Ende Oktober beschloss das Plenum des Leipziger „Conne Island“, dass keine Veranstaltungen mit dem „Bahamas“-Redakteur Justus Wertmüller im Haus stattfinden dürfen. Da es die Betreiber des „Conne Island“ aufgrund allgemeiner Überarbeitung nicht so schnell schafften, eine Erklärung dazu zu verfassen, griff ihnen die hallische AG „No Tears for Krauts“ in alter Verbundenheit unter die Arme und erklärte in einem Flugblatt, was es mit dem Verbot auf sich hat. Hatte das linke Leipzig kurz zuvor noch geunkt, dass Interventionen aus Halle in der Heldenstadt ohnehin nicht ernst genommen würden, war die allgemeine Empörung über das Flugblatt letztendlich größer als über das Veranstaltungsverbot des „Conne Island“. Angesichts des Textes der AG „No Tears for Krauts“ sah sich nicht nur das Plenum des „Conne Island“ genötigt, die Voraussagen des Flugblattes zu bestätigen: Als Begründung des Verbots musste letztendlich tatsächlich Wertmüllers „Diskussionsverhalten“ herhalten. Auch die diversen Fraktionen der Leipziger Linken rückten wieder zusammen. Dabei hatte zwar jeder etwas anderes auszusetzen: Die einen fanden es „taktisch unklug“ oder „zu polemisch“, die anderen „abgehoben“, „arrogant“ oder – selbstverständlich – „sexistisch“. Den einen kam die FDP-Jugend zu schlecht weg, den anderen der „Antifaschistische Frauen-Block“, und wieder andere sahen das „Zoro“ zu schlecht behandelt. Einigkeit bestand allerdings darin, dass das Flugblatt unerhört sei. Selbst die Redaktion des „Conne-Island-Newsflyers“ („CeeIeh“) beschloss, den Text nicht im aktuellen Heft abzudrucken. Der Grund: Polemik, die der Linke bekanntlich wie jeder gute Deutsche scheut wie der Teufel das Weihwasser. Dieser vorauseilende Gehorsam nutzte der Redaktion allerdings wenig. Ende November wurde ihr vom Plenum des „Conne Island“ verboten, einen anderen Debattenbeitrag abzudrucken, den sie vermutlich für weniger polemisch gehalten hatte. Die Bonjour Tristesse will ihrem Publikum hingegen nicht vorenthalten, was die Leser des „CeeIeh“ nicht lesen dürfen.
Die Straight-Edge-Hardcoreband „Youth of Today“, die in den 1980er Jahren mit dem „Kraft-durch-Freude“-Slogan „Physically strong, morally straight“ für sich warb; die Cock’n’Proll-Band „K.I.Z.“ („Baby, ich ficke in dein Arschloch / Bis mein Herz in deinem Darm pocht“); ein früherer Häuptling des Neonazinetzwerkes „Blood and Honour“ Sachsen-Anhalt; der FDP-Nachwuchs mit Antifa-Vergangenheit, der Gerhard Scheit in einer der letzten „CeeIeh“-Ausgaben freundlicherweise Nachhilfestunden in Sachen Methoden der Politikwissenschaft anbot – sie alle sind mehr oder weniger gern gesehene Gäste des Leipziger Szenelokals „Conne Island“. Wenn das örtliche „Bündnis gegen Antisemitismus“ hingegen eine Veranstaltung mit Justus Wertmüller, dem Redakteur der israelsolidarischen und islamkritischen Zeitschrift „Bahamas“, organisieren will, tritt nicht nur ein „Antifaschistischer Frauen-Block Leipzig“ (AFBL) auf den Plan und spielt Großzensor. Sondern die Teilnehmer des „Conne-Island“-Plenums heißen diese Reviermarkierung auch noch gut: Sie benehmen sich wie die Blockflöten, die Blockparteien der untergegangenen DDR, und nicken das Veto des feministischen Heimatschutzkommandos ab.
