„Das alles hier. Das sind wir. Komm, zeig dem Land deinen Verstand. Gib nicht das Ruder aus der Hand! Wir stehen früher auf, sind cooler drauf und kommen aus? Sachsen-Anhalt!“ Wem es bei einem so tollen Sprechgesang, mit so viel positiver Energie nicht eiskalt den Rücken herunter läuft, der kann sich bei den Machern der Kampagne „Das hier sind wir“ bedanken. Die dazugehörigen Spots zeigen junge Menschen, die voller Leidenschaft und Überzeugung ganz grotesk durch die Magdeburger Innenstadt hopsen und sich ihres Elends nicht bewusst zu sein scheinen. Denn anders als die Internetseite verspricht, ist das Kultur- und Arbeitsangebot hier nicht sonderlich einladend. Die vielfach betonten Zukunftsperspektiven liegen eher woanders. Erdacht wurde diese Kampagne, wie sollte es anders sein, vom Land Sachsen-Anhalt selbst, um das Image Dunkeldeutschlands aufzubessern. Denn: „Kultur und Wirtschaft, Leben und Arbeit –Sachsen-Anhalt ist ein Land, das Maßstäbe setzt“. Welche Maßstäbe das genau sind, wird im Slogan „Wir stehen früher auf», mit dem Durchreisende an den Landesgrenzen begrüßt werden, deutlich. Er sagt laut Werbespot nicht nur aus, dass „wir Sachsen-Anhalter neun Minuten früher aufstehen als die Menschen in anderen Teilen Deutschlands, sondern er steht auch für Mut und Stärke zu Fortschritt und Innovation“. Da möchte man doch am liebsten gleich liegen bleiben. An anderer Stelle wird deutlich, woraus diese Kampagne ihren Wahnwitz schöpft und worauf sie sich beruft. „Wir haben eine stolze Geschichte mit den Ottonen und Luther und können in eine aufregende Zukunft blicken.“ Bei der angesprochen Geschichte und Luther weiß man ja, was von der Zukunft zu erwarten ist. Hinter der Forderung nach regionaler Identität steht nichts anderes als das Verlangen nach Lokalpatriotismus. Heimatbewusstsein und -verbundenheit sollen Dummheit und das Versagen in etwas umlügen, das Trost spendet. Nicht so besonders durch Tradition und Harmonie, sondern eher durch Hass auf Nachbarn und Mitmenschen. Dabei sind die Loblieder auf die Heimat keine Liebeserklärungen, sondern eine Kampfansage an das Fremde. Homogenisierung nach Innen und Abgrenzung nach Außen. Doch warum ist man nun eigentlich in Sachsen-Anhalt Frühaufsteher? Wieso sollte die Eintönigkeit absichtlich in die Länge gezogen werden? In diesem Sinne: Ausschlafen! (nen)
Sachsen-Anhalt – Dein Land!
28. Juni 2010 von bonjour tristesse
Veröffentlicht in Zeitung | 2 Kommentare
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- Prof. Dr. Lossinn bei Die Dummschwätzer
- onkel mo bei »Gegen die Realität!« Die Faselei der »Phase 2«
- Ein ostdeutsches Märchen « AK Zweifel und Diskurs bei Volksgemeinschaft gegen rechts?
- Helmut bei Plunder vor die Säue
- Prof. Dr. aka Sinnlos M.A. bei Die Dummschwätzer
- arschkrampe bei „Passgenaue Intervention bei rechtsextremen Ereignislagen“.
- thomaswinter85 bei Die Braunhemden vom Millerntor. Der Hamburger Heimatschutz gegen moderne Unzumutbarkeiten
- Ja, es ist halt ein Fußballverein und er hat Fans - so what bei Die Braunhemden vom Millerntor. Der Hamburger Heimatschutz gegen moderne Unzumutbarkeiten
- Karls bei »Gegen die Realität!« Die Faselei der »Phase 2«
Exkurs:
Die Initiative “Heimatschachteln” macht deutlich, dass die organische Verwachsenheit mit dem Land, den Produktionsverhältnissen und der Genealogie die Sachsen-AnhaltinerInnen dazu veranlasst, ihrer Sehnsucht nach Ur-Heimat nachzugeben. Der Genuss von Burger Knäcke & Halloren-Kugeln oder der Luxus eines von der “Volksstimme” gesponsorten Papierblocks weckt die verschüttete Erinnerung an die eigenen Ursprünge:
http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1154945374149&openMenu=1012902958704&calledPageId=1012902958704&listid=1018348861894
Früher wurden Menschen transferiert oder umgesiedelt (z.B. die Sudetendeutschen). Glücklicherweise ist das nicht mehr notwendig. Denn heute hat die Verwurzelung die Subjekte durchdrungen – ökonomisch als Standortbewusstsein und ideell als Ort der Abstammung – und es folgende Nachricht zeigt, dass die Verhältnisse in Sachsen-Anhalt doch irgendwie besonders sind. Die Arbeit ist hier noch Selbstzweck. “Arbeit macht unfrei. Dies mit allen Sinnen zu bejahen, macht deutsch.” (G. Scheit)
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/2800186_Mindestlohn-nicht-gezahlt-Erstmals-eine-Straftat.html
Nachtrag:
Bei den Gebäudereinigerinnen handelt es sich nicht um gebürtige Sachsen-Anhaltinerinnen, sondern um “Frauen aus ehemaligen Sowjetrepubliken”:
http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/putzen-fuer-einen-euro/1874318.html