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Archive for the ‘Zeitung’ Category

Connewitz geht wählen

»Staat, Nation, Kapital – Scheiße!« Diese allseits bekannte Parole, die sich irgendwo zwischen AJZ-Toilettenlyrik und inhaltsleerer Demoplattitüde bewegt, gilt in Connewitz ungebrochen als Kiezräson. Ähnlich wie Kirchgänger die Trinität als Säule ihres Glaubens beschwören, muss sich die linksradikale Szene in Leipzigs Süden täglich aufs Neue ihrer Ablehnung dessen versichern, was im Szenejargon gerne als »Verhältnisse« zusammengeschmissen wird. Deshalb begegnet man diesem und ähnlichen Aussprüchen auf den Straßen von Connewitz fast so häufig wie Kronkorken, Zigarettenstummeln und umherstreifenden Hunden.
Eine Prozession von Anhängern der linken Dreifaltigkeit ließ sich an einem Sonntag im September letzten Jahres beobachten. Aufgeplusterte Sportgruppenantifas, Crustpunks mit allerlei Anarchiesymbolen, mehreren Hunden pro Person und einer beachtlichen Menge Sternburg Export als Wegration sowie alle übrigen Gestalten des Connewitzer Klüngels strömten in eine Richtung. Entgegen aller naheliegenden Vermutungen versammelte man sich jedoch nicht, weil sich eine Handvoll Neonazis in den Kiez verirrt hatten oder die Polizei einen Wagenplatz räumen wollte, dessen Feuertonne gegen Brandschutzauflagen verstieß. Stattdessen traten die selbsterklärten Gegner von Staat, Nation und Kapital in bester staatsbürgerlicher Manier den Weg zum nächstgelegenen Wahllokal an. Die Dichte von Aufnähern, Politbuttons, Shirts sowie sonstiger Ober- und Untertrikotage, die ihre Träger als Feinde des Status quo auswies, während sie sich als aufrechte Demokraten bewährten, ließ leicht glauben, in einem Monty Python-Sketch gelandet zu sein.
Mit der Gegnerschaft zum Staat – auch liebevoll »das Schweinesystem« genannt – nimmt man es unter radikalen Linken in Leipzig ohnehin nicht so genau. Der Kampf gegen »Rechts« bzw. alles und jeden, der für wackere Antifas irgendwie als Nazi durchgeht, ist nicht nur das liebste Hobby der Szene, sondern auch Staatsräson der Berliner Republik. Selbstverständlich ist das Leben in Sachsen jenseits urbaner Inseln nicht sonderlich schön. Besonders für Menschen, die in der Dorf- oder Kleinstadtgemeinschaft anecken, kann es zu einem regelrechten Spießrutenlauf werden. Wer allerdings glaubt, dass eine beherzte Stimmabgabe irgendetwas an den Scheußlichkeiten auf dem platten Land ändert, verweigert sich der Realität. Den durchschnittlichen AfD-Wähler zwischen Delitzsch und Görlitz wird es wohl wenig beeindrucken, dass das ihm sowieso verhasste Connewitz weiterhin »rot« wählt. Gleichzeitig steht derzeit nicht die Machtübernahme der AfD über den Szenekiez bevor. So wenig relevant die Wahlergebnisse des Leipziger Südens also sind, so wenig hat die szeneinterne Selbstverpflichtung zum antifaschistischen Wählen überhaupt Einfluss auf diese – selbst dann, wenn ihr alle Angesprochenen folgen würden, fielen sie kaum ins Gewicht. Der Gang zur Urne erfüllt für die angeblichen Staatsfeinde einen ganz anderen Zweck: Er dient ihnen als moralische Selbstversicherung, besser gehandelt zu haben als jene, die ihre Stimme einfach nicht abgaben.           [dab]

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Der Azubiflüsterer

Halle hat einen neuen Preisträger. Ein lokales Friseurunternehmen gewann den Wettbewerb »Beste Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt«. Ausgerichtet wurde der Landeswettbewerb vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration in Zusammenarbeit mit »Great Place to Work«, einem Unternehmen, das Arbeitgeber bei der Gestaltung eines attraktiven Arbeitsplatzes berät. Zur Auszeichnung gratulierte herzlichst Thomas Keindorf, seines Zeichens Landtagsabgeordneter der CDU und Präsident der Handwerkskammer Halle. Er freute sich: »Neben Innovation, Loyalität, Wertschöpfung und Offenheit zeichnet sich das Unternehmen dadurch aus, dass die Bedürfnisse der Mitarbeiter und Auszubildenden in den Mittelpunkt gestellt werden«.
Heißt das etwa, dass man bei diesem Friseur einen Lohn erhält, von dem es sich leben lässt? Vielleicht sogar schon während der Ausbildung? Bekanntermaßen hat man in dieser Zeit trotz Vollzeitjob oft kaum Geld zur Verfügung. In Westdeutschland lag das Durchschnittsgehalt von Friseurlehrlingen 2017 bei gerademal 522 Euro – im Osten fällt es häufig noch deutlich geringer aus, mancher Azubi arbeitet für weniger als 200 Euro monatlich. Dem Azubiflüsterer Keindorf ging es allerdings gar nicht darum, wie viel das ausgezeichnete Unternehmen zahlt. Ihm gilt es nicht als »Bedürfnis der Auszubildenden«, mehr als nur ein Taschengeld für die tägliche Schinderei zu bekommen. Denn er fuhr fort: »Die Persönlichkeit eines Unternehmers fällt auch bei der Entscheidung junger Menschen für eine Berufsausbildung stärker ins Gewicht, als es die politischen Debatten über einen staatlich verordneten Ausbildungs-Mindestlohn suggerieren.« Ein attraktives Arbeitsumfeld dient dem Handwerkslobbyisten dazu, die Kritik an der gemeinhin schlechten Bezahlung von Lehrlingen wegzufrisieren – natürlich ganz in deren Interesse. Wenn es um Ausbeutung und ihre Rechtfertigung geht, hält man in der Provinz überraschend gut mit dem Zeitgeist mit.
Rundum nachvollziehbar ist es, dass junge Menschen ihre Ausbildung in einem Betrieb absolvieren möchten, in dem ein angenehmes Klima herrscht, sie ernst genommen werden und wirklich etwas lernen. Wir sind uns aber sicher, dass sich die Auszubildenden nicht nur für die Persönlichkeit ihres Chefs interessieren, sondern wesentlich für ihr Gehalt. Gegen eine Ausweitung des Mindestlohnes auf die Ausbildungszeit hätten sie gewiss nichts einzuwenden. Deshalb, lieber Herr Keindorf, achten Sie beim nächsten Friseurbesuch besser darauf, nicht an einen Lehrling zu geraten, der Ihnen aus Loyalität zu seinen Azubikollegen die Haare besonders schön schneidet.              [pse]

