Zu Beginn des Sommers wurde in Burg, unweit der Landeshauptstadt Magdeburg, eines der modernsten Gefängnisse Europas eingeweiht. Die Landesregierung lud zum „Tag der offenen Tür“, 20.000 Menschen folgten der Einladung. In Presseberichten wurde deutlich: Ein Großteil der Besucher empfindet die eigene Existenz als Gefängnis. Manfred Beier und Andreas Halberstädter erklären, warum.
Sachsen-Anhalt ist hässlich. Nicht unbedingt landschaftlich; damit ließe sich leben. Es sind vielmehr die Ortsansässigen, die dafür sorgen, dass die Zone hier am ekligsten ist. Ihre Handlungen, ihr Gebaren und selbst die Mimik, mit der sie sowohl Fremden als auch Ihresgleichen regelmäßig begegnen, sorgen dafür, dass der bescheidene zivilisatorische Schleier, der östlich der Elbe seit 1990 kollektiv als vom Westen aufgezwungener beklagt wird, regelmäßig durchlöchert wird wie Pergament von Salzsäure. Verdichtet sich im Osten der Republik ohnehin all das, was das Leben in Deutschland so unerträglich macht, wirkt Sachsen-Anhalt mit anderen Worten noch einmal wie ein Brennglas all der Widerwärtigkeiten, die aus Fernsehberichten über so unappetitliche Orte wie Röbel, Eberswalde-Finow, Mankenbach oder Delitzsch bekannt sind.
Knast & Knäcke
Anfang des Sommers zeigten die Bewohner des Bundeslandes einmal mehr, wohin Stumpfsinn und Agonie, autoritärer Charakter und Abstrafbedürfnis der sich zu kurz gekommen Fühlenden führen. Während es sich halb Berlin an den Badeseen des Umlands gut gehen ließ, Fußballfreunde die Schlussphase der Bundesliga verfolgten und Köln mit den kollektiven Aktivitäten gegen den so genannten „Anti-Islamisierungskongress“ feierlich die sechste Jahreszeit einläutete, strömten an jenem Samstag „22.000 neugierige“ (MDR) Sachsen-Anhalter zum „Tag der offenen Tür der Landesregierung“ in die Justizvollzugsanstalt Burg. Burgs Bekanntheitsgrad speiste sich bis dahin vor allem aus der Nähe zu Magdeburg, einem Autobahnzubringer, über den man die Ödnis der ostdeutschen Provinz verlassen konnte, und der flächendeckenden Versorgung der DDR mit hundsüblem Knäckebrot, dem berüchtigten „Burger Knäcke“. Nun steht dort eines der modernsten Gefängnisse Europas, das größte privat finanzierte öffentliche Bauvorhaben Sachsen-Anhalts.
Die Begründung für die eintägige Öffnung des neu erbauten Knastes lieferte Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU): „Wir möchten damit einen weiteren Akzent gegen die viel diskutierte Politikverdrossenheit setzen.“ Auch wenn nicht ganz deutlich wurde, was der Landesvater mit diesem Satz sagen wollte – Politikverdrossenheit führt langfristig hinter Gitter? Wer nicht wählt, wird demnächst eingesperrt? –, ließen sich die weniger politik- als lebensverdrossenen Sachsen-Anhalter nicht zweimal bitten. Wie die „Magdeburger Volksstimme“, das Lokalblatt, berichtete, bildete sich bereits morgens um sieben Uhr eine 500 Meter lange Schlange von Wartenden, die sich in die „pausenlos“ pendelnden Shuttlebusse drängten, um „das neue Gefängnis in Augenschein“ zu nehmen. Wartezeiten von mehr als zweieinhalb Stunden waren üblich. Mit dem eigenen Pkw war „überhaupt kein Durchkommen“ mehr möglich. Im Knast selbst drängten sich die „Kurzzeit-Knackis“ („Magdeburger Volksstimme“) durch die Gänge, kauften T-Shirts mit Fingerprint, verspeisten Erbsensuppe mit Bockwurst („aus der Region“) und erfreuten sich an den handgearbeiteten „Kunststücken“ sachsen-anhaltischer Knastwerkstätten. Während die Regionalzeitung, die sich ansonsten namensgemäß eher dem Gebell des Mobs anschließt, die Zellen zumindest als „gruselig-steril“ bezeichnete (im Innenhof: „Kein Schwimmbad, kein Kräutergärtchen“), den Räumen jedoch „immerhin große Fenster“ bescheinigte, fand der gemeine Sachsen-Anhalter, die Zunge vom Fassbier aus transparenten Plastikbechern gelockert, deutlichere Worte: Die Zellen, so konnte hören, wer vor Ort war, seien „fast schon Luxus“, „sogar einen eigenen Kühlschrank“ gäbe es. Im allgemeinen Einverständnis wurde beteuert, dass es so etwas „früher“ nicht gegeben hätte. Die Zustände seien „besser als im Hotel“. Auch die nach einem Punktesystem geregelte Zuteilung von Büchern, Radios oder Fernsehgeräten fand nicht allerorten Zustimmung.
