinem schwarz-weißen Würfelmuster am liebsten um den Hals. Es waren Mitglieder der aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) hervorgegangenen Palästina-Komitees, die den Stofffetzen in den 1970er Jahren von ihren Besuchen bei der PLO nach Deutschland mitbrachten, um so ihre Solidarität mit den Feinden des jüdischen Staates zum Ausdruck zu bringen, die sie als natürliche Verbündete in ihrem Kampf gegen den verhassten »US-Imperialismus« – dessen »Brückenkopf« Israel in ihren Augen war – betrachteten. Dass sich radikale Linke, die sich ernsthaft als Kämpfer für eine gerechtere Welt begriffen, mit dem PLO-Chef Arafat einen Judenhasser und autoritären Kleptokraten als Idol wählten, sagt viel über den damaligen Zustand eben dieser Linken aus.
In den Folgejahren wurde der Arafat-Schal das beliebteste Kleidungsstück unter deutschen Linken. Schmissen sich in den 1980er Jahren vor allem Hausbesetzter und andere Antiimperialisten den Feudel als Ausdruck ihres Israelhasses um den Hals, wurde das Stoffstück in den 1990er Jahren zunehmend – nicht nur, aber vor allem im Osten der Republik – als Ausdruck einer allgemeinen und diffusen Zugehörigkeit zur Linken getragen. Es galt als allgemeines Symbol der Solidarität mit dem Kampf der Unterdrückten, war Ausweis einer Gesinnung, die für sich reklamierte, zu den Guten zu gehören und für eine bessere Welt einzustehen. In einer Zeit, in der die Nazis im Osten die dominante Jugendkultur darstellten, war es auch ein nach außen getragenes Zeichen dafür, dass man »nicht zu den Rechten gehören« wollte.

 

Niedergang und Toleranz

Dies sollte sich im neuen Jahrtausend grundlegend ändern. Zum einen entdeckten Neonazis die Verwandtschaft ihrer eigenen mit der palästinensischen Sache, weshalb man in den Nullerjahren nicht selten in den Reihen der demonstrierenden Kameraden das Schachbretthalstuch erblicken konnte. Zum anderen fanden im Nachgang von 9/11 und im Zuge des Irakkriegs 2003 innerlinke Auseinandersetzungen mit linkem Antisemitismus statt, zu denen auch regelmäßige Interventionen und Kampagnen gegen das Palästinensertuch seitens antideutscher Antifa-Gruppen gehörten. Wiglaf Drostes auch heute noch gern zitiertes Bonmot aus den späten 1990er Jahren, dass »dieses Tuch […] sofort die Frage: Antisemitismus oder Abwaschdienst in der autonomen WG?« evoziere, ist selbst schon ein Vorschein dieser Auseinandersetzung.
Die linke Szene verbannte das Tuch in den folgenden Jahren aus ihren Lokalitäten und Kleiderschränken. Es verlor zunehmend seine Bedeutung als politisches Erkennungszeichen und konnte fortan als modisches Accessoire bei der Modekette H&M erstanden werden. Selbst die beinhartesten und unverbesserlichsten Antiimperialisten tragen heutzutage lieber amerikanische Sneaker und schicke Sportjacken und überlassen das Palästinensertuch lieber ihren Genossen aus dem migrantischen Milieu. Zwar gehört es in Szeneclubs seit einigen Jahren zum guten Ton, die meist sehr jungen und nur noch vereinzelt auftretenden Palituchträger aufzufordern, ihr Tuch am Eingang abzugeben. Meist gibt’s den Flyer Coole Kids tragen kein Palituch gleich noch gratis dazu. Wenn der Gast aber offensichtlich selbst aus der Region des Terrorlappens kommt, übt man sich im ambivalenten Differenzieren und legt, so (anti)rassistisch ist man allemal, eine Toleranz an den Tag, die man einem deutschen Palituchträger nie angedeihen lassen würde. Selbst ausgemachte Freunde Israels sind sich dann nicht zu blöde, zu betonen, dass das Tuch im arabischen Raum als Schutz vor Sonne, Staub oder Kälte benutzt wird und man es, wenn es beispielsweise von einem syrischen Flüchtling getragen wird, keineswegs automatisch als politisches Statement bewerten dürfe. Dabei genügt ein kurzer Blick auf die Geschichte des Palästinensertuches jenseits der Bundesrepublik, um festzustellen, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

 

Zur Ursprungsgeschichte eines Terrorschals

Einst tatsächlich als Schutz vor Wind und Wetter in den wüstenähnlichen Regionen der arabischen Halbinsel eingeführt und vor allem von der ärmlichen Landbevölkerung getragen, mutierte die sogenannte Kufiya während der britischen Besetzung Palästinas, das vormals zum untergegangen Osmanischen Reich gehörte, zum Symbol gegen den Westen im Allgemeinen sowie die Juden und später den jüdischen Staat im Speziellen. Seine politische Bedeutung erhielt das Tuch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, als es von religiösen Fanatikern – wie dem Großonkel Jassir Arafats und Nazi-Kollaborateur Amin al-Husseini – zum Symbol des profaschistischen arabischen Aufstands von 1936 bis 1939 im britischen Mandatsgebiet erkoren wurde, dem zahlreiche jüdische und britische Zivilisten zum Opfer fielen.
Die vor allem aus ländlichen Gegenden stammenden Aufständischen »verlangten von den Arabern in den Städten, den türkischen Fez und die europäischen Hüte gegen die Kafiya einzutauschen. Wer der Aufforderung nicht nachkam, wurde aufgegriffen und verprügelt«, schreibt Danny Rubinstein in seiner Arafat-Biografie. Die britische Kolonialpolizei bezeichnete die Übergriffe als »Fez bashing«. Es verwundert nicht, dass die gewaltsame Durchsetzung des traditionellen Kleidungsstücks die volle Anerkennung der Nationalsozialisten fand. In einem 1943 in Berlin erschienenem Buch mit dem Titel Großmufti von Palästina findet man folgende, mit den mitunter auch mordenden Banden sympathisierende Beschreibung eine dieser Gewalttaten: »In der Altstadt von Jerusalem findet sie die Polizei: zwei Araber […] offenbar durch Schüsse in den Rücken niedergestreckt, die Einschußstelle aber sorgfältig mit jener bekannten Kopfbedeckung verdeckt, die man in Europa ›Fez‹, im Orient jedoch ›Tarbusch‹ nennt. Sie hatten das Verbrechen begangen, die letzten Anweisungen des Generals der Freischaren unbeachtet zu lassen, die zuvor an allen Ecken Jerusalems zu lesen waren«. Diese »Anweisungen«, die mit »Der Führer der revolutionären Araber« gezeichnet waren, lauteten folgendermaßen: »Im Namen Gottes, das Hauptquartier der arabischen Revolution erinnert alle Araber daran, daß der Tarbusch nicht die wahre nationale Kopfbedeckung des Arabers ist. Die Araber Palästinas müssen […] die nationale Kafiya tragen. Diejenigen, die […] darauf beharren, den Tarbusch zu tragen, werden wir als unsere Feinde betrachten«. Im gleichen Buch erfährt man, dass ein ähnlicher Befehl »den Frauen des Landes die europäischen Damenhüte« verbot. »Die harte Faust der aufständischen Bauern und Hirten sorgte«, so der Naziautor begeistert, »für die Durchführung der Verordnung über die nationale Kopfbedeckung«.
Nicht zuletzt richteten sich die Repressalien gegen Frauen, die es mit der traditionellen Kleiderordnung nicht so genau nahmen. So heißt es in einer Erklärung eines Befehlshabers der Aufstände vom Oktober 1938: »Dem Zentralen Kommandorat ist zu Ohren gekommen, […] daß einige Frauen, eifrig darauf bedacht, westliche Kleidung nachzuahmen, den Befehl mißachten sich zu verschleiern. An all diese Personen richten wir unsere Warnung und erinnern sie an die Strafen, die sie erwarten, wenn sie in ihrem verwegenen Leichtsinn beharren«. Trugen die Frauen in den ländlichen Gebieten meist ein Kopf, Schultern und gegebenenfalls auch Oberkörper bedeckendes weites Tuch, das das Gesicht frei ließ, galt es für die Frauen der mittleren und oberen Stände, vor allem in den Städten, als »Zeichen weiblicher Sittsamkeit und familiärer Ehre«, sich mit einem Gesichtsschleier zu verhüllen. Mit Beginn der britischen Kolonialzeit, so die Historikerin Gudrun Krämer, »zeigten sich die Frauen der Jerusalemer Aristokratie bei bestimmten Anlässen auch gern als Damen der Gesellschaft: europäisch gewandet und das Gesicht frei«. Auch in anderen Städten wie Jaffa oder Haifa »gingen einige Frauen der arabischen Ober- und Mittelschicht dazu über, den Schleier abzulegen«. Vor allem die jüdischen Pionierfrauen, so der erboste Aufschrei der arabischen Tugendwächter damals, würden sich in der Öffentlichkeit »halb nackt« zeigen. »Gegen diese Zeichen der Verwestlichung, gegen den Verfall der Sitten, für Moral und Anstand« und selbstverständlich »für den Schleier sprachen sich islamische Gelehrte und Aktivisten« aus. »Deren sozial-konservative Gesinnung«, so Krämer weiter, »teilten die bäuerlichen Rebellen, die die neu gewonnene Macht nutzten, ihre Vorstellung von Sitte und Anstand im öffentlichen Raum durchzusetzen.« Dass sich auch sechzig Jahre nach dem arabischen Aufstand im britischen Mandatsgebiet die Gemüter noch an westlicher Kleidung erhitzen konnten, zeigt eine Begebenheit aus den frühen 1990er Jahren: »Als der Vorsitzende der palästinensischen Abordnung, Haider Abdel Shafi, zu Delegationsgesprächen in Washington mit einem europäischen Hut erschien«, so der Arafat-Biograf Rubinstein, »zog er sich die Kritik der palästinensischen Öffentlichkeit zu, die ihn aufforderte, die fremdländische Kopfbedeckung abzunehmen«.

