Am 31. Oktober 2017 jährt sich Luthers Thesenanschlag zum 500sten Mal. Um dieses Jubiläum auch ja nicht zu verpassen, wurde im September dieses Jahres schon mal die Lutherdekade eingeläutet. In diesem Zusammenhang ist in Sachsen-Anhalt ein Pilgerweg entlang ostdeutscher Dörfer eingerichtet worden, die abgesehen von ihrer Trostlosigkeit nur den Beinamen Lutherstadt zu bieten haben. Ein weiterer Beitrag ist eine Reliquienschau mit dem Namen „Fundsache Luther“, die am Reformationstag im Landesmuseum für Früh- und Vorgeschichte eröffnet wurde.
In dieser Ausstellung wird unter anderem ein Exemplar von „Luthers Tischreden“ präsentiert.
Hierin heißt es zum Beispiel: „Wie es unmöglich ist, daß die Aglaster ihr Hüpfen und Getzen läßt, die Schlange ihr Stechen: so wenig läßt der Jude von seinem Sinn, Christen umzubringen, wo er nur kann.“ In einer anderen Rede erläutert Luther, wie er gern mit den Juden verfahren würde: „Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücke führen, einen Stein an den Hals hängen und ihn hinab stoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams.“ Obwohl die Ausstellungsleiter zahlreiche Zitate aus den „Tischreden“ im Zusammenhang mit verschiedensten Exponaten verwendeten, sparten sie derartige antijudaistische Passagen aus. Ebenso kommen sie nicht auf Luthers Antisemitismus zu sprechen, der deutlich über die religiösen Motive des Judenhasses seiner Zeitgenossen hinausging. Lesen sich doch Luthers Traktate „Von den Juden und ihren Lügen“ und „Vom Schem Hamphoras“ wie ein Programm der NSDAP, wie Knut Germar bereits vor einem Jahr in Bonjour Tristesse Nr. 3/2007 ausführte.
Stattdessen zogen es die Ausstellungsleiter vor, Becher auszustellen, aus denen Luther einst getrunken haben könnte, Murmeln, mit denen er eventuell im Kindesalter gespielt und Knochen, an denen er möglicherweise genagt hat. Dabei müsste doch auch ohne die Lektüre der Bonjour Tristesse bei den Ausstellern mittlerweile angekommen sein, was für ein übler Antisemit Luther war. Dass sie das Thema trotzdem nicht behandelt haben, wo sie doch sonst jedes noch so unwichtige Detail seines Lebens beleuchten, legt die Vermutung nahe, dass sie ihn entweder nicht als solchen erkennen können, da sie diesem im Grunde ja zustimmen oder dass sie schlichtweg die Leistungen ihres zweitbesten Deutschen nicht schmälern wollten. War es doch Luther, der mit dem lutherisch-protestantischen Arbeitsethos die wesentlichen Voraussetzungen für den deutschen Arbeitsbegriff schuf. Ein Arbeitsbegriff, der „ehrliche deutsche“ Arbeit gegen „schmarotzende raffende“ Arbeit in Stellung brachte und bis heute wichtiges identitätstiftendes Moment der Deutschen ist. Da darf natürlich der mittlerweile offiziell geächtete Antisemitismus das Bild des großen Mannes nicht trüben. Erhofft sich doch Harald Meller, Direktor des Landesmuseums, dass die Ausstellung zur „inneren Einheit Deutschlands beitragen“ könne. (Nachzulesen unter: www.halleforum.de) Ein Zweifel daran, dass die Ausstellung zum populären Antisemiten ein großer Erfolg beim deutschen Publikum wird, kann jedenfalls nicht bestehen.