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Über „Feuchtgebiete“ und sabberndes Publikum.


Um mit einem Buch viel Geld zu verdienen, muss man sich schon etwas Besonderes überlegen. Ein bewährtes Rezept ist stets der Bruch angeblicher oder tatsächlicher Tabus, auf diese Weise dürfte die mediale Aufmerksamkeit sicher sein. Politische Tabubrüche sind allerdings eher out. Möllemann ist in Walhalla und Eva Herman arbeitslos. Dass Sex sells, ist zwar noch immer wahr, aber so richtig kann man damit niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. „Skandal-Autorin Charlotte Roche“ („Bild-Zeitung“) zeigt, wie es geht. Mit ihrem Roman „Feuchtgebiete“, in dem es um nichts als „Kacka-Sachen“ und „Muschizeugs“ geht, landete sie den großen Coup. Laut „Bild-Zeitung“ ist das Buch „eine Bibel für Eiter- und Muschischleimlecker, für Analsexisten [sic!] mit oder ohne ,Schokodip’“. Monatelang hielt sich das Werk auf den ersten Rängen der einschlägigen Bestsellerlisten. Wer im Frühling oder Sommer 2008 seinen Geburtstag feierte, bekam sicher den Roman geschenkt. Jedes Feuilleton im deutschsprachigen Raum lieferte mindestens eine Rezension des Werkes. Die Autorin tourte mit einer gut besuchten Lesereise durchs Land und das hallische „Neue Theater“ setzte den Plot in ein Theaterstück um. Bereits Monate vor der Urraufführung waren sämtliche Vorstellungen restlos ausverkauft.

Die Story ist schnell erzählt und unwichtig. Die 18-jährige Helen liegt wegen einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus und verliebt sich in einen Pfleger – Ende der Handlung. Was „Feuchtgebiete“ zum Kassenschlager macht, sind die Monologe, die sich um die Themen Masturbation, Sex, Sperma, Eiter, Hämorrhoiden und eben „Muschi“ und „Analfissur“ drehen. Je dreckiger das Erzählte ist, umso gieriger dürfte es vom Leser verschlungen werden. Um den Wenigen, die das Buch nicht kennen, zu verdeutlichen, worum sich der Hype dreht, hier einige Leseproben: „Bevor ich so eine Salbe hatte, hab ich mich im Schlaf so feste mit einem Finger am und im Poloch gekratzt, dass ich am nächsten Morgen einen kronkorkengroßen dunkelbraunen Fleck in der Unterhose hatte. So stark war der Juckreiz, so tief der Finger drin.“ Ob es Männer mit ihr ernst meinen, testet Helen mit ihrer Lieblingsstellung: „ich in Doggystellung, also auf allen vieren, Gesicht nach unten, er von hinten kommend Zunge in die Muschi, Nase in den Arsch, da muss man sich geduldig vorarbeiten, weil das Loch ja von dem Gemüse verdeckt wird. Die Stellung heißt ,Mit-Dem-Gesicht-Gestopft’“. Sexuelle Themen ließen sich auch erotischer beschreiben. Roches Schreibstil erinnert an 12-Jährige, die sich im Unterricht Zettelchen mit allerlei Schweinereien zu schieben. Der Autorin ist eine große Detailtreue wichtig und sie schreibt ganz „unverkrampft“ – wie sie selbst sagt – über Natürliches. Haarklein werden Intimrasur, Herumzupfen und Ertasten des Anus’ beschrieben. Das Literarische der Erzählung beschränkt sich auf eine infantile Beschreibung von Körperteilen, die einen an anderen Menschen nicht wirklich interessieren. Der besondere „Reiz“ ist hier natürlich die Protagonistin, die qua Geschlecht und Alter die Leser zu Phantasien einlädt. Man stelle sich vor, dass nicht Charlotte Roche ein Buch über die Intimbereiche einer 18-Jährigen geschrieben hätte, sondern Peter Sodann eins über die Hämorrhoiden eines 70-jährigen Meckeropas. Die Behauptung, dass man es gut finde, dass solche „Kacka-Sachen“ mal laut und unverkrampft ausgesprochen werden, würde man dann ganz sicher nicht hören.

Das Theaterstück als inszenierte Langeweile

Die Regisseurin Christin Friedrich, die „Feuchtgebiete“ am „Neuen Theater“ inszenierte, kündigte im Vorfeld an, dass das Stück „tabulos, aber nicht pornografisch“ sein werde. Da allerdings nicht einmal Pornografie wirklich tabuisiert ist – jeder 16-Jährige hat mindestens 20 Gigabyte Pornos auf seinem Computer –, wird die Ankündigung eines „tabulosen“ Stückes zur Farce. Und tatsächlich klingt die folgende Aussage der Regisseurin nicht nach heiklem Stoff, sondern eher nach einer netten Alternative zum Monopoly-Spielen: „Ich habe es [das Buch] mit meiner Tochter und meiner Mutter gelesen und wir haben alle sehr gelacht“.

