Die Tendenz zur Selbstzerstörung, die der bürgerlichen Gesellschaft innewohnt, ist stets gegen das Leben gerichtet. Dies zeigt sich auch im Hass auf die Schulmedizin, der sich in seinen naturheilkundlichen Ausprägungen gegen Schutzimpfungen wendet und Antibiotika als Teufelswerk verdammt. Dass dieses Ressentiment keine Randerscheinung darstellt, beweisen nicht zuletzt die aktuellen Debatten zu Patientenverfügungen und die damit verbundene Ablehnung lebenserhaltender intensivmedizinischer Maßnahmen, die als „Apparatemedizin“ denunziert werden.
Ein schillerndes Beispiel für die Selbstverachtung, die in der Feindschaft zur modernen Medizin enthalten ist, liefert die Januarausgabe des hallischen Stadtmagazins „Frizz“. Autorin Juliane Sesse beklagt dort allen Ernstes: „Die heutige Welt, zumindest die westliche, ist modern, technisiert und auf jede Sicherheit bedacht. Scheinbar nichts wird mehr dem Zufall überlassen. Das gilt auch immer mehr fürs Kinderkriegen.“ Auf die Idee, dass im Interesse der Sicherheit von Müttern und Neugeborenen nur zu begrüßen ist, dass bei Geburten nichts dem Zufall überlassen wird, scheint sie dabei nicht zu kommen. Der offensichtliche Zusammenhang von moderner, „technisierter“ Geburtsmedizin und fallender Sterberate bei Neugeborenen und Wöchnerinnen kommt ihr ebenso wenig in den Sinn. Wohlwollend berichtet Sesse in ihrem Artikel von Rita und Ben, einem hallischen Hippiepaar, dessen Tochter im frühen Winter zur Welt kam. Rita habe sich nach eigener Aussage „ganz bewusst für eine Hausgeburt entschieden“. Zum allgemeinen Verständnis muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass das Wort Hausgeburt in diesem Fall einen Euphemismus sondergleichen darstellt. Denn der Nachwuchs stellte sich an einem Ort ein, der weder über Wände aus Beton oder Mauerwerk, noch über fließendes Wasser und Strom verfügt. Nicht einmal genügend Licht war vorhanden, so dass die Hebamme auf die Hilfe einer „eigens angeschafften Stirnlampe“ angewiesen war, um ihren Job ausführen zu können. Das Kind wurde an einem Ort geboren, zu dem sich selbst das miserable Obdach eines Bauwagenbewohners wie ein Hort der Behaglichkeit und des Luxus’ annimmt. Die Rede ist von einer Jurte, jener stickigen und düsteren Zeltbehausung also, in der mongolische Nomaden traditionsgemäß ihr Dasein fristen.
Eben jene Jurte, die Ben selbstverständlich selbst gebaut hat, ist für ihn und Rita Ort der Verheißung und Erfüllung ihrer regressiven Sehnsüchte. Ben, der laut „Frizz“ bereits mehrfacher Vater ist – wahrscheinlich gelten ihm auch Verhütungsmittel als Teufelszeug –, fühlte sich bei der Geburt seines jüngsten Kindes sogar wie in Muttis Schoß: „Die anderen Geburten waren vollkommen anders. Bei dieser hatte man das Gefühl, dass man in der Jurte selbst wie in einem Mutterleib voller Ruhe und Stille gewesen ist.“ Rita hingegen dachte wohl eher an Mutti Natur, als sie ihr Kind im Nomadenzelt zur Welt brachte: „Die Geburt in der Jurte war so ursprünglich. Gleichzeitig konnte ich ganz auf meine Gefühle hören – fern von aller Technik und Kontrolliertheit.“
Der Wunsch, seinen Nachwuchs „fern von aller Technik und Kontrolliertheit“ auf die Welt zu bringen, offenbart nicht nur einen Selbsthass, der den eigenen Tod in Kauf nimmt. Er beinhaltet vor allem die Verachtung des eigenen Nachwuchses – denn schließlich billigt man ja, dass im Falle unvorhergesehener Komplikationen das Leben des Kindes auf dem Spiel steht. Eine Gefahr, die sich selbstverständlich im Krankenhaus auf ein Minimum reduzieren ließe.
Dass es mit der Achtung vor dem Leben ihres Nachwuchses bei Rita und Ben nicht allzu gut bestellt ist, lässt sich allerdings auch an etwas anderem festmachen. Das Pärchen entschied sich, seiner Tochter einen Namen zu geben, der ihr das Leben zur Hölle machen wird. Die Redaktion der Bonjour Tristesse wünscht daher Tindomerel – ja, sie heißt tatsächlich so – alles Gute für die Zukunft und hofft, dass der Hohn und der Spott, der sich im Kindergarten und auf dem Schulhof über sie ergießen wird, keine allzu tiefen Narben hinterlässt. Wir hoffen auch, dass sich das zuständige Jugendamt kulant zeigt und wegen seelischer Grausamkeit die Kosten für Tindomerels Namensänderung übernimmt.
Liebe bonjour tristesse Redaktion,
ich finde es schade, dass man den Artikel so interpretiert hat. Keineswegs habe ich die moderne Medizin, die mit Sicherheit einen äußerst wichtigen Beitrag für die Menschheit und auch die niedrige Sterblichkeit bei Geburten ermöglicht hat, beklagt. Sie haben sicherlich weitergelesen und hätten so feststellen können, dass ich mich auf Wunschkaiserschnitte bezogen habe, die wie im Artikel angeführt, nicht immer einen medizinisch notwendigen Eingriff darstellen.
Ob sich das Paar für eine andere Art der Geburt hätte entscheiden sollen, glaube ich, liegt weder in Ihrer noch in meiner Entscheidungsgewalt, denn das darf wohl jeder selbst bestimmen.
Aber es ist natürlich immer einfach Zitate so zu wählen, dass sie die eigene Argumentation stützen…