Die „Internationale Bauausstellung Stadtumbau Sachsen Anhalt 2010“ (IBA) organisierte in den letzten zehn Jahren 19 Stadtentwicklungsprojekte in Sachsen-Anhalt. Vergangenes Jahr endete die „IBA“-Sachsen-Anhalt. Der offizielle Slogan „Weniger ist Zukunft“ erinnerte unweigerlich an die Phrase „Scheitern als Chance begreifen“, mit der Insolvenzverwalter und Betriebsleiter die Belegschaft auf ihre Kündigung einstimmen. Ähnlich sarkastische Qualitäten besaßen auch die einzelnen Standortthemen. Für Halberstadt lautete das Thema „Kultivierung der Leere“, für Merseburg „Neue Milieus – Neue Chancen“ und für Stendal – verdächtig deskriptiv – „Zentraler Ort im ländlichen Raum“.
Aus einer schlechten Voraussetzung wollte auch Köthen das Potenzial zur Stadtentwicklung ziehen. „Homöopathie als Entwicklungskraft“ lautete das Thema vor Ort. Mitunter wissen Zugezogene und Vorortgeborene, dass der Erfinder der wirkstofflosen Medizin, Samuel Hahnemann, im 19. Jahrhundert 14 Jahre in der Kleinstadt gewohnt und dort einen Verein zur Verbreitung seiner Lehren gegründet hat. Dieser Sachverhalt gehört schließlich – mit Johann Sebastian Bach (Bonjour Tristesse Nr. 9) und der durch einen örtlichen Verein intensiv betriebenen „Sprachpflege“ – zu den Eckpfeilern des Stadtmarketings. Nun wollten die örtlichen Koordinatoren des „IBA“-Projektes die Homöopathie nicht nur zur nötigen Verbesserung der städtischen Reputation, sondern als Methode für den Stadtumbau selbst nutzen.
Allein der scheinwissenschaftliche Duktus und die Akribie, mit der die Stadtvertreter und Heilkundler die Suche nach jener Adaptionsmöglichkeit betrieben, ist erheiternd: „In Zeiten sinkender Einwohnerzahlen soll untersucht werden, ob die Therapieansätze der homöopathischen Medizin auch auf die Gesundung unseres Stadtkörpers angewendet werden können.“ Ein „interdisziplinäres Team aus Stadtplanern und homöopathischen Ärzten“ stieß dabei auf folgende Grundsätze der Homöopathie, die sich auf den Stadtumbau übertragen ließen: „Gering dosierte Arzneimittel sollen die Selbstheilungskräfte anregen“, und die Mittel werden nach dem „Ähnlichkeitsprinzip“ ausgesucht: „Der Erkrankte erhält ein Homöopathikum, das bei gesunden Menschen ähnliche Symptome erzeugt.“
Auf einem zur „IBA“ gehörigen Kongress war Raum für allerlei Gemeinplätze. Eine absehbare Folge, sobald sich die Gemeinsamkeit zweier Sachen auf die Differenz voneinander beschränkt. Ein Vertreter der Stadt schilderte die Sachfremde und Ahnungslosigkeit der Homöopathen als Quelle der Bereicherung. Er hätte durch den Austausch mit den Alternativmedizinern gelernt, „ergebnisoffen an Prozesse“ heranzutreten. Eine Korrektur des Haltungsschadens durch den „Blick von Außen“ erfuhr auch der Oberbürgermeister Kurt-Jürgen Zander. Er bezeichnete die Homöopathen als Querdenker, die immer wieder Gedanken gehabt hätten, auf die er selber gar nicht gekommen wäre – man „schmore schließlich im eigenen Saft“.
Nach dem Kongress sollten die Methoden der „sanften Medizin“ – offensichtlich das Gegenteil eines Stadtumbaus à la Speer – auf eine Straße in Köthen, in der ein Dutzend Häuser abgerissen werden sollte, übertragen werden. Die Stadtvertreter versuchten die Anwohnerschaft mit Plakaten an den betroffenen Häusern auf den bevorstehenden Abriss aufmerksam zu machen. Nachdem dieser „Impuls“ genannte Versuch bei den Anwohner auf keine Reaktion stieß, sollten drastischere Mittel die „Selbstheilungskräfte“ anregen. In einer Nacht wurde für eine Viertelstunde die Straßenbeleuchtung abgeschaltet und die vom Abriss betroffenen Gebäude mit Licht angestrahlt. Nach einem folgenden Treffen von Stadtvertretern und Anwohnern auf der besagten Straße zu Kaffee und Kuchen, bei dem es zu einem heftigen Streit gekommen sein muss, verwies ein Alternativmediziner in exponierter Position auf die Parallelen zum homöopathischen Behandlungsverlauf. Auch bei diesem käme es nach Beginn der Behandlung zu einer Verschlimmerung des Krankheitszustandes. Nach dieser kurzen Verstimmung haben die Bewohner einige – wirklich ausgesprochen schwachsinnige – Ideen vorgelegt, wie man ihre Straße „wiederbeleben“ könnte: Neben einem „Bürger-Solarkraftwerk“, das die allseitige Einhüllung einer Ruine mit Solarzellen vorsah, wollten sie ein leerstehendes Haus zu einem „Rucksackhotel“ umgestalten. Die Fassade des dazugehörigen Entwurfes erinnerte an aztekischen Holzschmuck und ließ vermuten, dass der „Postkult-Verein“ (Bonjour Tristesse Nr. 10) aus Halle zu den Pinseln gegriffen hatte.
Es bleibt nur noch abzuwarten, wann Halberstadt die Entwicklungskraft seiner Würstchen entdeckt und sich Stadtplaner mit Metzgern über Einsatzmöglichkeiten der Filetierung für den Stadtumbau unterhalten. Indes bleibt die Stadtverwaltung Köthens auf den Solidarpakt und Kredite angewiesen wie ein Schwerkranker auf harte Chemie und externe Geräte. (haj)