Während in der ersten Etage des linken Hausprojektes „Ludwigstraße 37“ über die nächste antirassistische Aktion gesprochen oder über die Frage, was Antifaschismus denn eigentlich sei, diskutiert wird, meditiert seit dem Frühjahr diesen Jahres im Keller des Hauses eine Gruppe von Zen-Buddhisten vor sich hin. Tracy Schäfer hat sich zu ihnen hinunter getraut und Erfahrungen gesammelt.
Der 15 Quadratmeter große Raum ist mit Bastmatten ausgelegt, nur am Eingangsbereich ist noch das braune Linoleum zu sehen. Auf dieses kleine Rechteck tritt der schwarze Kuttenträger, als er den Raum betritt. Ich mache es ihm nach und stelle mich neben ihn. „Nachdem man den Raum betreten hat, verbeugt man sich vor dem Altar, die Hände so“, sagt der Kuttenträger, presst die flachen Hände vor der Brust aneinander und neigt sich nach unten. „Vor dem Altar?“, frage ich und schaue zum kleinen schwarzen Tisch, der in der Mitte oder, wie ein Feng-Shui-Berater sagen würde: im Zentrum des Raumes steht. Auf ihm sind zwei Vasen mit Feldblumen, zwei Kerzen, ein Räucherstäbchenhalter und eine hölzerne Buddhafigur postiert. „Das ist eigentlich kein Altar“, der Kuttenträger berichtigt sich schnell, „wir beten auch nicht zu ihm“, und deutet auf die Buddha-Figur. „Wir zeigen mit dem Verbeugen unseren Respekt vor dem Zazen.“ Zazen – das Meditieren im Zen-Buddhismus, in dessen Geheimnisse der Kuttenträger mich einführt.
Seit dem Frühjahr trifft sich der Verein „Zen Dojo Halle“ in der „Ludwigstraße 37“ (auch VL genannt), einem linken hallischen Hausprojekt, und seine Mitglieder meditieren im Keller des Hauses, das für jeden religiösen Obskurantismus offen zu sein scheint. Um sich noch mehr ins VL zu integrieren, hängten die Zen-Fans vor wenigen Monaten im Eingangsbereich des Hauses ein Plakat auf, auf dem eine Punkerin, die einen Drachen reitet, zu sehen ist. Der Plakatspruch: „Sit down and shut up. Zen im VL.“ Was der Zen-Buddhismus ist und, vor allem, nicht ist, auf diese Frage findet man bei den Zen-Jüngern ausschweifend nichtssagende Antworten: Er sei keine Religion, keine Philosophie, kein Wertesystem. Er sei, wie auf Webseiten von Zen-Anhängern zu lesen ist, der „Zugang“ zu alledem, „das innerste Wesen jeder Religion“. Wer meditiert, der kann die Wahrheit erfahren. Doch zuvor muss sich der wahrheitsliebende Trottel, der sich auf den Zen-Buddhismus einlässt, vor allem verabschieden: von der Realität, von „jeglicher Knechtschaft der Gedankenformen, Visionen etc.“, von der Logik, der Vernunft, kurzum: vom „abendländisch-europäischen Denken“. Doch wie schafft man das?
Der Kuttenträger spielt die Prozedur des Zazen mit mir durch, eine Trockenübung, die im weiteren Verlauf des Abends noch zur richtigen Anwendung kommen soll. Die Bastmatten, vor denen wir uns verbeugt haben, betritt man mit dem linken Fuß. „Warum mit dem linken?“, frage ich. „Das ist so.“ Aha. Auf einer kleinen schwarzen Matte, die direkt an der Wand liegt, postiert der lehrende Buddhist sein Sitzkissen, verbeugt sich mit wieder aneinander gepressten Händen vor der Wand, dreht sich um 180 Grad nach rechts, verbeugt sich vor dem Buddha und dreht sich 180 Grad weiter. „Die Rechtsdrehung ist wichtig, weil, ja, weil das so gemacht wird“, sagt mein Lehrer, bevor ich fragen kann. Wir üben das richtige Hinsetzen und die richtige Körperhaltung. Als ich den Burmesischen Sitz eingenommen habe – Füße an das andere Bein pressen, die Fußballen schauen nach oben – und mit den Händen eine Schale forme, spricht der Zen-Häuptling darüber, was beim Meditieren passiert: „Dann beginnt das Gedankenkino, etwa Gedanken an den Einkaufszettel. Lass die Gedanken fließen, wehr sie nicht ab und hänge ihnen nicht nach.