 

Vom Pali- zum Kopftuch

Das Verschwinden des Palituches von den Hälsen deutscher Linker heißt jedoch nicht, dass die Linke durch antideutsche Agitation wesentlich schlauer geworden ist. In ihrer Mehrheit ist sie immer noch antiwestlich und dem jüdischen Staat spinnefeind, nur ist sie dies nicht mehr im Namen eines marxistisch-leninistischen Antiimperialismus sondern unter dem Banner eines postmodernen Antirassismus. Mit dem ideologischen Wandel geht auch die Begeisterung auf ein anderes Stück Stoff über. Längst hat das islamische Kopftuch das Palästinensertuch als symbolisches Kleidungsstück abgelöst. Auch wenn die heutigen linken Befürworter von Hijab und Co. sich selbige nie um den Kopf binden würden, wie es ihre geistigen Vorgänger noch mit dem Palästinenserschal taten: Hinsichtlich ihrer Bedeutung nehmen sich beide Kleidungsstücke nur wenig. Sowohl Pali- als auch Kopftuch sind Ausdruck einer Renaissance reaktionärer Wertvorstellungen. Beide stehen bei ihren Trägern für die Rückbesinnung auf die »eigene Kultur« und damit für die Ablehnung der Idee eines von Blut, Boden und Sippe befreiten Individuums und dessen Ausdrucksformen. Beides sind Gesinnungstextilien, die den Hass auf die Moderne, den Westen, die Juden und ihren Staat nach außen hin zur Schau tragen.
Mit anderen Worten: Wenn die in Halle als Beispiel für gelungene Integration gefeierte Syrerin Razan Afifi am 16.12.2017 auf einer Demonstration gegen den Beschluss der US-Regierung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, beim Einpeitschen des »Kindermörder Israel« rufenden Mobs ein Palästinensertuch trägt, dann ist das weder Zufall noch ihrem privaten Spleen für Trachtenkleidung aus der alten Heimat geschuldet. Es waren auch nicht die winterlichen Temperaturen, die zahlreiche arabische Mitdemonstranten dazu brachten, die gleiche Kleiderwahl zu treffen wie Afifi. Der Gedanke, dass sich ein besonders eifriger Demonstrant den Terrorlappen nur deshalb um den Kopf gewickelt hatte, weil er befürchtete, mitten im Dezember einen Sonnenstich zu bekommen, ist genauso abwegig, wie anzunehmen, die Demonstrationsteilnehmer wüssten nicht, wofür das Stückchen Stoff steht, das sie an diesem Nachmittag trugen, weshalb sie darüber erst aufgeklärt werden müssten. Vor dem Hintergrund, dass das Tuch politisch überall das gleiche bedeutet steht, müsste jeder einzelne, dem die Bekämpfung des Antisemitismus nicht bloß Lippenbekenntnis ist und ganz gleich auf welcher Party er gerade tanzt, gegen das Palästinensertuch Einspruch erheben. Und das völlig unabhängig davon, welche Herkunft dessen Träger hat.

Mark Liber

 

Verwendete und weiterführende Literatur

Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel, München 2002.

Danny Rubinstein: Yassir Arafat. Vom Guerillakämpfer zum Staatsmann, Heidelberg 1996.

Karl Selent: Ein Gläschen Yarden-Wein auf den israelischen Golan. Polemik, Häresie und Historisches zum endlosen Krieg gegen Israel, Freiburg 2003.

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Unser Geisterjäger und Sektenbeauftragter Knut Germar hat sich im Spätsommer des vergangenen Jahres in eine Welt jenseits aller Vernunft begeben und liefert exklusive Einblicke in das geheime Wissen des sibirischen Schamanismus.

 

Die Waldbühne am Peißnitzhaus ist von ein paar Bauzäunen eingegrenzt. An einem Tisch sitzt eine merkwürdig gekleidete Frau und lächelt freundlich. An die frische Luft gelockt hat mich eine hallische Facebookgruppe, die sich selbst die Waldgeister nennt und nicht nur die »Kinder in der Natur stärken, fördern und bei ihrer Entwicklung unterstützen« möchte. Auch für Erwachsene, die ihren geistigen Zenit schon überschritten haben und deshalb vermutlich ihren »Horizont erweitern« wollen, hat die Gruppe an diesem Septemberabend etwas zu bieten – das »Ritual mit der sibirischen Schamanin Aayla« zur »Erweckung der Kraft der Ahnen für eine gute Zukunft der Familien, des Landes und der Welt.« Nachdem ich den stolzen Eintrittspreis von zehn Euro gezahlt habe – spirituelle Erleuchtung kostet nun mal was – suche ich mir einen Sitzplatz mit gutem Blick auf die Bühne. Fünf Minuten vor Veranstaltungsbeginn sind erst eine Handvoll Leute da. Eine Frau mit russischem Akzent geht durch die schlecht gefüllten Sitzreihen und verteilt ein paar Flyer. Zwei alte Damen neben mir – sie sind geschmackvoll gekleidet, sorgfältig frisiert und sehen auch sonst gut situiert aus – blicken interessiert in die Prospekte. »Schau mal!«, liest die eine vor, »hier gab’s einen Workshop: ›Schamanische Prinzipien der Kindererziehung‹.« Ihre Stimme kippt ins leicht Verächtliche: »Das hätte ich meiner Tochter schenken sollen!«
Mittlerweile ist es 18 Uhr, es passiert noch nichts, also schaue ich mir die Eintrittskarte etwas genauer an. Mein »Ticket für das Ritual« enthält folgenden Hinweis: »Dieses Blatt ist mit der Kraft der Sibirischen Schamanin aufgeladen und kann als Talisman aufbewahrt werden.« Wie man ein hochglanzbedrucktes Stück Papier mit Kraft aufladen kann, wüsste ich nur allzu gern. Hat die Meisterin jedes einzelne Ticket mit ihren magischen Händen berührt? Ist sie, als der Stapel aus der Druckerei kam, in den Wald gerannt, hat ein Feuer entzündet und ist mit dem Paket drum herum getanzt? Oder hat sie es einfach mit einer Hasenpfote gestreichelt?
Röchelnd-knorrige Obertongesänge reißen mich aus meinen neugierigen Erwägungen. Das Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern wird von Kehlkopflauten abgelöst, die mit sphärischen Klangteppichen untermalt werden. Während ein monoton-klebriges »Jumbei-jumbei-jumbeia« durch meine Gehörgänge wabert, betrachte ich das Plakatportrait der großen Schamanin, das in Blickrichtung rechts neben der Bühne hängt. Stechend grüne Augen starren mich an. Haare sieht man keine, zumindest keine menschlichen. Aaylas sorgfältig geschminktes Gesicht ist eingerahmt von einer Fellhaube, deren Spitze ein Puschel ziert, links und rechts reckt sich ein Pinselohr in die Höhe. Ob Luchse in Sibirien auch unter ein Artenschutzgesetz fallen? Die Sitzplätze füllen sich langsam. Die Kehlgesänge sind verstummt, die Musik wird mit einem Kifferbeat unterlegt. An der linken Box steht eine große Handtrommel, deren Bemalung an urzeitliche Höhlenkritzeleien erinnert. Ein Strichmännchen steht in einem Boot, umrandet von allerlei Gestirn und Getier. Ein in einen Bogen gespannter Pfeil zielt genau auf dessen Kopf. Das verheißt nichts Gutes.

 

Touch Me (I Want To Feel Your Body!)

Vor mir nehmen zwei Bilderbuch-Hippies Platz. Sie sind ausgemergelt, weshalb ich mich frage, ob sie zu den sogenannten Breatharianisten gehören, die der Ansicht sind, sich statt von herkömmlichen Speisen von Licht ernähren zu können. Ich verwerfe meine Theorie jedoch schnell wieder – dafür sehen sie einfach zu bleich aus. Er hat sich ein ausgewaschenes, regenbogenfarbenes Kopftuch über sein langes Haupthaar gebunden und trägt selbstgenähte Hosen. Sie ist in eine abenteuerliche, lilafarbene und spitzenverzierte Mischung aus Vorhang und Tischdecke gewandet. Darüber trägt sie eine Stoffjacke der Marke Waldelfe, die spitze Kapuze reicht fast bis zum Gesäß. Ich sehe mir das Publikum genauer an und finde das hallische Paulusviertel wie unter einem Brennglas versammelt. Neben einer Handvoll weiterer in bunte Stoffe gehüllter Hippies und linksalternativ gekleideter Studenten besteht es überwiegend aus soliden akademischen Mittelständlern, darunter viele Pärchen. Den freudlos dreinblickenden Eheleuten etwas weiter rechts von mir sieht man die höhere Verwaltungslaufbahn förmlich an, beide tragen Jeans, er ein Hemd, sie eine Bluse. Mit ihren dunkelblauen Regenjacken ähneln sich wie ein Ei dem anderen.
Mir ist langweilig, eine Begleitung wäre nicht schlecht. Schade nur, dass kein Redaktionsmitglied bereit war, mitzukommen. Man kennt das ja bereits, alle schreien: »Das solltest du unbedingt machen!« oder »Das muss unbedingt ins Heft!« Und wenn man dann fragt, wer noch dabei ist, haben plötzlich alle etwas vor. Zu allem Überfluss beginnen jetzt auch noch zahlreiche, wahrscheinlich aus der sibirischen Wildnis eingeschleppte Mücken, mich zu stechen. Während ich genervt auf die kleinen Quälgeister einschlage, betritt einer der Waldgeister die Bühne. Die Frau in prähistorischer Phantasieuniform kündigt die »Schamanin Aayla« an, die »eine der sieben Weltschamaninnen« sei, und ich frage mich, wer zum Teufel die anderen sechs sind. Statt einer Antwort auf meine Frage gibt es eine säuselnde, klebrig-süße und infantil-grinsende Ansage, die mich erschaudern, den größten Teil des mittlerweile auf über 60 Leute angewachsenen Publikums jedoch freudig zurückstrahlen lässt. »Ihr Lieben! Während wir noch auf die restlichen Gäste warten, habe ich ein kleines Entspannungsangebot für euch. Eine schamanische Massage zu zweit!« Sie fordert das Publikum auf, sich paarweise zusammenzufinden. Ich starre panisch auf meine Flyer. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich jemand nähert und neben mir stehen bleibt. Ich kann nicht erkennen ob Mann oder Frau, denn ich blicke weiter unhöflich nach unten. Ein verunsichertes und leises Lachen neben mir lässt auf eine Frau schließen. Nur nicht hochsehen, sonst werde ich gleich angesprochen! Sie geht vorbei. Gottseidank! Die Pärchen haben sich gefunden. Ich lehne mich zurück, atme tief durch und sehe vereinzelt noch weitere Leute im Publikum, die nicht unbedingt den Eindruck machen, schamanisch begrabbelt werden zu wollen.
Bevor die Massage beginnt, sollen die Paare miteinander klären, wer der »Empfänger der Energien« sein soll und wer »die Energien weitergibt«. Man ist sich schnell einig und setzt die Anweisung des Waldgeistes folgsam und brav in die Tat um. Die Masseure reiben wie wild ihre Handflächen aneinander, um so die für die »Heilung« wichtigen »Kanäle« zu »aktivieren«, durch die die »Energien fließen« sollen. Die nächsten Minuten beobachte ich erwachsene, einander zum größten Teil fremde Menschen, die sich gegenseitig mit Massagen beglücken, wie man sie sich Kinder in Kitas und Grundschulen gegenseitig aufnötigen lässt. Mit einem Unterschied: Bei dem ganzen Geknete, Gepiekse und Gegreife wird weder eine Pizza gebacken noch ein Beet bestellt. Stattdessen sollen die vier Elemente spürbar gemacht werden. Unter Anleitung des Quäl-, Pardon, des Waldgeistes bewegen sich die Hände der Masseure auf den Körpern der »Empfänger der Energien«. Mal »fließend« beim Stichwort Wasser. Mal warmgerubbelt beim Element Feuer. Mal »zärtlich streichend« beim Stichwort Luft oder »fest knetend« beim Thema Erde. Die »Energien«, die »durch die Kanäle« der Lichtesser vor mir »fließen«, sind dann allerdings nicht mehr kita- bzw. grundschultauglich. Beim Element Erde walkt er die Innenseite der Oberschenkel sehr hingebungsvoll und wandert zielstrebig weiter nach oben. Sie lächelt verzückt und atmet schwer, innerhalb kurzer Zeit röten sich ihre Wangen.