In einem Stern-Interview verklärt die Regisseurin die Lektüre als „rasend kluge[n] Stoff zu einem gesellschaftlichen Diskurs über die Abwesenheit oder die ziemlich totale Anwesenheit des Körpers. Es ist eine rasante Körperfibel geworden, nahezu ein Volkskundebuch – eine Million Mal gelesen.“ Der „rasend kluge Stoff“ schreit geradezu nach einer Inszenierung. Friedrich entwarf mit sieben Schauspielern, allerlei roter wie brauner Farbe, viel Gematsche und „Stöckchenspiele[n] für Frauenversteher“ („Bild-Zeitung“) ein Bühnenspiel. Ziel ist laut der Spielleiterin, dass „die Körperreise von Helen Memel erlebbar wird“. Es gehe darum, „zu organisieren, dass man das Erlebnis von Schmerz, von Berührung, von Onanie teilbar [!] macht“. Was auch immer das heißen mag, das Stück kam jedenfalls an. Die „Bild-Zeitung“ zitierte eine 31-jährige Theaterbesucherin, die das Stück „so mutig, so intensiv“ fand. Ein etwas älteres Paar changierte zwischen den mehr oder weniger zusammenhängenden Polen „Ich bin geschockt!“ und: „Es war wunderbar, einfach wunderbar. So intim!“ Das Stück wurde erwartungsgemäß – zumindest beim hallischen Publikum – ein großer Erfolg. Es gab nach der „harmlose[n] Uraufführung“ des Stückes schließlich „viel Applaus für die Schmutz-Madonna und ihre Mitbesudler“ („Bild-Zeitung“).

Amüsant dagegen muten die Gedanken Cosima Lutz´ in der „Welt“ an, die sich mit der, wie sie schreibt, „Arroganz des Hauptstädters in die Provinz“ begab, um sich allerlei über Analfissuren und Hämorrhoiden als Theaterperformance anzusehen. Für sie liege daher die Metapher von der Reise zum „Arsch der Welt“ nahe. Wie recht sie hat! Lutz war auch die Einzige, die das Spielchen der Regisseurin durchschaute. Ihr Fazit: „Alles ein bisschen verrückt! Kreativ-Kindergeburtstag! Mit Farbe und Blättern und Dreck und Herumtoben und lautem Durcheinanderreden!“

Warum aber der Hype?

Was ist nun das Interessante an einem Buch, das u.a. „von Eiter und einer prall gefüllten Wundwasserblase, die aus dem Poloch raushängt“, erzählt? Der Inhalt bietet jedenfalls keinen Tabubruch oder Skandal. Ein Skandal ist erst einer, wenn jemand etwas skandalisiert. Dies blieb im Fall des Roche-Buches aus. Nicht einmal die Kirchen protestierten massenhaft gegen „Unsitte“ und „Unmoral“. Das Buch, das immer wieder als „umstritten“ bezeichnet wird, ist es an keiner Stelle. Alle, die „Feuchtgebiete“ den Stempel Skandal aufdrückten, taten dies eher wohlwollend und rechtfertigend. Der Inhalt wurde zwar vielfach als „eklig“ bezeichnet, der Autorin aber gleichzeitig stets „Mut“ bescheinigt. Sogar eine stockkonservative Provinzzeitung wie die „Augsburger Allgemeine“, die nicht unbedingt für ihren offenen Umgang mit Sexualität bekannt ist, konnte ihre Finger nicht von Helen lassen und interviewte Roche. Welche Bedürfnisse erfüllte der so überaus erfolgreiche Roman?

Sein Inhalt wirkt wie zugeschnitten auf ein männliches Publikum, das sich geifernd die diversen Körperöffnungen der 18-jährigen Protagonistin vorstellt. 50-jährige LKW-Fahrer, die sonst weniger als Leseratten bekannt sind, wurden nun Freunde der Belletristik. Auch Frauen dürften das Buch kaum aus literarischem Interesse gelesen haben, als vielmehr aus einer Mischung aus Infantilität, Schlüpfrigkeit und Verklemmtheit. Jeder, der mal bei einer Betriebsfeier von Krankenschwestern – gleich welchen Alters – im Bowlingcenter zugegen war, kennt pubertären und fäkalen Humor weiblicher Provenienz. Gerade die Älteren haben häufig weder Scham- noch Ekelgrenzen. Humor ist schließlich die gesellschaftsfähigste Form von Anal- und Genitalfixierung, die auch gern und häufig gepflegt wird. Schlüpfrige Bemerkungen und sexuelle Anspielungen sind bei weitem nicht auf Kinder und Pubertierende begrenzt. Die immer wieder gern zitierte Redewendung „je oller, je doller“ bringt das Ausmaß dieser Widerwärtigkeit – unbeabsichtigt treffend – auf den Punkt. Dass ältere Männer gerne einmal triebhaft und übergriffig sind, weiß fast jede junge Frau. Doch auch Frauengruppen in Saunen sind meist nicht minder distanz- und schamlos als ihre männlichen Konterparts.

