Wenn Nazis andere Menschen attackieren, greifen Polizei, Medien und zivilgesellschaftliche Initiativen gern auf die Formel von der „politisch motivierten Gewalttat“ zurück. Doch was ist, wenn sich die Gewalt eines Nazis einmal nicht gegen Nicht-Deutsche, Juden, Linke oder Homosexuelle richtet? Handelte der Täter dann als Nazi, oder ist er nur einem Hobby, das er neben seinem Nazi-Dasein betreibt, nachgegangen? Tatsächlich übersieht die Rede von der „politisch motivierten Straftat“, dass es zwar einerseits kein Zufall ist, dass sich die Gewalt von Neonazis in erster Linie gegen Obdachlose, Juden, politisch Andersdenkende, Ausländer und Schwule richtet, die Naziideologie andererseits aber nicht zuletzt der Rationalisierung eines allgemeinen grundbarbarischen Zerstörungsbedürfnisses dient. Das eigene Vernichtungsbedürfnis wird notdürftig „politisch“ mit dem Ausländer, der dem Nazi angeblich seine deutsche Maid wegnimmt, einer fiesen jüdischen Weltverschwörung oder den „schmarotzenden“ Handlungen des Obdachlosen begründet. Man kann schließlich nur schwer von sich sagen, ohne jeden Grund am liebsten alle töten zu wollen, ohne für irre erklärt zu werden. Vor einiger Zeit konnte beobachtet werden, wie diese Kombination aus allgemeinem Vernichtungsbedürfnis und seiner Rationalisierung in Naziideologie auch die politischen Gegner der Nazis irre werden lässt.
In der Nacht zum 16. August wurde ein 20-Jähriger in Magdeburg Opfer einer von einem Nazi begangenen Bluttat. Als sich der junge Mann nach einem Diskothekbesuch auf den Nachhauseweg begab, wurde er unweit des Veranstaltungsortes vom gleichaltrigen Täter ohne erkennbaren Grund – einen vernünftigen Grund kann es ohnehin nicht geben – so heftig verprügelt, dass er an seinen Verletzungen verstarb. Der Angreifer trat immer wieder auf den am Boden Liegenden ein, so dass dieser schließlich an seinem eigenen Blut erstickte. Nach dieser zutiefst widerlichen Tat gaben Magdeburger Linke und andere Nutzer des Internetportals „Indymedia“ ein auf anderer Ebene jedoch nicht minder abstoßendes Bild ab. Als die Polizei den mutmaßlichen Täter, einen vorbestraften Neonazi, festnahm, glaubte man gleich zu wissen, dass es sich um einen politisch motivierten Mord gehandelt haben müsse. Sofort begann in den Kommentaren von „Indymedia“ der beliebte Body Count, indem man sich gegenseitig vorrechnete, wie viele Todesopfer die Aktivitäten von Neonazis in Magdeburg bereits forderten. Doch diesmal war das Opfer weder Nicht-Deutscher, noch Punk noch ein erkennbarer Linker, sodass die üblichen Erklärungsmuster scheiterten. Schnell ging dann auf „Indymedia“ das Gerücht um, der Ermordete könne homosexuell gewesen sein. Die linke Sicht auf den Charakter sogenannter „rechter Gewalt“ wäre damit wieder in Übereinstimmung mit der Realität; der Täter hätte ein politisches Motiv und in den Augen der Antifa wäre alles prima. Die Magdeburger Autonomen, bekanntermaßen ein Zusammenschluss aus Israelhassern mit hoher Gewaltaffinität, planten darauf eine Demonstration mit dem Motto: „Wut und Trauer zu Widerstand! No Pasaran!“. Die Instrumentalisierungsmaschinerie begann sofort anzulaufen. Verschiedene Nutzer von „Indymedia“ gingen den vermuteten homosexuellen Neigungen nach und untersuchten das StudiVZ-Profil des Toten auf Hinweise. Im Duktus einer Pressemitteilung eines Dorfpolizeireviers lautete das Fazit folgendermaßen: „Durch die Informationen auf dem StudiVZ-Account des Opfers kann man eher nicht auf ein ‚typisches Motiv’ für einen neonazistischen Hintergrund schließen.“ Sehr erkenntnisreich ist auch die weitere Auswertung des Profils: „Er bezeichnete sich selbst als unpolitisch und macht (auf Fotos und durch eigene Angaben) auch nicht den Eindruck, man könne ihn optisch einer bestimmten Szene zuordnen. Auch kann man hier nicht auf eine [!] Homosexualität schließen.“ Wie muss denn die Seite eines Homosexuellen in den Augen der Magdeburger Stadtguerilla aussehen? Rosa Bildchen? „Village People“ als Lieblingsband? Frisör als Beruf? Auch aus der Tatsache, dass der junge Mann noch zu Hause wohnte, wurde geschlossen, dass er deshalb nicht schwul sein könne. Obwohl solche Gedankengänge eher Heiterkeit und Befremden auslösen sollten, sind sie vor dem Hintergrund eines viehischen Mordes nur eines: menschenverachtend.
Nach reichlichen Überlegungen, ob dieser Mord nun „politisch“ war oder nicht, entschieden die Magdeburger Linken schließlich doch, ihre angebliche „Trauer“ in „Widerstand“ verwandeln zu müssen. Großspurige Ankündigungen, dass es eine Antifa-Demo geben werde und der „Nazi-Mord“ nicht ohne Reaktionen bleiben solle, waren in Folge zu vernehmen. Statt solch diffusem Widerstand gegen „rechte Gewalt“ das Wort zu reden, sollte die Magdeburger Linke lieber Verhältnisse kritisieren, die solche Mörder hervorbringen. Doch von Menschen, die andere unabhängig von deren konkreten Eigenschaften töten, möchte man in der Elbestadt mehrheitlich lieber nichts wissen.
Übrigens: Erst nach massivem Bitten der Angehörigen des Toten verzichteten die Magdeburger Antifas darauf, ihre „Wut“ in „Widerstand“ zu verwandeln.