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Martin-Antisemit-Ring

Um es vorwegzunehmen: Über die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (die PARTEI) wurde schon fast alles gesagt (vgl. Bahamas, Nr. 77). Was sie unter Satire versteht, ist eine Melange aus Kleinkindhumor und Witzen, die unter die Gürtellinie gehen. Die PARTEI, die aus der Zeitschrift Titanic hervorgegangen ist, steht derzeit mehr für das neue Deutschland als irgendeine andere Partei: Dem Islam wird viel Verständnis entgegengebracht, und die größten Feinde sind Nazis, gegen die man Mordphantasien plakatiert – auf Wahlplakaten lautete es: »Hier könnte ein Nazi hängen« – und dafür vom linken Mainstream beklatscht wird. Auch die hallische Ortsgruppe steht dem in nichts nach. Antisemiten erkennen sie nur, wenn der Stempel ganz groß aufgedruckt wurde. Im vergangenen Sommer protestierten sie etwa mit dem Nachwuchs anderer Parteien (Jusos, SDS.Die Linke) gegen ein Konzert der Söhne Mannheims in Halle. Die deutschen Sprechsänger, deren Frontmann Xavier Naidoo schon lange für verschwörungstheoretische und antisemitische Texte bekannt ist, und der offen mit Reichsbürgern sympathisiert, hatten kurz zuvor den Song Marionetten veröffentlicht, für den sie öffentlich heftig kritisiert wurden. Daran schlossen die PARTEI-Satiriker an, demonstrierten gegen das Konzert in Halle und benannten Mannheims Söhne als Antisemiten. Geht es jedoch um Israel, will man nirgends Judenhass erkennen können.
Anlässlich des Reformationsjubiläums reichte die Leipziger PARTEI-Sektion eine Petition ein, die forderte, den Straßennamen des Martin-Luther-Rings in Martin-Sonneborn-Ring zu ändern. Als Grund wurde Luthers Haltung zu den Juden genannt. Die hallische PARTEI warb auf Facebook dafür, die Petition zu unterschreiben. Eine Nutzerin kommentierte den Appell: »Wieso? Es ändert sich doch wenig, wenn man sich Sonneborns Reaktion auf Gabriels Israelbesuch ansieht. Bleibt doch Martin-Antisemit-Ring«, und spielte damit auf Sonneborns Kommentar zum Treffen Gabriels mit zwei NGOs in Israel an, die sich mit ihrer Arbeit gegen den Staat verschrieben haben. Zur Erinnerung: »Lustig, zum ersten Mal sind meine Sympathien fast überwiegend auf Sigm. Gabriels Seite… Ich würde Netanjahu mit ein paar Planierraupen besuchen, ihm das Wasser abstellen und ihn ein bisschen anderweitig demütigen«, schrieb Sonneborn. Die PARTEI-Vertreter aus Halle verteidigten ihren großen Vorsitzenden auf Facebook bei diesem Thema ganz unsatirisch, und pochten auf ihr Menschenrecht, Israel kritisieren zu dürfen. Was sie unter Kritik verstehen – neben Sonneborns Wunsch, Israel plattzuwalzen –, führten die Hallenser mit Vorliebe für graue Anzüge gleich vor. Ihre Einlassungen bestanden aus Beschimpfungen (»Arschgeigen der Hamas«, »›Bibi‹ ist ein Trottel«) und dem Abwiegeln, dass beide Seiten nicht dufte seien, da man weder eine »rechte Regierung« in Israel, noch die Hamas bzw. Fatah möge. Viel macht die selbsternannte Kritik nicht aus, werden doch nur Zu- und Abneigungen ins Feld geführt. Eine geschmäcklerische Sympathiebekundung (»dem schönen Staat Israel und seinen wunderbaren Bewohnern gehört unsere ganze Sympathie und Unterstützung«) durfte nicht fehlen, denn die PARTEI steht natürlich an der Seite des israelischen Volkes – auch wenn es mehrheitlich eine »rechte Regierung« gewählt hat, die man nicht leiden kann. Bevor das Statement mit einem jüdischen Witze endete – so billig will man demonstrieren, auf der Seite der Guten zu stehen –, wurde noch auf Jitzchak Rabin verwiesen, der nicht von einem »bösen Araber«, sondern »von einem rechtsextremen Bürger Israels« getötet wurde. Die Israelkritik der PARTEI ordnet sich in ihren Kampf gegen Rechts ein, und dagegen kann ja niemand etwas haben. Mit ihrer Positionierung schwimmen die hallischen PARTEI-Mitglieder ganz oben auf der (nicht nur) deutschen Welle. Israelkritisch zu sein, ist so sehr in Mode, dass der Duden das Wort 2017 aufnahm. Ein Novum, findet man doch für kein anderes Land der Welt ein Pendant im deutschen Wörterbuch.                [finow]

