Im Spätsommer zeigte sich die Thüringer Antifa-Szene gewohnt mitteilungsbedürftig und rief gleich zu zwei Umzügen auf: gegen das „Fest der Völker“ der NPD und anlässlich einer Ausstellungseröffnung zum 3. Oktober. Inhaltlich sind beide Zusammenrottungen auf demselben Mist gewachsen, daher können sie auch in einem Aufwasch behandelt werden. Beanstandet wurde beispielsweise, dass die Zeit übermäßiger Bündnisgeschäftigkeit im Anti-Rechts-Business vorbei sein müsse. Aber nicht etwa, um das Konzept Antifa endlich zu entsorgen. Nein! Antifa soll endlich wieder mit radikaler Gesellschaftskritik verbunden werden. Man glaubt ernsthaft, sich mit etwas Antikapitalismus (nicht zu verwechseln mit Kritik an Staat und Kapital) einen ehrbaren Antifa-Ansatz basteln zu können, um so der Volksfront gegen Rechts zu entkommen, deren Avantgarde man dennoch bleibt – so genannte radikale Kritik hin oder her. Die inhaltliche Verwirrung ging, wie zu erwarten war, munter weiter. Der Aufruf zum 3. Oktober enthielt allerhand Aufgeschnapptes, Unverstandenes und in sich Widersprüchliches. Zunächst stellte man fest: „Längst ist der Schatten, den Auschwitz wirft, unter dem Etikett ‚Erinnerungskultur’ zum Bestandteil einer positiven deutschen Identität geworden“; „das ‚Nie wieder!’ wird von Staat und Kapital in Dienst gestellt“, um dann zu der in korrekter Gendersprache gehaltenen Lüge zu gelangen, dass „das offene Einfordern eines Schlussstriches unter die Vergangenheit, das 1998 unter Demokrat_innen noch eine verhältnismäßig große Empörung auslösen konnte, […] heute kein Tabu mehr“ sei.
Beklagt wird ebenso das Ausbleiben des Klassenkampfes im historischen wie im aktuellen Deutschland. Ganz davon abgesehen, dass es naiv bis grob fahrlässig ist, aus der Stellung der Subjekte im Produktionsprozess eine revolutionäre Intention im positiven Sinne zu erwarten, schwurbelt es etwa in den Köpfen der Berghütten-Antifa derart, dass aus der fehlenden Konfrontationsbereitschaft deutscher Arbeitnehmer auf die Notwendigkeit der Solidarität mit Israel geschlossen wird. Ein Redebeitrag ging gar soweit, den israelischen Staat als Konsequenz des Kapitalismus zu interpretieren, anstatt für ihn als bewaffnete Notwehrmaßnahme gegen den Antisemitismus als krasseste Form deutscher Ideologie, die sich nicht nur in Deutschland zeigt, ohne Bedingungen Partei zu ergreifen.
Eine Ahnung von dem, was deutsch ist, haben die Aufrufenden dann zwar, wenn sie konstatieren, dass die „Aufhebung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit in der Volksgemeinschaft“ gipfelte, doch kommen sie über den üblichen antinationalen Unsinn nicht hinaus, wonach in der Nacht alle Katzen grau seien. Plötzlich wird zurückgerudert, denn „die deutsche Antwort auf die soziale Frage, wohnt als Möglichkeit jeder bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft inne“. Unvorstellbar scheint es solchen Kleingeistern zu sein, dass es offenbar kapitalistische Gesellschaften gab und gibt, in denen sich das private Ressentiment bislang nicht zur staatstragenden Volksbewegung transformierte. Zum Vorschein kommt in solchen Erklärungen ein merkwürdiger Strukturalismus, der Gesellschaft als ein über den Subjekten waltendes Phänomen versteht und nicht als einen durch dieses selbst konstituiertes Verhältnis. Der Kapitalismus als solcher macht bei aller Beachtung des notwendig falschen Bewusstseins erst einmal gar nichts, sondern die unter den Verhältnissen agierenden Subjekte müssen sich schon dazu durchringen, als Antisemit zu agieren oder eben nicht.