 

Es tut mir leid, Pocahontas!

Die Waldgeistfrau auf der Bühne zeigt sich in Anbetracht der regen Teilnahme am spirituellen Vorspiel ähnlich zufrieden wie die Elfe vor mir. Entrückt lächelnd erzählt sie irgendetwas von »einem Kontakt zur feinstofflichen Welt«, der nun hergestellt sei, und den »wundervollen Seelen« der anwesenden Sinnsucher im Publikum. Ihre Frage an das Publikum, ob es die »Energie«, die »sich verändert« hat, spüre, muss auch ich bejahen. Mein Ruhepuls liegt mittlerweile bei 120 Schlägen pro Minute, mein Blutdruck ist mindestens auf 180 geklettert. Als die Gastgeberin erklärt, dass die Schamanin gespürt habe, »dass in Halle offene Menschen sind«, und sie »deshalb hergekommen« sei, hat mich besagte Energie vollständig erreicht: Meine Halsarterien fangen an zu tanzen. Ich frage mich, welche Energien freigesetzt werden, wenn der eigentliche Star des Abends erscheint, aber ich muss mich noch gedulden. Erstmal gibt es einen schamanischen Tanz. Eine Schülerin der Schamanin Aalya wird angekündigt, sie spricht, genau wie die große Meisterin, die »Sprache der Geister«: »Devana tanzt den Fruchtbarkeitstanz der Erntezeit. Bereits unsere Vorfahren haben diesen Tanz getanzt, um sich bei der feinstofflichen Welt zu bedanken«, erfahre ich.
Devana betritt die Bühne und versprüht einen Hauch von Steinzeit-Fashion. Sie sieht aus wie eine mit Fellen behangene Indianerprinzessin, die in einem Stripclub in El Arenal gestrandet ist. Der Beat dröhnt. Devana legt einen verruchten, leicht pornösen Blick auf. Sie tanzt und schwingt das Becken. Ihr Dauergrinsen sieht etwas angestrengt aus. Das Publikum wippt begeistert mit. Devana haut mit einem Handfeger auf die Flitzebogentrommel. Sie tanzt immer noch. Devana öffnet ein Ledersäckchen und holt eine Maultrommel heraus. Ich erspare dem Leser an dieser Stelle eine detaillierte Beschreibung der Bewegungen und Klänge. Vielleicht aber so viel: Es tut mir leid, Pocahontas – aber blöder geht’s echt nicht!

 

Heal The World

Oder vielleicht doch? Man soll ja den Tag nicht vor dem Abend loben, und Madame Aayla hat sich immer noch nicht blicken lassen, auch wenn das Programm schon ungefähr eine Dreiviertelstunde läuft. Die dauergrinsende Waldfee fragt, ob wir nach »Devanas Kontaktaufnahme zu den guten Geistern« schon die »Kraft der Schamanin verspüren« können und bereit für das »Ritual zur Erweckung der Kraft unserer Ahnen« seien. Vereinzeltes Ja-Gemurmel klingt aus dem Publikum. »Seid ihr bereit dafür?«, fragt die Fee nun lauter. »Seid ihr bereit für Glück und Kraft?« Da die Schamanin nur Russisch spricht, wird eine Übersetzerin angekündigt. »Feya, die goldene Stimme« betritt die Bühne, gefolgt von Aalya, dem Star des übersinnlichen Abends.
Die Meisterin schaut ins Publikum, grinst, und zaubert die nächste schamanische Übung aus dem Hut. Das Publikum soll tief einatmen und beim Ausatmen lächeln. Enttäuschung macht sich bei mir breit, denn die Frau entspricht kein bisschen ihrem Werbeplakat. Sie trägt keine Fellhaube, keine Knochen und keine Lederbändchen. Vielleicht wollte sie auch nur für etwaige Vegetarier unter den zahlenden Gästen den Tierhautanteil reduzieren. Ihr grünes Trachtenkleid jedenfalls sieht aus wie das einer Weihnachtselfe mit einem Faible für Slawenkitsch. Ein paar dressierte Rentiere auf der Bühne würden jetzt echt was hermachen, um ihren Draht zu den Tiergeistern zu verdeutlichen, aber nichts dergleichen gehört zur Show. Wer um Himmels willen berät diese Frau eigentlich? Doch PR scheint die Dame nicht zu brauchen, das Publikum ist mit dem billigen Mummenschanz äußerst zufrieden, schnauft folgsam und grinst debil.
Dann beginnt die Meisterin zu erzählen. Davon, dass sie zum ersten Mal hier sei und »von den Geistern geschickt« worden sei. Und dass sie »große Ängste« und »starken Schmerz in den Menschen in Deutschland« verspüre. Den gäbe es »in Russland« nicht, denn die Menschen dort wüssten noch, dass der »Mensch seine gute Laune verliert, wenn er nicht die Kraft seiner Ahnen hält.« Meine Laune wird augenblicklich noch schlechter, aber wenigstens weiß ich jetzt, wieso. Ich habe die »Verbindung getrennt« und meine »Wurzeln abgeschnitten«. Das ist schlecht, denn ein »Baum ohne Wurzeln kann sich nicht entwickeln.« Die Deutschen leiden am »Verlust der Ahnen«, man habe »Angst vor Traditionen« in Deutschland. Die Meisterin hält kurz inne. Dann sagt sie mit ernster Stimme: »Man darf das Wort Druide nicht aussprechen in Deutschland!« Ein Raunen geht durchs Publikum, zustimmendes Gemurmel ertönt. Irgendwo hinter mir kichert es laut. Offenbar gibt es noch Hoffnung für die Menschheit.
Frau Aayla klärt über die Ziele des heutigen Abends auf: »Ich werde euch die Erfahrung geben, wie sich neue Wurzeln anfühlen. Ihr werdet Eure Ahnenbäume regenerieren, um die Kraft des Landes zu regenerieren. Euer Land wird eine aufblühende, glückliche Nation werden. Ihr werdet nicht mehr an irgendwelche politischen Sachen erinnert werden. Ihr werdet aufhören, über die Kriege zu sprechen. Eure Nation ist eine Nation mit Schöpfungskraft aus der Geschichte, dabei geht es nicht um die letzten hundert, sondern um die letzten zehntausend Jahre. Ihr werdet lernen, globale Prozesse zu beeinflussen, denn es ist schlecht um die Welt bestellt. Die Menschen brauchen Rettung!«
Dem schamanistischen Heilsversprechen folgt eine ellenlange Suade über alle erdenklichen Naturkatastrophen der letzten Zeit. Und das sind einige: Schließlich ist es Mitte September, die jährliche Hurrikan-, Waldbrand-, Tornado- und Taifunzeit ist in vollem Gange. Immer wieder fällt das Wort »Weltuntergang«. Für Madame Aayla steht fest: All die »Hurrikans, Tornados, Fluten, Brände und Erdbeben«, die es »überall« und »auf jedem Kontinent« gibt, zeigen, dass es »mit der Geduld der höheren Kraft vorbei ist.« Mit meiner auch so langsam. Der mahnende, eindringliche und weinerliche Tonfall der Schamanin wird von der goldenen Stimme kopiert, wahrscheinlich um den schlimmen Zustand der Welt noch plastischer darzustellen. Um Plastik geht’s jetzt auch, das deutsch-russische Wehklageduett handelt jetzt von »Umweltverschmutzung« und »Müll« und einer »Plastikinsel im Ozean«. Neben mir trinkt eine Frau aus einer PET-Flasche, die sie schnell und schuldbewusst einsteckt, als sie merkt, dass ich sie beobachte. Die »Plastikinsel«, fährt die Weltschamanin fort, hat den »Geist des Ozeans« erzürnt. Der »Geist des Ozeans ist ein mächtiges Wesen, er braucht Verständnis und Fürsorge.« Das weinerliche Tremolo ihrer Stimme wird schriller: »Ich als Schamanin spüre, was der Ozean spürt. Er ist ein verlassenes Kind. Keiner liebt ihn. Alle nutzen ihn aus. Fischfang! Schiffe! Vermüllung! Der Ozean spuckt aus, was wir hineingespuckt haben!«
Offenbar gilt in der schamanischen Welt das dritte Newtonsche Axiom, denn das Publikum lernt, dass der Tornado über der Karibik ebenso ein Resultat der Ozeanverschmutzung ist, wie die Waldbrände daraus resultieren, dass »wir« den »Respekt für den Feuergeist« verloren haben. Meine Angst vor der bevorstehenden Apokalypse schwindet ein wenig, als ich erfahre, dass das heutige Ritual »ein kleiner Schritt« ist, »um die Welt zu harmonisieren«, damit die »Prophezeiungen über Weltuntergang nicht wahr werden.«

 