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Kleingeisterei

Keine Frage: Wir leben in gruseligen Zeiten. Die epidemische Tendenz, dass sich niemand mehr selbst ernst nehmen will, berechtigt zur Sorge. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür war eine »antifaschistische Kostüm-Demo«, die am 31. Oktober 2017 in Leipzig stattfand. Unter dem Namen »Welcome to Helloween – Faschist*innen das Fürchten lehren!« mobilisierte die dortige Gruppe Antifaschistische Herzigkeit – ihr Name ist selbst Ausdruck der zunehmenden Verkitschung von Antifa – »alle kleinen und großen Geister, alle Spukgeplagten und alle Mutigen« zur »bunte[n] Bambule«. Nicht ganz zufällig dürfte der Name des lustigen Umzugs an den der Anti-G20-Demonstration »Welcome to Hell« angelehnt sein. Die Szene-Selbstreferenz demonstriert die eigene Nähe zu Kulturindustrie und PR-Agenturen, die weit über das Verwursten des Halloween-Festes hinausgeht. Gegenüber diesem Marketingvorteil offensichtlich nachrangig war die Frage, ob man für eine als »kinderfreundlich« betitelte Veranstaltung wirklich Anleihen bei einem militanten Exzess nehmen sollte. Ihre große Sorge um das Wohl der Sprösslinge bewiesen die Organisatoren allerdings durch die Bitte an alle Teilnehmer, die »kleinen Geisterlein« durch »schaurige Kostüme und Gruselschminke […] nicht allzu sehr zu erschrecken.« Auf die Idee, dass es für Kinder möglicherweise viel erschreckender sein könnte, nachts inmitten eines im Gleichklang stumpfe Parolen grölenden Mobs unterwegs zu sein, kamen sie hingegen nicht. Schließlich können die Kleinen nicht früh genug lernen, wie sich aus jedem Anlass für eine private Feier auch ein politisches Happening machen lässt. Neben dem Spaß unter Freunden bietet es nämlich obendrein ein gutes Gewissen.
Doch nicht nur für Kinder drohte der Abend ein schlimmer zu werden. Der Aufruf zum antifaschistischen Gespensterjagen eignete sich weniger, »völkische[n] Geister[n] das Fürchten [zu] lehren« als vielmehr seinen Lesern. Einerseits kann das Anliegen der Gruppe, die »höllischen Zustände hier auf Erden« zu ändern, ja doch nicht so wichtig sein, wenn man den Text auf Facebook mit zahlreichen witzigen Geister- und Teufel-Emojis versieht. Andererseits ergeben die Icons mehr Sinn als das Leipziger Antifa-Allerlei. So wollte man »gruseln und spuken und menschenfeindliche Ideologien in das Geisterreich verbannen, in das sie gehören.« Ideologien sollen also nicht mehr, wie bei fast jeder Antifa-Demonstration gefordert wird, nur »raus aus den Köpfen«, sondern gleich ins Jenseits befördert werden. Währenddessen dürfen ihre realen Bedingungen, um die es im Text natürlich mit keinem Wort ging, wie immer gerne bestehen bleiben. Das ist nur zu verstehen, wenn man bedenkt, dass »faschistische Einstellungsmuster mit den Ketten rasseln« – man kennt sie, die mit schweren Stahlketten rasselnden Einstellungsmuster. Zu klären wäre indes, ob es heute auch noch Einstellungen gibt, die ohne Muster zu Rande kommen dürfen.
Weiterhin wollten die Verfasser nicht zu konkret werden und »kein Standardbild der Hölle zeichnen, denn was uns Angst bereitet, ist genauso verschieden wie wir selber« – nur um dann doch einige abgedroschene Beispiele à la Naziaufmarsch und Abschiebung aneinanderzureihen. So schön lässt sich der Unwille verpacken, ein wenig den eigenen Kopf anzustrengen, um die Verhältnisse auf den Begriff zu bringen. Obwohl die Autoren nichts von ihnen verstehen, nahmen sie »diese realen Gefahren ernst«. Gleichzeitig stellten sie fest: »Eine Hölle gibt es aber, die wollen wir nicht ernst nehmen.« Welche? »Alte und neue Faschist*innen spinnen sie herbei.« In Leipzig ist es scheinbar Usus, dass Dinge anfangen zu existieren, wenn sie sich nur genug Leute einbilden – die Welt als Wille und Vorstellung.
Unter diesen Umständen wäre den Organisatoren in erster Linie zu empfehlen, sich selbst als vernunftbegabte Individuen vorzustellen, statt mit »Bäuchen voller Süßigkeiten […] unseren heiß geliebten kleinen Geist der Albernheit [zu] pflegen.« Dann hätten sie bemerkt, dass diese Formulierung nicht nur ein niedliches Spukgespenst, das gerne rumalbert und einen liebenswürdigen, zur Albernheit neigenden Teil der Psyche beschreiben kann, sondern noch etwas Drittes: alberne, kleingeistige Verfasser. Glücklicherweise interessierte geistiges Vermögen keinen der Demonstrationsteilnehmer. Die meisten von ihnen waren wohl gekommen, um einige der angekündigten Bonbons abzugreifen. Vielleicht überzeugten sie aber auch die zahlreichen Optionen, was man alles zur Schau stellen konnte: »Bringt eure gruseligsten Kostüme mit, funkelnde Laternen und gruselige Schilder. Sagt euren Freund*innen Bescheid und stimmt in schaurig-mutige Parolen ein.« Daran, dass die Schilder gruselig und die Parolen schaurig werden würden, konnte schon vor der Demonstration niemand zweifeln.     [pse]