Da das Lamento über TV-Geräte, Minikühlschränke und große Fenster in Gefängnissen hierzulande zum Standard von Tischgesprächen bei Familienfeiern gehört, weiß jeder, der von seinen Eltern gelegentlich zu den Geburtstagen, Silberhochzeiten oder Dienstjubiläen der einschlägigen Onkel und Tanten gezwungen wird: Der Neid auf vermeintliche Privilegien von JVA-Insassen und die bescheidene Ausstattung ihrer Zellen ist faktenresistent. Weder der Hinweis, dass Onkel Erich und Tante Hilde ihr Reihenhäuschen jederzeit verlassen, sich nach Belieben Besuch einladen oder einfach nur nach Lust und Laune über ihren Lichtschalter verfügen können, noch Berichte über die „Geschlechtsnot der Gefangenen“ (Karl Plättner) 1 werden als Einspruch gegen die Aussage akzeptiert, dass es dem berüchtigten kleinen Mann auf der Straße auch nicht viel besser gehe als den Langzeitinsassen, für die die JVA Burg errichtet wurde. Trotz der tatsächlichen Privilegien, die sie sowohl gegenüber den Häftlingen als auch den Bewohnern der meisten Landstriche der Erde besitzen, begreifen die Landsleute ihr Leben als permanenten Zuchthausaufenthalt. Sie fühlen sich wie im Gefängnis. Das Dumme ist: Die einschlägigen Luxusknast-Diskussionen gestalten sich nicht zuletzt deshalb so schwierig, weil das Gefühl, trotz Zweitwagen, Eigentumswohnung und 30 Tagen Jahresurlaub im Knast zu sitzen, ein objektives Moment hat.
Auf der Teufelsinsel
In Franklin Schaffners Film „Papillon“ von 1973 werden Henri Charrière, gespielt von Steve McQueen, und Louis Dega (Dustin Hoffman) in eine der berüchtigten Strafkolonien Französisch-Guyanas gebracht. Im Unterschied zu den restlichen Insassen des Gefängnisses, die ihren Tag mit Lethargie, gegenseitigen Quälereien und Selbstmordversuchen verbringen, verlieren sie zunächst weder ihre Energie noch ihren Lebenswillen. Der Grund: Sie planen ihre Flucht und ziehen ihren Enthusiasmus aus der Hoffnung, nicht, wie von den französischen Strafbehörden geplant, für immer in Guyana bleiben zu müssen. Das Problem: Ihre Fluchtversuche scheitern; sie werden nach ihren abenteuerlichen Ausbrüchen stets gefasst. Die Teufelsinsel, auf die sie letztlich verfrachtet werden, scheint tatsächlich ausbruchssicher zu sein. Vor diesem Hintergrund wird Dega körperlich und geistig gebrochen: Er verwandelt sich in einen phlegmatischen, zögerlichen und frühvergreisten Mann, der den Gedanken an Flucht aufgegeben hat. Doch auch Charrière ist gezeichnet; sein Freiheitswunsch ist kaum noch von Lebensverachtung zu unterscheiden: Er stürzt sich bei seinem finalen Fluchtversuch mit einem selbstgebastelten Floß aus Kokosnüssen von der Steilküste in eine meterhohe Brandung, in der es von Haifischen wimmelt. Sein Entkommen, über das im Abspann des Films berichtet wird, ist insofern allenfalls das Resultat von Zufall und Glück.
