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Archive for the ‘Redaktion’ Category

Als wir im Sommer 2013 die Bonjour Tristesse wiederbelebten, erklärten wir noch scherzhaft, dass sich die regionalen Verhältnisse derart verschlechtert hätten, dass sie nicht mehr auf ein Flugblatt passen würden. Was aber, wenn mittlerweile so viele Kurzmitteilungen anfallen, dass sie den Rahmen einer ganzen Ausgabe sprengen? Eine zweite Zeitschrift herausgeben, die sich allein der Rubrik »The same procedure … as every day« widmet? Das kam nicht in Frage, weil ein Heft ohne längere Texte uns keinen Spaß machen und die Leser schnell langweilen würde. Aber wohin mit den ganzen guten Kurzmitteilungen, für die in dieser Ausgabe kein Platz ist? Wohin mit dem Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts, der so gern mit dem Islamischen Staat ins Gespräch kommen wollte? Auch für das Orientinstitut war diesmal kein Platz, obwohl das Löschen eines Aufrufs zur Kundgebung gegen den iranischen Botschafter auf dessen Facebook-Seite einen anschaulichen Einblick in die ideologische Ausrichtung der dort Waltenden gab. Das eifrige Jungvolk des Sozialistisch-demokratischen Studierendenverbandes (SDS), das jedweder Kritik am Islam rassistische Motive nachsagt und darum im hallischen Studierendenrat obskure Verbotsanträge gegen den Arbeitskreis Antifaschismus einbrachte, wird in diesem Heft ebenfalls keine Erwähnung finden. Auch die Reaktion der Offenen Linken Liste auf den Verbotsantrag des SDS, die für gegenseitiges Zerfleischen sorgte, können wir leider mit keiner weiteren Zeile würdigen. Das gleiche Schicksal teilt Familie Griesbach. Die gebürtige Hallenserin Carola Griesbach flüchtete mit ihrem Mann und vier Kindern im VW-Bus vor den Zumutungen der »BRD-Diktatur«. Sie fürchteten den »Impfzwang«, die »Frühsexualisierung in Kindergärten«, die »Implantation von Mikrochips« und »Kinderklau« – tatsächlich stand das Jugendamt vor ihrer Tür – und beantragten Asyl in Russland. Da aber selbst der »lupenreine Demokrat« Putin (Gerhard Schröder) die Flüchtlinge aus Deutschland nicht haben wollte, kampierten sie mehrere Wochen in ihrem Kleinbus in Moskau. Unser Aufruf an alle Montagsdemonstranten und Aluhutspinner, es den Griesbachs gleichzutun, wird leider ungelesen bleiben.
Die Nachbarstadt Leipzig, die sich von Halle nur durch das Fehlen einer ernstzunehmenden Zeitschrift und die Anwesenheit eines großen Fußballvereins unterscheidet, musste aus Platzgründen ebenso ignoriert werden. Dabei hätte der diesjährige Kulturfasching der Messestadt so einiges hergegeben. Zu berichten wäre insbesondere über die absurden Rassismus- und Sexismusvorwürfe des Leipziger Studentenrates, der hinter der Verwendung von albernem Indianerschmuck den Diebstahl fremder Kultur witterte. Auch Rasenballsport Leipzig musste anderen Kurzmitteilungen weichen, obwohl das Klassentreffen der Zonenbands zur Aufstiegsfeier durchaus ein paar Zeilen wert gewesen wäre. Denn der Fußballverein, der so gar nicht ostdeutsch rüberkommen will, lud Bands wie Silly ein und zeigte sich dann erstaunt bis wütend, als die Zonenrocker mit den Trikots verschiedener Ossi-Vereine auftraten, die ihrerseits einzig der Hass auf den »Brauseklub« eint. Gern hätten wir auch noch eine Spitze gegen das enorme Interesse an der Vorführung des Films Pornographie und Holocaust gebracht und vorgeschlagen, zukünftige Veranstaltungen mit »Hitler, Terror, Ficken« zu betiteln, um ein noch größeres Publikum zu erreichen. Da jedoch bereits jene Widerwärtigkeiten nicht gedruckt werden konnten, die uns tagtäglich unmittelbar vor der hallischen Haustür entgegenschlagen, wird sich jemand anderes finden müssen, der zeigt, wie sächsisch geht.
In Halle zu wohnen heißt, in einer Stadt zu leben, wo Selbstverständlichkeiten, wie den Sitzplatz in der Straßenbahn für Menschen freizugeben, die ihn nötiger haben als man selbst, durch eine strenge mechanische Stimme angesagt werden müssen. Hier ist es kaum nötig, sich in Stadtviertel wie das Ronnyversum Halle-Neustadt oder die nicht einmal eine viertel Sternburgstunde entfernt gelegene Chantalaxy Silberhöhe zu verlaufen, um Ideen für Kurzmitteilungen zu bekommen. Das Waten durch den linken Sumpf der Stadt reicht bisweilen aus. Uns bleibt am Ende nur, eine Auswahl zu treffen und die Autoren, deren Texte nicht veröffentlicht werden, mit einem Schluck aus der Pfeffiflasche des Peter-Sodann-Preises zu trösten, dessen Abnehmer in dieser Ausgabe endlich bekanntgegeben wird. Wir hoffen, der Gewinner sieht es uns nach, wenn von der Flasche schon etwas abgetrunken wurde.

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