“ Das war es? Nicht mehr?, frage ich mich enttäuscht. „Es tauchen noch Phänomene auf“, sagt der Kuttenträger. Was für Phänomene? Regnet es Lotusblüten? Werde ich zur Blume, wie es im Internet Zen-Erleuchtete schreiben? Erscheint Buddha und verrät mir, welche Drogen der Typ genommen hat? „Bei Phänomenen piekt es da, zwackt es oder juckt es irgendwo“, klärt der Meister auf. „Die Phänomene gehen oft vorbei. Also nur, wenn es gar nicht mehr geht, die Haltung bei der Meditation verändern.“ Ein anderer Buddhist, der sich gerade eine Kutte anzieht, mischt sich ein: „Die Phänomene gehen immer vorbei, man muss sich eigentlich gar nicht bewegen.“ Noch weitere vier Kuttenträger warten im Vorraum, das richtige Zazen beginnt. Nachdem sich jeder vor dem Buddha, der Wand und nochmals dem Buddha verbeugt und gesetzt hat, betritt der Leiter den Raum. Er zündet eine Räucherkerze an, schlägt an einer Steinschüssel „Gong“ und nochmal „Gong“, und die Meditation beginnt. Die Augen sind beim Zen-Buddhismus nicht geschlossen, sondern schauen auf die Wand. 35 Minuten lang, solange dauert eine Meditationseinheit. Ich starre auf die gelbe Raufasertapete. Ich schlafe fast ein, nur mein Rücken, der nach etwa fünf Minuten zu schmerzen beginnt, hält mich davon ab. Also weiter: starren. Irgendwann ist das Rascheln einer Kutte zu vernehmen, ein „Gong“ ertönt, der zweite Teil des Zazen beginnt: Gehmeditation. Beim Ausatmen muss man einen winzigen Schritt nach vorn gehen, wirklich nur winzig, denn man muss aufpassen, dem Vordermann nicht auf die Kutte zu treten. Nach zehn Minuten habe ich auch diese Aufgabe hinter mich gebracht. Man geht einen Weg, der vorgeschrieben ist, zurück zu seinem Sitzkissen, setzt sich hin und starrt wieder 35 Minuten lang an die Raufasertapete. Mein linker Fuß schläft, der Rücken schmerzt und ich verstehe nun, was der Zen-Häuptling meinte, als er zum Sinn der Meditation sagte: „Man spürt letztendlich, dass man es akzeptieren soll, wie das Leben ist.“
Dieses Einfinden in das Schicksal und die Absage an das kritische Denken waren es wohl, was Reaktionäre am Zen-Buddhismus faszinierte. Heinrich Himmler begeisterte sich für den „Bushido“ genannten Ehrenkodex der Samurai-Kämpfer, nach dem sich auch der wahrlich deutsche Sprechsänger nannte. Vom Zen-Buddhismus lernten die japanischen Soldaten, die Angst vor dem Tode zu verlieren, um sich für den politischen Führer in den Tod zu stürzen. Da verwundert es kaum, dass auch der Apologet des Todes, Martin Heidegger, dem Zen huldigte, über den er schrieb: „Wenn ich es recht verstehe, so ist es das, was ich in all meinen Schriften zu sagen versuchte.“ Hans-Peter Hempel, Politikwissenschaftler, Heidegger-Nachplapperer und ausgebildeter Yoga-Lehrer, zeigt in seinem Buch „Heidegger und Zen“ – warum eigentlich nicht „Zen und Zeit“? –, dass der Nazi-Philosoph recht gehabt hat. Die große sagenumwobene Wahrheit, zu der man während des Meditierens nicht durch Erkenntnis, sondern nur durch Erfahrung gelangen kann, ist letztendlich: nichts. Die „wesensmäßige Grunderfahrung“ des Zen sei das Nichts, gegen das sich das „abendländisch-europäische Denken“ richten würde. Die Frage, wie man zum Nichts gelangen könnte, beantwortet Yoga-Hempel natürlich – nicht: „Dieses Nichts kann weder ‚gedacht’ werden als Negation des vorhandenen Seienden noch als die ‚Negation einer Aussage’, weder als eine ‚Idee’ noch als ‚Einbildung’ und ganz und gar nicht als Unbewusstheit. Das Nichts des Zen ‚gibt’ es demnach nicht.“ Das Nichts – vollkommen logisch – ist nichts und so auch nicht in Worte zu kleiden. Um nichts zu erfahren, sitzt man also unbequem, starrt bestenfalls noch auf die Struktur der Tapete, schweigt und muss den Schmerz in den Knien und im Rücken aushalten. Danke, Heidegger, für diese Erleuchtung.