Der Spielfilm, der auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman Henri Charrières basiert, kann als Gleichnis auf das Leben in den postbürgerlichen Wastelands begriffen werden: Das Gefängnis, über das die „Kurzzeit-Knackis“ der JVA Burg, Onkel Erich, Tante Hilde und die diversen Cousins und Cousinen in ihren Stammkneipen oder am Abendbrotstisch lamentieren, ist die Welt; die Aggressionen, die den Insassen realer Gefängnisse regelmäßig entgegenschlagen, sind Resultat eines gescheiterten – oder gar nicht erst unternommenen – menschheitsgeschichtlichen Versuchs, aus dem großen Knast auszubrechen.2 Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung, so kann bei Marx, dem Theoretiker des großen Ausbruchs, nachgelesen werden, „geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen […], innerhalb derer sie sich bewegt haben“; aus „Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln um“.3 Im Schoß der alten Gesellschaft entstehen mit anderen Worten Kräfte, Ideen und Leidenschaften, die sich von ihr eingeengt fühlen. Zwar sind Hunger, Entsagung und Schufterei schon immer ein Motiv für Rebellion. Zu einer Kränkung für Verstand, Vernunft und Logik, zu einer existentiellen Demütigung für den denkenden Menschen also, werden sie jedoch erst dann, wenn sie objektiv überflüssig geworden sind. So sind die frühneuzeitlichen Utopien – von Thomas Morus’ „Utopia“ über Andreaes „Christianopolis“ bis zu Campanellas „Sonnenstaat“ – zwar aus Empörung über das Elend, den Hunger und die Ausbeutung der entstehenden Merkantilgesellschaft entstanden. Sie sind allerdings durchweg asketisch-autoritäre Utopien; ihre Gesellschaftsentwürfe erinnern an die Organisation mittelalterlicher Klöster. Es herrscht Arbeitszwang, der Tagesablauf ist minutiös geplant, und die Bewohner tragen allesamt eine uniformartige Kleidung: Ähnlich den Bewohnern heutiger Bauwagenplätze, deren schwarzer Zwirn innerhalb kürzester Zeit durch Wind, veganen Kochmief, Tabak und den sporadischen Waschsalonbesuch ausgeblichen ist, bevorzugt die Bevölkerung des Stadtstaates „Christianopolis“ ein einheitliches „aschgrau“ („Niemand hat hier üppig Geschneidertes“); die Utopier tragen „einen einfachen Anzug aus Leder oder Fellen, der bis zu sieben Jahren hält“.4
Und trotzdem: So autoritär, antiindividualistisch und asketisch diese Utopien auch erscheinen – sie sind im Unterschied zu den Wunschvorstellungen der heutigen „Do-it-Yourself“-Linken, der Mittelstandsfamilien, die in die kanadischen Berge auswandern, oder ausgebrannter Ex-Manager, die sich auf Ökohöfe zurückziehen, Gesellschaftsentwürfe auf der Höhe der zeitgenössischen Produktivkräfte. Morus’ „Utopia“, Campanellas „Sonnenstaat“ und Andreaes „Christianopolis“ wurden im Bewusstsein geschrieben, dass die feudale Produktionsweise nicht in der Lage ist, allen Menschen zu einem Leben in Luxus, Genuss und Muße zu verhelfen. Erst die bürgerliche Produktionsweise ist fähig, der Menschheit mehr zu bieten als das Leben im mittelalterlichen Kloster. Vor dem Hintergrund, dass die Produktivkräfte angesichts des Stands der Naturbeherrschung, der Automatisierung und des technischen Fortschritts nicht nur die Möglichkeit zur Abschaffung von Hunger und Plackerei, sondern auch für allgemeine Muße und Genuss bieten, werden die Produktionsverhältnisse, die diese Entfaltung behindern, zum Käfig. Für Menschen, die von den neuen Kräften, Ideen und Leidenschaften bemächtigt werden, stellen sich die Verhältnisse als Gefängnis dar. Ganz in diesem Sinn rannte das Bürgertum, das die wirtschaftliche und soziale Macht längst besaß, in den Revolutionen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gegen die Feudalgesellschaft an, die ihm die politische Teilhabe verwehrte und mit ihren Zollschranken, Ständegrenzen etc. zur Fessel der bürgerlichen Produktionsweise und der menschlichen Entfaltung geraten war; ganz in diesem Sinn versuchte sich auch das Proletariat, das den immensen Überfluss der bürgerlichen Gesellschaft produzierte und dennoch im Elend lebte, seit den 1850er Jahren im Ausbruch aus den Verhältnissen, die es in Hunger und Verdummung hielten. Die Parole, mit der der Dritte Stand in der Französischen Revolution oder die Aufständischen der Pariser Kommune 1871 auf die Barrikaden gingen, war dieselbe, die sich auch Gefängnisinsassen, die sich einen Kuchen mit eingebackener Feile hinter Gitter schmuggeln lassen, in ihre Kerkermauern kratzen: „Freiheit!“
