Jeder linke Multiplikator kennt diese schwierige Situation: Da hat man sich über Jahre hinweg mühselig das Wissen linker Gesellschaftskritik angeeignet, ist durch die „Eiswüste der Abstraktion“ gegangen und steht schließlich vor der komplexen Frage: Wie soll man anderen die eigene Kritik einerseits schmackhaft und andererseits verständlich machen? Möglichkeiten inhaltlicher Vermittlung gibt es schließlich viele. Doch welche Strategien und Handlungsoptionen sind es, die zum optimalen Agitationserfolg führen? Tatsächlich lassen sich durch das Befolgen bestimmter Regeln, die Anwendung verschiedener Argumentationstechniken, aber auch durch einige Tricks Ihre alltägliche Agitationspraxis verbessern und viele Vermittlungsschwierigkeiten vermeiden. Die hier erarbeiteten Ratschläge sollen Ihnen, dem unabhängigen linken Multiplikator, helfen, sich im Multiplikatoren-Alltag besser zurecht zu finden, Ihnen die Vermittlung von Inhalten erleichtern und schließlich Ihren Erfolg als kritischer Multiplikator sichern. Nicht zuletzt sollen Sie dadurch motivierter ans Werk gehen und sich über eine schnellere Verbreitung Ihres kritischen Wissens freuen können. Der hier erarbeitete Ratgeber ist ein Destillat aus Erfahrungsberichten und programmatischen Ausführungen, die am 4. März 2009 auf einem Multiplikatoren-Treffen im Leipziger Szene-Club „Conne Island“ vorgetragen wurden. Der Leipziger „Gruppe in Gründung“, die das Treffen angeregt und organisiert hat, ist für ihr Engagement und ihre wertvolle Zuarbeit zu danken.
1. Handeln Sie selbstbewusst und zielorientiert! Machen Sie sich klar, wer Ihre eigentliche Zielgruppe ist! Verschwenden Sie daher gar nicht erst Zeit mit Leuten, die nicht zur Linken gehören. Ihre leidenschaftliche Suche nach gesellschaftlichem Emanzipationspotential kann Erfolg allein im sozialen Spektrum der Linken haben. Nur hier trifft Ihr eigenes Selbst mit der Zielgruppe Ihres Herzens zusammen, nur hier kann sich auch Ihr eigenes Emanzipationspotential voll entfalten. Denn links ist da, wo das Herz schlägt, und links – das sind auch Sie.
2. Multiplizieren Sie sich selbst! Gründen Sie Lesekreise, Arbeitskreise, Aktionsgruppen. Übernehmen Sie den „lead“! Formulieren Sie die wichtigsten Thesen! Verteilen Sie Aufgaben und Referate, damit jeder etwas zu tun hat! Wenn die Theorie zu dröge wird, lassen Sie die Leute etwas malen. Sobald Sie die ersten Texte und Flugblätter produziert haben, organisieren Sie Diskussionsveranstaltungen, um noch mehr Linke mit Ihrer kritischen Botschaft zu erreichen. Wiederholen Sie dieselben Veranstaltungen so oft Sie können, jeweils mit wechselndem Titel. So ergeben sich Synergieeffekte. Besonders erfolgreich sind Veranstaltungen, die die Frage des linken Selbstverständnisses oder die Frage „Was tun?“ aufgreifen. Kommen Sie bei jeder Veranstaltung immer wieder auf dieses Doppelthema zurück.
3. Sollten Sie neben Ihrer Tätigkeit als Multiplikator mit dem Sprung in die akademische Welt geliebäugelt und diesen bereits geschafft haben, gut so! Machen Sie den nächsten Schritt: Vernetzen Sie Ihre Strukturen, wagen Sie den „outreach“ zu anderen Kollegen Ihres Lieblingsthemas oder Spezialgebiets. Erlangen Sie so den Vorteil akademischer Wissenskompetenz. Nutzen Sie zugleich die Möglichkeit, linke Gesellschaftskritik auch in die graue Welt der akademischen Lehre zu tragen und dort nach potentiellen Linken Ausschau zu halten.