Der antinationale Budenzauber wird weiterhin sichtbar, wenn in einer Handreichung für Zaungäste der Demo folgendes postuliert wird: wir „lehnen […] einen Nationalfeiertag entschieden ab, in Jena, in Deutschland und überall“. Also auch in Israel? In jenem Staat, dem man gerade noch die (vermutlich kritische) Solidarität anbot, soll es demnach keinen guten Grund geben, den Tag seiner Gründung als Institutionalisierung des selbst bestimmten Schutzes vor den Antisemiten der Welt zu feiern? Die Kritik am heutigen Deutschland bedeutet für Thüringer Antifas zunächst die bahnbrechende Erkenntnis, dass es im Land „soziale Ungerechtigkeit“ gebe. Entgegen der Empirie bescheinigt man „der deutschen Nation“ weiterhin eine „Fortführung kolonialer Denkweisen gegenüber anderen Ländern“ (interessant wäre, woran man das eigentlich festmacht) und natürlich: Rassismus. Hätte man sich die Mühe gemacht, letzteres näher ausführen zu wollen, so wäre man sich der Lüge dieser Argumentation, die Anfang der 1990er Jahre noch einige Spuren von Wahrheit enthielt, bewusst geworden.
Einer der klügsten Sätze des BGR Leipzig lautete einst „Antifa heißt ausschlafen“. Hätten sich Thüringer Streetfighter im Wartestand dieses Motto zu Eigen gemacht, dann hätte man sich seitens des Demomoderators die Peinlichkeit erspart, völlig chillige Polizisten zu bepöbeln oder dem zahlenmäßig weitaus überlegenen Einheitspartyvolk zuzurufen „Wir kriegen Euch alle“. (mm)
Der Schreiberling verkündet in seinem Artikel:
“Ein Redebeitrag ging gar soweit, den israelischen Staat als Konsequenz des Kapitalismus zu interpretieren, anstatt für ihn als bewaffnete Notwehrmaßnahme gegen den Antisemitismus als krasseste Form deutscher Ideologie, die sich nicht nur in Deutschland zeigt, ohne Bedingungen Partei zu ergreifen.”
daher habe ich mir die Mühe gemacht, besagten redebeitrag noch einmal herauszukramen und zweifle nun doch ernstahft an der Lesekompetenz des Autors:
“Eine radikale Linke muss das Ziel haben, die kapitalistischen Verhältnisse umzuwerfen. Je unmöglicher die „Einheit der Vielen ohne Zwang“ erscheint, desto entschiedener gilt es, für sie einzutreten. Das Mindeste dabei ist, jenen beizustehen, die als Konsequenz aus der Geschichte als bewaffnetes Kollektiv gegen ihre Vernichtung kämpfen. Die Solidarität mit Israel steht nicht im Widerspruch zur Kritik an Staat, Nation und kapitalistischer Vergesellschaftung, sie ist die notwendige Konsequenz daraus.”
Bei aller berechtigten Kritik an diesen Aufrufen und der aktivistischen Antifa, das ist eine krasse Entstellung, je öfter ich das lese, desto übler erscheint es mir.
Von ihrer eingeschränkten Lesekompetenz werden die Macher und Macherinnen der bt doch hier in mehreren Artikeln vorgeführt. Sie erkennen in allen Texten, die nicht dem eigenen Kollektiv zugeordnet werden, offensichtlich nur noch das, was sie ihre wahnhaft auf die linke Szene und die Provinz ausgerichteten Vorstellungen und Stereotypen verbunden mit ihren zur Ideologie erstarrten Theoriefragmenten erwarten lassen.
Ein anderes Beispiel:
“Zum Vorschein kommt in solchen Erklärungen ein merkwürdiger Strukturalismus, der Gesellschaft als ein über den Subjekten waltendes Phänomen versteht und nicht als einen durch dieses selbst konstituiertes Verhältnis.”
