Knut Germar geht der Frage nach, was die ostdeutschen Freunde und Feinde des Thilo Sarrazin gemeinsam haben.
Der „Mitteldeutsche Rundfunk“ (MDR) ist unbestritten der Ostdeutschen liebste öffentlich-rechtliche Sendeanstalt. Der Grund dafür liegt nahe. Egal, ob sie sich mit dem TV-Geschichtsmagazin „Barbarossa“ vom „Schicksalsjahr 89“ bewegen lassen und dem „Wortschatz DDR“ hinterher trauern, ob sie sich mit „Kripo-Live“ über Kleinkriminelle echauffieren und danach die örtlichen Polizeileitungen lahmlegen, oder ob sie sich von Peter Escher väterlich ermahnen lassen, vielleicht doch einmal das Kleingedruckte in ihren Versicherungsverträgen zu lesen – auf eines können sich die Überzeugungs-Ostler immer verlassen: Beim MDR sitzen noch Leute, die ihre Sorgen und Nöte ernst nehmen und teilen.
Aufgrund seiner Bürgernähe, der Kunst also, dem ostdeutschen Mob möglichst genau aufs Maul zu schauen, wenn es um die Auswahl der Sendethemen und Beiträge geht, erfreut sich auch das Nachrichtenradio „MDR Info“ großer Beliebtheit. Ein besonders feines Gespür für das, was das Zielpublikum bewegt, bewies Anfang September Redakteur Michael Kaste in einem Kommentar. Vorausgegangen waren die politischen Reaktionen auf Äußerungen des SPD-Politikers Thilo Sarrazin über Juden- und Basken-Gene, vererbte Intelligenz und ähnlichen Kokolores. Sarrazin, dem zum Zeitpunkt des Kommentars ein Rücktritt aus der SPD und dem Vorstand der Bundesbank nahegelegt wurde, begann gerade die Tour zu seinem neu erschienenem Buch, und offensichtlich wusste Kaste, in welchem Teil der Republik der Run auf die Ladentische der Buchhandlungen am größten war. Mutig erhob er sich zum letzten Verteidiger der Meinungsfreiheit und konstatierte, so als stünde die Staatsanwaltschaft gerade vor den Türen der „Deutschen-Verlagsanstalt“, um Sarrazins Buch zu beschlagnahmen: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden, die Freiheit auch des Thilo Sarrazin. Sie ist, wieder einmal, auf der Strecke geblieben.“ Kaste würdigte Sarrazin als Querdenker, der „den trägen Strom des politischen Mainstreams“ verlassen habe und deshalb durch die „Bataillone der moralisch Rigorosen“ gejagt und von Vernichtung bedroht werde: „Sie allein entscheiden, was man sagen darf und was nicht. Sie sind gnadenlos, und ihr Ziel ist nicht nur, dass der Abweichler widerruft. Vielmehr soll er in seiner bürgerlichen Existenz vernichtet werden. Er soll nie wieder auch nur Gehör finden.“
Was ein zum Zeitpunkt des Kommentars 250.000 Mal verkauftes Buch mit der Vernichtung einer bürgerlichen Existenz und vor allem mit einem angeblichen Verbot der freien Meinungsäußerung zu tun hat, blieb Kaste seinen Zuhörern zwar schuldig. Jedoch ging es dem MDR-Redakteur auch nicht um Tatsachen, Stringenz oder gar Wahrheit. Der Kommentar hatte vielmehr die Aufgabe, einen Thread im Internetforum der Sendeanstalt zu befeuern, der mit der scheinheiligen und augenzwinkernden Frage eröffnet wurde, ob Sarrazins „Ansichten vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte vertretbar“ seien. Allein die Frage gab den Diskutanten zu verstehen: Hier gibt es ein Forum, wo ihr sagen könnt, was ihr schon immer mal los werden wolltet, hier gibt es keine moralisch rigorosen Bataillone, die die Meinungsfreiheit zur Strecke bringen, hier ist Platz für politisch unkorrekte und mutige Querdenker.
