In Leipzig kann man noch auf das Volk zählen. Wenn sich die Stadt an der Pleiße als Austragungsort für die Olympischen Spiele bewirbt, gehen ihre Bewohner auf die Straße und versuchen, einen positiven Entscheid herbei zu brüllen – ganz so, als ob Volkszorn zu den Auswahlkriterien des Internationalen Olympischen Komitees gehört. Dass die Leipziger 1989 für Reisefreiheit und die nationale Einheit ebenso auf die Straße gingen, dafür feiern sie sich jährlich am 9. Oktober, am Jahrestag der ersten Protestdemonstration mit Massenbeteiligung, selbst. Stolz sind die Bewohner auch auf ihr Wahrzeichen, das für den nationalen Zusammenhalt und die Opferbereitschaft der Deutschen steht: das Völkerschlachtdenkmal. Mit einer ordentlichen Portion Selbsttäuschung wirbt das Stadtmuseum Leipzig für das Denkmal mit dem Motto „Das Schönste der Welt“. Dieser Slogan ziert Straßenplakate und Zeitungsanzeigen. Unter ihm ist auf der rechten Seite die Silhouette des Völkerschlachtdenkmals und auf der linken, bloß viel kleiner, wahlweise die des Big Ben, der Freiheitsstatue, des Eiffelturms oder des Taj Mahal zu sehen. Der Koloss der völkischen Bewegung ist also das „Schönste der Welt“. Im Unterschied zu den anderen Sehenswürdigkeiten ehrt das Völkerschlachtdenkmal die nationale Schicksalsgemeinschaft und soll an den Sieg der Armeen Preußens, Österreichs, Schwedens und Russlands über Napoleon vor den Toren Leipzigs erinnern. In der Ruhmeshalle können die Besucher sehen, welche vier „Eigenschaften des deutschen Volkes während der Befreiungskriege“ die Gemeinschaft auszeichnete, wie in einem Denkmalführer zu lesen ist. Vier Riesenfiguren zeigen die Eigenschaften „Tapferkeit“, „Opferfreudigkeit“, „Glaube an die Gemeinschaft“ und die „Volkskraft“, die sich immer wieder durch weitere Generationen erneuert (zwei Kleinkinder saugen an den Brüsten einer Figur). Die organische Opfergemeinschaft wird komplettiert durch kleinere Figuren, Frauen und Alte, die als Hinterbliebene trauern. Das 91 Meter hohe Monument völkischer Ideologie ist alles andere als eine Augenweide – im Unterschied zu den harmlosen Baudenkmälern, mit denen es in der Werbung des Stadtmuseums verglichen wird.
Das Schönste der Welt muss eben in der Pleißestadt zuhause sein, und ihren Stolz auf das Völkerschlachtdenkmal lassen sich die Leipziger von niemandem madig machen. Stellvertretend für sie zählt das Stadtmuseum auf, wer das Mahnmal für sein eigenes Nationsverständnis „benutzt“ und so instrumentalisiert und zweckentfremdet hätte. Die Liste ist lang: die Feinde der Weimarer Republik, zu denen auch völkischen Ideologen gehörten, die Nationalsozialisten, die DDR-Führung, die in einer solchen Auflistung nicht fehlen darf, und die Nazideppen von heute. Einzig und allein das neue Deutschland darf, wenn es nach den Denkmalshütern geht, sich an dem Völkerschlachtdenkmal und an sich selbst ganz ungeniert erfreuen. Auf der Website wird die Symbiose von Widerstand gegen Nazis und der Deutschlandliebe exemplarisch vorgeführt. Zunächst wird im Internet gegen die sächsische NPD, die auf der Titelseite ihrer Zeitung im Kopf das Völkerschlachtdenkmal zeigt, protestiert. Man wähnt richtigerweise die deutsche Gemeinschaft der Guten hinter sich, denn „für die überwältigende Mehrheit unserer Mitbürger“ gehöre das „Verständnis von Nation und Gesellschaft“ der NPD „auf den Müllhaufen der Geschichte“. Scrollt man dann auf der Website herunter, kann unter der Empörung über die Partei nachgelesen werden, dass das Stadtmuseum – ganz im Sinne der völkischen Ideologen – das Völkerschlachtdenkmal selbst als ein wichtiges nationales Monument einstuft. Zum zweihundertjährigen Jubiläum der Völkerschlacht und einhundertjährigem Bestehen des „Schönsten der Welt“ soll 2013 neben einer Vielzahl von Jugendprojekten – mit dem Ziel, den jungen Leuten das ABC der deutschen Erinnerungskultur einzutrichtern – und musikalischen Gedenkveranstaltungen (u. a. eine „Jazzperformance“) eine Ausstellung zur Völkerschlacht gezeigt werden. Als ihr primäres Ziel wird genannt, dass sie dem „nationalem Anspruch“ genügen soll. Also: Alles bleibt beim Alten. Leipzig und seine Museumspädagogen setzen alles daran – ähnlich wie die anderen Pleißestädter – ihre Liebe zur Nation zu zeigen. (msd)