Wer um die Fußballspiele der deutschen Nationalmannschaft in den letzen Jahren nicht herum gekommen ist, dem dürfte es kaum schwer gefallen sein, ein Transparent mit dem Schriftzug „Halle/S.“ zu entdecken. Diese Zaunfahne, wie es im Fachjargon heißt, konnte der Zuschauer besonders bei Spielen der Mannschaft, welche die Herzen des hiesigen Pöbels höher schlagen lässt, erkennen. Die Verantwortlichen stammen wohl aus Halle und besuchen nun schon seit 13 Jahren Spiele in der ganzen Welt. Damit haben die Hallenser, die jetzt in Brandenburg ihr Glück fanden, wie die MZ schrieb, angeblich „mehr für Halles Ruf in der Fußballwelt getan [...] als alle Fußballverbandsfunktionäre zusammen“. Auf den ersten Blick könnte man auf die Idee kommen, es sei eine clevere Marketingstrategie Halles, um die graue Stadt berühmt zu machen. Doch das nicht der Fall. Zunächst fällt auf, dass es wohl ein zweifelhaftes Vergnügen sein dürfte, nach Kasachstan, China und Südafrika zu fahren, um dort innerhalb von zwei Wochen über 5.000 km zurückzulegen, nur um das Transparent gut sichtbar für die Fernsehkameras zu platzieren und dafür auch noch einen großen Teil seines sauer verdienten Geldes und Urlaubs zu opfern. Den Spaß, den man Reisen und dem Besuch von Fußballspielen abgewinnen könnte, ist den beiden Ex-Hallensern schon lange abhanden gekommen. Das Ganze klingt eher nach Plackerei. Der Unterschied ist nur, dass die Protagonisten dafür kein Geld bekommen, sondern stattdessen welches für ihre Mühen ausgeben – und das für eine Stadt, deren Bekanntheitsgrad sich eher aus Arbeitslosen speist. Schon allein die Reaktion der Zurückgebliebenen zeigt Letzteres recht deutlich. Gordon Böhme, ein Hallenser mit Herz, hat sich zum Beispiel das Anhäufen von nutzlosem Zeug so sehr zu eigen gemacht, dass er seine Freizeit mit dem Sammeln von Bildchen der besagten Hallefahne verwurstet. Diese fügt er nun leidenschaftlich zu einem Panini-Sammelalbum für Hallenser im Blogformat zusammen und hofft wohl, dadurch etwas vom vermeintlichen Glanz der Weitreisenden abzubekommen. Und prompt wird er für diese Leistung von der örtlichen Tageszeitung zum „Fahnenforscher“ erkoren. Einer Zeitung, die sich sonst mit Nachrichten über ausgerissene Stiefmütterchen abquälen muss. Hier warf sich ein Autor auf die Chance, mit dem Stoff aus Baumwolle einige Seiten Papier zu füllen und schrieb nicht nur von Mutmaßungen über die Fahnenträger, sondern auch vom Treiben des modernen Jägers und Sammlers Gordon Böhme. In der Liga der Fahnenträger tummeln sich bezeichnenderweise schon seit langem noch weitere Vertreter aus Mitteldeutschland. So gruselige Ortschaften wie Naumburg, Thalheim und Chemnitz werden jedem, der es nicht lesen will, unter die Augen gerieben. „Sehr patriotisch“ hat Dariusz Wosz, Hallischer Ex-Bundesligaprofi mit drei Länderspielen, für den es selbst nie zu Weltreisen mit der Nationalmannschaft gereicht hat, einmal das Handeln der beiden Hallenser genannt. Es sieht ganz so aus, als müssten gerade solche Gegenden ihr Elend in die Welt schreien, von denen es eigentlich wenig zu zeigen gibt. (uci)
Patriotischer Stoff
25. Dezember 2010 von bonjour tristesse
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