Die Befreiung der Sexualität

Sex ist schon längst kein Tabu mehr, sondern in den Alltag integriert. Roches Erfolg dürfte letztlich darauf zurückzuführen sein, dass das Erzählte gerade kein Skandal ist, sondern genau das ist, was die breite Masse lesen, hören und sehen möchte. Triebe müssen nicht mehr, wie vor 100 Jahren, repressiv unterdrückt werden. Die „sexuelle Revolution“, die die Studentenbewegung in den 60ern und 70ern tatsächlich durchsetzte, führte zu einem weniger verkrampften und offeneren Umgang mit Sexualität in der Öffentlichkeit. Auch die Funktion der Familie war großen Veränderungen unterworfen. Für den Vater, der für die Produktion entbehrlich wurde, gingen die ökonomischen und gesellschaftlichen Umbrüche mit einem Bedeutungsverlust in der Familie einher. Er war nicht mehr der starke Familienpatriarch, der von seinen Kindern autoritär Triebverzicht verlangen konnte: Weder konnten sie einsehen, wofür das gut sein sollte, noch hatte der Vater die Macht dazu in den eigenen vier Wänden. Er, der sich zwar immer noch als der Hausherr aufführte, war innerhalb der Familie nun nicht mehr der Mittler der Gesellschaft; er war vielmehr zur Karikatur seiner vergangenen Rolle geworden. Eine Witzfigur, die meckernd vorm Fernseher sitzt und die keiner ernst nimmt. Der Ödipus-Konflikt kann folglich nicht mehr in der Art und Weise zustande kommen, wie Freud ihn beschrieben hat. Die in der Vergangenheit abverlangte Verinnerlichung der Triebunterdrückung, durch die sich ein autonomes Über-Ich überhaupt erst entwickeln konnte, gibt es nicht mehr. Die Menschen werden weniger durch das eigene Gewissen geleitet sondern eher von außen. Marcuse schrieb 1967 im „Veralten der Psychoanalyse“ über diese Entwicklung: „Die Sexualmoral ist in hohem Maße liberalisiert worden; außerdem wird Sexualität als kommerzieller Anreiz, gesellschaftlicher Aktivposten und Statussymbol propagiert“. Die Triebunterdrückung hinterließ beim Einzelnen Wunden, hatte aber eine Sprengkraft zur Folge, die es nun nicht mehr in dieser Form gibt.

Die Befreiung der Sexualität ist eine neue Stufe der Befriedung des Subjektes in der kapitalistischen Welt. Die autoritäre Einschränkung der Sexualität in früheren Zeiten, so Marcuse, „legte Zeugnis ab von der Tiefe des Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft, das heißt von dem Ausmaß, in dem Freiheit unterdrückt war.“ Nun wird diese Repression selbst verdrängt: „die Gesellschaft hat nicht die individuelle Freiheit erweitert, sondern ihre Kontrolle über das Individuum. Und diese Zunahme sozialer Kontrolle wird nicht durch Terror, sondern durch die mehr oder weniger nützliche Produktivität und Leistungsfähigkeit des gesellschaftlichen Apparats erreicht“ (Marcuse). Für diese Entwicklung war die 68er-Bewegung mit ihrem Ruf nach sexueller Befreiung zwar nicht die Ursache; sie beschleunigte aber diesen Prozess, der eben nicht zu einer Emanzipation führte. Der Erfolg des Romans und die Reaktionen die er nach sich zog sind also Ausdruck einer Entwicklung, die Sexualität zunehmend aus dem Verborgenen reißt. Das Neue am Phänomen Roche ist nicht der offene bzw. öffentliche Umgang mit Sexualität, sondern die Fixierung auf Körperstellen und -flüssigkeiten, die sonst eher wenig detailliert ausgeschlachtet werden. Die letzte Privatsphäre und der letzte Rest von Scham gehen zugunsten eines öffentlichen Zugriffs auf Körperregionen abhanden. Das Verlangen nach solcher Lektüre ist, wie man an Roches Erfolg sehen kann, riesengroß. Dass eine infantile Regression nicht nur bei sexuellen Themen zu beobachten ist, weiß man spätestens seit dem Erfolg des Kinderliedes „Schnappi, das kleine Krokodil“. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung von „Feuchtgebiete“ amalgamieren kindisches Verhalten und der Ausverkauf des Körpers. Folgerichtig faselt ein Autoren-Trio im „Stern“ in dem Artikel „Die Zotenkönigin von Muschiland“ (April 2008) von einem „Super-Girl im Pipi-Kaka-Land“, damit haben sie wohl den Infantilitäts-Vogel abgeschossen.

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