Doch warum darf Justus Wertmüller nicht im „Conne Island“ sprechen, während die strunzreaktionären Hare-Krishna-Predigten der „Youth of Today“, die Achtklässlerphantasien von „K.I.Z.“ oder die Konzertbesuche des früheren Herausgebers der „Blood-and-Honour“-Zeitschrift „The New Dawn“ keine antifaschistischen Frauen, die sich in Blöcken organisieren, um besser in Reihe und Glied denken zu können, ernsthaft hinter dem Ofen hervorlocken können? Ganz einfach: Der frühere Freund von Blut und Ehre ist in erster Linie eine lächerliche Gestalt. Das Faible der „Youth of Today“ für gelbe Umhänge, Holzkettchen und Räucherstäbchen löst beim Publikum bestenfalls Befremden aus. „K.I.Z.“ rhabarbern ganz postmodern von „ironischen Brechungen“ in ihren Texten. Und die neueste Anhängerschaft von Adam Smith und Rainer Brüderle wird sich bei der erstbesten Gelegenheit, die sich freilich nicht so bald bieten wird – immerhin ist der Bedarf an Klugscheißern mit Habermas-Schrein selbst an den Universitäten über Jahre hinaus gedeckt –, in Richtung akademischer Betrieb verabschieden. Kurz: Sie alle zeigen, mal freiwillig, mal ungewollt, dass sie nicht ernst zu nehmen sind. Anders Wertmüller, der für all das steht, was man an der „Bahamas“ nicht mag. Während die Vor- und Nachdenker, die sich das „Conne Island“ in den letzten Jahren hielt, stets weniger als Kritiker denn als Soziologie-Tutoren auftraten; während ihnen der Inhalt wenig, die Diskussionskultur alles war; während sie stets signalisierten, dass sie letztlich doch zu jener „One Family“ („Youth of Today“) gehören, die sich jetzt, nachdem man ihr genügend Sauereien hat durchgehen lassen, gegen ihre früheren Hofnarren richtet: während die Leipziger Haus- und Hofschreiber die Füße also viel zu oft stillhielten, hat die „Bahamas“ immer wieder pointiert ausgesprochen, was grundsätzlich alle ahnen, um des lieben Szenefriedens willen aber verschweigen. Denn selbstverständlich weiß jeder, dass das Gender-Gerede der Frauenblöcke nicht dem Zweck dient, gegen die tatsächliche Benachteiligung von Frauen in vielen Bereichen anzugehen. Es soll seinen Lautsprecherinnen vielmehr den Eintritt in die einschlägigen kulturwissenschaftlichen Institute erleichtern. (Wer dieses Ziel erreicht hat, kommt dementsprechend traditionellerweise nicht mehr zu den Treffen des AFBL.) Selbstverständlich wissen alle, dass die Rede von der „Definitionsmacht der Frau“ nicht dem Zweck dient, vergewaltigten Frauen zu helfen, sondern die Sau durchs linke Dorf zu treiben. Und selbstverständlich ist allen bekannt, dass die Fürsorglinge der Antirassisten, wenn sie sich denn zum Bart des Propheten bekennen, für Juden ebenso bedrohlich sind wie die braunen Jungs von der Platte.
Wer diese Basisbanalitäten ausspricht, verrät letztendlich, worauf die linke Zwangsgemeinschaft basiert: einer Mischung aus Drohgebärden, der Angst, etwas falsch zu machen, Konformismus und dem verzweifelten Verlangen, zumindest irgendwo mitmachen zu dürfen. Die „Bahamas“ hat, mit anderen Worten, den Fehler begangen, ein offenes Geheimnis öffentlich zu verraten. Je freimütiger über den Kitt der linken Szene geplaudert wird, umso empörter reagieren die antisexistischen Lordsiegelwahrer auf den Verrat – und umso verbissener muss das insgeheime Wissen über den eigenen Verein an den Verrätern exorziert werden. Der Hass, der der „Bahamas“, Wertmüller und „den Antideutschen“ immer wieder entgegenschlägt, obwohl sie x-mal totgesagt, für bedeutungslos erklärt oder in die Krise geschrieben wurden, ist der Hass auf den Verräter, dem stets größere Feindschaft entgegenschlägt, als dem tatsächlichen oder eingebildeten politischen Gegner. Auch hier dürfte letztendlich einer der Gründe dafür zu suchen sein, warum die antifaschistischen Frauen-Blockwärterinnen zukünftige liberaldemokratische Funktionsträger ungeschoren gewähren lassen; hier dürfte einer der Gründe dafür zu suchen sein, warum sie in der Causa Wertmüller über ein enorm langes Gedächtnis verfügen, während sie sich an die Pogromaufrufe des früheren Vorzeigefreundes von Blut und Ehre kaum noch erinnern können.
