„Chicago des Ostens“, so betitelte die „Bild am Sonntag“ vor einigen Jahren die unweit Halles liegende Stadt Merseburg. Angesichts der sich zum damaligen Zeitpunkt bekriegenden Rockerbanden, die dort regelmäßig auf üble Art übereinander herfielen und deren Treiben von der Polizei erst beendet wurde, als bei einem Sprengstoffanschlag eine junge Frau ein Bein verlor, war dem überspitzten Vergleich tatsächlich etwas abzugewinnen (auch wenn, wie wir finden, Chicago Vergleiche mit Ost-Kleinstädten keinesfalls verdient). Doch seit einiger Zeit geriet die unfreiwillige Auszeichnung angesichts der zurückgehenden milieubedingten Untaten in Vergessenheit.
Um den Titel bewarb sich im Herbst – zwar etwas verspätet, aber nicht minder eindrucksvoll – das sachsen-anhaltische Staßfurt. So berichteten nicht nur lokale Medien über einen „Axtangriff“, bei dem ein Jugendlicher von einigen Altersgenossen derart zugerichtet wurde, dass er dem Tod nur knapp entkam. Anwohner gaben danach in seltener Eintracht im Lokalblatt zu Protokoll, dass es auf der Straße „tierischen Krach“ gegeben hätte. So konkretisierte einer, dass er „hinter den Jalousien“ Lärm vernommen hätte. Diese, wie eine „Treibjagd“ klingende Geräuschkulisse zum Anlass zu nehmen, nachzusehen, kann vom Staßfurter Durchschnittsmenschen nicht erwartet werden. Denn bei so etwas, so der Ohrenzeuge, mache er „doch die [Jalousien] nicht hoch!“. Kurz darauf erschlug ein 39-Jähriger in einer Staßfurter Wohnung seinen 54-jährigen Trinkkumpanen. Als die Polizei eintraf, behaupteten die vom Alkohol angeheiterten Männer, die um das im eigenen Blut liegende Opfer herumsaßen, zunächst, dieser sei vor den Schrank „gestürzt“. Der mutmaßliche Täter, der von der Polizei trotz der spontanen Schutzbehauptung wenig später festgesetzt wurde, musste aufgrund massiver Entzugserscheinungen in ein Krankenhaus eingeliefert werden und konnte zunächst nicht vernommen werden. Der Staßfurter Bürger freute sich angesichts der offenkundigen Verrohungstendenzen auf seiner Scholle über etwas Abwechslung. Ein Beobachter des Axtangriffs erklärte, das sei „wie im Krimi“, ein anderer stellte nüchtern fest, dass sich das „Fernsehgucken“ nun gar nicht mehr lohne.
Die „Volksstimme“, unumstrittenes Meinungsmonopol in Staßfurt und Umgebung, bot ihren Online-Lesern umgehend eine multimediale Aufbereitung der Vorfälle an. Der Titel: „Fotogalerie: Axtangriff mit fatalem Ausgang“. Zwei der in den Tagen nach den Vorkommnissen erscheinenden Artikel der Regionalausgabe wurden dann auch folgerichtig mit „Ein Verlust, der sehr schmerzt“ und „Da fehlen einem die Worte“ betitelt. Denn um den „SV 09 Staßfurt“ steht es schlecht. Verletzungspech. (meh)