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Als die Hogesa-Aufmärsche (Hooligans gegen Salafisten) vor vier Jahren stattfanden, war auch die Ackerfraktion des Halleschen Fußballprovinzklubs vertreten, um gegen die Bedrohung durch Salafisten anzutrinken. Erstmalig trug eine Gruppe ostdeutscher Rummelfaschos hier ein Shirt mit der Aufschrift »Brigade Halle Saale« zur Schau. Es handelte sich dabei um einen Zusammenschluss von Neo-Nazis und Alkoholikern. Heimisch sind sie im Plattenbauviertel Silberhöhe, wo überwiegend abgehängte und desillusionierte Menschen leben. Ihre Freizeitaktivitäten beschränken sich auf das Tyrannisieren von Romafamilien sowie das Sichten und Vernichten von billigem Fusel. Für dort lebende Menschen ging ein enormes Gefahrenpotential von der Schläger- und Säuferrotte aus. In ihrem deliriös bedingten Größenwahn unternahmen sie sogar den Versuch, sich zu organisieren und torkelten kontaktfreudig auf Nazi-Demonstrationen herum. Darüber hinaus wollten sie eigene Aufmärsche veranstalten, scheiterten aber meist daran, dass nicht genügend Ordner aufgebracht werden konnten, die der Auflage einer vorgeschriebenen Promillegrenze von Nullkommanichts nachkamen. Es wurden Demonstrationen oder Aktionen von ihnen angekündigt, die nie stattfanden oder kurz darauf wieder abgesagt wurden. Nur eine Bootsfahrt auf dem Mittelmeer hätte den Auftritt der Strategen aus der Platte in Sachen Lächerlichkeit übertreffen können.
Der 1. Mai 2017 in Halle bedeutete das endgültige Aus für die Brigade, denn hier bekamen sie trotz martialischer Ankündigungen im Internet gar nichts auf die Reihe. Zugegebenermaßen traf das auf jeden Kameraden zu, der an diesem Tag in Halle dem Arbeiterkampftag zu frönen gedachte. Besonders peinlich war es jedoch, am frühen Morgen so betrunken zu sein, dass der Weg zum Versammlungsort für die Mehrheit der Brigade-Anhänger ein unüberwindbares Hindernis zu sein schien. Nach diesem Debakel wurde es ruhig um die Brigade. Die Internetpräsenz nahm ab. Sogar die Antifas fanden plötzlich die sogenannten Nazi-Hipster von der Identitären Bewegung viel interessanter, so dass die Aufmerksamkeit für die Ein-Zahn-Kein-Zahn-Fraktion aus der Silberhöhe spürbar nachließ.
Zurzeit lassen sich kaum Lebenszeichen wahrnehmen. Durchforstet man die Internetseite Du bist Halle und achtet zugleich auf Signalwörter wie »rassistisch« und »betrunken«, dann lassen sich noch Beweise für ihre Existenz finden. So geschehen im letzten Jahr am 15. August, als zwei Brigadisten im Alter von 19 und 39 Jahren andere Menschen ausländerfeindlich beschimpften, mehrfach »Sieg Heil« brüllten und dabei Autos beschädigten. Beide Personen hatten gruppenspezifische Alkoholwerte von 2,5 und 4,8 Promille. Ein zweiter Frühling der Saufbrigade ist derzeit nicht zu erwarten. Von daher wünschen wir ihren Lebern: Rest in pieces!            [flp]

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Alle Jahre wieder versuchen in Halle Nazis eine größere Demonstration abzuhalten. Am 1. Mai 2017 war es wieder soweit. Das wirklich Spannende dabei: Auch das linke Dorf war da. Wir haben uns umgesehen.

Die hallischen Jusos zeigten sich ungewohnt kampfeslustig und wollten »Nazis wegschulzen!«. Ganz so, als würde sich der Heilsbringer aus Würselen nicht gerade anschicken, die verlorenen AfD-Seelen mit sozialdemokratischer Volksromantik zurück an den Tisch der guten Deutschen zu lotsen. Die Interventionistische Linke sah hingegen nun die Zeit gekommen, den Kapitalismus »durch offene und breite Bündnispolitik« zum Teufel zu jagen und behauptete angesichts der Frechheit der Nazis, den Kapitalismus als Feind des Volkes zu brandmarken, trotzig: »Antikapitalismus bleibt antifaschistisch!« Das war er – wie wir alle wissen – ja schon immer und der Nationalsozialismus eine antifaschistische Kaffeefahrt. Für solche Feinheiten aber hat die Interventionistische Linke längst vorgesorgt: Denn sie sei eine Organisation, die »lieber Fehler macht und aus ihnen lernt, anstatt sich im Zynismus der reinen Kritik zu verlieren.« Die regionale Antifa fuhr weite Teile dessen auf, was sie zu bieten hat und überbot sich mit Mobfotos, -videos und all den fachkundigen Gemeinheiten gegen die debilen Jungs aus der Platte und gewann am Ende deutlich mit 4:0. Einer der Höhepunkte waren dabei sicherlich die »coolen Girls«, die sich mit einer Reminiszenz an die Schlagworte der guten alten 1980er Jahre mit »Feminismus, Antifa – Nazis boxen ist doch klar« vermummt ablichten ließen und damit ihre uneingeschränkte Zugehörigkeit zum linken Sumpf demonstrierten. Die Fraktionen des hallischen Stadtrats erstellten ihrerseits in seltener Eintracht ein holpriges Papier, das zu Protesten gegen »die Partei ›Die Rechte‹, in der sich die Feinde der Demokratie neu sammeln und die in kein Parlament der Bundesrepublik gewählt worden« sei, aufrief. Nicht fehlen durfte darin der ahistorische Hinweis, dass die Nazis den bekanntermaßen seit 1933 arbeitsfreien 1. Mai »für ihre Ziele und völkische Hetze missbrauchen« würden. Die zwar einst demokratisch gewählten, aber seltsamerweise bei den hallischen Volksvertretern dadurch kaum mehr Ansehen erhaltenden »Nationalsozialisten«, seien es dann gewesen, die mit ihrem »mörderischen Nationalismus Europa und unser Land in die totale Katastrophe geführt« hätten. Ähnlich geschichtslos argumentierte der grüne Landtagsabgeordnete Sebastian Striegel, der vor laufenden TV-Kameras behauptete, dass »der erste Mai als Tag der Arbeit eigentlich von Solidarität« künde und es ein »infamer Versuch der Neonazis« sei, »sich auf diesen Tag immer wieder draufzusetzen.«
Die Leipziger Vertretung der bewegungslinken Linientreue, der es seit Jahren ums Ganze geht und die Zukunft aufrecht als »unwritten« tituliert, nahm den Naziauflauf zum Anlass, sich vorsichtig aus der Deckung zu wagen und u.a. Folgendes darnieder zu stottern: »Anstatt Menschen gegeneinander auszuspielen, wollen wir aus verschiedenen Situationen und Perspektiven für eine solidarische und selbstverwaltete Gesellschaft kämpfen. Deshalb haben wir auch kein Interesse an unvermittelbaren ›Drecksnest‹-Demonstrationen, die mit Spaßparolen wie ›Kühe, Schweine, Ostdeutschland‹ durch die Straßen Halles und Geras ziehen. […] An dieser Stelle wendet sich Kritik an den Verhältnissen in stumpfen Lokalpatriotismus.« Und weil sie nicht im Ansatz verstehen, was sie da vor sich hinschreiben, war es auch keine Überraschung, dass exakt jene Gang, die in den Strafexpeditionen in die ostdeutsche Provinz Lokalpatriotismus zu erkennen glaubte, am 1. Mai mit folgendem Transparent herumstolzierte: »Ossis gegen Nazis«. Wir empfehlen an dieser Stelle die Lektüre des zitierten Textes, weil er pars pro toto den erbärmlichen Zustand bewegungslinker »Gesellschaftskritik« zeigt und darüber hinaus offenbart, dass selbst die Klügeren in diesen Kreisen kaum in der Lage sind, auch nur halbwegs korrekte und am Ende irgendwie inhaltlich gehaltvolle Sätze aufs Papier zu bringen.
Unser erster Preis für die beste Performance bleibt trotz harter Konkurrenz aus der Messestadt aber diesseits der Stadtgrenzen und geht in den Halle-Neustädter Untergrund: Eine offenbar dort aktive linke Splittergruppe gestaltete liebevoll eine mehrere Meter lange, mit Hammer und Sichel verzierte Tapete und klebte sie öffentlichkeitswirksam an eine Wand zwischen 1-Euro-Shop, Trainingshosenmarkt und Arbeitsagentur: »1. Mai Halle/Saale: Kommunismus oder Barbarei«. Auch wir waren daraufhin kurz in Sorge, können unsere Leser aber beruhigen: Es ist Kommunismus geworden.