4. Am wichtigsten für Ihren Agitationserfolg ist die positive Aufmachung Ihrer Inhalte und die Rechtfertigung Ihrer politischen Praxis. Denn nur wer sich theoretisch legitimiert und seine Gesellschaftskritik im rechten Licht präsentiert, kann auf Erfolg hoffen und locker und unbeschwert politisch-praktisch agieren. Diese Doppelaufgabe zu bewältigen, erfordert allerdings eine Portion rhetorisches und schauspielerisches Geschick, das Sie sich durch etwas Übung aber ohne weiteres aneignen können. Die Hauptschwierigkeit der Legitimierung Ihrer politischen Praxis besteht darin, sie dialektisch abzusichern. Dies erreichen Sie argumentativ in drei Schritten: Verweisen Sie, wenn Sie Ihr Vorgehen gegenüber anderen Linken rechtfertigen, zunächst auf die Schwierigkeit emanzipatorischer Praxis heute. Beklagen Sie die gesellschaftliche Verblendung und die Folgen- und Ausweglosigkeit linker Politik. Erläutern Sie ausführlich die verschlungene Dialektik von Theorie und Praxis. Machen Sie währenddessen am besten ein möglichst zerknautschtes Gesicht, damit jeder sieht, wie zerknirscht Sie über diese schlechte Ausgangslage sind. Mit dem zweiten Schritt kommen Sie Ihrem Ziel schon näher. Proklamieren Sie nun entschieden das „Aushalten“ von Widersprüchen, besonders des widersprüchlichen Verhältnisses von Theorie und Praxis. Während Sie mit eindringlicher Anschaulichkeit schildern, wie Sie tagein tagaus die Dialektik aushalten, versuchen Sie bitte unbedingt, dabei ein gequältes Lächeln aufzusetzen. Das glaubt Ihnen sonst keiner. Wenn Sie mit diesen beiden Pflichtübungen fertig sind, können Sie das Problem der Dialektik erst einmal abhaken und als nächstes zur Kür bzw. zum Kern Ihrer Praxislegitimation übergehen: dem Konzept des „pragmatischen Dialogs“. Machen Sie Ihren Zuhörern klar, dass Sie sich auch vom Wechselspiel von Allmacht und Ohnmacht nicht dumm machen lassen. Ihre spezifische Schlauheit besteht gerade darin, bereits mit allen Wassern der Kommunikationstheorie gewaschen zu sein: Sie vertrauen auf die Kraft des Wortes und die heilende Wirkung des kritischen Satzes. Gerade im Umgang mit Menschen liegt Ihre Stärke. Sie wissen, dass das richtige Argument siegt, wenn es nur oft genug wiederholt wird. Durch Ihr dialektisches Wissen im „background“ erhält Ihre pragmatische Kommunikationsweise schließlich den Hautgout des Unwiderstehlichen. Nachdem nun durch diesen delikaten Dreischritt der Weg zur Praxis des pragmatischen Dialogs theoretisch freigelegt ist, können sich Ihre kommunikativen Fähigkeiten endlich frei entfalten. Niemand kann sich Ihrer Botschaft mehr entziehen, die politische Diskursmacht liegt schon so gut wie in Ihren Händen.
5. Lassen Sie keine Gelegenheit aus, Ihr fundiertes Wissen und Ihre rhetorischen Kniffe zur Geltung zu bringen! Zitieren Sie auch mal Goethe, auch wenn es nichts zur Sache beiträgt. Hauptsache originell. Ihr Wissen und Ihre „skills“ stehen im Vordergrund. Zeigen Sie außerdem bei jeder Gelegenheit durch möglichst lange Co-Referate Diskurssicherheit. Nur so verschaffen Sie Ihrer Botschaft Nachdruck und überzeugen bei Ihren Zuhörern.
6. Seien Sie optimistisch! Nichts schadet Ihrem kritischen Anliegen mehr, als eine pessimistische Grundhaltung. Lächeln Sie! Seien Sie witzig! Holen Sie das Kollektiv der Lacher auf Ihre Seite! Bereits ein einzelner gemeinsamer Lacher erzeugt die Übereinstimmung mit dem Publikum, auf die Sie abzielen. Nutzen Sie diese Technik und heben Sie durch die humorvolle Ausgestaltung Ihrer Vorträge und Reden die Stimmung. Ihre Zuhörer werden es Ihnen danken. Mit pointierten „jokes“ an der richtigen Stelle setzen Sie markante Erinnerungsmarken, an die sich Ihre Zuhörer noch lange erinnern werden.
7. Geben Sie den Zuhörern auf Ihren Agitationsveranstaltungen immer das Gefühl, genau wie Sie etwas ganz Besonderes zu sein! Reden Sie viel von der existenziellen Einsamkeit des linken Kritikers im Text, verweisen Sie auf das harte Brot linker Theorie, das Sie jahraus jahrein kauen müssen, und verdeutlichen Sie Ihren Zuhörern die positiven Seiten dieser asketisch-abstrakten Nahrung. Um die Stimmung bei Ihren Zuhörern über so viel Entsagungsleistung nicht kippen zu lassen, vergessen Sie jedoch nicht, die dialektische Kehre zu vollziehen: Geißeln Sie umgekehrt die schärfsten Kritiker Ihrer Klientel dafür, mit ihrer opportunistischen Kritik lediglich etwas Besonderes sein zu wollen. So entwerten Sie deren Kritik und verschaffen Ihren Zuhörern gleichzeitig das Gefühl kollektiver Geborgenheit vor der Selbstsucht dieser Kritiker. Verurteilen Sie deren gemeinschaftsschädlichen Absonderungskult und akzentuieren Sie dadurch erneut die Besonderheit Ihrer eigenen Agitationsbemühungen. So macht Dialektik Spaß!