If You Tolerate This Your Children Will Be Next

Endlich geht’s los. Das Ritual zur Abwendung des drohenden Weltuntergangs beginnt. Und die Apokalypse lässt sich leichter verhindern als ich dachte. Das Publikum muss sich dafür lediglich abwechselnd auf Zehenspitzen und Fersen stellen und jedes Mal laut ausatmen, wenn die Füße wieder vollständig den Boden berühren. Die Masse wippt und beginnt zu schnaufen. Die Waldgeister umrunden das Publikum. Sie tragen Handtrommel und schlagen im Takt der wippenden Sinnsuchermeute. Der Hippie vor mir hat seine eigene Trommel mitgebracht. Er schlägt munter drauflos und wippt leidenschaftlich mit. Das Trommeln und Atmen verbindet sich zu einem monoton stampfenden und gleichmachenden Rhythmus. Über den Lärm hinweg instruiert die Meisterin ihre gehorsame Gefolgschaft. »Stellt euch vor, ihr seid ein Baum, eure Füße sind die Wurzeln.« (Bumm, Wipp, Schnauf. Bumm, Wipp, Schnauf.) »Denkt an eure Familien und ihre Probleme!« (Bumm, Wipp, Schnauf. Bumm, Wipp, Schnauf.) »Eure Familienkonflikte sind wie ein Spinnennetz in Euren Ästen. Eine Krankheit, die euren Baum befallen hat!« (Bumm, Wipp, Schnauf. Bumm, Wipp, Schnauf.) »Beim Ausatmen zerreiße ich das Spinnennetz! Auf diese Art und Weise werde ich meinen Familienstamm bereinigen!« (Bumm, Wipp, lautes Schnauf. Bumm, Wipp, lautes Schnauf.) »Mit dem Einatmen zieht ihr die Kraft der Ahnen an, mit dem Ausatmen stärkt ihr den Baum, wir atmen die Kraft der Ahnen in uns ein«, ruft die Meisterin. »Ihr macht das gut, ich sehe die Bäume blühen.« Ich leider nicht, aber ich schaue auch gerade auf meine Schuhe, um zu überprüfen, ob meine Füße schon Wurzeln geschlagen haben. Haben sie nicht. Vermutlich auch, weil ich nur halbherzig mitmache, denn so super finde ich die Idee nicht, die Ahnenkraft meiner dahingeschiedenen SA-, SS- und Wehrmachtsverwandtschaft zu erwecken.
Ich setze mich lieber wieder hin. Nachdem die familienzersetzenden, bösen Spinnennetze auf den neugewachsenen Menschenbäumen zerrissen sind, gilt es, nach vorn zu blicken. »Stellt euch eure Familie vor«, schallt es von der Bühne, »stellt euch vor, sie lebt in Wohlstand. Eure Kinder sind begabt. Eure Familie ist vereint. Das alles wird sich verwirklichen!« Kein Wunder, dass das ideelle Gesamtpaulusviertel hier ist. Das okkulte Wellnessangebot ist maßgeschneidert für an sich selbst irre gewordene, von sozialer Abstiegsangst befallene Angehörige der akademischen Mittelschicht, denen angesichts des täglichen Hauens und Stechens im Büro, der nervenzehrenden Kindererziehung und der Gehässigkeiten des Familienlebens nichts Besseres einfällt als magisches Wunschdenken.
Das martialische Dröhnen der Trommeln wird leiser, das Duo auf der Waldbühne leider nicht. »Die Wurzeln der Ahnenbäume verflechten sich miteinander. Wir sind eine Nation«, erfahre ich. »Ich bin mit euch verwandt, ich habe skandinavische Wurzeln«, versichert Frau Aayla ihrer Gemeinde. Wieso eigentlich? Haben die Waldgeister vor ihrer Einladung nach Halle etwa einen Ariernachweis verlangt?
Nach all dem Gewippe, Geschnaufe und Getrommel wird es wieder etwas kuscheliger. »Stellt euch das Land vor, nehmt eure Hände, weil wir zusammen eine Nation sind, schließt eure Hände zusammen!«, befiehlt die Meisterin. Ich kritzele in mein Notizbuch und tue erneut so, als würde ich nicht mitbekommen, was um mich herum geschieht. Meine Hoffnung, dass die autistische Nummer auch dieses Mal funktioniert, geht auf. Man lässt mich in Ruhe. Um mich herum nehmen sich alle an den Händen. Die meisten schließen die Augen. »Schaut euer Land von oben«, lautet die Anweisung. »Der Geist des Landes ist sehr traurig.« Warum eigentlich? »Schlimmes wird in den letzten hundert Jahren erzählt!« Ach so. Verstehe. Die zwölf dunklen Jahre. Doch davon soll sich die schamanische Gefolgschaft ja nicht die Stimmung verderben lassen: »Lobt dieses Land in Gedanken. Was für ein wundervolles Land du bist! Was für wundervolle Traditionen du hast! Die Natur mit ihren phantastischen Kraftorten! Welch wundervolle Lieder du hast! Den Geist der Nation, lobt ihn in diesem Augenblick! Lobt Euer Land! Du bist das beste Land! Du erblühst und gedeihst, wirst lebendig geliebt! Danke für die Kraft, die du mir gibst! Bedankt euch für die Kraft!« Die Veranstaltung kippt nun völlig – von einer esoterischen Karnevalssitzung hin zur Realsatire einer völkischen Erweckungsveranstaltung, mystische Vergangenheitsbewältigung inklusive. Das Publikum macht seinen Job offensichtlich gut, denn Madame Aayla spürt etwas. »Ich als Schamanin spüre, wie der Geist der Nation erwacht! Er richtet sich auf, ist ein Riese! Lobt ihn, das machtvolle, uralte Wesen!«

 

Über den Wolken

Es ist fast geschafft. Die Kraft der Ahnen ist wieder da. Die Familien sind geheilt. Deutschland ist erwacht. Ich höre keine Trommeln mehr, die Stimme der Meisterin säuselt ganz weich. Jetzt muss nur noch die Sache mit der Zukunft der Welt geklärt werden. Die Gemeinde steht immer noch Händchen haltend und lauscht der Heilsbringerin. Die will hoch hinaus: »Lasst uns in Vögel verwandeln! Stellt euch vor, wie ihr in den Himmel steigt! Schaut euch die Erde aus dem Kosmos an! Ihr seht keine Grenzen. Die Erde ist eine Einheit.« Ihre Stimme bekommt schon wieder den weinerlichen Weltuntergangssound. »Von oben seht ihr die Brände. Ihr seht Erdbeben. Ihr seht Katastrophen.« Wehklagend fährt sie fort: »Das ist meine Heimat. Mein Zuhause. Mein Planet.« Doch keine Sorge, alles wird wieder gut. Wenn die Gläubigen nur aufrichtig genug um Verzeihung bitten. »Lebendiges Wesen, bitte verzeih uns«, jammert es selbstanklagend von der Bühne herunter. »Verzeih uns dafür, dass wir uns selbst nicht spüren! Verzeih uns unsere Herzlosigkeit. Als Menschheit haben wir unsere Erde zerstört. Wir haben die Schönheit der Natur in Plastik verwandelt. Wir sind Sklaven der Plastikteile!« Und das ist noch nicht alles. »Wir haben aufgehört, dich zu fühlen, Mutter!« Madame Aaylas Klagelied wird schriller und wirrer. Sie fordert das Publikum auf, »Erde und Ozean« zu »streicheln«, denn der »Ozean ist ein Kind«. Sie ruft: »Bitte umarmt die Winde, streichelt den Geist des Windes! Bitte hör auf, wir lieben dich so sehr!« Die Scharlamanin taumelt über die Bühne, umarmt und wiegt ein imaginäres Baby. »Wir drücken alle Geister an unser Herz. Ich höre Kinder plärren! Ich komme! Wo bist du! Wir müssen den Planet Erde an unser Herz drücken. Ich bin ein Mensch, ein kosmisches Wesen!«
Ihr Ausbruch endet abrupt. Die Meisterin fängt sich und fordert das Publikum zum tiefen Ein- und Ausatmen auf. Alle sollen die Augen öffnen. Frau Aayla lächelt zufrieden und leicht entrückt. »Schaut um euch herum. Schaut euch die Menschen an. Die Bäume sind meine Brüder. Die Menschen sind meine Brüder. Das ist mein Land, meine Ahnenkraft.« Ihr Fazit klingt zufrieden und drohend: »Ihr seid Klasse! Verändert euch, sonst stirbt die Erde.« Während die Meisterin auf ihren Internetauftritt verweist und über Kurse, Seminare und freie Plätze spricht, suche ich das Weite. Leider bin ich nicht schnell genug weg. Im Gehen höre ich den folgenden Satz: »Und morgen reinigen wir in der Stadt Leipzig gemeinsam mit den Frauen unsere Gebärmütter!« Es war keine gute Idee, heute rauszugehen.

Knut Germar

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Die deutsche Linke bringt Martin Luther wenig Sympathie entgegen. Auch ihre Kritik hat dazu beigetragen, dass die halbe Bundesrepublik das Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr dazu nutzte, zum Landessohn auf Distanz zu gehen. Doch anstatt diesen Wandel in der öffentlichen Meinung anzuerkennen, tun antideutsche Gruppen weiter so, als genieße Luther innerhalb der Berliner Republik noch einen uneingeschränkten Heldenstatus. So ist es inzwischen vor allem die deutsche Linke, die zur Geschichtsklitterung beiträgt, indem sie der Reformation jeden Beitrag zur Aufklärung abspricht. Mit ihrem dumpfen Luther-Bashing ist sie viel weiter von der historischen Wahrheit entfernt als die evangelische Kirche mit ihrem Reformationsbild. Statt die Kritik an Luther zu schärfen, trägt die deutsche Linke einfach die dümmsten Vorwürfe der deutschen Presse auf die Straße. Harald-Jürgen Finke erinnert angesichts dieser Einhelligkeit von Feuilleton und Antifa an die historischen Hintergründe der Reformation, die mehr zur Aufklärung der Gesellschaft beigetragen hat, als es Luthers Gegner wahrhaben möchten. Der Text ist die abgeänderte Fassung eines Vortrages, den der Autor im Oktober vergangenen Jahres bei der Veranstaltung »Luthers Erben – Über den Reformator und seine Gegner« in Halle hielt.1

 

Luthers Beitrag zur Aufklärung.

 

Der ehemalige Bundespräsident Gauck war einer der wenigen politischen Funktionäre, der sich während des Reformationsjubiläums im vergangenen Jahr bemühte, den einstigen Nationalhelden in das Selbstbild der Berliner Republik zu integrieren. Aber auch der Pfaffe, der zu einem besinnlichen Gedenkabend zu Ehren Luthers ins Schloss Bellevue lud, ließ den Judenhass des deutschen Reformators während des Festakts zur Eröffnung des Jubiläums nicht unerwähnt. Ebenso ging Margot Käßmann, die wohlgemerkt als Reformationsbotschafterin durchs Land zog, in Interviews immer wieder auf Distanz zum Ahnherrn der evangelischen Kirche. Die deutsche Presse wollte ohnehin lieber über Luthers – tatsächliche oder vermeintliche – Verfehlungen sprechen als über seine möglichen Verdienste. Noch der absurdeste Vorwurf fand einen Redakteur, der ihm ein paar Zeilen im Feuilleton einräumte.
Die Frankfurter Rundschau betitelte die Reformation als »Islamismus des Christentums«.2 Der deutsche Reformator habe die reine Lehre des Christentums wiederherstellen wollen: »Mit Aufklärung hatte dieser Luther nichts zu tun. Was es vor ihr gab, den Humanismus, hat er bekämpft.« Der Spiegel eröffnete seine Reihe zum Reformationsjubiläum mit dem Titel »Luther – Der erste Wutbürger«.3 Während das konservative Blatt aus Frankfurt Luther zum Gotteskrieger erklärte, machte ihn das Hamburger links-liberale Enthüllungsmagazin zum Lutz Bachmann der frühen Neuzeit. Die Stoßrichtung des Leitartikels der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) zum Reformationsjubiläum überrascht da nicht mehr wirklich. Die wirtschaftsliberale Zeitung betitelte den deutschen Theologen als »Antikapitalisten«, der in »einer globalisierungskritischen Öffentlichkeit viel Resonanz« gefunden hätte.4 So machte sie aus einem Mann, der noch mit der Kutsche unterwegs war, einen Vorkämpfer der No-Global-Bewegung. Das Spiel »Sag mir, was Luther für dich ist, und ich sag dir, welche Zeitung du liest« lässt sich fortsetzen. Die Wochenzeitung Die Zeit, deren Leser sich für Religion immer begeistern können und gerne aus ihrer Ernährung ein Glaubensbekenntnis machen, aber der Kirche zutiefst misstrauen, titelte: »Martin Luther, der Vater des Arbeitsfetischs«.5 Im Gegensatz zur FAS spricht der Autor dem Eislebener Bergarbeitersohn eine gewisse Mitverantwortung für die Auflösung der feudalen Verhältnisse zu – als Mitbegründer des Protestantismus habe er zur Zersetzung der mittelalterlichen Haus- und Wirtschaftsgemeinschaften beigetragen. Das sei jedoch kein Verdienst, sondern ein Verrat an der Religion: »Die Kirche und der Kapitalismus haben Jesus verraten. Der Protestantismus hat den Kapitalismus beflügelt und dabei die sozialrevolutionären Lehren Jesu entweder pervertiert oder schlichtweg verleugnet.« Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn Die Zeit dem Augustinermönch vorwirft, er hätte den Mammon vergötzt. Denn immerhin hat Luthers Theologie maßgeblich jenen Innerlichkeitskult mitbegründet, dem die Leserschaft des Hamburger Akademikerblattes so nachhängt.
Auch wenn sich das deutsche Feuilleton widerspricht, so ist man sich doch einig darin, dass die Reformation ein reaktionäres Projekt gewesen sei. Die Anklage lautet entweder, sie hätte die Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise durch ihre Heiligsprechung der Arbeit befördert, oder dass sie das Christentum mit aller Gewalt erneuern wollte, als es sich im ausgehenden Mittelalter in einer Krise befand. Dass die Reformatoren, die die Unmittelbarkeit des Glaubens wiederherstellen wollten und die Kirche als Institution bekämpften, in dieser Absicht auch den Prozess der Säkularisierung befördert haben – insofern sie aus der gesamten Welt ein Gotteshaus gemacht und jeden zu seinem eigenen Pastor erklärt haben – kommt ihren Kritikern nicht in den Sinn. Die Reformation war nicht bloß ein fundamentalistisches Projekt zur Erneuerung des Glaubens, sondern hat ebenso zu seiner Rationalisierung beigetragen, wie schon ihre Vorgeschichte verdeutlicht.