 

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Hans-Dietrich Genscher

Der ewige Hallenser
und das Nachleben
des Nationalsozialismus.

Der Ende März vergangenen Jahres verstorbene Hans-Dietrich Genscher wird von den Hallensern leidenschaftlich als einer der bedeutendsten Söhne der Stadt gefeiert. Seit seinem Ableben überschlagen sich die Saalestädter förmlich mit kreativen Ideen, wie der ehemalige Bundesaußenminister zu ehren sei. So schickte beispielsweise die Hallesche Verkehrs-AG einen Linienbus auf die Straßen, der nicht nur Genschers Namen trägt, sondern auch einen gelben Sitz, der an dessen gleichfarbigen Pullunder erinnern soll. Die City-Gemeinschaft Halle, ein Zusammenschluss diverser Innenstadthändler, ließ eben dieses Kleidungsstück auf ihrem jährlichen Lichterfest mit mehr als 15.000 Teelichtern nachbilden. Ein hallischer Trachtenverein – der Genscher 1991 zum »Ehrenschwager« ernannt hatte – kündigte an, einen Gedenksilberbecher anfertigen zu lassen. Hallische Numismatiker prägten dem Halleschen Geschichtstaler Genschers Konterfei auf. Alte Schulfreunde wurden durch die Lokalpresse geschleift. Und der Stadtrat beschloss, Genschers Gymnasium – das vor ihm schon Reinhard Heydrich besucht hatte – sowie den hallischen Bahnhofsvorplatz nach ihm zu benennen. Angesichts des nicht enden wollenden Gedenkkitschs blickt unser Autor Knut Germar auf die Politik des Ex-Luftwaffenhelfers zurück und geht der Ursache für Genschers Beliebtheit in Halle nach.

 

Um in Halle zum Ehrenbürger ernannt zu werden, sind drei Dinge nötig. Man sollte am besten in Halle oder Umgebung geboren worden sein wie Louis Jentzsch, Gustav Hertzberg und Carl Dryander. Schließlich hat es sich die Saalestadt in ihrer Provinzialität gemütlich eingerichtet und will dort auch nicht so schnell heraus. Es ist ebenfalls von Vorteil, der Staatsräson alle anderen Dinge unterordnen zu wollen, wie der Erstweltkriegsgeneral und spätere Rechtsaußen-Reichspräsident Paul von Hindenburg, der 1933 zum Ehrenbürger Halles ernannt wurde. Und es ist nützlich, NSDAP-Mitglied gewesen zu sein wie Adolf Hitler und Hermann Göring, denen 1933 und 1934 die hallische Ehrenbürgerwürde verliehen wurde.

Von der NSDAP zur FDP

Wer alle drei Punkte erfüllt, ist klar im Vorteil – so wie der im März 2016 verstorbene Hans-Dietrich Genscher: Er wurde in Reideburg, das inzwischen von Halle eingemeindet wurde, geboren, Genscher war die personifizierte Staatsräson, und er war Mitglied der NSDAP. Dieser Parteibeitritt war laut Genscher zwar eine Art Versehen, er selbst sei ohne sein Wissen in die Partei aufgenommen worden, so Genscher. Wer solche Erklärungen allzu unkritisch übernimmt, übersieht allerdings eilfertig, dass Genschers Parteiaufnahme nicht, wie gern behauptet, 1945 stattfand, als solche Verfahren teilweise üblich waren, sondern schon 1944, in einer Zeit, in der Sammelanträge weitaus unüblicher waren als im darauf folgenden Jahr. Wie dem auch sei: Nach 1945 trat Genscher in der SBZ zielstrebig ausgerechnet jener Partei bei, die als die sowjetkritischste der gesamten Zone galt: der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD). Selbstverständlich war die Sowjetunion nie ein Hort der Freiheit und des Glücks. Im Gegenteil. Wenn eine Partei jedoch nur kurz nachdem die Sowjetunion im Verbund mit den anderen Alliierten das Dritte Reich niedergerungen hat, wenn sie nur wenige Monate nach der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee ein strikt sowjetkritisches Programm entwirft, dann entsteht der Verdacht, dass der nationalsozialistische Antibolschewismus hier nur in veränderter Form fortgesetzt wird. Insbesondere dann, wenn sie sich recht bald auch für ehemalige Nazis öffnet. Auch die FDP, der Genscher nach seiner Flucht aus der DDR beitrat, war in den ersten Jahren der Bundesrepublik nicht zuletzt ein Sammelbecken für ehemalige NSDAP-Mitglieder. Liberalismus bedeutete in der Bundesrepublik dieser Jahre vor allem eine Laissez-faire-Haltung gegenüber ehemaligen kleinen, mittleren und ganz großen Nazis. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Selbstverständlich war Genscher nach 1945 kein Nazi. Sowohl an seiner Biographie als auch an seiner Politik lässt sich allerdings exemplarisch zeigen, was Theodor W. Adorno meinte, als er vom Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie sprach.