Genau diese Einsicht wird in “Kritische Affirmation” anderen vorgeworfen, die auch genau darauf wert legen, dass “der Islam” eben nicht ein “über den Subjekten waltendes Phänomen” ist, sondern Religion durch die Subjekte erst konstituiert wird, weshalb man den Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse und historische Prozesse richten sollte. Aber bei Islam wird dann wieder ein anderer Modus angeschaltet, und dann gelten andere Wahrheiten und Lehrsätze.
Völlig theorievergessen ist auch diese Aussage:
“Der Kapitalismus als solcher macht bei aller Beachtung des notwendig falschen Bewusstseins erst einmal gar nichts, sondern die unter den Verhältnissen agierenden Subjekte müssen sich schon dazu durchringen, als Antisemit zu agieren oder eben nicht.”
a) Der Kapitalismus macht erst einmal gar nichts. [???]
b) Antisemitismus ist das Resultat einer bewussten Entscheidung der Subjekte, die sich dazu durchringen, eben als Antisemiten zu agieren.
Wie kann man nur so viel peinlichen Blödsinn ablassen und gleichzeitig als selbsternannter Gralshüter der Aufklärung, des Materialismus, der Dialektik, der Vernunft und so weiter und so fort dermaßen von sich selbst überzeugt sein!
Mick Jagger? Alter Wein in neuen Schläuchen? Ich hoffe, du blickst wenigstens noch bei all deinen Identitäten durch. Und noch mehr hoffe ich, dass deine vielen Identitäten nur ein schlechter Fake sind und nicht ernsthaft von dir geglaubt werden. Jetzt bist du ja sogar im falschen Thread gelandet. Deine Home-Fighting-Area ist doch eigentlich hier: http://bonjourtristesse.wordpress.com/2010/12/25/kritische-affirmation/
Also: Schuster, bleib bei deinen Leisten und belehre die Welt über den Islam, Marx und Dialektik.
@ Udo: Geil! Dein Kommentar sagt mir jetzt gar nicht, ob Du irgendwie in der Lage bist, die von Mick(y) angebrachten Kritikpunkte zu erkennen. Aber echt derbe das Du so ein Megaauskenner bist.
tja mein lieber, eine verzwickte sache ist das: da tritt einer selbstbewusst auf, wo man sich doch selbst bereits für den gralshüter hält.
apropos lesekompetenz:
zwischen strukturellen antisemitismus und einem zur-tat-schreiten gibts bei dir nix!?
…nur so als hinweis auf das kleine wörtchen “agieren”. zack die bohne!
Die BT entsteht eben in einer Parallelwlt, in der es weder Vernunft noch Lektorat gibt: die MZ der linken Szene.
so, nun ist ja ein wenig zeit vergangen, in der sich die “kritiker” hoffentlich vor lachen die schenkel zerkloppt haben und sich in sicherheit wiegen, den “schreiberlingen” der BT diverse inkompetenzen nachgewiesen zu haben. daher vielleicht ein paar anmerkungen, um die gemüter wieder ein wenig mit dem realitätsprinzip zu vermitteln.
1. ich habe aus gutem grunde geschrieben “ein redebeitrag” und nicht “in diesem redebeitrag”, der hier in anschlag gebracht wird (und soweit ich weiß von einer gruppe aus dem erzgebirge stammt). nun sei mir die etwas laxe formulierung, die zur verwirrung beitrug verziehen – “ein weiterer redebeitrag” wäre wohl eindeutiger gewesen. ich zielte auf einen dauereinspieler ab, der nirgends schriftlich festgehalten ist, der aber sehr wohl genau diese von mir angesprochene sequenz enthielt. man kann mir jetzt maximal einen gehörschaden andichten…
2. es handelt sich um eine kurzmitteilung und nicht um eine theoriearbeit. da es aber offensichtlich konsens bei bestimmten linken zu sein scheint, dem kapital/ kapitalismus erstmal jede schweinerei anzudichten, so möchte ich doch auf die unterstellte theorielosigkeit mit einem etwas längeren zitat antworten:
gern wird ja folgende formel verwendet:
„Die dem Kapital unterworfene Gesellschaft drängt von sich aus auf den Antisemitismus, der im wahnhaften Versuch der Konkretisierung des Abstrakten regelmäßig wiederkehrt.”
