Das Ergebnis einer im Januar diesen Jahres stattgefundenen Demonstration im sachsen-anhaltischen Köthen, an der nicht einmal 35 Personen teilnahmen, war eindeutig: Die Stadt befand sich in Aufruhr. In diversen Zeitungsartikeln wurde berichtet, im örtlichen Stadtrat eine Art „aktuelle Stunde“ abgehalten, und nahezu sämtliche Parteien sahen sich gezwungen, in der Öffentlichkeit Stellung zu den „Vorkommnissen“ zu beziehen. Auch die Bürger Köthens zeigten sich erwartungsgemäß wenig erfreut über die durchweg unkonstruktive Kritik. Bonjour Tristesse alias Ernst Schmied hat sich am Nachspiel mit verteilten Rollen als empörter bzw. besorgter Bürger telefonisch und schriftlich beteiligt und stellt die Ergebnisse selbstverständlich gern zur Verfügung.
Schönen guten Tag, mein Name ist Schmied. Bin ich da beim Bürgerbüro der PDS?
Ähm, Marina Hinze, ja. Aber das ist nicht das Bürgerbüro, aber Sie können mir trotzdem sagen, um was es geht.
Sie sind doch auch von der PDS.
Ja.
Ich hab mal eine Frage, mich regt das so auf, ich habe das in der Zeitung gelesen mit dieser Demonstration gegen Köthen …
Hmm …
Diese Jugendlichen, diese Brüder [in Sachsen-Anhalt umgangsprachlich für „Schweinehunde“ o. ä., die Red.], die sind doch von Euch!
Nee! Sind sie nicht. Sind die nicht.
Sind die nicht?
Wir wissen nicht, wer das ist. Und wir kennen die Leute auch nicht.
Ach, ich dachte …
(unterbricht) Von uns hat auch jemand einen Leserbrief dazu geschrieben. Dass wir damit nichts zu tun haben.
Aha, das tut auch Not. Wissen Sie, weil ich …
(unterbricht) Im Stadtrat hat sich ein Vertreter von uns dazu geäußert und hat gesagt: Also wir sind das nicht.
Ach … Wir kennen die Leute auch gar nicht.
Da bin ich aber froh.
Aber was sind denn das für welche?
Das wissen wir nicht.
Wissen Sie, ich wähle Sie seit bestimmt 1994, und ich habe mich so geärgert! Was die gesagt haben!
Nee, da können Sie beruhigt sein, mit uns hat das wirklich nichts zu tun. Weil wir das auch unverschämt und völlig daneben finden.
Aber wie kommen die denn dazu?
Keine Ahnung, keine Ahnung. Von uns hat jetzt jemand einen Leserbrief geschrieben und hat gesagt: Das hat mit den Linken ja nun wirklich nichts zu tun. Was die da von sich geben! Schimpf und Schande über die Stadt und ihre Bürger auskippen. Ich meine, es ist natürlich … sicherlich sind es Sachen, die verbesserungswürdig sind und die auch kritisiert werden müssen. Aber in der Art und Weise … so geht es nicht.
Die schmeißen uns in den Dreck!
Ja.
Sind das überhaupt welche aus Köthen?
Ich kann es nur sagen, ich kenne die nicht.
Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, die kommen alle von außerhalb und wollen nur Dreckkübel über uns kippen.
Ja, das ist denkbar. Wir haben uns das Flugblatt mal angeguckt, da hatten wir den Eindruck, dass das nicht von einem Köthener stammt.
Ja, ich hab die gesehen, die Brüder! Und die haben ja auch dort was verteilt, so Flugblätter, und da steht ja drin, dass der „KuKaKö“ [der Köthener Karnevalsverein, die Red.] ein Alkoholikerstammtisch ist.
Das ist ja unter der Gürtellinie!
Das muss man sich mal vorstellen!
Hmm, hmm, nein, also da brauchen Sie keine Angst zu haben, das hat mit uns nichts zu tun. Wir würden so was in der Art und Weise auch nicht befürworten.
Und, können wir da nichts machen? Irgendwie.
Da kann man nichts machen, man kann doch den Leuten den Mund nicht verbieten.
Naja, aber ich meine …
Die müssen nur sehen, dass sie keine Resonanz finden.
Na viele waren es ja nicht!