Liberale Traditionen

Bereits in den Weimarer Jahren herrschte in Deutschland jene verkehrte Welt, die hierzulande noch immer existiert: Die Linken vertraten Positionen, die zum Repertoire der Rechten gehören; die Konservativen erhoben Forderungen, die weniger mit dem traditionellen Programm des Konservativismus als mit den nationalrevolutionären Vorstellungen der Nazis gemein hatten; und die Liberalen der Deutschen Volkspartei (DVP) traten nicht wie ihre angelsächsischen Glaubensgenossen für eine Zurückdrängung des Staates, für ein Mehr an Bürgerrechten und die Rechte des Einzelnen ein, sondern für das Gegenteil. Ähnlich wie viele andere deutsche Parteien hatten auch die Liberalen in der Weimarer Republik einen entscheidenden Anteil daran, den mentalen Boden für den Nationalsozialismus zu bereiten. Fritz Bieligk, während des Zweiten Weltkrieges Mitglied der antideutschen Gruppe Fight For Freedom, brachte diesen Anteil 1943 folgendermaßen auf den Punkt: »In den Jahren zwischen 1918 und 1933 war […] die Deutsche Volkspartei […] der Exponent des aggressiven Nationalismus und hielt den Geist der Rache aufrecht. Ihre Politik zielte durchweg auf die moralische, politische und ökonomische Restauration des deutschen Militarismus, der deutschen militärischen Macht und proklamierte die Einheit des deutschen Volkes von der ›Linken‹ bis zur ›Rechten‹ im Kampf für ›Deutschlands Freiheit‹. […] Für Stresemann und die Deutsche Volkspartei war die ›Deutsche Freiheit‹ ein Synonym dafür, dass Deutschland sich von seinen feierlichen Zusicherungen, zur Reparation der Kriegsschäden beizutragen, auf die Wiederherstellung seiner militärischen Macht zu verzichten und die neue Regelung in Europa und die Souveränität aller europäischen Nationen zu respektieren, zurückzieht. Dieser so genannte Kampf für die ›Freiheit Deutschlands‹ unter der Führung Stresemanns war daher seit 1923 ein kontinuierlicher Angriff auf den Frieden in Europa, auch wenn Stresemann ihn als ›Politik der Verständigung‹ deklarierte. Stresemanns größter Erfolg war der Vertrag von Locarno. Durch diesen Vertrag wurde Deutschland wieder eine Weltmacht, und Deutschlands Staatsmänner zögerten nicht, diesen Wandel der Position Deutschlands einige der kleineren Staaten in der Welt sofort spüren zu lassen. Unter dem Deckmantel des Vertrages von Locarno konnten die Vorbereitungen der Aggressionen schneller vorangebracht werden. Heute wissen wir, dass das Tempo der heimlichen militärischen und ökonomischen Wiederaufrüstung Deutschlands in den Jahren 1924 bis 1929 nur noch unter von Papen und Hitler übertroffen wurde. […] Die Deutsche Volkspartei pflasterte den Weg zur Diktatur in Deutschland. Sie trägt die volle Verantwortung für die Zerstörung des wahren Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und der Würde des Menschen.«

Liberale Traditionspflege

Die entsprechenden Tendenzen bestanden unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nach 1945 fort. Ebenso wie der Nationalsozialismus die Differenzen zwischen den verschiedenen Klassen und Schichten durch die Verschweißung zum großen Mordkollektiv zum Verschwinden gebracht hatte, verschwanden nach 1945 auch die letzten nennenswerten Unterschiede zwischen den politischen Parteien. Noch weitaus stärker als in der Weimarer Republik – und deutlich stärker als in Ländern mit einer großen liberalen Tradition – bildete sich in der Bundesrepublik das heraus, was Johannes Agnoli als plurale Variante einer Einheitspartei bezeichnete: Die Unterschiede zwischen den Parteien reduzieren sich auf einige Differenzen in Detail-, Verfahrens- und Kleidungsfragen; einmal vorhandene (durchaus begrüßenswerte) Klientelpolitik – die Arbeiterparteien vertreten die Interessen der Arbeiterschaft, der Liberalismus das weltoffene Bürgertum usw. – verschwand zugunsten eines Eintretens für ein vermeintlich Großes und Ganzes: für Deutschland respektive den Staat. Nicht nur die Sozialdemokratie, von der aufgrund ihres traditionellen Staatsfetischismus’ und ihrer Obrigkeitshörigkeit ohnehin nichts anderes zu erwarten war, und der Konservativismus, der stets nur konservieren kann, was einmal da war, kehrten nach 1945 ihre miesesten, opportunistischsten und autoritärsten Potentiale hervor, sondern auch der Liberalismus. Von der Vorstellung des Einzelnen, der mit genügend Fleiß und Geschick zu seines Glückes Schmied werden kann, blieb bei der liberalen Agitation gegen die Ökonomie des Etatismus nur noch das Lob des blinden Schicksals. In der Regel – und mit Ausnahme einiger Wirtschaftsfragen – verwandelten sich die einstigen Freunde des Nachtwächterstaates sogar in Propagandisten der Staatsräson. Die unsichtbare Hand des Marktes wurde in der Vorstellung der deutschen Liberalen durch die sichtbare und harte Hand des Staates ersetzt. Das wurde nicht nur in Genschers Zeit als Bundesinnenminister deutlich, als der Überwachungsstaat deutlich ausgebaut wurde und die Befugnisse der Polizei, insbesondere des Bundeskriminalamtes, erweitert wurden. Die liberale Staatsvergottung – in anderen Ländern ein Paradox – fand ihren Ausdruck auch in einer der bekanntesten Initiativen Genschers vor der UNO: Auf Initiative des inzwischen zum Außenminister der sozialliberalen Koalition Ernannten nahm die UNO-Vollversammlung im Dezember 1976 eine Anti-Terrorismus-Konvention an, in der festgeschrieben wurde, dass auf die Forderungen von Geiselnehmern von staatlicher Seite auf keinen Fall einzugehen ist. Warum nicht mit ihnen verhandelt werden sollte, daran ließen Genscher und sein damaliger Vorgesetzter, Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), keinen Zweifel: Der Staat dürfe sich nicht erpressen lassen. Während z.B. Israel selbst mit den widerwärtigsten Terroristen verhandelt, wenn dadurch das Leben Einzelner gerettet werden kann, opferte die Bundesregierung Menschenleben um der Staatsräson willen. Ausgerechnet Genscher, ein vermeintlicher Anhänger des Liberalismus, jener politischen Strömung, die sich einmal Staatsferne, die freie Entfaltung des Einzelnen, seine Selbstbestimmung und die Absicherung seiner Rechte auf ihre Fahnen geschrieben hatte, war es, der das deutsche Vorgehen bei der Botschaftsbesetzung der RAF in Stockholm nachträglich rechtfertigte. Dort starben die Botschaftsangestellten Andreas von Mirbach und Heinz Hillegaard nicht allein aufgrund der Skrupellosigkeit der RAF. Sondern sie starben auch, weil das Bundeskabinett jede Verhandlung mit den Terroristen verweigerte und Art. 1, Abs. 1 des Grundgesetzes (»Die Würde des Menschen ist unantastbar«) in schlechter alter Tradition in »Die Würde des Staates ist unantastbar« verwandelte. Genscher war es, der mit seiner Initiative vor der UNO einen Vorgeschmack auf das Handeln der Bundesregierung während des Deutschen Herbstes gab, als die Bundesregierung ihren Kumpan Schleyer und den Lufthansapiloten Jürgen Schumann der Staatsräson opferte – und dieses Vorgehen zum Maßstab der internationalen Politik machen wollte. Am deutschen Wesen sollte wieder die Welt genesen.