dazu tjark kunstreich in der prodomo nr.13:
“Auch wenn es sich nur um einen Ankündigungstext handelt und auch wenn Stephan Grigat selbst in der Vergangenheit Einwände gegen derlei Formulierungen erhoben hat, so ist es doch kein Zufall, dass von den vielen antideutschen Textbausteinen genau dieser in einer Veranstaltung zur Israelsolidarität auftaucht: Kapital und Gesellschaft werden getrennt, als gebe es das Kapital ohne die Gesellschaft. Im Bild der vom Kapital unterworfenen Gesellschaft wird die Dialektik der Subjektivität unterschlagen, als sei das Kapital kein gesellschaftliches Verhältnis, in dem die Individuen notwendig als Warenhüter an ihrem eigenen Schicksal weben, sondern eine abstrakt den Menschen gegenüber stehende dunkle Macht. Dass diese Gesellschaft zudem auf den Antisemitismus dränge, impliziert, dass dieser ebenfalls irgendwo außen zu sein scheint. Wenn schließlich der Antisemitismus als wahnhafter Versuch der Konkretisierung des Abstrakten bezeichnet wird, der regelmäßig wiederkehre, ist die Verwirrung komplett: Entweder ist das gesellschaftliche Drängen auf den Antisemitismus von sich aus gegeben, dann aber ist dieser nicht wahnhaft, sondern logisch determiniert; oder aber der Antisemitismus ist eine wahnhafte ideologische Form, dann impliziert dies aber auch, dass er zwar dem notwendig falschen Bewusstsein über das Kapitalverhältnis entspringt, aber keineswegs notwendig in dem Sinne ist, dass eine subjektlose Gesellschaft von sich aus die Konkretisierung des Abstrakten betreibt. Zum Wahn gehört notwendigerweise das wahnsinnige Subjekt – in diesem Fall der Antisemit. Das heißt, zwischen der Gesellschaft des Kapitals einerseits, die ein notwendig falsches Bewusstsein erzeugt, und dem Antisemiten andererseits liegt ein Vermittlungsschritt, der subjektiv ist und alles andere als notwendig. Eine derartige Reduktion dessen, was materialistische Kritik ausmachen könnte, auf eine strukturalistische, d.h. subjektlose Sicht der Dinge läuft wider Willen auf eine Rationalisierung von Auschwitz hinaus; die Vernichtung erscheint so als selbsttätiger Prozess und damit auch als unumgänglich.”
http://www.prodomo-online.org/13/mit_israelkritik_gegen_antizionismus.html
damit dürfte wohl alles erklärt sein.
@mick: das ist in der tat theorievergessen. es gibt nämlich den kleinen, aber durchaus entscheidenden unterschied zwischen theorie und kritik!
mensch digger! da haste ja ‘n dickes ding gelandet, ein paar wochen gesucht, das gefunden. aber mal geradeheraus und nich durch die blume: was tjark kunstreich da schreibt, geht besser mit der kritik als mit deiner verteidigung zusammen. aber wahrscheinlich erkennst du das nich. grüße an rk – zack die bohne!
na, vielleicht liest du das besser nochmal durch, bevor dir der schaum aus dem mund sabbert, was du ja als kritik hochhälst. und keine sorge: ich musste das nicht suchen, sowas liegt nämlich bei mir auf dem tisch, du peife.
Apropos aufgeschnappt: Die Phrase von der „Einheit der Vielen ohne Zwang“ im Redebeitrag ist eine einigermaßen lächerliche Adorno-Verballhornung. „Einheit der Vielen ohne Zwang“ ist ‘multitude’ für Analphabeten.
JR