Ich sitze starr und warte auf das Ende der Meditation, als die ruhige Stimme des Chef-Buddhist die Stille für einen Moment unterbricht: „Genieße die Meditation. Keiner kann deinen Platz einnehmen, keiner kann für dich atmen. Das ist dein Augenblick.“ Dein Augenblick, denn Deutschland sucht den Superbuddhisten. Irgendwann sind auch diese 35 Minuten vorüber, alle stehen kurz auf, um sich zur Mitte des Raumes zu drehen und sich wieder zu setzen. Das Singen, das ich schon mit dem Leiter geübt habe, beginnt. Was man singt, weiß man nicht, die Sprache ist eine Mischung aus Sanskrit und Chinesisch. „Das spricht heute keiner mehr“, sagte der Kuttenträger bei der Einführung. Ein Buddhist klopft das monotone „Tock“, „Tock“, „Tock“ auf einer kleinen Holztrommel. Der Gesang, bei dem man an „Sieben Jahre in Tibet“ denken muss, hört sich tief an, und man soll aus dem Bauch heraus singen. Wir singen den Song „Maka Hannya Haramita Shin Gyo“. Was der Text bedeutet, konnte mir nicht erklärt werden. „Aber es ist schön, wenn man auf einem Workshop ist, zum Beispiel in Irland ist, und alle können den gleichen Text singen. Das verbindet“, sagte der hallische Zen-Guru zu mir. Um nur wenige Zeilen wiederzugeben: „Mu-gen- ni- bi- zes- shin- ni, mu-shiki- shô-kô- mi- soku- hô, mu- gen-kai nai-shi mu-i-shiki-kai. Mu- mu-myô yaku mu-mu-myô-jin, nai-shi mu-rô-shi, yaku mu-rô-shi-jin, mu-ku-shû-metsu-dô, mu-chi yaku mu-toku, i mu-sho-tok[u] ko.“ Es ist wahrscheinlich die buddhistische Variante von „I can’t get no satisfaction“.
Nachdem ich das singende Wachkoma überstanden habe, werde ich noch gelobt. Da ich solange still gehalten habe, legt mir ein Buddhist nahe, bald wiederzukommen. Ich bin unschlüssig, ob nicht lieber die Lektüre einer der Tausenden Zen-Ratgeber vorzuziehen ist, etwa: „Zen und die Kunst, sich zu verlieben“, „Zen oder wie ein Samurai Golf spielen“, „Das Lächeln der Radieschen: Zen in der Kunst des Kochens“ oder „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten: Ein Versuch über Werte“. Aber was kann man aus den Büchern lernen? Wahrscheinlich: nichts.
Tracy Schäfer
Von der Autorin erscheint demnächst im Bonjour-Tristesse-Verlag: „Zen – Das Prinzip Raufaser“
Tracy Schäfer inspirierte die Redaktion zu einem gemeinsamen Gebet. Das Ergebnis findet sich bei YouTube.
Soweit, so gut, ich würde die inhaltliche kritik am zen-buddhismus und an seinen europäischen / deutschen apologeten sofort teilen.
nur eines scheint mir schleierhaft: wozu die flache kritik an heidegger in diesem text? da hätte mensch sich auch kierkegard oder schopenhauer (der zen influencer schlechthin) herauspicken können…
btw, ich würde nochmal die lektüre heideggers empfehlen
“Der Tod enthüllt sich zwar als Verlust, aber mehr als solcher, den die Verbleibenden erfahren. Im Erleiden des Verlustes wird jedoch nicht der Seinsverlust als solcher zugänglich, den der Sterbende «erleidet». Wir erfahren nicht im genuinen Sinne das Sterben der Anderen, sondern sind höchstens immer nur «dabei».” (Sein und Zeit)
Sowas heideggerte aus ihm heraus bevor er in seiner Rektoratsrede den großartigen Aufbruch des NS lobte der 6 Millionen jüdische Menschen ins Gas schickte.
Also, steck dir deinen Heidegger sonst wo hin!
Habe ich schon. allerdings musste ich vorher die halbe abendländische philosophie dorthin stecken, damit ich dies (und die Rektoratsrede) auch nur ansatzweise verstehe.
Es ist tatsächlich oft leichter eine Wahrheit zu entdecken als ihr den richtigen Platz zuzweisen…
“Es ist tatsächlich oft leichter eine Wahrheit zu entdecken als ihr den richtigen Platz zuzweisen…”
Klingt nach poststrukturalistischer Beliebigkeit. Finde eine Wahrheit und weise ihr einen Platz zu, bedeutet nichts anderes als interpretiere die Wahrheit so wie du sie gerne hättest.
Und so kann man auch mit Heidegger warm werden. Du findest bestimmt auch Foucault spitze, oder?
Wäre das schlimm? Hast du eine Liste (im Kopf) auf der steht, was gut ist und was schlecht?
Beliebigkeit ist nur eine Frage des Standpunktes.
PS: Zitat von Sausurre, Paraphrase von Obi Wan Kenobi
http://www.ca-ira.net/verlag/buecher/gruber.lenhard-gegenaufklaerung.html
Buchtipp für PoMo-Freunde!
Leseliste.
Und: mit “PoMo” bin ich auch durch und die kritik ist mir auch klar.
genau. und chao.