Deutsch-Arabische Freundschaft

Obwohl Genschers Tätigkeit im Außenministerium aufgrund ihrer Orientierung an internationalen Organisationen gelegentlich als Bruch mit den bisherigen Prämissen der deutschen Außenpolitik gilt, brachen in ihr in kodierter Form altbekannte Politikmuster durch. In keiner deutschen Partei wurde und wird die traditionelle Verbundenheit zur islamischen Welt so intensiv gepflegt wie in der FDP: Unter dem Personal der einschlägigen Vereine wie der Deutsch-Arabischen Gesellschaft oder des noch von den Nazis gegründeten Nah- und Mittelost-Vereins finden sich überdurchschnittlich häufig Mitglieder der Freien Liberalen. Auch mit der traditionellen Feindschaft gegenüber den Juden wurde unter blau-gelb nicht gebrochen. Man richtete sich nun vielmehr in aktualisierter Form gegen den jüdischen Staat. So entsandte etwa Genscher 1979 seinen Adlatus Jürgen Möllemann zu Gesprächen mit dem damals noch international isolierten Terroristen Jassir Arafat in den Libanon, was in Israel mit erheblicher Verstimmung registriert wurde. Genscher, der 1972 als Innenminister den Einsatz einer israelischen Spezialeinheit zur Befreiung der Geiseln in München ablehnte, zögerte nach einer Flugzeugentführung wenige Wochen später keine Sekunde, die drei festgenommenen palästinensischen Terroristen freizulassen. Im Sommer 1984 war es dann wiederum Genscher, der als erster westlicher Politiker seit der Islamischen Revolution den Mullahs im Iran seine Aufwartung machte, was das Auswärtige Amt ebenso wenig wie das FDP-geführte Wirtschaftsministerium daran hinderte, Waffen und Giftgas im Wert vieler Millionen D-Mark an Saddam Husseins Irak zu liefern.

Der Geist Joachim von Ribbentrops

Auch in anderer Hinsicht finden sich in Genschers Außenpolitik deutliche Kontinuitäten zum einstmaligen Vorgehen der Wilhelmstraße. Als nach 1989 innerhalb der jugoslawischen Föderation Konflikte ausbrachen, knüpfte das deutsche Außenministerium an die Politik von Stresemann bis Ribbentrop an und setzte auf dem Balkan auf eine ethnisch grundierte nationale Selbstbestimmung. Gegen den Willen Amerikas, Großbritanniens, Frankreichs und der Mehrheit der EG-Länder unterstützte Genscher die Separationspläne der jugoslawischen Bundesstaaten. Während sich der amerikanische Botschafter in Jugoslawien monatelang darum bemühte, Kroatien und Slowenien von ihren Separationsplänen abzuhalten, drängte die deutsche Regierung hinter den Kulissen in die entgegengesetzte Richtung. Sie ermutigte Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina, die Föderation zu verlassen. Im Frühjahr 1991 hatten etwa zwischen kroatischen und serbischen Milizen wilde Feuergefechte stattgefunden, bei denen freilich niemand verletzt wurde, weil beide Seiten nur wütend und verzweifelt in die Luft feuerten. Die Hemmungen gingen erst verloren, als Deutschland der kroatischen Seite Verständnis für ihre Forderungen signalisierte und für den Ernstfall völkerrechtliche Anerkennung, militärischen Beistand, EG-Mitgliedschaft und D-Mark-Kredite versprach. Durch das deutsche Vorpreschen bei der Anerkennung Sloweniens und Kroatiens wurde sowohl der Zerfall Jugoslawiens als auch der mörderische Bürgerkrieg auf dem Balkan forciert, den die anderen EG-Staaten und Amerika durch ihre Kritik der slowenischen, kroatischen und bosnischen Separationsbestrebungen zu verhindern versuchten. Vor allem aber rückten in Genschers Balkanoffensive der Jahre 1991/92, wie von der unsichtbaren Hand Joachim von Ribbentrops geführt, auch die alten Zwillingsgeschwister Deutschland und Österreich wieder gegen Serbien, den alten gemeinsamen Feind aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, zusammen. Als Bündnispartner fungierten, als wäre die Uhr um 50 Jahre zurückgedreht worden, erneut die alten Waffenbrüder, Verbündeten und Hilfsvölker aus dem Balkanfeldzug der Jahre 1941 ff.: Kroatien und Bosnien.