„Dennis0235“ ging dann auch furchtlos voran und schimpfte auf „die ganze feige Politikermannschaft“, der „der Schneid fehlt“, den „Mund aufzumachen und Probleme zu benennen“, und die deshalb „neidisch“ auf Sarrazin „guckt“. Ihn ärgern die „Verbände der Türken“ und besonders „der Zentralrat der Juden, weil er wieder einmal empört spielen darf“. „Das sind Leute, die sich immer angegriffen fühlen. Das ist ihr Lebenskonzept. Immer wird es so sein, dass die Gruppe, die sie vertreten, die reinsten Unschuldslämmer sind.“ Ein Nutzer mit dem Namen „Vertigo666“ stimmte dann auch gleich mit ein und gab zu bedenken, dass Sarrazin nicht nur ausspreche, „was 80% der DEUTSCHEN Bevölkerung denken“, sondern auch, dass in der Republik „fast täglich irgendwelche Moscheen und Synagogen eröffnet“ werden. „Man stelle sich mal vor, die Deutschen fangen an, in der Türkei oder in Israel überall Kirchen zu errichten, was würden die wohl dazu sagen?“ Wer jetzt denkt, der liebe Vertigo hätte was gegen Fremde, der irrt: „Ich bin bei weitem kein Ausländerfeind“, schreibt er, gibt aber zu bedenken, dass „in 50 Jahren mehr Ausländer und ‚Deutsche’ mit Emigrationshintergrund bei uns leben als die DEUTSCHEN an sich“, die die „Gesellschaft […] von unten heraus aushöhlen“ und zwar „ohne Krieg oder Terror“. Und „Pygolina“ gibt im schönsten Hundezüchterjargon zu Protokoll: „Herr Thilo Sarrazin hat vollkommen Recht! […] Ich finde es weder rassenfeindlich noch rassistisch, er macht sich einfach nur Sorgen um den Bestand des eigenen Volkes [...]!!! Ich werde mir das Buch kaufen…“
Doch im Forum des MDR meldeten sich nicht nur die ostdeutschen Sarrazinfreunde zu Wort, auch seine vehementen Gegner beteiligten sich rege an der Diskussion. Für „Kerzenhalter“ jagt der Thilo nur dem schnöden Mammon hinterher und will „durch Provokation“ und „Wichtigtuerei“ lediglich „sein Buch verkaufen“. Und überhaupt findet unsere Leuchte „die Diskussion geradezu affig!“ – denn: „Wenn die Ostdeutschen diskriminiert […] und schief angeschaut werden von den Westdeutschen, regt sich keiner auf???“ Ein weiterer Gegner schreibt unter dem Pseudonym „Purzel“ gegen das „Geschwafel und Aufhetzen durch Herrn Sarrazin“. Die ganze Diskussion richte sich gegen die Falschen, denn schließlich verdienen die „meisten Türken […] ihren Lebensunterhalt“ und „zahlen Steuern (auch für die Hartzer!)“. Viel problematischer findet „Purzel“, dass „ganze Invasionen aus Litauen, Rumänien und was weiß ich woher das Land“ überschwemmen. Es sind die „‚Osteuropäer’, die mit kriminellen Absichten (Autoklau, Diebstahl, Einbrüche, Tricks mit unechtem Schmuck…) seit Grenzeröffnung hier einfallen“. Sie würden sich „in Wohnungen einnisten, um Stütze und andere Vergünstigungen für sich“ und ihre „verschwägerte Familie zu kassieren“ und hätten zudem auch noch „andere schädigende Eigenschaften“. Die bestehen für „Purzel“ offensichtlich in den Verführungskünsten zu undeutschen, da illegalen Handlungen, denn er konnte schon oft beobachten, „dass die Deutschen ihren Job schmeißen und sich den kriminellen Truppen anschließen (Garteneinbruch, Autoklau und schlimmer)“. Was für Purzel schlimmer ist als Einbruch und Diebstahl schreibt er leider nicht. Wahrscheinlich hat es was mit Schmuck zu tun, denn die Tatsache, dass er sich beim letzten Weihnachtseinkauf statt der besonders günstigen Brillanten dann doch nur wertloses Glas andrehen ließ, scheint noch immer sehr an ihm zu nagen. Im Gegensatz zum Schmuckexperten steht für „Nosferata“ der Feind im eigenen Land. Niemand solle sich „über türkischen Pöbel“ aufregen, solange es noch „genug deutschen Pöbel gibt“. Wer das wohl ist? Na „Jugendliche mit NULL Bock auf Arbeit“ zum Beispiel oder „die deutschen ‚Assis’“, die trotz Lernunwilligkeit „weiterhin Stütze vom Staat“ bekommen und denen „links und rechts eine reinzuhauen“ wäre, „arbeitsscheu“ und „dusslig“, wie sie nun mal sind.
Bei aller vermeintlicher Feindschaft, die die ostdeutschen Nosferatas, Purzels und Kerzenleuchter auf der einen und die der Dennisse, Vertigos und Pygolinas auf der anderen Seite zueinander zu haben glauben: Im Osten weisen die Gegner und Anhänger Thilo Sarrazins vor allem darauf hin, dass die Reihen gegen vermeintliche Gemeinschaftsschädlinge fester geschlossen sind denn je. Nur bei der genauen Feindbestimmung gibt es offensichtlich noch Diskussionsbedarf. Aber vielleicht hilft bald ein neuer Thread im Forum des ostdeutschen Heimatsenders, um endgültig die Frage zu klären, wem es denn im erträumten Volksstaat zuerst an den Kragen gehen soll – den Türken, den Juden, den Osteuropäern, oder vielleicht doch den Besserwessis und Hartz-IV-Empfängern?
Knut Germar
„Wer hier leben will hat die Pflicht sich einzubinden oder ein One-Way-Ticket muss erfolgen“, schrieb der „Organisationsberater“ des „Trauermarsches um die Meinungsfreiheit“ Mirko Welsch, der auch Mitinitiator der Sarrazin-Bewegung ist. Mehr drüber hier:
http://reflexion.blogsport.de/2010/09/08/der-aufmarsch-v/
die BILD gehört zum MDR?
http://umwerfend.blogsport.de/images/bildmanwirdjawohlnoch.jpg