Nee, anscheinend nicht, ich hab es auch nur gehört.
Naja, die Rechten sind auch nicht besser.
Nee, auf keinen Fall. Aber so geht es auch nicht. Da sind wir einer Meinung.
Ja, da bin ich ja froh, ich hab mich so geärgert. Ich hab jetzt im Internet extra nach Ihrer Nummer gesucht, dass ich hier im Bürgerbüro mal nachfrage. Weil mir das nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist.
Hmm, hmm, hmm, das glaube ich Ihnen. Hmm.
Also das ist jetzt schon so lange her, aber ich kann mich gar nicht mehr beruhigen!
Ja, das glaube ich.
Dass die einfach hierher kommen und glauben, dass die alles Mögliche sagen können über uns Bürger.
Hmm, hmm, hmm.
Wir bauen das hier auf mit unseren Steuergeldern und so …
Ja, ja …
Aber können sie da von ihrer Partei nicht machen, dass man das das nächste Mal verbietet oder so? Das kann doch nicht sein …
Verbieten kann man das nicht.
Da kann doch nicht jeder machen was er will!
Ja, wir haben hier aber Meinungsfreiheit. Da können eben auch Leute, die uns und anderen nicht genehm sind, ihre Meinung äußern. Auch wenn sie mächtig daneben ist.
Das ist der Mist!
Hmm.
Da wünsche ich mir manchmal wieder die DDR.
Hmm, hmm, hmm.
Wissen Sie was, na ja, bin ich ja wenigstens froh, dass die nicht von Ihnen sind.
„Das hab ich auch schon öfter gehört“
Die Köthen-Information, guten Tag.
Ja, schönen guten Tag. Mein Name ist Schmied. Ich hab mal eine Frage, haben Sie einen Moment Zeit?
Ja, natürlich.
Also ich bin mit meiner Familie so kulturell interessiert. Und wir haben überlegt, eine bestimmte Zeit Köthen zu besuchen. Für ein paar Tage. Nun habe ich mich kundig gemacht in den letzten Wochen und habe aber Dinge über Köthen gefunden, die mir die Entscheidung nicht so leicht machen.
Ja.
Und zwar rede ich von dieser Demonstration von diesen jungen Leuten im Januar.
Hmm.
Und zwar ist da sehr viel, ich will es mal so formulieren, Schmutz über Köthen ausgekippt worden, und die haben dazu aufgerufen wohl auch Köthen zu verlassen. Und haben dem Herrn Johann Sebastian Bach untergeschoben, dass es seine schlimmsten Jahre gewesen sein sollen.
Nein! Also das auf keinen Fall. Es gibt Bücher, wo das wirklich belegt wird, dass er die schönsten Jahre in Köthen verbracht hat. Das hab ich auch schon öfter gehört. Das ist auch bewiesen.
Aha, wo kann man das nachlesen? Ich würde mich da gerne noch mehr informieren wollen. Weil ich jetzt einfach ein wenig durcheinander bin, ähm, was sozusagen die Außenwirkung der Stadt mit dem Wahrheitsgehalt zu tun hat.
Ähm, ich denk mal einfach, irgendwo befindet sich das hier, na ja, ich hab Ihnen das glaube ich vorhin schon mal gesagt, ich kann Ihnen auch gern Infomaterial zusenden generell über Köthen und die Umgebung, und da können Sie sich auch noch mal belesen. Also, wir haben wirklich eine schöne Stadt. Kann ich nur empfehlen, wir haben viele Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, wir haben ganz viel neu restauriert. Und es ist wirklich eine schöne kleine gemütliche Stadt.
Und sagen sie mal, warum rufen denn diese Jugendlichen dazu auf, diese Stadt zu verlassen, was haben die denn? Was finden die denn?
Das kann ich Ihnen so nicht sagen. (lacht) Das tut mir leid, also ich kann ja nur für mich sprechen. Ich bin selber erst 18 und ich mach hier meine Ausbildung, mir gefällt es sehr gut in Köthen. Aber ich denke, dass man sich nicht von solchen Jugendlichen davon beeinflussen lassen sollte, oder? Also ich finde, jeder sollte sich selbst ein Bild machen. Ich bin ja nun auch noch jünger und eigentlich in dem Alter, und ich finde das absolut nicht.