 

Markt und Fegefeuer

Seit dem 14. Jahrhundert hatte sich der Markt innerhalb der feudalen Gesellschaftsstruktur langsam ausgedehnt. Immer mehr Menschen gerieten in den Einflussbereich des Warenhandels. Die Feudalherren verschuldeten sich bei den Kaufmännern. Zur Tilgung traten sie Handelsprivilegien und Pachtrechte ab. Deshalb mussten die bedrängten Fürsten viele Bauern aus dem Frondienst entlassen. Die Knechte entkamen zwar der Knute ihrer Grundherren, waren jedoch fortan gezwungen, ihre Erzeugnisse selbst zum Markt zu tragen. Wer nichts anderes mehr besaß, musste seine Arbeitskraft verkaufen. Die Arbeit begann sich ab dieser Zeit sukzessive von einem Dienst in eine Ware zu verwandeln, auch wenn es bekanntermaßen noch Jahrhunderte dauerte, bis diese Entwicklung mit der politischen Abschaffung der Leibeigenschaft in den Industrieländern ihr Ende fand. Im Zuge der Ausdehnung des Handels erlangten viele Menschen zwar relative Freiheiten, verloren jedoch zugleich gewisse Sicherheiten, die ihnen das starre Ordnungsgefüge des Feudalismus geboten hatte. Die Bauern und Handwerker, die dem Dienst entkamen, mussten sich auf bestimmte Arbeiten spezialisieren und sich hierfür mitunter von ihrem Boden trennen. Die Fürsten verloren angestammte Rechte, tradierte Privilegien sowie regelmäßige Einkünfte. Und die Geschäftstreibenden nötigte das beschleunigte Marktgeschehen dazu, immer neue Unternehmungen einzugehen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Die neuen Ängste und Unsicherheiten äußerten sich auch vor dem Altar. So wuchs die Frömmigkeit in den Jahrhunderten vor der Reformation beständig an. Vor allem in Nordeuropa verbreitete sich, parallel zur Ausdehnung des Marktes und mit den regelmäßigen Ausbrüchen der Pest, die Furcht vor dem Fegefeuer, die sich zuweilen in Massenhysterien entlud. Nach den landläufigen Vorstellungen war das Purgatorium ein Zwischenreich, in dem der Mensch für eine gewisse Frist leiden musste, bevor er überhaupt in den Genuss der himmlischen Seligkeit kommen konnte. Um die Zeit des Aufenthalts zu verkürzen, konnte der Gläubige für sich und verstorbene Verwandte um Fürbitte ersuchen, indem er Messfeiern abhielt, Wallfahrten antrat und Geld stiftete. Der Erwerb von Ablassbriefen war nur ein möglicher Versuch, die Barmherzigkeit Gottes zu erwirken. Das Geschäft mit der Fürbitte bot die Option, sich bereits zu Lebzeiten des eigenen Heils zu vergewissern. So hegte die Furcht vor dem Fegefeuer auch die Ängste, die Markt und Seuchen hervorriefen, ein. Denn während die Menschen dem Auf- und Ab von Preis und Pest hilflos ausgeliefert waren, konnten sie etwas tun, um die Zeit im Purgatorium zu verkürzen.

 

Geschäft und Glaube

Das breite Bedürfnis, sich Gottes Fürsorge bereits zu Lebzeiten zu versichern, geriet jedoch zusehends in Widerspruch zu den weltlichen Anforderungen. Das System der Fürbitte verlangte nicht zuletzt Zeit und Geld, während das Tagesgeschäft die Menschen zur immer stärkeren Rationalisierung ihrer Mittel zwang. So erfreuten sich bald andere Andachtsformen wie der Rosenkranz steigender Beliebtheit, die den profanen Interessen der Geschäftstüchtigen entgegenkamen und gleichzeitig dem weitverbreiteten Bedürfnis nach einer intimeren Beziehung zum Herrn genügten. Nicht nur Geschäftsleuten und Kaufmännern missfiel zunehmend die Form der offiziellen Kirche, die sich auf die Mittlerrolle der Priester bei der Erteilung der Sakramente stützte und von den Gläubigen Werke verlangte. Auch die Fürsten und der niedere Klerus nördlich der Alpen, denen das weit entfernte Rom wenig zu bieten, aber vieles zu nehmen hatte, fanden an dem Gedanken einer nach innen gerichteten Frömmigkeit Gefallen. Jene Schichten, die weniger an Altar und Thron gebunden waren, dafür umso mehr vom Marktgeschehen abhingen, hatten zudem ihre eigenen materiellen Interessen. Unmittelbar vor der Reformation befand sich etwa ein Drittel des Landes in Mitteleuropa in der Hand der Kirche. Die Anhäufung von Reichtümern über Abgaben und Ablass sowie den lukrativen Ämterhandel empfanden auch diejenigen, die nicht von einem tiefen Glauben beseelt waren – und dies waren die wenigsten –, als ein frevelhaftes Verbrechen. Vor einem halben Jahrtausend ereiferte sich der gesamte Norden des Kontinents über den Papst, der mit den Ablassgeldern Prunkbauten wie die Basilika St. Peter errichten ließ. Die Angriffe richteten sich nicht allein gegen den Klerus, der allzu sehr auf sein eigenes Seelenheil bedacht zu sein schien. Ebenso trafen sie das Klosterleben der Mönche, die sich des weltlichen Lebens in der stillen Überzeugung entsagten, Gott damit näher zu kommen. Die zahlreichen Orden riefen wachsenden Missmut hervor. Den Brüdern wurde nicht nur nachgesagt, sie seien faul, liederlich und würden mehr Zeit in der Schenke verbringen als am Pult beim Studium der heiligen Schrift. Ihre gesamten Bemühungen um ein gottgefälliges Leben in Enthaltsamkeit wurden der Lächerlichkeit preisgegeben. Zwar galt vielen die disziplinierte Lebensweise der Mönche als Vorbild, gleichzeitig erblickte man in ihrer Abschottung jedoch den unredlichen Versuch, sich seiner weltlichen Pflichten zu entziehen.
Martin Luther war nicht der erste, der die mönchischen Ideale auf alle Menschen übertragen wollte und gleichzeitig die Auflösung der Klöster forderte. Den Gedanken, dass sich Gott keineswegs nur während der Messe, sondern auch auf dem Feld, dem Markt und im eigenen Heim ohne die Anwesenheit eines Geistlichen näher kommen lasse, hatten bereits vorher die Humanisten unter den gebildeten Schichten Nordeuropas verbreitet. Für Erasmus von Rotterdam war das Gemeinwesen nichts anderes als ein großes Kloster. Gleichzeitig wetterte er gegen die Absonderung der Mönche. Nach ihm müsse sich der Glaube im Alltag beweisen. Er beruhe weniger auf Werken und Zeremonien als auf innerer Gewissheit und strenger Disziplin. Während Erasmus der alten Kirche noch die Treue hielt, brach Luther mit ihr und formte so aus diesen Gedanken ein neues Bekenntnis. In seiner Theologie ist vieles von dem humanistischen Glaubensbekenntnis enthalten, in dem sich religiöser Eifer und profane Interessen seltsam miteinander verbanden.

 

Körper und Geist

Luthers Theologie gründet auf der Zwei-Reiche-Lehre des Neuen Testaments. In seiner Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen formulierte er die zentralen Gedanken der Reformation: Die Versöhnung mit Gott finde allein im Glauben statt, sei also nicht durch Werke herbeizuführen. Aus diesem Grund lehnten die Reformatoren das gesamte System der Fürbitte ab. Jeder Versuch, Gottes Gunst zu erlangen – etwa durch die Anrufung von Heiligen –, sei ein frevelhaftes Bemühen des Menschen. Er beweise damit nur, dass er Gnade nicht verdient hat. So gibt es Luther zufolge nichts, was die Menschen tun können, um Heilsgewissheit zu erlangen. Weder das Abhalten von Messfeiern, noch das Antreten von Wallfahrten, erst recht nicht der Erwerb von Ablassbriefen, könnte sie dem Seelenheil näher bringen. Ihnen bliebe nur übrig, in der ständigen Ungewissheit und äußersten Verzweiflung den aufrechten Glauben an Gottes Gerechtigkeit und Güte zu bewahren. Nach Luther geschieht die Rechtfertigung des Menschen vor Gott somit allein aus dem Glauben heraus. Diese Auffassung enthält jedoch keinen Freibrief für Sonntagsheilige, die es mit den Geboten und Pflichten eines Gläubigen nicht so genau nehmen. Denn auch wenn gute Taten nicht das Seelenheil garantieren, verraten Tun und Lassen doch etwas über die Festigkeit des Glaubens.6 Laut der dualistischen Theologie Luthers ist der innerliche Mensch frei. Im Glauben habe er an Gottes Verheißungen und Zusagen teil. Der äußere Mensch sei jedoch an den Leib und die Welt gebunden. Er müsse die unzähligen Anfechtungen durch das Fleisch abwehren und die Pflichten des Alltags erfüllen.7 Damit steht er vor der doppelten Aufgabe, der weltlichen Herrschaft unbedingt Gehorsam zu leisten und die körperlichen Regungen durch »Fasten, Arbeiten und Wachen« zu bändigen. Auf der Basis seines Dualismus billigt Luther den Menschen nur dann Widerstand gegen die weltliche Obrigkeit zu, wenn diese ihren Machtanspruch auf das Reich des Glaubens ausweitet.
Eine Quelle für Luthers Theologie ist die Augustinische Gnadenlehre, die besagt, dass der Mensch nicht in der Lage ist, sich seine Erlösung zu verdienen. Stattdessen sei er seit dem Sündenfall Adams und Evas bis ins Mark verdorben. Dieses Menschenbild Luthers begründet den Unterschied zu den Humanisten des ausgehenden Mittelalters, die davon ausgingen, dass der Einzelne grundsätzlich zur Besserung fähig sei, er somit Gottes Gesetzen und Geboten genügen könne. Ihnen zufolge kann es also eine reale Versöhnung zwischen Mensch und Gott geben. Bei Luther ist sie indes nur als geistiger Akt vorstellbar. Seine Gegner vergessen gerne, dass diese Vergeistigung nicht mit der Aufgabe jeglicher Erlösungsvorstellung gleichzusetzen ist. Denn indem Luther den Menschen jede Möglichkeit abspricht, im Hier und Jetzt auf Gott einzuwirken, rettet er die Hoffnung auf eine zukünftige Versöhnung.8 Anstatt das Individuum zu verherrlichen, das im Sinne des bürgerlichen Skeptizismus allein Geltung beanspruchen soll, ist in seiner Theologie der Gedanke an eine höhere Gerechtigkeit aufgehoben. Die Erfüllung der weltlichen Pflichten hält Luther zwar für notwendig, sie sei aber keine Vorarbeit für die Erlösung. Dies unterscheidet seine Lehre vom Methodismus und Puritanismus, nach denen die Lebensführung eines Gläubigen unmittelbar darüber Aufschluss gewährt, ob er an Gottes Gnade teilhat. John Wesley etwa verherrlichte den gesellschaftlichen Zwang in viel stärkerem Maße als Luther. Diese Differenz zwischen der Anschauung von Lutheranern und Puritanern missachtet das Feuilleton ebenso wie die unfreundlichen Aspekte des humanistischen Menschenbildes. Denn der Glaube der Humanisten, dass der Einzelne in der Lage sei, ein Leben gemäß den Geboten und Gesetzen der Bibel zu führen, leistet einem moralischen Rigorismus Vorschub, der nur wenig Nachsehen mit menschlichen Schwächen hat. Auf der anderen Seite wird übersehen, dass das protestantische Menschenbild zwar Strenge und Härte rechtfertigt, jedoch ebenso die Möglichkeit der Nachsicht enthält. Wenn der Einzelne per se den christlichen Idealen nicht genügen kann, so relativiert dies auch seine Vergehen. In Luthers Gnadenlehre verlieren die guten Werke an Bedeutung für das Seelenheil, genauso aber – zumindest tendenziell – die schlechten Taten.9
Im Gegensatz zur Lehre der mittelalterlichen katholischen Kirche verlangten die Reformatoren von den Menschen jedoch nicht einfach die Unterdrückung der sündhaften Begierden. Sie diskreditierten verstärkt das Verlangen selbst. Schon der Wunsch beflecke den aufrichtigen Glauben an Gott. Nach ihrer Lehre lauert nicht nur überall die Sünde, vielmehr hätten sich die Agenten des Teufels längst im Inneren der Menschen eingenistet. Der hervorstechende Zug der protestantischen Lehre ist eben diese Verdammung der leiblichen Begierden. So liefert Luthers Theologie die Rechtfertigung für die bürgerliche Ideologie, die den Geist preist und die Sinnlichkeit herabsetzt. Doch auch diese Haltung unterscheidet Luther weniger von den Humanisten, als es seine Gegner wahrhaben möchten. Nicht zuletzt Erasmus hegte einen wahren Ekel vor jeder sinnlichen Glaubensform.