Im Hochsicherheitstrakt
Wird die Gelegenheit zum großen Ausbruch hingegen versäumt oder, wie das „Projekt 1917“, in den Sand gesetzt, verändern sich auch die Fluchtbedingungen. Die Weltgeschichte scheint hier nicht wesentlich anders zu verlaufen als die Karriere in der Bundesliga: Wer den dritten Elfmeter versimst, darf sein Dasein fortan auf der Ersatzbank oder in der Kreisliga fristen. Soll heißen: Er hat sich als Gefahr und ernstzunehmender Gegner verabschiedet. Wer sich vor 80 Jahren öffentlich als Kommunist bekannte, wurde dementsprechend von Regierungsseite als Staatsfeind gefürchtet; er konnte mit Gefängnis oder anderen Repressionen rechnen. Wer heute in der Einkaufszone ein Transparent mit der Aufschrift „Her mit dem Kommunismus!“ präsentiert, dürfte hingegen – abgesehen davon, dass seine Vorstellung von Kommunismus, wie die Zeitschrift „Bahamas“ vor einiger Zeit erklärte, in der Regel weit hinter den gewöhnlichen Segen am Ende eines katholischen Gottesdienstes zurückfällt 5 – entweder für ungläubiges Staunen und Spott sorgen oder aber als Fall für den Psychiater gehandelt werden. Selbst Polizei und Verfassungsschutz interessieren sich allenfalls aus Traditionalismus oder aus Angst vor Langeweile für die oft depravierten und armseligen Gestalten mit den roten Fahnen. Nachdem die Chance zum großen Ausbruch verpasst, aus Dummheit oder Feigheit nicht ergriffen oder einfach ausgeschlagen wurde, hat sich der Enthusiasmus, der die Aufständischen der Pariser Kommune 1871 fröhlich singend auf die Barrikaden trieb, in Lethargie verwandelt. Es hat sich die berühmte Knast-Depression, eine Art Meerschweinchen-Koller, eingestellt: Die Insassen sind antriebslos und begreifen die Welt nicht mehr als Ort ihres Willens und ihrer Vorstellung. Sie sehen sich vielmehr als Futterempfänger; ihre Wächter erscheinen als Angestellte einer großen Fürsorgeeinrichtung.
Das frühere Gefängnis der bürgerlichen Welt, aus dem man mit Eisensäge, Bettlaken, ein wenig Mut und Glück möglicherweise noch hätte entkommen können, hat sich damit in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt: Keiner kommt hier lebend raus. Ähnlich den Mitgliedern der RAF, die in Stuttgart-Stammheim nicht mehr das viel beschworene Schweinesystem bekämpften, sondern sich gegenseitig in den Selbstmord trieben – von Holger Meins über Ulrike Meinhof bis zum konsequenzlogischen Kollektivsuizid von Baader, Ensslin, Raspe (Motto: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“) –, arbeitet im Hochsicherheitstrakt nicht die solidarische Menschheit an ihrer Flucht. Im ausbruchssicheren Gefängnis wird die Hoffnung nicht mehr an das große Abseilen verschwendet, sondern an den Versuch, den Mitgefangenen Leid zuzufügen. Jeder Prison-Movie, wie das Genre seit den 1970er Jahren genannt wird, basiert realistischerweise darauf, dass nicht nur die Wärter und Gefängnisdirektoren Sadisten sind, sondern sich auch die Häftlinge ihr Leben gegenseitig zur Hölle machen. Wenn schon keine Verbesserung der eigenen Situation möglich ist, so lautet die heimliche Maxime der ebenso alltäglichen wie wechselseitigen Quälereien, dann soll es den anderen zumindest schlechter gehen – ein Wunsch, der letztlich auch aus der Empörung der Burger JVA-Besucher über die Mini-Kühlschränke, Fernsehgeräte und großen Fenster lebenslänglich Inhaftierter spricht.
