Das Programmheft des freien hallischen Gesinnungsradios „Corax“ stand im Januar unter dem Motto „Sachzwänge“. In einem kurzen Einführungstext auf dem Deckblatt des Heftes standen folgende Sätze: „Wenn der ‚Sachzwang‘ sein Zepter schwingt, dann werden die Zumutungen nicht kleiner. Dass das wirkungsmächtige Ideologie ist, zeigt sich somit beim Blick auf die Entwicklung des ‚Thalia Theaters‘ in Halle. Wir analysieren die Krisenentwicklung der letzten Wochen.“ Das Thalia Theater war zum damaligen Zeitpunkt von der Schließung bedroht. Die angekündigte Analyse liest sich folgendermaßen: „Die Zerschlagung des ‚Thalia Theaters‘ war das eigentliche Ziel der Fusion der hallischen Bühnen unter dem Dach der ‚Too-GmbH‘ („Theater-, Oper- und Orchester GmbH“; Anmerkung B. T.)“ gewesen. Dies sei aber nicht „Kern des Problems“, sondern die „Funktionalität der ökonomischen Sachzwangslogik, die planierraupengleich noch den letzten Widerspruch einebnen soll, und die vor allem so schön simpel und einleuchtend ist: Wir haben kein Geld, also müssen wir ein Theater schließen.“ Verantwortlich für den Text sind zwei Frauen aus der Protestgruppe „Thalia 21“, welche es sich zum Ziel gesetzt hat, die Schließung zu verhindern.
Vor der vorläufigen Rettung des Kinder- und Jugendtheaters im März diesen Jahres verwies die hallische Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados auf gekürzte Landeszuschüsse und bevorstehende Tariferhöhungen im Öffentlichen Dienst, die auch für die Mitarbeiter der städtischen „Theater-, Oper- und Orchester GmbH“ gegolten hätten. Zur Rettung der GmbH vor der Insolvenz wäre eine Schließung des „Thalia-Theaters“ unter damaligen Bedingungen unvermeidbar gewesen. Über die drohende Schließung zeigte Szabados sich enttäuscht: „Angesichts der Dramatik dieser Situation mussten wir jedoch diesen Schritt gehen.“ In ihrer Funktion als Oberbürgermeisterin kritisierte sie öffentlich die Landesregierung für die unzureichenden Mittel: „Einerseits werden den Kommunen die Zuweisungen für Theater und für die kommunalen Finanzen insgesamt gekürzt und knallharte Konsolidierungsaufträge erteilt. Andererseits fallen Mitglieder der Landesregierung der Stadt öffentlich, auf höchst populistische Weise in den Rücken.“ Mit „Mitglieder der Landesregierung“ waren der damalige sachsen-anhaltische Wirtschaftsminister Reiner Haseloff und die Kultusministerin Birgitta Wolff gemeint. Beide hatten eine Petition gegen die Schließung des „Thalia-Theaters“ unterzeichnet.
Das Verhalten der beiden Minister ist kein Verrat, sondern bezeugt lediglich ihren persönlichen Wunsch. Sie haben gegen das „Thalia-Theater“ offensichtlich genauso wenig einzuwenden, wie die Oberbürgermeisterin der Stadt. Jedoch tragen sie für die Mittelvergabe und –verteilung der Landesgelder eine Verantwortung. Soll heißen, sobald das „Thalia-Theater“ tatsächlich zu einem unterirdischen Durchgangsbahnhof erwachsen wäre, wie es die Protestierenden gerne gesehen hätten – ihr Gruppenname („Thalia21“) lässt diese Vermutung zu –, hätte ihnen trotz ihres persönlichen Willens die Abwahl gedroht. Die Verantwortung der Minister ist nun mal in ihrer Entscheidungsmöglichkeit begründet, bei den Sozial- oder Kulturausgaben, im Kulturressort von Magdeburg oder Halle, bei der Oper oder dem Kinder- und Jugendtheater die fehlenden Mittel einzusparen. Selbst angesichts eines solchen Spielraums an Möglichkeiten besteht tatsächlich nur ein sehr begrenztes Spektrum an Alternativen. Schließlich mag es für die Entscheidungsträger gute Gründe gegeben haben – im Sinne der Selbsterhaltung und im Wissen um die spezifische Situation vor Ort war es somit eine vernünftige Entscheidung –, die Landeszuschüsse zuerst bei der Stadt mit vergleichsweise sehr hohen Kulturausgaben pro Kopf zu kürzen und ferner dieses Defizit nicht kurzfristig mit der Absetzung der geplanten Aufführung des „Nibelungenringes“ in der Oper auszugleichen, wie es einige Gegner der Schließung gefordert hatten, sondern besser langfristig in einem Kinder- und Jugendtheater, welches ohnehin eine geringe Besucherzahl und Reputation vorzuweisen hat. Kann man bei den Wahlmöglichkeiten von Freiheit nur als Schein sprechen, so lässt sich die Begründung der Beamten höheren Grades nicht einfach als brauchbare „Sachzwangslogik“ und „wirkungsmächtige Ideologie“ abtun, wie es die beiden Verfasserinnen des Artikels getan haben.