 

Berufung zum eigenen Herrn

Luthers Verbannung Gottes ins unerreichbare Jenseits birgt noch eine weitere Konsequenz. Die Reformatoren sprachen den Menschen jede Möglichkeit ab, auf Gott durch die Anrufung von Heiligen einzuwirken. Damit degradierten sie sie zu passiven Empfängern göttlicher Gnade. Zugleich nahmen sie ihnen jedoch die falsche Hoffnung, durch Opfer (Wallfahrten, Messfeiern, Ablassbriefe) etwas für ihr Seelenheil tun zu können. So wurde es den Menschen ermöglicht, sich auf weltliche Angelegenheiten zu konzentrieren. Nach der Auffassung der alten Kirche galt die Arbeit allein als Fluch, der seit der Erbsünde auf der Menschheit laste. Die Reformatoren haben sie aufgewertet. Diejenigen, die in der Abschaffung zahlreicher Feiertage durch die Protestanten allein das Resultat eines Arbeitswahns sehen wollen, vergessen, dass die Maloche auch vor dem Thesenanschlag Luthers ein realer Zwang war. Die Menschen mussten nicht mehr rackern als bisher, nur weil die Pastoren die Arbeit lobten. Durch die Aufwertung von Arbeit und weltlichen Angelegenheiten haben die Reformatoren nicht nur die Ausbeutung gerechtfertigt, sondern den Menschen auch den Gedanken nahe gebracht, dass sie Herrn ihres eigenen Schicksals sind – da Gott ihnen nicht helfen wird, sind sie auf sich allein gestellt. Anstatt nur die Sakramente der Priester zu empfangen, kann der Mensch nun in der Welt seinen Glauben festigen. Zwar existiert in Luthers Theologie die Erlösung nur als göttlicher Gnadenakt, den der Herr aus Erbarmen vollzieht. Doch in der Verbannung Gottes aus der Welt ist die Berufung des Menschen zum Herrn seines eigenen Schicksals zumindest angelegt.

 

Allein die Schrift

Die Reformation hat viele Menschen aus der Vormundschaft der alten Kirche befreit, die sich selbst als »Heils- und Erlösungsanstalt« verstand. Sie dachte das religiöse Opfer noch als besondere Tat, die zu Ehren Gottes erbracht wird. Im Protestantismus hingegen wird das Glaubensbekenntnis zu einem Akt der geistigen Hinwendung sublimiert. Für die humanistischen und protestantischen Reformatoren war die Heilige Schrift die wichtigste Quelle der göttlichen Offenbarung. Den Erzählungen der Priester und Bischöfe, die sich auf die apostolische Sukzession beriefen, um ihre Macht zu begründen, misstrauten sie indes.
Im Protestantismus gewinnt so das Wort, das der Idee nach allen zugänglich ist, an Gewicht gegenüber der mündlichen Überlieferung, an der nur der geweihte Klerus teilhat. So übersetzten die Reformatoren das Alte und Neue Testament in die jeweiligen Landessprachen. Sie stellten zudem die Predigt ins Zentrum der Liturgie. Wo sich der Protestantismus durchsetzte, erfuhren die Kirchen eine rasche Umgestaltung. Die Stuhlreihen wurden um neunzig Grad gedreht, sodass die Gläubigen nicht mehr auf den Altar blickten, sondern auf die Kanzel. Die Verkündung des Wortes rückte in den Mittelpunkt, während die priesterlichen Zeremonien bei der Erteilung der Sakramente an Bedeutung verloren. Die protestantischen Gemeinden führten Unterricht ein, in dem die Menschen anhand des Katechismus in Glaubensfragen unterwiesen worden. So trugen sie auch dazu bei, zahlreiche Menschen an abstrakte Gedanken zu gewöhnen, die sich im Alltag nur dem Naheliegenden widmeten. Anhand von Testamentsbestätigungen lässt sich zumindest für einige gemischtkonfessionelle Regionen Europas zeigen, dass protestantische Haushalte deutlich mehr Bücher besaßen als katholische. Diese Affinität für das Wort dürfte auch ein Grund dafür gewesen sein, dass viele humanistische Anhänger der alten Kirche, die während der Gegenreformation der Häresie beschuldigt wurden, Zuflucht bei den Protestanten suchten.

 

Luthers Gegner

Die protestantische Lehre hat zweifellos die Verinnerlichung von Herrschaft befördert. Die Reformatoren richteten die Menschen jedoch nicht nur für den Markt zu, indem sie von ihnen Disziplin und Gehorsam verlangten, sondern erzogen sie auch zur Mündigkeit. Von alldem wollen Luthers Gegner nichts wissen. Sie interessieren sich weder für die Unterschiede, noch für die Gemeinsamkeiten zwischen Humanisten und Protestanten. Nach ihrer Erzählung, die an die Auffassungsgabe eines Vorschulkindes angepasst zu sein scheint, ist Luther der von Gott besessene Bad Guy, der die Menschen hasst, während Erasmus von Rotterdam zum freundlichen Schokoonkel verklärt wird. Besonders merkwürdig wird es, wenn antideutsche Linke plötzlich beginnen, dass Ablasssystem der katholischen Kirche zu retten, nur weil ihnen – verständlicherweise – der Antikatholizismus hierzulande zuwider ist. Oder wenn sie sich auf Max Weber berufen, um Luther zum Vater eines angeblich spezifisch deutschen Arbeitswahns zu erklären – völlig unbeeindruckt davon, dass der deutsche Soziologe den Ursprung der protestantischen Erwerbsethik explizit nicht bei den Lutheranern verortete, sondern bei den Vertretern calvinistischer Traditionslinien. So sind die Einlassungen der deutschen Linken zum Wittenberger Reformator leider oftmals nur wenig klüger als die Lobeshymnen der wenigen verbliebenen Fans auf Junker Jörg. Dabei könnte eine kritische Auseinandersetzung mit der Reformation interessante Erkenntnisse zu Tage fördern, etwa über die theologischen Ursprünge bürgerlicher Ideologie und ihre spezifische Form in Deutschland. Aber um solche Einsichten zu erlangen, müsste sich die Linke vorab von liebgewonnen Gewissheiten verabschieden. Davon ist sie derzeit weit entfernt. Sie macht stattdessen, was sie in den vergangenen Jahren meistens getan hat: Sie stößt, was fällt.

Harald-Jürgen Finke

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

Knut Germar: Entsorgung eines Nationalhelden, Bahamas Nr. 77, 2017.

Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen.

Diarmaid MacCulloch: Die Reformation 1490–1700, München 2008.

Gerhard Stapelfeldt: Aufstieg und Fall des Individuums, Freiburg 2014.

Hugh Trevor-Roper: Religion, Reformation und sozialer Umbruch. Die Krise des 17. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1970.

Anmerkungen:

1   Den zweiten Vortrag hielt Knut Germar. Er ist unter dem Titel Entsorgung eines Nationalhelden in der Bahamas Nr. 77 abgedruckt und widmet sich der linken Luther-Kritik während des Reformationsjubiläums.

2   Arno Widmann: Der Islamismus des Christentums, Frankfurter Rundschau, 30. Oktober 2016.

3   Zum Vergleich: 2003 titelte der Spiegel noch: »Martin Luther – Abschied vom Mittelalter«.

4   Ralph Bollmann: Der Anti-Kapitalist, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30. Oktober 2016.

5   Patrick Spät: Martin Luther, der Vater des Arbeitsfetischs, Onlineausgabe Die Zeit, 25. November 2016.

6   »Die Werke, gleichwie sie nicht gläubig machen, so machen sie auch nicht fromm; aber der Glaube, gleichwie er fromm macht, so macht er auch gute Werke.« (Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen.)

7   »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemanden untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« (Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen.)

8   Nach Luther kann der Mensch zwar nichts tun, um die Erlösung zu erlangen. Aber er kann den aufrichtigen und unbeirrten Glauben an Gott bewahren. So wird die Versöhnung bei Luther zu einem geistigen Akt: »Nun sind diese und alle Gottesworte (im Neuen Testament, Anm. Finke) heilig, wahrhaftig, gerecht, friedsam, frei und aller Güte voll; darum, wer ihnen mit einem rechten Glauben anhängt, des Seele wird mit ihm vereinigt so ganz und gar, daß alle Tugenden des Wortes auch eigen werden der Seele und also durch den Glauben die Seele von dem Gotteswort heilig, gerecht, wahrhaftig, friedsam, frei und aller Güte voll, ein wahrhaftiges Kind Gottes wird, wie Johann. 1 sagt: ›Er hat ihnen gegeben, daß sie mögen Kinder Gottes werden, alle, die in seinem Namen glauben.‹« (Ebd.)

