Manfred Beier
Seit etlichen Jahren tingelt der Musiker Manu Chao mit allerlei globalisierungskritischem und folkloristischem Kitsch im Gepäck um die Welt und begeistert damit ein zahlreiches Publikum. Manfred Beier hat ihn und sein aktuelles Album genauer unter die Lupe genommen.
„Ich kann doch nicht depressiv werden nur wegen Bush.“ (Manu Chao)
Für autonome Straßenkämpfer, Biobananenkäufer, Junge-Welt-Leser und andere volkstümelnde Weltverbesserer ist Manu Chao die Inkarnation musikalischer Widerständigkeit. Kaum ein Musiker verkörpert so wie er das erhabene Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Könnte man die Musik Manu Chaos riechen, dann röche sie nach marrokanischem Hasch, Tränengas und ungewaschenen Rastalocken. Wenn in hallischen Konzertlokalen, wie z.B. dem „Objekt 5“, Bands mit südamerikanisch-spanisch-französischem Flavour die Bühne betreten, dürfte nicht zuletzt im Hinweis, einer ihrer Musiker sei „gern gesehener Gastmusiker bei Manu Chao“, ein Grund für die Begeisterung des traditionell globalisierungskritischen Publikums für die folkloristische Klänge solcher Musikgruppen zu suchen sein. Knapp zehn Jahre nach seinem gefeierten Debütalbum „Clandestino“ und sieben nach dem letzten noch erfolgreicheren Werk „Próxima Estación: Esperanza“, die beide erschienen, als in Hamburg-Harburg und den Bergen Afghanistans noch fleißig an den Vorbereitungen zu 9/11 gefeilt wurde, ist nun das dritte Album des polyglotten Antiglobalisierungsstars erschienen. Seitdem hat sich einiges verändert. Manu Chaos Sicht auf die Welt und sein moralisierender Antikapitalismus nicht.
Ganz im Gegenteil: Während auf den ersten beiden Alben noch eher versteckte und subtile Anklagen zu entdecken waren – in Deutschland wurden seine Platten anfangs eher als esoterische Weltmusik gehandelt, während sie in südlicheren Gefilden den Soundtrack zum Aufstand lieferten –, ist diese Zurückhaltung nun dem offenen Ressentiment gewichen. So heißt es in einem Song des neuen Albums „La Radiolina“, eine „unendliche Traurigkeit“ verlasse mit einem „Wind aus Washington“ den amerikanischen Kontinent. In dem Song heißt es dann weiter, in „Bagdad“ gäbe es keine „democracy“, denn – die Analogie erscheint bekanntermaßen nicht nur Manu Chao und seinem Gefolge als stichhaltig – „it’s a US country“. Und wem die Pidgin-Plattitüden des 47-Jährigen in den Songs noch nicht genügen, den beglückt er auf seinen Konzerten ungefragt – wie zuletzt in Berlin – mit Ansagen wie „Nimm dich in Acht, George Bush!“, oder, an die Amerikaner gerichtet: „Euer Präsident ist der größte Terrorist“. Weil selbstverständlich der große Satan nicht ohne den kleinen kann, darf im Video zur neuen Single „Rainin’ In Paradize“, das vom Erfolgsregisseur Emir Kusturica („Schwarze Katze, weißer Kater“) abgedreht wurde, die bekanntermaßen überaus friedvolle Palästinajugend die Intifada inszenieren und wird dafür mit den Textzeilen „in Palestina/too much hypocrisy/this world go crazy/it’s no fatality“ belohnt. Manu Chao, den selbst die „Taz“ als „singendes Attac-Manifest“ verspottet, zeigt sich außerstande, seine niederen Impulse einem Realitätscheck zu unterziehen und auf veränderte Gegebenheiten anders zu reagieren, als er seit Jahrzehnten gewohnt ist. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn in der Onlineausgabe der „Welt“ von „sprengstoffhaltigem Gedankengut“, welches er in „explosive Klänge“ hülle, die Rede ist. Denn anders, als es seine oft sentimentalen Songs suggerieren, ist Chao ein Freund der politischen Gewalt. Nur eben der Richtigen. Seine Besuche beim Subcommandante Marcos im „lakadonischen Urwald“ der zapatistischen Wollmützenguerilla EZLN sind ebenso bekannt wie seine Stippvisiten bei nicht gerade für die Einhaltung zivilisatorischer Mindeststandards bekannten Gestalten wie Hugo Chávez und Fidél Castro. Für Manu Chaos „Flying Circus“ ist die Transformation Venezuelas in eine erdölfinanzierte Bahnhofsmission ebenso Grund für Solidaritätsbekundungen wie die jährlich wiederkehrenden Weltsozialforen und die schon erwähnten Happenings gegen die G8. Ob ETA, Chávez oder Palästinensertuch; ganz so wie für die Mehrzahl seiner Sympathisanten ist ihm die Unterstützung nationaler Befreiungsbewegungen, ihrer staatgewordenen Avantgarde und die Verwendung von Symbolen, die aus Traditionalismus oder – was eher zu vermuten ist – aus Überzeugung präsentiert werden, ein zentrales Anliegen. Auch wenn in seiner Musik Sprachen, „Kulturen“ und „Folklore“ zum bizarren Gesamtkunstwerk verschmelzen, bei dem sich nicht mehr zuordnen lässt, ob die irdischen Urheber dieser beatgewordenen Völkerfreundschaft nun aus Afrika, Lateinamerika oder dem örtlichen Balkan-Grill entstammen, lässt sich der unappetitliche Geruch linker Volkserweckung samt seines Kulturrelativismus doch schwerlich überdecken.
Gerade weil sich Manu Chao für nahezu die gesamte Palette linker Widerwärtigkeiten empfänglich zeigt, wird der „König der Herzen“ („Frankfurter Rundschau“) mit seinem dritten Album wohl an seinen bisherigen Erfolg anknüpfen können. Für Manu Chao ist die Welt ein Märchenbuch und der böseste Wolf bleibt immer der Mann im Weißen Haus.