Der Sachzwang ist eine Tatsache. Er ist für den Theater-Mitarbeiter, den Chef der Personalabteilung und den Landesminister gleichermaßen erfahrbar. Zur Ideologie wird er jedoch, sobald er zu einer über das Hier und Jetzt hinausgehenden Notwendigkeit verabsolutiert wird, aus welcher es kein Entrinnen gäbe. Die Form und der Zweck der Produktion ist jedoch ein wählbares Los. Dass sie unter den gegenwärtigen Bedingungen eben nicht durch die Vernunft bestimmt werden, sondern umgekehrt, sich gegenüber den einzelnen Menschen zum Zwang verselbstständigt haben, lässt die gesellschaftlichen Verhältnisse erst als übermächtige Natur erscheinen.
Nachdem die beiden Autorinnen die Sachzwanglogik als bloße Ausrede enttarnt zu haben glauben, schreiben sie am Ende ihres Artikels folgerichtig: „Theoretisch ist dieser Sachzwanglogik unter Aufbringung einiger Gehirnzellen zu entkommen, wie zuletzt bei der von der ›Ufo-Universität‹ veranstalteten Diskussionsrunde.“ Vorausgesetzt, man würde den Sachzwang nicht als bloßen Schein verharmlosen, sondern ihn in seinen depravierenden Auswirkung auf die Menschen ernst nehmen, ließe sich theoretisch der Mär seiner Notwendigkeit entkommen, indem man eine Einsicht in die Bedingungen der eigenen Reproduktion erlangt: Unter dieser Voraussetzung erschiene die Möglichkeit seiner Aufhebung. (haj)
… hoppla, ich glaub da gibts ein Missverständnis. Krause u Westphal, die Autorinnen des Corax-Artikels, meinen nicht, mit der (abstrakten) Kritik an der Ideologie des Sachzwangs sei die Sache gegessen und befriedet. Im Gegenteil, im Kontext der anderen Veröffentlichungen zum Thema (auf der wahrlich hundsblöd betitelten “Thalia21″-Seite) fängt die Kritik bei den (richtigen) Begriffen eben erst an, aber dieser Beginn muss halt gemacht werden. Und wenn man sich die Beiträge der Halle-Forum-Städter, der Thalia21-Forenmenschlein etc., denen der Sachzwang einleuchtet bzw. die sich diesen ganz virtuos immer wieder neu plausibel machen, durchliest, scheint das fällig. Das zu probieren, nicht nur zu kritisieren, sondern die Kritik sachlich zu begründen, ist immerhin ne Leistung … siehe, wenn auch polemisch, Krause u Wetsphal. Auch ufo-uni hat den Vortrag online gestellt (www.ufo-universitaet.de/wissensstand_stadt-konzern.php). Sowohl als auch: die Stadt-Kultur-Ökonomie-Kritik wollte damit nicht (schon) beendet sein. Es war ein Bemühen um eine Versachlichung und sollte eben auch ein Beginn der Diskussion sein … sie war aber in keinem Fall bei bzw. vor der Systemfrage beendet (!!). Siehe Krause, siehe ufo, siehe auch div. Beiträge bei Corax. Grüßchen.