8. Nutzen Sie das Potential von Rollenspielen! Geben Sie sich und ihren linken Dialogpartnern witzige Namen und Pseudonyme, vertauschen Sie auf Ihren Veranstaltungen die Rollen! Spielen Sie „good cop & bad cop“ mit Ihrem Publikum, und lassen Sie Ihre Dialogpartner auch mal Kritik an sich üben. Diese sollten Sie am besten im Vorfeld absprechen, um schwierige Grundsatzdiskussionen zu vermeiden. Werfen Sie sich bei Diskussionen mit anderen Multiplikatoren mutig die Bälle zu, und achten Sie darauf, dass Sie währenddessen eine gute Figur abgeben. Seien Sie dabei aus Prinzip theatralisch, nur Mut zum Ausdruck! Geben Sie Ihrem Publikum so das Gefühl, Teil einer Polit-Show zu sein. Sie wissen, unterhaltsame Theorie-Praxis-Events sind das Erfolgskonzept der Zukunft.
9. Lassen Sie auf Ihren Kritik-Events auch die weniger schlauen Linken zu Wort kommen! Denn einerseits ist die ausgeklügelte Widerlegung ausgesprochen dummer Ansichten ein Beweis Ihrer Führungsposition. Andererseits belegen Sie so Ihren aufklärerischen Edelmut gegenüber denjenigen Linken, die Ihre Botschaft noch nicht ganz verstanden haben. Für Sie eine geradezu perfekte Win-Win-Situation.
10. Vermeiden Sie in jedem Fall Polemik! Nichts ist schlimmer, als einen Ihrer linken Zuhörer die Dummheit, Selbstgefälligkeit oder Brutalität seiner Position spüren zu lassen. Kein authentischer Linker könnte das aushalten. Niemals würde er Ihnen diese schmerzliche Erfahrung verzeihen: der Dialog mit ihm käme abrupt zum Ende. Genau das aber kann kein ehrlicher Multiplikator wollen. Gehen Sie daher scharf, am besten polemisch, gegen polemische Kritiker und Feinde ihrer linken Klientel vor, die Ihr Konzept des pragmatischen Dialogs ablehnen. Nehmen Sie zudem vorsorglich immer die Dummheit Ihrer Klientel vor Polemik in Schutz. Sie ist langfristig Ihre wichtigste Ressource.
11. Passen Sie sich dem Geschmack Ihrer Zielgruppe an! Kleiden Sie sich betont lässig oder bewusst geschmacklos. Verwenden Sie einschlägige Buttons, um ihre Solidarität mit der linken Zielgruppe auszudrücken. Wählen Sie heruntergekommene, schlecht beleuchtete und belüftete Agitationsorte, und verleihen Sie Ihrer Agitation so die Aura des Konspirativen! Nur durch diese Anpassungsleistung sichern Sie sich die notwendige „street credibility“ in der linken Zielgruppe.
12. Bleiben Sie gelassen gegenüber dem negativistischen Vorwurf, Ihre multiplikatorischen Bestrebungen seien vergeblich, naiv oder letztendlich sogar affirmativ. Verweisen Sie gegenüber solcher Kritik souverän auf die „Multipolarität der linken Geschichte“ und die „Axiomatik der Bewegung“, in der Sie agieren. Sagen Sie Ihrem Kritiker immer geradeheraus ins Gesicht, wie viel für die Emanzipation der Linken noch getan werden muss! Nennen Sie auch Ihre zahlreichen Erfolge! Sagen Sie Ihren Kritikern, Ihrem Publikum aber auch sich selbst immer wieder, wie viel Ihnen der Fortschritt im Kleinen bedeutet. Klagen Sie zugleich das Desinteresse an der Linken als unmoralisch an: Wer den Dialog mit der Linken verweigert, verhält sich unsolidarisch und rücksichtslos.
Je konsequenter Sie alle diese Ratschläge befolgen, desto fruchtbringender werden Ihre Agitationsbemühungen und umso sicherer wird Ihnen Erfolg beschieden sein. Fraglos werden, ganz abhängig vom individuellen Kontext und Charakter, nicht jedem Multiplikator alle Ratschläge voll und ganz zusagen. Doch das ist im Grundsatz kein Problem. Durch die Auswahl Ihrer persönlicher Lieblingsratschläge können Sie sich Ihren ganz persönlichen Königsweg der Kritikvermittlung zusammenstellen. Achten Sie jedoch immer darauf, keinen der Ratschläge völlig auszulassen, um die Ausgewogenheit und Diversität Ihrer Agitationsbemühungen zu gewährleisten. Lassen Sie sich jedenfalls von Rückschlägen und Misserfolgen nicht ins Bockshorn jagen. Arbeiten Sie zunächst alle Ratschläge systematisch von oben nach unten durch. Sollten Sie in Ihrer Praxis an irgendeinem der zwölf Punkte völlig scheitern, fangen Sie einfach wieder von Vorne an. Üben Sie, soweit möglich, die Argumente und Verhaltensweisen am besten erst alleine ein, später dann im kleineren Kreis, bis Sie sich völlig sicher fühlen. Schon nach kurzer Zeit werden Sie erstaunt sein, was alles an Fähigkeiten und kritischer Überzeugungskraft in Ihnen steckt. Jetzt kann Sie im Grunde nichts mehr aufhalten – you can do it!
Johannes Arnold