Wasser und Brot
Die Klagen über das vermeintliche Luxusleben in Justizvollzugsanstalten, die den gewöhnlichen Linkspartei-Wähler mit dem NPD-Anhänger, den sozialdemokratischen Ex-Kanzler mit dem CDU-Kreisvorsitzenden und den Hartz-IV-Empfänger mit seinem Sachbearbeiter vereinen, zeigen jedoch zugleich: Der bloße Freiheitsentzug, das „Wegsperren“, befriedigt das allgemeine Strafbedürfnis und damit: das landläufige Gerechtigkeitsempfinden schon lange nicht mehr. In der glorreichen Phase des bürgerlichen Zeitalters erklärte Wilhelm von Humboldt, dass in der Art, in der eine Gesellschaft strafe, ihre höchsten Werte reflektiert werden müssten.6 Für die aufgeklärte Welt, eine Welt, die ihr wesentliches Pathos nicht aus Formeln wie Ehre, Gesundheit oder Unversehrtheit, sondern aus dem Begriff der Freiheit zog, erschien Humboldt daher nicht die mittelalterliche Ehr- oder peinliche Gerichtsbarkeit – der Pranger, das Auspeitschen oder die abgeschlagene Hand – als schlimmste Strafe. Er begriff vielmehr den Freiheitsentzug als die adäquate Sanktionsform. Leute hingegen, die mit ihrem Leben nicht viel mehr anzufangen wissen als JVA-Insassen mit ihrem Haftalltag, erscheint der bloße Freiheitsentzug nur noch als läppisch. Wenn sich die Menschen nur noch als Zuteilungsempfänger begreifen können, verlieren sie nicht nur ihre Kraft, ihren Antrieb und ihr Selbstbewusstsein; ihnen erscheint gelegentlich selbst die Justizvollzugsanstalt als paradiesischer Ort: Im Unterschied zum freien Arbeits-, Sexual- oder Supermarkt, die tagtäglich Kraft, Energie und Entscheidungssicherheit abverlangen, gibt es hier nicht nur drei regelmäßige Mahlzeiten am Tag. Das Gefängnis bietet zugleich jemanden, der sich für die Handlungen der Insassen interessiert, ihren Tagesablauf regelt und die existentielle Angst, die das Kapitalverhältnis bei den je einzelnen Arbeitskraftbehältern produziert, kurzzeitig stundet. Der frühere Knastbruder, der im bürgerlichen Leben nicht mehr klarkommt, sich nach dem Knast sehnt und aus diesem Grund ein besonders dilettantisches Verbrechen begeht, ist bereits seit Falladas Willi Kufalt („Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“) kein Einzelfall mehr.
Die Forderung nach härteren Strafen, die implizit aus dem Lamento der Burger Knastinteressierten über Bücher, TV-Geräte und Mini-Kühlschränke in der örtlichen JVA sprach, zielt dementsprechend schon lange nicht mehr auf längere Haftstrafen, sondern auf Wasser und Brot im Kerker, Zwangsarbeit, das klassische „Rübe runter!“ oder eine Neuauflage des mittelalterlichen Prangers. Das wissen selbstverständlich auch die Initiatoren des „Tags der offenen Tür“ in der Justizvollzugsanstalt Burg. Als echte Volksvertreter – und wohl auch im Wunsch, den eigenen Politverein trotz „Politikverdrossenheit“ nach der nächsten Wahl wieder an den einschlägigen Stellen zu sehen – verteilte das Pressereferat des „Ministeriums der Justiz des Landes Sachsen-Anhalt“ bei der Besichtigung eigens hergestellte Faltblätter, um einen möglichen Volksaufstand – betr.: Fernseher in JVA – zu verhindern. Die Ausstattung des Gefängnisses, so wurde dort entschuldigend mitgeteilt, ziele nicht darauf hin, den Häftlingen im Rahmen ihrer Gefangenschaft zumindest ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Es sollte lediglich den „Anforderungen des Bundesverfassungsgerichts“ genüge getan werden. Dass sich die Besucher der JVA nach dieser Erklärung beruhigt zeigten, kann bezweifelt werden. Zumindest einige von ihnen dürften in dieser Nacht aus Neid auf regelmäßige Weckzeiten, große Fenster und einen eigenen Minikühlschrank lange nicht in den Schlaf gefunden haben.
Manfred Beier/Andreas Halberstädter
Anmerkungen:
1 Obwohl schon 80 Jahre alt, immer noch aktuell: Karl Plättner: Eros im Zuchthaus. Eine Beleuchtung der Geschlechtsnot der Gefangenen, bearbeitet auf der Grundlage von Eigenerlebnissen, Beobachtungen und Mitteilungen in achtjähriger Haft. Berlin 1929.
2 Die folgenden Ausführungen folgen teilweise Wolfgang Pohrt, der den Folgen dieses misslungenen Ausbruchs ein ganzes Buch gewidmet hat: Brothers in Crime. Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit, 2. Auflage. Berlin 2000.
3 Karl Marx: Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie. In: ders., Friedrich Engels: Werke Bd. 13. Berlin (Ost) 1961. S. 9.
4 Zit. nach Richard Saage: Politische Utopien der Neuzeit. Darmstadt 1991. S. 28 f.
5 Redaktion Bahamas: Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand. Einladungstext zur ideologiekritischen Konferenz am 28. Februar 2009. In: Bahamas 57/2009.
6 Vgl. Tina Klopp: An den Pranger. In: Konkret 4/2009.