9          »So beweist z. B. das Gebot: ›Du sollst keine böse Begierde haben‹ (2. Mose 20, 17), dass wir allesamt Sünder sind und dass kein Mensch ohne böse Begierde zu sein vermag, er mag tun, was er will.« (Ebd.)

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THE HOUSE DICTATORS

Wir dokumentieren ein Flugblatt, das die AG No Tears for Krauts Halle im Mai 2018 auf dem VL-Straßenfest verteilt hat.

 

Werte Besucher des VL-Straßenfestes,

an diesem Wochenende sollte hier eigentlich eine Band spielen, die allemal unterhaltsamer als der Langeweiler-Klamauk gewesen wäre, den Ihr heute Abend präsentiert bekommt. Bis vor wenigen Wochen war ein Auftritt der Band »The Love Dictators«, die den meisten von Euch unbekannt sein dürfte, fest eingeplant. Nun, er entgeht Euch leider, denn: Die Organisatoren des Straßenfestes haben die »Love Dictators« kurzerhand wieder ausgeladen. Die Begründung lautete wie folgt: »Auf Grund frauenfeindlicher, sexistischer und gewaltverherrlichender Texte haben wir den Auftritt von THE LOVE DICTATORS abgesagt.« Auch wenn sich im Nachhinein bei dem einen oder der anderen Verantwortlichen offenbar dann doch noch das letzte bisschen Restverstand meldete, denn die hanebüchene und blödsinnige Erklärung wurde bereits nach kurzer Zeit wieder von der Homepage gelöscht, blieb das Auftrittsverbot doch bestehen.

 

Die Band

Wer »The Love Dictators« schon einmal live erlebt hat, merkt schnell, dass man es nicht mit einem herkömmlichen Auftritt einer Band zu tun hat. Sie geben sich Künstlernamen wie »Sir Stanislove« und beschreiben ihre Musik mit »Propaganda Rap« und »Drill Instructor Beat«. Mit überspitzten martialischen Gesten, Fantasieuniformen und Texten, die die untergegangene Sowjetunion betrauern (die bald wieder groß sein und es dem fiesen Kapitalismus schon zeigen wird), bieten sie ihrem Publikum eine wunderbare Stalinismuspersiflage. Die Bandmitglieder treten als Kunstfiguren auf die Bühne und nehmen mit Travestieelementen unter anderem Anleihen an längst untergegangene Ikonen der Schwulenbewegung wie der schwedischen Popband »Army of Lovers«, deren Frontmann, wie »Mary O.D.« von den »Dictators«, mit geschminktem Gesicht, langen, wallenden Haaren, langem Mantel und Rüschenbluse auftrat. Die Band macht sich nicht nur über Osteuropaklischees lustig, wenn sie in schlechtem Englisch mit russischem Akzent machohafte Songtexte wie »De-Virginator«, »Baby, Touch My Disco Balls« oder »Show Me Your Sister« zum Besten gibt. Sie singen so überspitzt davon, dass sie die Größten sind, dass jedem, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, klar sein müsste: Sie verspotten mit ihrer Show jene unangenehmen Typen mit fragwürdigem Frauenbild und übersteigertem Selbstbewusstsein, die der einen oder anderen zum »Aufriss« auserkorenen Frau schon mal einen ausgelassenen Partyabend vergällen können. Mit anderen Worten: Die Band ist damit nicht nur witziger als alle auf dem VL-Straßenfest auftretenden Bands zusammen, sondern vor allem: feministischer.

 

Die House Dictators

Es muss schon eine Menge Dummheit und gewolltes Missverständnis im Spiel sein, wenn die Organisatoren des Straßenfestes die Texte einer Band für bare Münze nehmen, die rote Armbinden trägt, deren weißen Kreis kein Hakenkreuz, sondern ein schwarzes Herz ziert. Doch woher kommt das völlige Unverständnis für Ironie? Woher die Unfähigkeit, das Offensichtliche wahrzunehmen? Zunächst dürfte es einen Zusammenhang mit dem politischen Selbstverständnis der Hausbewohner geben. Auf der Suche nach ihrer Identität sind ihnen die selbst auferlegten Werte, für die ihr Hausprojekt steht, ins Blut übergegangen. Der nimmermüde Dreiklang – antifaschistisch, antirassistisch und antisexistisch – lässt eine Gedankenwelt entstehen, durch deren Filter die gesamte Umwelt wahrgenommen wird. Die durch diese Brille als feindlich betrachtete Gesellschaft, zu der sie sich in Opposition wähnen, wird daher als das komplette Gegenbild ihres kleinen alternativen Pippi-Langstrumpf-Kosmos’ wahrgenommen. Um das eigene Tun als irgendwie sinnvoll und wichtig erscheinen zu lassen – wer begibt sich schon freiwillig jede Woche auf ein linkes Hausplenum –, muss die Welt da draußen schlichtweg faschistisch, rassistisch und sexistisch sein. Eben aus diesem individualpsychologischen Grund – es geht dabei um nicht weniger, als es mit sich selbst auszuhalten – suchen die Hausbewohner detektivisch nach derlei (vermeintlichen) Verfehlungen. Durch die hundertprozentige Identifikation mit dem, was in linken »Freiräumen« als »politischer Kampf« durchgeht, wird eine kritische Distanz zum eigenen Denken und Handeln verunmöglicht. Sich mal rauszunehmen, innezuhalten, zu überlegen, ob denn gängige Erklärungsmuster überhaupt noch stimmen oder vielleicht von der Realität längst überholt wurden – kurzum: die Fähigkeit zur Selbstreflexion auch hinsichtlich der eigenen politischen Arbeit –, das alles kann nicht ausgebildet werden, wo man eins mit seinem politischen Selbstbild ist. Die fehlende Distanz zur eigenen Praxis, die Unfähigkeit einfach auch mal über sich selbst zu lachen, sorgt nicht nur für die verbiesterte Humorlosigkeit, die in linken Szeneschuppen täglich am Tresen beobachtet werden kann. Sie ist auch ursächlich dafür, dass man alles, was man nicht kennt und was aus dem eigenen begrenzten Rahmen fällt, nicht verstehen kann. Dazu gehört auch eine Männerband, die sich – ohne in platitüdenhaftes Gestammel zu verfallen – über Mackertum lustig macht. So ist es fast schon folgerichtig, dass Menschen, die mit der lange antrainierten Unfähigkeit ausgestattet sind, einen Witz zu verstehen, der nicht explizit erklärt wird, dann fordern, über eine Band wie die »Love Dictators« einen Bannfluch auszusprechen. Frei nach dem autoritären Motto: Wenn es mir nicht gefällt, dann soll es auch kein anderer hören dürfen. Das Hausplenum der Ludwigstraße 37 beugte sich diesem Diktat der Betroffenheit und befindet sich damit in guter Gesellschaft. Denn exakt so funktioniert heute eine linke Auseinandersetzung: Irgendjemand fühlt sich von einer Aussage beleidigt, unwohl oder sonst irgendwie betroffen. Doch anstatt derlei übergriffige Ansinnen zurückzuweisen, ihnen mit dem besseren Argument entgegen zu treten oder sie unseretwegen auch auszulachen, sollen alle einstimmen. Gefühliges Gestammel schlägt das Argument, die persönliche Klatsche ist der Edeljoker beim Schnick-Schnack-Schnuck der linken Entscheidungsfindung.

 

Der Freiraum

Doch es wäre zu kurz gegriffen, das Auftrittsverbot allein mit der psychischen Verfassung einzelner Aktivisten zu erklären. Eine Lachnummer als Begründung, die leider kein Aprilscherz war, kann nur in Strukturen verfasst worden sein, die diese Verblödung befördern, verstärken und mitverursachen – Strukturen, die in der linken Szene unter dem Schlagwort des Freiraums verhandelt werden. Bewohner linker Häuser wollen sich eine Insel schaffen, die frei von gesellschaftlicher Reglementierung und dem kapitalistischen Normalwahnsinn ist, dem sie oft selbst nicht gewachsen sind. Auf der Suche nach der wohligen Wärme der Gemeinschaft und einer besseren Welt wirken Hausprojekte wie die Ludwigstraße 37 wie Oasen in der Wüste. Allein: Das »Räderwerk, zu welchem sich das gesellschaftliche Gefüge verhärtet«, so erklärte Wolfgang Pohrt einen solchen Magnetismus in einem seiner frühen Aufsätze, treibt »die zermahlenden und ausgestoßenen Einzelnen in die suchtartige Verfallenheit an die Gruppe«. Das Problem ist dabei: Der vermeintliche Freiraum spiegelt selbst die Welt, vor der man zu fliehen hofft. Nochmal Pohrt dazu: »Die Flüchtlinge laufen exakt den Verhältnissen in die Arme, denen zu entkommen sie trachteten: stumpfsinnige Arbeit und Langeweile, Reglementierung und Kontrolle, Verdummung und Behinderung, Konformitätsdruck und Zankerei, Selbstpreisgabe des eigenen Verstandes und Unterwerfungsrituale als Preis dafür, geduldet zu werden. Der Unterschied ist nur, dass das, was sonst anonyme Instanzen und unpersönliche Kräfte den Menschen antun, sie in der Gruppe einander selbst zufügen.« Damit ist schon alles über die Strukturen in linken Häusern gesagt.

Gerade das Verbot der »Love Dictators« zeigt, wie weit die »Verdummung« und die »Selbstpreisgabe des eigenen Verstandes«, von der Wolfgang Pohrt schon in den 1980er Jahren sprach, in der Ludwigstraße fortgeschritten sind. Der Freiraum, in dem es sich Verbotsbefürworter wie -gegner so gemütlich eingerichtet haben, ist vor allem eins: frei von Vernunft, frei von eigenem Denken und vor allem: frei von Humor.