Ja, und Sie sind auch dort geboren?
Genau. Ich bin auch in Köthen geboren. (…)
In der Zeitung stand, es sei dort nachts gefährlich. Meine Tochter hat grüne Haare und es stand da, es gäbe viele Rechte. Meine Tochter ist Punkerin, wie würden Sie denn das einschätzen, ist das gefährlich, wenn wir dort abends spazieren gehen?
Ich hab jetzt keine bunten Haare, aber wenn ich abends irgendwo hingehe, dann hab ich da eigentlich nicht … ich sag mal so, diese Aufrufe von den Jugendlichen, das ist ja immer nur ein spezieller Tag, wo die sich dann wirklich alle versammeln. Und dann … naja, vielleicht so … aber ich kann mir das nicht vorstellen.
Also wir hatten so Mitte Mai geplant, da wissen sie noch nicht, ob da so ein Tag ist, wo man besser nicht kommen sollte?
Nein.
Also ist nichts geplant. Wenn Sie was zuschicken könnten, wäre das sehr freundlich.
„Ich glaube eher Rechte, oder?“
Sekretariat des Oberbürgermeisters, Rolle, guten Tag.
Schönen guten Tag, mein Name ist Schmied. Ich habe gerade ihre Nummer bekommen, vom Bürgerbüro der CDU. Und zwar wollte ich mich, ich sag’ mal so, beschweren. Bin ich da bei Ihnen richtig?
Sie wollten jetzt nicht das Bürgerbüro der CDU, sondern Sie haben vom Bürgerbüro der CDU jetzt die Nummer bekommen?
Genau, die sagten, ich solle bei Ihnen mal anrufen. Und zwar folgendes: Sagen Sie mal. Der Dreck, der in den letzten Wochen über Köthen gekippt wurde. Das geht mir gegen den Strich. Diese linken Chaoten mit ihrer Demonstration haben das alles entfacht.
Sie meinen, was jetzt hier in unserer Zeitung steht?
Genau, ich habe diese Brüder auch gesehen. Sagen Sie mal, die sind doch von der Linkspartei, oder nicht?
Ja, ich weiß es nicht. Ich war nicht da. Also, ich glaube nicht, denk ich mir mal. (stammelt)
Aber es waren Linke, oder wie muss ich das verstehen?
Äh, ich glaube eher Rechte, oder?
Die haben so viel Müll ausgekippt über Köthen.
Das stimmt.
Und Unwahrheiten erzählt. Ich wollte mal den Bürgermeister fragen, ob man da nicht irgendwas dagegen tun kann. Da kann doch nicht jeder machen, was er will.
Das stimmt.
Haben sie das verfolgt, was da alles erzählt worden ist?
Naja, in der Zeitung jedenfalls.
Ja, die haben unser KuKaKö als Alkoholikerstammtisch …
Ja, das haben wir gesehen.
Ich habe mich da früher mal engagiert. Ich hab mich da von denen im Streit getrennt … Aber das ist einfach eine Lüge.
Ja, ja.
Nur weil man mal einen über den Durst trinkt, ist man noch lange kein Alkoholiker.
(Unverständlich) Aber etliche Leute springen drauf an. Das ist schon traurig.
Das ist traurig. Ein gepflegtes Bier in Ehren! Da wird auch getrunken. Aber das sind keine Alkoholiker.
(Unverständlich) Ist doch klar, dass man was trinkt, wenn man Karneval feiert.