Da die „Bahamas“ oder Wertmüller öffentlich allerdings nur schlecht als Verräter beschimpft werden können – sonst müsste man zugestehen, dass sie recht haben –, wurden in den Diskussionen, die das „Conne-Island“-Plenum nach dem Antrag des „Bündnisses gegen Antisemitismus“ führte, die beiden linken Standardvorwürfe bemüht: Rassismus! Sexismus! Diese Vorwürfe können zwar nicht belegt werden: Die linken Antirassisten haben weder einen Begriff von Rassismus, noch waren die Zensursulas des AFBL in der Lage, in Sachen Frauenfeindschaft mit mehr als Gerüchten, Zitatfetzen und der eigenen Lese-Rechtschreib-Schwäche aufzuwarten. Auf Belege kommt es aber auch gar nicht an. Rassismus und Sexismus sind den linken Sittenwächtern keine Kategorien, sondern Sprechblasen, die sich selbst genügen. Allein der Vorwurf rechtfertigt das Losschlagen: Wer zuerst Rassist sagt, hat gewonnen.
Einige Mitglieder des „Conne-Island“-Plenums scheinen sich jedoch zumindest ein gewisses Maß an Restvernunft bewahrt zu haben. Denn auch wenn der Rassismus- und Sexismus-Vorwurf an Wertmüller letztendlich den Ausschlag für seine Ausladung gegeben haben dürfte, werden die Begriffe „Rassismus“ und „Sexismus“ wohl nicht in der Kommandoerklärung auftauchen, mit der das „Conne Island“ seine Entscheidung vielleicht irgendwann einmal begründen wird. Erstens dürfte die Argumentation der szeneinternen Frauenbeauftragten selbst für linke Verhältnisse zu hanebüchen gewesen sein: Niemand – nicht mal der AFBL – kann sich mit ihr an die Öffentlichkeit wagen, ohne sich vor dem eigenen Stammpublikum lächerlich zu machen. Zweitens hat man inzwischen möglicherweise auch im „Conne Island“ gehört, dass es Leute gibt, die dem bürgerlichen Gesetzbuch bei Beleidigungen und Verleumdungen mehr abgewinnen können als der linken Nibelungentreue. Anna und Arthur halten glücklicherweise nicht mehr immer nur den Mund, wenn ihnen die Szene auf’s Maul geben will. Statt den antirassistischen Bauchschmerzen feministischer Hausbuchführerinnen Ausdruck zu verleihen, wird sich das „Conne Island“ einerseits wohl auf ein ominöses Konsensprinzip berufen, mit dem Entscheidungen über Veranstaltungen im Haus getroffen werden müssen: auf ein Produkt des Stalinismus also, wo Beschlüsse stets einstimmig gefällt zu werden hatten, – und das auch in späterer Zeit nie dem Schutz einer Minderheit diente, sondern immer nur die Tyrannei einer kleinen Clique aufrechtzuerhalten half. Andererseits wird man sich wohl über Wertmüllers Diskussionsstil beschweren, der anscheinend nicht den Ansprüchen genügt, die das „Conne-Island“-Publikum von den Publikumsbeschimpfungen „Poison Ideas“, den Bollo-Sprüchen der Proll-Hardcore-Band „Discipline“ oder der Bühnenkonversation von „K.I.Z.“ („Kniet nieder, ihr Fotzen!“) gewöhnt ist. Mit dieser Mischung aus Konformismus, Bigotterie und Peinlichkeit entwickelt sich das „Conne Island“ letztlich zu einem stinknormalen autonomen Juzi: zu einem „Zoro“ in groß, einem Bauwagenplatz mit Dach oder einer „Interim“ in Kneipenform.
AG „No Tears for Krauts“ Halle
Irgendwie braucht die CEE IEH Redax dringend Nachhilfe in Humor!
“bonjour tristesse (03/2010, 20.12.2010)
– wir werden früher informiert
(und sei es nur, weil es bei uns in der Provinz keine Musik gibt oder uns Mami so zeitig ins Bett schickt, so dass wir morgens immer die Ersten sind…)”
http://www.conne-island.de/nf/183/2.html
Na schön, daß die Kritik mal von der Frauenseite kommt – da kann man sich auch mal sexistisch korrekt ausleben!
Wenn der Justus unbedingt auftreten muß und Halle so schön ist – warum nicht mal das Dringende mit dem Schönen verbinden?
Da bleibt Leipzig wenigstens verschont.