Mitglied im Lokalen Aktionsplan für die Stadtratsfraktion der SPD, stellvertretende Vorsitzende des Ortsvereins der SPD Oberes Murrtal (Baden-Württemberg), Mitglied der Jusos in Halle, aktiv im hallischen Studierendenrat, Senatssprecherin, führende Agitatorin beim Bildungsstreik 2009, Mitbegründerin der »Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken« in Halle.
Diese Aufzählung, die für die sozialdemokratische Beschädigung mehrerer Leben reichen würde, betrifft eine einzige Person: Ute L., die – klappern gehört zum Handwerk – kürzlich in Halles schlechtester Studentenzeitschrift, der »Hastuzeit«, über sich und ihre Umtriebe Auskunft gab. Als Beweggrund für ihr Engagement merkte Ute an, sie sei »schon sehr früh mit der Shoah-Thematik in Kontakt gekommen. Aus der Geschichte habe ich gelernt, mich einzubringen, damit bestimmte Dinge nicht wieder passieren. Dinge, die in meinen Augen Ungerechtigkeit darstellen.« Wer die »Shoah-Thematik« unter »Ungerechtigkeiten« ablegt und im Rahmen der »Aktion Sühnezeichen« in einer arabisch-jüdischen Begegnungsstätte Gewissenspflege betrieb, der studiert auch, womit sich am besten gegen alle Ungerechtigkeiten angehen lässt: »Friedens- und Konfliktforschung«.
Die bessere Welt, die Ute L. anzustreben vorgibt, gerät ihr zum bloßen Funktionieren der bestehenden: »Ich finde, Partizipation ist unumgänglich in unserer Zeit, beziehungsweise in einer Demokratie, wenn wir wollen, dass sie nach unseren Vorstellungen funktioniert. […] Wenn ich wie eine Leiche im Wasser treiben würde, könnte ich nicht erwarten, dass die Gesellschaft so funktioniert, wie ich sie mir vorstelle, […] dass noch so viel Arbeit übrig ist, dass die Gesellschaft einfach noch nicht funktioniert. Es gibt immer noch mehr, wo man mit anpacken muss.« Der Appell zum arbeitswütigen Anpacken, damit alles funktioniere, ist zuallererst Ermahnung an sich selbst. Denn das morbide Bild der Wasserleiche – gängig wäre an dieser Stelle wohl eher die harmlosere Floskel von toten Fischen, die mit dem Strom schwimmen –, in die sie sich im Falle der Unproduktivität verwandeln sieht, ist die nackte Panik vor der Überflüssigkeit, der manische Aktivismus permanenter Nachweis eigener Nützlichkeit und somit ihrer Existenzberechtigung in der funktionierenden Welt.
Dass Ute, wie die Überschrift des Interviews androht, »als Vorbild fungieren« will, ist durchaus doppeldeutig zu verstehen: Zwar schwingt sie sich bei Happenings wie dem Bildungsstreik tatsächlich zur Volksführerin auf, die alle mit allen versöhnt und auch stadtbekannte Nazis »als Menschen« integrieren will; bei anderer Gelegenheit schlüpft sie zwecks Verhinderung eines Naziaufmarsches auch in die Rolle eines Feldherrn, der seine Bataillone gegen den braunen Demonstrationsaufzug in Stellung bringt. Bei aller Anstrengung zur Führerschaft aber bleibt ihr Wahn stets fungibel, denn jeder im Chor ihrer Claqueure ahnt die eigene Reduzierung auf einen stets ersetzbaren Arbeitskraftbehälter in der funktionierenden Welt. So austauschbar wie ihre sozialdemokratischen Appelle sind, so ist auch sie selbst immer von der Ablösung durch den nächsten Einpeitscher aus den Zusammenkünften akkumulierter Überflüssigkeit im Audimax – jenem Ort, an dem Ute während des Bildungsstreiks ihre manipulative Hochphase durchlief – bedroht.
Dass selbst die engsten unter ihren Anhängern sie oft gar nicht mal so insgeheim verachten, weil Utes aufgeführte Verrücktheiten Auskunft über diejenigen geben, die so etwas erst auf dem Podium ermöglichen, kann ihr nicht entgangen sein. Noch ihre – halb kokettierend, halb ernstgemeint – im »Hastuzeit«-Interview berichteten Verfallserscheinungen von Schlafverzicht bis Zusammenbruch, sind ihren Freunden kein Anlass zur Intervention. Stattdessen wird Utes Selbstentblößung – sie erzählte unter anderem, dass ihre Freunde sie des öfteren fragten, wann sie denn zuletzt geduscht hätte – von der mit ihr befreundeten Interviewerin als Teaser des Zwiegesprächs benutzt; die Freundin als Freak vorgeführt, die für ihr »studentisches Engagement« gern auf Körperpflege verzichte. Und so beweisen die vermeintlichen Freunde der selbstlosen Anpackerin Ute vor allem eines: die Niedertracht, die Menschen im Spätkapitalismus entwickeln. (ggk)
Die traurige Geschichte der Ute L.
25. Dezember 2010 von bonjour tristesse
[...] wie Frank und Co. aber nicht nur gegen „die Carolas, Stephanies und Marcels dieser Republik“, Ute ist genauso doof. Ja meint sogar in beinah bedrohlichem, aber dann doch eher peinlichem Ton: „Justus Wertmüller [...]