AG »No Tears for Krauts«
Mai 2018

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Ein Kopftuch für Lolita

Kaum ein Fußballspiel kommt heutzutage ohne ein politisches Statement aus, das aufgrund der Popularität des Sports in die Welt posaunt wird. Mal ist es das obligatorische Banner für Fair Play, manchmal ein Transparent gegen Rassismus, und fast immer sind es Kinder, die an der Seite der Fußballstars einlaufen und neben Werbung für Sponsoren auch die Uns-gehört-die-Zukunft-Message verbreiten. So war es auch bei einem Freundschaftsspiel zwischen den beiden Erzrivalen England und Deutschland im vergangenen Jahr. Eines der sogenannten Einlaufkinder trug dabei ein Kopftuch. Wer einen Aufschrei der Verbände für Frauen- und Kinderrechte erwartet hatte, weil ein etwa zehnjähriges Mädchen ein Symbol der Unterdrückung trug und gleichermaßen als sexuelle Beute deklariert wurde, dessen angebliche Reize nur mit Verhüllung beizukommen sind, wurde wieder einmal enttäuscht. Einzig der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und der Rapper Koljah äußerten sich kritisch auf Facebook und bekamen im folgenden Shitstorm auf ihrem Profil den obligatorischen Rassismusvorwurf. Der Musiker wurde schließlich von Facebook wegen des angeblichen Verstoßes gegen die Gemeinschaftsstandards gesperrt. Weder Medien noch Gleichstellungsbeauftragte oder der Deutsche Fußballbund setzten sich mit Koljahs und Samads Kritik auseinander. Warum auch? Schließlich steht das Kopftuch für das deutsche Verständnis von Toleranz und kultureller Vielfalt und somit ganz im Dienste der Berliner Republik. Wer sich dagegen ausspricht, wird in eine Ecke mit Höcke, Poggenburg und Co. gestellt.
Wenn aber nicht über die Zumutungen islamischer Bräuche gesprochen werden soll, muss es andere Themen geben, an denen man sein Bedürfnis, Kinder zu schützen und Sexismus zu bekämpfen, ausleben kann. Der Frauenpolitische Runde Tisch in Halle sah seine Möglichkeit im November letzten Jahres während der Bürgerfragestunde im Stadtrat. Endlich hatte auch Halle seinen Sexismusskandal! Anlass für die Empörung gab den zwei Vertretern des in der hallischen Lokalität Weiberwirtschaft tagenden Frauenblocks ein Wandgemälde an einem Gymnasium in Halle-Neustadt. Einige Monate vor der Skandalisierung führte der Künstler Viktor Sobek für die hallische Freiraumgalerie einen Workshop mit 50 Schülern durch, in dem sie das Motiv für das Bild entwarfen: ein junges Mädchen mit einem forschen und trotzigen Blick. Elke Prinz, die Sprecherin des Frauentischs, erkannte in der Geste, im Schmollmund und im Blick des Mädchens einen Verführungsversuch, der – frei nach dem gleichnamigen Roman Vladimir Nabokovs – an Lolita erinnere. Unterstützung erfuhr die Expertin für Schlafzimmerblicke durch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Halle, Susanne Wilders, die ebenfalls in der Pose des Mädchens einen lasziven Blick und ein zur Schau gestelltes Rollenbild erkannte, wie sie es in einem Interview auf TV Halle verlautbarte. Nachdem die Kritik am Gemälde öffentlich wurde, folgten die erwartbaren und gleichermaßen unangenehmen Kommentare durch den Volksmund auf den einschlägigen lokalen Webseiten, die in der Tat sexistisch und herabwürdigend waren. Etwas eigenwillig war die Rechtfertigung des Künstlers, der darauf hinwies, den Gesichtsausdruck des Mädchens doch bitte als »stolzen und geheimnisvollen Blick einer indianischen Kultur« zu deuten. Er verwies auf die angedeuteten Fahnen im Hintergrund des Wandbildes, die 28 verschiedene Nationen darstellen und sinnbildlich für die Multikulturalität der Schule stehen. Positiv hingegen war, dass zwischen dem Sexismusgeblöke des Frauenstammtischs, dem Geht-Häkeln-Geunke des Durchschnittshallensers und dem Multikultigeschwurbel des Künstlers der Schulleiter des Gymnasiums, Andreas Slowig, die Problematik auf den Punkt brachte: »Ich habe nichts gegen Kritik. Aber ich habe etwas dagegen, dass Vertretern solcher Verbände die wirklichen Probleme piepegal sind, sie hier aber Symbolpolitik betreiben.« (Magdeburger Volksstimme). In der Mitteldeutschen Zeitung benannte Slowig die Probleme genauer: »Wenn etwa Schülerinnen aus Migrantenfamilien immer wieder für Klassenfahrten und Ausflüge durch Väter oder Brüder abgemeldet würden. […] Zur Lösung solcher Nöte von Mädchen wäre die Hilfe und Kompetenz des Frauenpolitischen Tischs dringend nötig.«
Doch davon wollen Prinz, Wilders und die vielen Vereine sowie Frauentische nichts wissen. Zu unbequem wäre eine Auseinandersetzung mit den realen Problemen an Schulen, die von vielen islamisch sozialisierten Kindern besucht werden. Da kommt so ein harmloses Bild gerade recht, um die Zuwendungen durch das Land Sachsen-Anhalt zu rechtfertigen. Wenigstens wird der Schule endlich Unterstützung durch den Verein Courage e.V. Halle zugesagt, der dem Schulleiter und den Lehrern des Gymnasiums gern ein bisschen Nachhilfe in Sachen Sexismus geben und Seminare in der Schule veranstalten möchte, die sich kritisch mit sexistischer Werbung auseinandersetzen. Der einzige Weg, um diesen Dienst herumzukommen, wäre, der vermeintlichen Lolita ein Kopftuch zu verpassen. Keine Prinz der Welt würde darin ein Problem sehen, wie das oben genannte Beispiel beim Fußballländerspiel zeigt. Im Gegenteil: Durch die Verhüllung des Schmollmundes und anderer zugeschriebener Reize könnte man den Andrang masturbierender Böcke vor der Schule vielleicht eindämmen und Frauentisch sowie Künstler mit einem toleranten und multikulturellen Kompromiss zufriedenstellen. Bis auf den Schulleiter wären damit auch alle glücklich.       [flp]

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Der kleine Akkordeonist

Das Akkordeon ist ein sonderbares Instrument. In deutschen Musikschulen erfreut es sich zwar großer Beliebtheit, außerhalb dieser wird es jedoch fast nur von Straßenmusikanten und volkstümlichen Liedermachern gespielt. Nicht zuletzt Quetschenpaua ist Beweis dafür, dass das Schifferklavier zu Recht als Schmuddelkind unter den Musikinstrumenten gilt.
Das jährlich in Halle stattfindende global music festival – akkordeon akut! setzt es sich deshalb zum Ziel, den schlechten Ruf des Instruments aufzupolieren und die Vielfalt des Akkordeonspiels hörbar zu machen. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, nicht aber über den virulenten Drang der Festivalveranstalter, jeder Darbietung von Kunst einen politischen Gehalt einzuimpfen. Es ruft zwangsläufig Unbehagen hervor, wenn der »ungeplante Schwerpunkt«, wie die Veranstalter im September 2017 auf ihrer Website ankündigten, »Fragen des Zusammenlebens, des respektvollen individuellen Umgangs miteinander« betrifft. Volkspädagogisch bezog man Position gegen hate speech und fake news, artikulierte aber auch die Furcht vor dem Zerfall der »Gesellschaft in rivalisierende Kleingruppen«. Gemeint waren damit allerdings nicht politische Kämpfe mafiös organisierter, krimineller Vereinigungen, sondern »Oben und Unten«. Also alles im linken Lot.
Oberbürgermeister Bernd Wiegand erklärte in seinem Grußwort, die »globale Verbreitung« des Instruments zeige sich – so kultursensibel ist das Akkordeon – »in sehr verschiedenen Spielarten«; etwa dann, wenn es den »argentinischen Tango« bereichere. Doch mit lateinamerikanischer Folklore ist es nicht getan. Der Einfallsreichtum der Veranstalter kennt keine Grenzen: So kündigten sie die Wir-spielen-bei-jeder-linken-Großdemo-Band Rainer von Vielen oder den Musikkabarettisten Andreas Rebers an. Letzterer liefere »tanzbare Kapitalismuskritik« gegen »Doofheit und politische Manipulation« und steht bisweilen mit weder lustigen noch kritischen linken Volkstribunen à la Urban Priol auf deutschen Kabarettbühnen.
Headliner des letztjährigen Festivals war jedoch eine italienische Formation unter Leitung von Riccardo Tesi mit ihrem Programm Bella Ciao. Die Neuauflage eines in den 1960ern entworfenen Zyklus aus alten Arbeiter- und Partisanenliedern stellte zweifellos ein künstlerisches, vor allem aber ein ideologisches Highlight dar. Ungeachtet dessen, dass der Propaganda durch pathetische Arbeiterkampflieder kein Erfolg zu wünschen ist, hätten sich Kommunisten des vorigen Jahrhunderts zurecht dagegen gewehrt, dass ihnen nachträglich »Botschaften von Freiheit, Frieden und Bürgerrechten […] in unserer globalisierten Welt« angedichtet werden, wie es die Organisatoren des Festivals taten. Für die Besucher, welche, angesichts der Eintrittspreise von bis zu 34 Euro, wohl weniger der Arbeiter- als einer sich links fühlenden und gebenden Mittelschicht angehörten, bot sich so die willkommene Chance, sich ihren revolutionsromantischen Phantasmen zu überlassen.
Um es dem Publikum zu erleichtern, auf der Welle des Widerstands mitzureiten, wies man in der Ankündigung auf den Skandal hin, den die Uraufführung des Originalzyklus’ beim Festival Dei Due Mondi 1964 provozierte: Das konservative Bürgertum empörte sich damals so sehr ob der Inhalte, dass der künstlerische Leiter des Festivals zurücktreten musste und ein Sänger sogar des Landesverrats angeklagt wurde. Glücklicherweise kam es im Jahr 2017 zu keinen vergleichbaren Reaktionen. Die Einheitsfront der besserverdienenden Fair-Trade-Revolutionäre ging zufrieden nach Hause und auch die künstlerische Leitung der akkordeongestützten Weltoffenheitsinitiative durfte ungehindert weiterarbeiten. Dem subjektiven Gefühl der Gäste, nicht etwa Aushängeschild, sondern Gegner der heutigen Staatsräson zu sein, tat dies gewiss keinen Abbruch.          [pse]

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Kaum etwas sagt mehr über die Asozialität ostdeutscher Gesinnung aus, als der Umgang mit vermeintlichen oder tatsächlichen Regelübertretern. Besonders asozial reagieren Zonenbewohner bei Vergehen im Straßenverkehr. Wer schon einmal im Osten mit dem Fahrrad den Fußweg nutzte, ist vielleicht in Kontakt mit – oft älteren – Männern getreten, die einem unumwunden Vernichtungswünsche entgegenbrüllen. Einige Autofahrer treten erst recht aufs Gaspedal, kommt ihnen ein Fahrradfahrer in einer Einbahnstraße entgegen. Und wenn eine Ampel bei dunkelgelb oder eine durchgezogene Fahrbahnlinie überfahren wird, reizt das einige Verkehrsteilnehmer so sehr, dass sie den Verkehrssünder an der nächsten Ampel selbst zur Rechenschaft ziehen wollen.
Mitte November des vergangenen Jahres wurde bekannt, dass ein besonders engagierter Regelschützer die Ärmel hochkrempelte und vermeintliche Falschparker auf seine Weise bestrafte. Er zerstach in Halles Innenstadt einem Auto sämtliche Reifen. Der Täter hinterließ am Fahrzeug einen Aufkleber mit der Aufschrift, man solle nicht auf Fußwegen parken. Bei weiteren Autos beließ es der Aktivbürger, der von Augenzeugen als ein 50-jähriger Mann beschrieben wurde, bei einer schriftlichen Verwarnung und brachte lediglich die Aufkleber an. Wahrscheinlich beschwingt von der erfolgreichen Selbstjustiz gab sich der ehrenamtliche Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit dieser einen Aktion nicht zufrieden. Da er nur einen Autofahrer deutlich darauf hingewiesen hatte, was passiert, wenn man sich nicht an die Regeln hält, wurde vermutlich derselbe Täter am Folgetag erneut aktiv. Dieses Mal zerstach er sage und schreibe 21 Reifen an insgesamt 10 angeblich falsch parkenden Fahrzeugen. So regelt man das halt im Osten.  [are]

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