Das hallische Fachblatt für regionale jugendkulturelle Belanglosigkeiten, die „Aha“, ist schon seit geraumer Zeit auf der Suche nach seinem individuellen Tiefpunkt. Schon nach dem „Relaunch“ (vgl. „Bonjour Tristesse“ Nr. 2/2008) vor knapp zwei Jahren hatte man das Gefühl, dass es furchtbarer nicht ginge. Es schien, dass nur der Verzicht auf die das Heft schmückende Werbung für Tennissocken und Handyverträge das Produkt noch entsetzlicher werden lassen könnte. Doch weit gefehlt. Die monatliche Hackfressenparade, bei der die am Wochenende die hallische Innenstadt heimsuchenden Umländler sich betrunken in den „angesagtesten“ Diskotempeln in den immer gleichen Posen (meist ist es die in Richtung Kamera herausgestreckte Zunge) fotografieren lassen, wurde erweitert. Die redaktionellen Texte überschreiten nach wie vor selten die Länge einer SMS, und das Titelbild dient neuerdings als Werbefläche für so niveauvolle ostdeutsche Abendunterhaltung wie die „Highland-Games“, „Rammstein“-Cover-Band-Abende oder Silvester-im-Volkspark-Events. Insbesondere eine Redakteurin erfreut sich in der Leserschaft großer Beliebtheit: Chantall (auf hallisch: Schandall). Ein Name, so penetrant wie Gesichtsakne auf der Haut von 15-Jährigen. Der so beispielhaft steht für die Abscheulichkeiten der Zone, seine Bewohner und deren Untaten an ihren Mitmenschen. Und der hält, was er verspricht. Chantalls Aufgabe ist es, monatlich an repräsentativer Stelle eine Kolumne zu schreiben. Chantall nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, sie schreibt, wie sie spricht. Und so liest es sich dann auch. Eine Auswahl: In der Novemberausgabe berichtet Chantall über einen Mann (Johannes, „seit drei Jahren Anwalt“), der „den perfekten Schwanz hat: nicht zu klein, nicht zu lang, ausreichend im Durchmesser, perfekt eben“. Im Dezember, weil’s offenbar so spannend war, wird die gleiche Geschichte wieder ausgepackt: „Wir hatten Sex, er rief kurz danach an und wollte mich wiedersehen. Ich ihn im Übrigen auch.“ Gähn. Im Januar betrank sich die Partymaus, benahm sich peinlich, weil sie ihren „Ex-Freund Kevin“ in den Armen seiner „neuen Freundin“ sah, im Kampf „rücklings in die Stühle“ fiel und „am nächsten Morgen inmitten von halbverdauten Bowlefrüchten“ aufwachte. Okay. Im Februar hieß das Thema dann: „Dürfen Frauen pupsen?“ Woraufhin sie wieder Geschichten aus ihrem Leben bzw. dem ihrer Freundin bemüht: Sie „war kurz vorm Höhepunkt, als ihr, nun ja, ein Lüftchen ins Gesicht schoss. Natürlich hat sie sich tierisch aufgeregt, aber letztlich hat ihr Trieb gesiegt. Zumindest bis zum Orgasmus stand sie Blähungen toleranter gegenüber.“ Alles klar. Und in der Märzausgabe ging es zur Überraschung mal um etwas anderes: Genau. Um Männer und Körperflüssigkeiten. Sie fand sich „eng umschlungen mit einem Wildfremden“. Später dann machte sie sich „Sorgen, ob das Nasse unter mir Blut ist oder ich einfach wahnsinnig feucht bin“. Auszüge aus fünf verschiedenen Kolumnen von Chantall. Chantall ist Charlotte Roche auf noch dümmer, das Dr.-Sommer-Team auf plump, eine psychosexuell unterentwickelte Elfjährige im Körper einer Erwachsenen. Und der Beweis, dass sich eine infantile Anal- und Genitalfixierung merkwürdigerweise je mehr verbreitet, desto mehr Sexualität enttabuisiert ist. (mab)
“Sie ‘war kurz vorm Höhepunkt, als ihr, nun ja, ein Lüftchen ins Gesicht schoss…’”
Ich habe Mühe, mir das technisch vorzustellen. WO war sie, abgesehen von “kurz vorm Höhepunkt”? Ist es ihr gelungen, den allerdeutschesten social skill des Arschkriechens mit ihren tristen Orgasmen zu verbinden? Aus den hier angeführten Entladungen Chantalls entsteht der unabweisbare Eindruck, dass dort, wo sich bei anderen die Lust befindet, bei ihr ein faszinierter Körperekel herrscht.
Im Übrigen ist mein Leben um einiges düsterer geworden, seitdem ich nun weiss, dass es Rammstein-Cover-Bands gibt.
Schön! Sowas gibts bei uns hier oben nicht. Ich kenne aber Halle ganz gut, vor allem den Dialekt, woa. Da ist so eine gewisse lässige Schnoddrigkeit drin, also wirklich, auch ein seltsamer Trotz und verschworener Gemeinschaftssinn. Andererseits aber auch eine steinharte Renitenz. Scheint ein wenig ins ordinär Proletarische abgeglitten zu sein. Ist alles nicht schlimm, ist nicht allzu praktikabel, aber die Urbrutalität, die da drin steckt, die ist und war immer bedenklich.