In Halle, in Halle …

Das alles wird in Halle weder diskutiert, noch gerechtfertigt oder gar verteidigt. Verwundern kann das nicht. Schließlich geht es der hallischen Genscherverehrung weder um große Sympathien für die Person und Politik des ewigen Außenministers noch um eine besondere Zuneigung zur FDP, die bei einem Wahlergebnis von 4,2 Prozent mit lediglich zwei Sitzen im Stadtrat vertreten ist. Wenn Halle den Namen Genschers in den Mund nimmt, dann nur, um über sich selbst zu sprechen, so zum Beispiel, wenn der linke Stadtratsvorsitzende Hendrik Lange ihn kurz nach seinem Ableben in der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) dafür lobte, dass er »immer darum besorgt gewesen sei, die Stadt und ihre Schönheit nach außen bekanntzumachen« (Onlineausgabe vom 1. April 2016).
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel des hallischen Selbstgesprächs lieferte Detlef Färber, Lokal- und Kulturredakteur der MZ, nachdem der Stadtrat Mitte Dezember des vergangenen Jahres die Diskussion um die Genscher-Ehrung aufgrund mangelnder Dringlichkeit vertagt hatte. Mit dem Furor des Populisten – der an der parlamentarischen Demokratie nicht zuletzt die Langsamkeit ihrer Entscheidungsfindung verachtet – und sekundiert von zahlreichen Leserbriefen, deren Verfasser immer dann ein Problem mit der Demokratie haben, wenn demokratisch gewählte Gremien sich erdreisten, zu einem anderen Ergebnis zu kommen als sie selbst, polterte Färber: »Nicht dringlich?!« Der Stadtrat habe sich eine »Stunde des Kleingeists […] gegönnt« und es versäumt, »jene Peinlichkeit für Halle zu mildern, die seit dem Tod des halleschen Weltpolitikers […] täglich größer und spürbarer wird: Der Eindruck nämlich, dass sich ausgerechnet Genschers Heimatstadt schwer tut mit einem angemessenen Andenken des Mannes, der wie kaum ein anderer die Trennung Europas und damit die Nachkriegszeit friedlich zu beenden half. Und dem alles das nur mit seiner hallesch-gelassenen Geisteshaltung und Gesittung möglich war« (Alle Zitate Färbers aus der MZ vom 16. Dezember 2016; Hervorhebung K.G.). Man muss nicht nur ein besonders großer Geist sein, sondern auch völlig größenwahnsinnig, um überhaupt auf die Idee zu kommen, dass im Grunde die Stadt Halle Europa friedlich geeint und die Nachkriegszeit beendet hat. Färbers Großmannssucht ist jedoch keine individuell-pathologische, sondern Ausdruck eines zutiefst provinziellen Lokalpatriotismus, der seine eigenen Minderwertigkeitsgefühle dadurch zu kompensieren sucht, indem er sich seine unbedeutende Heimatstadt mit Hilfe Hans-Dietrich Genschers ins Zentrum der Weltgeschichte halluziniert. Dass damit auch immer autoritäre Bedürfnisse und Sehnsüchte verbunden sind, illustriert Färber, wenn er sich nach »diesem altmodischen Politikertyp, der doch um so vieles globalisierter war als heutige politische Meinungshelden«, zurücksehnt und schreibt, dass jemand wie Genscher »gerade in der heutigen, höchst angespannten politischen Lage so dringend nötig wäre«.*
Dass die Sehnsucht nach einem Führer im Kontext der Diskussion um die Genscherehrung in Halle keine individuelle Marotte eines MZ-Redakteurs ist, sondern vielmehr Blattlinie zu sein scheint, zeigte bereits Markus Decker in seinem Nachruf auf Genscher. Mit dem Unterschied, dass sich der Wahlzoni Decker weniger nach einem großen staatsmännischem Lenker durch die Krise sehnt, sondern Genscher als ostdeutschen Volkstribun feiert, der seine Herkunft nie verleugnet hat und den Wessis auch mal Paroli gab. Im Gegensatz zu »Kanzlerin Angela Merkel, die ihre Herkunft zuweilen verbirgt und im Übrigen in Hamburg geboren wurde« war Genscher nicht nur reinen Blutes sondern auch »stets als gelernter Ostdeutscher und damit letztlich als Gesamtdeutscher erkennbar«. Er war »mit dem Herzen« da und habe »der alten Heimat eine Stimme« gegeben, wenn nötig auch »gegen die Überheblichkeit des saturierten Westens«. (Onlineausgabe vom 1. April 2016)
Man würde den Hallensern sicher Unrecht tun, unterstellte man ihnen, sie würden in ihrer Mehrheit Angela Merkel als herzlose Ostvolksverräterin und die Stadt als Nabel der Weltgeschichte betrachten. Ihre Genscherverehrung dürfte in allererster Linie damit zu erklären sein, dass mit Genscher eine berühmte Persönlichkeit aus Halle kam, die man im Gegensatz zu den anderen hallischen Berühmtheiten tatsächlich nicht nur im Sendegebiet des Mitteldeutschen Rundfunks kannte. Damit stehen die hallischen Genscherfans nicht nur für die traditionelle Provinzialität dieser Stadt, sondern sie bestätigen zugleich das alte Sprichwort: In Halle werden die Dummen nicht alle.

Knut Germar

Unter Verwendung eines Flugblattes, das 2012 anlässlich der Feierlichkeiten zum 85. Geburtstag Genschers von der AG No Tears for Krauts in Halle verteilt wurde.

Anmerkung:

*    Dass Färber ganz generell ein Problem mit demokratischen Vorgängen zu haben scheint, zeigte er nicht nur, als er angesichts einer Diskussion im Kulturausschuss der Stadt – bei der wenigstens ein Abgeordneter im Falle einer Umbenennung von Genschers Gymnasium die damit verbundene Entscheidung gegen den Aufklärer Herder kritisierte und über Genschers reale Verdienste für die Stadt diskutieren wollte – als er von einer »verstörenden Argumentation« sprach. (Onlineausgabe der MZ vom 3. Februar 2017.) Er betrachtete auch die von linken Gruppen angestoßenen Proteste gegen die Einladung des Antisemiten Norman Finkelstein durch das Max-Planck-Institut in Halle als Teil einer »befremdlichen Entwicklung«. (Onlineausgabe der MZ vom 26. Januar 2017.)

Verwendete Literatur:

Johannes Agnoli: Die Transformation der Demokratie, Freiburg im Breisgau 1990.

Fritz Bieligk: »German Liberals«. Die Außenpolitik der deutschen Liberalen, in: Curt Geyer, Walter Loeb u.a.: Fight For Freedom. Die Legende vom »anderen Deutschland«, Freiburg im Breisgau 2009.

Thomas Maul: Der Staat fürs Leben oder Sterben für den Staat?, in: Bahamas 63/2012.

Wolfgang Pohrt: Der Durchbruch der deutschen Politik in die gleiche Richtung, in: Ders.: Das Jahr danach, Berlin 1992.

Redaktion Bahamas: Kritik und Parteilichkeit, in: Bahamas 48/2005.

 

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