Als der Kolumbianer Andrés Escobar bei der Fußballweltmeisterschaft 1994 kurz vor Abpfiff den Ball mutmaßlich unabsichtlich ins eigene Tor beförderte, besiegelte der damals 27-Jährige damit das Ausscheiden des Landes aus der WM-Endrunde. Nur wenige Tage nach der Rückkehr nach Kolumbien wurde Escobar vor einer Medellíner Bar von einem „Fan“ aufgelauert und mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Bei jedem der elf abgegebenen Schüsse rief der Angreifer: „Tor!“ Der Mörder konnte kurz nach der Tat gefasst werden und wurde einige Monate später zu 43 Jahren Gefängnis verurteilt, nach nur elf Jahren aufgrund guter Führung jedoch vorzeitig entlassen.
Der Süden Sachsen-Anhalts ist nicht das Kolumbien der 1990er Jahre, dennoch muss insbesondere die Stadt Zeitz den Vergleich mit einem Medellíner Vorort nicht scheuen: Hier wie dort ist der Staat ein in der Ferne liegendes Gebilde, hier wie dort ist die Chance auf Entkommen und damit ein besseres Leben gering, und hier wie dort besteht in einigen Milieus die Tendenz, aufgrund von Banalitäten nach dem Leben des jeweils Nächsten zu trachten. Zeitz ist Symbol für gesellschaftlichen Verfall, für Resignation, und, weil es sonst nichts gibt, für die Rückbesinnung auf „das Eigene“. Wenn Sachsen-Anhalt ein Freiluftpark für ostzonale Zustände ist, dann ist Zeitz eines seiner politisch-kulturellen Zentren.
Der „1. FC Zeitz“ gehört ebenso wie die Farbe Aschgrau zum Kulturgut der Stadt. Der Verein hat in der 8. Liga eine passable Saison gespielt und konnte sich im oberen Drittel der Tabelle behaupten. Nach einer 1:4-Heimniederlage gegen den „SV Teuchern“ im März dieses Jahres erinnerte sich ein Fan dennoch an ruhmreiche Zeiten, in denen der Verein in der Oberliga spielte, dem DDR-Pendant zur Bundesliga. Er erinnerte sich wohl daran, dass damalige Branchengrößen wie „Hansa Rostock“, „Dynamo Dresden“ und „Union Berlin“ noch regelmäßig in der 20.000 Fußballfans fassenden und heute noch „Ernst-Thälmann-Stadion“ heißenden Anlage zu Gast waren. (Im Jahr der Fertigstellung des Stadions stieg der Verein leider ab, so dass das Eröffnungsspiel gegen „Dosza Budapest“ wohl das erste und letzte Spiel war, bei dem sich an der Bratwurstbude eine Warteschlange bildete.) Mutmaßlich der Schmerz über den Lauf der Zeit veranlasste einen der Zeitzer Fans zu einer Maßnahme, die wohl nicht zufällig an die Praxis südamerikanischer Todesschwadronen erinnert: Handschriftlich verfasste er einen Brief an die Mannschaft, den er ohne Umweg über die Deutsche Post in den Briefkasten des Vereins warf. In dem Schreiben forderte er laut „Mitteldeutscher Zeitung“ den Rücktritt des Vereinsvorsitzenden und übte Kritik am Trainer. Darüber hinaus forderte er von der Mannschaft sportlichen Erfolg. Im Falle einer Pleite kündigte er an, „den schlechtesten Spieler“ zu erschießen. Unterschrieben wurde der Brief mit „Euer Bewunderer“.
Damit brachte der Täter das zutiefst widersprüchliche Verhältnis von Fußballfans zu ihren „Stars“ zum Ausdruck. Während – so viel Analyse zum Täterprofil sei hiermit gestattet – der seit Jahrzehnten treu zum Verein stehende „Bewunderer“ sich selbst und den Rest der engsten Fangemeinde für „den Verein“ hält, gelten ihm die in seinen Augen lustlos kickenden Spieler als vorübergehende Erscheinungen von begrenztem Wert. Ungeachtet der Entlohnung, die in der 8. Liga wohl bestenfalls in Höhe einer Fahrtkostenerstattung liegen dürfte, ist der „Bewunderer“ davon überzeugt, dass die Spieler lediglich „gekauft“ und damit ungeeignet seien, die Stadt Zeitz und den Verein – und damit ihn selbst – angemessen zu repräsentieren. Der Täter hat wenig, wofür es sich zu leben lohnt, und das, was er hat, ist der Samstagnachmittag beim „1. FC Zeitz“. Der „FC“ ist damit Strohhalm in einer Welt, die von Zeitz genauso wenig Kenntnis nimmt wie von ihm, und das findet der „Bewunderer“ ungerecht. In der Morddrohung steckt der hilflose Versuch, die Angst vor dem eigenen Untergang zu betäuben. Sie ist vom Wunsch geprägt, von einer als feindlich wahrgenommen Welt ernst genommen zu werden.
Nach einer aus Sicherheitsgründen anberaumten Spielpause von ca. zehn Tagen – die Polizei tappte nach Presseberichten bei der Fahndung nach dem Täter im Dunkeln – wurde der Spielbetrieb wieder aufgenommen. Der „Bewunderer“ stand vermutlich wie immer auf der Haupttribüne des „Ernst-Thälmann-Stadions“, trug seine Kutte und ertränkte seinen Kummer ein weiteres Mal in aus Plastikbechern genossenem Bier aus dem benachbarten Thüringen. Die ruhmreiche Zeitzer Brauerei wurde 1992 wegen ihres maroden Zustandes stillgelegt. Seit seiner Entlassung hat unser Mann die Zeit, den Fußball ernst zu nehmen. (meh)
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