Der Oberbürgermeister des Ortes war für Herrn Schmied leider nicht zu sprechen. Aber Hermann Hofacker, ein weiterer empörter Bürger, belästigte ihn solange per E-Mail, bis er sich genötigt sah, persönlich zu antworten. Wir dokumentieren hiermit sein Schreiben:
Lieber Herr Hofacker, der Mailverkehr zwischen uns scheint unter keinem so ganz glücklichen Stern zu stehen. Selbstverständlich antworte ich Ihnen gerne, denn ich ärgere mich genau so wie Sie über diese Dinge, die im Netz über unsere Stadt verbreitet werden. Nach intensiver rechtlicher Prüfung sind wir allerdings zu dem Schluss gekommen, dass rechtliche Schritte keine Aussicht auf Erfolg haben, und dies wäre aus meiner Sicht auch nur eine Aufwertung solcher „Spinner“. Sicher gibt es mittlerweile eine Reihe von Diskussionsbeiträgen zu dem von Ihnen angesprochenen Beitrag. Wenn ich allerdings auf der anderen Seite sehe, wie positiv bundesweit derzeit über unser Projekt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung berichtet wird, welch nationale Beachtung wir finden – gleiches gilt für die Entwicklungen um die Homöopathie und um Johann Sebastian Bach – so denke ich, sollten wir selbstbewusst genug sein, solchen Unfug an uns abprallen zu lassen. Denn diejenigen, die sich wirklich für unsere Stadt interessieren, wissen, dass Köthen sich zu einer der Perlen Sachsen-Anhalts entwickelt hat. Darauf sollten wir alle gemeinsam stolz sein und jeder das Seine tun, um unsere Stadt noch ein Stückchen lebenswerter zu machen. Einige Worte auch noch zu Ihrer letzten Bemerkung, dass Sie nur zu gerne wissen würden, wer diese Leute sind. Ich habe mit einem der mutmaßlichen Verfasser das Gespräch gesucht und habe ihm auch meine Sicht der Dinge erläutert. Ob dies nachhaltige Wirkung hatte, kann ich nicht sagen. Aber ich denke, in einer Demokratie sollte man auch so einen Unfug aushalten können, insbesondere dann, wenn rechtlich keine Schritte dagegen möglich sind.
Viele Grüße
Kurt-Jürgen Zander Oberbürgermeister
Ernst Schmied
[...] dem Text „Eine Perle Sachsen-Anhalts“ der aktuellen Ausgabe der Bonjour [...]
[...] z.B. den Stadtteil Glaucha oder den Pazifismus der hallischen Linken, im Editiorial und im Text „Eine Perle Sachsen-Anhalts“ auch auf Köthen eingegangen. Uns gefiel das Interview mit den Stadtvertretern so gut, dass wir uns [...]
Meines Erachtens springen die Kontaktierten nicht so recht auf den “Agent Provocateur” von Bonjour Tristesse an.
Sind die befragten Köthener nun gelassen, als gute Demokraten gleichgültig oder hat die Ideologiekritik einfach nicht gesessen?
Hallo,
ihr seid ne ziemlich feige Truppe!
Ich kann mich erinnern; als ihr mal wieder in der Hochschule in Köthen unterwegs gewesen seid, da standen auf der anderen Strassenseite ein kleine Gruppe von Rechtsgerichteten.
Ihr, die hier so mutig das Maul aufreißt, konntet nur, versteckt im Hochschulgebäude, hinter Fenstern Fotos machen, aus sicherer Entfernung versteht sich.
Man hätte ja auf die rechte Provokation zugehen können, oder!?
Ich weiß nicht was ihr wollt und aus welcher Ecke ihr hervorgekrochen seid, konstruktiv sind eure Ergüsse jedenfalls nicht und, was mir auffällt, ihr kennt nicht mal den Unterschied zwischen Antisemitsmus und Antizionismus, da gibts nämlich einen ganz entscheidenden.
Und wer die Ursachen für Faschismus und Weltkriege weglässt, ist nichts weiter als ein nützlicher Idiot und Provokateur, eure “Demo” in Köthen war nichts als ein Aufmarsch bekloppter Feiglinge, ach so, vermummt seid ihr ja auch gewesen!?- Wie kommt das, gibts nicht ein Vermummungsverbot, wieso wurde das zugelassen, seltsam, seltsam nicht wahr!?
Gruß
Du hast recht: Wir waren vermummt, weil wir das mit der Polizei abgesprochen haben. Wir werden ja eigentlich vom VS (=5. Kolonne des Mossads) finanziert.
Das mit den Nazis stimmt leider auch. Wir haben nicht so dicke Eier wie du und kloppen alles weg, was im Weg rumsteht.
Wir hatten die ganze Zeit gehofft, dass man unsere Feigheit und unsere Absprachen mit der Polizei nicht bemerkt. Da hast du uns einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht.
Naja, was solls. Da kann ich gleich auch noch den entscheidenden Unterschied zwischen Antizionismus und Antisemitismus nachschieben:
Antizionismus – hui
Antisemitismus – pfui