Auf der A2 von Köln nach Berlin überfährt man am ehemaligen Grenzübergang „Helmstedt-Marienborn“ unweigerlich die Grenze Sachsen-Anhalts. Vor der so genannten Wende wurden Bundesbürger an dieser Stelle von ostdeutschen Grenzern malträtiert, dahinter begann die kürzeste Transitstrecke nach West-Berlin. Heute werden Durchreisende nur noch von einer harmlosen Plakatstellwand begrüßt, die Vorbeifahrende auf das Ödland hinter der Leitplanke aufmerksam machen soll. Sie steht am Rand der Fahrbahn und verkündet „Sachsen-Anhalt: Willkommen im Land der Frühaufsteher“. Die Autofahrer dürfte der Hinweis auf die Allüren der indigenen Einwohner kaum interessieren. Wann Fuchs und Hase sich hier gute Nacht sagen und zu welcher Uhrzeit die beiden wieder aufstehen, ist uninteressant, solange sie dazwischen Salz streuen, regelmäßig die Fahrbahnmarkierung nachpinseln und ab und an den Straßenbelag erneuern. Tatsächlich lässt die Wirkung der offiziellen Imagekampagne Sachsen-Anhalts zu wünschen übrig. Nach einer Befragung innerhalb der Bonjour-Tristesse-Redaktion kennen fünf Jahre nach dem Start der Imagekampagne 75 Prozent (vorher: 100 Prozent) der Autoren „Sachsen-Anhalt“, 0 Prozent (vorher: 25 Prozent) können sich einen Urlaub in den nächsten zehn Jahren im Bundesland vorstellen, und 50 Prozent verbinden das Land mit „Frühaufstehen“ (vorher: mit „Halberstädter Würstchen“ und den weltbekannten „Magdeburger Himmelfahrtskrawallen“). Es war daher absehbar, dass sich in Anbetracht solch fragwürdiger Resultate – die durchaus repräsentativ für die Bundesrepublik sein dürften – bei den Zuständigen irgendwann Zweifel an der Imagekampagne einstellen würden.
Den Slogan „Wir stehen früher auf!“ findet der Insolvenzverwalter des Landes Jens Bullerjahn zunehmend beschissen. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich diesen Slogan hasse“, sagte er im Sommer. Überall wo er hinkomme, werde die Standortkampagne „kritisch hinterfragt, im besten Fall nur milde belächelt“ zitierte ihn die „Mitteldeutsche Zeitung“. Auch der Wirtschaftsminister Rainer Haseloff wies darauf hin, dass der Slogan gerade im Westen abschreckend wirke. „Die Leute dort wollen gerne mal vernünftig ausschlafen“, sagte er und sprach sich für „neuen Drive“ in der Kampagne aus. Über das Motto, welches auf eine Statistik von „Forsa“ zurückzuführen ist, die den Bewohnern Sachsen-Anhalts attestierte, dass sie volle neun Minuten früher aufstehen als die restlichen Bundesbürger, wurde in den folgenden Wochen von Politikern, Unternehmern und Bürgern diskutiert. Damit zu werben, dass man hierzulande früher aufsteht als in anderen Bundesländern, dass die Einwohner in die Großstädte Berlin, Hannover oder Leipzig pendeln müssen, damit ihnen das Leben der Zurückgebliebenen erspart bleibt, dass die Vorstellungen der heutigen Betriebsinhaber über den Arbeitsbeginn nicht selten in der DDR geprägt wurden und nicht zuletzt der Sachverhalt, dass ein gewaltiges Heer von Rentnern zur senilen Bettflucht neigt, um 6.20 Uhr gewaschen und sediert im Speisesaal sitzen möchte, ist eine einzigartige Rationalisierungsleistung. Ein Kriegsveteran, der den Verlust seiner beiden Beine zu einer lebensbereichernden Erfahrung verklärt, wäre nicht nur eine ungemeine Herausforderung für einen Psychologen, sondern auch prädestiniert, als Marketingexperte für die Landesregierung Sachsen-Anhalts zu arbeiten. Eine dumpfe Ahnung der wahren Gründe der Bettflucht bekam auch Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, als er den Unterschied zu Hamburg realisierte, deren solvente Bewohner laut der „Forsa“-Statistik eine halbe Stunde später aufstehen. Auf einer Pressekonferenz sagte er: „Vielleicht liegt es daran, dass in Hamburg abends mehr los ist“. Eine gewagte These. Um die Ursachen geht es bei einer Imagekampagne jedoch selten. Es zählen handfeste Tatsachen, die in Tugenden umgelogen werden können. So werden in Sachsen-Anhalt eben Pendler und Rentner zu einer „Metapher für ein Land das nach vorne will“, wie ein Marketing-Experte in der „Mitteldeutschen Zeitung“ erklärte.
Nach Jens Bullerjahns Kritik am Landesslogan rumpelte Ministerpräsident Böhmer: „Einfach platt zu machen und zu kritisieren, hat noch niemanden geholfen.“ Ein unbekannter Funktionär der CDU fand ungleich klarere Worte für den Nestbeschmutzer: „Es zeugt von intellektueller Armut, wenn ein Minister die Werbung des eigenen Landes schlecht macht“. Auch wir halten nichts vom ewigen Gemeckere. Auch wir wollten uns daher mit einem Vorschlag für eine neue Standortkampagne einbringen. Wenn es nach uns ginge, stünde in Zukunft auf den Plakatstellwänden: „Sachsen-Anhalt. Die größte Raststätte Deutschlands.“ Oder auch: „Sachsen-Anhalt. Standstreifen mit Zukunft“. Standortbezogen könnte man den Slogan anpassen. In „Helmstedt-Marienborn“ würde nach unserer Meinung folgender Spruch die Durchreisenden begrüßen: „Sachsen-Anhalt. Dreispurig nach Berlin.“ Eine tolle „Metapher für ein Land das nach vorne will“, oder nicht? Wenn auch Sie, lieber Leser, der Meinung sind das „neuer Drive“ in die aktuelle Kampagne muss und noch eine bessere Idee haben, wie man den Wert Sachsen-Anhalts unterstreichen könnte, senden Sie Ihren Vorschlag für einen neuen Landesslogan an: tristesse@freenet.de. Gute Ideen honorieren wir grundsätzlich mit einem Pils und einer Bockwurst im Intershop.
Beim Lesen musste ich an dieses wunderbare Lied denken:
[...] Editorial * Spiel des Lebens. Harald-Jürgen Finke und Manfred Beier erklären, warum die hallische [...]
عکس»قلعه پرتغالى ها در جزیره قشم در استان هرمزگان
عکس»کاروانسرای دودهک در استان مرکزی
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